Nr. SS»
Erscheint ISgNch mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gietzemr ZamHlenblötter'' werden dem «Anzeiger* * viermal wöchentlich beigelegt, das „Rrekblatt für den Kreis Siehen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: Redaktion:^^1!2. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm Unioersitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Zweites Blatt 158. Jahrgang Dienstag S». September 1908
Gietzener Anzeiger
Eeneral-Mzeiger für Oberhessen
Parteitag des freifinnigen Landesvereins.
IL
= 2Borm3, 27. Sept.
Die öffentliche
Versammlung
tan Nachmittag war geradezu überfüllt. Den Vorsitz führte Justiz- rat Klein-Worms, der seiner Freude über den außerordentlich guten Besuch der Versammlung Ausdruck gab.
Juftizrat Reh-Msfeld führte als erster Redner aus, daß der verflossene 33. Landtag herzlich wenig geleistet habe. Das Jagdgesetz scheiterte, die Verwaltungsreform und die Wahlrechtsreform kamen nicht zustande. Das Volk wolle das direkte Wahlrecht und wenn der Berichterstatter der 1. Kammer sage, das Volk habe keiner: Wunsch nach dem direkten Wahlrecht, so beweise dies nur, daß er nicht gewohnt, in und mit dem Volk zu Leben. Zum drittenmal habe sich die Volksvertreturig mit der Einführung des direkten Wahlrechts zu entscheiden gehabt, das letztemal sei die Vorlage riicht aus dem geheimnisvollen Dunkel des Ausschusses herausgekommen und als man endlich etwas von den Vorgänger: im Ausschuß gehört habe, sei man geradezu erstaunt gewesen über das, was man dem Volk zumute. Die Regierung sei uttt dem Einbringen der Vorlage vor den Ansprüchen der 1. Kammer zurückgewichen: während Staatsminis^r Rothe feierlich erklärt hate, niemals an den Vorrechten der 2. Kammer rütteln zu lassen, habe das jetzige Ministerium den Umfall den Wünschen der 1. Kammer entsprechend vorgeschlagen. Umgefallen seien außerdem die Nationalliberalen, das Zentrum und die Bauern- bündler, die den Initiativantrag der 21 Mitglieder der 1. Kammer iuxh vor einem Jahr bekämpften als unannehmbar und jetzt vor ihm kapituliert hätten. ^>er Redner stellte den Standpunkt des Dr. Osanns dar, den er vor 11'Monaten eingenommen hat — „keine Konzession an die 1. Kamme?. — und den, den er heute einnimmt — kbine Konzession an die 1. «wimmer ist mir groß genug, um das direkte Wahlrecht zu erhalte-^--Weiter erörterte er den Antrag Glässing, von dem eigentlich v:el zu viel Aufsehen gemacht werde, unb legte dessen verfassungsrechtliche Bedeutung dar. Was man setther bei der Budgetberatung der 1. Kammer gestattet habe, wolle der Antrag Glässing ihr als Recht cinräumen. Durch die im Antrag Glässing enthaltene Möglichkeit der Durchstimmung über das Budget ist das Budgetrecht dev 2. Kammer entschieden bedroht, denn es genügt eine kleine Minderheit der 2. Kammer, um zusammen mit der 1. Kammer den Mehrheitsbeschluß der Volksvertrettmg aufzuheben. Das Budgetrecht der 2. Kammer bedeute ein wichtiges Volksrecht, durch die sie gerqdezu Gesetze erzwingen könne. Auch die Nationalliberalen hätten in ihrem Wahlaufruf zugegeben, daß man mit der Nachgabe im Budgetrecht Volksrechte aufgebe. Sie halte es nur nicht für wichtige Volksrechte, wie es jeder andere wohl tun wird. Aehnlich ver- lz-alte^es sich mit der Abänderung der Versajsungsbestimmung über die Durchstimmung von Gesetzen, wo man die jetzt nur erforderliche einfache Mehrheit durch 2/3 oder Vs Mehrheit ersetzen wolle. Um ein gültiges Gesetz bei Durchstimmungen zu erhalten, brauche man dann außer sämtlichen Stimmen der 2. Kammer noch eine Anzahl Mitglieder der 1. Kammer. Die freisinnige Partei habe ihre Stellungnahme in der Wahlrechtsfrage nicht geändert, wie cs die Regierung und die Rechtsparteien getan hätten, sie werde auch fernerhin ihre Pflicht tun im Kämpf um die Volksrechte, getreu ihren: Grundsatz „Alles für das Volk durch das Volk". (Minutenlanger stürmischer Beifall.)
Dann ergriff, von brausendem Jubel begrüßt, Pfarrer K 0 r e l l das Wort, um, wie er ausführte, über den in Hessen in Bildung begriffenen nationalliberal-klerikalen Block zu sprechen. Wie Tr. Glässing und die Wormser Zeitung, wolle er die volle und uneingeschränkte Wahrheit sagen. Ter Kampf der nächsten Zeit werde schwer werden und Opfer fordern und es gehe dabei um ul ehr als Mandate, cs gehe um die Rechte des Volkes. Ter Kamp, gegen den nationalliberal-klerikalen Block werde deshalb so schwer fein, weil der Nationalliberalismus sich auf die Agrarier stütze. Herr Dr. Osann behaupte zwar, er bekämpfe das extreme oberhessische Agrariertum, aber das genau so extreme Agrarier- :um in: Odenwald und in Rheinhessen, das als Untertitel sich nationalliberal nenne, hege und fördere er. Niemand könne sagen, ohne der Wahrheit Gewalt anzutun, daß die freisinnigen Landtagsabgeordneten nicht ebenso sehr für die Landwirtschaft ihre Pflicht getan hätten, wie die extremen Agrarier, und manchmal hätte sogar die Linke die Interessen des kleinen Landwirts gegen die Agrarier zu schützen (Fideikouimisgründungen usw.). Der klerikalnationalliberale Block, dessen Bestehen die nationalliberale Partei ableugne, bestehe bereits süv 6 Mandate offiziell und das Zentrum
habe schon die Parole ausgegeben: Keine Stimmen für einen Nichtanhänger von Konzessionen an die 1. Kammer. Lediglich in Gießen und Alsfeld unterstützten bfe Nationalliberalen die Freismnrgen, aber in Alsfeld liegen Wmachungen von der Reichs- tagswahl vor und in Gießen handle es sich um Dr. Gutfleisch. Wie :rnmer gehe der Hauptkainpf um Darmstadt. Trotzdem die <yr eifinnigen nicht viel weniger Stimmen als die Nattonalttberalen, einschl. der Bündler und der Antisemiten, erhalten, habe Dr. Osann den Gedanken aus seinen eigenen Parteiveihen, ein Mandat den Freisinnigen zu überlaffen, glatt abgelehnt. Ter Klerikalismus l-abe Recht gehabt, das Bündnis abzuschließen, denn cs vermöge aus eigener SVraft kein weiteres Mandat zu erringen. In der nächsten Zeit gehe cs um die Schule, die mehr dem Einfluß des Staates zu unterstellen fei. Hier sei den Klerikalen jede Stimme wertvoll, die sie von der 2. Kammer für eine ev. Durchstimmung der 1. Kammer zuführen könne. Auch den Nationalliberalen nehme er das Bündnis nicht übel, ihre Politik sei lediglich Mandatspolitik, einerlei, ob sie später Fußtritte bekämen. Die National- liberalen gäben bei dem Bündnis allerdings keine Grundsätze auf, beim sie hätten überhaupt keine Parleigrundsätze mehr. Tas Bündnis Jci nicht zu bedauern, denn es bringe Klarheit in die Lage. Die nattonalliberale Partei Hessens sei nach der AnsicÄ der N. Tageszeitung kaum noch von den Bündlern zu unterscheiden und das Bündnis mit dem Zentrum führe die Reaktion vollends zusammen. Der Direktor des Evang. Bundes, Everling, habe im vorigen Jahre in Niedernhausen gesagt, kein National- liberaler dürfe Mandate aus Zentrumshänderi annehmen, wenn er nicht schließlich Zentrumspolittk treiben wolle. Tas gelte auch für dieses Bündnis, die Mandate, die so gewonnen würden, gingen eines Tages wieder verloren, aber der Schaden, der damtt dem Liberalismus zugefügt werde, sei dauernd. Deshalb sei das Bündnis zu bedauern. Das sage er all den liberalen Kreisen die den Nationalliberalen angehören, namentlich den Akademikern. Die Nationalliberalen Hessens störten den Gedanken der Block- polittk in Hessen, während die Linksliberalen Hessens auf diesem Gebiet Vertrauen zur liberalen Fraktionsgemeinschaft hätten. Um das Düiümis mit den Klerikalen zu rechtfertigen, benutze Tr. Osann drei Dinge. Einmal die Sozialdemokraten, die in Hessen übermächtig seien. Das sei nicht zutreffend und auch in Hessen seien Unterschiede zwischeri den Sozialdeinokraten zu machen und Tr. Osann müsse selbst in anderen Zeiten als Wahlzeiten den Tr. David z. B. einen sachlichen Gegner nennen müssen. Die Linksliberalen bekämpfen die Sozialdemokraten, weil sie an die Stelle der sozialdemokratischen Klassenpolitik die Politik der Förderung der allg. Interessen stellen. Aber die Linksliberalen bekämpfen die Srzialbemokraten nicht, um den reaktionären Parteien zur Macht zu verhelfen. Tr. Osann bedauere angeblich die Haltung der Freisinnigen und bedauere weiter, daß es nicht zu einer Einigung zwischen Nattonallibevalen unb Freisinnigen hätte kommen können, aber das glaube ihm kein Mensch. Tie freisinnige Partei habe bei den letzten Wahlen nichts verlangt, als Unterstützung in Bingen-Alzey, den Wahlkreis Gießen und ehrlichen Kampfaustrag in Darmstadt. Gießen wäre heute nicht von Abg. Köhler vertreten, wenn der liberale Kandioat so gewesen sei, daß die Sozialdemokraten für ihn hätten stimmen können. So sei in der Tat der Einigungswille der Nationalliberalen, von dem Tr. Osann rede. Es bestehe kein Bündnis zwischen Sozialdemokrat und Freisinnigen, trotzdem ein solches Bündnis natürlicher gewesen sei, als das nationalliberal-fferikale. Die ftei- innige Partei werde nur Mittel und Wege suchen, um zu verhindern, daß Anhänger von Konzeffionen in die Erste Kammer gewählt würden. Sie werden in dieser Richtung tun, was in ihren Küäften stehe und es sei nur zu hoffen, daß die Sozialdemokratie gerade so handele, damit nicht „blan-schwavz" in der Kammer Trumpf werde. Ter Redner sprach sich dann in ähnlicher Weise wie Abg. Reh über den sog. Glässingschen Vermittelungsvor- chlag in Sachen des Budgetrechts aus. Zurzeit habe die Zweite Kammer die Möglichkeit, evcnt. gegen den Willen der Ersten Kammer Gesetze erringen zu können. Dr. Glässing habe allerdings gesagt, man könne dies doch nicht tun, denn dos bedeute die Vergewaltigung der Ersten Kammer, das sei in der Tat ein einer Liberalismus. Tie Erste Kammer habe etwa dieselbe Bedeutung im öffentlichen Leben, wie der Wurmfortsatz im menschlichen Körper und wie man sich zu einer Blinddarm-Operation nur entschließe, wenn der Blinddarm entzündet sei, so werde man auch an der Ersten Kammer nichts unternehmen, so lange sie ihr seitheriges bescheidenes Dasein im Verfasfungsleben weiter- sühre. Wenn sie darüber hinaus Einfluß gewinnen wolle, werde schließlich das Verlangen der Sozialdemokraten, die Herrenkammer abzuschaffen, im Volke Resonnanzboden finden. Ter Großherzog sei vorurteilslos genug, auch linksstehende Leute in das Ministerium
äu Berufen, das habe er tun können, so lange die Regierung üt der Zweiten Kammer ihren starken Rückhalt habe; aber cs werde sofort anders werden, wenn in Zukunft die Erste Kammer tonangebend fein werde. Ob man wolle oder nicht, man werde im Kümpfe um die Verfassung auf der Seite des Volkes stehen müssen. Die wachste Zett werde schwer» Kämpfe bringen, deshalb müsse man bei bem großen Kampfe um Reaktion und Mittelalter einerseits unb Volksrechte unb Fortschritt andererseits noch opferbereiter, eifriger unb treuer werden. (Lebhafter Beifall.)
Geh Justizrat Dr. G u t f l e i s ch, mit Händeklatschen und Bravorufen empfangen, betonte zum Eingang, daß aud> in Worms der Boden jetzt besser geworden ist, als zur Zett, wo er zum erstenmal hier gesprochen habe. Es seien über die Fragen, die die beiden Vorredner besprochen haben, von anderer Seite so viele Unrichtigkeiten und Unwahrheiten verbreitet worden, daß eine Richtig- stellung unbedingt erforderlich fei. Ter neue Mann, der sich in, bie hefiischen Verhältnisse habe wieder einarbeiten müssen, habe M) dazu an die allerungeeignetste Stelle gcivandt, die er hätte wählen können, nämlich an die Erste Kammer. Ein großer Tett der Mißstimmung und Unlust, die feit 1905 in Hessen herrsche, fei ich wesentlichen darauf zurückzuführen, daß durch eine planmäßige Opposition der Ersten Kammer jeder Fortschritt vereitelt worden sei. Staatsminister Tr. Ewald habe sich u. a. bei Herrn oon Heyl Rat erholt, was in der Wahlrechtsvvrlage zu geschehen habe. Die Vorlage sei dementsprechend so ausgefallen, daß alle, denen an der Erlangung deS direkten Wahlrechts wirklich etwas liege, lein Zutrauen zum Zustandekommen des Reformwerks ge- habt hätten. Der Ausschuß habe sich nur mit den Sachen beschäftigt, in denen die Zweite Stimmer der Ersten Kammer ent- gegenEommen sollte. Ein kleinliches Feilschen habe baruni begonnen, anstatt die Sache von großen Gesichtspunkten aus zu betrachten. Im letzten Augenblick habe man bann im Plenum eine Erklärung über die Llusschußverhandlungen geben wollen, die bann bei den Vorarbeiten für bie neue Wahlrechtsvorlage bie Grundlage bilden sollte. Dies zu vereiteln, sei der Zweck des Antrags der Linken gewesen, und diese Absicht sei auch gelungen. Das Volk lei aufgeklärt über das, um was es sich handle: um die Grundlage der Rechte der 2. Kammer. Bei der Unterstützung seiner Kandidatur in Gießen durch bie Nationalliberalen wollten diese wie ihm ein Parteifreund mitgeteilt habe, ihm gewisse Bedingungen auferlegen. Er erkläre, daß er sich keine Bedingungen vorschreiben lasse und sich zu nichts zwingen lassen werbe, aber er werde nichts tun, was er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren könne. Bei der jetzigen Art der Behandlung der Wahlrechtsftage habe man ganz außer acht gelassen, daß es auch noch andere Punkte in der Vorlage gebe, die bas Zustmürekommen des Gesetzes erschwerten, z. B. bei der Frage, unter welchen Bedingungen das Wahlrecht auszuüben sei und bei der durchaus gerechten Vermehrung der städtischen Mandate. Man werde der Ersten Kammer gegenüber nur dann Erfolge erzielen, wenn man zunächst einmal in der Zweiten Ktimmcr die Vorlage durchberate und feststelle, was man eigentlich wolle. Er fei überzeugt, daß gerade so, wie die Vermehrung der Städtevertretung viele Gegner in der Zweiten Stimmer habe, auch das direkte Wahlrecht, wenn die Sache ernstlich zum Klappen komme, zahlreiche Gegner finden werde, bereit Zahl er auf mindestens zehn schätze, darunter auch National- liberale. Tie Position der Wahlrechtsfreunde sei in der Zweiten Kammer schlechter geworden und wie viel man erreiche, werde von der Güte der jetzt zu wählenden Ktimmer abhängen. Auf einer Reise hierher habe ihm ein alter Demokrat eine Warnung mitgegeben, ein Wort Franz Zieglers, daß sich das Volk nichts von den Rechten nehmen lasse, bie cs einmal besitze. In diesem Sinne müsse man in den Wahlkampf gehen mit dem festen Willen, nichts von den Bolksrechten zu vergeben. Er stehe schon lange Zeit int öffentlichen Leben, und wenn er noch immer Mitarbeiten wolle, so geschehe es in der Erkenntnis, daß es auch einmal wieder bessere Zeiten gebe. Eine solche Zett scheine ihm jetzt gekommen zu sein, das Volk nehme wieder mehr Anteil an den öffentlichen Angelegenheiten uiib suche sich darüber zu belehren, das gebe die Gewähr, baß bie Sache zu einem guten Ende kommen werde. Sodann gab der Redner Antwort auf einige Fragen der Wormser Zeitung an ihn, wie die Frage der Getreidezölle, die Gemeindeteuervorlage (die letzte für den Mittelstand gute Vorlage sei am Wormser Widerstand gescheitert und die neue werde von der damaligen Vorlage nicht viel verschieden sein können), bie Wahlrechtsfrage usw. Die Frage, ob die hessischen Linksliberalen die Blockpolitik im Reiche gefährden wollten, fei im gegenwärtigen Augenblick, um es gelinbe zu sagen, geradezu eine Unver- rorenheit. Auch ein antisemitisches Wdchenblättchen in Gießen habe diese Woche allerlei Unwahrheiten über ihn verbreitet. Solche persönlichen Anfeindungen sollten dazu dienen, dem Einzelnen
vom
Kongreß der Internationalen Literaturgesell- s ch a s t geschrieben: Unter dem Protektorat des Großherzogs begannen heute in der „L i e d e r t a s e I" die Verhandlungen des Kongresses der Association literaire et artisique internationale. Die Reichsregierung ist vertreten durch
*
Ich meinerseits kam' gern befrackt, Doch nur zu den Gesellschaslsstücken, Um so den nötigen Kontakt
Von Haus unb Bühne anszudrücken: Gesellschaft oben wie im Saal — Die Stimmung wächst pyramidal!
Dann aber — logisch, wie ich bin — Verlang ich auch bei andern Werken, Daß ich der Dichtung tiefem Sinn Durch meine Kleidung darf verstärken. Denn, sicher, mancher Wirkung läge Der elegante Frack im Wege.
Für „Julius Cäsar" würde ich Siir eine hübsche Toga pumpen; Auch fände meine Würbe ich Jrn „Nachtasyl" in echten Lumpen, Und aus der arg zerfetzten Tasche Lugt' wohlgefüllt die Fuselflasche.
Das beste aber würd' es sein (Vorausgesetzt, daß man's gestatte!), Erschiene ich in Byrons „Rain" In einen: schmucken Feigenblatte. Und dadurch wär' mit einem Schlage Im Spiel gelöst die Kleidersrage.
Aus Mainz wird uns unterm 26. d. M.
Den Westenausschnitt gar des Hintermanns, Des Bormanns tadellose Bügelfalte, Tess' Hose frisch der Schneider erst geplättet, Wenn in dem Saintfauteuil man selbst sich räkelt In einer Jacke bloß! Wer wagt es noch, So zu verstoßen gegen jede Sitte?
9iur daß die Furcht vor etwas gar zu Neuem Sich lähmend legt auf uni’re Glieder, daß Wir's wagen nicht, großstädtisch auch zu werden. So macht die Diode Sklaven aus uns allen. — Bald zieren Rang und Logen im Theater Nur schwarzbefrackte alt' unb junge Herren, Mißmutig den „Outsider" scheel betrachtend!
Hamlet redivivus.
§raä oder Gesellschaftsanzug.
Seit Wochen schon kämpfen die edlen Hamburger Bürger um die ihnen anscheinend ungeheuer wichtige Frage, ob man im Theater den Frackzwang einführen solle ober nicht und die Redaktion der „Hamb. Nachr." legt sich allen Ernstes tüchtig ins Zeug, um dem Frackzwang zum Siege zu verhelfen, indem sie u. a. darauf verweist, daß der Gehrock in England nicht mehr „vornehm" fei. Nun gibt es ganz zweifellos bedeutend wichtigere Theaterfragen als die Frackirage, wenn wir auch nicht behaupten wollen, daß die Kleidüng der Zuschauer gleichgültig sei und daß jeder Anzug ins Theater gehöre. Aber — ist denn das Theater in erster Linie ein Ausdruck des Gesellfchastslebens ober ist es eine Stätte des Kunstgenusses? Wenn die „H. N." behaupten, daß bie Würde eines Theaters den Frack erforderlich mache, da es doch eine gewisse Feierlichkeit bedinge, so tonnen wir uns im „weißen Röß'l", im „Husarensieber" und ähnlichem von einer „gewissen Feierlichkeit", selbst unter der Gefahr rückständig 511 erscheinen, keine rechte Vorstellung machen. Außerdem ist doch, ivoran die „d. 91." nicht zu denken scheinen, während der Aufführung der Zuschauer- raum verdunkelt, der Frack also unsichtbar — und die Zwischenakte sind an und für sich nur Zufälligkeiten, die nicht zur Hauptsache gemacht werden dürfen, wie eS bei den italienischen Theatern ja fast durchgängig der Fall ist. Auf diese unnötige, kokettenhafte Putzsucht hat ja schon Geheimerat von Goethe hingewiesen mit seinen satyrischen Versen:
Sie geben sich und ihren Putz zum besten und spielen ohne Gage mit.
Schließlich wird ja wohl auch das Piiblikum in dieser Frage allem einscheidend sein, das ja so wie so keine besondere Vorliebe für den yrad hat. Im folgenden seien nun zwei Antworten aus dem Leierkreis der „H. 91." mitgeteilt, die auf die vor einigen Tagen veranstaltete Umfrage entliefen:
Frack ober nicht Frack, das ist hier die Frage: Ob's edler fei, die steifgestärkte Brust
Dem Logennachbarn stolz zu zeigen, ober, Sich ivaffnend gegen jede Neuerung, Das feierliche Kleid zu meiden. — Umzieh':: — Oh, welche Plage ! — Doch zu wissen, daß Ter Frack uns erst zum Menschen stempelt I 's ist Ein Ziel, aufs innigste zu wünfchen. — Gehrock — Frack mit der weißen Binde! — Ja, da liegt's: Wie sieht der Alltagsanzug fchäbig aus, Wenn wir den Straßenslaub auch abgeichüttelt, — Das zwingt uns, mitzutun. Tas ist die Rücksicht, Die wir dem lieben Nächsten schuldig sind.
Dem: wer ertrüg' wohl im Parkett den Anblick Des Nebenmannes schneeig weißer Binde,
den Geheimen Oberregierungsrat O e g g, der die Grüße des Reichskanzlers überbrachte; für die hessische Regierung und den Großherzog sprach Staatsminister Ewald, außerdem noch Oberbürgermeister Dr. Goettelmann. Offiziell vertreten sind die Regierungen von Italien, Belgien, Frankreich und der Schweiz, sowie die Vereinigungen der Buchhändler, Musikverleger, dramatischer Autoren unb Komponisten aus Frankreich, Italien und der Schweiz. Der Verleger der Werke Richard Wagners, Geheimer Kommerzienrat Dr. Strecker, der Vorsitzende der „Liedertafel", sprach im Auftrage des Ortskomitees. Die Verhandlungen haben den Zweck, die im Oktober im Reichs
justizamt zur Vorlage kommende Neuordnung der Berner Konvention vorzubereiten, nämlich Verlängerung der Schutzfrist für Kun st werke auf 50 Jahre in Deutschland. Der Kongreß ernannte den Vertreter der französischen Regierung, B 0 quet, den Justizrat Fuld-Mainz und den Geh. Kommerzienrat Strecker zu stellvertretenden Präsidenten. — Zu dem Fest - K 0 n - zert traf der Großherzog, jubelnd begrüßt, um 7Uhr in der Liedertafel ein. Mit ihm waren erschienen die Minister Braun und Ewald, sowie die Herren des Gefolges. Der Großherzog begrüßte die Kongreßmitglieder auf das freundlichste, worauf das Publikum dem Großherzog ein dreifaches Hoch darbrachte und die Fürstenhymne stehend anhörte. Der erste Teil des Konzertes brachte Solovorträge hervorragende Künstler, der zweite Teil den „Herbst" aus den „Vier Jahreszeitei:" von Haydn mit Chor und Orchester. An das Festkonzert schloß sich ein Festmahl an, an dem auch der Großherzog und das Gefolge teilnahmen.
— Die I a h r h u:: b e rst f e: e r des Museums zu Frankfurt a. M. Das größte unb vornehmste Institut bes Frankfurter M u f: 11 e b e n §, bas altberühmte ,M ufeu m", wirb so schreibt man uns aus Frankfurt a. M., mit Beginn biefes Winters fein 100 jähriges Jubiläum feiern können. Tas wirb eine glänzenbe Einleitung bes an bedeutungsvollen musikalischen Ereig- nifsen allem Anscheine nach sehr auSgiebigei: Winters werben. Die Konzerte der Mufeums-Gefellschaft sind als musikalische Veranstaltung ebenso wie als gesellschaftliches Ereignis „erstklassig". Gute Plätze für diese Konzerte sind überhaupt in: Einzelverkauf nicht zu haben. Gute Logen erben sich in ben Familien fort, unb es zählt zu, ben feltenften Ereignissen, daß einmal bas Abonnement einer „guten" Loge frei wirb. Die Konzertabenbe sind zugleich Revuen her vornehmen Gesellschaft, unb der Anblick des Logenkranzes mit der: Damen in elegantesten Abendtoiletten hat etwas unbedingt


