Nr. 280
Zweites Blatt
Freitag 27. November 1908
Gietzener Anzeiger
Erscheint tSgstch mit Ausnahme deS Sonntag».
General-Anzeiger für Oderhessen
158. Jahrgang
Rotationsdruck unb Verlag der Ctüblld)«« UnwersiiälS» Buch- und 6tetnbrudcreL 8L Lange. Gießen.
Die „Gietzener tfamlllcnblätter“ werden dem .Anzeiger' otermal wöchentlich beigelegt, baä „Krctsblatl für den Kreis Sietzeu" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Redaktion. Expedition und Druckerei: Schul- slraße 7. Expedition und Verlag: &L
Redaktion: H3. Tel.-AbruAnzeigerG»eben,
Sttmmnngsbilö aus Sem Reichstage.
Berlin, 26. Nov. Die Neichsfinanzreform.
Im ersten Teil der (i)eneraibebatte über die Reichssinm^- «form haben die Parteien ityx allgemeine Stellung zur ganzen Reform und z>u den einzelnen Swuerteilen mit mein ooer minder großem Vorbehalt für fick z>um Ausdruck gebracht, Heute setzte die zweite Garnitur der Parteiredner ein, und für diese gilt es nun, auch zu der durch die Erklärungen der anderen Parteien: klarer penro ebenen Lage ihrerseits Stellung zu nehmen. Die Pause in der Beratung, die durch die zweitägige Besprechung der Gruben-InterpellLtionen geschassen wurde, haben die jyrafr fronen zu iveiterer Informierung ihrer Mitglieder unb Wortführer benutzt. Der Hinweis der freisinnigen Redner auS dem ersten Abschnitte der Aussprache auf die Scotwendigkeit der Ge- währuirg tonstitutionellcr Bürgschaften in einem Augenblick, wo man mit der Forderung einer halben Milliarde neuer Steuern an bad Volk trete und in einem Teil der Presse die erheblich kräftigere Betoniing der Forderung, beides miteinander in unmittelbare Verbindung zu bringen, hat für die weitere Behandlung der Finanzreformfrage neue Gesichtspunkte ergeben. Das Gespenst eines neuen Blocks von Konservativen und Zentrum wurde heute greifbar an die Wand gemalt. Der Adg. Speck eröffnete den Reigen. Wie bei früheren großen Debatten über Steuer- oder Militärsorderimgen brachte auch diesmal der Sprecher des bäuerischen Zentrums eine neue Note in die Verhandlung. Die scharfe Kritik des Abg. Spahn markierte er mit bajuvarisch gröberen Strichen, und der Ton seiner Rede ivar der der allerschärssteu Opposition. Daß er dazwischen bei seinem Angriff aus den Verein zur Förderung der Finanz- resvrm die ganze Verachtung bayerischer Zentrumskultur auf die Häupter der deutschen Universitätsprvfessoren ansgoß, urar für die nichrdayerischen Mitglieder des deutschen Reichstags ein neues Schauspiel. Daneben nahm er sich die armen bayertsäzen Bundes- ratsvertretcr vor, die nicht den Mut haben, auch von der Tribüne oes Reichstags die Elektrizitätsvorlage der ReichSvegierung zu bekämpfen. Und dann kam der Auftakt zu einer Weise, die fest dem Februar vorigen Jahres nicht mehr erklungen war: mit einer Verhöhnung der freis innigen Mitarbeit im Block, die mwerhüllte Drohung, daß eine Finairzreform auch mit dem Zentrum gemacht toerkii könnte. Graf Schwerin- 2 ö w i tz, der Präsident des preußischen Landcsökonomiekollegiums, mar der nächste Redner unb er führte dieses Thema schärfer und deutlicher fort. Er verürs eine programmatische Erklärung der deutsch-konservativen Fraktion, die zunächst in sechs Leitsätzen ihre Stellung «zur Finanzreform festlegte unb dann rund heraus ohne jedes weitere wenn und aber aussprach: roemt die Freisinnigen eine Verquickung der Finanzveform mit irgend welchen sonstigen politischen Fragen, mit der Forderung konstitutioneller Garantien belieben sollten, so lehne die konservative jebe Mitarbeit ab und werde die Finanzrefornr mit anderen machen. Das war Oel in das .Antiblockfener des Sxrrn ©üb e Cum; nur das Einschreiten des Vizepräsideittcn Dr. Paasck-e brachte es tzuwege, daß er nicht alles, was er gegen das persönliche Regiment und über Verfassungssragen auf dem Herzen hatte, fdjon heute 6iim Vortrag brackste. Der AMrag des Lord Roberts in der englischen Pearskammer und die gespannte internationale Laae ist für die Svzialbcmotraten erst recht ein Anlaß, dem Fürsten Bülow leinen Pfennig neuer Steuern zu bewilligen. Die Berufung der Dlegierungsvertreter auf die „Sozialistischen Monatsl;este" gab Lem Revisionisten Dr. Südekum Ursache, sich mit Schippe! «mseinanberzusetzen, dem er unter der Heiterkeit der Zuhörer Ledauerliclie Oberstackstichkeit zum Vorwurf machte. Was er in seinen vielfach recht drastischen Ausfthrungen über das soziale amd physiologische Bedürfnis nach Biergenuß sagte, und noch manchem andern fonnte man auch auf der Linken der bürgerlichen Parteien M stimmen. Er reizte noch in später Stunde den Fi- mlnzminister Frhr. v. Rheinbaben zu einer Erwiderung, Sie auf eine allgemeine Polemik gegen die Sozialdemokratie und rifrren unberechtigten Anspruch als Vertreter der Arbeitenden zu «eiten auslicf.
Für die Nationalliberalen hatte vorher der sächsische Abg. Weber die Stellung der Partei zu den einzelnen Steuern noch «inmal auseinaitdergesetzt. Er begann mit der Erklärung, daß fleine Partei es ab lehne, die Drbnung der Finanzeir mit politischen
Kleines Feuilleton.
— Elise Werner, die t)iomanschriftftellerin, die Neben Vkarlitt eine Hauptvertreterin des sogenannten weiblichen Familienromans, vollendete gestern in alter Stille das siebzigste Lebeus- r" hr. Die Schriftstellerin, bereit eigentlicher Name Elise Büren b i n d e r ist, wurde am 25. iichvember 1838 zu Berlin gelernt. Sie ist die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns, verlebte aber eine ziemlich einsame Kindheit, da ihr Vater und ihre beiden Brüder sich fast gänzlich von der Gesellschaft fernhielten. So sittwickelte sie sich zu einer mehr innerlichen Natur, unb die Mutter ülicb immer ihre vertrauteste Freundin. Ihr Erzählertalent ge- CLingte erst ziemlick) spät zur Entfaltung. Üiodjbem sie zuerst mit Heineren Arbeiten in "iinern süddeutschen Blatte cher borge treten Irar, erlangte sie mit ihren Romanen große Volkstümlichkeit, ärsbesondere bei der weiblichen Leserwelt. AllsIhrlich unternahm sie anregende Sommerreisen. Mit Romanen wie „Veld der Feder", ^Gesprengte Fesseln", „Vinem", „Um hohen Preis", und wie |-,e alle hcißen, trat sie mit ihrer unterhaltenden Fabulierkunst cn Wettbewerb mit der Mrrrlitt, ohne freilich den Rekord dieser Matadorin zu erreichen. Sie lebt jetzt in Mevan.
— Der Hervorruf auf offener Bühne. An? Paris wird geschrieben: Die Verwaltung der Pariser Großen Oper lat nun den Entschluß gefaßt, das Verbeugen der Künstler bei ai jener Szene zu verbieten und hat die Sänger auf gefordert, künftighin auf den Applaus während des Spieles nicht mehr zu ecagieren unb sich mit den Beifallskundgebungen am Schlüsse Les Aktes zu begnügen. Die für das Pariser Theaterpub ttttmi reue Bestimmung hat ihre Ursache in einem Vorfall, der sich Lirzlich in der großen Oper bei einer Lohengrin-9lufführung ereignete. Als Lohcngrin sein Lied an Den Schwan gesungen hatte, strach das Publikum in Beifall aus, worauf Lolrengrin vom Kintergrunde der Bühne bis an die Dlantpe ging, sich höflich muh vorn unb nach den Seiten verbeugte, um dann mit großen Schritten wieder an seinen Platz zurückzukehren unb träumerisch rnncnb seinem lieben S<l)wan nachzublicken. Der inzwischen hinter txn Kulissen entsckrwunden war.
— Friedrich W i l h e l in s I. M u s i k st e u e r. In unseren Tagen der Reichssinanzreform und der Suche nach Ki-veckmäßigen Steuerobselten, bei der es auch an dem Vorschlag der Lustbarkeitssteuer nicht fehlt, wird der Hinweis Gif einen Vorläufer dieser Art von Steuern gewiß einiges Interesse finden. In Mylius' Corpus Constitutiouum Mar- cticarunt findet sich „de dato Berlin, den 7. Martii 1720" ein „Edikt wegen des von den Mrusieanten und Spielleuten bei) der Accis-Casse zu erlegenden ^rahrungsaeldes." Denn König Friedrich Wilhelm I. hatte sich „aus besonderen Ursachen allergnädigst entschlossen, alle und jede sowohl in Städten als auf dem platieu Lande wohnende Dtufieanten lEiib Spielleute, wie sie auch Namen haben mögen, und ohne Lrterschied der Instrumente, auf ein gewisses Nahrungs-
Furderungen zu verquicken. Höflich aber sehr entschieden lehnte er jede Annahme ab, als ob etwa seine Partei sich an einem Lieveswerben um das Zentrum beteiligen tonnte. Die Mitarbeit an der F-inanzreform JeL auch außerhalb des Blocks, einfach verdammte Pflicht unb Schuldigkeit des Zentrums, beim dieses sei an der Finanzmisere schuld. Sehr eingehend kritisierte der national- liberale Jiedner die einzelnen Steuerpläne und betonte in Ergänzung der Ausführungen des Dr. Paasche, daß seine ^-rennbe Die Nachlaß- der Vermögenssteuer vortziehen. Ec bestätigte die Zustimmung zum Branntweinmonopol. Als Ersatz für die Brausteuervorlage redete er einem Vorschlag das Wort, der in der jüngsten Tagung des Bundes der Industriellen olpte Widerspruch aus Brauereikreisen erörtert worden ist: Beibehaltung der Staffelung der Vorlage unb Kontingentierung der Produktion bei den einzelnen Brauereien mit Steuerzuschlag für das Superkontingent. Wie Dr. Spahn die Nachlaßsteuer, behanoelte er die JnsercUen- steuer als totgeborened ftinb, um das es sich nicht mehr lohne, irgend ein Wort zu verlieren. Ablehnung der Banderolcsteuer mit dem Versuch, den Tabak in anderer Weise heranzuziehen, äußerste Bedenken gegen die Besteuerung der elektrischen 3imft. Zustimmung Mr Schaumweinsteuer behandelten die weiteren Teile feiner Rede. In der Frage der Weinsteuer sind die Nalwnallweralen bekanntlich verschiedener Meinung.
parlainctttarifdyes.
— Da? Wei ngc setz abgelehiil. Tie Wein g es eh- K o m m i f (i o n hat beschlossen, die Zwectbeslnninung für Zuckerung in das Gesetz awzunehmen, feiner, daß Zucker in reinem Wassei zugeseyl werden darf und da» der Zusatz von entrippter Maische gestattet sein soll Ferner wurde beichtosien, daß der prozentuale Zusatz von Zuckerwafser vom fertigen Produkt berechnet werden |olL Der Antrag, em Viertel des fertigen Piodutteo znzutassen, ivurde abgelehnt, dagegen der 2lntrag, ein stiuniel vorzuschreiben, Angenommen. Tie Regierungs-Bor läge i st damit a b g e l e h n t.
Ausland.
NeueSchwierigle.r..i ,,iuu bosnischen Frage. Die Tschechen haben angckündigt, daß sie der Annexions-Vorlage Schsvierigveiten bereiten wollen. Noch ernster dürste die Tatsache wirken, daß die Annexions-Vorlagen im c,stcrreranfchen unb im ungarischen Parlament wesentliche Unterschiede aufweisen. Die ungariruje Vorlage enthält mehrere Punkte, die m Zukunft zu ernsten Kämpsen slihren Sinnen, indem Ungarn auf Bosnien ältere Rechte geltend matljt, als sie angeblich Oesterreich z^lstchen.
Zaren reise. DaS Echo de Paris erfährt, daß für Ende Juni oder Anfang Ju«si n. I. der Besuch des russisa>cn Kalscr- paares in Frankreich zu erwarten ist. In diesem Sinne hat sich der Zar vor drei Wock-en gegenüber einer Persönlichkeit, wahrscheinlich dem französischen Bkitschafter in Petersburg ausgesprochen. Der Zar werde im nackLten Frühjahr auf seiner Sadjt eine Erholungsreise machen und dabei zun-äckK den Besuch des Königs von England erwidern. Dann werde er mit dem Präsidenten Fallieres in Cherbourg guiammcntreffcn und auf der Stüdreije Kaiser Wilhelm in einem Hafen der Nordsee besuchen.
Ein neuer politischer Skandal. „Dibre Parole" kündigt den Ausbruch eines neuen Skandals an, bei dem drei hervorragende Mitgiieoer des Pariser Äovotatenstairdes eine Rolle spielen. Es handelt sich, wie das Blatt behauptet, um eine politisch-finanzielle Angelegenheit, wela> seinerzeit großes Aufsehen erregte unb welche nunmehr wieder an die Oberfläche gelangt.
Frankreich und Castro von Venedig. Verschiedene französische Blätter fordern die Regierung auf, den Präsidenten Castro bei seiner Ankunft in Bordeaux des Landes zu verweisen, weil die Beziehuilgcn zwischen Frankreich unb Venezuela feit langer Zeit abgebrochen find.
Englisches Umerhaus. Die neue Unterrichtsgesetzvorlage wurde in zweiter Lesung mit 323 gegen 157 Stimmen angenommen.
Meldungen aus Persien berichten, daß die Revolutionäre neue Erfolge erzielt haben. Die Rebellen, welch-e unter Befehl Sattar Khan fteljcn, bringen immer weiter nach Täbris vor. Die Zahl der Anhänger Sattar Khans beläuft sich auf 18 000.
Die AusstandSbewcgung in Haiti droht auch nach Port-ml-Prince überzugreifen. Das Schiff des Präsidenten Nord- Alexis, bad Les Caycs zu blockieren bcstinnm war, ist vor Oquin aufgelauien.
Aus Stadt und Land.
Gteßen, 27. WoDcmber 1908.
— Vom Großh. Hofe. Die Prinzessin Marie zu S o l m s - H o he nso l m s - L i ch ist am Dienstag zum Besuch im Plenen Palms emgetroffen.
" Erledigt ist eine mit einem kalb. Lelner zu besetzende Lehrerstelle an der Gernemdeschule zu Eppertshausen.
*• Gewerbebetrieb im Umherziehen. Wir verweisen alle Interessenten auf die im heutigen Amtsblatt enthaltene Bekaiintmachung wegen Erwerbs der Wandergewerbe- icheine.
----- Lang-GönS, 26. Noo. Am 29. d. MtS. feiert der Flnrschütz Heinrich Stolt und feine Ehefrau Christina, geb. Zörb, in geistiger und körperlicher Frische das Fest der goldenen Hochzeit. Im Alter von 73 Iahien versieht Herr Stoll znr Zufriedenheit seiner Borge-setzten noch den Dienst ntS Flurschütz in der Gemeinde.
— Lollar, 26. Roo. Der Veteranen- und Slriegcroeretn .Ludwig zur Treue" feierte gestern den Geburtstag S. K. H. des GroßherzogS durch einen Kommers, wobei der Vorsitzende, Lehrer Ta ab, in einem längeren Vo trage über die Segnungen, die durch LudivigS I. katenreiche Regierung in sehr schwerer Zett dem Hesseulande zu Teil wurden, sprach. Er zog eine PaiaUele zwischen jener Zeit unb der Gegenwart und gab zrim Schlüsse der Hoffnung Aiisbruck, daß bei dem gegenseitigen Vertrauen, das immer zwischen Hessens Fürsten unb feinen Bürgern bestanden habe und noch jetzt besiehe, die Grundlage zu einer gedeihlichen Weiterentwicklung unseres geliebten Heimatlandes gegeben sei, zuinal durch die Geburt eines zivetten Prinzen die Erbfolge unseres angestammten Fürstenhauses menjchticher Berechnung nach als gesichert zu betrachten sei. Auf ein an S. K. Hoheit abgesandtes Glückivnnsch - Telegramm traf folgende Antwort ein: ,Besten Tank für Die Glückwünsche. Ernst Ludwig."
A Grunberg, 25 Nov. Der Geburtstag des Großherzogs würbe hier wieder in würdiger Weise gefeiert. Die Volksschulen hatten eine Schulfeier. Tie höhere Bürgerschule, die gegenwärtig von ca. 100 Schülern unb Schülerinnen besucht wird, hatte unter Leitung ihres Rektors Angelberger, wie im vorigen Jahre, eine größere Feier von nachmtttags 21/3 Uhr an im Saale des Gasthauses .zum Rappen" öeraniialtct. Der geräumige Saal vermochte die auch in großer Zahl erschieiienen Eltern bet Schüler unb Freunde der Schule kaum zu fassen. Das reichhaltige Programm zählte 18 Nummern, darunter die Festrede deS Rektors Angelberger, an der aiw Schluß die Anwesenden in das auf unseren LandeSsürslen ausgebrachte Hoch begeistert einstmmiten. Sämtliche Darbjetungen, außer Festrede unb Feslgesang, wurden von den Schulern und Schülfrmnen vorgetragen und bestanden aus zu der Feslfeier passenden Dellamationen, Gesangsoorträgen und einem vaterländischen Festspiel: ,Im neuen Reich", das von sechs Knaben der Tertia zum Vortrag kam. Das ganze Prograiinn verlief tadellos. — Abends 7 Uhr fand im .Hotel Hirsch" em Festessen statt, woran sich ca. 60 Herren aus allen Ständen beteiligten. Geh. Iustiz- rat 2)1 i cf c l hielt die Festrede, worin er darauf hinwies, wie die dunklen Wolken, die früher eine Zeitlang mit ihrem Schalten unser Fürstenhaus umschwebt hätten, jetzt seit unsere jetzige Großherzogin in Darmstadt weile, dem Hellen Sonnenschein der Freude gewichen seien. Mit dem Wunsche, daß am 25. November noch viele Jahre int Hessenlande der Geburtstag des Grobherzogs gefeiert werde und unser Hesien- volk noch lange unter seiner Führung fortschreite zum Wohle des gesamten Vaterlandes, brachte er das Hoch auf den Landcsfürsten auS, in das die Anwesenden brausend ein» stimmten. Noch lange nach Dtittcrnacht weilte man bei den Klangen des Musikvereins, der mit seinen Vorträgen den ganzen Abend in dankenswerter Weise verschönen half, unb bet dem Gesang heiterer Lieder beisammen.
8. Rüddingshausen, 26. Nov. Die hiesige Gemeinde hat den Bau einer Wasserleitung beschlossen. Wenn auch dos Werk mit großen Kosten verknüpft ist — die Quellen liegen ca. eine Stunde entfernt von hier —, fo wird doch dieser Beschluß von dem ganzen Orte mit Freude begrüßt, da die hiesigen Wasierverhaltnisse sehr zu wünschen übrig lassen.
4* Mainz, 26. Nov. Vor kurzem wurde die Weiberstrafanstalt Mainz durch die hier tagende Versammlung bes Vereins für gerichtliche Psychologie einer Besichtigung unterzogen. Der weibl. (Sefangenflanb ist im Verhältnis zu früheren Jahren gering. In der Anstalt be- finden sich gegenwärtig 48 weibliche Gefangene, hiervon sind 32 mit Gefängnis unb 16 mit Zuchthaus bestraft. An der Anstalt sind 1 Verwalter, 6 Aufseherinnen unb 1 Oberaufseherin tätig. Im ganzen Grobherzogtum hat sich die Kriminalität ber Frauenwelt bebeutenb gebessert, früher waren im LanbeszuchthauS Niarienschloß durchschnittlich 40 blS 60 weibliche Gefangene, jetzt, nachdem auch die mit Zucht- Haus bestraften Gefangenen in Diainz untergebracht werden und im Weibergefängnis Mainz auch ebenso viel mit Ge- fängnis bestrafte Frauen waren, sind es, wie oben angegeben, nur noch so viel zusammen. Auch in Gießen sind schon seit Monaten feine weiblichen Gefangenen inhafiiert, während noch vor einigen Jahren immer weibliche Gefangene interniert waren. Eine Gesangenaufseherm ist am 1. Oktober b. IS. von Gießen nach Mainz versetzt worden (hier wurde eine Gefangenausseherin pensioniert).
geld setzen zn lassen." Sie müssen „jedesmahl da sie aus Hochzeiten, Kindtausen, Ehrenmahlen, Gelagen, und zum Tantz oder sonsten zur Lustbarkeit mit der Music ausivanen wollen, zuvor von der Accise-Casse jeder Stadt einen gestempelten Zettel, der nur einen Tag gültig ist, nach den vom Commissario loci gesetzten und Uns allergnädigst approbierten Taxe lösen, ehe aber mit der Musiksich nicht hören lassen, oder in Entstehung dessen das erste Mal in 6 Thlr. Strafe verfallen seyn, und das zweyte mahl mit der Music weiter auszuwarten ihnen gäntzlich untersaget und verbothen seyn soll." Diese Steuer belief sich in einem Falle, wie wir aus einer Eingabe ersehen, bei einem Einkommen von 570 Talern auf 30 Taler, d. h. über 5 Proz. Aber nur eine Klasse der Musikanten, die Stadtpseiser, waren zu dieser Abgabe verpflichtet. Die „Concerts be Musique" vornehmerer Künstler unb bte niedere Biermujik „in Klip-Schenken Der Städte oder in den aus beit Städten oder Aemtern verlegten Schanck- Krügen in Dörfern" waren von der Zahlung des „Nahrungs- Geldes" befreit. Und baß die wirtschaftliche Lage der Stadt- vseiser bei der Nüchternheit und Spartendenz> Friedrich Wilhelms I. schon an sich nicht befonders günstig gewesen sein wird, nimmt Dr. Curt Sachs in seiner soeben erschienenen „Musikgeschichte der St-adt Berlin bis zum Jahre 1800", die uns von den Stabtpfeisern, Kantoren und Organisten an den Kirchen städtischen Patronats erzählt, wohl mit Recht an. Und gewiß dürsten die Leistungen der Berliner Stadt- nmsikanten z. B. in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts gering genug gewesen sein, da sie unter der Leitung eines Meisters (Johann Christian Busch) standen, ber, um die Not seiner wtrtfck>aftlichen Lage zu vergessen, zusammen mit seiner Frau, jur Branntweinflascke griff. „Im Hause gibt es nichts als Streit und Prügelei zrvischen Den Eheleuten ; Gericht unb Kirche beschlagnahmen das städtische Gehalt, Nebenverdienste fallen nicht mehr ab, der Gerichtsvollzieher (Exekutor) muß unverrichteter Sache wieder ab» ziehen, ivctl er außer den Instrumenten nicyts int Hanse findet." Die „Culrores" der „Music" mußten sich „mit Sorgen der Nahrung" quälen; wir können danach auch nicht annehmen, daß in Berlin die Music „sloriren" konnte.
— Kleine C d r o n > i a n s 3t u n ü i: o Wissenschaft. Gerhart Hauptmann hat fein neues Drama .Griseldis" nunmehr vollendet und dem Tirektor Brahm übergeben. Tie Uraufführung bes Stuckes sinbet tm Lawe bes Monals Februar im Lessing-Theater statt. — .Der E o a n g e l, m a n n" von i e n z l wurde dieser Tage mit großem Eriolg unter dem Titel .Ter Prediger von Samt-Ottmar" am Grand Theater tn Lyon aufgelührt. Ter anwesonbe Komponist mußte wiederholt vor dem Vorhang erscheinen.


