Ausgabe 
19.6.1908 Erstes Blatt
 
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Rektor Backes pensioniert. In den Ruhe­stand wurde versetzt der Oberlehrer an der Volksschule zu Darmstadt, Rektor Karl Backes, auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner mehr als 50jährigen treuen uud ersprieß­lichen Dienste, mit Wirkung vom 1. Juli 1908 an und ihm aus diesem Anlaß die Krone zum Ritterkreuz 2. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen. (Der frühere langjährige Obmann des Hessischen Landeslehrervereins tritt damit nach einem langen, arbeitsreichen Leben von seinem beruflichen Wirken zurück, nachdem er seine Obmann­stelle schon im vorigen Jahre niedergelegt hat. Die hessische Lehrerschaft, die Vater Backes viel zu verdanken hat, wird ihm auch nach seinem Scheiden qu§ dem Amte ein treues und ehrenvolles Gedenken bewahren. Möge ihm ein langer heiterer Lebensabend vergönnt sein.)

* * Aus dem Bureau des Stadtthcaters. Am Dienstag den 23. Juni geht Johann Strauß' klassische Operette Die Fledermaus" in Szene. Die Hauptrollen sind besetzt mit den Damen Großkopf und Klerwin (Ziosalinde und Adele) und den Herren Bauer und Hildebrandt (Eisenstein und Alfred). Erwähnt sei, daß die Herrn Studierenden an der Abendkasse die bekannte Ermäßigung genießen. Da die Operette sich am Dienstag mit so großem Erfolg eingeführt hat, kann die Fort­setzung der Gastspiele als gesichert angesehen werden. Die Vor­stellungen sollen wenn nichts Besonderes bekannt gegeben wird jeweils Dienstags startslnden. Der Vorverkauf im Theater­bureau beginnt jeweils am vorhergehenden Samstag und findet dann täglich von 111 Uhr statt.

* * Kolosseum. Resultat des dritten Tages der inter­nationalen Tamelr-Ringkämpfe: 1. Paar Frl. M u r a n tz i-Ungarn siegte über Frl. Küorr-Rheinland in 5 Minuten 5 Sek. durch Ärmdurchzug am Boden. Ass zweites Paar rangen unentschieden Frl. Haag-Stuttgart gegen Frl. Hanton-Elsaß. Beim dritten Gang besiegte Frl. R o s l o w s k j -Oßpreußen ihre Gegnerin Frl. Schönbuvg-Aien, trotz der gewandten Verteidigung in 16 Min. 40 Sek. durch Hüftenschwung. Tie Kämpfe werden jetzt täglich interessanter und werden vom Publikum mit großer Spannung ocrfolgt.

* * D i e P f i n g st p a r t i e. Zwei 16jährige Burschen l)on hier hatten sich verabredet, am ersten Feiertage einen Ausflug auf dem Fahrrad zu enternehmen. Allerdings fehlte das Notwendigste, keiner besaß ein Rad, und so mußten diese erst beschafft werden. Ter eine fand ein solches in seiner elterlichen Behausung, das vom Gerichtsvollzieher gepfändet uud dort aufbewahrt war, allein dies Rad konnte er zu der Partie nehmen. Ter andere befaß 3 Mk., wofür er sich eins zu leihen gedachte, jedoch hätte es in diesem Falle an Reisegeld gemangelt. Zufällig hatte der eine nun entdeckt, daß in dem Hofe einer Wirtschaft in der Bahnhof­straße nachts ein Fahrrad stand und beide beschlossen, das Rad zu holen, damit die 3 Mk. zur Reise gesichert seien. Sic holten dann nachts auch das Fahrrad und fuhren nach Wetzlar. Auf dem Rückwege brach ein Pedal an dem ent­wendeten Rade und so versteckten sie es im Felde, wo es gesunden wurde. Angeblich wollten sie es nachts wieder an den Ort zurückbringen, wo sie es entwendet hatten.

* * Feinschmecker. Gestern abend wurde ein Ta­peziergehilfe dabei ertappt, als er aus dem Keller eines Cafes eine Flasche öe ft, eine Flasche Limonade und eine Flasche Himbeersaft entwendete. Er hatte bereits die Sektflasche entkorkt, um sie zu trinken, als man ihn in seiner Stube dabei überraschte und ihn in seinem Genuß störte.

* * Silberne Hochzeit feiern morgen der Feuer­wehrinspektor und Wirt Franz Wigandt und seine Ehefrau.

- fc. Dar m stadt, 18. Juni. Tie Untersuchung gegen den Notar Link-Dieburg hat ergeben, daß derselbe zirka 10 000 Mk. amtlicher Gelder unterschlagen und zirka 70 000 Mark Privatschulden kontrahiert hat. Link, der als Student in Gießen ein einfaches Leben geführt und sich mit dem Erlös diireh Erteilung von Privatunterricht durchschlug, ge­riet in Schulden durch Uebernahme von Bürgschaften, die er für Verwandte seiner Frau eingegangen ist. Wie bc- richtet wurde, wird der Notar auf Anlaß seiner Frau bezw. seines Verteidigers Dr. Geßner-Tarmstadt in der Gießener Klinik auf seinen Geisteszustand untersucht. In den Kreisen der von Link Geschädigten herrscht nun die Ansicht, daß bei etwaiger Feststellung einer geistigen Anormalität die von Link sanktionierten Verträge, Testamente usw. hinfällig seien. Tiefe Ansicht ist irrig. Der Notar war gesetzlich bestellt, infolgedessen sind sämtliche Verträge, die er abgeschlossen

verhältnismäßig geringen Mitteln aufgeführtc, und doch die ganze Landschaft schmückende und hebende, auf den Geschmack der Land- leute außerordentlich förderlich wirkende Bauten, deren ästhetischer und praktischer Wert sich garnicht genug rühmen läßt.

Tie Spielsachen, die man hier sieht, sind in ihren derben breiten Holzformcn treffliche Zeugen deS gesunden oberhessifchcn Dorfcharakters.

Alles in allem genommen bedeutet das Oberhesfischc Aus­stellungshaus einen der wertvollstenClous" der ganzen Aus­stellung. In ihm überwiegt der Charakter des bedächtig, ver­nunftgemäß, praktisch Schönen: kapriziöse Anmut und raffinierter Geschmack sind ihm im wesentlichen fern. Seine Meister allesamt, vor allen anderen Prof. Olbrich, zeigten, daß sie cs verstehen, im Zusammenhänge mit der guten Tradition überraschend Schönes zu schaffen. Olbrich hat heute nicht mehr den Ehrgeiz, für die einfachsten Schmuckgegcnstände immer wieder neue Formen zu ersinnen, die schließlich oft keinen anderen Vorzug haben, als den, daß sie eben neu sind. Es zeugt durchaus nicht von geistiger Armut, wenn man bet Stuhl und Tisch, bei Besteck und Geschirr gewisse Maßverhältnisse und Umrißlinien als gegeben und ge­wachsen respektiert.

Ein A r b e i t s f e st h a u s des o b e r h c s s i s ch e n Hand­werks ,so könnte man daS Oberhessische Ausstellungshaus nennen. Es ist feine Märchendekoration, es ist fern von aller Maskerade; vielmehr das Abbild der anständigen, sauberen, zuverlässigen ober- hessischen Gesinnung, der die Pose etwas Unmögliches ist.

Viele Anregungen, viel Freude könnten von diesem Hause aus­gehen.

Sonach ist schon um dieses Hauses willen die Wallfahrt des Publikums nach der Darmstädter Ausstellung sehr lohnend. Die Wetterprognose für den ganzen Darmstädter .Sommer verheißt Sonnenschein und. glückliches Gelingen. P. ,W.

(Weitere Artikel folgen.)

Man schreibt uns aus Bayreuth: Soeben ist von der Festspielleitung das- endgültige Programm samt der Rollenbesetzung für die heurigen Fe st spie le ausgegebeu worden. Tauach liegt die Orchesterteitung in den Händen von Dr. Hans Richter, Tr. Karl Muck, Michael Balliug ruld Siegfried Wagner. Die Chöre führt Professor Hugo Rüdel (Berlin), die Regie Ernst Braunschweig, der Obermafchiuendirektor Friedrich Kranich (Darmstadt) führt die Leitung des technischen Persoiials. Als Solorepetoir nnb für die musikalische Assistenz auf der Bühne ist u. a. gewonnen: Karl Kittel Hofkapellmeister in Darmstadt.

Kleine K u n st ch roni k. In W i e n kam es am 17. d. Al. in der Hofoper bei der Aufführung der Walküre, da W e i n- gärtner große Striche in der Oper gemacht hatte, zu lebhaften Tomonslralümen, die damit endeteil, daß einige der Demoslranlen von der Polizei von der Galerie eutserm wurden. Der ausge­zeichnete Stuttgarter Architekt Professor Theodor Fischer hat den Ruf an die technische Hochschule in München angenommen.

hat, giltig,'auch wenn er dämckls" etwa getjftg anormal gewesen.

F r a n k f u r t a. M., 18. Juni. Vergangene Nacht starb hier plötzlich Professor Eugen Albrecht, Direktor der Seuckenbergischen Anatomie. Albrecht, der nur 36 Jahre alt geworden ist, ist zu Sonthofen im Algäu geboren. Die Wissenschaft der pathologischen Anatomie verliert in Albrecht den hervorragendsten jüngeren Vertreter.

Sitzung Ser Stadtverordneten.

Gießen, 18. Juni.

Anwesend sind: Oberbürgermeister Mecllm, der Bei- geordiiete Georgi, sowie die Stadtverordneten: Dr. Biermer, Dr. Ebel, Eichenauer, EmmeliuS, Faber, Tr. Gutfleisch, Habenicht, Dr. Haberkorn, Haubach, Heichelheim, Helfrich, Helm, Huhn, Jann, Jughardt, Krumm, Leib, Löber, Orbig, Plank, Dr. Schä'er, Schaststaedt, Simon, Troß, Wallenfels, Dr. Wimmenauer und Winn.

Mitteilungen.

Ter Gleiberg-Verein hat zu feiner am 27. Juni statt­findenden Generalversammlung eingeladen.

Tie L e h r e p b e s o l d u n g so r d n u n g ist 'Dom Ministerium genehmigt worden.

Der Vorsitzende gibt einen Ueberblick der wegen des Nord- Bahnhofs mit der Eisenbahnvevwaltung geführten Verhandlungen. Die letzte Verhandlung mit einem Vertreter der Eisenbahndirektion fand am 11. Mai statt und es wurde damals sck-on gesagt, daß die Bahn voraussichtlich ihre Zustimmung aus Betriebsrücksichten versagen müsse. Es sei dann auch ein vom 30. Mai datiertes Schreiben gekommen, in dem gesagt wird, daß die Bahn von dem Aenerbielen der Stadt, die Kosten der Stationsaulage zu tragen, Kenntnis genommen habe, aber mit diesem Angebot werde das finanzielle Interesse der Bahnverwaltung nicht ausreichend befriedigend. Auch bezgl. des Xuriebö beständen erhebliche Be­denken. Ein dringendes Bedürfnis für die Station liege nicht vor, da es von keinem Hauptverkehrspunkt der Stadt zu dem in Aussicht genommenen Platz für den Nord-Bahnhof für das Pub­likum näher ist als zu dem Haptbahnhof. Es werde damit also keine Ersparnis erzielt als die für das Fahrgeld. Die an die Hauptbahnen gestellten Anforderungen würden immer größer und durch die Vermehrung der Haltestellen werde die Ausstellung und die Einhaltung der Fahrpläne immer schwieriger. Tie Verwaltung müsse daher die Errichtung der Station endgültig ablehnen.

Stadtv. Wallenfels führt aus, diese 9(ntroort beweise, wie wenig die Bahn der Stadt entgegenkomme. Mit der Ablehnung werden namentlich auch die vom Land kommenden Arbeiter ge­schädigt, die in den 67 im nördlichen Stadtteil liegenden Fabriken arbeiten. Er könne in der Begründung der ablehnenden Antwort gewisiermaßen nur eine Ausrede erblicken, da man früher doch anders gesprochen habe. Er habe trotz des Ausdrucks, die Sache sei damit endgültig entschieden, die Hosfnung, daß sie über kurz oder lang zustande komme. Es sei allerdings fraglich, ob die Grundbesitzer, die sich nur bis zum 1. Juli verpflichtet hätten, bann noch den versprochenen Zuschuß leisten würden.

Stadtv. Löber bemerkt, kein früherer Präsident oder Dezer­nent habe so gesprochen, wie jetzt in der Antwort zum Ausdruck komme. Man habe früher nur von der Deckung der Station ge­sprochen, fetzt, nachdem die Stadt ein so glänzendes Angebot ge­macht habe, komme man mit den Betriebsrücksichten. Man hätte namentlich mit Rücksicht auf die Beschränltheie des Hauptbahuhofs mehr Entgegenkommen erwarten dürfen. Er hoffe, daß das letzte Wort in der Sacke noch nicht gesprochen sei und bitte die Ver­sammlung, daß sie beschließe, erneut darauf anzutragen.

Stadtv. Troß findet den Standpunkt der Bahnbehörde un­begreiflich. Sie habe namentlich Wieseck, das stark an der Station interessiert sei, nicht in Betracht gezogen. Früher habe man nichts von Beiriebsoedenken gehört und au anderen Stellen habe man viel mehr Entgegenkommen bewiesen, z. B. an der Baden- burg, bei F riedel Hausen, an der Aussteigstelle an der Licher Straße usw. Schließlich fragt er, wie es mit den Aussichten wegen der Verbreiterung der Straßenunterführung nm Neustädter Tor stehe.

Der Vorsitzende bemerti, der kürzlich hier anwesend ge­wesene Eisenbahndczernent habe geäußert, wenn die Stadt die Unterführung verbreitert haben wvllc, müsse jic auch die Kosten tragen.

Stadtv. S i m o n ist ebenfalls der Ansicht, daß man die Sache nicht fallen lassen dürfe. Die von der Bahnbehörde ge­äußerten Bedenken feien nicht jo schwerwiegend, ev. könne man durch Kürzung des AusemhaltS im Hauptbahnhof die durch den Nord- bahuhos erforderliche Zeit herausfparen.

Stadtv. Huhn bemerkt, nach dem von der Stadt bewiesenen Entgegenkommen hätte man eine ander? Antwort erwarten dürfen, zumal die ablehenden Gründe nicht stichhaltig feien. Die Lage und Ausdehnung der <otadt bringe gerade zur Errichtung der Station.

Stadtv. Winn glaubt, daß die Grundbesitzer ihre Zufagen noch weiter aufrecht erhalten würden. Man solle die Verlegung des Güteröahnhoss an den für den Stadtbahnhof vorgesehenen Platz in Vorschlag bringen, da der jetzige Güterbahnhof jo wie jo unzureichend sei.

Beig. Georgi glaubt nicht, daß die Stadt sich mit dieser Art der Ertedigung beruhigen werde. Man solle den Oberbürger­meister beauftragen, mit der Direktion weiter zu verhandeln und die Zeichner betragen, ob sie ihre Angebote weiter aufrecht er­halten.

Beides wird c i n st i m in i g beschlossen. Auf Anregung des Stadtv. Heichelheim soll die Handelskammer benachrichtigt nnd um Unterstützung ersucht werden.

Der Vorstand der K l e i n f i n d e r b e w a h r a n st a l t in der Diezstraße öankr für die Erhöhung des städtischen Zaschujses auf 500 Mk.

Von Dr. Kubel ist eine Eingabe eingelaufen, in der gegen die beabsichtigte Errichtung einer Bedürfnisanswlt au der Ecke Bahnho)straße-West-Anlage Einspruch erhoben wird.

Stadtv. Löber hält cs für unnötig, die Eingabe an die Deputation zu verweisen. Die Anlage des Häuschens fei unnötig und der vorgeschlagene Platz durchaus ungeeignet. Deshalb solle das Plenum beschließen, daß eS nichc errichtet werde.

Der Vorsitzende macht darauf aufmerksam, das Häuschen solle dem Mangel abhelfen, daß auf dem Weg von der inneren Stadt zum Bahnhof feine derartige Anstalt fei. Es solle für Frauen und Manner eingerichtet werden.

An der weiteren Debatte beteiligen sich die Stadtv. Krumm, Haubach und Jughardt, worauf auf Antrag des Berg. Georgi beschlossen wird, das Häuschen nichc dort zu irrichten.

Stadtv. Plank fragt, wie es mit d?r Pflasterung der Bahn­hofstraße stehe. Wie der Vorsitzende mitteilt, hängt dies von der Frage der elektrischen Straßenbahn ab, (über die nächste Woche beschlossen werden soll. . j

(Schluß folgt.)

GerichtsZaaL.

Berlin, 18. Juni. Die Strafkammer des Landgerichts Berlin 1 verurteilte den Dr. phil. Viktor Riedel wegen Sitt­lichkeitsverbrechen in zwei Fällen, sowie wegen Verleitung zum Meineid ,yt einem Falle zu vier Fahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust. Wegen Verführung unbeicholtener Mädchen unter 16 Jal)ren wurde auf Freisprechung erkannt, weil ein Strafantrag der Eltern nicht vorliegt. Hinsichtlich der Straf­zumessung wurde von dem Gericht die große Gemeingefährlichkeit erwogen, mit der der Angeklagte zu Werke ging. Der Ange­klagte habe' die Gesundheit und das Leben der Mädchen nicht geschont: es mußte daher auf eine hohe Strafe erkannt werden..

VerniischLes.

* Unwetter. In Borlar bei Stade (Hannover) schlug der Blitz in das Anwesen des Kaufmanns Schrveder und äscherte cs vollständig eilt. Ein Knecht und ein Pferd wurden vom Blitz cr|d lagen. Ter Regen fiel so reichlich, daß die Straßen teil- wei,e überschwemmt waren. Heftiges Gewitter mit starken Siegen fällen ging auch über gaiu Dänemark nieder und richtete besonders in Juelland grpßen Schaden <yi. In vielen OrtsKajten,

würden Duvck) Blitzschlag Gebäude in Brand' gesetzt und eingeäschert. Zahlreiches Vieh verbrannte. Mehrere Personen wurden verletzt In Danzig entlud sich ein schweres Gewitter mit erbsengroßem Hagelschlag. Ter Blitz zündete unter anderem in einem der großen Wieler und Hartmannschen Zuckerspeicher an der Weichsel: tausend Sack Zucker perbrannten. Mehrere außergewöhnlich schwere Gewitter gingen im Unterelbegebiet nieder. Eine größere Anzahl Gehöfte und Wohnhäuser imwde cingeäschert und viel Vieh auf den Weiden durch Blitzschlag getötet. Strichweise ver­wüstete Hctgelschlag die Fluren. Heftige Gewitter verursachten große Schadenfeuer ip Lindholm, Kruhow, Artlenburg, Brift- fingen und Barum. In Neustadt in Holstein wurden sechs Wohnhäuser eingeäschert. In verschiedenen Orten des Münster- l a n d e s verursachten furchtbare Gewitter eine ganze Anzahl schwerer Unglücksfälle; verschiedene Wohnhäuser wurden vollständig eingeäschert, wobei an verschiedenen Stellen zahlreiches Vieh um­kam. .In Rheinhessen verursachte das Hagelwetter der. letzten Tage mehr als zwei Millionen Mark Schaden, der nur zum geringsten Teil durch Versicherung gedeckt ist.

* Militärselbstmorde. In Bitsch (Elsaß) erschoß sich ein Feldwebel mir dem Dienstgewehr aus Furcht vor Strafe. Aufsehen erregt in Thüringen in Sachsenegin uddegen mord des Generalleutnants Frhr. von M i l k a u, der sich in Gotha erschossen hat. In einem Briese an seine Frau, mit der er in Dresden im Ruhestände lebte gibt ec Lebensüberdruß infolge von Herzkrankheit an.

Kleine Tageschronik.

MaskierteBanden überfielen die P o st zwischen Cassana und Syrakus (Sizilien', erschossen die Pferde, schlugen die Postbeamten nieder und raubten alle Wertsachen.

In einer Weinprobier ft ube zu Stettin schoß der Kaufmann Rudolf Straubel nach einem Wortwechsel dem Zivil­ingenieur Nagel aus einer Browningpistole eine Kugel in d e n Leib. Ter Verletzte ist vernehmungsfähig. Darauf begab sich Straubel auf die Straße und tötete sich durch zwei Schüsse ins Herz.

Frau Lemoine, die Gattin des Parif er Diamantenschwind­lers, hat wegen Beleidigung und schwerer Mißhandlung die Ehe- s ch e i d u n g s k l a g e eingereicht. Lemoine hatte von ihr vor feiner Abreise unter Drohungen eine bedeutende Summe erpreßt. Ter Untersuchungsrichter erhielt einen Brief von Lemoine. Darin gibt er au, feine Hauseigentümerin habe ihn gehindert, feine. Versuche mit' der nötigen Ruhe vorzunehmen. Er werde später zurückkehren und seine Widersacher niederschmettern. Tie Gerichts­behörden sind überzeugt, daß Lemvine sich in der Nähe von Paris, noch aufhält. Tie Schwester Lemoines und ihr Gatte sind eben­falls verschwunden, was man in Zusammenhang mit der Flucht Lemoines bringt.

Märkte.

-th. Gießen, 17. Juni. Der dieswöchentliche V i e h in a r f t halte einen Austrieb von etwa 1000 Stück Großvieh, 3400 Stück Jungvieh und 250 Kälbern, sorvie 372 Schweinen. Der Milchvieh- ycrndel gestaltete sich in Anbetracht der guten Heuernte und wegen des starken Bedarfs der Tiere für die Badeorte außerordentlich gut, Ta der Markt schöne Qualitätsware hatte, die stets sehr gesucht ist, jo rvurde zu hohen Preisen ein sehr guter Handel erzielt. Ebenso waren die Jungtiere in vorzüglicher Qualität am Markt. Es war zwar anfänglich schwer, bei den hohen Preissordernngen der Ber- fäufev em Geschäft zu machen. Man^ feilschte und versuchte ver­geblich zu drücken. Ter vorhandene Fntteroorrat war aber auch für die Käufer verlockend genug, für Jungvieh Preise anzulegen, >vie sie lange nicht bezahlt worden sind. Bei der steigenden Tendenz der Preise für Milch- und Jungvieh war es nicht verivimderlich, daß auch die Preise für fette Rinder und Kühe, iveim auch unevljeb- Uch, anzogen. Anders gefiaUeie sich das Geschäft für Kälber. Hier batte sich die Kundschaft aus den Großstädten vereinigt und verhielt sich bis gegen Ende des Marktes ablehiiend, augenscheinlich um die Preise zu drücken. Obschon die Gießener Metzger und solche aus den Proviiizstädten die Gelegenheit benutzten, um ihren Bedarf zn decken, konnten doch die Verkäufer die hohen Kätberpreije der letzten Märkle nicht hallen, sie mußten mit sich reden lassen, um überhaupt die Ware an den ÜHann zu bringen, obschon sie habet klagten, daß ihnen kein Nutzen verbleibe, weil die Ware nn Ankauf zu teuer sei. Der Schwetnemarkt zeigte ein Bild ohne Leben. Der vorhandene kleine Vorrat veranlaßte die Verkäufer, außergewöhnlich hohe Preise 51t verlangen und dabet auch zu beharren, da Käufer genug am Markt waren, um den Vorrat anfzimehmen. Wer eben Jung­tiere haben wollte, mußte zahlen, was verlangt wurde. Trotzdem bei dieser Ausnutzung der für Oie Verkäufer günstigen Umstände der Absatz langsam vor sich ging, waren die Preise während des. Marktes noch m die Höhe gegangen, so daß die Käufer, die früh sich gedeckt hatten, billiger faulten als die, welche gegen Ende des Marktes zngrißen. Es zeigte sich hierbei trefflich, wie schwaches Angebot unb starke Nachfrage die Preise für eine Ware in die Höhe treibt. Es wurden hezahtt für Aiitchkühe für das Stück: 1. Qual. 460530 Mk. (einzelne schwere Tiere, besonders Simmentaler Siasse und Friesen, bis 580 Mk.), 2. Qual. 380430 Pik., 3. Qualität 275340 Mk. Verkauft wurden junge Rinder und Stiere zur Zucht und Niast pro Stück fc nach Form und Qualität: leichtere Tiere 130160 Alk., schwerere Tiere 180230 Pik. Die Fettoieh-l preise stellten sich für den Zentner Schlachtgeivicht: Ochsen 79 bis 81 Pik., Rinder 1. Qual. 74-76 Pik., 2. Qual. 7173 Pik.: Kühe 1. Qual. 68-70 Pik., 2. 66-67 Pik.; Kalber 1. Qual. 73-76 Mk., 2. Qual. 6469 Mk., 3. Qual. 5661 Mk. Tie Preisbildung für Ferkel und Läufer kann man bei den obwaltenden Umständen deä Marktes ats Nornt nicht annehme, 1. Der Markt wurde in allen Viehgattunaen glatt geräumt. Nächster Markt am 7. und 8. Juli d. I.__________________

Vorauöftchtliche Witterung für Heften am Samstag den 20. Ium: Heute und morgen: Vielfach Gewitter, sonst wenig Aenderung der warmen Witlerirng.

Müller'fchc Badeanstalt.

W a s s e r iv ä r m e der L a h n 18 °B.

GrLginal-DrahtmelSunsen.

R. B. Darmstadt, 13. Juni. In Der Zweites Kammer kam es heute bei der Besprechung der Wahl- re ch t s a n g e l e g e n h c i t zu einer erregten Debatte. Abg. Tr. David stellte mit Unterstützung der Sozial­demokraten, Der Freisinnigen, Des Abg. Wolf u. a. Den Antrag, die Regierung zu ersuchen, sofort nach Beginn des neuen Landtags den Landständen eine Gesetzes- Vorlage zugehen zu lassen, in welcher die Einführung des. allgemeinen, gleichen, direkten und gehei­men Wahlrechts unter Wahrung aller bet». fassungsmäßigen Rechte DerZweiten Kammer enthalten ist. Dieser Antrag wurde mit großer Mehr­heit angenommen. In der Ersten Kammer gab Graf Schlitz eine längere Erklärung zur Schlitz er Fehde ab.

Hannover, 19. Juni. Der Kaiser kam um 655 Uf)C vormittags hier an und fuhr im Auto nach dem Schloß.

A l l e n st e i n, 19. Juni. Dem Redakteur M a r k w a l d hier w u r d e \ e i t dem 15. d s. i m G e s ä n g n i s dteSelbst- b e s ch ä f t i g u n g g e w ä h r t.

Rom, 19. Juni. Zu dem gestrigen Zwischenfall in Der Kammer wird noch berichtet, Daß Die Berichterstatter in einer Versammlung beschlossen haben, keinen Parla- m en tsbe richt mehr zu veröffentlichen, bis ihnen voll­ständige Genugtuung gegeben worden ist. Die Siäumung Der Journalisten-Tribüne erfolgte durch eine Abteilung Soldaten, was besondere Aufregung hervorrief.

Chicago, 15. Juni, Bei der Abslimmung auf dem republikanischen Sfationalfoiwcnt erhielt Taft 702 und die übrigen Kandidaten zusammen etwas über 200 Stimmens Taft wurde hieraus einstimmig nominiert.