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25.9.1908 Zweites Blatt
 
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Nr. 226

Zweites Blatt

Freitag 25. September 1908

Gießener Anzeiger

Erschein! täglich mit Ausnahme des Sonntag-.

General-Anzeiger für Oberheften

158. Jahrgang

Rotationsdruck und Verlag der Brühlfchea Universums - Buch- und Sretndruckcrei. R. Lange, Dreßen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e=s^51. Redaklion:^sKllL. Tel.-AdruAnzelgerGießen.

DieTiehener Zamillenblätter'- werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Krelsblatt für den Kreis Eiehev" zweimal wocherstlich. DieLcmdwittschaftlichen Zelt­fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Deutsches Reich.

Der Kaiser und der Pref s e ko n gre ß. Dom ftniet war gc|tcrn an den in Berlin tagenden Pressekongrcß olgendcs Telegramm cingetroffcn:Rominten, 23. Sept.

baß mir durch Sie übermittelte, freundliche Begrü- zung-'telegramm der in Berlin versammelten Vertreter der fresse spreche ich Ihnen meinen aufrichtigen Dank aus. äch hoffe, das; Sie alle sich in meiner Haupt- und Residenz- itadt tvohlsiihlen werden, und hege die Erwartung, > Sie auch die neuen Beziehungen, die Sie )ort bei dieser (Gelegenheit an knüpfen, in den Dienst der -rohen zivilisatorischen Aufgaben stellen werden, welche der internationalen Presse obliegen. Wilhelm. I. R." Bei >em gestrigen Bankett des Internationalen Pressekongresses cherbra<l)te der preußische Finanzminister Frhr. v. Rhein ^aden die nochmaligen Grüße des Reichskanzlers, besonders >m die ausländischen Pressevertreter.

Neuer chinesischer Gesandter. General Yin- ^chang ist zum chinesischen Gesandten in Berlin ernannt koorden; er ist in Berlin kein Neuling mehr, da er von .877 bis 1884 schon als Mitglied der chinesischen Gesandt- ichaft in der deutschen Reichshauptstadt geweilt hat. Im Jahre 1901 kam er mit dem Sühneprinzen nach Berlin nnd blieb dann bis 1906 als Gesandter dort. Er beherrscht las Deutsche loie seine Dtuttersprache und erfreut sich in -Berlin großer Beliebtheit. Der Kaiser von China hat ihn trit der gelben Jacke ausgezeichnet, einer selten hohen Aus­zeichnung, die vorher noch keinem Gesandten zuteil ge­worden ist.

Fürst Eulenburg hat gestern vormittag 11 Uhr Üe Eharits verlassen und ist in einem Lkranken-Auto mobil «ach Schloß Liebenberg gebracht worden.

Die zukünftige Weinsteuer. DieDeutsche Beinzeitung" macht folgende Angaben über die Weinsteuer: -£ie Grundgebühr beträgt 10 Psg. für jede Flasä)e ohne -iücksicht auf den Wert. Dazu kommt eine Wertzuschlags- l^uer mit progressiven Sätzen nach bestimmten Wertgrenzcn, wdurch namentlich Luxusweine getroffen werden sollen. -Illoholsreie OZctränke bleiben steuerfrei.

Die Hauptversammlung des Gustav-Adolf- ^iereins in Straßburg beschloß, die nächstjährige Ber- innrnlung in Bielefeld infolge der von dort ergangenen iuladung abzuhalten. In der gestrigen Sitzung der Haupt­versammlung des Gustav-Adolf-Bereins wurde die große -'.iebesgabe im Betrage von 22 586 Mk. mit großer Mehr- eit der Gemeinde Kroisch in Siebenbürgen zuerkannt. Bon cn beiden unterlegenen Gemeinden .'pabinahorst, Wests., iiirtb Sao-Leopoldo, Brasilien, erhält die erste u903 Mk., I chtere 6953 Mk.

Die nächsten Kaisermanöver. Nach einer amt­lichen Mitteilung des Stuttgarter Gemeinderats werden oie Kaiser-Btanbver im nächsten Jahre in Württemberg statt finden.

Aus der Sozialdemokratie. Eine Überaus stark l-iesuchtc sozialdemotratische Versammlung in Karlsruhe hat nnc Resolution angenommen, die sich mit der Erklärung dec i 8 Süddeutschen auf dem Scürnberger Parteitag einver- sianden ertlärt. Dagegen wurde die auf dem Parteitage dirrcl) die marxistische Mehrheit angenommene Resolution ^-mißbilligt.

Ausland.

Wahlrechtsdemon slration in Budapest. (Gestern abend zogen große Tripps Arbeiter vor das Lpern- chrus, wo gerade eine Vorstellung zu Ehren des bulgari- j»L)en Fürstenpaares stattfand, um für das allgemeine Wahl- i'cht Demonstrationen zu veranstalten. Nach ungefähr zwei Ltundcn gelang es der Polizei, die Menge zu zerstreuen.

Die Zarin soll beabsichtigen, diesen Winter in Ra- pnllo zuzubringen.

Ein neuer großer Hafenarbeiterstreik wird in Antwerpen befürchtet. Dort ist es gestern bereits zu einer Zusammenrottung beschäftigungsloser Hafenarbeiter ge- kommen.

Pressefreiheit in Rußland! DaS Erscheinen der deutscl)>nationalen Düna-Zeitung ist durch Gerichts­spruch auf ein Vierteljahr verboten worden. Der Cycf- rcdakteur wurde zu einem Monat Arrest verurteilt.

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Einladung zum Bezug der Gießener Anzeigers für bas letzte Vierteljahr 1908.

Die langen Winterabende stehen vor der Tür, und mit ih^en mehrt sich naturgemäß das Lesebedürfnis. Bon be­sonderem Interesse wird es da rooIX für jedermann fein, über die neuesten Ereignisse cn der Nähe und in der weiten Ferne rasch und zuverlässig unterrichtet zu werden. In der Politik unserer engeren hessischen Heimat und deS Reiches stehen für diesen Herbst wichtige Entscheidungen bevor. In Hessen sind eS die Landtagswahlen, im Reiche die Finanzreform, die unserem politischen und öffentlichen Leben auf lange hinaus ihr Gepräge geben werden. Vom Ausfall der hessischen Landtagswahlen, übet die der Gie­ßener Anzeiger ausführlich berichten wird, hängt e£ vor allem ab, wie sich unser hessisches Wahlrecht in Zukunft gestalten wird. Auch über die auswärtige Politik wird der Leser des Gießener Anzeigers in ausreichendem Maße unterrichtet werden. Wie bisher, so wird der Leser auch in Zukunft von allen irgendwie bemerkenswerten Vorgängen in Stadt und Land, insbesondere aus Oberhessen, aus­führliche und zuverlässige Kenntnis erhalten. Ebenso ist auch für das Unterhaltungsbedürsnis unserer Leser bestens gesorgt. Ein großer Stab von Mitarbeitern aus allen Gesellschaftsklassen gibt dem Gießener Anzeiger die Mög­lichkeit, über alles Wissenswerte schnell und erschöpfend zu berichten und so weit es möglich ist arten Interessen Rechnung zu tragen.

Bestellungen auf denGießener Anzeiger" werden ent­gegengenommen: in Gießen von der Geschäftsstelle, Schulstraße 7, von den Austrägerinnen und den Filial­stellen ; auswärts von den Postämtern, Briefträgern und Zweigsterteninhabern.

Satzung der Stadtverordneten.

Gießen, den 24. September 1908.

Anwesend sind: Oberbürgermeister Mecum, die Bei­geordneten Keller und Heyligenstaedt; die Stadtverordneten: Dr. Biermcr, Brück, Tr. Ebel, Eichenauer, ErnmelinS, Faber, Dr. Gutfleßch, Habenicht, Tr. Haberkorn, Heichelheim, Helfrich, Helm, Huhn, Jann, Jughardt, Krumm, Leib, Lader, LooS, Orbig, Petri, Plank, Dr. Schäfer, Simon, Troß, Wallenfels, Dr. Wimmenauer und Winn.

Ter Vorsitzende macht daraus aufmerksam, daß seit der letzten Sitzung die von der Versammlung gewünschte neue Sitz­ordnung eingeiührl worden sei. Auch sei der Saal neu hergerichtel worden. Tie hübsche Ausmalung der Decke sei eine Stiftung des Stadtv Petri und er spreche diesem für den dadurch aufs neue betätigten bürgerlichen Gemeinfinn herzlichen Dank aus. (Beifall.) Mitteilungen.

Von Graf Zeppelin ist für die von der Stadt gestistete

Ehrengabe von 3000 Mk. ein herzliches Dankschreiben ein­gegangen.

Der Schützenverein dankt in einem Schreiben für die Stiftung deS städtisckeii Ehrenpreiscs tue sein Iubiläumsschießen, ebenso der Geringer dieses Ehrenpreise».

Von der Ortsgruppe Gießen des Vereins detilfcher Handluni'- gehilfen in Leipzig ist der Antrag eingegangen, angesichts der Haltung der AugSbiirgcr Metallindustriellen gegen ihre Angestelllen möge die Stadt beschließen, daß die städtischen Arbeiten nur a> Unternehmer und Gewerbetreibende vergeben würden, die do KoalitionSrecht ihrer Angestellten und Arbeiter auerkenii. Wie der Vorsitzende anSsuhrt, ist eine besondere Beschl. sasiiing hierüber nicht nötig, da seither schon im Sinne deS Gesuch.^ verfahren rontbe.

Nach einigen zustimmenden Worten deS Stadtv. Krumm erklärt die Versammlimg ihr Einverständnis hiermit.

Der Vorsitzende teilt iveitcr mit, daß für den Stadt- erweitenmgLsondS zwei Gebäude gegenüber den M a r k t l a »i b e u angckaust worden sind. ES handelt sich um z iv c i Hofreiten von 206 Quadratmeter, für die IG 000 Mk. bezahlt wurden. (Ter Ankauf wurde von »inS schon mitgctcilt. Red.)

Im Anschluß an den Beschluß, eine Waldschule zu er­richten, wurde Lehrer Schmidt beauftragt, solche Schulen in anderen Städten zu besichtigen. Er hat daiüber einen größeren Bericht erstattet, der zurzeit dem Schiilarzt vorliegt. Die Sache soll so gefördert werden, daß schon in einer der nächsten Sitzungen eine genauere Vorlage zur Beratung kommen kann.

Die Aufstellung eines umfassenden Bebauungsplanes.

Neber den Antrag der Stadlvv. Winn, Dr. Edel und Simon wegen Aiifstellung eine» großzügigen Bebauungsplanes und Aus­schreibung eines Wettbewerbes dazu hat eine Eonderkommission beraten, für die Stadtv. Dr. B termev ein ausführliches R ei erat erstattet. Da wir diesen Bericht demnächst veröffentlichen werden, sei für beutejmr mitgeteilt, daß nach dem Referat sich die Kommission mit den Fragen bejchäsiigte, ob die bestehenden Bebauungspläne un­zureichend seien und ob sich die Veröffentlichung der Bebauungspläne empfehle. Bezüglich des ersten Punktes kam namentlich die Frage der aiideren Einführung der oberhessifchen Bahnen in Betracht. Nach einer vor acht Jahren ausgestellten Berechnung würde die an sich mögliche andere Einführung der Stadt 2,2 Millionen kosten, welche tummc jetzt auf nahezu 3 Millionen anwachjcn würde. Ties bedeute ohne Amortisation eine Erhöhung der Ge­meindesteuern um 15 Proz. und bei 2 Proz. Amortifalron eine solche von 23 Proz. Tie Kommission sei sich einig darüber, daß die Stadt em solches Opfer nicht bringen könne. Deshalb sei sie der Ansicht, daß man den jetzigen Zustaiid belassen solle, bis die Bahnverwaltung selber aus betriebstechnischen Gründen die Ver­legung vornehme. Tapi konnne, daß die zahlreichen bereits be­schlossenen Bebauungspläne durchaus sachkmidig und zweckmäßig, bearbeitet seien. Alan habe genügend Baiigelände und die Pläne entsprächen allen hygienischen, sozialen und ästhetischen Anforde­rungen. Die bereits in erster Instanz genehmigten Bebauungs­pläne bieten baureifes Gelände für den Bedarf b>S zum Jahre 1925 und die weiter bereits bearbeiteten Pläne bis 1940. Auch jet ein rascheres Tempo im AiiSbau der Straßen gewährleistet. Man habe in der Kommission deshalb einmütig beschlossen, von der Schaffung^emeS Bebauungsplanes unter Zuziehung eines aus­wärtigen Sachverständigen abzusehen. Ebenso habe man sich ein­stimmig gegen die geforderte Offenlegung sämtlicher Bebauungs­pläne ausgesprochen, weil baureifes Gelände hinreichend vorhanden sei, die vorzeitige Veröffentlichung eine etwa erforderliche Ilm- Planung und Ergänzung unmöglich und die Tätigkeit des Stadt- erweiterungstonds illusorisch inache. Tie Kommission empfehle daher, dem Antrag keine Folge zu geben. (Bravo.)

Nach längerer Geschäftsordnungsdebatte wird beschlossen, die weitere Beratung auf die nächste oder übernächste Sitzung zu ver­tagen. Tas Referat des Stadtv. Tr. B i e r m e r soll verviel­fältigt und den Stadtverordneten zugestellt werden.

Baugesuche.

Georg Schäfer will an seine Scheuer im Alteselderweg einen Schuppen anbauen, wozu TiSpenS erforderlich ist, well der Schuppen außerhalb des Stadlbebauungsplanes liegt. Tie Der- faminlung Hal nichts gegen den Anbati emzuweliden.

Aus dem gleichen Grmide ist TispenS erforderlich für die An-, läge eines Kaininkühlers, beit die Firma Bänninger in ihrer! Fabrik im Erdkaulerweg errichten will. Auch hierfür erfolgt Zu- stimmling.

Ein derselben Firma früher widerruflich erteilter DiSpens für

Vom Seift und Ungeist der Mode.

Geist und Ungeist der Mode beides gibt cS. Sie wollen Beispiele für den Ungeist? so fragt Viktor Lederer in einem Skief an eine Dame, den daS Oktoberhest von Westerman, S Mo- riitdbeftcn veröffentlicht. Ich bitte:

Hat eine läßliche Ohren. Frisiert sich deshalb so, daß die Md)eiterten Haare die Ohren ganz verdecken. Die dumme Welt bi'Tvunbcrt die neue Haartrackst als höchsten Schick und ahmt sie krdingitngslos nack). Weshalb? Wegen derhellenischen An­matt"? . . . Keine Spur! Weil die betreffende Dame zufällig di« Maitresse eines Königs ist. Das machts!

Sie haben verstanden? Unb wissen, daß ich von keinem Doblema, sonderil von einer Tatsache gesprochen habe, die Sie innfo näher angeht, als Sie selbst eine Zeitlang die berühmte ?-?ifuT bevorzugten? . . . Sie erwidern, daß ich selbst einmal di ' Frisur sästm gefunden habe? Gewiß. Ich werde es nickst leugnen, daß sie Sie sehr sck-vn kleidete. Wie ich auch das Vor- Iwtbcniein schöner Moden nie bestritten habe. Was schön ist, ist aber auch schon, bevor es DLode wird. Weshalb aber Tardon! begannen Sie die Frisur erst schön zu finden, nach- btan sie eine königliche Maitreise mrs egoistischen Gründen zur -Viobe gemacht hatte?

Gin anderes Exemplar: Dem König von England (damals doch Prinzen von Wales) passiert auf der Reise ein kleines 2)ial- bnir. Er muß das Beinkleid wechseln und zieht eine Hose er., die, sei es todil sie eben aus denn Koffer kam, sei, es, weil liie im Warenhaus schnell fertig gekauft wurde, gefaltet ist. 'Dtit einem Schlage sind dieBügelfalten'^ an der Hose, von denen früher niemand wissen wistlte, ein unumgängliches Attribut der G.cgani . . .

Sie sehen: Aks urteilslose Herde, die, ohne nach Gründen jin fragen, das Beispiel einesPrinceps" (um nichts anderes »m sagen!, nachahmt, sind Männer und Frauen^ zienrlich gleich­artig. Glauben Sie aber ja nicht, daß dieser Hetchentrieb etwa i:r. irgendeinem monarchischen Gefühl begründet fei und sich bei i!stmblikanern nicht finde. Weir gefehlt! Nicht die Achtimg mt dem Herrscher führt zur Nachahmung seiner Tracht. Im (! genteil: das Bedürfnis der Masse, jemanden zu kopieren, ihr Äkdürfnis, einen lebendigen Akaßftab desVornehmseins" zu b: iöen, vor allem, was Tracht und Aeußeres anlangt, dieser gs^visse Zug nach oben das ists. Es mag paradox Hingen, Mr es ist wahr: lieber unsere Körper herrschen die Aionarchen nur mehr konstitutionell, über die Art aber wie wir unieren Wrpcr verhüllen, absolut.

Moderne Literatur und Schule. Unter dielem Jutel erschien soeben eine aktuelle Brosckchre von Dr. Theodor r o l d (Leipzig, Mar Hesses Berlage deren Hauptbedeutung darin beruht, daß dar Verfasser hier -um erfbenmal alle Gründe

zusammengefaßt hat, die eine Behandlung der modernen Literatur im Unterrichte nickt nur rechtfertigen, sondern geradezu fordern, und gleichseitig auch den Weg zeigt, Ivie und in welchem Um­fange diese Aufgabe sich praktisch durchführen läßt. Was z. B. der Verfasser von dem Drama und der feit Goethes Tode sagt,'wird jeder unbefangene Schulmann unb Jugendfreund ohne Enrschrankung billigen können. iVtit großer Wärme tritt Theodor Herold für eine gründliche Auswertung der neuzeitlichen Balladen- dichtung ein; dennin ihr verkörpert sich die Freude an allem Großen und Starken in Geschichte, Sage und Leven, mag es sich nun um blutige oder unblutige Kämpfe uno Heldentaten handeln; sie ivird getragen von der Liebe zur angestammten Heimat, zum weiteren Vaterlande, zur ringenden Acenschl-eii. Und so ist die Balladendichtung^ kein GcnußmittelMür ästhetische 'Dianbarmen und raffinierte Feinschmeaer, sondMr eine kräftige Hausmanns­kost für Jugend und Volk." Vom Stofflichen zum Aesthstischen, von der schlicksten poetisckren Erzählung, von der Ballade und viomanze »ur reinen GesühlStyrik und zum Liebeslied: das sei der Weg, den wir unsere Jugend führen sollten. Ja, auch das Liebeslied gehöre in die Prima, und wäre töricht und un- pädogogisch zugleich, wollten wir mit Scheuklappen an diesen wundervollen Blüten tronibergeben. Tenn hier biete sich die beste Gelegenl/eit, auf den künstlerischen Geschmack der jungen Menschen klärend und veredelnd einzuwirken, ihre Anschauungen von der Siebe in lautere Bahnen zu lenken, sie durch reife Kunst: für die Schönheit und das sittliche Leven zu erziehen. Besondere Beachtung verdient der Msck-nitt über die Mrvelle und den Roman. Theodor Hervld verurteilt sckjarf die jetzt nock) allgemein übliche Bevorzugung der Poeste auf ituftro der Prosa und verlangt, daß den Sckjulern auch das gesunde Alltagsbrot einer ftischen kräftigen Prosa geboten iverdc, und zwar weit häufiger, als cs bislang gesckjes»en sei: aber nicht nur brockenweise, in Form von kleinen Leseidücken, deren Stoffgebiet, Stilform und Stimmungsgehalt immerfort wechsele, sondern ganze, abgeschlossene Werke müßten es sein, neuzeiilrchc Novellen und Romane, die durch Sprache, Id« und Handlung besonders das Phantasie- und Empfindungs­leben der Jug«d aurtgrn und fördern könnten. Anregung und Begeisterung seien tatsächlich das Wichcigfte im deutschen Unter* richt; und wir begrünen es mit Freuden, daß Theodor Hervld endlich einmal energisch Front macht gegen bie berüchtigten Aus- bauarchitekten, Schuldschnüffler und Textgründlinge, gegen das nüchterne, oerstandesmüßige Erklärett, Zergliedern, Abftagen und Moralisieren. Das habe der Jugend jede Freude an unserer reidjen und schönen Dichtung verkümmert, ihren Geschmack ver­bildet, die Phantasie unterdrückt und das chchetische Empfrnden abgestumpft.Rettet ine Poesie aus der Umklammerung der Pedanten!" ruft er mit Stephan Wa.tzotdt aus, damit nicht das Wort Friedrich Nietzsck-cs sich erfülle:Zur Schulte Luce werden, heißt für einen Schriftsteller so Did .ote veraltern." Es wäre eine cxißüge Lvhlrat für unsere heramvochsende Jugend, wenn

die im besten Sinne nrodernen und Legeifterten Worte Theodor Herolds bei Lehrern und Eltern auf fruchtbaren Boden fielen!

D i e neugeordnete Vatikanische Pinakothek soll einer Aleldung desWerl. Taaebl." zufolge im Dezember er­öffnet werden. Tie durch viele Werke der Lateranischen Galerie verstärkte Sammlung ist in acht Hellen^ großen Räuinen der alten Floreria untergebracht und in sehr übersichtlicher Weise nach Schulen emgeteilt. Im ersten Saale findet man die früher im Museo Cristiano und in der Bibliothek versteckt gewesenen .Primitiven', im zweiten Saale Melozzo von Forli und die Quattrocento-Alaler, im dritten die Umbrier, im vierten Rafael, im fünften eine Anzahl weniger bedeutender Gemälde, im sechsten Saale die Venezianer, im siebenten die Bologneser, im achten die Nicht-Italiener. Die Neuordnung der Sammlung wird nach dem kürzlich erfolgten Tode des Professors Seitz von dem päpstlichen Architekten Schneider, von Monsignor MiSeiatelli und von dem Kunsthistoriker Pietro d'.'lchiardi besorgt.

L i n Scherz Diark TwainS. In Milwaukee, der amerikanischen Stadt des Bieres und der Deutschen, wurde Marck Twain um seine Ansicht über die Temperenzbewegimg befragt. Atark Twain schüttclle schmerzlich das Haupt und sagte: .Ich zweifle daran, daß die Prohibition sich wird durchfuhren lassen. Nicht, so lange es noch einen Deutschen auf der Welt gibt. So­eben batja em Deutscher eine Methode erfunden, um au5 Säge- spanen Schnaps zu brauen. Nun sagen Sie selbst: Welche Aus­sicht hat die Temperenzbeslrebung, wenn em Mann, der fick be­trinken will, einfach cm Stück Holz abföpt ? Wie soll die Prohibition Fortschritte machen, wenn man sich künftighin aus den Schindeln seines Daches einen Cocktail machen kann? Oder wenn man den schönsten Säuferwahnsinn dadurch erwerben kann, daß man seinem Küchentisch die Beine wegsäuft

B e 11 l e r - H u m o r. Bei Vorführung eines Bettlers am Amtsgericht Aschaffenburg gab dieser auf die Frage des Amts­richters, wo er gefochten habe, zur Antwort: ,1864 habe ich gegen die Dänen, 1866 gegen die Lesterreicher, 187071 gegen die Fran­zosen und diesmal habe ich für mich gefochten/

Kleine Chro nil aus je u n 1t und Wissenschaft. Tas von Maria Rehoff geleitete Ibsen-Ensemble, daS iwt Ibsen-Dramen feil Jahren an vielen Orten gastiert hat, wird auf ferner nächsten internationalen Tvurnce auch in Ko n- stantinopel spielen, ein Kuriosum, das man der Beseitiguirck der türkischen Zensur verdankt. IbsensFest auf Sol- Haug" mit Hans Pfiyners Vkusik erlebte gestern abend ant Leipziger L> tadt t he a t er feine erste Aufführung. Wie unS aus Lest^g nntgeteilt werd, errang das schöne Iugendwerk oes nordischen DrchlOS einen tiefgehenden, bedeutenden Erfolg, der m gleicher Weise der DichtMig wie der Musik Pfitzners desck-.edeu war. Am Schlüsse war der Komponist Gegenstand großer Tva- tronest. i