Nr. 14
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
General-Anzeiger für Dberheffen
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Größe und Ruhe unseres
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D'e „Gießener Lamillenblälter" werden dem »Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kretsblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen 3ett- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
kapitalistische Wirtschaftsordnung beruht auf der jahrelangen Expropriation der Unterdrückten, lute das Junkertum auf der der Bquern. In unserem Zukunftsstaate wird es keine nationalen Feindschaften geben. (Lachen rechts.) Ich hoffe, daß C7 - das alle noch erleben. (Heiterkeit.) Diese Enteignung hie at mit unserem Streben nickts zu tun. Wir danken für Bundesgenossen, wie dre Bülow, Rhernbaben und andere. Die Grotzs cundbesitzer sägen ja selbst den Ast ab, auf dem sie sitzen. Sie er Meiden die Regierung von dem Nimbus, als ob sie die Trägerin der Gerechtigkeit wäre. Sie bereiten dem Sozialismus einen frühen Sieg. (2ebh. Beifall der Soz., Gelächter re--''7.)
Redaktion, Expedition und Druckerei: Sckul- straße 7. Expedition und Verlag: e=^5L Redaktion: 112. Tel.-Adru AnzetgerGteßen.
Deutscher Reichstag.
81 Sitzung, Donnerstag, den 16. Januar.
Am Tische des Bundesrats: v. Schoen.
Jetzt ertönen polnische Friedensschalmeien
Glaube. Die Existenz, Sicherheit, Groß,. . , . .
Staates stehen aus dem Spiel. (Lebh. Beifall rechts, fischen bei
Abg. Dr. Böhme (wirtsch. Vgg.): Merkwürdig ßc "ihrt es, daß ein Vertreter der Sozialdemokratie von Brutalität i id Gewalttätigkeit des preußischen Staates spricht. Dabei ü. n die Sozialdemokraten gegen christliche und nationale Arbeitee den brutalsten Terrorismus. (Großer Lärm der Soz.) Das können Sie durch alles Schreien nicht ableugnen. (Beifall rechts, Lärm der Soz.) Die preußische Geschichte riecht nach Pulver und Waffen; sie kann aber nicht ohne eine gewisse Härte und Rücksichtslosigkeit fein. Es 'st eine Ehre für uns, einem so glänzend entwickelten Staatswesen anzugehören. (Beifall rechts, stürmische Zurufe der Soz.) Das sollten auch die Polen anerkennen. Die Negierung ist auf dem rechten Wege, wenn sie in den Ostmarken das Deutschtum zum Siege führt. (Beifall und Lärm.) Es wäre Pflicht des polnischen Adels gewesen, seinen Stammes- gcnossen zu sagen, was sie der preußischen Krone alles verdanken. Die Geschichte aller Völker ist reich an Akten der Enteignung, wenn das Staatswohl sie notwendig macht. Auch die preußische Agrargesetzgebung hat mancherlei Rechte durch Enteignung abgelöst. Was ist nicht schon alles als sozialistisch gestempelt worden! Unsere ganze Sozialgesetzgebung. Vor allem aber soll die Enteignung auch den polnischen Besitzern helfen, die verkaufen wollen, aber infolge des Terrorismus nicht verkaufen tonnen. ' — allein mir fehlt der
tatur in das Bürgerliche Gesetzbuch. Nicht die Diktatur hat be; uns Beruhigung geschaffen, sondern ihre Abschaffung. Wenn die Dom Vorredner zitierten Flugblätter nicht von Polizeispitzeln verbreitet wären (Unruhe), dann wäre sicher der Staatsanwalt ein. geschritten, der ist dock sonst überall dabei. Nickis Nichlswür. digeres gibt es in einem Kulturstaat als das: „Macht geht vor Recht!"
Abg. Ledcbour (Soz.): Dr. Böhme hat eine Schauergeschichte von zwei Schauerleuten erzählt, die ihren eigenen Vater terrori» fiert haben. Er hat sich zum Verbreiter einer längst widerlegten Verleumdung gemacht. Wir haben m Hamburg sofort festgestellt, daß die Leute weder Sozialdemokraten noch gewerkschaftlich organisiert waren. Herr Böhme ist freilich wissenschaftlicher ^'lksarbeiter des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie. (Hoh. lächler der Soz.) Auch Dr. Görcke teilt das in dem Almana. mit und fügt hinzu: Kampf gegen die Sozialdemokratie. iGelächiei der Soz.i DaS ist eine solche Takt- und Geschmacklosigkeit (1 nruhe), daß ich die Polen zu diesen beiden Gegnern beglückwünsche.
Abg. Dr. Potthoff (freis. Vp.): Ich bin, weiß Gott, ein guter Deutscher, aber ich sage: Was Du nicht willst, das man Dir tu —! und wer sich darauf beruft, bei der Enteignung wird ja bezahlt, den frage ich: Was würden Sie auf der Rechten sagen, wenn die äußerste Linke die preußische Krone enteignen wollte und mit Geld abfinden? Sie wurden entsetzt sein über diese Gemeinheit. Ja, wäre es möglich, bei der Enteignung das Ideal zu verwirklichen, daß östlich der Elbe Bauerndorf an Bauerndorf bis an die russische Grenze sich reiht, ich würde mit Naumann sofort zugreifen und ich würde mit Bismarck sagen: Ich tue, was mir gut und recht erscheint, und es ist mir furchtbar egal, deshalb für einen Sozialisten zu gelten. Diese Enteignungsvorlage ist nicht nur ein Unrecht, nein, etwas viel Schlimmeres, sie ist eine Dummheit. (Lebhafter Beifall bei Polen, Zentrum, Freisinn und Sozialdemokratie.)
Herr Hcckscher hofft auf das Herrenhaus und den Reichskanzler. Das ist lehr optimistisch. Wenn er hier dem Reichskanzler sein Vertrauen ausgesprochen hat, so muß ich erklären, daß der Reichskanzler dieses Vertrauen schon im Abgeordnetenha u s e schnöde enttäuscht hat. (Bewegung.) Dieser Vorgang scheint wieder deutlich zu zeigen, daß diejenigen Unrecht haben, die den schönen, freundlichen Worten des Reichskanzlers und seiner etwas anormalen Paarung trauen. Ich will nicht, daß er aus den Worten des Kollegen Heckicker hier den Schliiß zieht, daß dieses Vertrauen allgemein im Liberalismus geteilt wird. (Bewegung.) Wenn jemals eine Partei in der Lage war, einem Staatsmann zu mißtrauen, so scheint es mir nach Lage der Dinge heute beim deutschen Liberalismus so zu sein. ^Bewegung.) Ich will die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne ihm in absentia die Versickerung zu geben, daß zum mindesten der größte Teil des Liberalismus ihm " mit dem schärfsten Mißtrauen gegenübersteht. (Anhaltende große Bewegung.)
Abg. Seydn (Pole): Das deutsche Volk steht nicht hinter dem Reichskanzler, das ist jetzt im Reichstage festgestellt worden. (Widerspruch rechts.) Auck Bismarck ist nach Kanossa gegangen. Das erkläre ich Ihnen: mögen wir unter dem Ge>etz noch so sehr leiden, wir werden bleiben, was wir sind: Polen!
Abg. Dr. Gocrcke (nL): Gewiß, ich habe hiueingeschrieben: Kampf gegen die Sozialdemolratie I Ich habe mich nicht verstecken wollen, sondern das, was ich als meine politische Hauptaufgabe ansöhe, auch als solche bezeichnen wollen. Ob gerade Herr Lede- bour berufen ist, über Takt und Geschmack zu urteilen, überlasse ich dem Urteil des Hauses. (Lebhafter Beifall.) Er hat nur bewiesen, wie sehr die Sozialdemolratie die Arbeit des Reichs« vcrbandes und speziell die meine fürchtet. (Gelächter der Soz.)
Abg. Dr. Böhme (wirtsch. Vgg.)': Seit dem 1. Januar v. I. bin ich nicht mehr Beamter des Reichsverbandes. Das Dementi war mir nicht bekannt; da Herr Ledebour es sagt, halte ick eS einstweilen für richtig; da aber die Sozialdemokratie solche Vorfälle stets abzuschütteln versucht, werde ich mich erkundigen.
Abg. Lcdcdour <Soz.): Ich weiß nickt, ob ich dem Reichs« verband oder Dr. Böhme gratulieren soll (Heiterkeit). Herr Goercke hat wieder bewiesen, daß ihm Takt und Geschmack fehlen.
Vizepräsident Dr. Pansche: Ich rufe Sie zur Ordnung. Vorher halle es mein Kollege Kämpf überhört, ich bin doppelt verpflichtet, Sie zur Ordnung zu rufen. (Beifall.)
Abg. Ledebour: Dann hat Herr Goercke gezeigt, daß er keinen Witz hat. (Heiterkeit.)
Die Besprechung der O st marke n-Jnterpella- tion ist damit erledigt.
Die Knnppschafts-Juterpellationea.
Während Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg hereingeholt wird, stellt der Präsident nunmehr, um ö>, Uhr, die drei Jnler- pellationen über das Knappschaftsweien zur Verhandlung. Der Staatssekretär erklärt sich zu ihrer soiortigen Beantwortung bereit.
Die Interpellation der Sozialdemokraten fragt, nach der Vorlegung einer Novelle zum Kratt kenversiche- rttngsgefetz, welche die Verhältnisse im Knappschaftswesen in einer für die Arbeiter befriedigenden Weise regele. Die Interpellationen der Wirtschaftlichen Vereinigung — Behrens, Kölle, Linz — und des Zentrums — Giesberts, Wiedeberg, Schiffer — fragen, inhaltlich gleich, ob dem Reichskanzler die Schwierigkeiten bekannt seien, die sich bei der Einführung des Knappschaftsstatuts im Oberbergamtsbezirk Dortmund ergeben haben und zur Ablehnung des Statuts führten, überhaupt die völlig ungenügenden Zustände im Knappschastswesen, unter welchen die Invaliden, Witwen und Waisen der Bergleute zu leiden hätten. Die Interpellation der Wirtschaftlichen Vereinigung wünscht zur Abhilfe dieser Uebelslände einen Gesetzentwurf noch für diese Session, die des Zentrums baldtunlich st einen Gesetzentwurf zwecks einheitlicher, reichsgesetzlicher Regelung des Knapp schaflswesens.
Nach der Begründung der einen Interpellation durch Dbg. Behrens vertagt sich das Hans aus Freitag 1 Uhr: Knappichafts- interpellattonen, Viehjeuchengesetz.
Schluß 6 Uhr. '
schiedet.
Bei der dritten Beratung der Handels - und Schiff- fahrtSübereinkunft mit Montenegro erwidert
Staatssekretär v. Schoen auf eine Anfrage aus der ersten Lesung in bezug auf die Beteiligung italienischer und französischer Gesellschaften an m o n t e n e g r i n t s ch e n Bahn - bauten : es handelt sich um die Bahn von Sintibari aus. Tie Konzession für diesen Bau ist einer italienischen Gesellschaft schon vor drei Jahren erteilt worden, also zu einer Zeit, wo wir dort noch keine so geordnete Vertretung hatten wie jetzt. Deutsche Industrielle, die auf Aufträge reflektieren, müssen sich also an die italienische Gesellschaft wenden. Richtig ist, daß eine belgische Lokornotivbaugesellschaft dort große Aufträge erhalten hat. Aber auch in Deutschland sind Lokomotiven zur Lieferung vergeben worden.
Die deutsch-montenegrinische Handelskonvention wird in dritter Lesung verabschiedet.
Die Ostmarkeninterpellatio«.
(Zweiter Tag.)
Darauf wird bei leeren Regierungsbanken die gestern abgebrochene Besprechung der polnischen Interpellation über die preußische Enteignungsvorlage fortgesetzt.
Abg. Dr. Hcckscher (freis. Vgg.): Es muß zugegeben werden, daß die Polen durch systematische Verhetzung und Boykotterklärungen eine Art von Kriegszustand geschaffen haben. Aber auch im Kriege gibt es eine Reihe von ungeschriebenen Gesetzen. In diesem Kriege ist aber durch die Einbringung der preußischen Vorlage gegen den ehernen Satz gesündigt worden, daß alle Preußen vor dem Gesetz gleich sind. Ta der preußische Ministerpräsident betont hat, daß die Mehrheit des deutschen Volkes in dieser Frage hinter ihm stände, so müssen wir zu dieser Erklärung näher Stellung nehmen. Nach unserer Auffassung verstößt die Vorlage gegen die Neichsverfassung. Die Frage muß mit möglichster Ruhe und äußerstem Ernst behandelt werden. Und das geschieht auch. Selbst auf der Rechten gehen viele m i t schwerem Herzen und großer Beklommenheit an diese Gesetzgebung heran. Was hat nun den preußischen Staat veranlaßt, diese ultima ratio zu ergreifen? Die preußische Negierung befindet sich mit dieser Vorlage auf einem außerordentlich gefährlichen Wege, sie ergreift damit eine.durchaus sozia- l i st i s ch e Maßregel. (Lachen rechts und bei den National- liberalen, Beifall im Zentrum und bei den Freisinnigen.) Die Sozialdemokraten verhalten sich in der Sache etwas inkonsequent, sie wollen ja reinen Tisch machen und uns alle enteignen. Sie sollten daher jubelnd begrüßen, daß jetzt ein kleiner Anfang gemacht wird. (Lachen rechts, Heiterkeit der Sozialdemokraten.) Die Vorlage bringt nur Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokraten, denn die Suggestion spielt eine außerordentlich große Rolle. Wenn dieser Entwurf Gesetz wird, dann wird die äußerste Linke immer und immer wieder Darauf Hinweisen, daß die preußische Regierung selbst die Enteignung aus politischen Gründen sanktioniert Hai. Wir verurteilen solche sozialistischen Experimente auf ba§ allerschärfste und wir erinnern uns noch gern der Geschichte des Müllers von Sanssouci und bewundern den großen Preußenkönig, der damals noch den ungeschriebenen Satz der Unverletzbarkeit des Eigentums hochhielt. Welche Wirkung wird nun das Gesetz auf unser politisches und soziales Leben haben? Es wird immer ein untauglicher Versuch mit untauglichen Mitteln sein, denn um allen Grundbesitz in den polnischen Landesteilen zu erwerben, müßten wir Milliarden zur Verfügung haben. Die einzige Folge wird immer mehr wachsende Erbitterung fein, wenn man die Polen von der Scholle treibt. Sie von der Rechten müßten doch am besten wissen, was es heißt, von der ererbten heimatlichen Scholle aus politischen Gründen Hinweggetrieben zu werden. Die leidenschaftliche Erbitterung über den bedenklichen Schritt der preußischen Regierung wird aber auch ihre Wirkung auf das Ausland nickt verfehlen. Der europäische Frieden beruht doch vor allem auf dem Dreibund. Die Durchführung dieses Gesetzes muß aber auch auf unser: Verhältnisse z u Oe st erreich eine verhängnisvolle Wirkung haben.
Ich würde wünschen, daß man einmal hier im Reichstage den Versuch machte, über diese Frage abzustimmen. Viele toür. den bei der Abstimmung draußen bleiben und andere nur gegen ihren Willen dafür stimmen. Ich habe noch einen ganzen Sack voll Hoffnungen. Ich hoffe noch, daß das Herrenhaus einen derartigen Beschluß deS Abgeordnetenhauses nicht sanktionieren wird. Es wäre beispiellos, wenn das Herrenhaus einen derartigen nahezu revolutionären Schritt gutheißcn würde. Ich hoffe aber auch auf den deutschen Reichskanzler. (Schallendes Gelächter im Zentrum und bei den Soz.) Ich Hofe wirklich, mir ist e5 voller Ernst, lErneutes Gelächter.) Ich hoffe, daß der Reichskanzler, dessen liberaler, einheitlicher und moderner Geist (immer stürmischeres Gelächter) — es kommt noch ein Relativsatz (große Heiterkeit) — der bet der Uhland-Bismarckrede einen so warmherzigen Ausdruck gefunden hat, ick möchte hoffen, daß dieser Geist sich mit dem Geist des preußischen Ministerpräsidenten paart, (Heiterkeit) und auch eine segensreiche Wirkung auf die Blockpolitik ausübt. Wenn das der Fall ist, dann muß dieser Entwurf fallen, der sowohl gegen den altehrwürdigen Grundsatz der preußischen Monarchie: suum cuique verstößt, wie auch gegen den granitenen Satz eines jeden Kulturstaates; Justitia est fundamentum regnorum. (Lebhafter Beifall links.)
Abg. Ledebour (Soz.): Ich hätte doch nicht gedacht, daß Fürst Bülow nach feinem Verhalten in der Wahlrechtsvorlage plötzlich in die Arme des Herrn Hcckscher fallen würde. (Zuruf nnks: Sie haben Hcckscher ja gar nicht verstanden!) Ledebour hätte seine Polenredc. Diese Enteignung ist der Ausfluß der- ieiben preußischen Regierungsmethode, die gegen die harmlosen Demonstrationen mit dem Polizeisäbel vorgeht. Herr Heckscher wundert sich in seiner Naivität, daß wir daß wir dieses Verfahren nicht billigem Er hat für das gesunde Wesen unserer Be- ftrebungen kein Verständnis. (Heiterkeit.) DaS ,st em kapitallstt-
b r u n st in der Weberei Hellemmes entstand ein Millionen- Schaden. Als Ursache des Brandes wird Kurzschluß angegeben. Ein Feuerwehrmann ist bei den Rettungsvei> suchen schwer verletzt worden. 700 Arbeiter werden siiv längere Zeit arbeitslos sein.
* Beim Eislauf verunglückt. Aus Paris wird vom 15. Januar gemeldet: Trotz der geftern nachmittag herrschenden Frühlingstemveratur ließen sich zahlreiche Personen nicht abyalten, dem Eislauf auf dem größeren See des Bois de Boulogne zu huldigen. Plötzlich brach das Eis unter der Menge. Unter der geborstenen Eisdecke verschwanden etwa 30 Per^ sonen. Ai« Zahl der Vermißten wird auf insgesamt
* Die Zahl der Unfälle beim Rodeln nimmt Don Tag zu Tag erheblich zu. Allein aus der Wiesbadener Rodelbahn sind bis jetzt über 20 Unfälle, darunter schwere Arm- und Beinbrüche, Brustquetschungen und Gehirnerschütterungen vorgekommcn. Bemi Rodeln vom Gabelbach (Tl)ür.) verunglückten ferner der Bäckermeister dessen Frau. Finke wurde schwer verletzt, ferne rsolge Genickbruches sofort tot — Im Aoler-
, Polen, Zentrum und Soz.)
Abg. Fürst Radziwill (Pole) bezieht sich gegenüber den ge- 1 schichtlichen Reminiszenzen des Vorredners auf die Konstitution des Grodnoer Reichstags von 1793, wo der Adel die Hörigen be- fiett und dadurch den Mächten Anlaß gegeben habe zum Gin» > schreiten unter Berufung darauf, daß es ein Ausfluß der französi- 1 schen Revolution sei. Sie haben damals die wahre Z i v i l i - : sation und Kultur in Polen vereitelt. (Lebhafter Bci- : fall der Polen.) Je mehr der Staatssekretär und der Rcichs- : kanzler sich hinter das formale Recht zurückziehen, um so schwächer wird ihre moralische Position. Es müßte in das Reich hinein-
I schallen: Tua res agitur! (Lebhafter Beifall der Polen, lebhafte 1 Zustimmung rechts und bei den Nationalliberalen.) Diese Politik 1 ist ein Einbruch des Vandalismus in die politische : Kunst, ba§ Gegenteil der politischen Moral. Unerhört in der Ge- - setzgebnng aller Kulturvölker, Strafen zu verhängen — ohne ■ Strafgesetz, ohne geordneten Rechtsschutz, gegen Leute, die nichts 1 verbrochen haben, als daß sie mit vollem Herzen an der Tradition der Geschichte, dem Stolz ihres angestammten Volksstammes fest-
1 halten, Leute, die mit Agitation nichts zu tun Haden. Enteignen ■ Sie Nedaktionsfedern? (Lebhafter Beifall der Polen.) Re- : daktionsstuden? Nein, Sie enteignen den Bauer, der fein Blut ' auf den Schlachtfeldern Frankreichs vergossen hat. (Lebhafter Bei- : fall der Polen.) Meint der Reichskanzler, daß wenn in der > Reichsverfassung von dem Wohl des beuti’djen Volkes die Rede ist, > die Polen ausgeschlossen sind? Das wird er selber nicht glauben. > Kein Artikel kann das Maß von Agitation in die polnische Bevölke- > rung tragen, wie diese Gesetzesvorlage. Wollen Sie Ruhe, wollen l Sie Frieden, bann lasten Sie davon ab. Sie werden das Herz des i polnisch fühlenden Staatsbürgers niemals von seiner Nation ab» । wendig machen; Sie werden im Gegenteil die Kluft nur vergrößern.
> (Stürmischer Beifall der Polen.)
’ Abg. Dr. Görcke (natl.): Ganz richtig: Tua res agitur! ’ Weit höher als die formale Rechtsfrage steht die Erhaltung des , Deutschen Reiches, das Recht der Selbsterhaltung. Selbsterhal, tung die erste Pflicht eines Staates. Wir fühlen mit Ihnen,
' wie schwer es ist, von der Heimat zu gehen, aber über diesen Rück- ' sichten steht für uns die Frage der Erhaltung des Deutschen Reiches. Durch welche Umstände sind nun die Deutschen zu dem
' Vorgehen gegen die Polen veranlaßt worden? Wenn das ganze • Volk mit diesen Ursachen vertraut wäre, dann würde es auch in ’ der großen Mehrheit hinter dem Fürsten Bülow stehen. Die Polen denken nicht daran, als loyale Staatsbürger an der Entwicklung des preußischen Staates mitzuarbcitcn. Sie hassen die
1 Deutschen, von denen sie allein die Kultur empfangen haben. Sie , verlangen, daß die katholisckjen Priester im Osten nur polnisch predigen, und in Brombera mußte erst kürzlich ein polnischer
! Kaplan besttaft werden, weil er einem deutschsprechenden Kinde 1 gedroht hatte: „Ich wende Dir die deutsche Zunge ausreißen I" ! (Hört! Hört! rechts.) Einem Geistlichen rechnete man es als große Sünde an, als er einem Kriegervereinsfest beiwohnte. Diese polnischen Fanatiker wollen keinen Frieden mit den Deut, schen. Und wie ging es denn dem Herrn v. Koscielski, als er im Herrenhause im Jahre 1890 an die Polen die Aufforderung rich. tete, den Gedanken an ein großpolnisches Reich fallen zu lassen. Man beschimpfte ihn in Posen auf offener Straße. Das beweist, daß ein großer Teil der Polen von einem friedlichen Zusammen, arbeiten mit den Deutschen nichts wissen will. Ter Redner verliest eine Reihe von polnisckjen Preßstimmen, aus denen hervor, geht, datz die meisten Polen den Traum auf ein großpolnischeö
’ Reich noch nicht aufgeg-’ben haben, und daß sie nach einer Nieder- . läge Deutschlands auf eine Wiedergeburt Polens hoffen. Ste haben ein vorzügliches Mittel in der Hand, Ihre friedlick)e Gcsin. nung zu zeigen: dem niederen polnischen Klerus (Beifall und Lachen.)
Abg. Telsor (Zentrumselsässer): 35 Jahre hatten wir bei uns für die Abschaffung der Diktatur gekämpft, und die Diktatur war nichts anderes als eine Enteignung der verfassungsmäßig verbürgten Rechte. Fürst Radziwill fragt: wo ist anderwärts schcn jemand ohne gerichtlichesVerfahren, ohne Anklage, ohneVerteidiger, ohne Appellationsverfahren, ohne Grund von seiner Scholle verjagt worden? — bei uns, durch einfaches Dekret des Statthalters. (Zuruf: Beweise!) Gründe sind genug angegeben. Die Ent. cignuugspolitik betrachten wir als die Uebcrtragung unserer Tik-
brei Personen verunglückt. Eine blieb mit zerschmettertem Schädel t o t liegen. Die beiden andern trugen Beinbrüche uno Gehirnerschütterungen davon.
* Paris, 16. Jan. Ein Hochstapler namens Fau- coguter schoß gestern abend im Hausflur seiner Wohnung zwei Polizisten, welche ihn verhaften wollten, nieder und jagte sich dann selbst eine Kugel durch den Kopf. Die beiden Polizisten schleppten sich und ihn bis zur Straße und riesen Droschken an. Passanten hoben die drei in die Wagen und fuhren sie gemeinsam nach dem Hospital, wo der Mörder und der eine der Polizisten ohnmächtig ankamen. Der Zustand der beiden Polizisten ist bedenklich, der des Mörders hoffnungslos. — Bei einer Feuers--
, sches E^propriattonsversahren. Herr Sieg hat — ein blindes Huhn findet ja manchmal auch ein Korn — den Satz ausgesprochen, unsere ganze Kultur baut sich auf Enteignung auf. Das ist richtig, aber nicht die Kultur, sondern unsere ganze
Finke und i
Frau war infolge i-.-—- , .,
»rund (Erzgebirge) ereigneten sich gleichfalls mehrere chwere Unglücksfälle. Drei Personen erlitten Gehirner- chütterungen, eine brach ein Bein. Auch im B u r g w i tz - tal an der böhmisch-sächsischen Grenze smd beim Rodeln
Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 1 15 Minuten. Das Andenken des verstorbenen Avg. Fürst Inn- und Knyphausen wird in der üblichen Weise geehrt.
Die Urheberschutzkonventionen mit Bel. gi en und Italien werden in dritter Lesung berab«
Drittes Blatt 158. Jahrgang Freitag 17. Januar 1908
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