Nr. 21
Ctffietni »glich mtt Ausnahme de» Sonntag».
Die ^Stetzener KamittendlSNer" werden dem , Sinniger* viermal wöchentlich beigelegt, daS „Kretsblol! für öen Kreis Sieben" zweimal wochenLtlich De, ^hefstlch« Lanöwirt" erscheint monatlich einmal.
158. Jahrgang
Samstag, 25. Januar 1908
Siebener Anzeiger
General-Anzeiger für Vderheften
Rotationsdruck and vertag bet Br üblichen LlnUJcrfUäte Buch, and **i»nörudeieL R. Bange, G'etzen.
Redaktion. Expedition and Druckerei; Schul- stratz« ? ErpediNon and Siertaq 6L Redaktion: 118. Lei.-Adr.« LinZeiaeriAretzen.
Deutscher Reichstag.
88. Sitzung, Freitag, 24. Januar, 11 Uhr.
Am Tische der Bundesrats, v. Schoen, Frhr. v. Stengel, Dr. b. Körner, b. Bethmann. Hollweg.
Das Haus ist sehr schwach besetzt.
Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung imt 11 Uhr 15 Minuten.
Die Zuckerkonvention.
Erste Beratung der Brüsseler Zusatzakte bom 28. August 1907 zur Brüsseler Konvention bon 1902 sowie des Brüsseler Protokolls vom 19. Dezember 1907 über den Beitritt Rußlands zum Zucker, vertrage und des Abkommens mit Rußland bom 20. Januar 1908 über den Zuckerverkehr zwischen Deutschland und Rußland.
Gestern ist ein Antrag des Grafen Schwerin.Löwitz (fonf.) beim Reichstag eingegangen, der inzwischen die Unterstützung sämtlicher Parteien des Hauses gefunden hat und der die Herabsetzung der Zuckerberbrauchsabgabe bon jetzt 14 auf 10 Mark fordert, und zlvar bom 1. April 1909 an. Tie Einnahme auS der Zuckersteuer soll auf 140 Millionen Mack kontingentiert werden, ein Fehlbetrag soll durch Anleihe aufgebracht, ein Ueberschuß zur Schuldentilgung verwendet werden.
Die Beratung dieses Antrages wird mit der ersten Lesung des Zuckerabkommens verbunden.
Staatssekretär des Neichsschatzaintes Frhr. b. Stengel: Der Inhalt des Zusatzvertrages ist ja längst durch die Presse bekannt geworden. Im Mai und Juni hörigen Jahres ist in dieser Angelegenheit ja auch hier schon lebhaft und heiß genug gestritten worden, bon Freunden des Zuckerkartells auf der einen, und bon Gegnern aut der anderen Seite. Wie die Dinge sich entwickeln würden, wenn Sie die Vorlage ablehnen sollten, das ist in hohem Maße ungewiß. Aber es sind nicht wenige, die meinen, daß es für uns nachteilig wäre, wenn die Konvention ihr Ende nimmt, oder trenn wir ihr n- ' beitreten. Namentlich wird auch geltend gemacht, das- * ' .lommen in bezug auf Rußland für uns nicht i. ?.n •, aber da muß ich doch darauf aufmerksam machen,
daß 'wir bei diesem Abkommen nur zu gewinnen, nichts zu verlieren haben. Nach langen Erwägungen, bei denen auch die Vertreter bon Handel und Industrie, besonders der Zuckerindustrie selbst, gebärt wurden, können Ihnen die bcrbünd"ten Negierungen nun die Annahme aller dieser Abkommen empfehlen.
Nun noch ein Wort zu dem borliegenden Anträge. Sie wissen, daß wir schon jetzt einen großen Teil der notwendigen Ausgaben ans Anleihen bestreiten müssen, und das ist, wenn wir auch grund- sätzlich nichts gegen eine Herabsetzung der Derbrauchsabgabc haben ein triftiger Grund gegen diesen Antrag, sofern nicht anderweitig Ersatz geschaffen wird. Namens der verbündeten Negierungen habe ich deshalb folgende Erklärung abzugeben:
Die verbündeten Regierungen nehmen in Uebereinstimmung mit der deutschen Zuckerindustrie an, daß die Fortsetzung der Brüsseler Zuckerkonvention einer Aenderung der Sachlage vorzu- ziehen sei: und sie sind ferner dafür, daß die nunmehr vorgesehene Kontingentierung der AuSführ des russischen Zuckers die Aufrecht, erhaltung der Konvention ermöglicht. Immerhin erkennen sie an, daß die deutsche Ausfuhr nach dem englischen Absatzgebiet, auf das sie in erster Linie angewiesen ist, künftig nicht mehr so umfangreich sein wird wie bisher. Im Jntersse der beteiligten Landwirtschaft, sowie der industriellen ErwcrbSzweige, ist die Regierung unter diesen Umständen bereit, dem in diesem Hohen Hause fast einstimmig geäußerten Wunsch auf Herabsetzung der Zuckersteuer Rechnung zu tragen. (Beifall.) Wenn auch die Finanzlage des Reiches zu wünschen übrig läßt, so sind doch die verbündeten Regierungen entschlossen, dem Reichstag sobald als tunlich, jedenfalls in einem der nächsten Jahre (Heiterkeit und Gelächter) einen Gesetzentwurf vor- zulcgen, durch den die Zuckersteuer von 14 auf 10 Mk. herabgesetzt wird. Da die Finanzlage des Reiches eine Mindereinnahme keinesfalls gestattet, so würde daS Zustandekommen eines solchen Gesetzes selbstverständlich davon abhängig gemacht werden, daß für den Aus. fall auf andere Weise Deckung beschafft wird.
Sie sehen, meine Herren, daß wir bereit sind, alles zu tun, was bei der Aufrechterhaltung der Finanzierungsgrundsätze rnög lich ist. (Rufe: Nein! Neinl) Für den Augenblick ist eine Herab, setzung der Steuer auS den bekannten Gründen jedenfalls ausgeschlossen. Wir geben Ihnen die Gewähr, daß, trenn auch nicht im lausenden Jahre, so dock) bald nachher eine Gesetzesvorlage eingebracht werden wird, die den Wünschen des HauscS in bezug auf Her. absctzung der Zuckersteuer Rechnung trägt.
Abg. Graf Schwerin.Löwitz (fonf.): In zwölfter Stunde, un. mittelbar vor dem Ablauf der alten flonbention zum 31. Januar, hat die Regierung das Abkommen mit Rußland eingebracht. Die Interessenten haben da keine Möglichkeit, sich noch rechtzeitig zu äußern. Graf Schwerin gibt einen Rückblick auf die Entwicklung der Kartell- und Konventionsfrage. Die Verhältnisse haben sich seit dem Abschluß der Konvention 1902 völlig geändert. England, das damals der Träger der Äcuwentwn war, hat kein Interesse mehr an ihr und braucht freie Bahn. Rußland hat es verstanden, sich überaus günstige Bedingungen zu verschaffen. ES ist der gefährlichste Konkurient der deutschen Zuckerindustrie auf dem englischen Markt. Seine Bedingungen für den Rübenbau sind sehr viel günstiger als bei uns, vor allem in bezug auf die Arbeitslöhne, die dabei die Hauptrolle spielen. Trotzdem hat es die russische Re. gieriing überaus geschickt verstanden, bei den Verhandlungen tn Brüssel es so darzustellen, als ob seine Verhältnisse ungünstiger lägen, als bei uns, und eS seine Ausfuhrprämien nicht entbehren könne und anders behandelt werden müsse, als die anderen Zucker erportierenden Länder. Und eS hat so durchgesetzt, daß es seine Ausfuhrprämie nickt aufzuheben braucht, die dazu noch verschleiert ist, io daß auch die Eingeweihten nicht wissen, ob sie 7 oder 12 Mk. beträgt. Dazu kommt, daß Rußland durch die Kontingentierung in seinem Erport nach Persien und über Finnland nicht beschränkt wird. Ta ist es doch sehr zweifelhaft, ob diese russische Kontingentierung die Bemühungen unserei Unterhändler wirklich gelohnt hat, und es wird noch sehr der Aufklärung bedürfen, ob wir nicht dock den russischen Zucker selbst nach Deutschland hereinbekommen. Aus eine Besserung der Verbi!'nisse ist nicht zu rechnen, wenn nicht durch Herabsetzung der Zuckersteuer Ersatz geschaffen wird. Wir herben in der Komi'ernstlich eru-ägen, ob wir dem &e» sehentwurf nur mit der Maßgabe die Zustimmung geben, daß die Zu^er.,e! .i i.<i.। iu jju. ,.<( iviu). Jiconer ueamraflt Äom» missionsberatung.
Abg. Götz v. Olenhusen (Welfe): Der Redner spricht, auch zugleich im Auftrage deS Zentrums, sich zur Konbentionspolitit sehr zurückhaltend auS. ES wird in der Kommission zu prüfen fein, ob eS nickt bester ist, die ganze Konbention abzulehnen und dafür den früheren freien Zustand wieder einzuführen. Die Hauptsache ist die Herabsetzung der Zuckersteuer; sie muß Voraussetzung sein für die Zustimmung zur Vorlage.
Aba. Dr. Wiemer (freis. Vp.): Wir haben seinerzeit daS Zustandekommen der Konbention lebhaft begrüßt und stellen mit Genugtuung fest, daß unsere Auffastung sich glänzend bestätigt bat. Die Denkschrift sagt etwas zaghaft, die Konbention habe für Deutschland zum mindesten nicht ungünstig gewirkt: wir sprechen uns bestimmter auS: durchaus günstig. Die Verhältniste a"f dem Zuckermarkt haben sich erheblich gebestert, dem Reick ,ind durch die Aufhebung der Zuckerprämien erhebliche Betrag gespart bei der ungünstigen Finanzlage durchaus nicht zu üerar ton; der Ausbeutung des Publikums durch Ringbildung ist ein iel gesetzt; — mir lehnen jede solche Kartellbildung scharf ab und werden jedem derartigen Versuch nachdrücklich . ntgegentrefen. Auch in agrarischen Kreisen erkennt man jetzt daS nü;Tidje Wirken der Brüsseler Abmachung an, die man früher als einen unerhörten Eingriff in die Verhältniste deS Rübenbaus und der Zuckenndu- strie betrachtete.
England ist bei seiner Kündigung durckauS Inhal berfahren: eS sagt in der Begründung, die Konbention sei nicht bereinbar mit den Interessen der Verbraucher und der Zucker verarbeitenden Industrie. Ick möchte nur wünschen, daß ähnliche Grundsätze und ähnliche Rücksichten auf die Verbraucher auch für die Wirtschaftspolitik bei uns Geltung finden. (Beifall links.i ES ist bedauerlich, daß Rußland fick zur Aufhebung feines Prämiensnstems nicht entschließen kann: aber es ist fieber bester wenn es seinen Prämienzucker ohne Strafzoll nach England ein- führt, als wenn die ganze Konvention in Stücke gebt. In dem Beitritt Rußlands zur Konvention ist keine drohende Gefahr für die deutsche Zuckerindustrie zu finden, wenn diese mit einem bestimmten Faktor rechnen kann, und gegen Neberrasckungen ist fie ja gesickert. Sie hat selbst anerkannt, daß die 200 000 Tonnen Kontingent auf den enalifcken Mnrkt einen erheblichen Druck auf die Preise nickt auSüben werden. Graf Sckwerin-Löwitz erklärt, die Herabsetzung der Zuckersteuer für identisch mit der Nickt- erneuerung des Kartells; ja das hatte er dann auch in seinem Antrag aussprecken sollen. (Sehr wahr! links.1 Ick brauche nicht zu betonen, daß auch meine politischen Freunde für die Herabsetzung der Zuckersteuer find, wenn der Ausfall auf eine unseren Anschauungen entsprechende Weise gedeckt wird. Wir sind seinerzeit für die Herabsetzung einaetreten, ia sie ist erst auf unseren Antrag hin erfolgt. Sie hat sich auch für die Landwirtschaft bewährt. Der steigende Konsum wird ia den Ausfall all mahlick decken, ah-w dazu muß er bon 16,6 auf 23 Kg. bro Kovf steigen und bis dahin wird eine geraume Zeit vergehen. Die Deckung des Ausfalls in her Zwischenzeit, den ich zunächst auf 20 Millionen schätze, will Graf Schwerin auf dem Anleihe. Wege besorgen; daS ist doch einigermaßen bedenklich, schon wegen der Konseguenzen. DaS Reich hat ohnedies schon mit Schwierig- feiten auf dem Anleihemarkt zu kämpfen. Es wird zweckmäßig fein, die Frage der Herabsetzung der Zucker st euer mit her in Aussicht stehenden Losung der Finanzreform zu verbinden. So ohne Bedeutung ist die Erklärung der Reoieruna nicht, wenn sie auch durch das „tunlichst" bald wesentlich abge- schwächt wird; aber das kann man ja dem Schatzsekretär nicht verdenken.
Wir werden allo der Konvention zustimmen, nicht etwa als dem geringsten unter den Nebeln, sondern weil wir sie inhaltlich billigen und ihre Vorteile die Nachteile hurchau? überwiegen. Dagegen rnüffen wir uns zu dem Anftaae Schwerin-Löwitz, soweit er die Anleihefrage betrifft, alles herzhaften. Jedenfalls warne ich dringend vor Beschlüssen, die die Fortsetzung her Konventions- Politik unmöglich machen. (Beifall bei den Freisinnigen.)
Abg. Dr. Pansche (natL): Die Konvention hat für unsere Zuckerindustrie nicht schädlich oewirkt. Sie ist nicht zurückg-ganfien, sondern hat sich weiter entwickeln können, wenn wir auch weit davon entfernt sind, sagen zu können, daß die Verhältniste erfreulich sind, llnfere Industrie hat selbst von den w-stiegen-n Preisen keinen Vorteil, da die Produktionskosten fick ständig ber. mehren Durch die Herabsetzung der Zuckersteuer ist aber eine starke Steigerung de? Verbrauches einoetreten. Das ist nicht nur bei un? der Fall, sondern auch in Frankreich und anderSwo. Frankreich ist dabei bom Weltmarkt immer mehr zurückgedrängt worden, und wir haben zum Teil den freien Platz übernehmen können. Wenn wir jetzt mit f intr gewissen Befriedigung auf das Ergebnis der Zucker- konbention z ii rückblicken können, so wird doch niemand leugnen können, daß die Lage der Zuckerind u strie sehr ernst ist. Die Brüsseler Konvention wurde uns dadurch schmackhaft gemacht, daß die Prämien abgcfcfiafft wurden. Unter gleichen Konkurrenzbedingungen hatten wir den Kamvf mit linieren Rivalen auf dem Weltmarkt nicht zu befürchten. Wenn Rußland jetzt in der Lage ist, zwei Millionen Doppelzentner Zucker auf den englischen Markt zu bringen, so darf das nickt unterschätzt werden. Der russische Zucker ist für gewisse Zweige der Raffinerie besonders gut verwertbar. Wenn dieser Zucker auf den Weltmarkt f'-emmt, so wird untere Industrie dadurch g-fchäbigt werden. Die Lage unserer Raffinerien ist durchaus schwierig, fie verdienen meist keinen Pfennig mehr. Sie werden in den nächsten Jahren noch schwere Kämpfe zu bestehen haben. D i e r u f f i f he Konkurrenz wird sich sehr fühlbar machen, denn die bisherigen HinderungSaründe der Weiterentwicklung ber. russischen Industrie werden allmählich beseitigt werden. Nun bringt ja in Rußland allerdings der Hektar nur 25 Doppelzentner, während bei uns pro Hektar 47 bi? 48 Doppelzentner produziert werden. Wir haben allo einen Vorsprung, der aber zum großen Teil dadurck ausgeglichen wird, daß Rußland seine ganze Prämiengesetzgcbnng beibehält. ES werden keine eigentlichen Ausfuhrprämien gezahlt, aber den Fabrikanten wird ein ungewöhnlich Hoher Inlandspreis garantiert. Bei dieser Sachlage ist c? leicht möglich, eine kleine Menge von 200 000 Tonnen nach dem Auslände zu billigen Preisen abzugeben, die auf den Weltmarkt einen schweren Druck auSüben müssen. Ich fürchte, daß Rußland sein volles Kontingent ausnützen und damit auf den Weltmarkt treten wird.
Wir Halten eine Verbindung der Herabsetzung der Z u ck e r st e u e r mit d e r G e n e H m i g u n g der V e r - länge rung der Konvention für eine absolute Notwendigkeit. Der Antrag des Grafen Schwerin ist ein finanzpolitisches Novum, da er eine Ermäßigung einer Steuer m Vorschlag bringt und einen eventuellen Ausfall durch eine andere Steuer decken will. Die zu erwartende Zunahme des Verbrauches wird aber sicher das zunächst durch die Herabsetzung verursachte finanzielle Defizit sehr rasch wieder verschwinden machen. Für die
Industrie ist die Steuerherabsetzung eine Notwendigkeit, da fie schweren Zeiten entgegengeht. Diese Ermäßigung würde zweckmäßig am 1. April 1909 eintreten können. Bis dahin würde durch die Z""«7hme der Bevölkerung und den wachsenden Konsum eine B Gerung l - Lage Herbeigeführt werden. Bis dahin wird auch die Möglichkeit gc. "den sein, auf andere Weise Mittel und Wege zu finden, um den Finanznöten deS NeickeS abzuhelfen. Wir müssen unserer Zuckerindustrie Hilfe mit dem inländi. scheu Markte bringen. DaS liegt schon im Interesse der VolkSwohlfahrt. Zucker ist kein Genußmittel mehr, er ist ein Nahrungsmittel, das in weiten Kreisen der Bevölkerung immer mehr Eingang findet. Wenn wir gezwungen sind, bei der zukünftigen Finanzreform neue indirekte Steuern, ich hoffe gleickzei - t i g mit b : . c f t e i. Steuern, zur Einführung zu bringen (Hört! Hö c!), dann wird für imS die Frage einer Ermäßigung d . r indirekten Steuern immer in die Wagsckale fallen müssen. Ick bin der lleberzeiigung, daß für kurze Zeit durch die Herabsetzung der Zuckersteuer ein Rückgang im Ertrage eintreten kann, daß dieser aber nickt von langer Dauer sein wird. DaS AuShilfSmittel wird von niemandem gern gesehen. Vielleicht nehmen auch die Regierungen die Herabsetzung der Steuer ohne Zusatz an; dadurck würden viele Schwierigkeiten beseitigt werden. Eine Verbindung der Z'ickerkonvent'on mit der .Herabsetzung der Steuer würde nickt bloß für die Zuckerindustrie, sondern für die ganze Volkswohlfahrt von Segen fein. (Beifall bei den Nationalliberalen, t
Abg. Dr. Siidekum (Soz.1: Die Bedeutung deS Abkommens liegt viel mehr als in dem Beitritt Rußlands und in dessen Prämienpolitik in der Verpflichtung Englands, den Rohrzucker feiner Kolonien nicht besser zu b-handeln. als den ausländischen Zucker. Die russische Gefahr wird überschätzt. Merkwürdig, daß Herr Wiemer fick jetzt für die Herabsetzung der Zuckersteuer inS Zeug legt. Damals bei Abschluß der Konvention waren die Freisinnigen dagegen. (Dr. Wiemer ruft: Aber wir haben damals dadurch das Zustandekommen der Konvention er- möalicktls Unsere Agrarier sind zu jedem Opfer bereit, wenn es in ihrem Interesse liegt — GemütsmenschenI Der Zuckerkonsum wird zunehmen, aber wegen der Lebensmittelteuerung fehlt das G.-Id dazu. Viel wichtiger als billiger Zucker ist billiges Fleisch und Brot.
Abg. v. Gral-Ski (Pole): Unerläßliche Voraussetzung der Zustimmung zur Erneuerung der Konvention muß sein, die Herabsetzung der Zuckersteuer sckon zum 1. April 1909. Auf die unbestimmte Zeiterklärung des Staatssekretärs können wir uns nicht einlassen.
Abg. Gotbein (freis. Vgg.s: Die russische Gefahr wird seht üb-rsckätzt. Die Zahlen deS Grafen Sckwerin-Löwitz sind Pban- tasieziffern. Die billigen russischen Arbeitslöhne werden aufgewogen durch die teureren Maschinen und industriellen Anlagen. Das haben auch die Sachverständigen bei unS zugegeben, denn der Beitritt Rußlands wurde sofort durch eine Hausse auf dem Zucker- markt autthert. Die Interessenten haben für solche Dinge ein sehr feines Gefühl. Die Herabsetzung der Steuer wird ja fieber den Konsum steigern, aber dazu ist erforderlich eine Verbilligung der Lebensmittel, damit auch noch Geld für den Zucker übrig bleibt. So ist der Antrag Schwerin unannehmbar. Ein Ausfall für d i e Reichskasse ist fieber; und ihn auf Anleihe zu übernehmen, ist finanzpolitisch unmöglich. Hoffentlich erweist hierbei die Regierung Rückgrat gegenüber den Parte ' e n ES ist unsere Pflickt, wenn wir die Zuckersteuer herabsetzen, dafür zu sorgen, daß dieser Ausfall durch andere Einnahmen gedeckt wird. Durch eine Steigerung des Konsums würden wir erst in 22 bis 23 Jahren dazu kommen, das Defizit wieder einzuholen und die Zuckersteuer wieder auf 140 Millionen Mark im Jahre zu bringen. Die ganze Sache kommt also auf »ine Pumpwirtschaft heraus, b i e w i r nicht mitmacken können. Ick wundere mich, daß Parteien, die sich sonst immer dagegen ausgesprochen haben, nun auf einmal nichts dabei finden. Ick gebe mich der Hoffnung hin, daß, wenn bei ber allgemeinen Finanzreform die Zuckersteuer herabgesetzt wird, gleichzeitig auch eine Deckung deS Ausfalls durch neue Einnahmen oder Verminderung der Ausgaben geschaffen wird. Andernfalls würden wir zu ganz ungeheuerlichen finanziellen Verhältnissen kommen. Wir würden Den Kredit unseres Reiches untergraben, wenn wir unS auf Zukunftsmusik einlassen. (Beifall links.)
?lbg. Vogt Hall (wirtsch. Vgg.): Man darf die russische Kon. kurrenz nicht unterschätzen, denn die Industrie in Rußland hat von unS sehr viel gelernt. Wir bedauern lebhaft, daß diese tief ein. sckneidm^ Jr-nf,
den ist. Da? kann nicht so weiter gehen. Gegen eine derartige Be. Handlung des Reichstags müssen wer energisch Protest erheben.
Staatssekretär Frhr. v. Stengel: ES liegt keineswegs eine Mißachtung des Parlaments vor. Wir haben uns eifrigst bemüht, die Vorlage so bald wie möglich dem Reichstage vorzulegen. Aber zu jedem Vertrage gehören zwei, und wenn der eine auch noch so drängt, ober der ander- lässig ist, so kommt man nickt vorwärts. Die alte Konvention war für un? günstiger als die neue, jetzt aber handelt eS sich nur darum, ob die Konvention günstiger ist, ober ein vertragsloser Zustand. Wir sind wohl alle einig, baß bann die neue Konvention vorzuziehen ist.
Abg. v. Dertzen (Rp.): Durch die neue Konvention wird den Interessenten der ZuckelIndustrie schwerer Schaden zugefügt. Sie ist aber immer noch besser, als gar keine. Wir werden sie also akzeptieren. Für den Schaben muffen wir aber die Zuckerindustrie entsckxidigen. Durch eine Verringernng des Konsums kann bas nicht geschehen, denn bann würden wir wieder zu einer ungesunden Kartellbildung kommen. Also können wir daS nur durch eine Steigerung des Konsums erreidKn, die wiederum nur durch eine Herabsetzung der Zuckersteuer erzielt werden kann. Mit der Herabsetzung der Zuckersteuer haben wir sckon so lange gewartet, daß wir sie jetzt als Gegenleistung für die Zustimmung zur Konvention verlangen müsien.
Abg. Neumann-Hofer (freis. Vgg.) mißt dem Beitrift Muß. lantzS zur Konvention gar keinen Wert bei und heft die Ueberzeu. girng, daß Rußland in keinem Jahre eine derartige Ausfuhr von Zucker haben wird, die der deutschen Zuckerindustrie schädlich sein könnte. Die Kommission müsse in der Hauptsache prüfen, ob die deutsche Zuckerindustrie sich bei Aufrechterhaltung ber Konvention unter den vorgeschlagenen Bedingungen besser stehe, ober ob für sie ein Fallenlassen der Konvention richtiger sei. Russland wird sckon seine guten Gründe gehabt haben, daß eS der Konvention beige, treten ist.
Die Vorlage geht an eine Kommission von 28 Mitgliedern.
Mittwoch 2 Uhr: zweite Beratung deS Flottengesetzes und zweite Etatsberafting (Marineverwaltung).
Schluß 3% Uhr.


