Ausgabe 
24.6.1908 Erstes Blatt
 
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-die Schau- und Prämiierungs-Ordnung für Orts- und BezirkS-ObstauSstellungen, die Bestimmungen über Obstpflück- und Verpackungskurse und Obst- und Gemüse- verwertungSkurse, sowie die Bestimmungen über Prämiierungen von Obstbaumpflanzungen und Rebpflanzungen die vorläufige Genehmigung.

** Landtagskandidatur. Zu den im Herbst statt­findenden Wahlen zum Landtag stellt das Zentrum für den Wahlkreis Offenbach-Land den Stadtverordneten Franz Nessel-Offenbach als Kandidaten auf.

** Landes s Ynv de. S. K. H. der Groß Herzog haben den Senatspräsidenten am Oberlandesgericht Gusll Kullmann zu Darmstadt und den ordenti. Professor der Theologie an der Landesuniversitat Dr. SaMuel Eck zu Greffen zu Mitgliedern der Siebenten ordentlichen Landes- fynode des Großherzogtums Hessen ernannt. Die achtzehnte Sitzung der Landessynode, die am Dienstag, 30. Juni, vormittags 10 Uhr, im Synodalgebäude zu Darinstadt, Waldstraße 40, ihren Anfang nimmt, wird vor­aussichtlich 8 bis 10 Tage dauern. Die Tagesordnung lautet: L Ansprache des Präsidenten. II. Mitteilungen des­selben. HL Verkündigung neuer Einläufe. IV. Berichts­anzeigen. V. Prüfung von Mahlen. VI. Verpflichtung neu eingetretener Mitglieder. VII. Beratung und Beschluß­fassung über: L Vorlage Großh. Oberkonsistoriums über den Antrag der Abgeordneten Dr. Bogt und Genossen, die Zu­sammenlegung kleinerer Pfarrsprengel betreffend. 2. An­trag des Syn.-Abgeordneten Luhl und Genossen, Verein­fachung des kirchlichen Wahlverfahrens betreffend. 3. Vor­lage Großh. Oberkonsistoriums, die Aenderung in den Kir­chengemeindeverhältnissen betreffend. 4. Vorlage Großh. Oberkonsistoriums, die Umgestaltung der Kirchen- und De- kanatsvisitationen betreffend. 5. Verhandlungen über Ge­schäftliches. 6. Vorlage Großh. Oberkonsistoriums, Ab- trennung der Filialgemeinde Friesenheim von der Gemeinde Dahlheim und Zuteilung derselben zur Gemeinde Unden­heim betrefend. 7. Anfrage der Synodal-Abgeordneten Dornseiff und Genossen, die Verwendung der Mittel für Zwecke der Inneren Mission und für Reisestipendien be­treffend. 8. Anfrage der Synodal-Abgeordneten Dornseiff und Genossen, die dienstpragmatischen Rechte der von dem Hessffchen Landesverein angestellten Geistlichen betreffend.

Uebertrag en wurde dem Lehrer Ehr. Kruger zu Bettenhausen eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Wachenheim.

Zu Ehrenmitgliedern derHassia* hat die Mitgliederversammlung in Ortenberg den Fürsten Erbach- Schönberg und die Grafen von Stolberg-Roßla, Stolberg- Wernigerode und Solms-Rödelheim ernannt.

** Organisation der Berufsjournalisten. Die Notwendigkeit einer starken Organisation der deutschen Presse ist von allen Journalisten anerkannt, einer Organisation, die in der Lage ist, in allen Fällen wirksam und würdig ein­zugreifen, wo es gilt, die Standesehre und das Standes- intereffe zu verteidigen, deren Aufgabe es mithin sein würde, das Ansehen der deutschen Presse zu heben, das StandeS- gefühl und den Korpsgeist in den Reihen der Journalisten zu festigen. Anläßlich des Wormser Delegiertentages des Verbandes der deutschen Journalisten- und Schriftsteller­vereine beabsichtigen nun Vertreter einer Reihe größerer Ver­einigungen von Berufsjournalisten, darunter der Verband der Rheinisch-Westfälischen Presse, der Verein Niedersächsischer Presse, der Landesverein Hessischer Zeitungsredakteure rc., so­wie die Redaktionen einer Anzahl großer deutscher Zeitungen eine Besprechung abzuhalten, um die Möglichkeit der Schaffung einer solchen über das ganze Deutsche Reich sich er­streckenden Organisation der Berufsjournalisten zu erörtern. Die Besprechung soll am 29. Juni, vormittags V29 Uhr, im Kasino in Worms stattfinden.

Gietzener Stadttheater.

Die Fledermaus.

Operette in 3 Akten von Ioh. Strauß.

Wie am vorigen Dienstag, so war auch gestern das Theater wiederum gut besucht. Ein sicheres und sichtbares Zeichen dafür, daß diese Operetten-Gasffpiele einem tat­sächlichen Bedürfnisse entgegenkommen. Vom künstlerischen Standpunkte war die gestrige Aufführung noch um vieles besser und einheitlicher, als die erste Aufführung. Herr Regisseur Bruno Schlegel hatte ganz wunderhübsche Bühnenbilder geschaffen. Der geschmackvoll inszenierte und glänzend ausgestattete zweite Akt könnte selbst einem groß­städtischen Theater zur Ehre gereichen.

Besonders angenehm fiel es auf, daß dieses Mal Sänger und Orchester besser zusammenhielten. Herr Hermann Weinack, der wiederum die Kapelle unseres Infanterie­regiments dirigierte, erledigte sich seiner Aufgabe mit großer Sicherheit und TemperamenL Die Chöre waren sehr gut.

Gespielt wurde mit ausgezeichnetem Humor. R u d o l f M u ch war als Gefängniswärter von einer Komik, die wohl schwerlich noch überboten werden könnte. Als guter Schau­spieler erwies sich auch Herr Bauer in der Rolle des Herrn v. Eisenstein. Seine Darstellung des Dr. Blind im 3. Akte war eine der besten des Abends. Ganz cntzückeird in der Darstellung und im Gesang war auch dieses Mal wieder Fränzi Großkopf als Rosalinde, und es wäre schwer zu sagen, was man an dieser anmutigen Dame mit dem überschäumenden Temperament mehr loben soll, die Darstellung oder den Gesang. Tie Rolle der Adele gab gestern auch Gabriele Kl er Wien reichliche Gelegen­heit, ihr großes Können zu zeigen. Mit vortrefflichem Humor und anmutsvoll führte sie ihre Rolle bis zum Schluß durch. In seiner recht vorteilhaften Maske kaum wieder zu erkennen war Bruno Schlegel als Gefängnisdirektor, ebenso Ludwig Sachs als Advokat Blind. Der Tenor Bruno Hildebrandt in der Rolle des Alfred fand auch dieses Mal Beifall. Besonders gut gefielen mir im ersten Akte das Duett zwischen Fränzi Großkopf und Gabriele Klerwien und dann das Terzett, das von Fränzi Großkopf, Bruno Hildebrandt und Schlegel gesungen wurde.

Ter Beifall des Publikums wurde gegen Schluß lvärmer, er hätte aber noch um vieles freudiger und größer sein können. Die Künstler verdienten es wirklich.

Kleine Chronik aus Kunst und Wissen­schaft. Für die Direktorstelle am Historischen Museum zu Frankfurt, die durch Berufung des Direktors Dr. Lauffer nach Hamburg sreigcwordcn ist, wird vom Magisttat Pwf. Dr. Bernhard Müller, Kustos am Landesmuseum in Darmstadt, in Vorschlag gebracht. In Frankfurt ist der Tontünstlcr und Musikschriftsteller Gustav Erlanger, 66 Jahre alt, gestorben.

** Ein Vogelschutzverein für Hessen. Nach­stehender Aufruf wurde uns von sehr geschätzter Seite zum Abdruck übergeben:

Die Liebe zur Vogelwelt, der Wunsch, die gefiederten Sänger zu schützen vor Verfolgung und Vernichtung ist uns Deutschen Gemeingut. Erst vor kurzem hat der Deutsche Reichstag durch seine Beschlüsse zu dem Vogelschutzgesetz ge­zeigt, daß es auch ihm ernst ist mit der Erzielung eines wirksamen Vogelschutzes. Der dcutzen der Vögel als Hüter des Gleichgewichts zwischen Jnsetten- und Pflanzenwelt wird heute in Land- und Forstwirtschaft allgemein gewürdigt. Aber nicht um Sympathieerttärungen, nicht um bloße Be­lehrung über Nützlichkeit der Vögel handelt es sich, sondern um praktische Maßnahmen zur Erhaltung der ein­heimischen Vogelgattungen in Wald und Feld. Zwar ist auch hierin von Gemeinden und Forstbehörden schon manches geschehen. Aber nur wenn überall im Hessenlande, wo es nottut, für Niststätten. Vogeltränken, Futterplätze hinreichend gesorgt ist, haben wir einen organisierten Vogelschutz, wie er sein soll. Denn es ist nicht zu verkennen, daß gerade der kulturelle Fortschritt, die Ausdehnung der städtischen Baugebiete, die Urbarmachung wüsttiegender, seither mit Dornen und Hecken überwucherter Oertlichkeiten die Existenz­bedingungen mancher Vogelarten, die uns besonders wert sind, z. B. der d!achtigallen, in Frage stellt.

Hier kann nur ein zielbewußtes fachkundiges Zusammen­wirken weiter Bevölkerungskreise Abhilfe schaffen. Ter Wunsch und die Bitte der Unterzeichneten ist es deshalb, daß alle Vogelfteunde und alle, welche die wichtige Rolle der Vögel im Haushalt der Natur erkennen, sich zu einem Vogelschutz-Verein für das Großherzogtum Hessen zusammen­finden. Zur Vereinsgründung soll am Donnerstag, 25. Juni, nachmittags 6 Uhr, tm Fürstensaal zu Darmstadt, Grafen- straße, eine Versammlung stattfinden, bei der der Großh. Forstmeister Herr Kullmann zu Darmstadt überprakttschen Vogelschutz" sprechen wird. Um zahlreiches Erscheinen wird gebeten."

Unterschrieben ist der Aufruf von zahlreichen Herren aus allen Teilen Hessens, insbesondere auch Oberhessens.

Der Eva ng. Arbeiterverein, der zurzeit 370 Mitglieder zählt, beteiligte sich am letzten Sonntag mit seiner Gesangsabteilung an dem 17. Verbandsfest des Mittel­rheinischen Verbandes Ev. Arbeiter.-Vereine in Zeilsheim bei Höchst a. M. und verband damit gleichzeitig am nächsten Tage einen Ausflug nach dem Niederwald, sowie nach Wies­baden 2c. Während der Sonntag für das Verbandsfest be­stimmt war, bei dem auch die Gesangsabteilung des hiesigen Vereins unter Leitung ihres Dirigenten Musiklehrer Gern­hardt, der auch mit der Leitung des auS den Männcrchören der ca. 20 Vereine gebildeten Massenchors betraut worden war, teilnahm, fuhr die Reisegesellschaft am Montag vor­mittag über Mainz, Kastel mit dem Dampfer nach Rüdes- heim, wo nach einer kleineren Stärkung die Besichtigung des Niederwald denkmals vorgenommen wurde. Von Rüdes- heim ging die Fahrt weiter nach Wiesbaden, von wo nach in Augenscheinnahme der Sehenswürdigkeiten die Rückreise über Frankfurt erfolgte.

Gauturnfest in Lich. In der gestern mitgeteilten Liste der ausgezeichneten Musterriegen ist die Riege des Turn­vereins Treis a. d. Lumda als Turnerriege angeführt, während es sich um eine ZöglingSriege handelt. Sie müßte daher in dem Verzeichnis Zhglingsriegen erscheinen und zwar an 7. Stelle.

** Kolosseum. Resultat des 7. Tages der internatio­nalen Dame n-R i n g f ä m p f e: Frl. Haag-Stuttgart besiegte Frl. Knorr-Rheinland in 15 Min. 15 Sek. durch Uebersteigen aus dem Stand. Frl. Muranky-Uugarn unterlag nach 16 Min. der gewandten Ostpreußin Frl. Koslowsky durch Doppelnelson. Frl. Nelson-London blieb Siegerin über Schönburg-Wien durch Hüstenschwung in 13 Min.

** Verhaftet. Von der Kriminalpolizei wurde heute vor­mittag der Kaufmannslehrling Emil Sulz aus Küssingen ver­haftet. Sulz hat sich in der Schweiz eine Anzahl Unterschla­gungen zu schulden kommen lassen uni) auch in Mannheim einen Diebstahl ausgeführt. Er hatte hier unter falschem Namen als Hausbursche Stellung genommen.

** Neue Mähmaschinen. Vor einigen Tagen wurden bei den Herren Karl Uhl dahier, H. Graulich in Elpenrod, Ph. Witzel in Nicdermörlen und Joh. PH. Neidel in Heuchel­heim durch den Monteur der Firma PH. Mayfarth L Co., Frankfurt a. 2)1. neue Mähmaschinen vorgeführt, die ganz vorzügliche Arbeit leisteten.

Klein- Linden, 23. Juni. Der Gesangverein Arion" feiert am 5. Juli ds. Js. sein 18jähriges Stiftungsfest. Die Musik wird von der Kapelle des Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm Nr. 116 ausgeführt.

?Storndorf, 22. Juni. Droben am Waldsaume hielt heute der Kriegerverein sein Preisschießen ab. Wenn auch die durch ein in der vorhergehenden Nacht nieder­gegangenes Gewitter hervorgerufene kühle Witterung den Besuch anfangs etwas beeinträchtigte, so füllten sich doch gegen Abend Festplatz und Schießstand. Hier fanden Krieger und Nichtkrieger reichlich Gelegenheit Hand und Auge wieder einmal zu erproben, während dort die Stadtkapelle Müller- Alsfeld der Jugend ihre Aufwartung machte. Erst tief in der Nacht verließ man die gastliche Stätte.

§ Vom oberen Vogelsberg, 23. Juni. Die seit­herige trockene Witterung hat das Wachsen der Sommer- frucht außerordentlich gehemmt. Korn und Weizen stehen in der Blüte und zeigen Aehren von vielversprechender Länge. Gute Erträge liefern die Kleefelder und auch die Wiesen lassen bei einigermaßen günstiger Witterung auf eine gute Heuernte hoffen.

Lauterbach, 23. Juni. Die Betriebs-Inspek­tion II Fulda wird vom 1. Juli, wie bereits mitgeteilt wurde, hierher verlegt. Sie erhält die Bezeichnung:Groß­herzoglich hessische Eisenbahn-Betriebsinspektion Lauterbach (Hessen)*. Eine Aenderung ihres seitherigen Dienstbezirks tritt nicht ein.

sd. D a r m st a d t, 23. Juni Der 16. Bundestag Deutscher Gastwirte, der soeben in Köln tagt, hat heule einmütig beschlossen, den 17. Bundestag im Juni 1909 tu Darmstadt abzuhatten. Damit wird die Feier des 25jährigen Bestehens des Rhein-Main-Gastwirtever- bandes verbunden werden.

fc. Offenbach a. M., 23. Juni. Der hiesige Porte­feuillesfabrikant Moritz Krumm erhielt zwei Briefe, in denen er aufgefordert wurde, den Betrag von 1000 Mk. an eine bestimmte Stelle zu legen, andernfalls würde er sein jüngstes Kind verlieren. Der Fabrikant legte ein mit Papierschnitzeln gefülltes Kuvert an den bezeichneten Ort, nachdem er vorher die Polizei informiert hatte. Beim Ab­

holen des Kuverts wurden zwei junge Burschen im Alter von 15 Jahren von der auf der Lauer liegenden Polizei verhaftet. Die beiden Erpresser, die schließlich zu­gaben, die Briefe geschrieben zu haben, wurden ins Gerichts­gefängnis gebracht.

0 Marburg, 23. Juni. Heute fand die Bismarck- feier der Marburger Studentenschaft beim Bismarck­turm statt. Der sich anschließende grandiose Fackelzug zählte 1600 Teilnehmer und 10 Musikkorps.

Gießener Strafkammer.

) ( Gießen, 23. Juni. Beamlenbeleidigung.

Gegen den Eisenbahnassistenten Th. E. K. in Fulda und dessen Bruder, den Schuhmacher I. G. K. zu B a d - N a u h e i m , war Anklage wegen Beleidigung der Richter des Amtsgerichts Bad- Nauheim erhoben. Als vor etwa fünf Jahren die Mutter der Angeklagten geftorben war, kam es zwischen ihnen und dem Vater zu Streitigkeiten, da der Alte seinem Beruf nicht mehr nach­ging,^was zur Folge hatte, daß der Vermögensverfall drohte. Die Söhne beabsichtigten, den Vater der Verwaltung des Ver­mögens zu entziehen und der ältere verfaßte eine Reihe von Eingaben, die auch der jüngere zumteil unterschrieb, und mit denen das Amtsgericht überflutet wurde. Ende 1904 wurde ein Antrag auf Einichreiren des Bormundschaftsgerichts gegen den Alten zurückgewiesen, aber auf ihre Beschwerde ordnete das Land­gericht eine Sachuntersuchiung an und im Frühjahr 1905 wurde dem Vater das Recht entzogen, die noch minderjährigen Kinder tn öffentlichen Angelegenheiten zu vertreten und für diese ein Pfleger bestellt. Da durch die vielen Anträge und die Ab­lehnung des einen Richters nach dem andern das Auseinander- setzungs- und Pflegschaftsverfahren verzögert wurde, reichte der Aeltere eine Beschwerde ein, weil zur Sicherung des Vermögens der Kinder nichts geschähe; er wurde aber damit, trotz seiner Drohungen mit Beschwerden beim Ministerium und Unterbreitung der Sache einem Landtagsabgeordneten, sowohl beim Landgericht, als auch vom Oberlandesgericht abgewiesen. Die Akten waren infolge der Beschwerden vielfach längere Zeit von Bad-Nauheim abwesend und es verzögerte sich das Verfahren, so daß erst im Mai 1906 ein Auseinandersetzungstermin vor dem Amtsgericht stattfinden konnte. Da der Beschwerdeführer keine annehmbaren Vorschläge machte, und sich vor Schluß der Verhandlung ent­fernte, verlies der Termin ergebnislos. Hierauf erfolgte eine Beschwerde an den Landgerichtspräsidenten, die eine Reihe un­wahrer Behauptungen enthielt. Die Aufregung des ältesten Sohnes stieg aufs höchste, als gegen ihn und feine Geschwister als Eigeit- tümer des von Vater bewohnten Anwesens das Zwangsvoll­streckungsverfahren durch den Hypothekcngläubiger wegen rückstän­diger Zinsen eingeleitet wurde, und das von dem Angeklagten auf 90 000 Mark geschätzte Anwesen, das aber von dem Aints- gericht auf 66 000 Mark taxiert worden war, für 68 000 Mark losgeschlagen wurde. Beim Teilungsverfahren im Sommer 1907 reichten die Angeklagten einen Antrag auf Sicherstellung des mütterlichen Vermögens ein, in dem sie dem Zustand als un­gesetzlich bezeichneten, worauf sie, da sie doch großjährig seien, auf den Klageweg verwiesen wurden. Im letzten Winter reichten sie einen Protest gegen das ihrem Vater im Verteilungsverfahren zugesprochene Nutzttiesungsrecht ein, in dem dem Gericht u. a. Rechtsbeugung und unlautere Manipulationen zur SchM>igung der Kinder vorgeworfen wurde. Das gleiche erfolgte in einer Eingabe an den Landgerichtspväsidenten, in der 'außer von Rechts­beugung auch von Mitschuld an Vermögensverlusten, Parteilich­keit und Voreingenommenheit gesprochen wird. In einer von deut Bahnassistenten K. allein unterschriebenen Eingabe wird dem Amts­gericht Rechtsbeugung zur Verdeckung ersatzpflichtiger Amtshand­lungen vorgeworfen. Auf Stellung des Strafantrags durch den Landgerichtspväsidenten erging Anklage wegen Beleidigung. Th. E. K., der älteste Sohn, bekannte sich als Verfasser der belei­digenden Eingabe; er bestritt aber die beleidigende Absicht uiü> erklärte die als Beleidigungen ausgefaßte Stellen als zu seinen Ungunsten anders ausgelegt. Er habe alle Achtung vor dem Gericht und traue ihm nichts ungesetzliches zu. Sein Bruder er Härte, er habe die Eingaben nur flüchtig gelesen vor der Unterschrift; an eine Beleidigung habe er niemals gedacht. Beide wollen die Eingaben und Beschwerden nur deshalb eingereicht haben, daß das Verfahren beschleunigt werden sollte. Tie Strafkammer hielt zwar in allen, unter Anklage gestellten Fällen Beleidigungen für vorliegend; sie billigte aber den Angeklagten den Schutz des § 193, nach welchem in Wahrnehmung berechtigter Interessen er­folgte Beleidigungen straffrei sind, zu. Nur in der letzten von Th. E. K. allein unterschriebenen Eingabe, die dem Gericht die vorsätzliche Rechtsbeugung Aunt Vorwurf macht, gehe aus der Forni hervor, daß eine Beleidigung beabsichtigt war. Dieser wurde deshalb zu einer Geldstrafe von 10 0 Mark verurteilt und im übrigen, tote sein Bruder, sreigesprvchen.

Gereckts-aaL.

Karlsruhe, 23. Juni. Das hiesige Schöffengericht verurteilte den Rezitator Karl W a ß in a n n wegen Beleidig g u n g des Fäul. Olio Molitor zu acht M o n a t e n Ge­tan g n i s. Von der sofortigen, von dein Vertreter Fräulein Mo­litors, Rechtsanwalt Pannwch, beantragten Verhaftung wurde Ab­stand genommen, da e5 sich um ein Privattlageversahren handle.

©nefen, 23. Juni. Im Prozeß wegen des Eisen­bahnunglückes in T r e m e s s e n wurden 2 Angeklagte zu 8 und 3 Monaten, einer zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt, die an­bereit freigesprochen.

Sport.

Brunsbüttelkoog, 23. Juni. Der Kaiser begab sich um 10 Uhr an Bord desMeteor". .Um 12.45 Uhr begann die S e gelwetlfahrt des Norddeutschen Regal ta- v er eins auf der Unterelbe. Mit dem ersten Stan gingen Meteor",Hamburg", vomelcipner" und Torpedoboot begleitet. Cobra" als Begleitschiff des Norddeutschen Negattavereins und zahlreiche andere Dampfer folgten der Wettfahrt. Die Jachten mußten auf der zweiten Hälfte die Bahn kreuzen.Hamburg" ging um 4 Uhr 45 Min. durchs Ziel;Meteor" später. Der Kaiser begab sich um 71/, Uhr auf dieOeeana", wo er die Ver­teilung der Preise der Regatta vornahm. Bel dem Diner toastete Dr. Burchard auf den Kaiser; der K a i s e r erwiderte in län­gerer Rede.

Vermischtes.

* Primanerin und Braut zugleich. Aus Hessen wird derTäglichen Rundschau" geschrieben: Bekanntlich hat man seit einigen Jahren in Baden, Hessen und anderen Teilen Deutschlands für die höheren Schulen die (im allgemeinen sich vorzüglich bewährende! D. Red. d. Gieß. Anz.) Kveduklion ein- geführt. Aengstliche Gemüter sagten schon damals: was soll aber werden, wenn sich eine Oberprimanerin verlobt? Diese Frage ist nun im Lande Hessen praktisch gelöst worden. Eine Ober- primanerin hat sich össentlicht verlobt. Als dieHerren" Ober­primaner der betreffenden Anstalt vor den Pfingstferien die Kunde nach S?aufe brachten, eine ihrer Kameradinnen habe sich verlobt, da hielt man daS in den beteiligten Eltern kreisen zunächst für eine Fabel. Als die Kunde sich belvahrheitete, glaubte man, die junge Dame werde die Schule verlassen, aber siehe da, sie nahm nach den Ferien ihren alten Platz in der Oberprima wieder ein, von den Herren und Damen der Klasse ob ihres Verlobungs­ringes angestaunt und bewundert. Es gibt, so munkelt man in amtlichen Kreisen, keine Bestimmung, wonach die Braut veranlaßt roecoen könnte, die Schule zu verlassen. Man könnte ja über diesen Fall allerdings tiesgründige Erörterungen anssillen. Aber lassen wir das! Stellen wir uns auf den Boden der in Hessen geschaffenen Wirklichkeit. Welch herrliche Aussichten eröffnen sich uils. Es ist doch sonnenklar, ivas den Damen der Oberprima erlaubt ist, den Herren dieser Klafse nicht versagt werden kann. Wer will einen Oberprimaner Isindern, sich mit einer Kameradin zu verloben, die neben ihm sitzt und die so gute Aufsätze schreibt.