Ausgabe 
26.5.1908 Zweites Blatt
 
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Nr.123 Zweites Blatt

158, Jahrgang

Dienstag 26. Mai 1908

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag«.

DieLietzener Lamillenblätter- werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Stehen" zweimal wöchentlich. Dierandwirtfchaftttchen Set!» fragen** erscheinen monatlich zweimal.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Sbrrheffen

Rotationsdruck und Verlag der Dcühl'schen UnioersitätS - Blich- und Stelndruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Dnickerel: Schul- straße 7. Expedition und Verlag.- 51. Redaktion: HL ^el-AdruAnzeigerGießen.

fommen wird, nachdem die beteiligten Finanzgruppen dieser Tage ihre Zustimnmng gegeben haben; aus russische Einflüsse ist cs wohl auch zurückznführen, lucnn Fürst Nikita von Montenegro, der ja überhaupt von je ehrfurchtsvoll sich als Satrap des Zaren betrachtete, eine Revision des Berliner Vertrages wünscht, wodurch selbstverständlich die gejaulte Balkanfrage aufgerollt würde und danlit auch die Frage der Ausfahrt russischer Kriegsschiffe aus dem Schwarzen Meere aufs Tapet gebracht werden würde. So unscheinbar und un­interessant äußerlich all diese im Orient und Vorderasien sich augenblicklich nbspielenden Dinge erscheinen mögen, so können sie doch leicht von weittragenden Folgen für den weiteren Gang der Weltpolitik werden.

Deutsches Reich.

Der Kaiser hat, wie nachträglich bekannt wird, gelegent­lich der Einweihung der Hohkönigsburg, die von einem Künstler nochmals hergestellte Tantes-Urkunde, die er im Jahre 1899 aus Anlaß der ihm gemachten Schenkung der Burg dein Bürger­meister und Gemeinderat von Schlettstadt zustellen ließ, auf der Hohlöuigsburg von Neuem unterzeichnet und sie dem Schlett- städter Bürgermeister Dr. Geißcnbergcr persönlich überreicht.

TerReichsanzeiger" veröffentlicht das Gesetz bctr. die Acn- derung des Gesetzes über die E i n n a h m c n und Ausgaben der Schutzgebiete vom 30. März 1892 sowie das Gesetz betr. die Stempelabgabe von Erlaubnis karten für Kraftfahr­zeuge ausländischer Besitzer vom 18. Mai 1908.

Tie KreisgruppcMülheim-Nuhrdes Deutschen Flo ttenv creins beschloß, aus dem Flottenverein auszutretcn, wenn nicht in Tanzig das alte Präsidium mit dem Fürsten Salni- Horstmar an der Spitze und General Keim wiedergewählt würde.

Ter BundcSrat ist schlüssig geworden, daß der vom Reichstag beschlossene Gesetzentwurf betreffendAendcrung dcs § 63 des Handelsgesetzbuches" abzulehncn fei.

Tas badischle Erbgroßherzogspaar trifft am 29. d. M. zum Besuch des Kaiscryaares auf der Wildpartstation ein. Ter Besuch ist kein osfizieller, sondern trägt einen durchaus fami­liären Charaiter. Cs findec daher auch kein großer Empfang stgtt. Die badischen Herrschaften werden an der Frühjahrsparade teil­nehmen.

Ter Staatssekretär dcs Auswärtigen Amtes, v. Schön, ist in Berlin wieder eingetrosfen und hat die Leitung der Geschäfte in vollem Umfange ausgenommen. Herr v. Schön ,st von dem kleinen Unfall, den ec in Berchtesgaden bei einer 'Bergpartie erlitt, völlig wiederhergestellt.

Ter 2 3. Deutschs Schlosser tag wurde gestern in Weimar unter sehr starker Beteiligung aus ganz Teutschland eröffnet, Ter Arbeitgeberschutzverband hat eine Ausstellung or­ganisiert, die namentlich aus der Kunstschlosserei ausgezeichnet veschickt ist. Regierung, Stadt und Handwerkskammern haben Vertreter entsandt.

Gegen die Schundliteratur. Tas württembergische Kultusministerium har den Schulvorständen ein Schreiben zu­gehen lassen, worin sie ausgesordert werden, Erfahrungen zu sam­meln, inwieweit die Schundliteratur unter der Schul­jugend Verbreitung findet.

Rußland, Persien und die Türkei.

Seit Monaten ist die Lage in Persien völlig unhaltbar geworden; säst jede Woche gibt es Konflikte mit dem Par­lament nebst obligater Ministerkrisis, und in dieser Hinsicht dürfte das Reich des Schah, obivohl es erst seit ziemlich kurzer Zeit eine Konstitution besitzt, den Rekord geschlagen und selbst Frankreich in diesem Punkte weit hinter sich ge­lassen haben. In den meisten Teilen des Landes herrscht völlige Anarchie und ein jeder tut was er will, und dies gilt namentlich von den auch sonst meist unbotmäßigen Stämmen im Norden, für die naturgemäß unter den ob­waltenden Umstünden der Weizen blüht. Raub und Mord sind an der Tagesordnung und hierbei wird oft auch die russische Grenze nicht respektiert. Es ist daher begreiflich, wenn man zum Schutze des eigenen Gebietes die erforder­lichen Maßnahmen trifft imd angesichts der Untätigkeit der Negierung von Teheran droht, ond) auf persischem Gebiete selber Ordnung zu schaffen, um Uebergriffe der dortigen Be­völkerung zu verhindern. Es ist daher von russischer Seite ein Ultimatum gestellt worden, wonach die im Kaukasus konzentrierten Truppen gegebenenfalls über die Grenze marschieren und die Nachbarprovinz besetzen würden. Darob ist dem Schah der Schreck in die Glieder gefahren, man hat der russischen Negierung beruhigende Zusagen ge­macht, aber um eine Frist von 15 Tagen gebeten, da man aber die Saumseligkeit der Herren in Teheran zur Genüge kennt, will die russische Negierung davon nichts wissen und will nur insoweit Entgegenkommen zeigen, als der Statthalter des Kaukasus, dec die Situation genau kennt, dies als mit den russischen Interessen vereinbar hält. Ist aber einmal eine persische Provinz besetzt, so dürsten die Russen keine sonderliche Eile zeigen, von dort ivieder wegzugehen; man wird sich dort häuslich einrichten und schließlich das Gebiet für russische Interessensphäre erklären, zumal man von Eng­land im Hinblick onf das bestehende asiatische Abkommen, das den Norden Persiens für Rußland vorbehält, kaum Schwierigkeiten zu befürchten hätte; anderseits aber würde die Sache vielleicht doch nicht so glatt abgehen, denn auch die gleichfalls benachbarte Türkei würde nicht zurückstehen lvollen. Bekanntlich ist es schon mehrfach zu G ren z zw ischenfällen zwischen Persien und der Türkei gekommen, ja es hat sogar vor nicht allzu langer Zeit eine Art Kleinkrieg gegeben, indem eine türkische Truppe den Gouverneur der Grenzprovinz in einer Festung belagerte. Nun sind ohnehin die Beziehungen zivischen Rußland und der Türkei seit einigen Monaten nicht die allerbesten. Rußland warf starke Truppenteile nach dem Süd-Kaukasus in die Nähe der dor­tigen türkischen Grenze und ebenso traf die Türkei ihre Gegen- niaßnahmen, so daß dec Anschein erweckt wurde, ein leicht möglicher Krieg zwischen beiden Ländern würde Vorderasien zum Schauplatz haben. Verschärft wurde die Spannung durch die Konzessionierung dec Sandschak-Bahn an Oester­reich, und man geht rvohl in der Annahme nicht fehl, daß von Petersburg aus eifrig daran gearbeitet wird, dec Pforte llngelegenheiten 511 bereiten. So törichte das Gegenpcojekt der Transversal-Bahn auf, das tatsächlich auch zrrsiande

Wiesbadener Maiiage.

Aus Wiesbaden wird uns geschrieben:

Grau ist die Welt, besonders oben! So möchte man in diesen gruseligen Regentagen ein kosmologisches Schlagwort des seligen Wilhelm Busch variieren. Ter Regen regnet wieder jeglichen Tag. Als vor acht Tagen das Kaiserpaac Wies­baden 0 erließ, da hatten wir das köstlichste Wetter, und von Patriotismus und Sonnenglut doppelt errötend waren während der Kaisertage die professionellen Hochschreicr allen gelegentlichen Wandelspuren der kaiserlichen Autonrobile gefolgt. Abends aber Pflegte sich der vermögendere Teil des internationalen Bade- publikums im kgl. Theater zu versammeln, wo die be­kanntenF e st v 0 r st e l l u n g e n auf allerhöchsten B e > fehl" unter der Leitung des als Regisseur selbst von den besten Bühnenkünstlern Deutschlands ausrichtig bewunderten Jn- tenbanten Dr. v. Mutzenbecher sich abspiellen. Unter den sämtlich befrackten Theaterbesuchern befanden sich diejenigen in beschämender Minderzahl, die, um mit dem vortrefslichen Als- selder einstigen Bürgeroberhaupte Ramspeck zu reden, den und Ehrenzeichen nicht erlitten" haben. Die Be­sucherinnen aber des Packeis und der Logen, wo man für einen Platz 15.50 bis 25.50 Mk. zu zahlen hatte, hatten sämt­lichin runden ausgeschnittenen Kleidern" zu erscheinen, wie es iuf den Eintrittskarten hieß, loobei zu bemerken ist, baß, un­sere Damen runde Kleider stets zu tragen pflegen, am Halle runb ausgeschnittene aber von manchen Müttern und Großmüttern mit gutem Grunde gcmieden.werden. Nicht wenige altere Damen wurden von den Logenschließern ob ihrer dezenten Laillen beanstandet und mußten sich von den Garderobieren liefe Einschnitte gefallen lassen, während unter dem Regimeiitc des guten Geschmackes mancher Ausschnitt zu beanstanden ge­wesen wäre. In diesem Betracht konnte man wahre Wunder- )ingc beobachten. Das Wunderbarste war ein kostbares meer­grünes Seidenkleid mit abgrund-tiefem Dekollete, das uch ge- viß reizend ausgenommen hätte, roenn seine Pragerin etwa 60 Jahre früher zur Welt gekommen wäre. ...

Die Maifestspiele begannen mit einer Darstellung von Lausts Gotberga," die im Vorjahre bei Eröffnung des neuen prachtvollen, und im Ganzen wie in den neuesten Einzelheiten einschließlich dec vielbefehdeten Erlerschen Fresken wahrhaft schönen Kurhauses zum ersten Mal in Szene gegangen war. Man 3aun von dem iy2 Stunde in Anspruch nehmenden, lonst «ber gänzlich anspruchs losen Stücklein sagen, daß es eine Lanz niedliche Gelegenheitsdichtung ist, bte man aber g 0 aj |t e n _> Einmal und nur aller höchstens zweimal lehen kann. <>m Anfänge hat man die freudige Erwartung, es werde eine ge­schmackvolle Nachdichtung von Grillparzersfcerounb Leander ge­boten. Sobald aber die Quellnymphe des Wiesbadener Koch- IrunnenS erscheint, um einen sentimentalen Schlaftrunk zu verabreichen, läßt man alle Hoffnung fahren, und die große Siede des römischen Kaisers Antoninus PiUs von der allvollki- Vhen Bedeutung der Wässer Wiesbadens verstimmt, trotz des wirkungsvollen Vortrags durch Sommerstorff aus Berlin, 'uubem besitzt die sonst ja vortreffliche 5rau -willig für die J-aienjuijge Priesterin °cs bei: Matten h--ltg gew-ienen Kvch. llcunnens doch nicht mehr die duftige Lieblichkeit der dich- S-rischen-Gestalt. _ P

.Am Freitag früh fand bei diesen die K.nthstllung des

Anstand.

Wo t s ch a s 1 e r w e ch s e t. In Rom zirkuliert erneut das Gerücht, daß der deutsche Botschauer beim Quirmal, Graf Monts, beabsichtige, im Herbst seinen Posten zu verlassen.

A b d n l A s i s über § r a n f r e i d) und Deutschs« n d. Ter Korresondent eines Pariser Blattes in Marokko hat den Sultan Abdul Asis aufgesncht und mit ihm eine längere Unterredung ge­habt. Abdul Asis wünschte zu wissen, wie sein Bruder Hafid von ihm spreche. Er erklärte, daß man ihn bekämpfe, weil er emo-

von Prof. Schott geschaffenen Denkmals Wilhelms I. v. Oranien vor dem klg. Schlosse statt. Der Kaiser schenkte das wohl gelungene, unaufdringliche Standbild dec Stadt. Der Cramer, ein junger Herr im Kostüm des Opernhelden Ton Juans, steht in selbstbewußter edler Haltung da, den Blick ernst aufs Schloß gerichtet. Sofort hat auch derVolks- witz" sein Werk getan: man sagt, er fei diesmal aus der dem Schlosse benachbarten sog.Knochenmühle" hervorge­gangen, dem Kaiser Wilhelm-Krankenhaus, wo dem deutschen Heere die heilkräftigen Quellen Wiesbadens zuteil wurden. Tie Scherzfrage lautet:Warum heißt der Dränier Wilhelm der Schweigsame?" Antwort:Weil er ein Schloß vor dem Munde hat'."

Am Abend ging WebersD b er 0 n" in der vielbesprochenen Schlarschen Eierdichtung in Szene. Es war ein Triumph des Dekorateurs, Hofrat Schick, wie namentlich der ausgezeichneten Sängerin Frau Leffler-Burckard, dec Rezia des Abends. Sie ist eine reife Künstlerin von reicher Gabe, mehr Heldin als Liebende, von herrlicher Stimmsülle. Kalisch als Hüon war zu sehr Poseur, um durchweg sympathisch zu wirken, und seine Stimmittel sind zwar außerordentlich, aber die Be­handlung nicht immer klangschön, frei, geschmeidig genug. Ueberflüfsig zum mindesten, ja störend und nicht verständlich sind die an sich ja rechr schönen Wandeldekorationen zum Schlüsse des 3. Aktes, die den Ritter v. Bordeaux von den Gestaden Nadasukasheimwärts" vor den Thorn Karls des Großen begleiten.

Der dritte Theaterabend brachte eine von Regisseur Dr. Hans Oberländer meisterlich abgerundete Aufführung des überlustigen alten und veralteten PossenschwanlesTer Bib­liothekar", dessen situativnskomische Vorgänge aus feudalem englischem Landsitze in die aparte Gewandung der Zeir vor 30 Jahren gekleidet waren, als dieseollen Kamellen" Mosers noch jung und schön gefunden wurden.

Am Sonntag sah man dann anstatt der Salon- und Jäger­stiefel eines neuzeitlichenmcrry old England" eine andere Art dramatischen Schuhwerks: Toppelsohlige Bergschuhe mitnackten" Knien darüber. Es wurde oberbayerischesJäger blut" ver­spritzt mit Dreher in der Rolle des Dorfbaders, dem findigen Entdecker Schliersees als Theaterdorf. Man fand, daß eine nach­gerade stereotyp gewordene mimische Kunst in all ihrem trocken harmlosen G'spaß eine heilsame Medizin ist für ein leidendes Kurpublikum, die notwendige Aeußerung einer Individualität vom sog.göttlichen" Stumpfsinn und bewundernswert unerschütter­licher Selbstgewißheit. Tas rührselige Machwerk Raucheneggers, weiland königl. bayer. Ministerialsekretärs und dereinsffgenNudel- maiers" derFlieg. Blätter", aber war doch eine starke Zu­mutung an die Nerven selbst literarischer Hinterwäldler.

Am Montag abend hüpfte der nimmer ermüdendeB ar = bi er von Sevilla" auf die Bretter, in ttinstlerisch musterhaft abgerundeter Aufführung. Frl. E n g e l l, die Rosine, ist wirklich ein Engel des Gesanges wie der schalkhaften Darstellung, ein entzückendes Frauenzimmerchen und sehr viel verheißendes deut­sches Operntalent. Geisse-Winkler, Hensel, Rehkopf und Schwegler sind gleichfalls Gesangskünstler ersten Ranges.

An einigen Abenden zeigte sich das Kaiserpaar auf der gold­strotzenden Galerie des glänzenden neuen Foyers des Theaters untz "man freute fidj- art dessen prächtig gesundem und munterem*

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päische Zivilisation in Marokko eiuziüühren wünsche. Wenn sich sein Bruder ihm imtenueife, so würde er ihm vergeben. Von Teulschland habe er niemals Hilfe erbeten, von Frankreich habe er wiederholt Beweise von Großmut und Kraft erhallen.

Ans Stadt und Land.

Gicßcn, 26. Mai 1908.

*' LandeSii n i vecs ität. Tcc Professor dec Phiffio- logie Dc. Frank hat einen Ruf an die Universität München erhalten.

** Dec Lande sverband der Bürger in ei st er int Großherzogtum Hessen hielt gestern in D a r m st a d t unter Vorsitz des Bürgermeisters Metzger-Langen seine Hauptver­sammlung ab, die sehr zahlreich besucht war. Der Vorsitzende berichtete zuerst eingehend über die Tätigkeit des Vorftand.s im verslossenen Jahre, und besonders seine meist von Erfolg be­gleitet gewesenen Bemühiingen inbetreff des neuen Fürsorge ko ssen- gcsetzes. Tie Mitgliederzahl des Vereins ist auf über 600 ge­wachsen und nachdem sich im vorigen Jahr auch der Kreisverband Bingen dem Verein angeschlossen hat, bleiben jcßi nur noch vier Kreise fern. Nach dem alsdann erteilten Jahreskassenberich! be­trugen die Einnahmen ca. 1250 Mk., die Ausgaben 900 Mk., der Jahresbeitrag wurde für jeden Kreisverband auf 20 Ml. festgesetzt. Tie nächstjährige Hauptversammlung soll in Fried­berg stattfinden. Nachdem die Versammlung darauf den jejigen Vorstand, bestehend aus Metzger-Langen, Höhn-Hepepuheim, Singer-Seligenskidt, Fendt-Hungen, Schäfer-Dortelweil, Pans- Walldorf, Bingel-Selzcn, und Jochem-Laubach wieder und dAei- ßinger-Gau-Algesheim neu hinzugewählt hatte, wurden noch c-.n- stimmig zwei vom Kreisverein Bensheim eingebrachte Anträge angenommen, nach denen der Verein beim Großh. Ministerium vorstellig werden soll, den #14 der Verordnung Boni 31. Mai 1902 dahin zu ändern, daß die Beiträge zur land- und sorstwirtschasr- lick>en Berufsgeiwssenfchaft erst innerhalb 6 Monaten nach Zu­stellung der Heberolle an die Genosfenschaftskasse gezahlc und als portopflichige^ Dienstsache behandelt werden können, foroL zweitens, daß die Herausgabe einer amtlichen Zusammenst.'llnng der von den Bürgermeistern zu berechnenden Gebühren veranlaßi werden möge.

* D ie 18. G enecalvecsatnrnlun g dec Zeiitcal- genosscnschast dec hessischen land w ictschaft l. Kon­sumvereine zu Darmstadt findet Montag, 1. Juni l. I. in Darmstadt statt. Wir entnehmen dem zum Versand gekommenen Geschäftsbericht für 1807, daß dec Zentralge­noffenschaft am Ende des Jahres 129 Mitglieder, und zwar 121 Bezugs- und Absatzgenosseiischaften und 8 Einzelper­sonen angehorten. Dcc Gesamtivarenbezug im Jahre 1907, bestehend aus Hülfsdünger, Kraftflittermitteln, Kohlen, Säme­reien, Torfstreu, Schwefel, Kupfecvilriol :c. betrug 487 867 Ztr. im Werte von Mk. 1538 489.25. Dec Warenbezug ist auch gegen das Vorjahr nicht unerheblich gestiegen, insbesondere bei Dünger und auch bei Kohlen. Das Berichtsjahr ivird in seinem Verlause und in seinen Ergebnissen als durchaus befriedigend bezeichnet. Dec Reingewinn einschl. Vortrag aus 1906 be­trägt Mk. 65 260.31. Hiervon sollen nach Llnträgen des Aufsichtsrates und Vorstandes verivendet werden für die ver­schiedenen Reserven Mk. 5000., die Geschäftsguthaben sollen mit 5 °/0 verzinst, und als Rückvergütung aus die verschiedenen Warenbezüge sollen Dik. 49 458.18 ausgeschüttet lverden. Die Geschäftsguthaben von 200 Geschäftsanteilen betrugen am Ende des Jahres Alt. 19 690., die entsprechende Haft­summe Mk. 100 000. und die am 31. Dez. 1907 vor­handenen Reserven Mk. 95000..

Aussehen. Ter Kaiser ist stark gebräunt, er scheint bereits zu ergrauen. Die fast weißhaarige Kaiserin ist wieder zu graziöser Schlankheit zurückgekehrt. An einem Abend befand sich in der Begleitung des Kaiserpaares das Prinzenpaar Friedrich Karl von Hessen. Am Montag sah man anfangs die Riesengestalt des weißbärtigen Königs der Belgier in den Jntcndantenlog?, und 111 der Kaiserlogc saß während des 1. Aktes neben dem Kaiser der musik- und literaturbegeisterte blinde Landgraf Alexis 00 n Hessen-Philippsthal, der Freund des heinigegangeneu, Nibelungcnsängers Wilhelm Jordan, während des 2. Aktes dec Reichskanzler. Im Zwischenakte sah man den Kaiser, n i g Leopold und den Fürsten B ü l 0 w in eifrigem Ge­spräch.

Was sonst noch alles geboten mürbe? Ungeheuer viel: U. a. ein Galakonzert im prunkvollen großen Saale des Kur­hauses, das indes künstlerisch belanglos war; ein prachtvoller Blumeuk 0 rs 0 von etwa einem Dutzend anniutvoll mir Flieder, Tulpen, Vergißmeinnicht, Mandelblüten usw. usw. geschmückten Automobilen und Equipagen, unter denen dasPrinz Heinrich" bezeichnete blaublumige Wagenschiff besonders reizvoll sich ans- nahm. Darauf am Abend einF c ü h l i 11 g s b ! u m e n f e st" mit Ball und gewaltigem Feuerwerk, das bis tief in die Nacht hinein dauerte. So eigenartig schön manche die ganze Stadt umslam- menbe pyrotechnische Leistung war, so übel war der llndiist, den der Pulverdamps über dem Kurgarten und die gesamte Um­gebung verbreitete.

Am Donnerstag abend trug im kleinen Kursaale Detlev von L i I i e n c r 0 n einige seiner Dichtungen vor, am Geburtstag des Zaren war einrussisches Nationaltonzert" im Kurgarten; auf dem Programm standen nur Tschaikowski und Glinka. Am: nächsten Tage konzertierte der Wiesbadener Männergefangvere.n, am letzten Donnerstag veranstaltete die Kurverwaltung eine Rhein- fahrt mit Ball an Bord und am Abend trug Richard Dehmcl eigene Dichtungen vor, am Freitag dirigierte Nikisch im Kur­garten, ani Sonntag gastierte Isadora Duncan. Tann tarnen Otto Julius Bierbaum, Richard Strauß, die japanische Schauspielerin Hanako usw. usw. Für Unterhaltung und Abwechselung sorgt also der Kurdirektor 0. E bin eher, einst Caprivis Ächutant, mit bewundernswerter Umsicht.

Mich aber ziehts in diesen Frühlingstagen doch mehr an den Rhein. Im Rheingau sinden jetzt obendrein fast alltäglich große Weinversteigerungen statt. So ward z. B. dieser Tage im Niesen- keller des dem Prinzen Friedrich Heinrich von Preußen gehörenden Schlosse Rein Hards Hausen bei Erbach nicht weniger als ein wohlgezähltes Hundert verschiedener Weinsorten Kennern zur Probe oargereicht. Das Beste aber, was ich auf diesen Ver­steigerungen bisher kostete, war der 1907 er Rauenthaler Rothen­berg im Schloßkeller des Freiherrn v. Langwerth-Sim­mern in Eltville «sprich das Schluß-e, Denn der Name ist keineswegs sranzösisch; der Ort hieß ursprünglich Altweiler, wurde inti Mittelalter in alte Villa latinisiert, und dann in Eltville verstümmelt). Das war ein so wundervoller, blumiger, edler, Humor gebärender Tropfen, daß ich kurz darauf bei der Table d'hote in der viel besungenenKiwne" zu Aßmannshausen die unglaubliche Frage einer weltfremden jungen Tarne:In welchen Lokalen pflegt eigentlich der Kaiser in Wiesbaden zu verkehren?", gefaßt beantworten konnte:Er trinkt gewöhnlich seinen Kaisee im Restauant Hohenzollern.an der WMelTttsttaß^" . PAV