Nr. 116 Erstes Blatt 158. Jahrgang Montag 18. Mai 1908
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6 v^utoff8niouK Rotationsdruck und Verlag dervrühl'fchen Univ.-Vuch- und Zteindruckerei. R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulstrahe 7. A,^eigenleü^H."Äck!
Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
Lin Naisertag in schlitz.
Eine Erinnerung an Mai 1907.
Reklame und Sensation.
Von Professor Dr. M. Biermer.
Mt Genehmigung des Verfassers dem „Berl. Tagebl." entnommen.)
Herr Professor Werner S o m b a r t, früher Handels- kEmersyndikus in Bremen, dann Professor der Nationalökonomie in Breslau und seit kurzem in gleicher Eigenschaft ; oit die Handelshochschule in Berlin berufen, ist unzweifel- hast nicht nur einer der talentvollsten Vertreter seines Joches — unter den jüngeren Nationalökonomen zweifellos der bedeutendste — sondern auch ein glänzender Pu- j dlrzist. Alles, was er schreibt, ist interessant, anregend und ;a<fenb. Sombart gehört zum äußersten Flügel der Ka- !i>edersozialisten und ist wirtschaftstheoretisch Marxist, freilich mit gewissen Einschränkungen. Karl Marx, der in jciitem „Kapital" die Bibel der internationalen Sozial- k'rnokratie geliefert hat, war Pessimist und ausgesprochener iemokrat. Werner Sombart verrät dagegen mancherlei Züge, die an Ferdinand Lassalle erinnern. Er ist Optimist und hat aristokratische Neigungen. Früher hatte Lorn bart auch eine starke politische Ader, er appellierte - en die Massen und machte auf sie großen Eindruck. Das lat sich inzwischen geändert. Ihn widert jetzt die Tages- rolitik an. „Ein politisch Lied, pfui! ein garstig Lied," ; hS entspricht auch seiner Meinung. Eine gewisse ästheti- [icrenbe Neigung hat Sombart als Meister des Stils stets retteten. Sie ist aber immer stärker zur Geltung ge- bmmen, und seine Absage vom politischen Leben kleidete er [ogar in den Ruf: „Zurück zu Goethe!"
Es ist nicht leicht, diese eigentümlichen Wandlungen
Das im großen Publikum am meisten bekannte Buch Lwmbarts ist das jetzt in sechster Auflage erschienene: Mer Sozialismus und soziale Bewegung", das eine wich- n lz« Ergänzung in Vorträgen über die Theorie und Ge- Mihte der Gewerkschaften, die unter dem Titel „Dennoch !"
Es ist mir neu, daß die Nationalökonomen und Wirtschaftshistoriker eine Erscheinung nichts angehen soll, die so tief ins moderne Wirtschaftsleben eingreift und unsere Geschäftsgebräuche vollständig revolutioniert hat. Reklame uno Kulanz — die sich übrigens kaum voneinander trennen lassen, denn schließlich wirkt die kulante Bedienung auch nur wie Reklame — sind doch einmal da und beherrschen alle großen und kleinen Faktoren der Gütererzeugung und des Güterabsatzes. Was da ist, muß doch einen Grund haben. Und wenn sich ihm selbst die Leistungsfähigsten und Besten nicht entziehen können und sich davon fortgesetzt privatwirtschaftliche Vorteile versprechen, dann kann man diesem Problem sozialpolitisch doch nur so gerecht werden, roeni> man differenziert, die Auswüchse von dem Normalen, das Schlechte von dem Guten, das Geschmacklose und Widerwärtige von dem Geschmackvollen und Zulässigen trennt und ihrem Einfluß auf Produktion, Konsumtion und Preisgestaltung nachgeht. Das ist die wahre Aufgabe der nüchtern und exakt arbeitenden Nationalökonomie, eine Aufgabe, die „ , i freilich wirklich objektiv außerordentlich schwierig zu
lamsgekommen sind, gefunden hat. In dieser Schrift lösen ist. _____
«ans zuverlässig zu verfolgen, denn So mb art schreibt Ich: viel, und manches, was er sagt, ist von Stimmungen .iid Verstimmungen beherrscht. Es macht ihm offenbar kergnügen, gelegentlich nicht nur die Fachwelt, sondern end) das große Publikum durch geistreiche Einfälle zu über» leschen. Viele werden sich zum Beispiel des Erstaunens irinnet** das er auf der Hamburger Tagung des Vereins vt Sozialpolitik im Jahre 1903 erregte, als er plötzlich die iljeoric aufstellte, die letzte große Wirtschaftskrisis hänge rit der vermehrten Goldproduktion zusammen. Damals Uflte er die Behauptung beweislos wie ein neues Dogma hilf, vertröstete aber die Zuhörer auf spätere ausführliche iijicgungen. Wir warten noch heute auf sie, und ich glaube, liR dieser Geniestreich, der ebenso geschickt wie überzeugt - i'fÄhrt worden ist, ungesühnt bleiben wird. Sornbarts iollegen schütteln auch heute noch den Kopf über den Lriofen Einfall des angesehenen Nationalökonomen. Ich stbst habe in einem Vortrag in der Gehe-Stiftung: „Die ^zeitliche Goldproduttion und ihr Einfluß^ auf das Wirt- ihastsleben", versucht, die S o m b a r t sche Theorie als un- | lal.tbar zu bekämpfen, und die weitere Entwickelung unserer ösldmarktverhältnisse hat bewiesen, daß ich wohl im Rechte lax Andere Krisentheoretiter, wie namentlich Dr. Artur lß kpiethoff, haben ebenfalls die berühmte Quantitäts- [1 he orte, die Sombart aufgewärmt hatte, als für die heutigen ' Kihältnisse gänzlich veraltet abgelehnt.
ob der frühen Gäste ein ganz verdutztes Gesicht, bann aber lacht sie und ruft in die Küche eilend:
„Gelle Se, Kaffee wolle Se hawwe?!"
Während sie Feuer anmacht, gehen wir in die Wirtsstube, lassen die Rouleaux in die Höhe schnellen, öffnen die Fenster- chen und lassen den Tabaksgeruch vom Abend vorher hinaus, die gute, reine Morgenluft herein! Nach und nach kommt die Familie des Wirtes zum Vorschein, nach einer halben Stunde sitzen wir am appetitlichen Kafseelisch.
Allmählich beleben sich die Straßen und gerade, als wir uns anschicken, einen kleinen Bummel zu unternehmen, kommt Meister Lemkes blondes Töchterchen und bestellt: Papa läßt Ihne
sage, der Kaiser wär' nach dem Friedhof gefahrn, und Sie könnte ihn gut sehe, wenn er zuvückkomme tat!" Schnell folgen wir der Kleinen, die uns nach der Grabenbergerstraßs führt, wo schon, hie und da Leute plaudernd und wartend vor den Häusern stehen.
Der Weg vom Friedhof führt in Windungen den Berg herab, so baß man t&on von weitem den Kaiserlichen Wagen sehen kann. Da die Straße steil ist und gepflastert, mit einem muldenförmigen Rinnstein in dev Mitte, muß der Kutscher mit großer Vorsicht und Geschicklichkeit fahren. Aus dem Bock sitzt auch mit weißem, wehenden Federbusch der Leibjäger, der aufmerksam die barrenbe Menge mustert. Im Fond — mit dem Iagdanzug bekleidet — lehnt Kaiser Wilhelm!
Die Hüte und Tücher der Erwachsenen fliegen und wehen. Tie Kinder schwenken Mützchen und Fahnen und klatschen in die Händchen. Die Freude, der Jubel id/üUt an, „Hoch-" und „Hurra"ruse ertönen mit urwüchsiger Kraft.
Wir sehen in das ernste, jetzt so freundliche Angesicht des Herrschers, es ist leicht gebräunt und zeugt von Gesundheit!
Es ist ein eigenes Gefühl, seinem Kaiser so nahe zu sein, ohne jedes Zeremoniell, so daß wir unä der Schönheit dieses Augenblickes mit frohem Herzklopfen bewußt werden!
Während der Wagen weiter rollt, und der Anblick seines kaiserlichen Insassen neue Stürme der Begeisterung erweckt, sehen wir ihm nach und verweilen bei dem Erinnern an baS gütige, so energische Antlitz!
„Weitzt du noch, damals in Berlin?"
„Ach gewiß!'z
Gedanken an Berliner Festtage lassen den ganzen militärischen Apparat, das Zeremoniell, das Absperren, das stundenlange Warten dort neu in der Erinnerung entstehen, und wir freuen uns, sind doppelt froh und glücklich, den Dionarchen einmal ohne militärische Begleitung, ohne Schutzmannsketten, ohne „Berittene" zu sehen und zwar ganz nahe von Angesicht zu Angesicht!
Juch ihm, dem Herrscher, wird die Brust sich weiten: „Hier bjn ich M.echch, Lst.p darf jchfA jein!"
ist der Siegeslauf des sogenannten „Revisionismus" mit Begeisterung verkündet worben. Auf einen ähnlichen Grunb- ton ist auch bas größere Werk gestimmt, nur kommt in ben neueren Auflagen der Widerwille gegen den Sauhirtenton der sozialistischen Presse, bie in ber Tat jeben empfinb- samen unb wohlerzogenen Menschen, auch wenn er kein ausgesprochener Aesthetiker ist, abstoßen muß, zur Geltung. Später verfiel aber Sombart in bas Extrem unb proklamierte beinahe inbividnalistische Anschauungen, bie einem Sozialisten, gleichgültig ob er Salonsozialist ober Rabau- soztalist ist, doch recht wenig anstehen. Aesthetiker, Moralisten und Pessimisten sind schlechte Politiker und noch schlechtere Nationalökonomen. Ihnen pflegt bas richtige Augenmaß zu fehlen. Sie verlernen, ihre Zeit zu verstehen, unb es muß in hohem Grabe auffallen, daß ein so aufmerksamer Beobachter politischer und sozialer Erscheinungen, wie es S o m b a r t ist, gerade in einer Zeit, wo das deutsche Volk sich von bwn politischen Jndifferentis- mus abzuwenden anschickt, in fast allen Parteien neues Leben zu pulsieren beginnt, die Mahnung „Zurück zu Goethe!" und ein „Pereat die Politik!" ertönen läßt. Salonsozialismus ist ein Unding. Damit gewinnt man höchstens überspannte Blaustrümpfe für seine Sache. Dagegen gehört die sensible Aesthetik in den exklusiven Salon. In der Kampfatmosphäre der politischen Arena macht man sich mit ihr lächerlich.
Sombarts „Sozialismus und soziale Bewegung" trägt das schöne Motto eines Franzosen: „Je ne propose rien, je n’impose rien: j’expose.“ Es gibt keinen besseren Sinnspruch für die nationalökonomische Forschung als diesen. Aber um so stärker und unvermittelter verstößt Sombart gegen diesen Grundsatz in seinem neuesten Aufsatze, wo er die Geschäftsreklame behandelt und ihr in der denkbar unerbittlichsten Form zu Leibe rückt. Seine Ausführungen gipfeln in folgenden Sätzen: „Was ist uns, die die ganze Sache nichts angeht, die Reklame? Nun, ich denke, darauf kann die Antwort nur lauten: ein Aergernis, und zwar ein großes. Die Reklame ist jene Erscheinung der modernen „Kultur", an X>er aber auch beim besten Willen nichts als Widerwärtiges gefunden werden kann. Sie ist als Ganzes wie in ihren Teilen und in allen ihren Formen für jeden Menschen von Geschmack rundweg ekelhaft. Schon daß sie überhaupt da ist, die Tatsache, daß man Reklame macht, wirkt abstoßend. Jede Anpreisung nun gar zum Zwecke des Gewinns ist ein Greuel für jedes noch unverdorbene Gemüt."
Ja, er war da, endlich da der „Wonnemond", der lieblick-e ÜM, heiß ersehnt, lange herbeigewünscht! Lange, ganz besonders tn.;e, hatten wir diesmal warten müssen, nach einem strengen, Ex enden wollenden Winter. Noch immer.batte es nicht wehen Men das „Mai-Lüfterl", ja, cs hatte sogar — wie ausgerechntt - trom 1. Mar morgens an gesprüht, geregnet und allmählich t strömen gegossen, stetig, ohne Aufhören! Und wir wollten > ■bä) in’d „Schützer Land", um den Kaiser zu fehen.
Jeder freie Augenblick galt dem Himmel, dem Barometer . ttb— last not least, dem Laubfrosch! —, Ite rührten stch Nicht, >- Dar zum Verzweifeln! — , . . a
Endlich — allerdings erst spät am.Vorabend des sonntags — Ünr der Regen auf! „ . . - < e o
Ter Wecker wurde auf 4 Uhr gestellt, da 5,Io Uhr der Zug
Ter Himmel war bedeckt, aber im Osten ein heller schein U leben, und als wir um ö Uhr das Gartentor onueten, stand " o Wunder — die Sonne am Himmel, schüchtern zwar erst tiei Lauf beginnend, aber sie Ivar doch da! — Unterrv^s lÜslhsr wir die überschwemmten Wiesen und Felder, wäne die oe- bUHcn Ortschaften; alle Bäche und Flüsse führten enorme Waster- H temgen, besonders um Salzschlirf, wo wir den ^Zug der ^ber- ' sjj'pchen Bahn verließen und das „Zügle" nach schlitz bestiegen, bs spottlustige Leute das „Bimmelbähnche' nennen. Zwischen ^rengründen, Hügeln, Wäldern, Bergen und freundlichen Xor- ’ae fährt man dahin, und bald tauchen die -vurme^die Burgen fcn Schlitz auf. Im weiten Bogen zur Sette der schütz fa-bren br fast ganz um das Städtchen herum, an dem Gräflichen Park ! h£ei, in dessen Mitte die „Hallenburg , ein fcMwto, lang sslreckter Bau mit Freitreppe liegt. Aus dem xache ist die hifcrftanbartc gehißt, die im Morgenwinde leise hm und her j-'i; von den Burgen grüßen sKwarz^veitz^rote /z-ahnen, das ftä dtchen ist reizend geschmückt, auch die kleinsten puschen batien ’n Fähnchen herausgesteckt, pber die Bewohner haben vor dem eiuiter am Blumenbrett einen Busch von Fichtenzweigen be- IjLjt.
lchch ist alles still und feierlich! Die Wolken sind fort, Vx dimmet ist blau, die Sonne lacht, echtes Hohenzollern-, wahres 'ai^rwetter! , - . ._
Man sieht noch wenigs Leute, da es ja noch sehr WH rsÜ , Um zu einem Morgen-Imbiß zu gelangen, ^nken wir unsere ; nach dem „Weißen Rößl". Die Haustur ^ist iwch ver- llaijen, die Gardinen noch herabgelassen, aber Da» schreckt uny 'M wir wissen Bescheid, gehen um das Haus herum zur zwettQi i । hui, und richtig, ssbert schließt die Magd .bter auf unb wacht
Es genügt nicht, daß man am Schreibtisch in Empirestil über diese Dinge nachsinnt ober beim Five o’clock tea angeregt darüber plaudert, aus dieser Augenblicksstiinmung heraus ästhetisierende Artikel schreibt und mit dem Aufgebot sittlicher Gntrüftung Anklagen schmiedet. Dabei kommt nicht mehr heraus, als wenn man über Trinkgelder schimpft oder das schlechte Wetter verflucht. Auch damit kann man sich nicht helfen, daß man von einem „notwendigen liebel" spricht. Trinkgelder werden doch bezahlt, auch wenn man, wie es Jhering tat, die Frage mit noch so viel juristischem Scharfsinn untersucht, und das Wetter bleibt trotz allen Scheltens schlecht, wenn das Barometer weiterhin fällt. So ist es auch mit der Reklame, die Sombart in richtiger Beobachtung gegebener Verhältnisse in einem glänzenden Vortrag „lieber Die Entwickelungstendenzen im modernen Kleinhandel" neben der Kulanz als einen Der „beiden Eckpfeiler, auf denen der moderne Handel aufgebaut ist", bezeichnet Hai. Er hat zwar in derselben Rede den Handel als ein „notwendiges liebel bezeichnet", aber dieses bedenkliche Schlagwort sofort in dem Sinne eingeschränkt, daß man den Handel nicht in seinen alten Formen konservieren dürfe. In der Debatte hat er namentlich die Warenhäuser und Großmagazine, die ja die Reklame und Kulanz besonders als Geschäftsmaximen kultivieren, gegen zahlreiche Vorwürfe in Schutz genommen. Er hat es sogar begreiflich gefunden, daß es ein Warenhaus gibt, das nebenbei Tanzunterricht erteilt und Schokolade verschenkt, lieber solche Auswüchse denken andere, zum Beispiel ich, ganz erheblich anders als Som- bart. Aber ich rege mich darüber auch nicht auf. Viele sind mit Sombart darin freilich einig, daß die Reklame künstlerischer fein könnte, aber wer möchte leugnen, daß gerade in dieser Beziehung enorme Fortschritte in der letzten Zeit gemacht worden sind? Zahlreiche Künstler von gutem Namen verdienen dabei ihr Brot und verbreiten Geschmack, Farben- und zeichnerischen Sinn in Kreisen, die bis dahin nur scheußliches Zeug zu sehen bekommen haben.
„Entwickeln wir die Reklame zu einem Faktor des Kunstlebens, und wir werden dadurch eine Bereicherung des modernen Daseins erfahren, die auf anderem Wege nicht leicht wird erreicht werden können. Die Ausschmückung unserer Straßen durch schöne Reklame, durch Reklame aus KünstlerhänHen, wäre eine solche Förderung, wie sie schöner gar nicht gedacht werden kann. Die Reklame aus der Welt schaffen zu wollen, das ist wirklich eine Utopie. Da kann doch kein Mensch daran denken. Wenn wir wirklich hier beschlössen, als Vertreter der gesamten deutschen Wissenschaft, daß die Reklame nichts wert sei und zu verschwinden habe, glaubt man, daß auch nur ein Geschäftsmann uns folgen würde?"
Diese letzten fünf in Anführungszeichen gesetzten Sätze stammen nicht etwa von mir, sondern von Professor Werner So mb art, der sie am 27. September 1899 in Breslau ausgesprochen hat, unb zwar unter allgemeiner Zustimmung der Anwesenden. Also von demselben Manne, der heute erklärt, die Reklame sei eine widerwärtige Kultur- erscheinung, sie sei in allen ihren Teilen ekelhaft, und jede Anpreisung zum Zwecke des Gewinns sei ein Greuel für jedes noch unverdorbene Gemüt. Tas sind doch alles nichts als maßlose Uebertrcibungen, schiefe Generalisierungen und launenhafte Stimmungsurteile. Ter Widerspruch zwischen Sombarts früheren Betrachtungen und seinen neuesten ist und bleibt ein eklatanter. Der Aesthetiker hat wieder einmal dem Nationalökonomen und KAlturhistoriker das Konzept verdorben. —
Was im Geschäftsleben Reklame ist, das ist in der
Nach einer kleinen Wanderung durch das malerisch gelegene Städtchen steigen wir zur Stadtkirche empor, die inmitten der Burgen und anderer altertümlicher Gebäude auf einer Anhöhe — die Stadt beherrschend — steht. Ta der Gottesdienst erst um 10 Uhr beginnt, haben wir Zeit, uns umzusehen. Tie Kirche ist nicht all zu groß, aber anziehend, teils romantisch, teils gotisch. Es befinden sich hier mehrere Grabdenkmäler von Angehörigen der Gräflich Görtz'schen Familie, von denen das des Georg Heili-- rich von Görtz die größte Teilnahme erregt, der — in Schwänschen Diensten stel-end -- im achtzehnten Jahrhundert ein Opfer seiner Fürsten treue ward!
Seit geraumer Zeit aber besteh: aus dem etwas entfernt von der Stadt gelegerien Friedhof em Erbbegräbnis, weshalb in der Stadlkirche keine Beisetzungen mehr stattsindeil. Zu ebener Erde, nahe dem Altar und der Känzel, befindet sich — von "efiier Ge-- denktafel gekrönt — das Gestühl, die Loge der Gräflichen Familie.
Schritte hallen durch die Kirche, Chorknaben stecken die "Num- mern der Lieder auf die schwarzen Tafeln, der Küster entzündet die Kerzen am Altar und stellt den Klingelbeutel zurecht.
Nach und nach füllt sich das Gotteshaus, durch das ein. Raunen und Flüstern geht.
Nun beginnen die Glocken zu läuten, und nachdem der letzte Ton verhallt, tritt der Kaiser ein, gefolgt von dem Grafen Emil von Görtz, den: Grafen Wilhelm von Görtz mit seiner jungen Gemahlin, den Gräfinnen Anna, Elisabeth, Marie und Margarete, ferner von dem General-Adjutanten von Scholl, Leibarzt Dokwr Ilberg und anderen.
Ter Gottesdienst beginnt.
Während das erste Lied durch die Kirche braust — der. Kaiser singt mit! — naht der Küster mit dem Klingelbeutel, und der Kaiser gibt als Erster.
Tekan Schmidt waltet seines Amtes und hält über „Rogate"- „Betet" eine Predigt in feuriger, mir sortreißendcr Weise. Damr singt die Gemeinde, wieder erklingen fromme Weisen durch das> Gotteshaus, dann folgt dep Segen, ein stilles Gebet beschließt die würdige Feier.
Alles eilt, um den Kaiser beim Verlassen der Kirche noch zu sehen. Ter Wagen führt leer fort, alfo geht der Herrscher zu Fuß und zwar am Hinterturm vorbei, durch enge Gassen. Ta nrir über den Marktplatz eilen, sehen mir ihn noch gerade auf dem Weg zur „Hallenburg" verschwinden. Das Städtchen wimmelt von Menschen, teils Einheimischen — „Schlitzerländern" —, teils 'Fremden. Ta sind Kriegcrvercine, Veteranen, junge Uw tauber und Landleute in ihrer Tracht >deS „Schützer Landes". Tick! Mädchen und Frauen fcl-en schmuck aus; i'ie tragen sußsreie,' meist blaue, eng-püssicrte Röcke, am unteren Rand nut einem Sammetblende, die noch oben mit Silberborte begrenzt ist. Ten silberborten-umsäumt;n Ausschnitt der miederarttgen Taille zieren


