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Nr. 173 Erstes Blatt 158. Jahrgang Samstag 25. Juli 1908
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■SSm? General-Anzeiger für Oberhessen rLÄS Innahmc von Anzeigen V ’ » u. Land" und.Genchts-
Rotationsbrut! und Verlag der vrühl'fchen Univ.-Vuch- und Stelndruckeret. R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulstrahe 7. 8n!eigenie^?H^BeL
Die heutige Nummer umfatzt 14 Seiten.
politische Wochenschau.
Gießen, den 25. Juli.
Trotz der Urlaub^cit haben augenblickliü) die höchsten Verwaltungsstellen nn Rerch und in Preußen reichlich Arbeit, benn es gilt, die parlamentarrscl-cn Arbeiten für die kommende Session in Gestalt einer Reihe wichtiger Vorlagen vorzubereiten. In diesem Winter wird jedoch die innere Politik im Reichstag und im Abgeordnetenhause die .Hauptrolle spielen und Ueberraschungen, die für die Weiterentnnckelung Der Dinge von hoher Bedeutung sind, gelten keineswegs als ausgeschlossen. Es wird sich zeigen müssen, ob es gelingen wird, den Block noch weiter zusammen- zuhaltcn und hiervon wird auch das Schicksal des Fürsten Bülow abhängen. Schon vor einiger Zeit verlautete, daß Sydow sich bei seiner Fimmzreform nicht allein aus den Block, sondern auch aus die anderen Parteien stützen wolle; daraus ist ersichtlick), haß er gern bereit tuäre, erforderlichenfalls auch mit dem Zentrum zu arbeiten. Diese Partei wird nach den bekannten Vorkommnissen aber kaum Lust tragen, der Neichsregierung zu Helsen, den verfahrenen Finanzkarren aus den rechten Weg zu bringen, und diese Partei wird dem sicherlich wenig zusagenden Vorschläge des Staatssekretärs gehörig Opposition bereiten, höchstens, daß die Partei mit eigenen Vorschlägen kommt, die die Nation weniger belasten. Sollte aber eine Anlehnung an das Zentrum trotzdem erfolgen, so wäre, da beim Freisinn wenig Geneigtheit für die Pläne Sydows bestehen, der Zerfall des Blocks so gut wie sicher und eine folgenschwere Krisis unausbleiblich. Daß in der Wilhelmstraße aber die Geneigtheit und die Hoffnung besteht, in der bisherigen Weise weiter zu arbeiten, geht aus dem soeben bekannt gewordenen Entwurf zur Strafprozeßreform hervor, daß man den liberalen Forderungen soweit entgegenkommt, was man bei Herrn Nieoerding kaum geglaubt hätte. Des weiteren verlautet, daß den oft geäußerten Wünschen der Linken entsprechend, den Bestimmungen über den Begriff der Armenunterstützung, die bekanntlich den Verlust des Wahlrechts nach sich zieht, eine wesentliche Einschränkung erfahren. Dringend zu wünschen wäre cs aber auch, daß man die Einbringung der Beaintenbesoldungsgesetze beschleunigt und diese Frage nicht, wie cs beabsichtigt war, vollständig mit der Reichsfinanzreform verquickte. Tie Erledigung der Finanzreform wird monatelang dauern, so daß die Gefahr besteht, daß die Beamten auch noch im nächsten Jahre ohne Gehaltserhöhung bleiben. Dies muß unter allen llmftänden vermieden werden, denn es wäre sehr wohl angängig, vorläufig die erforderlichen Mittel auf anderen Wegen auszubriugen. Was die Finanzresorm selbst anbelangt, io steht es jetzt fest, daß die vom Mail er in seiner Hamburger Rede aus Sck)erz erwähnte I u n g g e s c l l e n st c u e r tatsächlich nicht kommen wird, dagegen scheint es mit der Besteuerung der Elektrizität leider ernst zu werden, und zwar wird es sich nicht nur um die Besteuerung des Lichtes, sondern auch ber elektrischen Kraft handeln. Daß diese Steuer kommen wird, geht aus einer halbofsi^iösen Verlautbarung hervor, in der dagegen protestiert wird, datz man in einer Elektrizitätssteuer einen Schlag gegen Bayern zu sehen habe, das daran geht, die vorhandene Wasserkraft zur Erzeugung der elektrischen Energie auszunützcn. Es wird daraus hiugewieseu, daß auch Preußen und, andere Bundesstaaten gebirgige Teile besitzen, in denen die Wasserkraft zu gleichen Zwecken ausgenutzt wird, ein Hinweis, der andeutet, daß mit der Elektrizitätsstcuer zu rechnen sein wird.
Tie Erörterungen über die zukünftigen Steuerfragen, über das Wahlrecht in Hessen und in Preußen und tausenderlei andere Fragen lassen dieses Mal, wie es scheint, in der Politik keine rechte Ferienstimmung aufkommen. Und daß auch hinter den Kulissen wichtige Fragen behandelt werden, geht recht deutlich aus der Meldung hervor, daß Fürst Bülow seinen sommerlichen Urlaub werde unterbrechen müssen und in Berlin wichtige Konferenzen haben werde.
Neben den Fragen der initern Politik ist es auch die auswärtige Lage, die die verantwortlichen Leiter der Politik in den einzelnen Ländern veranlaßt, sich über die nächsten Schritte klar zu werden. Zu dem alten Thema Marokko ist neuerdings die Türkei hinzugekommen, wo die revolutionäre B c w e g u ng i 11 der A r m e c täglich größere Fortschritte macht. Ter, Sultan Abdul Hamid gibt sich jetzt zwar redliche Mühe, die Unzufriedenen zufrieden, zu stellen, aber es fragt sich doch, ob es ihm jetzt noch möglich ist. Offiziell heißt es allerdings, daß die Mächte sich in diese innere Angelegenheit der Pforte nicht einmischen wollen, aber im Widerspruch hierzu steht doch wieder die Nachricht, daß russische und englische Kriegsschiffe Order bekommen haben, tür- lische Häfen anzulausen. Man rechnet offenbar mit der Möglichkeit, daß die türkischen Unruhen noch weiter um sich greifen könnten, so daß Europa dann nicht mehr länger untätiger Zn- l'chauer bleiben dürfe. Diese Perspektive sieht nicht gerade freundlich aus, und wenn die Orientfrage, um die man so lange sorgsam beiuingegangen ist, aktuell wird, werden alle Freundschaftsver- lichertingen der einzelnen Mächte einen Weltbrand schwerlich verhüten können.
Freuiidschastsversicherungen sind erst dieser Tage wieder in Kopenhagen ausgetauscht morben zwischen dem Könige von Dänemark und dem Präsidenten Falliöres, und weitere Freundschaftskundgebungen werden uns die nächsten Tage aus den übrigen nordischen Reichen bringen, vor allem aus Revas, wo Fallieres eine Zusammenkunft mit dem verbündeten Zaren bat
In dieser Wocl>c find 300 Jahre vergangen, daß die kanadisch« Hauptstadt O u e b e ck gegründet worden ist und dieser Tage soll mit großem Pomp das Jubiläum begangen werden. Im Hafen werden sich stattliche Geschwader der Engländer und Franzosen einsindeu und auch die benachbarte nordamerikanifche Union wird nicht fehlen; ja England entsendet sogar den Thronfolger, während der amerikanische Vizepräsident Fcnrbanks das Nachbarland vertritt. Aus alledem erkennt man, roeld>e große Bedeutung zwar nicht dem Jubiläum an sich als vielmehr der Macht und dem Einfluß Kanadas beigelegt wird. Ein seltsames Kleeblatt hat sich zu dieser Feier zusammengesunden. Es ist babet nicht uninteressant, an die Geschichte Kanadas 511 erinnern. Ursprünglich war es bekanntlich eine französische Kvlonie, di.' nach schwerem Kampfe im Jahre 1750 in englischen Besitz überging. Zwei Jahrzehnte später hatte England selbst mit dem Unabhängtgkeds- kampse der Amerikaner zu rechnen, unb es hätte wohl nicht viel gefehlt, daß iljnen mich Kanada ähnlich wie die heutigen vereinigten Staaten verloren gegangen wäre. Die letzteren jinb, wie eingangs erwähnt, gleichfalls hervorragend bei der Feier vertreten, dieselben vereinigten Staaten, die sich lieber heute als morgen Kanada angliedern möchten, aber bei derartigen Festen schweigt die Reaipolitii, wenigstens während der Dauer des Festes, And überdies hat die Weltgeschichte ja ost genug das Beispiel gezeigt, luic Staaten, Die Jahrhunderte lang einander feindseligst «egenüberstandeu, zu den besten Freunden geworden sind. Bei fcen Banketten, die bevorstehen, wird es an Loyalität und Freund
schaftskundgebungen nicht fehlen. Man wird prächtige Worte haben, aber es sind eben nur Worte, denn die Gedanken iveilen in der Tat ganz wo anders. Es ist ja ein offenes Geheimnis, daß die Bezielwngen zwischen England und Kanada ziemlich lockerer Natur find und daß man über kurz oder lang sich mit der Tatsache der Unabhängigkeitserklärung dieser großen Mttlonic wird ab finden müssen. Schon heute besitzt Kanada Rechte, die weit über die der übrigen Kolonien Englands hinaus gehen, nicht einmal Südafrika hat derartige Privilegien; man nimmt an der Thcms alle Rücksicht auf diese Kolonie unb gewährt ihr die weitgehendsten Freiheiten auf politischem wie wirtschaftlichem Gebiete, weil man befürchtet, daß man dort vielleicht Ernst machen unb sich losreisen könnte. Durch ein berartiges Ereignis, das folgenschwere Entwickelungen nach sich ziehen würbe, wäre nicht nur bet Autorität Englands ein eurpfindlicher Stoß versetzt, sonbern es würde fick) dieses Ereignis auch in wirtschaftlicher Beziehung schwer bemerkvar mad;cu; Kanada ist doch die Kornkammer Englands, und ebenso bildet es für England ein wichtiges unb sicheres Verbindungsglied mit Ostasien; zu diesem Zwecke wird ja das kanadifche Projekt, einen großen Kanal durch bas Land vom atlantischen Ozean nach bem stillen Ozean zu bauen, vom Mutterland auf das tatkräftigste unterstütz!. Alle die Privilegien, die Kanada geivährt werden, find aber den Herren dort oft noch nicht weitgehend genug, man fordert insbesondere auf politischem Gebiet immer mehr, und in Loredon gibt man aus begreiflichen Gründen stets nach. Trotz alledem wird man aber den mit Naturnotwendigkeit eintretenben Gang der Ereignisse nicht für ewig aushalten können- eines Tages wird doch der Krach ba sein und eS ist erklärlich, daß Kanada Anschluß an die starke nordamerikanische Union suchen wird. Die Folgen dieses Ereignisses würden für England schwerlich ein erfreuliches Bild bieten und die Folgen, bte sich auch zweifellos auf dem Gebiet der internationalen Kvnstellation bemerkbar machen würden, wären kaum abzusehen.
Deutsches Reich.
Von der Nordlandsfahrt des Kaisers. Die „Hohenzollern" mit bem Kaiser war gestern früh von Molde weitergegangen. Tas Wetter ist schön. Vorgestern fand bei schönem Wetter das alljährliche Wettrudern der einzelnen Bootsklassen der vor Mold? liegenden Kriegsschiffe statt. Ter Kaiser händigte den Siegern die Preise aus. Am Nachmittag fand ein Ausflug nach Molde-tzöhe statt, wo der Tee eingenommen wurde. Nach der Äbendtafel stattete der König von Sachsen, der am Nachmittag auf dem Dampfer „Kronprinzessin Eäcilie" eingetroffen war, mit den zwei Prinzensöhnen auf der „Hohenzollern" einen Besuch ab. Aus der Fahrt von Molde nach Merok nahm der Kaiser einen etwa einstündigen Aufenthalt in Aalesund, der zu einer Wagenfahrt durch di? aus der Asche neu erstandene Stadt benutzt wurde. Bei dieser Gelegenheit versprach der Kaiser für die neuerbaute Kirche die Stiftung eines dreiteiligen Kirchenfensters. Tie zahlreich heroeige- ftrömte danIBare Bevölkerung brachte ihrem hohen Wohltäter begeisterte Ovationen dar. Tie Ankunft in Merok erfolgte um ö\i Uhr nachmittags. Unmittelbar darnach machte der Kaiser mit den Herren des Gefolges einen längeren Spaziergang an Land. Tas Wetter war schön und warm.
Todesfall. Generalmajor z. T. Rudolf Schott ist, 72 Jahre alt, gestern in Stuttgart gestorben.
Bayrische Steuerreform. Tem bayrischen Landtage sind die Gesetze über die Steuerreform zugegangen. Tarin ist die Einführung einer progressiven Einkommensteuer ,unter Beibehaltung der Gewerbe-, Grund-, Haus- und Kapitalreiltensteuer vorgesehen. Gleichzeitig wird eine anderweitige Regelung der Gemeindebesteuerung verlangt. Tie Einkommen bis 600 Mark sollen steuerfrei bleiben. Bei anderen Steuern tritt bei höheren Erträgen eine bedeutende Erhöhung ein, doch nnrb der bisher unzulässige Schuldzinsenabzug allgemein gestattet werden. Zur Entlastung weniger Leistungsfähiger sollen weitere Vorkehrungen getroffen werden.
Ueber den Stand der Vorarbeiten an dem neuen Gesetzentwurf über den unlauteren Wettbewerb erfährt eine Berliner Korrespondenz: Tie Veröffentlichung des Gesetzentwurfes behufs Kenntnisnahme durch die Interessenten hat zur Folge gehabt, daß zahlreiche Gutachten und Aeußerungen an amtlicher Stelle eingelaufen sind. Tie Prüfung des eingegangenen Materials ist jetzt bereits zum größten Teil erledigt, so daß die Neugestaltung eines endgültigen Entwurfs im Reick^amt des Innern in naher Zeit bevorsteht. Man kann daher damit rechnen, daß das Gesetz beim nächsten Zusammentritt des Bundesrats und) den Ferien diesem zur Beratung zugehen wird. Ter Reichstag wird sich auf a'lle Fälle vor Weihnachten mit der Materie zu beschäftigen haben, da der Entwurf ihm jedenfalls zu Beginn der Herbstsession zugehen wird.
Heber die nächste Zukunft des Fürsten Eulenburg werden in den Blättern allerlei Nachrichten verbreitet. Er soll nad) Liebenberg zur Luftveränderung transportiert werden und unter Bewachung gestellt werden. Hieran ist, wie dem L. A. von zuständiger Stelle versichert wird, kein wahres Wort. Ein Antrag in diesem Sinne ist überhaupt nicht eingebracht worden. Abgesehen hiervon verbietet der Gesundheitszustand des Fürsten jede derartige Veränderung.
Die zweite Denkschrift und der Haupt- Ausschuß. Der Haupt-Ausschuß für die Herbeiführung der Pensionsversicherung der Privatangestellten hat bereits die erforderlichen Schritte eingeleitet, um die dieser Tage dem Reichstage zugegangene zweite Denkschrift des Reichsamtes des Innern über die Pensionsversicherung der Prioatangestellten einer Beratung zu unterziehen. Wie uns mitgeteilt wird, ist beabsichtigt, die Denkschrift vorerst durch die Siebener» lommission bearbeiten zu lassen, deren Sitzung gegen den 5. Sept. 1908 stattsinden soll. Rach Abschluß der Beratung der Siebcnerkommission sollen deren Ergebnisse einer für den Herbst beabsichtigten Sitzung des Haupt-Ausschusses unterbreitet werden. Inzwischen dürften sich auch die Verbände
der Privatangcstellten mit der zweiten Denkschrift und beten Ergebnissen in besonderen Beratungen beschäftigen.
Der 4 9. Jahresbericht deü Vereins für HandlungS-KommiS von 1858 (Kaufmännischer Verein) in Hamburg ist soeben erschienen. Wie wir dein Berichte entnehmen, ist die Zahl der vermittelten Stellen im Berichtsjahre von 6794 auf 7352 gestiegen. Die Gesamteinnahmen sind mit Mk. 643 620.31 höher, als sie für den Voranschlag geschätzt wurden. Die Ausgaben haben mit Mk. 651 687.44 den Voranschlag erheblich überschritten. Tie Differenz zwischen den Einnahmen und Ausgaben ist durch Ueberting auf das Kapitalkonto ausgeglichen, das sich nunmehr auf Mk. 301 554.07 stellt. Neu ausgenommen wurden 13 386 Mitglieder und Lehrlinge gegen 10 369 im Vorjahre. Die Gesamtzahl der VercinSangehärigen hat sich auf 79 278 erhöht. Die Rechtsschutzabteilung erledigte 2861 RechtsauSkünfte. Die Summe der erflrittencn und vermittelten Gehälter belief sich auf Mk. 6856.25. Der Unter» stützungsauSschuß hat im Berichtsjahre 755 Personen unterstützt.
Aus dem »eiche der Lust.
Funkeaspruch und Luftschiffahrt.
Am Donnerstag war der Tegeler Exerzierplatz bei Berlin die Stätte von Versuchen, die bisher noch von keiner Militärbehörde angestellt worden sind. Es wurde versucht, von den Funkenspruchstationen in Rauen, Norddeich und einer transportablen Station in Tegel aus nach einem Freiballon zu telegraphieren. Zu diesem Zivecke waren zwei Luftballons mit Lustschist'ossizieren an Bord mit einer Aufnahmestation für drahtlose Telegramme versehen worden. Dem Ballon, der nach Süd-Süd-West zu daoonflog, wurden von allen drei Stationen nacheinander Funkensprüche nachgesandt. Der eine Freiballon ist in der Nähe von Halle a. d. S. niedergegangen. Fast denselben Weg nahm der andere, der ebenfalls in Hatte landete. Die Versuche hatten ein günstiges Ergebnis. Das Resultat war .befriedigend".
Das englische lenkbare Mtlitärluftschiff
„Nulli Sekundus* unternahm am 24. von Farnborough aus den ersten gelungenen Aufstieg, nachdem infolge Versagens des Motors zwei Versuche, aufzusteigen, fehlgeschlagen waren. Es machte eine Fahrt von 10 Meilen in dcr Runde und landete wohlbehalten in unmittelbarer Nähe der Ballonhalle.
Ter Unfall dos Bleriotschen Eindeckfiliegers auf dem Manöverfelde von Jssy (Frkr.) wurde durch einen heftigen Windstoß heroorgerufen, der den in einer Höhe von 8 Nietern wendenden Llpparat seitlich neigte, so daß einer der Flügel am Boden ausstieß. Blörjot blieb, wie wir bereits gestern kurz meldeten, unverletzt, der Llpparat luurbe bis auf den Motor völlig zerstört. Blßriot hat übrigens einen neuen Monoplan fertiggeftellt, der mit einem 16 zylindrischen Motor versehen ist und in den nächsten Tagen erprobt werden wird. Einen kleinen Unfall erlitt dort auch der franz. Hauptmann Ferber, der mit seinem neuen Zweideckflieger den ersten Versuch anstellte und bei einer jähen Landung die Schraube und einen Flügel des Apparates zertrümmerte.
Gießener Strafkammer.
,)( Gießen, 24. Juli. Die Messerstecherei bei der Bismarckfeier.
Am Wend des 21. Juni d. Js. hatte die hiesige Stuoenten- schafc LismarckkommerS auf der Hardt. Nach dem Fackelzug hatte der Friseurgebilfe K. M. aus Friedberg, der in einem hiesigen Friseurgescyäst in Stellung war, die Sttideuten zu frisieren. Nach Beendigung seiner Arbeit blieb M. in bem Wirlschaftslokal, bis gegen V»3 Uhr morgens der Sohn des hiesigen 5doflohnkulsch"rs H. mit dem Sohn des Konditors T. in der Wirtschaft eintrafen. H. mack)te inbezug auf M. iveg'-i des Blumenschmuckes, den er an sich trug, eine Bemerkung, woraus ein kleiner Wortwechsel entstand, infolgcbysen M. den H. hinausbat, welcher Aufforderung er auch nachkam. Draußen erhielt H. von M. alsbald zwei Stiche mit einem Weidmesser, einem sog. Knicker, in den Unterleib. T., der den beiden gefolgt war, und H. zu Hilfe eilen wollte, erhielt, als er nach M. trat, einen Stich in das Bein, der jedoch nur eine kleine Verwundung hinterließ; ein weiterer nad) der Brust des D. geführter Stich durchschnitt nur die Kleider ohne eine Verletzung herveizuführcn. H. kam in die Wirtschaft zurück mit dem Bemerken, er sei gestochen und sank daun ohnmächtig zusammen. Einige Mediziner leisteten dem Verletzten die erste Hilfe und sorgten für seine Ueber- sührung in die Klinik, wo er alsbald operiert werden mußte. Nach dem ärztlickren Besundberichte saß der eine Stich links vom Tarm- beinstackiel und batte die ganze Bauchdecke durchtrennt, Jo daß das Netz zehn Zentimeter weit vorhing. Ter andere Stick) hatte den Dünndarm zweimal durckchohrt und war bis auf das Darmbein gekommen. Nur dem Umstand, daß der Verletzte sofortige sachverständig« Hilfe hatte und nach der Operation keine Vereiterungen eintraten, hatte er sein Leben zu verdanken. Der Angeklagte behauptete, von H. zuerst beschimpft und dann draußen angegriffen worden zu jein und da er sah, daß ihm H. überlegen sei, habe er das Messer gezogen und zugeftochen. Ta der Verletzte fast gar keine Erinnerung mehr an den Vorfall hatte unb Zeugen nicht zugegen waren, außer einem Kellner, der sah, wie M. eine stoßende Bewegung nach dem Unterleib des H. machte, war "das Gericht größtenteils aus die Angaben des Angeklagten angewiesen. Daß aber Notwehr, wie der Angeklagte behauptet, vorlag, konnte um deswillen nicht angenommen werden, da schon der Augenschein lehrt, daß der Angeklagte dem Verletzten an Wrperkrast wert überlegen sein muß. Daß man es mit einem rohen Menschen, der Leben und Gesundheit seiner Mitnrcnsckien nicht achtet, zu tun hat, geht daraus hervor, daß er nach der Tat geäußert hat, er bekäme höchstens 6 Wochen hierfür und wenn er herauskomme, werde er noch mehr von der Sorte tot- schlagen. Nach seinen Aeußerungen hat er mit dem Verletzten schon mehr Rempeleien gehabt, was dieser jedoch bestreitet. Un- -nTklärlich ist jedoch die rohe Handlungsweise und die Aeußerung


