Ausgabe 
27.1.1908 Zweites Blatt
 
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Nr. 22

Zweites Blatt

158.3

Urlchelw tSgN- mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger für Gberheßm

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<= Im Gießener SLadttheater ward aestern

t)te ..Sietzener $Qmilknblättor*' werden dem Anzeiger' otermal wöchenllich beigelegt, das ^IreisBlati für den Kreis Giehen" zweimal «vchentuch. Die ..randwtttsctzastkichen Seit« he|ee" erfchemen monatlich zweimal.

Montag 2?. Jammr 1908

K. aa Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Üi llnwersitätS - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

AusLand,

Wien, 25. Jan. Die Verhandlungen ü6er eine eben» luelle Verstaatlichung der Staatseisenbahn- gesellschast begann unter dem Vorsitz des Eisenbahn­ministers.

London, 25. Jan. Der liberale Frauenver­band (iricht zu verwechseln mit beit Frauenrechtlerinnen) hielt gestern abend eine Sitzung ab und faßte den Be­schluß, in dem die Wichtigkeit der Einführung des Stimmrechts für Frauen hervorgehoben und der Kabinettschef ersucht wird, eine Abordnung des libe- ralen Frauenverbandes in Audienz zu empfangen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- stratze 7. Expedition und Verlag: 51.

Redaktion: 112, Tell-Adru Anzeiger Gießen.

Fischen und Konserven für die nächsten Monate erstreckt. Die Gegend um Zizikar, Charbin und Wladi­wostok scheint das besondere Interesse der Japaner zu erwecken. Auf der sibirischen Eisenbahn werden, wie ge­meldet wird, vermehrte Militärtransporte befördert. In Rußland scheint man durch diese Tätigkeit der Japaner nicht wenig beunruhigt zu sein, denn nach einer Meldung aus Odessa wird die dortige vierte, sogen.Eiserne Brigade", auf einen Sonderbefehl von St. Petersburg hin nach der ostasiatischen Grenze abgesandt.

Lttiärung.

. nationalliberaler Seite werden wir um Aufnahme folgen­der Erklärung des Herrn Prof. Sunkel-Cassel gebeten:

Noch eurem mir zugegangenen Bericht jcheincn Mitteilungen, die ich auf Anregung c.u.s dortigen Partcisreundes nach Gießen tyn aeinacht hatte, unrichtig aufgefaßt oder iviedergcgeben zu sein. Taher F-olgendes zur Auikläriing. Das Wortunwafa", das inbezug «ns meine Mitteilungen gefallen zu sein scheint, muß ich lelbsweritändlich zurückweisen; ein unbesanaener Beurteiler wiid gewiß nicht glauben, daß ich absichtlich fauche Mitteilungen nach Gießen schicke.

Alesnes Feuilleton«

Steinschen Saale zu Gießen hielt am Donnerstag abend Prof. ^r,r. W. Kinkel in der Freidenkervereinigung euren Vortrag nut dem Thema: Grundlegung der Moral ohne dogmatische Voraussetzungen. Der Vortrag hätte J° ..schreibt man uns einen besseren Besuch und eine regere ^.'i-HUDiün verdient, zumal auch den Anhängern der überünnmenen cheologi>chen Richtungen, insb. auch der freien landöskirchlichen Bereinigung Gelegenheit geboten war, sich mit entgegengesetzten ousemanderzusetzen; hatte doch gerade im letzten einer Vorträge Pfarrer Fmljs nut Recht betont, wie wertvoll es sei, gegnerischen Meinungen entgegenzutreten, sich mit Ansichten ausLinanderzuietzen, auch wenn man sie nicht zu teilen vermöge. Prof. Kinkel hob zunächst hervor, daß freilich von einer völlig Vvrausietzungslosen Wiffenschaft nicht die Rede sein könne; eine Vorausfatzung müße man aufstellen, nämlich: daß menschliche Vernunit imstande |et, Wissenschaft und Sittlichkit zu kvnftitu- lercn, da_>_ ret aber auch dre einzige Voraussetzung. Man müsse nun unterichelden, je nachdem man das sittliche Leben zurückführen wolle auf em anderes außer uns, heteroiwme Moral, oder eben mir und allem auf unsere Vernunft, autonome Moral. Ter Redner wandte sich dann zunächst der Kritik heteronomer Moral- mrsichten zu und zwar an zwei Beispielen, Typen: erstens toaußcnbcnten Austastungen, wie überall in theologischen Prinzipien enthalten, sodann am Eudämonismus Er reigte wie der Mensch seine selbftgcschöpsten Begriffe von Natur- gesck-elMN und Menscheilhandlung versinnlicht, Natnrgescheh und Menia-entum als dinglich aufsaßt, hinter demselben Tinge, Ur» Mon^Pcrionlichkeiteii als bewegende Kräfte anninvmt, also ding- lto-e Machte außer uns. So im ursprünglichen Dämonenglauben und später im Polytheisums, der Vielgötterei. Je weiter diese primitive Geifteskultur fortichreite, desto mehr trete der Gedanke in den Vordergrnlid, daß diese fremden Mächte über die moralische Ordnung der Welt wachen. Allein die Vielgötterei könne dem nicht genügen, weil die einzelnen Götter miteinander in Streit geraden: de mangelnde Einheit der Moral sei geradezu verkörpert m oer Vielgötterei. Die Götter sollen die Sittlichkeit der Riemchen garantieren: wer aber verbürgt die Sittlichkeit der Götter? Wer regiert über fie? Und schon auf früher Stufe habe man be- vanntlich Schicksal, Gesetz, Ätotwendigkeit über die Götterwelt ge­stellt, aber ebenfalls in jener naiv sinnlichen Weise, die das Schicksal als eine besonbere selbständige Macht betrachtet. In der iZorteuiwicklung zum Aüonotheismus bilde der Pantheismus die ftlfi ?LUIC 1'c^ Natur und Götter in Eins. Die Natur sei selbst Gott, Gott fckson vorl-anden, eine Anschauung, deren Kern- sthter auch Häckel's Monismus begehe. Der Fehler sei aber der, daß ^das Gute gewissermaßen eingespannt werbe in die jeweilig zusallige Wirklichkeit; dann müsse man die Wirklichkeit tonsequenter- weise als durchaus gut erklären, folglich das Schlechte nur als euren Irrtum der Menschen ausgeben. Daß gerade der Künstler vnü , dr Naturforscher so gern den Pantheismus annähmen, er» e ^vus, daß die Ausgabe dr ersteren ja gerade sei, im Kunstwerk den Anschein des Äillerreichten zu erwecken, die Auf- ifave les Naturforschers: den von ihm aufgestellten Gesetzen mög- - Ümwandelbarieit zu garantieren, sie also auch in den Schein des Bollerreichten zu kleiden. Wollte man diesen Fehler vermeiden, 1WR. 1LC0. genötigt sehe, anzuerkeimen, daß in der jeiveiligen < a r<a^ceit 1Lld^ nur Gutes, sondern auch Schlechtes gegeben sei, jo Helle nUan bcm fehlerhaften Diesseits ein fehlloses Jenseits gegen» itocr: Das sei vor allem auch im Monotheismus der Juden und El-risten gejchehen. Hierin sei gewiß ein Fortschritt: Im Dies- jeus erscheinen für diese Anschauung als allein MEich die per-

uationalliberale Versammlung in Cassel am 30. Sep- temba: 1UO7 tont eine össentlick-e Versammlung, in der freie Tis- tusjwn zugesichert war. Daß ich sie als nationalliberale Versamm-- lung bezeichiiet habe, ähnlich wie die Gießener Versammlung vom 20. ^anuar 1908 eine deutsch-soziale genannt worden ist, faxint zu dem Irrtum Anlaß gegeben zu haben, als hätte ich fau eure cem oder ausichlicßlich national liberale genannt. Tas ist aber nicht der Fall gewesen. Daß Herr Abg. £aitmaun von dr Diskussion ausgeschlossen wurce. obwolst freie Diskussion znac- slchert war, das hat folgend- Gründ:

In der nationalliberalen Wahlverfanmilung zu Cassel am 7. Zanuar 190/ erschien zu allgemeinem Erstaunen auch der Abg. Lattmaim, meldete sich zum Wart und begann etwa solgendr- maßen:Es ist freilich nicht Sitte, als Gegenkandidat ut einer von gegnerischer Seite cinbcrufanen Versammlung zu sprechen . Er behauptete dann, von mir eingeladn zu fein; öa ul) mcht anwesend war, konnte die Richtigkeit dieser Behaup- ZUM Nicht festgestellt werden, und so wurd ihm das Wort ge­stattet Mit dein ersten Satze aber hat Herr Abg. Lattmann selbst aus die alte Casseler Sitte hingewiesen, daß Abgeordnete und K'anüidaten nicht gegenseitig ihre Versammlungen besuchen, eine ©itte, die sich bei dir Kasseler Verhältnissen, wo die bürgerlichen ,?,^leien bei der Stichwahl auf einander angewiesen sind, von selbst enipsiehlt. .-Liefe berechtigte Sitte aufrecht zu erhalten, war

nachmittag, wie man uns mitteilt bei der Wieberholung uon RaimunbsVerschwcnber" eine ganz besondere Ehrung unserer vortrefflichenkomischen Alten", Frau Luise Bo ne, zuteil. 18 Gießener Damen ließen ber ausgezeich­neten Künstlerin, bereu 5)vlzsammelweiblein in ber Rai- munbscheu Dichtung eine Leistung von gerabezu klassischer Darstellungskunst genannt zu werden verdient, einen pracht­vollen Lorbeerkranz überreichen nebst folgenden Versen:

An Luise Bone.

Die du so oft erquickt mit deinem Spiel, Das alle stets erfreute, dem Kenner wohlgefiel. Sie möchten dir mit diesem Kranze zeigen, Wie warm der Wunsch, bu bliebest unser eigen.

Dieser Wunsch, dem wir uns gern und aus vollem' Herzen anschlossen, geht indes leider nicht in Erfüllung. Frau Bons ist, wie wir von ihr selber hören, von der nächsten Spielzeit ab an das Stadttheater zu Frankfurt a. O. engagiert, worden, ohne daß sie übrigens dort ein Gastspiel zu absolvieren hatte. Wir bedauern lebhaft das bevorstehende Scheiden der liebenswürdigen Künstlerin und können nur wünschen, daß es der Direktion gelingen möge, einen gleichwertigen Ersatz zu finden.

E i n c A n z a h l Reproduktionen von Werken nI tCn ist z. Z. im Kunsisalon von I. Hirz in Gießen

ausgestellt. Die Wiedeigabeii fino auf Japanpapier gezogen und in ihrer Wirkung prächüg. DE sehen wir ein paar Werke von Xi'ans HaiS, dem größlen Techniker des 17. Jahrh., der in feinen Bildnissen wohl das höchste Nlaß von Lebensrvahrheit er­reicht hat; ut ungleich größerer Menge aber Werke von Rembrandt. Er, der herrlichste von allen, hak nicht |o wie Hals seine Freude an der zwanglosen Wirklichkeit, wildern er rückt alles Stebensächliche, alles Zerstreuende ins Tunkel, umüchtet mit poeuschem Glanze die Haupifache. Darum liegt in feinen Bildnissen eine ganz ungewöhnliche Kraft von idealer etiinmung, die sie wett erheben über den fröhlicheren, lorglofeien Frans Hals. Und gegenüber Rubens, der Tra- iiwkiker unter den Malern. Der zeigt keinen verdüsterten Hinter- grunb int engen niederländischen Stübchen, keine still gefummelten gereiften Perfönlichkeiten, die eine Welt immunem tragen, die allein und, Einzige, fonbern leidenschaftlich erregte Szenen, interessante bewegte Handlung, Straftentfaltung. Doch um wie viel mehr zieht iiiis auch in diesem engen Gegenüber, int Beschauen dieser faib- tofen Reproduktionen Rembrandt an als Rubens oder auch als Murillo, der Spanier, der, im Gegensätze zu dem allzeit ernsten und vornehm edlen Niederländer, als Augeilzeuge intimer Szenen Zauchen treibt. - Demnächst soll übrigens tut Hirz'jchen Kunst- lalon das Lriqinalgemälde .Beethoven' von Balestrieri auf eutiae Zeit zur Ausslellung gelangen. u

Ein von -l o f e 11 i am 21. d. M. in G e n u a veranstaltetes R onjevt artete zu einem großen Skandal aus. Tofellt wird daß der Flügel, auf dem er spielte, seinen künstlerischen An- spruchen nicht genüge, und er exekutierte deshalb Stücke, die nicht auf dem Programm standen. Es erhob sich nun im Saale Pärn» £a em Teil des Publikums für Tvselli Partei nahm, kam e.Em regelrechten Faust k a mp f. Die Polizei mußte einfebreiten "Ä " Einige Verhaftungen vor. Tas Urteil über Tofelli gebt babm, daß er zwar em guter, aber nicht das Mittel m ab uberfchrenender SUauierfpieler fei. utclma»

aus öem pieujj. AvcjeoröMeilyau;e.

Berlin, 25. Jmiuar.

Wie alljährlich, so brachte auch diesmal die zweite Lesmvg dcs Forst- und Domänenetats einen großen Wunsch­zettel ans Tageslicht. Die littauischen Konservativen Gaigalat uno Sp.lgies nahmen sich voriiehmlich ber schwer um ihr Dasein ringenden F i s che r a m k u r i s ch e n H a f fort, und insbesoitbere der nirglaubliche Prozeß, den der Fiskus wider die armen Teufel angestrengt hat, weil sic von ihnen selbst angepslanztes, Äber vom Staat als Eigentum belrachtttcs Schilfrohr für Ausbesserung ihrer schadhaslen Strohdächer verwandt haben, gab Herrn Spil- gtos Gelegenheit zu einer beißenden Kritik. Der Mangel eines F a m i l i e n b a d e s in Norderney wollle dem Exdiplomaicn v. Tirttsen gar nicht gefallen, und mit der Förderung der Wc o o r k ii l t u r war Herr Jberhoff auch noch lange nicht aufrieben. Jiw-s niemand machte aus seinen Klagen, Befchioerdcn und Wünschen eine causc cslöbre, und der Douiänenctat kam unter Dach uitib Fach. Beim Forstetat gab es die üblick-e Hatz gegenbas Raubzeug, vornehmlich gegen denroten Diäubcr", Meister Reinecke, und auch der saatenzerstörende Schwarzkittel erhielt keine Sympathiekundgebungen. Zum Schluß gabs eine Grüne walddebatte, die die Uebereiiistimmung des gesaniten Hauses in der Frage der Notwendigkeit dcs Schutzes ber Wal­dungen in der 'Juilje großer Städte ergab und die beruhigende Versicherung dcS Land.vinschastsnvinistcrs brachte, daß der Ber­liner Vvlkspark in feinen Hauptteilen nicht veräußert iverben solle. Besr.ebigt ging man auseinander, um wegen des Kaiser- geburtstoges erst am Dienstag sich wieder zu neuer Arbeit zu versammeln.

politische LagesßcharL.

Von der portugiesischen Grenze erhalten die Madrider Zeitungen sehr aufregende Meldungen über bie Vorgänge in Portugal, wo bas schwarze Kabinett unb bie Zensur in ber strengsten Weise sunttionieren. 300 Republikaner wurden eingekerkert, bie Wohnungen mehrerer Abgeorbneten werben burch bie Polizei blockiert. Munizipalgarbe pa­trouilliert burch bie Straßen Lissabons. Truppen, bie vom Geiste bes Aufruhrs erfüllt sinb, würbe bie Muni­tion weggenommen. 9hir bie bem Diktator Franeo be­dingungslos ergebenen Regimenter blieben in deren Besitz. Zlvei Regimenter wurden ganz entwaffnet, well sie im Verdacht standen, den St'önig und Franco gefangen nehmen zu wollen. Progressisten und Konservative ziehen sich vom Wahlkampse zurück, so daß die Regierung sich nur noch den Republikanern gegenüber sieht. Die Börse ist seit zwei Tagen geschlossen, der Handel steht voll­ständig still. Der MadriderLiberal" schrieb gestern, die Verhältnisse in Portugal seien durchaus denen ge­wisser südamerikanischer Staaten ähnlich.

*

Die Japaner in der Mandschurei.

Blättermeldungen und aus Ostasien eintreffende Reisende berichten über eine fieberhafte Tätigkeit ber Japaner in ber Manbschurei, bie sich auf topographische Lanbvermessungen, Getreibekäufe, Abschluß umfangreicher Lieferungsverträge von Lebensmitteln, Vieh,

sönlichen Erfahrungen des Individuums, mit ihm ist alles aus- ber perwnliä)« Gott im Jenseits garantiert d.e vermißte Ewigkeit, die llnftervlichkett: Gott wirb aijo als da seiend« gedacht, wenn auch außerhalb dieser Erbemvelt, im Jensci.'s! Aber der Kcrn- sehler bleibe auch hier, wie er im Pwbte.n der Thevdiece um tosoar gegeben sei: Das Böse bleibe unerffarbar. Die Ver- uu-e, es als Fvlre des Guten ober als bloßen Schein, als Irrtum chwacher menschlicher Ansichten zu erklären, feien Sophismen, daher beim auch eben ber Theismus bem Gttte, als Prinzip dcs Guten, den Tcuscl als Prinzip des Bösen zur Seile stelle. So sei das Problem nur lösbar, wenn man eben den bafeienixn per- löMicheii Gott aufgebe: Gott als Idee, als das Ziel der Entwick­lung, als die Verwirklichung tres Zieles ber Menschheit, aufgefaßt, venneide diese u-ehler. Vor dieser Auffassung ver-schwinde das Problem der Thcoblcee: zwar kein Mensch könne bie Idee Gottes ausickxöpscn; jeber Schritt hierzu sei nur ein Versuch aber das Bo,e sei ausrottbar, sei nur bas Problematische, das wir noch nicht besiegt haben, boch prinzipiell nicht unbesiegbar! Dann wandte sich ber Redner gegen den Eudämonismus, Hedonismus, die Lehre, daß gut sei, ivas Lust gewähre, schlecht, was Unlust erwecke Soglech stelle sich da doch die Frage ein, welche Lust deipi die rechte sei. Was dem einen als Lust begehrenswert er- scheine dunte dem anberen als Unlust. Wer sollte da der Richter fern ? Wer solle aussuchen? Und damit wende er sich dem posi­tiven uveile dcs Themas zu: Nun bie Autonomie ber Vernunft könne facr retten; der Glaube an die Vernunft ber Menschen sei ber ü-Jyto Halt der Moral. Man müsse sich hüten, nur nach btr Gefiimung zu fragen, oder nur nach dem Erfolg: eine Handlung toime trotz der bcst-en Gesinnung moralisch verkehrt sein, trotz des fchlimmsten Erfolges niorolisch untadlich; beide Seiten seien zu beachten. Die Einheit ber Moral könne nur begründet werden im letzten Ziel, in ber Menschheit. Aus das schärfste verurteilte der Redner es, .wenn man zwischen einer Moral der Herren und ber Sllaven verschiedener Stände, oder Völker oder Rassen unterscheiden wolle. Gewiß jeweilig und so auch l-eute seien die moralifchsten Auffassungen noch Allfällig verschicoen. Es giot heute

s^^^n Moralansichten, aber alte muß man als Verfuck-c Der Ernngung ber einigen Moral auffassen Die Idee der Menschheit, die Humanität kennt ferne Rasscnuuterschiedc. Selig­keit unb Sittlichkeit in ber Einheit bec Menschheit als Ziel' Wir haben es noch nicht und nicht ber Vereinzelte ist hier maßgebend: nur in der Gemeinsamkeit ist das Ziel zu erreichen, ^-as ist das Bekenntnis dcs kritischen Idealismus. Die Sünde ist Problem, nickst unlöslxrr, nickst ewig. Was der Einzelne an Wahrheit und Schönheit erringt, bleibt eivig, das fei die rcchtc Unsterblichkeit., Falsch sei es, sklavisch sich von der Vergangcul-cit leiten zu lassen; fie determiniert nicht die Gegenwart; denn zuerst ist die Zukunft, was schon gestern Zukunft war ist heute G-egeii- ivart. Vom Ziel der Zukunft muß man sich leiten lassen, llnoemunfi kann sich (gegen Vernunft nickst behaupten,. sie ist nur Problem Wer das nicht anerkennen will, ber mnß befennen, daß nur bie Skepsis besteht, Wissenschaft, Sittlichtett, Schönheit unmöglich ist. Tas ist bie Leistung des .ritischen Idealismus: Er gibt cder Ueberspannung jeweilig unb zufällig aufgeftctlter Seit» ätze ber herrfckjenbeii Aioral bie Korrektur, ohne welche jede Zett in Todesstarre in ber augcnblidlidjen Mrruchkeit oerficincrn nllißte. Gewiß sind positive Einzclfordeiungen zu stellen, über tets muß man sich dessen bewußt bleiben, daß fie nur der Z^?^^er^Ä nUC auf dem langen Wege zum ewigen

unft-r Vorsllliio um so mehr ent ich fassen, in ber Zwischenzett ut, den dcittsch-fazialen Blättcrli die nationalliberalc Partei uni> besonders ihre Käffeier Bertrciung trotz eisrigcr unb ausgiebiger -Ltiastvülsthiise mit bösartigen unb entstellenden Angriffen bedacht woroen war, bie an sich schon eine übergroße Spannung zwischen biefeu beiden bürgerlichen Parteien beroorjerufen hatten. Wie reckst wir leiten, in unsrer Versammlung vom 30. September 1907 Herrn L. das Wort nickst zu erteilen, zeigte sich in der Geschäits- oronungsb.batte, in ber Herr L. erklärte, er sei gefomimen, um über bie Angriffe auf bie deutsch-soziale Partei unb namentlich über mehlte Broschüre ,/Nattonalltoeral" zu sprechen. Uebcr bas Thema des Abends konnte er auch gar nicht sprechen, weil er bei der V/4 Stunden dauernden Rede unseres Abg. Schröder kaum einige Minuten anwesend gewesen war. Ware man Herrn Lüttmanns Wunich nachgekommen, so wären die heftigsten persönlichen AuS» emalidersetzungen erfolgt, während wir unfern Derfammlungen mit Recht einen fachlichen Charakter zu wahren entschlossen sind. Wollte sich Herr L. mit uns müitolich auseiiiandcrsetzen, jo war ber gegebene Weg, daß er selbst eine Versammlung berief und uns euilub. Nicht einmal ich war benachrichtigt, obwohl ich doch angcgrinen werben sollte; zufistlig war ich in der Tat an jenem Abcnc» nicht anwefeiib.

Ter Anschluß des Herrn Abg. Lattmann aus unseren Ver- lanmuunyeit war boch nur eine Frage ber Seit. Schon vor un­terer Beriammlang hatte Herr Latrmann in den deutsch-sozialen Blattern üom 25. September 1907 einen grotesken, mit Fettdruck mw Ausrusungszeichen gewürzten persönlichen Angriff auf mich gemacht, einen Angriff, von dessen Grundtosiglett sich jeder überzeugen kann, ber nur einen Blick auf diese Nummer wirft und faamtt S. 13 und 14 meiner BroschüreNationalliberal" vergleicht, ^oöami hat Herr L. in den deutsch-sozialen Blättern vvm 6. Dio- öember 1907 bcixauptet, baß wir Kasseler Nativiwlliberale Worte brr Butowdepefajeeinfach unterschlugen". Die völlige Grund- fafigrett bieter B.hauptunZ habe ich Herrn L. in Nr. 539 der Nütwnal-Zeilung vvm 16. lftovember 1907 nachgeioieseu, Herr S. hat au, oieicn ^lachweis, soweit mir bekannt ist, kein Wort ber Erwiederuiig gefunden. Daß wir einen Herrn, ber uns OiientM) aus völlig unzureichenden Gründen derartige Vorwürfe macht, auch künftig in unteren Versomnllungen nickst alS Gast aninvljmen und ilM nicht das Wort erteilen, das hat mit liberal und illiberal uchtS zu tun, das ist einfach selbswerstündlich.

Professor E. Sun-keteK'affall

Ar-S und LanS.

Gießen, 27. Jan. 1908.

"Kaisers Geburtstag wurde von unserer Garni­son gestern abeub burch einen Zapfenstreich eingeleitet, der sich burch zahlreiche Straßen bewegte unb eine zahl- reiclje Zuschcmerschar aus bie Beine brachte. Der Auf- jorbemng, bis Häuser festlich zu beleuchten, war von ver- jchiebeneu Seiten entsprochen worben, namentlich in ber Nahe ber Wohnung bes Obersten. Heute tunbeten ber Fahnenschmuck ber öffentlichen unb vieler Privatgebäube äußerlich ben festlichen Tag an. Für bns Militär tat es bas große Wecken. Um 10 Uhr versammelten sich bie evang. Zivil- mit ber Militärgemeiiioe in ber Stabtkirche zum Festgottesblenst, während gleichzeitig in der kath. Pfarr­kirche em festlicher Gottesblenst für unsere katholischen Mit­bürger stattsand. Von ben Kirchen begaben sich die Truppen zur Parabe auf Oswalbs Garten. Auch fie ging in ber üblichen Form vor sich. Am Abenb finden bann noch bie öciccn in ben einzelnen Kompaanien statt. Die Schulen begingen ben Tag burch Schulfeiern, bie teilweise schon