138. Jahrgang
Zweites Blatt
Nr. 253
ErlcheMi tSgNch mti Ausnahme OeS Sonntag».
General-Anzeiger für Gberhefsen
I Tic seither fast ertraglosen fcuilrciben und OcdländereieN werden fortgesetzt in gute Wiesen und Viehweiden verwandelt. Die
Meliorationen bringen also als Förderung der Viehzucht großen Nutzen. Durch diese innere Kolonisation werden nach und nach die Oeden und Wüstungen Vogelsbergs verschwinden.
"Der 6vang. Ard elterverein l)ielt am letzten Sonntag seinen ersten Vortragsabend ab, der außerordentlich gut besucht war. Prof. Koob sprach über feuerspeiende Berge und beiße Springquellen. Die Zuhörer verfolgten die interessanten und äußerst lehrreichen Ausführungen, die durch Vorführung von Lichtbildern er- läutert wurden, mit großem Interesse und spendeten drm Referenten reichell Beifall. Interessant waren auch die bei der hierauf folgenden Aussprache gemachten Ausführungen cc5 Oberbibliothekar Dr. Heuser und . LandgerichtSratS
Redaktton, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: 6L
Redaktion:«-^ 112. Tel.-Adru AnzetgerGießen,
Aus Stadt und Land.
Gießen, 27. Oktober 1908.
** Zur Landtagswahl. Wir machen die Wähler der Stadt Gießen darauf aufmerksam, da,; Streichungen in der Wahlmännerliste keinen anderen Erfolg haben, als daß damit dir Feststellung des Wahlresultats verzögert und die Arbeit der Wahlkommission unnötigerweise erschwert wird. ES empfiehlt sich dah?r, nur ungestrichene Zettel
Dienstag 27. Oktober 1908
AA Rotationsdruck und Verlag der vrühftsch« * UnwersllätS - Buch- und Siemdruckeret.
M R. Lange, Gießen.
$te ..Etetzener ZamtltenblStter- werden dem .Anzeiger' otennal wöchentlich beigelegl, das „Kretsblatl für den Kreis Sietzen" zweimal wüchenilich. Dle ..Landwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
abzugeben.
** Vom Groß h. Hofe. Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen trafen am Samstag abend im Automobil in Jagdschloß Wol^garten ein. Im Ge- olge befinden sich .Hofdame Fräulein von Oertzen und Kcpi- tänleuinant von dem Knesebeck. Prinzessin Heinrich begab sich im Lause des gestrigen Nachmittags nach Schloß Hei- ligeuberg, um dort mehrtägigen Ausenthalt zu nehmen, während Prinz .Heinrich n. d. Lärmst. Ztg. gestern morgen auf einige Tage nach Friedrichshafen avgereist ist.
** Empfangen wurden von S. K. H. dem Groß- Herzog am Samstag u. a. Oberförster Mettenheimer von Windhausen und Geh. Kirchenrat D. Kal b Henn von Burggräfenrode.
" Prozeß Nuhland contra 93 i er m er. Der Privat. beleidigungSprozeß des bekannten agrarischen Tlgitators und Publizisten Dr. G. Ruhland in Steglitz bei Berlin gegen den ordentlichen Professor der SlaatSwissenschafleii an bei hiesigen Universität, Dr. jur. et phil. Biagnus Biermer kommt jetzt endlich zum 9UiStragc. Der Prozeß ist über 5l/z Jahre lang anhängig und bezieht sich bekanntlich auf öie 931 e r in e r'sche Broschüre ,R u h l a n d, Köhler-LangS- dorf & Co.*. Die Hauptverhandlung sindet am 19. lind 2 0. November vor dem Amtsgericht Berlm-Mitle statt. Mit Rücksicht auf cm zu erwartendes großes Auditorium ist für die Verhandliing der Schwurgerichtsjaal in Aussicht genommen. Die Verteidiger Biermers sind Geb. Justizrai Er. E. Gutfleisch - Gießen unb Nechtsamvalt Dr. L. Gottschalk-Berlm. Als Sachverständige sind Geh. Re- gicrungSrat Professor Dr. Conrad in Halle und Geh. Ober- Regierungsrat Dr. Lexls-Göttingen geladen. Kläger und Beklagter werden im Termin persönlich anwesend sein.
" Eine Sitzung des Provinzial-AuSschnsses findet am Samstag, 31.Oktober d. I., v o r in. 9 U h r, mit folgender Tagesordnung statt: 1. Unterhaltung der Lahn auf der preußisch-hessischen Landcsgrenze bei Friedel- Hausen. 2. Bau verbot gegen Adolf All end o rf zu Grünberg. 3. Reklamation gegen d'.e Bürgermeister- ivahl zu Saasen. 4. 5llage des Ortsarmenverbandes Steinperf gegen den 2 c n b a r m e n verb a nb Gießen ivegen Unterstützung des D. Tittmann.
**Landwirtschaftskammer. In der letzten Vorstandssitzung wurde unter anderem eilte Resolution gegen die Einiührung der geplanten Weinst euer gefaßt. In diesem Sinne soll bei dem Großh. Ministerium Vorstellung erhoben werden. Tie Abänderungsvorschläge des Landwirt- schajtskammer-Ausschusses für Rheinhessen sowie der von der Kommi,sion snr BodenkuUu.r ausgearbeitete Grundp.an zur Förderung der Bodenkultur wurde angenommen und letzterer vorbehaltlich der Genehmigung schon jetzt in Kraft gesetzt.
♦* D i c Hutweiden-Melioration im Vogelsberg wird jetzt wieder eifrig betrieben. Der landwirtschaftliche Provinzialverein begann vor etwa 12—15 Jahren sein Augenmerk auf die Verbesserung der Hittweiden und Nutzbarmachung der Oedländereien zu richten und hat innerhalb 10 Jahren über 2000 Morgen Hutweiden angelegt. Jetzt sind die Arbeiten auf die Landwirtschaftskammer übcrgcgangen und die Regierung hat ihr zu diesem Zweck wieder für dieses Jahr eine beträchtliche Staatsunterstützung zur Verfügung gestellt, und die Meliorationsarbeiten sind im Gang. Cs werden etwa 200 Morgen mit 19 000 Mark Aussührungslostcn her gestellt, und zwar im Kreise Schotten in den Gemarkungen Gedern, Hartmannshain, Herchcnhain, Ober- seemen und Volkertshain, und im Kreise Lauterbach in den Gemarkungen Engelrod, Eichelhain, Bermutshain und Grebenhain. Tie Arbeiten werden von Kulturtechniker Kunz-Lauterbach ausgeführt. Die Kosten tragen Staat und Gemeinde je zur Hälfte.
Kleines Fcuilletsu.
— Aus Darmstadt wird uns unterm 25. €Tt. geschrieben : Unser Hoftheater hat gestern abend die erste Operupremicre der neuen Spielzeit auf die Bühne gebracht und damit, wie gleich festgestellt sein mag, einen sehr glücklichen Griff getan. Dem neuen Werk „Rare iß Raine a uch Oper in 4 Bildern, Musik von Julius Stern, liegt dcr alte Siontan, bez. das Trauerspiel gleichen Namens von Brachvogel zugrunde. Die Textdichter haben jedoch hauptsächlich eine Schilderung des Lebens der An- winette Poisson, ber späteren Marquise Pompadour gegeben, der Gemahlin des unglücklichen Komponisten Nameau, die ihn in seiner Notlage verließ und es bis zur Maitresse Ludwigs XV. brachte. Im Schlußakt findet am Hofe des Königs eine Begegnung Der Marquise mit dem früheren Geliebten statt und c5 entwickelt sich, wie tn dem. Drama, eine ergreifende Szene. Doch als Nameau erfährt) daß seine Antoinette die von ganz Frankreich gehaßte Marquise Pompadour ist, verflucht er sie und sie bricht tot zusammen. Dieser Schlußakt weicht zwar von der historischen Wahrheit bedeutend ab, ist aber hoch dramatisch und musikalisch ergreifend. Die musilälische Gestaltung ist dem Komponisten mit großem Geschick gelungen. Stern zeigt sich neben einer lebendigen Charakteristik der beiden .Hauptpersonen und dem frischen musikalischen Kolorit auch als Meister der Instrumentation. Ein Glanzlied ist Narziß' Liebeslied, sowie das Spinettspiel Antoinettes, die Gavotte im zweiten und bas prädp tige Menuett zu Beginn des vierten Aufzuges. Unter den Darstellern leuchtete Webers Narziß weit hervor. Er zeigte neben seiner vortrefflichen Gesangskunst sich hier auch als ein geisb- voller hochbegabter Schauspieler. Seine Charakterisierung des unglficflid^en Zwmponisten war ein Nieisterstück ersten Ranges. Die Antoinette und spätere Marquise Pompadour spielte Frl. Salben unb es gelang ihr, die schwierige Rolle durch ihr wohllautendes, jugendfrisches Organ, nne durch eine wohldurck)- dachte, elegante Darstellung toinfam zu verkörpern. Auch Herr Wolf als Graf D'Etiolles, Herr Spemann als König Ludwig XV. unb Herr de Leuwc als Turgot, sowie Frl. Müller als Herzogin von Chateauroux gaben ihr Bestes. Die Aufführung bedeutete einen vollen Erfolg. Das Publikum nahm das bedeutende Werk mit großem Beifall auf und rief den Komponisten begeistert fhrrpor. Auch der Großherzog spendete lebhaften Beifall.
— Streitende Dichter. 3» München findet am
39. b. M. ein Beleidigiingsprozeß statt, den die Münchener Schriftsteller Max Halb e / Willy R a t h unb Hermann Jaques gegen ben Tramaiiker Fricbrich Frekfa, den Verfasser ber kürzlich in Berlin ausgeführten „Ninon de J’EncIos", angestrengt haben, ixrefict hatte iemeijeit in einer Broschüre über das „Wölkenkuckucksheim" von Joscl Rueberer die drei Herren tn ihrer Eigenschaft als Kritiker ongcQvifien. Ten Vorsitz in ber Verhandlung führt ber aus bem Hoslheaterprozeß befamite Oberlanbesgerichlärat Aiaier.
.— fy)r. K. KüchlerS Is 1 andsexpediti0n im Somme r 1 9 0 S. Ter durch seine zahlreichen Jslandschriften bekannte Oberlehrer T r. Karl Küchler hat im vorigen Sommer wiederum. (eine Reise auf Island ausgeführt, die wertvolle Resultate ergeben bat. Nach dem „GlobuS" verlief die Dloute vom Eskifjord zunächst nach SeydiSfjord an b^r Ostküste, vvn wo aus mit einem Küstendampfer nach Alürehri gefahren wurde. Von dort aus wurde die große DhingeYjarsYSla im mittleren Nordisland in einem dichten Maschennetz von Wegen bereist. Besonders reich war infolge der ungewöhnlich günstigen Witterungsverhältnisse- des warmen Sommers die Photographisck-e Ausbeute (262 Stück), in der unter anderem auch die Krafla mit ihren verschiedenen i^ratern, ferner die etwa 60 Krater südlich des Mückensees sämtlich vertvetcn sind.
— Eine Polarcxpedition auf treibendernEise. Aus Newyork wirb berichtet: Evelyn B. Balbwin, der bekannte Erforscher der Arktik, beabsichtigt eine Expedition nach den Polaraegendcn auf einem sckpvimmenden Eisfelde zu unternehmen. Die Reise wird dreieinhalb Jahre in Anspruch nehmen. 22 Teilnehmer find dazu ausersehen, darunter mehrere Gelehrte und Künstler. Die Gesellschaft wird sich auf ein Eisfeld in der Behringstvaße einschisfen: dort soll ein Lager errichtet werden unb gewaltige Vorräte sollen dahingeschafft merben, die für die ganze Tauer der liieise ausceickren. Die Ozeanströmung wird die kühnen Treisenden hinauf nack> dem hol)en Norden führen. Irgend ein Fahrzeug wird nicht mitgenommen, da es nach Baldwins Meinung nutzlos wäre. Diese Art des Vordringens erscheint dem Reisenden viel ivcniger gefährlich als die mit einem Schiff, bas wahrscheinlich im Eis zermalmt werden würde, während die schwimmenden Eisfelder nicht zerbrechen, bevor sie die Küste erreichen. Präsident Zioosevelt nimmt an diesem eigenartigen Plan lebhaften Anteil.
Schmeckenbecher. Der gemischte begib. Dcnnenchor beS Vereins, der verhältnismäßig zahlreich erschienen war, erfreute die Anwesenden zum Schluß noch durch Vortrag einiger Lieder. Bei dem nächsten Vortragsabend, der am 8. Nov. ilaltfindet, wird Lehrer Keil-Klein-Linden über die Lehrerfahrt nach der Wasserkante sprechen. — Der Verein läßt vom Donnerstag an im Vorstandszimmer der Herberge pari, für seine Mitglieder und bereit Angehörigen einen Buch- führungskursnS für Handwerker re. abhalten. Der Unterricht ist gratis, die erforderlichen Bücher stellt der Verein. Außer Handwerkern, bezw. deren Angehörigen werden auch Arbeiter, Kaufleute, kleine Beamte und bergt, zur Teilnahme zugclassen.
•’ Männer-Turnverein Gießen. Am 17. Okt. fand die alljährliche Herbstmitgliederversammlung statt. Ter erste Sprecher, Kaufmann, gab zunächst über die Vereinstätigkeit im abgelaufenen Sommerhalbjahr einen allgemeinen Bericht, dem sich ein solcher des ersten Turn- worts, Weis, über die turnerische Tätigkeit anfchloß. Auf Antrag ber Rechnungsprüfer erteilte die Versammlung dem Rechner einsttminig Entlastung für 1907/08 und setzte die Wmtervergnügen fest. 9)lit Rücksicht auf die erhöhten Anforderungen wurde der Jahresbeitrag für Mitglieder über 18 Jahre von 6 auf 8 Mk. erhöht, nachdem weitergehende Anträge abgelehnt worden waren; zugleich wurde besstmmt, daß ein Teil der Mehreinnahme zur Verstärkung des Turn- halleba.ischatzes verwendet werden soll. — Am letzten Samstag wurde die Preisverteilung vom Zöglings- '21 b t u r n e n vorgenommen. In der Oberstufe errangen Karl Lhöt mit 75 Punkten den 1. Preis, Will). Haun 67 V2 P. 2. Pr., Hemr. Dechert und Aug. Ziegler je 57 Vo P. 3. Pr., Rob. Günther 56% P. 4. Pr., Hans Thöt 52 P. 5. Pr., Paul Langer 45% P. 6. Pr., Joh. Ältensen 40^ P. 7.Pr.; in ber Unterstufe erhielten Heinr. Hauser mit 90 Punkten ben 1. Preis, Friedr. Nüber 84i/2 P. 2. Pr., Wilhelm Stoffel 79»/, P. 3. Pr., Stad Petn 73y2 P. 4. Pr., Wilhelm Schmidt 66 P. 5. Pr., $lb. Plack 631/, P. 6. Pr., Heinr. Fersch 62 P. 7. Pr., tat Kraushaar 61 P. 8. Pr., Herrn. Giegling 60 P. 9. Pr., Lubw. Hebstreit 55V» P- 10. Pr., Ad. Valentin 53 P. 11. Pr.-, Heinrich Jshemt 501/» P. 12. Pr., Fritz Bossolt 46V3 P. 13. Pr. In beiden Abteil- ungen wurden vier volkstümliche und eine Slabübung geturnt.
** Kolosseum. Die Salometanzerin Miß Athenes hatte gestern abend eine außerordentliche Anziehungskraft gezeigt und mit ihrem effeftovllen Tanz der sieben Schleier unb per in allen Farben schillernden Gewandung einen sehr starken Beifall gefunden. Ihr geschmeidiger Körper ermöglichte es ihr, tne seltsamsten, verwegensten Posen einzunehmen, unb die raub- tierartige Gier der heißblütigen Königstochter überzeugend darzustellen. ,
" Nohheit. In der Nacht zum Sonntag wurde em hiesiger verheirateter junger Kaufmann dabei abgefaßt, als er eine Gaslaterne im Schiffenbergerweg und eine solche vor ber Universitäts-Vibliothek zertrümmerte. Da der Betreffende schon mehrmals wegen gleichen Delikten bestraft wurde, dürfte er demnächst einen ordentlichen Denk- zettel zu erwarten haben.
□ Leihgester^, 26. Okt. Ein Nationaler Gesangs-Wettstreit soll nächstes Jahr hier abgehalten werden. Veranstalter ist ber Gesangverein .Liederkranz*, der sein 46. Stiftungsfest feiern will. Das Fest wird im Juni abgehalten.
ü:. Lauter, 26. Okt. Nachdem der Gewerbeverein in Grüubcrg am letzten Sonntag den in Aussicht genommenen Buchführungskursus begonnen hat, regt sich auch in unserem Orte Interesse für derartige Emrichtungen. Es haben sich Handwerker, Landwirte:c. zusammei'.geschlossen, um dahin zu wirken, daß auch hier ein Buchführungskursus nach dem System des Hauptlehrers Traber abgehalten wird. Die Zahl der angemeldeten Teilnehmer für den Kursus ist jetzt schon so groß, daß mit dem Unterricht am Sonntag begonnen werden soll.
A Butzbach, 26. Ott. Einen sehr schlechten Geschäftsgang zeigt die Bahnstrecke 2ich — Butzbach. Sie hat seit ihrem vierjährigen Geschäftsgang einen 93 e r I u ft von 60 000 Mk„ der ganz auf die Firma Lenz u. Co., die Erbauerin ber Bahn, entfällt, während die Genieinden für ihre Obligationen 4 Prozent Zinsen erhalten. Die Baufirma hat daher em Zugpaar von den seitherigen fünf Zugpaaren gestrichen und iveigert sich entschieden, den Gesuchen der Ge- ’ meinden um Wiedereinlage des fünften Zugpaaces nachzukommen. Jedenfalls hätte man bester von vornherein keine fünf Zugpaare eingelegt, sondern höchstens vier.
Schadenbach, 26. Okt. Am Sonntag, 26. d. M., tonrbe die neue Kirche hier unter sehr großer Beteili- ' gung, namentlich von dem nahen Homberg, eingeweiht. Kreisrat Hölzingcr von Alsfeld "unb mehrere Geistliche, die früher hier gewirkt hatten, waren zu dieser F-eier er- ’ schienen. Ein langer F'estzug bewegte sich unter Musikbegleitung von dem alten baufälligen Kirchlein nach der . neuen an der Bößfelder Straße stehenden Kirche. Leider aber erwies sich für diesmal die mehr als 200 Sitzplätze zählende Kirche für eine solche Menschenmenge zu nein..
Die Krifis im Grient.
In London ist man jetzt eifrig bemüht, den schlechten Eindruck zu verwischen, den
die Einmischung Englands i
in die direkten Verhandlungen zwischen Oesterreich-Unganr und der Türkei hervorgerufen hat. Das Londoner Auswärtige Amt ; veröffentlicht folgende Erklärung: Die Berichte, die in der öfter» reichischon Presse erschienen sind, unb die besagen, daß ber Abbruch dcr direkten Verhandlungen zwischen der Türkei und Oester- rei."^Ungarn auf den Rat und den Einfluß der britischen Regierung erfolgt ist, entbehren jeglicher Begründung. Während der Verhandlungen ist es die Ansicht der britischen Regierung gewesen, daß eine direkte Vereinbarung zwischen der Türkei und Oester- reich-llngarn, wenn sie der Türkei genügend wäre, den Weg zur allgemeinen Regelung ebnen würde, aber daß es Sache der Türkei wäre, zu entsck-ciden, ob diese Vorschläge, die ihr gemacht worden sind, solck^e seien, wie sie sie annehmen könnte, da sie der beste Richter über ihre eigenen Interessen wäre. Mit diesen Ansichten wurde die türkische Regierung bekannt gemacht, sobald sie die britische Regierung davon in Kenntnis setzte, daß Oester- reich-Ungarn es ablehnte, die Konferenz anzunehmen, wofern cs nickst zuerst zu einer direkten Verständigung mit der Türkei bezüglich Bosniens gekommen wäre.
Recht eigentümliche Stimmungen machten sich neuerdings in Rußland
geltend. Der Dumapräsident Chomjakoow bezeichnete in einem Interview die Angliederung Bosniens und ber Herzegowina als einen unerträglichen Präzedenzfall und eine politische Beeinträchtigung deS Slmvcntums.
Tie Wiener Blätter verurteilen aufs schärfste das Vorgehen Rußlands aus dem Balkan. Aus der Tatsache, daß der Zar sich offen an die Spitze jener Balkanstaaten stelle, die gegen Oesterreich-Ungarn Front machen, ersehe man, daß die Politik Rußlands nach wie vor eine echt russische sei.
Die Rcije des serbischen KroupriNftN nach Petersburg gewinnt unter solchen Umständen eine besondere Bedeutung. In Berliner unterrichteten Kreisen ist man allerdings nicht geneigt, die Petersburger Reise des serbischen Thronfolgers als ein ungünstiges Moment zu beurteilen, zumal auch die maßgebenden Stellen in Wien eine ruhige Auffassung dieses Vorgangs bekunden. Man hofft daher, daß Kaiser Nikolaus ben jungen St'arageorge* witsch durch gute Ratschläge zu einer friedlicheren Haltung bestimmen werde. Allerdings glaubt man nicht, daß die Zustimmung des Zaren zur Reise des Kronprinzen im Einvernehmen mit der russischen Diplomatie erfolgt sei. Vermutlich sind einstuß- reiche Mitglieder der slavischen Gesellschaft am Werke gewesen, um den Serben diese moralische Genugtuung zu verschaffen.
Die Ncne Freie Presse meint, daß die Reise des serbischen .Kronprinzen nach Petersburg weniger mit politischen Dingen zn- sanimenhängt, als vielmehr mit Heiratsabsichten des Kronprinzen. Hierfür käme die Tochter des Großfürsten Peter Nikolajewitsch in Betracht. Das ist nun allerdings nickst sehr wahrschern- lieb, weil die älteste Tochter des Großfürsten, Marina Petrowna, erst 16 Jahre alt ist.
lieber die Abreise des serbischen Kronprinzen wird folgendes aus Belgrad berichtet: Gestern früh Uhr trat Kronprinz Georg die Reise nach Petersburg an. Am Bahnhose war eine Ehren-Komvagnie mit Fahnen ausgestellt. Aus dem Perron hatten sich der russische Gesandte, sämtliche Minister, die Spitzen der Behörden sowie viele von den dienstfreien Offizieren und,zahlreiches Publikum eingefunden, das dem Kronprinzen begeisterte Ovationen bereitete. Im Moment, da der Zug au-3 der Halle fuhr, erdröhnten von der Belgrader Festung her 21 Kanonenschüsse als Salut.
Deutschland und die Balkankonferenz.
Eine offiziöse Berliner Mitteilung stellt fest, daß die deutsche Regierung gegen eine Balkan-Konferenz keine grundsätzlickM Einwendungen habe, daß jedoch eine Konferenz nur dann nützlich erscheine, wenn zuvor völlige Uebereinftimmung unter allen Signatarmächten des Berliner Vertrages über Umfang und Inhalt de-s der Konferenz zu unterbreitenden Programmes erzielt ist. Die deutsche Regierung hält an dem Standpunkt fest, daß sie Vorschlägen nicht zustimmen kann, gegen die Oeftcrreick)-Ungarn Einwendungen erhebt.
Ein Allianzvertrag.
Ter „Stampa" zufolge unterzeichnete der König gestern den serbisch-montenegrinischen Allianzvertrag, der ein gemeinsames Vorgehen der beiden Länder im Kriegsfälle vorsieht.
Gestern wurde die auf der österreichisch-ungarischen Konsu- lats-AWntur in Semendria gehißte Fahne von einem Gymnasiasten herabgeholt und verbrannt. Der Ministerpräsident entschuldigte sich heute wegen des Vorfalls bei der österreichisch-ungarischen Regierung und ordnete die Bestrafung der Schuldigen an.


