Ausgabe 
20.10.1908 Zweites Blatt
 
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Dienstag 20. Oktober 1908

Zweites Blatt

Nr. 247

158. Jahrgang

Erlcheinl tfigfid) mtt Ausnahme beS Sonntag-.

Die Lietzener Zamlltendlätter" werden dem ,9lnjeiqer* otcnnol wöchentlich beigelegl. da- Kretsbloti für Ocn Kreis Stehen'' zweimal wöchentlich. Die ..ranvwlrtfchastllchen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheften

Rotationsdruck mtb Verlag der 8töt)Hd)en Universität- Buch- und Stemdruckeret. 9L Lange, Sieben.

Redaktion, Exveditton und Druckerei: Schul« stratze ?. Expedition und Verlag: 5L

Redaktion: e-^112. Tel.-AdruAnzetgerGieben.

25u» Stadt und Land.

Gießen, 20. Oktober 1908t

** Die freie Vereinigung der Kranken­kassen Hessens hielt nm Sonntag vormittag in Darm­stadt eine außerordentliche Versammlung unter dem Vorsitz von Streb-Offenbach ab, die von ea. 120 Dele­gierten besucht war. J.istizrat Dr. Fu ld-Mainz hielt einen Vortrag über die F u r s o r g e t a s s e für die Beamten und Bediensteten der Landgemeinden und Kommunal­verbände. Nach lebhaft geführter Debatte wurde beschlossen, daß die Kassen die Fürsorge für ihre Beamten selbst über­nehmen. Streb-Offenbach referierte über die Eingabe des Verbandes der Krankenkassen bei dem Ministerium betr. Erhöhung derHebgevühren für die Invaliden­versicherung. Es wird eine Rejolution angenommen, nach der die 30 Ortskranlenlassen mit 90 000 Mitgliedern, welche der freien Vereinigung angehören, die Notwendigkeit der Erhöhung zurzeit nicht anerkennen, vielmehr befürchten, daß das jetzige fruchtbare Zusammenwirken Der Kranten- tassen mit der Landeovcr.icherungsanstatt eine St-rung er­leidet. Tie Versammlung beauftragt den geschä,rsführeuden Ausschuß, bie;en Beschluß dem Gcoßh. Ministerium zur Kenntnis zu bringen.

Geschäftsträger habe der britischen Regierung mitgeteilt,I Oberstleutnant er fei von feiner Regierung amtlich beauftragt, positiv kate- 'ruppe wurde als Abteil

Quade üont Kommando der Schutz»

Ableiinnasches in öen Generalstab der Armee

er-

be- im

gorische Versicherung abzugebcn, dc.ß Bulgarien j.den mög­lichen Schritt tun werde, um den Krieg mit der Türkei zu

zurückberu'en und wird Chet der Eilenbabnabreilunq des Groben Generalslabs; beim Kommando der Lchnhlrnppen im Reichs- lolonialamt tritt an Stelle des OberülenmanlS Qnade Cbeifi

u. Glafenavp, bisher Jnfvekteur der Vrarine-Jnlaiiterie, und zwar als Konnnandenr der Schuytruppen. Glasenapps Nachfolger wird Oberst v. Bodtmgeii.

Aus der Sozialdemokratie. Auf einer von dem LandcLvorstand der badischen Sozialdemokratie nach Karlsruhe znjainnleilberuienen Parteikonferenz, an der die jozialdcmolrauiche Landlagsiraknon, die Vertraueilsmänner der vierzehn badischen Neichsiagswahlkreise und Vertreter der Presse teilnahinen, be- richleten, ivie derVolks'rcund" meldet, die Vertreter der Wahl» fteile mit .Ausnalnne eines einzigen, daß die Parteigenossen der einzelnen Streife die Nürnberger Erklärung der Sechsundsechzig billigen. Man gab dem Landesvorstand anheim, bei einem für die Landtagswahlaktion erlassenen Aufruf seinen Slandpimkl zu äußern.

Neue Zehnmarkscheine. Die erst kürzlich in den Ver­kehr gelangten Zehnmarkichcine Huben zu zahlreichen Ausstellungen Veranlassung gegeben. Es wird darüber geklagt, daß die Scheins zu weich und lappig seien und deshalb leicht zerrissen, sie nähmen auch den Schmutz leicht an, wurden fiebrig und erschwerten so das Zählen. Wie wir hören, sind bereits Anordnungen getroffen, um eine 9lenausfl(ibe von Zehnmarkscheinen in die Wege zu leiten. Versuche und Proben hat man in der Relchsdrnckerei schon vor- genommen, doch ist eine endgültige Entscheidung noch nicht ge­troffen.

Lin neuer 5aü Schücking.

Unter dem TitelIn eigener Sache" veröffentlicht der kannte Marburger Völkerrechtsprofessor Dr. Walter Schücking

2lu$lanö.

Marokko. DieNordd. Allgem. Zig." schreibt unter dem 19. Okt.: Ter französische und der spanische Botichaster übergaben heute dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Öen Entwurf eines Schreibens, das der Doyen des diplomatischen Korps in bet' Anerkennungs rage an Muley Hafid richten soll.

Spitzberg en- Konferenz. Ter Berliner Korrespondent des «Sveiiska Tagblad" erfährt, daß Deutschland feine Bereit­willigkeit ausgesprochen habe an den in Christtania ftattsindenden Besprechungen betreffend Spitzbergen teilzunehmen, die zur Vor­bereitung einer eoentuellen Konferenz dienen sollen.

Das Befinden des Aieneliks von Abbessinien. Nach Aieldimgen ans Addis Abeba hat sich das Befinden Meneliks nach der vor kurzem eingetretenen Verschlimmerung neuerdings so gebessert, daß er in einer öffentlichen Audienz verschiedene Würden­träger empfangen konnte. Vor einigen Tagen war Menelik schon tot gesagt worden.

B. T." einige Tatsachen, die sicherlich berechtigtes Aufsehen er­regen werden. Er erzählt folgende Episoden aus seiner llniber- fitätslehrertätigkeit:

Ich hatte als ganz junger Extraordinarius in Breslau eine rein wiifenschaftliche Studie publiziert mit dem TitelDer Staat

vermeiden.

DerKöln. Ztg." wird aus Konstantinopel vom 18. Okt. telegraphiert: Die leitenden Kreise sind immer weniger ge­neigt, die Konferenz zu beschicken; sie würden jetzt eine un­mittelbare Verständigung vorziehen. Die Presse verlangt einstimmig die Abschaffung der Kapitulationen als eine der unvermeidlichen Entschädigungen.

Der bulgarische Ministerrat beschloß, die Svbranje ein- zuberusen und ihr folgenden Vorschlag zu unterbreiten: Bul­garien tritt die Eisenbahn vorläufig an die Orient-Gesell­schaft wieder ab und erkennt unter gewissen Vorbehalten Die Rechte der Türkei auf die Eisenbahn an. Sodann soll die Eisenbahn durch Bulgarien von der Gese.lschaft angekauft toerden. Bulgarien hofft, die Türkei werde auf Grund dieser Vorschläge die Unabhängigkeit Bulgariens anerkennen.

Mißstimmung gegen England.

Nach Meldungen uuy Koicstantcnrp^ ist dort der bisher vorhandene jungtürkische Glauben an den Wert der englischen Fr euno schäft durch die Veröffentlichung des englisch-franzö,isch-russ.scheu Kongreß-Programms voll­kommen erschüttert. Großbritannien, so sagt man jetzt, habe, wenn es nicht jedes Vertrauen und allen Einfluß in Konstantinopel verlieren wolle, jetzt nur noch zwei Wege vor sich: entweder müsse es den Türten sofort 15 Mill. Pfund Sterling borgen oder aber den Bulgaren für den Fall, daß diese die Türkei zum Kriege zwingen, mit dem Bombardement von Varna und Burgas drohen.

Iswolsky.

Nowojc Wrernja"I oolsky wegen seiner Be­mühungen, die Konferenz über die Balkanfragen zustande zu bringen, in scharfer Weise an, erklärt, die Konferenz könne nur England, Frankreich und Oesterreich, nicht aber Rußland nützen und besteht daraus, daß Rußland gegen die Einver­leibung Bosniens und der Herzegowina ohne weiteres Ein­spruch hatte erheben müssen, auch wenn der Einspruch vor Der Hand keine praklischen Folgen haben könnte.

Die Erkrankung de; jungen Zürsten Gito vsu Bismarck.

Ter förpertiu/eZuscuuw^.wriicy des jungen Fürste nOtto von Bismarck während der Walhallaseier hat die allergrößte Teilnahmef ausgelöst, zumal die Befürchtung besteht, daß es sich nicht um einen vorübergehenden Ohnmachtsanfall, sondern um eine ernstere Er-c krankung handeln könnte. Der jugendliche Fürst wurde während^ der Rede des Reichskanzlers auf einer Tragbahre in das HauÄ des Walhalla-Kommissars überführt, hat sich hier aber trotz deS Beistandes mehrerer Münchener uni> Regensburger Aerzte nuef wenig erholt und mußte schrießlich mit einem Krankenwagen üti die Stadt zurückgebracht werden, wo er im HotelGrüner Kranz , mit seinem Erzieher, dem Grafen Plcssen, Quartier genommen, hatte. Als der Krankenwagen in der Stadt eintraf, wurde er sofort nach der Wohnung des Regierungspräsidenten der CLv»-> Pfalz, des Kämmerers von Aretin, dirigiert, der seine Räurntz dem kleinen Kranken in liebenswürdigster Weise bis zur Wieders Herstellung zur Verfügung gestellt hat. So ereignete sich der imposante Fall, daß Der Enkel Bismarcks am Tage der Ent­hüllung der Büste seines Großvaters im Hause eines Auge-s hörigen der klericklen Partei eine freundliche Heimstätte findet^ mit der der «alte Kanzler seinerzeit so heftige politische Kämpft zu bestehen hatte, gewiß ein schöner Zug, der über manche un-i erquickliche Dinge, die der Feier voraufgingen, einen versöhnens, den Schleier wirft. Wie der den jungen Fürsten behandeliida Arzt Dr. Raimund Gerster mitteilt, handelt es sich bei der Er­krankung offenbar um eine zu große körperliche Schwäche gegen»* über den vielgestaltigen Eindrücken, die in den beiden Tagen deI Regensburger Aufenthaltes auf ben Kranken eingestürmt waren- Der junge Fürst hatte eine weite Reise hinter sich und am?. Samstag abend Die Fcstvorstellung, bei der Kleist'sPrinz von! Homburg" gegeben wurde, besucht. Am Sonntag vormittag war er schon früh zur Walhalla gefahren, wo die patriotische Rede des Bayerischen Ministerpräsidenten mit dem erinnerungsreichen Appell an seinen Großvater eine starke Gemütsbewegung bei dem für sein Alter Träftig entwickelten Knaben hervorrief. Es famf hinzu, daß diese Gemütsbewegung durch seine exponierte Stellung an der Seite des Kanzlers, wv aller Augen auf ihn gericlstet waren, noch erhöht wurde, so daß der schließliche Zusammenbruch auf natürliche Weise zu erklären ist. Der Prinzregent Luitpold von Bayern, der von Dem Unfall in Kenntnis gesetzt wurde, er­kundigte sich telegraphisch nach dem Befinden des jungen Fürsten, oer üvrigens seinem Vater, Herbert von Bismarck, wie aus denn Gesicht geschnitten ist und von dem alten Reichskanzler die großen blauen Augen geerbt hat. Auch der Reichskanzler von Bulow, Ministerpräsident v. Podcwils und die übrigen bayerischen Mi­nister zogen vor ihrer Abreise von Regensourg bei dem Präsi­denten v. Aretin persönlich Erkundigungen über das Befinden oes kleinen Patienten ein. Die Regensburger Lsfiziersoamen übersandten gestern früh einen prachtvollen Blumenstrauß. Rach einer telephonischen Meldung aus Regensburg hält die Besserung in bem Le finden des jungen Fürsten v. Bismarck an. Es besticht Aussicht, Daß er morgen nach Friedrichsruh verbracht werden kann.

Vie Krifls im Grient. ]

Auf dem Balkan scheinen sich die Gemüter nach und nach , beruhigen zu wollen, und so sehr man auch anfänglich mit j dem Säbel gerasselt haben mag, so scheint man doch den i Degen wieder in die Scheide stecken zu wollen, ohne ihn mit Blut bespritzt zu haben. In den letzten Tagen ver­stärkte sich der Eindruck immer mehr, daß es doch noch zu einem Kriege zwischen Bulgarien und der Türkei kommen würde; insbesondere betrieb die Pforte auf das eifrigste die schrittweise Mobilmachung, ein Korps folgte nach dem anderen, und beträchtliche Transporte von Geschützen und Munition gingen nach der bulgarc,chen Grenze ab, während anderseits Bulgarien selbst gleichfalls nicht müßig blieb und Gegenmaßnahmen traf. Ob die türkischen Rüstungen aber ganz em ft Gemeint waren, muß dahingestellt bleiben, denn einmal vollzog sich die Mobilisierung recht langsam, anderseits aber erweckte das ganze den Eindruck, als wenn die Psorte die Maßnahmen nur getroffen habe, um der Volksstimmung Genüge zu leisten und nicht einen noch schärferen Konflikt herauszubeschwören, der auch für die Ge­staltung der inneren Verhältnisse leicht verhängnisvolle Folgen hätte nach sich ziehen können. Aber auch in Bulgarien waren die maßgebenden Stellen in ihrem Berantwortungs- gejühl einem blutigen Kriege abgeneigt und in einem Mi­nisterrate beschloß man in der Frage der Orien.bahn ein ziemlich weitgehendes Entgegenkommen, das geeignet ivar, auch die Pforte zum großen Teit zu befriedigen. Diese mit einem Male austretende friedliche Stimmung hat ihren Grund in der Ueberlegung, Daß für diejenigen, die cs angeht, auf einer internationalen Konferenz, wie sie von verschie­denen Großmächten gewünscht wirb, nicht viel herauskommen würde. Vor allem ist man jetzt von der Konferenz' am wenigsten in der Türkei erbaut, weil man aus den veröffent­lichten Programmpnnkten ersehen Hut, daß die Türkei wie immer die Zeche bezahlen müßte. Hierauf ist die wunder­liche Kunde zurüctzuführen, die aus London kommt, und worin es heißt, die Pforte habe bei der englischen Regierung ungefragt, ob es nicht vielleicht besser wäre, die zwischen Oesterreich und der Türkei schwebenden Fragen direkt und schneller zu erledigen, als es auf einer internationalen Konferenz möglich wäre. Sir Edward Grey hat natürlich sehr schnell Ja und Amen gesagt, Weil ein derartiger Aus­gang England begreiflicherweise viel lieber wäre, als eine große internationale Konferenz, bei der einige Staaten zwar ihre Schäflein ins Trockene bringen würden, speziell Ruß­land, während England leer ausgehen müßte. Die Türkei hat von ihrem Standpunkte aus sehr richtig gehandelt, Lumal ja auch die österreichische Rcgiemng von Anfang an die gleiche Ansicht vertreten hat. Unter diesen Umständen ist zu hoffen, daß auch zwischen Bulgarien und der Türkei eine Einigung erzielt wird, namentlich aus .dem Grunde, weil einige Mächte anfcheincnb nicht aussichtslos bemüht sind, zwischen den streitenden Parteien zu vermitteln. Wie aus Paris gemeldet Wird, soll nämlich die Zurückziehung der türkischen Mobilmachungsordre erfolgt sein, nachdem der französische 23otfcfyafler am Goldenen Horn, Herr Constans, in einer längeren Unterredung mit dem Großwefir darauf hingewiesen hatte, daß alle Truppenverschiebungen nach der bulgarischen Grenze hin als feindseliger Akt angesehen und Bulgarien veranlassen müßten, seinerseits mit Truppen die Grenze zu überschreiten. Gleichzeitig erklärte Constans, be­auftragt zu sein, die friedlichen Absichten der bulgarischen Regierung zu versichern, Wooci er zweifellos nicht verfehlt Haden durfte, dringend vor einem Kriege zu Warnen. So scheinen sich die Wolken am Balkanhimmel wieder langsam zu teilen, denn die Schreierei der serbischen Gernegroße vermag niemand ernst zu nehmen.

Zur Lage in Serbien und Montenegro.

Wie dieNeue Freie Pre,se" meloet, i,r ihr Spezial­korrespondent am Freitag in Belgrad auf der Straße überfallen und tätlich beleidigt woroeu. Auf Weisung des Ministers des Auswärtigen Freiherrn v. Aehrenthal hat nun die österreich-ungarische Gesandtschaft in Belgrad von der serbischen Regierung auf das nachdrücklichste Genug­tuung und Bestrafung der Täter gefordert.

In Belgrad wurde der deutsche Militär-Attach4 auf der Straße verhaftet, weil mau ihn für einen Spion gehalten hatte. Er wurde natürlich sofort wieder freigelassen, nach­dem er sich legitimiert hatte.

DieVoss. Ztg." metdct aus Wien: Es verlautet von ernstzunchmcnder, mit den Hosveryalinifsen vertrauter, un­abhängiger serbischer Seite, daß es sich bei den Nachrichten von Meinungsverschiedenheiten zwischen dem König Peter und dem Kronprinzen Georg um ein berechnetes Spiel im Königshaufe handle, Wobei der unverantwortliche Thron­folger mit Wissen der Regierung vorgeschoben werde, um die österreich-ungarische Regierung durch fortgesetzte Heraus- fordeningen zu reizen. Ernsthaste Kreise wollen wissen, daß für den Fall eines Dynastiewechsels der zweitältefte Sohn des Königs von Schweben ausersehen sei, eine Dynasrie Bernadotte in Serbien zu begründen.

In der Nacht zum Sonntaa überschritt eine montenegri­nische Bande die österreichische Grenze. Bei einem Zu­sammenstoß mit österreich-ungarischen Truppen blieben vier Tote auf dem Platze. Die Montenegriner äscherten ein bos­nisches Dorf ein.

Aus Cattaro Wird gemeldet, der österreichische Konsul in Antivari Wurde im Konsulat von Montenegrinern tätlich insultiert. 2 Panzerschiffe und G Torpedoboote sind nach , Cattaro abgegangen.

\ Die Morgendlütter melden aus Wien: Aus verschie­denen Grenzpunkten wie Passau, Eger, Cattaro, Werden Konfiskationen bedeutender Sendungen von Waffen und Munition nach Serbien gemeldet.

Die Konferenz.

Das Reutersche Bur.an erfährt, daß das Programm, das eventuell zur Grundlage für die Erörterungen in der Konferenz bienen soll, jetzt Gegenstand der Beratung unter den verschiedenen Großmächten ist und daß J.alien bereits sein Einverständnis kundgegcbcn habe. Reuter ist ferner ermächtigt, zu crflärcn, dag weder die Dardanellenfrage noch die Frage der Angliederung Kretas an Griechenland vor die Konferenz kommen werbe. Beide Fragen sollen gemäß den Wünschen der türkischen Regierung erledigt werden. Des Weiteren erfährt das Reutersche Bureau, der bulgarische

und die Agnaten" und hierin bei der Behandlung der wichtigen Frage, ob durch ein Staatsgesetz die Thronfolge geregelt werden kann, das Gottesgnadentum als unjuristischen Gesichtspunkt ab- gelchnt. Deshalb wurde ich von derKreuzztg." in einem Leit­artikel scharf angegriffen. Der damalige, gegen mich immer sehr wohlwollende Ministerialdirektor verwarnte mich eindringlich: Ich könne lehren, was ich wolle, meine Lehrfreiheit solle nicht im geringsten angetastet werden, aber ich müsse immer mit der Möglichkeit rechnen, daß man eines Tages von meiner Lehr­tätigkeit keinen Gebrauch mehr mache. . ."

Das war im Jahre 1892. Dann eine Geschichte aus Dem Jahre 1897: Ein jüdischer Rechtskandidat hatte ihm geklagt, daß ihm von fünf Oberlandesgerichtspräfidenten ohne triftigen Grund, offenbar seines Judentums wegen, die Anstellung als Referendar versagt war. Schücking hatte ihm zu einer Einaabe an den Justizminifler geraten und, als er dafür ganz hilflos war, diese Eingabe als sein alter Lehrer für ihn im eigenen Namen gemacht. Seine Anstellung ist denn auch erfolgt, wenn er auch, statt nach Frankfurt a. M. zu kommen, nach Königsberg gehen mußte. . . Als Schücking dann wegen politischer An­gelegenheiten nach Berlin reifte, besuchte er im Ministerium auch den Univerfitätsreserenten Geh. Rat Dr. Elster. Es handelte sich um Fachangelegenheiten; aber bald kam das Gespräch auf jenen jüdischen Schuler Schuckings von ehemals. Elster über» häuste ihn mit Vorwürfen, wie er es wagen könne, sich an ben Justizminifter zu roenben, und sagte dabei wörtlich:Was geht Sie überhaupt dieser Nechtskandioat an, mischen Sie sich nicht in Angelegenheiten, die Sie nichts angehen! Die Sache sckyvebt noch, und Sie werden dafür noch eine disziplinarische Bestrafung erhalten."

Diese trat bald ein, weil er in einer Marburger Wahlver­sammlung gegen die Enteignungsvorlage gesprochen hatte. Hierauf sagt Schücking wörtlich weiter:Wock)enlang später kam plötzlich der Auftrag zu einer verantwortlichen disziplinarischen Vernehmung aus Berlin. Zwei Tage später wurde mir mitgeteilt, nach einem Privatbrief" aus dem Ntinisterium hätte der Minister die Hoff­nung geäußert, ich würde öffentlich das Ungehörige meines Ver­haltens erklären und bedauern. Das mußte ich ablehnen. Dann bekam ich eine disziplinarische Strafverfügung, in der mir Ver­letzung deseinfachsten Pflicht- und Anstandsgefühls" undver­hetzende Agitation" vorgeworfen wurden.'

Aber man beschränkte sich nicht auf diesen Verweis. Wie mir kurz darauf amtlich mitgeteilt wurde, daß es der Kultus­minister gegenüber dem Justizminister als dringend wünschenswert bezeichnet, daß ich nicht mehr zur juristischen Prüfung in Kassel herangezogen würde. Dann aber erzählte man mir plötzlich von wohlgesinnter Seite, es sei auch eine Bewegung gegen meine Vorlesungen im Gange, weil ich dort politische Ausführungen machen solle."

Zum Sckstusse heißt es:Als dann im Marz die juristische Prüsungskommission für das neue Etatsjahr zusammengesetzt wor­den ist, hat man mich in Berlin für das ganze Jahr aus­geschaltet. Jeder akademische Lehrer weiß, daß eine solche Maßregel meistens eine schwere Schädigung der Lehrtätigkeit bedeutet."

DieNational-Zeitung" bemerkt hierzu bitter:In welchem Paschalii leben wir?" fragte Victor Hugo einmal unter Louis Philippe, als ein Drama des Dichters verboten wurde. Fast möchten wir auch so fragen . , ,

() Marburg, 19. Okt. Die Blättermeldung, der Univcrfi- tätskurator habe über die Vorlesungen des Prof. Schücking Übungen anst.llcn lassen, entbehrt ieber Begründung.

Deutsches NerH.

Bei der Reichslags-Erfatzwnht am 14. Oktober für den Wahlkreis Potsdam 4 ^Prenzlau-Angermünde) wurden nach der amtlichen Metdung insgesamt 16 766 gütige Stimmen abgegeben. Es erhiellen: Ober-Präsidialral v. W l n l c r i e l d - Vlenkni (kons.) 11 055 Stimmen, Pastor Scynudt-Natow (liberal) 2704 und Tape­zierer Wels-Verlm (Soz.) 8033 Stimmen. Vier Stimmen waren zerfplitlert. v. Winterfeld ist somit gewählt.

Kultusminister Dr. Holle ist seit einiger Zeit an Bronchien erkrankt. 2luf den dringenden Rat feiner Aerzte soll er sich fogleid) zur Kur nach Meran begeben.

Ter preußischeLcmdtagZabgeordnete Dr. Licht (Bemkastel) ist tm Alter von 47 Jahren gestorben.