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23/07/1908 Zweites Blatt
 
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Nr. 171

Redaktion. Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 5L

Redaktion: u^. Tel.-AdruAnzeigerGießen.

Zweites Blatt 158. Jahrgang Donnerstag 23. Juli 1808

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Dre Lietzener ZamMenblStter- werden dem U 8H 8 KI |^Z ftZ g U g< | fl A/v" O Umo-rs.tätS-Buch, und Steindruckerei.

.Anzeiger^ viennal wöchentlich beigelegt, das ä,^Lr BT|| 9L- 9, Wz |L S R. H 8 §_. 2ange, liegen.

Kretsblatt für den Kreis Stehen" zweimal V IV * V V W H W" W V

wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit- - - ** * w

fragen erscheinen monatlich zweimal. General-Anzerger für Oberhessen

politische Tagesseha«.

Zur Lage in der Türkei.

Mehrere diensttuende Offiziere des Yildi- sind gestern verhaftet worden. Sie stehen im Verdacht, sich um den Günstling des Sultans, Izzet, geschart zu haben, um den Sultan zur Abdankung zu zwingen. Der Großvesir Ferid Pascha ist durch ein Jrade des Sultans abgc- s e d.t worden. Zum neuen Großvcsir wurde an seiner Stelle Said Pascha vom Sultan ernannt. Ferner wurde zum Kriegsminister der Chef des Generalslabes, Marschall Omer Rueschdi Pascha ernannt. Gestern begaben sich die beiden neuernannten Minister mit den übrigen Ministern zum Palast, um dem Sultan zu huldigen.

Au8 Persien.

Als Ergänzung der Berichte aus Täbris erfährt die Petersb. Telegr.-Ag.", daß während des Kampfes zwischen den Verteidigern des int Dawatschibezirke belegenen Endschumens Jslamie und den Einwohnern des Ihm» rakhibezirkes, den Sattar Khan verteidigt, auch Geschüüe zur Verwendung kamen. Die Basar­läden sind von den sie besetzenden Bewaffneten geplündert worden. Sattar Khan drang des Nachts aus Umwegen mit seiner Reiterei in den Dawatschibezirk ein. Ein aus Teheran nach Täbris gesandtes Bataillon lief auseinander, da es weder Sold noch Brot erhielt, an dem in der Stadt der größte Mangel herrscht. Die Revolutionäre verloren gestern abend die am vorhergehenden Abend den Anhängern des Schahs abgenommenen Verschanzungen. Ein Sohn Rakhim Khans wurde im Kampfe getötet. In der Frühe des heutigen Tages riesen Trompetcnsignale die Bevölkerung zur Moschee und auf die befestigten Stellungen. Der Kampf begann von neuem. Die Telegraphcnlinien nach Teheran und Rußland sind zerstört.

Ausweisung eines Gesandten.

Ein Telegramm aus Caracas meldet: Präsident Castro wies den niederländischen Gesandten de Neus aus. Der venezolanische Minister des Aeußern sandte dem Gesandten die Pässe mit einer Note des Inhalts, daß im Hinblick auf die Anschauungen, die de Reus in einem am 9. April an den Präsidenten Castro gerichteten Schreiben zum Ausdruck brachte, dieser ihn für ungeeignet erachte, m freundschaftlichem Sinne als Mittelsperson für die Be­ziehungen zwischen Venezuela und den Niederlanden zu wirken. Wie aus Caracas weiter gemeldet wird, ist das von dem niederländischen Gesandten de Neus am 9. April an Präsident Castro gesandte Schreiben wahrscheinlich die Antwort auf die Aufforderung Castros, in Holland ein wachsameres Auge auf die holländischen Schiffe zu haben, die zwischen Lagueira und Curacao verkehren und auf denen häufig venezolanische Revolutionäre unter falschem Namen geflohen sein sollen. Diese Ereignisse liegen vor der Schlie­ßung Curacaos für die venezolanischen Schiffe wegen der in Lagueira herrschenden Pest, durch welche große Unruhe hervorgerufen wurde.

Lin hessischer Gedenktag.

Zum 2 8. Zuli.

Nach dem Siege der verbündeten Hessen, Hannoveraner, Braunschweiger und Preußen unter dem Herzog Ferdinand von Braunschweig am 23. Juni 1758 bei Krefeld über die Franzosen, wurde ein schwaches hessisches Korps unter dem Prinzen Johann Kasimir zu Jsenburg-Birstein zur Beob­achtung der französischen Truppen in der Wctterau in die Linie Fulda-Gießen-Wetzlar vorgetrieben. Das Korps mußte sich aber am 20. Juli vor der überlegenen Macht der von Frankfurt a. M. vordringenden Franzosen unter dem Herzog von Brogli zurückziehen. Es zog bei Kassel vorbei über die Fulda und nahm auf einer Anhöhe bei Sandershausen Stellung. Ihm folgte aus dem Fuße der Herzog von Brog- lw. Er traf am 2 3. Juli 175 8 in Kassel ein und beschloß

sofort am selben Tage das hessische Korps bei Sanders­hausen anzugrerfen und aus seiner Stellung zu verjagen. Daraus entspann sich ein merkwürdiges Gefecht. Gegen Mittag zogen die Franzosen wohlgemut, als ging es zum Tanze, zum Leipziger Tore hinaus, stutzten aber, als schon aus den nächsten Gärten, wohin sich eine Kompagnie hessi­scher Jäger aeschlichen hatte, mörderische Schüsse fielen, wodurch das Vordringen der Franzosen ins Stocken geriet. Der Jäger-Kapitän hatte seinen Leuten den Befehl gegeben, nicht eher zu schießen, als bis die Franzosen ganz nahe heran wären; dann sollten sie ihnenüber das Kreuz" halten, d. h. über die Stelle, wo sich die we-ißen Bandeliere der Patrontasche und des an der linken Seite getragenen Schnappsacks (Gepäck) kreuzten. Plötzlich ertönte für die Jäger das Signal zum Rückzug, nachdem sich die Reihen des Feindes erheblich gelichtet. Denn französische Kavallerie war durch die Fulda geritten und drohte den Jägern in den Rücken zu fallen. Isenburg konnte den feindlichen Reiter­geschwadern nur zwei Schwadronen entgegenwerfen. Unter beständigem Plänkeln drangen die Franzosen bis zum Fuße der Anhöhe vor, wurden mehrmals aber heftig unter großen Verlusten zurückgeworfen, so daß cs dem kleinen Korps der Hessen nur an Kavallerie fehlte, um den vollständigen Sieg zu erfechten. Unter den Gefallenen befand sich Oberst Achill Josef von Broglio, ein Vetter des Herzogs. Bis zum Abend behaupteten die Hessen ihre Stellung und zogen sich darauf nach Münden zurück. Die französische Armee gedachte dieses blutigen Tages mit Schrecken, die Hessen hatten dagegen ihrem Nuhmeskranze einen neuen unverwelklichen Lorbeer eingefügt. Daran sei heute nach 150 Jahren erinnert.

Deutsches Üeich.

Die Kaiserin verläßt am 1. August vormittags Schloß Wilhelmshöhe und begibt fiel) nach Swinemünbe, um von da mit den: Kaiser auf derHohenzollem" die Reise nach Stock­holm zum Besuche des Sck-wedischen Königspaarcs anzutreten. Las Kaiserpaar trifft am 8. August wieder auf Schloß Wilhelms- hühe ein. Der Kaiser reist am Abend des 10. August nach Schloß Homburg v. d. Höhe zur Einweihung des Denkmals der Land- gvafin Elisabeth von Hessen-Homburg, geborenen Prinzeß von Großbritannien und Irland am 11. August. Die Kaiserin und Prinzessin Viktoria Luise von Preußen begeben sich ebenfalls am 10. August zum Besuche der Hessischen Herrschaften nach Schloß Friedrichsl)vf im Taunus, um dort tags darauf König Eduard zu begrüßen, der am 11. August vormittags auf Fried- richshof ein trifft und am Abend die Reise nach Marienbad fort­setzt. xer Kaiser trifft zur Begrüßung des Königs von England am Nachmittage des 11. August von Homburg ebenfalls aus Schloß Friedrichs Hof ein.

Die Erbschaft der freireligiösen Gemeinde zu Breslau. Obwohl der Großherzog von Hessen der Breslauer freireligiösen Gemeinde auf Grund ihrer Eintragung in das Ver­einsregister von Offenbach die Genehmigung zur Annahme der L-mten Müllerschen Erbschaft erteilt hat, verweigert der Nach- laßpsleger Rechtsanwalt Bucka (Breslau) die Auszahlung der Erbschaft wegen des Widerspruchs der preußischen Minister des Innern und des Kultus. Die freireligiöse Gemeinde hat des­wegen eine Eingabe an den König gerichtet.

Die Sondergesandtschaft der Negerrepubli k Liberia ist gestern auf dem Lehrter Bahnhof in Berlin ein­getroffen und dort von einem Mitgliede des Auswärtigen Amtes und einen. Dolmetscher empfangen worden. Die Gesandtschaft ist für die Tauer ihres Berliner Aufenthalts Gast des Deutschen Reiches.

t e r sch a ch er in der Ostmark. Wiederum wird der Uebergang eines größeren Gutes aus deutschem in polnischen Besitz gemeldet, und zwar aus dem Kreise Großwartenberg in Schlesien. Tas 2200 Hektar große Rittergut Großwoüsdorf, das Herr Anton Müller kürzlich von Herrn von Schmcling er­worben hatte, hat Müller jetzt an Czikanowski aus Hohensalza verkauft. Kann man es den Sozialdemokraten verdenken, menn sie über deutschen Geldsackpatriotismus spotten. Ein Pole wird um pekuniärer Vorteile willen niemals auch nur einen Fuß­breit Landes an einen Deutschen verkaufen; solche nationale Gesinnungslosigkeit ist leider nur auf deutscher Seite zu finden.

Parteitagung. Der Reichsverband der Vereine der nationalliberalen Jugend hat seine diesjährige Ver­

treterversammlung auf den 10. und 11. Oktober nach Elber -s feld cinberufen.

Zum Kapitularvikar des Bistums Er m land ist' soeben der Domprvpst Dr. Dittrich in Frauenburg gewählt worden.

In M c m c l - H e y d e k r u g , wo infolge der MandatSnie- derlegung des natl. Abg. Schwabach eine Reichstagsneuwahl er­folgen soll, ist der Rütcrgutsbesitzer H o f e r - Skaisgirrcn als Kandidat von den Sozialdemokraten aufgestellt.

Das Befinden Eulenburgs hat sich seit der $er* tagung des Prozesses langsam gebessert. Wie verlautet, haben' die Aerztc erklärt, daß der Gefangene zur völligen Genesung einer Luftveränderung bedürfe. Es ist daher die Möglichkeit, erwogen worden, den Fürsten wieder nach Liebenberg zu trans­portieren.

Der russische Ministerpräsident Stolypin hat nach einer Meldung des Hamburger Fremdenblattes auf dem AvisoAlmas" die Reise von Kiel nach Hamburg angetreten., Dem Vernehmen nach wird Stolypin mit dem Reichskanzler' in Norderney zusammentrcffen.

Staatsbürgerliche Gleichberechtigung der! Studenten. Den Berliner Morgenblättern zufolge hat eine! Studentenvcrsammlung, die sich mit der Auflösung der Berliner, Freien Studentensckwft beschäftigte, folgenden Beschluß gefaßt:. Die allgemeine Akademikerversammlung vom 22. Juli prote­stiert gegen die Bevormundung und Einschränkung ihres Ver- sammlungs-- und Vereinsrechts, die durch die Vorschriften für Studierende von 1879 in Verbindung mit der DiLziplinargc- richlsbarkeit ausgeübt wird. Die Versammlung beschließt, in einer Petition an das Abgeordnetenhaus um staatsbürger­liche Gleichberechtigung mit allen Altersge­nossen unter etwaigem Verzichte auf Sonderrechte einzukommen."'

Die Prämien für Kraftfahrzeuge. Nachdem in dem diesjährigen Neichshaushaltsetat größere Summen für Be­schaffung und Bereithaltung von Automobillastwagen der Heeres­verwaltung zur Verfügung gestellt worden sind, bat diese dem Bert. Lokalanzeiaer" zufolge, besondere Grundsätze für die Unter­stützung von in Privatbesitz befindlichen kriegsbrauchbaren Kraft­fahrzeugen aufgestellt. Danack> sollen nach Maßgabe der ver­fügbaren Mittel Unternehmern und sonstigen Privatpersonen, die den militärischen Bedingungen entsprechende Kraftfahrzeuge in Betrieb nehmen und sich verpflichten, sie während mindestens fünf Jahren im kriegsbrauchbaren Zustande zu erhalten, folgende Prämiert bewilligt werden: 1. eine einmalige Beschafftlngsprämw von 4000 Mark; 2. eine Betriebsprämie auf die Dauer von 5 Jahren, pro Wagen etwa jährlich 1000 Mark; 3. eine Be- triebstosfprämie für die Verwendung inländischer Betriebsstoffe in von der Heeresverwaltung zu bestimmender Höhe. Ter An­trag auf eine derartige Unterstützung ist vor Beschaffung des Kraft­wagens an das Kriegsministerium zu richten, das bei zustimmend-'rj Entfcheidung mit dem Antragsteller einen Vertrag abschließt. Die Gewährung weiterer Prämien für Vervollkommnung der Bauart und andere Erfolge der Autoindustrie, die den Absichten der Heeresverwaltung entgegenfommen, hat sich diese Vorbehalten.

Ter Jahresbericht des Vereins der Deutschen, Kaufleute (Sitz Berlin) für 1907 ist soeben erschienen. Der- Verein zahlte, wie wir dem Berichte entnehmen, 1907 allein an Stellenlosenuntcrstützung 32 034,50 Mk.; dazu traten noch 522,80 Mk. Unterstützung in außerordentlichen Notfällen und 782,50 Mk. Renten für invalide Mitglieder, an Mranfengetö, Arzt, Arznei usw. 184 070,19 Mk. Die Stellenlosenkasse meist an Vermögen auf: 141963,25 Mk. gegen 125161, Mk., die; Kasse für alte und invalide Mitglieder 108 640,74 Mk. gegen! 92162,90 Mk., die Krankenkasse 84 667,88 Mk. Tie Rechts-! schutzabteilung erteilte 1573 mündlich: nnd 629 schriftliche Aus­künfte. Im Wege gütlicher Vereinbarung wurden 10 994,20 M?.^ an Gehaltsforderungen erlangt, während durch Vertretung vor dem Kaufmannsgericht 6296,50 Mk. erstritlen wurden. Trotzdem das Jahr 1907 ein dem Handel recht ungünstiges war, worunter erfahrungsgemäß die Bernssvereine zu leiden haben, hat sich die Mitgliederzahl des Vereins von 18 623 auf 19 933 gehoben und beträgt gegenwärtig bereits mehr als 20 000.

Ausland.

Sir William Randall Cremer, der Begründer der internationalen Schiedsgerichtsliga, der auch einmal mit dem Nobel-Friedenspreis gekrönt wurde, ist heute in London, 70 Jahre alt, gestorben.

Präsident F a l l i e r c s ist gestern abend nach herzlicher Verabschiedung von der königlichen Familie unter dem Salut

5um Zahrertag der Einweihung der neuen Gießener Staöttljeatcrs.

Deute vor einem Jahre, am 23. Juli, beging unsere Stabt als Einleitung zu den glänzenden Festtagen des 300 jährigen Universttäts-Jubiläums das Fest der Weihe des neuen Theaters mit Prolog von Alfred Bock und der Aufführung von GoethesVorspiel auf dem Theater", KleistsZerbrochenem Krug" undWallensteins Lager". Tie Anerkennung, welche der prächtige Bau damals unb an den Tagen des Universitätsfestes seitens Einheimischer und Fremder fand, ist ihm auch int Laufe des Jahres wiederholt gezollt worden, and) von einer Reihe von Bau-Kvrnmifsionen, die auf Besichtigungsreisen von Theatern be­griffen waren und es öfters für das schönste Haus von allen gesehenen erklärten; ebenso fanden feine Einrichtungen das Lob aller fremden Künstler, die in ihm gespielt haben. Alt dem Jahres­tag seiner ,Wethe ist es aber wohl ant Platze, einen Rückblick zu werfen auf das, was in dem neuen Hause künstlerisch gearbeitet worden ist. Es fanben in der Winterspielzeit 1907,05 im ganzen 147 Vorstellungen statt, davon 63 (dreimal 21) int Abonnement und bei gewöhnlichen Preisen, 16 bei gewöhnlichen Preisen und außer Abonnement, 43 bei kleinen Preßen (meist an Sonntagen), 21 darunter 8 Kindervorstellungen bei Volkspreisen und vier Vorstellungen (mit Gästen) bei erhöhten Preisen. Als Gäste traten auf Irene Triesch, Gertrud Eysoldt, C. W. Büller, die Schlier- [Ctt' Else Jüngling unb dasErdgeist"-Ensemble. Die Gut- fche-tne der Abonnenten, deren Benutzung für alle Abonnementsvor- stellungen gewährleistet ist; konnten auch in einer großen Zahl wettmer Vorstellungen verwendet werden.

Zu diesen 147 Schauspielvorstellitngen des Winters kommen nock) hinzu ein Ensemble-Gastspiel des Frankfurter Schauspiel- I-auses tm Mai, ferner 5 Operettenvorstollurigen im Sommer um» 4 Opernausführungen durch das Darmstädter Hostheater.

toctter noch hinzu 6 Vorstellungen, die bei unb kurz nach der Einweihung ftattfanben, so sind also abgesehen von ben pestaufsühruitgen beim Univcrsitätsfest während des ab- gelausenen wahres im ganzen 163 Vorstellungen gewesen. Bei Ausschluß der Opern und Operetten kamen 53 verschiedene Stücke ^rr Aufführung,^ 13 davon besonders Dramen von Schiller, Kleist, Hebbel, Shakespeare, Ibsen waren für Gießen neu, unb 12 waren überhaupt Novitäten. Diese kamen mit Aus- nahme von Erdgeist, Elga, und Sittliche Forderung, die als Gastspiele gegeben wurden, und Fräulein Josette, das für das Abonnement nicht geeignet mar, alle im Abonnement zur Auf- sührung.

Es ist also im neuen Theater während des abgelaufenen ersten Spieljahres ein respektables Maß künstlerischer Arbeit geleistet fröprb'qL Der Besuch fast aller Vorstellungen war ein über Er­

warten guter und das Abonnement auf die 63 Abonnementsvor- ftellungen sehr stark. Auch für die am 1. Oktober beginnende zweite Spielzeit läßt sich setzt sdjon, was den Besuch der Vor­stellungen betrifft, eine sehr günstige Prognose stellen. Tenn während im vergangenen Winter an den drei Abonnementsaben­den im Ganzen 1170 Plätze abonniert waren, sind schon jetzt für den nächsten Winter 1040 Plätze verteilt. Diese Arbeit der Platzvertellung ist aber noch nicht abgeschlossen, viele Mel­dungen harren noch ihrer Erledigung, weil die gewünschte Platz­gattung an dem gewünschten Abonnementstag nicht mehr vor­handen war, weshalb an die betreffenden Besteller die Bitte er­gehen wird, ihre Bestellung inbezug auf Platz oder Tag zu ändern. Wir lyoffen aber und sind überzeugt, daß Herr Direktor Steingoetter feine Ehre darein setzen wird, daß bem "guten Besuch des Theaters im kommenden Winter wieder ebenso gute künstlerische Leistungen entsprechen wie in der vergangenen Spielzeit. C. F.

F ü r st E u l e n b u r g a l s Sch r i s t st e l l e r. DieAllg. Buchhändlerztg." veröffentlicht einen Artikel über die literarischen Neigungen Fürst Eulenburgs, bem wir den folgenden interessanten Abschnitt entnehmen. Zunächst werden die im Buchhandel er­schienenen Werke des Fürsten aufgezählt:

Das Weihirachtsbuch. Erzählungen, Märchen, Gedichte unb Lieber. 1892. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, geb. 5 Mk-

Skaldengesänge. 1893.

Erich und Erika unb anbere Erzählungen. 1893.

Abenberzählungen. 1893. Deutsche Verlagsanstalt, Stutt­gart, geb. 3 Mk.

Drei Märchen. 1898.

Gine Erinnerung an Graf Gobineau. 1906. Fr. From- manns Verlag, Stuttgart. .1 Mk.

Dann heißt es werter: Die Mehrzahl der Eulenburgschen Werke wenbet jitf) an die Kinderwelt. Es sind Märchen, Phan- tafien unb Erzählungen, bie von Elfen, Feen, (Engeln, Gnomen und Liliputanern bevölkert'find, die barm iljr Wesen treiben. Tie Weihnachtstanne erzählt ben Kleinen ihre Geschichte, und der Hampelmann macht seine Bemerkungen dazu, während der Weihnachtsengel in seinem rosa Kleidchen mit den goldenen Flügeln von der spitze des Baumes herabfliegt unb sich zu den K-indern gesell:, um ihnen Bericht aus seiner hrmmlischen Heimat zu erftatten.Erich und Erika", das seinen Tttel der ersten Geschichte entlehnt, enthält Erzählungen für Kinder von 9 dis 14 Jahren, die, wie aus der Widmung (Seinen gelieb­ten Kiirdern Adine, Fritz-Wcnd, Asla, Sigwart, Karl und Tora") und dem Stoff geschlossen werden kann, in erster Linie für die Kinder des Fürsten selbst bestimmt roaren. Einige dieser Ge­schichten spielen in Anlehnung an Familiensagen in Liebenberg und Hertefeld, ben Stammsitzen ber Eulenburgs unb führen zum

Teil zurück in jene Zeit, als bas Geschlecht der Eulenburg iwch 9teburg_ hieß, sind aber mit phantastischen Zutaten derart durch­setzt, baß man sie als freie Erfindung des Verfassers anfcheu muß. Die Vorliebe Eulenburgs für Viärchcn, Kindergeschichten und Pl)antasien erfd>eint charakteristisch für ihn, den Diplomaten und Weltmann, zu sein, ber aus den Salons der großen Welt flüchtet, um sich ein eigenes Königreich im Lande der 2räume zu suchen, in bem feine Phantasie nach Herzenslust aus unb ein gehen kann. Sie zeigt den Schwärmer und Phantasten, in dessen Brust zwei Seelen wohnen, von denen die eine den realen Dingen dieser Welt zugewandt ist, während die andere sich in eine Welt verliert, bie ihm allein zu. eigen ist. Die Schwäche hat sich von jcl)cr zum Heroischen hingezogen gefühlt, und es liegt fein Widerspruch darin, daß auf dasWeihnachlsvuch" dieSkaldengesänge" folg­ten, die unter dem Eindruck der nordisckien ytahtr entstanden, die sich ihm, bem steten Begleiter des Kaisers auf seinen Nord- landfahrten, erschloß ....

Haus Oestreich muaß geb n". Peter Rosegger schildert folgende Szene aus einem Daue rnwi r t s hau s: Zwei Bauern streiten miteinander. Der eine schlägt mir der Faust auf den Tisch:

Wia's is, so ls 's! Jh sog, wos ih sog! Wo ih miltua, do tua ih mit! Otleinol.' Oba do nit! Wan rh sog na, so is 's na! Prozeß is Prozeß! To sog ih nie so oder so, damits nit nochha hoaßt, ih hätt so oder so gsogg!"

Der andere lacht:Oba, du I)vst jo grob zwaomol so ober so gsogg!"

Ih ? Ih hon nia so oder so gsogg. Nia!"

Hiaz host as 's brütemol gsogg."

Holt bie Pappn!" schreit der erstere unb versetzt dem andern eine Ohrfeige.

andere schlägt nicht zurück, sondern sagt ganz gelassen: So, Wastl, hiaz kannst fünf Gulden Strof zohln oder an Tag Mn."

~er Wastl lacht:Jo? Na olsdan! Hiaz hon ihs leicht. Hiaz kann ih mit Haus Oestreich mochn, wos ih will. Kon qebn oder ton nehina."

Wia so ?" fragt der andere.

Ih hon jo d' Wohl. Jh zahl fünf Gulden oder ih loß mih re09 umasunft vaköstmga. Jh wia derJiorr sein und fünf Itros. .Vaus Oestreich muaß geon. Jh sitz!"

Eritrafi!" Ersitzt!" schreibt Rosegger dazu,Haus Oesterreich, das heißt der Staat, ist selbst der Gestrafte, so ost er einen in den Arrest tut. Ein solcher Sträfling, der bie Wahl hat zwischen Zahlen oder Sitzen, ist Herr der Situation Geben oder nehmen! Und das soll luribn'd) gleichwertig sein? Man lernt was bet den Bauern." -