Nr. 224
Erscheint täglich mit Ausnahme de» Sonntags.
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d Müller Qnna geb. Stump/, '908.
Rotationsdruck und Verlag der Drühl'schea Universums - Buch- und Steint>ruderet R. Lange, Gießen.
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Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition iutb Verlag: e<ä»5L Redaktion: ^^112. Tet-AdruAnzeigerDleßen.
verband deutscher Gewerbevereine.
ii.
R. V. Darmstadt, 22. September.
In der heutigen letzten Verhandlung wurde zuerst ber Haushaltsplan für 1908/9 beraten, der in Einnahme und Ausgabe mit rund 15 000 Mk. balanzicrt. Als Ort
Tie „Gießener §amilienbI2tter" werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Kteisblott für den Kreis Sieben" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seit- fragt!“ erscheinen monatlich -wennal.
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Sven Hedin unb yoei seiner Begleiter einmal verloren, hatte das Gute, daß er alle Spuren verwischte. Tie unbekannte Strecke enbigte in Tongtso, genau auf bem 32. Grad nördlicher Breite, wo Sven Hedin sckwn 1901 geiDefen war.
Am 8. Riär-, stieß mau plötzlich auf steinerne Häuser, die Residenz der lokalen Obrigkeit. Doch nur ein Lama aus Lhasa war anwesend, der in einem großen Zelt, einem verschiebbaren Tempel, lebte. Don dort zog Sven Sxbin zwischen dem 32. unb bem 30. Breitengrad südwärts dem Brahmaputra zu, passierte den un- gcheuren Eisberg von Shakangscham unb kam durch den Ladang- paß ins offene Tal: die Provinz Bongba, die noch kein Europäer betreten hatte, lag vor ihm. Er entdeckte den Chunitso-Sce unb hörte, von dem großen Salzsee von Taüia Tsakha. Er sah bie 2000 englische Meilen lange Berglette mit Schneegipfeln unb Gletschern vor sich, und er fand Oberlauf unb Ursprung des Chartatsango, eines Nebenflusses des Brahmaputra.
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meffen — rückständigen Kultur. Wir stehen hier vor der unerbittlichen Logik gegebener, nach mechanischen Gesetzen incinanbergreifcn- der Zustände, die sich weder im ganzen von heute auf morgen mnwälzen noch auch einzeln nach uni crem Belieben aussck>alten unb durch andere, unserer Ideenwelt entlehnte Glieder vertauschen lassen. Was aber schon heute erreicht werden kann und unbedingt erreicht werden muß, das ist die Hiunanisierung der Todesstrafe, der Bollstreckung der Strafe. ES ist unnötige unb darum unentschuldbare Grausamkeit, mittelalterliche Tortttr, den Verurteilter erst alle unausdenkbaren Qualen der Todesangst durchkosten zu lassen und chn dann nach dem ebenso umständlichen wie priini- tiven Verfahren unserer Urväter abzuschlachtcn. Wozu haben wir denn unsere medizinische Wissenschatt, unsere Chemie ? Em paar Tropfen Zyankali täten's auch. Unb menschlicher! Auf der Stelle. Erne Sekunde nur — ein jähes Aufblitzen, und — cs ist Nacht. . ."
— Ein neuer Rubens. Im Dörfchen Kalisz in russisch Polen wurde über dem Altar der Sankt Nikolas- Kirche ein Bild von Rubens, das die Kreuzabnahme darstellt, entdeckt. Der Universitätsprofessor Graf My- cielski ist von der Echtheit des Bildes überzeugt. Nach seinen Forschungen wurde das Gemälde im Jahre 1621 von Rubens gemalt und der Sankt Nikolas-Kirchc einige Jahre später von Peter Leruski, dem königlichen Sekretär geschenkt. Tas Gemälde stellt den heiligen Johannes und Joseph von Arimathin bei der Kreuzabnahme bar. Nach Ansicht Mycielskis ist bieses Bild eines ber schönsten Werke von Rubens.
— Fl eine Chronik aus Kunst und Wissenschaft, «nnnp Deilimi, bie Primadonna der Berliner Howocr, hat kürzlich bet ihrem letzten Gastspiel in Prag durch einen Fall eine leichte Gehtrnerschutterung erlitten. Im Bestnden der Künstlerin ist dis letzt feine Beyeruug eingetreten. Tie Patientin beabsichtigt in ben nächsten Tagen, sofern ihr Zustand es erlaubt, nach Böhmen aufs Land zu gehen. — Professor Peterien, der Tircktor der Kal Zeichenakademie tn Hanau, wurde an die Unterrichtsanstalt des' Kgl. Kunstgewerbemuseums Berlin berufen. — Jean be Resste der beruhmte^e.wr ,st zumTirektor berWarschauerOper ernannt morden. — G u st a v M a h l e r s 7. Symphonie wurde in Prag mit geradem glan8e,ibe.n Erfolge auiaesuhrt. Tas Werk zeigt e,ne Nette, bie ihn in d-e Reihe der besten Musfter untere Zeit iteUt. Tie Beherrschung, der Technik grenzt ans Fabel ha,le. J 8
— Todesstrafe? Zu dieser au5 Anlaß der Hinrichtung der Grete Beier wieder viel erörterten Frage schreibt der Herausgeber des Türmers (Frhr. v. Grotthuß: „Ich glaube zwar nicht, daß bie Abschaffung ber Strafe die Bande ber Gesellschaft wesentlich lockern würbe, wohl aber, daß erhöhte Energie unb Skrupellosigkeit des Verbrechens auf ber einen, entsprechend vermindertes persönliches Sicherheitsgefühl auf der anderen Seite die nächsten Folgen wären. Ein solcher auf die Dauer erbitternder Zustand würbe aber bald einen Umschwung ber öffentlichen Meinung zugunsten ber Todesstrafe bewirken, unb ber Ruf nach ihrer Wiedereinführung um so lauter ertönen, je mehr sich im Volke bie Neigung zeigte, in besonders aufreizenden Fällen selbst Justiz zu üben. Wer bie Volkspsyche kennt, wer beobachtet bat, wie leicht Maisenempörung selbst zu lebensgefährlichen Tätlichkeiten auch bei geringeren Anlässen hinreißt, wird bie Gefahr einer solchen blinden Volksjustiz nicht unterschätzen unb bie Sühne, auch bie schwerste, lieber den staatlichen Gewalten anvertrauen. Damit soll indessen keineswegs gesagt sein, daß die Todesstrase nun auch ein unveräußerliches Erbteil ber Menschheit bleiben, daß sie in alle Zukunft beide halten werden muß. Ich bin der tröstlichen Zuversicht, daß dereinst Geschlechter ohne Todesstrafe auf dieser Erde leben und sicherer leben werden als wir mit ihr: daß eine künftige Menschheft es kaum begreifen roirb, wie wir zu einem so rückständigen Mittel unsere Zuflucht nehmen tonnten. Tenn bie Todesstrafe ist eine rückständige Einrichtung, aber nur eine unter unzähligen; der Ausfluß einer — an ben Maßstäben möglicher Entwicklung ge-
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Die vierfache Ausgabe der zinanzresorm.
ed:rittronfc ivito bic Leisen,lichkeil in die Geheimnisse brr bevorstehenden Reick-ssrnanrreform eingciocibt, wohl damit das schrecken nachher nicht zu groß wirb. So veröffentlicht die Norddeutsche Allgememc Zeuuug" unter dem 22. b. M einen ..ingcr en 'Jlrtifei des Staatssekretärs Sybow über bie vierfachen Auf- laben ber neuen Reichsfinanzreform. Tort heißt c-s-
Y?~Ln,Vblc Gesetzennvürie zur ^yina^u- orm im Bundesrat nngeoracht nnd, tritt oer Slaatsiekretär des Reichssckratzamtes mit emer veriönlrck)en Acußerung aus der von ihm bisher not- ivendigerwettL bewahrten Reserve hcraus, so den erhobenen An- Ms der Geheimniskrämerei durch bic Xat widerlegend. Tas S1 « $ur Ausgabe gelangende Cftoberyeft der „Deut-
1ä>-,dxni rn!? 1: einen Aussatz über „Ausgaben und Wege Rera^-sinanzreiorm" vom Staatsminister Sybow
Ausgehend von bem Spotte, mit bem ausländische Blätter nc smanuellen Schwierigkeiten Deutschland begleitet haben, er- )rtat der Staatssekretär zunächst bie tatsächliche ö-inaiylage. Die unbrerte Reicks chu Id, bic 1877 erst 72,2 Millionen Mark be- xug, ist gegenwärtig auf 4 V* Milliarde an gewachsen, wozu noch ine hohe schwebende Schuld hinzu tritt. Die alljährlich wieder- .chrendc starke Beanspruchung des Geldmarktes ist von einer Er- )ol)ung des Zinsfußes der Emissionen begleitet gewesen, für die :>_cr Staatssekretär einige charakteristische Zahlen gibt, ebenso wie ur den niedrigen Stand der brutschen Renten. Diese Verschlecht • nmng bcr_ önnan3en aber habe sich in einer Zeit stark zunchinen- 4,en Wohlstanoes vollzogen. Er sagt daher: „So kann es ’■ t-a r s es nicht fort gehen. Tiefe Ueberzeugung hat lch nachgerade m allen politischen Parteien ohne Ausnahme Lurchgesetzt, sie ist im Begriff durch die in biefem Punkte übtrein- timmenben Erörterungen ber gefaulten Preise zum Gemeingut le4 deutschen Volkes zu werden."
Die Ausgabe der Reform ist eine vierfache: Tiunahmen und Ausgaben sind in Einklang zu . ringen; mit der bisherigen An leihe wirtschaft st zu brechen, der Kapitalmarkt muß von den g ro- ,cn Betrag en kurzfristiger Schatzanweisungen ntlastet unb baß finanzielle Verhältnis von .eich und Bundesstaaten neu geregelt werden. Hierzu -chars es neuer Grundsätze für die Tilgung, einer Verstärkung des ...etriebsfoiids der Reichskasse durch Eröffnung oes Postschcckvcr- "hrs, burd) Beseitigung der Vorschüsse an die UnsallocrusS-Go o,seus>pajten unb des Systems der gestundeten Matrikularbeiträge. .bcr Minister erörtert die nwgjidxm Ersparnisse unb den sodann och verbleil-endru Mehrbedarf, ben er in eingehender Begrünung auf 2 bis 2V.i Milliarden Mark für bic nächsten ö Jahre rechnet. Tiefer ,ctzt sich zusainmen ans ben vorhandenen Zehl- •trägen, auS den Neuansorderungen der Sozialpolitik durch Wit- u:cn- unb Waisenversicherung, ber Erhöhung ber Beamtengelstiltcr, a m notwendig werdenden. Zuschüssen für den Reichs in validen- ’ ilds, den erhöhten Summen für bie Schuldentilgung unb für. to;e Ablösung der gestundeten Matrikularbeiträge, den Ausfällen li<i der Absetzung Lier Zucker- unb Beseitigung bet Fahrkartcn- Umicr. Ta bic in Aussicht genommenen Einnahmen nicht als- äelb voll zur Wirksamkeit gelangen, ergibt sich ein Ja h res- r,ctrag von annähernd 500 Millionen Mark.
Ter Staatssekretär zweifelt nicht, daß, wenn auch über das cogramm selbst eine Einigkeit ber Parteien vorhanden wäre, b--ch über die Mittel zur Durchführung heftiger Streit i -fbrennen würde. Tie Schlagworte „hie direkte, hie indirekte Steuer" hält er für wenig geeigne, zum Schiboleth zu werden, .^solche sormelle Unterscheidung treffe nicht den Ktzrn der Sache. 1 Int ben Streit auf ben richtigen Boden zu stellen, muß man den L tcuern, bic Vermögen unb Besitz (die Einnahmen) treffen, bic- ixnigcn gegenübtrfbcUcn, bic auf ben Verbrauch (den Ausgaben) Imegcn." vier muß nun das Reich in FrieoenSzciten ben historischen Verhältnissen unb den Interessen ber Bundesstaaten Reck>- icntg tragen. Tenn Reich unb Staat sind ein unteilbares Ganzes. Die Kulturarbeiten sind zwischen beibcit geteilt; nur wenn beide pnosperieren, tönneu sie gedeihlich erfüllt werden. Dazu gehört ll kcI), daß die verfassilugsmäßige SelbstänbigkcitberBuw- d es sta a t c n vom Reiche nicht angc taftet wird. Diese tat aber die finanzielle Selbständigkeit zur Voraussetzuiig. Gutem öunbcvilaat, der mit feinen Finanzen zusammenbrache, bliebe nar übrig, sich durch einen Akzessionsanttag einem kräftigen Mmbesstaat anzuschließen. Geschähe dieses in größerem Ätaße, |co müßten die Gruiidlagen ber llteichsverfassung ins Wanken geraten. »
Die Einkommensteuern sind bereits von den Einzel- {toaten und Kommunen stark ausgebaut, „allein in Preußen gibt cs 250 Städte unb Landgemeinden, bie Zuschläge zur Staats- cäikommensteuer von mehr als 200 Prozent (es finben sich solche br3 zu 425 Prozent), barunter fast 100 mit 250 Prozent unb
Sven hedinr Reise.
In der „Times" beginnt ber Korrespondent des Londoner Vk'attes in Simla einen großen Bericht über die zweite Tibetreise, dift Sven Hedin numuebr vollendet hat. Es> ist die erste, autbentiidye unb umfassende Tarstellimg. Die einzelnen Etappeit sind die Auffindung ber westlich vom Ä^ansaroioa-Sce gelegenen Quellen des Lläahmaputra, des Indus unb des Sudlet unb die Verfolgung ber Ächirgskctte von Bong ha, die den Himalaja an Höhe übertrifft.
Am 4. Dezember 1907 machte Sven Hedin sich auf den Weg. Lin bic tibetanischen unb chinesischen Behörden zu täuschen, wurde e-.iic ganz neue Karawane in Leh (Kaschmir) organisiert unb das -rächt verbreitet, der Zug solle durch tthotau hindurch, die etrai.c rud) Peking entlang. Die Spione witterten die List nicht So pvmdertc die Karawane, bic aus 11 Mann und 40 Tieren bestand, ui:b mit Vorräten für drei Monate versehen war, nordwärts, budj zwei Tagereisen vom Karakorampaß bog sic direkt jiad) Kiten aus.
Tie Leiden begannen. Schnee fiel, und einige Tiere kamen um, doch wurde im Januar der Aksai-Ehin-Scc erreicht, vier gc- liimg eine Anknüpfung an die kartographischen Beobachtungen irihrend der ersten Reise. Tann fiel ber Schnee -tag unb Jlaa)t, bi2 Straße wurde ungangbar, bic Situation der Karawane Der» poeifelt. Am 15. Januar wurde die niebriglbc xemveratur re- (ji tricrt: — 39,8 Grad Celsius. Sven Hcdins Fü,ze ^waren farii erfroren, alle Schafe gingen ein. Schließlick» kam ber -rrupp, tetr 64 Tage kein Lebens-zeickjen geseh.n batte, nach e'bemcntio. üott versorgten Jäger die Expedition mit Antilopen- unb — chas-
1 Ein zwanzigtägiger Marsch nach Ostsüdost folgte. Man kam
Lemchang-See. Unterwegs wurden verlassene Goldfelder und Aasscrkanälc zum Waschen des Goldes erblickt: die Goldgruoer jrr.b nur int Somnier an der Arbeit, bie von til>ctaniicheu Be- enten regelmäßig kvntrollierr wird.
Jetzt ging es ins Unbekannte. Sven Hedin verbrannte arte ftsne europäischen Kleider unb die Tv.rnsportkiften. ^nftrumenle rrb Geld wurden in Säcke mit Reis versteckt. Sven ©cbin ver- nuummtc sich als Ladakh, bemaitc sich täglich Gesicht und Nande ipit schwarzer Farbe und spielte, wenn Nomaden fich näherten, tan Schaftteiver Haji Baba. Manchmal schöpften bie Eingeborenen Erdacht, es sei in der Karawane ein Europäer.
Mitte Februar setzte ein wütender Südweststurm ein, ber zwec gjXonate dauerte unb Sand und kleine Steine mit sich trug, x« g4te konnten nicht befestigt werden. Der Sturm, in dem fuh
eine Lebensfrage für daS Deutsche Reich unb seine Gliedstaaten. Sie muß geläft werden und -war jetzt, da jede HinauSschiebunA die Lösung nur noch erschweren kann. Ich vertraue darauf, daß diese Erkenntnis sich im 'Reichstage ime im deutschen Volte in ihrem vollen Ernst.' durchsetzen wird. Es scheint mir kaum denkbar, daß das Gedeihen, ja der Bestand des Teulschen Reiche- das mit so viel Arbeit, so viel Jdealiomus, so viel SelbstlosiAkeir unb so viel Blut geschafsen unb zusammen gekittet ist, qusS Spiel gesetzt werden sollte, iveft da- deutsche Volk trotz feiner ftciaai- ben Wohlhabenhett nicht die zur Erhaltung des Reiches erforber- lichen Mittel hätte auibring-.m wollen."
Deutsche» Neich.
Da§ Kaiserpaar ist gestern iuiI) Rom inten ab- gercist.
Die deutsche Antwortnote auf bie ibentische französisch-spanische Note in ber Marokko - Angelegc n- heit wurde gestern vom Staatsfekretär des Auswärtigen Amtes v. Scl)ocn bem franzöfischen Botschcrster Eambvni unb bem spanischen Geschäftsträger in Berlin übergeben. Der Reichskanzler ist gestern abend wieder nach 9ä)i:b er ne t> abgereist, wo er bis zum 8. Lktober zu bleiben gedenkt. Staatssekretär v. Sdjoen hat sich nach Berchtesgaben begeben, wo er am Freitag ben Besuch bes russischen Ministers des Aeußern Iswolsky empfangen wirb. Tie hohe Politik hat also in Berlin toieber Ferien.
Bei ber Reichstags ftichwahl int 2. Braunschweigischen W ahltreise Wolssenbüttel-Helmstabt würben nach bisher eingegaitgenen Meldungen abgegeben: für Kleye (Ser. nat Parteien) 15427, für Riete (Soz.) 8894 Stimmen. Kleyes Wahl erscheint somit gesichert.
Die Verhandlung gegen Bürgermeister Dr. Schücking-Hujum vor dem Beztrksausschuß in Schleswig, bie auf ben 29. September anberaumt war, hat eine abermalige Hinausscbiebung erfahren. Wann ber neue Termin anberaumt werden wird, steht noch nicht fest.
Koloniales. Die Deutsche Kabeltelegrammgesellschaft meldet aus Windhuk, Simon Eopper sei auf benv Kriegspsade unb ber Osten bes fübwestafrikaitifchen Schutzgebietes für Weiße gesperrt. Nach Erkuttbigungen im Reichs- kolonialamt ist bort von allcbetn an zustänbiger Stelle nichts bekannt. Unsere Ostgrenze wirb burd) wieberholte Kamelreiter-Patrouillen, soweit bas überhaupt geht, bc- ivad)t. Möglich, baß Simon Copper seinen bisherigen. Aufenthaltsort ber Viehweide wegen verändert hat. Darum wäre er noch lange nicht auf bem Kriegspfabe.
Im neuen oldendurgischen Landtage werden bie Abgeordneten beS Bundes der Landwirte verstärkt wieder- kehren. Die Sozialdemokraten werden voraussichtlich fünf Abgeordnete haben, darunter vier auS dem Amte Rüstringen, das die Vororte von Wilhelmshaven umfaßt, und eine aus dem Fürstentum Birkenfeld. Der Sitz im Fürstentum Lübeck ist für die Sozialdemokratie al§ verloren zu betrachten. Im Amte Rüstringen, das 83 sozialdemokratische Wahlmänner und keinen einzigen bürgerlichen stellt, wurden 1389 sozialdemokratische und 500 bürgerliche Stimmen abgegeben. Die Bürgerlichen in der 12 500. Emwoener zählenden Gemeinde Heppens hatten sich nicht einmal so weit auf gerafft, eine eigene Liste aufzustellen. Zu den wichtigen Vorlagen, die den neuen oldenburgifchen Landtag beschäftigen werden, gehört, ebenso wie in Hessen, die Wah lrechtsreform, die die Einführung beS gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts gewährleistet. Diese Vorlage ist von dem alten Landtag bereits genehmigt worden, bedarf aber einer nochmaligen 'Anerkennung, weil eine Verfassungsänderung dadurch bedingt wird. Ein besonders harter Kampf roirb sich um das zu erroartende neue Schulgesetz entspinnen.
mehr erheben. Ein Zuschlag von 200 bis 250 Prozent ergibt bereits eine Belastung des Einkommens von im ganzen 12 bis 15 Pro nm. Hierzu kommen bann noch die oft nicht unerheblichen Zufckftäge für Kirchen», Schulsteuern und Aehnliches."
Daraus ergibt sich bic Notwendigkeit einer Der- brauchsvestcuerung durch das Reich. Ohne Besteuerung des Massenkonsums, bie in Deutschland bis jetzt weft weniger entwickelt ist als in anderen großen Staaten, laßt sich der Fehlbetrag nicht decken. Branntwein, Bier unb Tabak sind „fckwn um deswillen besoichers geeignete Steuerobjeftc, weil sie reine Gcnußmittel sind und bafcr bie Unterwerfung unter die Steuern seitens der Konsumenten in gewisser Weise den Charakter ber Freiwilligkeit trögt ... ES muß nur bafür gesorgt werben, baß die ©teuer auch wirklich auf die Massen übergeben kann unb nicht im wesentlichen auf bem Gewerbe hängen bleibt, damft nicht blühende Industrien ruiniert werden." Ob nun Steuern auf andere Gegenstände des allgemeinen Gebrauchs zur Aufbringung der erforderlichen Mittel herangezogcn werden sollen, bleibt mit Rücksicht auf bie noch nicht abgeschlossenen Vorarbeiten unb schwebenden Verhandlungen unerörtert. Tab sich darunter eine Steuer auf Schaum- und stille Weine in Flaschen befindet, wird an gebeutet
Zur Sck-assung eines Ausgleichs erklärt eS ber Minister für unbedingt geboten, bie Verbrauchssteuern durch Abgaben zu ergänzen, die ben Besitz treffen. Nach motivierter Ablehnung gewisser Vorschläge, wie Dividenden-, Umsatzsteuer usw. befürwortet er bie Besteuerung ber Erbanfälle durch Einführung einer allgemeinen Nachlaß st euer, die den Nachlaß als solchen trifft. „Wenn man kleinere Vermögen unter 10 000 bis 20 000 Pfttrk frei läßt, bie Steuersätze selbst mäßig bemißt unb bic Sonder- beftimmungen für ben Grundbesitz, bic in Würdigung seiner Eigenart schon das bcftehende ElLsä-aftssteuergesetz vorsieht,^noch dahin erweitert, daß die auf ben Grundbesitz fallenden Steuern in Form einer Rente bezahlt loerben können, so trägt man allen berechtigten Einwänden Rechnung." In eingeh.nder Auseinandersetzung mit den Gegenargumenten betont der Minister „feine feste Ueberzeugung", „daß eine Finanzreform lediglich auf Gebrauchsabgaben ein Ting der Uimwglidjteit ist und daß die Hinzufügung ber allgemeinen Nachlaß st euereine conditio sine qua non für das Zustandekommen ber Reichsfinanzreform bildet." Auch der Vorschlag, bei testameiftlosen Berlassenschaften den Fiskus an Stelle entfernter Seitenverwandten zu setzen, wird akzeptiert.
Endlich sollen die Matrikularbeiträge über ben gegenwärtigen Satz von 40 Pfg. hinaus erhöht, der Mehrbetrag aber durch Vereinbarung von Bundesrat und Reichstag für eine Reihe von Jahren fefbgelct toerbgen. „Auf diese Weise käme das Qlwtisierungsrecht des Reichstages, und zwar bei einer den Besitz belastenden Auflage, zur Geltung, und die Bundesstaaten wären für eine Reihe von Jahren gegen Ueberraschungen von Seiten des Reichs gesichert. Eine berartige Ordnung hätte noch eine sehr wichtige Folge; sie würde die Stellung des Reichssck)at>- sekretärS bei ber Aufstellung des Reick>shaushaltsetats außerordentlich stirken. So lange die Veoveisung von Ausgaben des Reichs auf bie Matrikularbeiträge nicht begrenzt ist, fehlt dem Schatz- sckretär gegenüber den Anmeldungen der Ressorts der wirksamste, weil allein überzeugertde Einwand: non haboo pecuniam, es ist kein Geld bafürba. Sind dagegen bie Matrikularbeiträge per Loben» weise gebunden, so steht ihm ein Argement zur Seite, dessen zwingender Logik sich kein Ressort entziehen kann." Eine solche Schließung des Ventils ber gestundeten Matrikularbeiträge sei wirksamer als alles andere, insbesondere auch als die vvrgcschlagene Sdxiffung eines selbständigen Reichsfinanzministcriums. Tenn auch bei einer kollegialen Zusammenfassung ber Chefs der Reichs- ämter könnte ber Reichskanzler in grundlegenden Fragen sich nicht überstimmen, lassen und müßte seinen Willen genau )o durchsetzen können als jetzt, wo ihn: die Staatssekretäre nachgeordnet sind.
Endlich werden die der Lösung ber Ausgabe cnlgegenstehcnden Hemmnisse besprochen. Einnral bic Agitation ber Interessenten insbesondere vom Tabakverein, sodann die verschiebenartige Stellung der Politischen Parteien. Ten oerbünbeten Regierungen müsse daran gelegen sein, „daß ein Werk, das so tief in das gesamte wirtschaftlick-e LtLen ein greift, von einer möglichst großen Mehrheit angenommen wird, damit auch nach seiner Verabschiedung in bie Bevölkerung das Verständnis von der politisckien Notwendigkeit der getroffenen Maßregeln nwglichst weit einbringt." Es handle sich nicht barum, daß bic Fürsten Geld brauchten, wie jüngst geschrieben wurde, „nickst die Fürsten leiben Not, nicht die Regierungen, sondern das gesamte deutsche Volk. Man mache sich nur einmal klar, welche Folgen das Scheitern ber Finanzreform brächte . . . Eine lange Reihe von politischen Kämpfen, ein bellum omniuin contra omnes würde sich anknüpfen, bis es endlich durch neue Parteikonstellation gelänge, bie Ordnung ber bis dahin noch ärger verwirrten Reichsfinanzen herbeizuführen."
Ter Aufsatz schließt: „Die Ordnung der Rcichsfinanzen ist
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Zweites Blatt 1S8. Jahrgang Mittwoch ^3. September 1808
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen


