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16.9.1908 Zweites Blatt
 
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S.V.S18 Zweites Blatt

158, Jahrgang

Mittwoch 16. September 1908

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

TieSiebener §amillenblätter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das Krtilblatt ffir den Kreis Sichen" grocimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Rotationsdruck und Verlag der Brnhi'schen UniversitälS -Buch- und Sleindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Tnlckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: enge» 51. Redaktion: 112. Tell-?lbruAnzeigerDicßen.

politische Tcrgerscliou.

Eine unerwünschte Wirkung des KinderschuhgeseheS.

Schon vor dem Erlaß des KinbcrschutzgesetzeS äußerten die Freunde eines ausgedehnteren JugendschutzeS die Be­fürchtung, daß die geplanten und bann auch gesetzlich fest- gelegten Vorschriften über die Beschäftigung eigener Kinder im Dienste dritter Personen eine Abwanderung der envcrbS- tätigen Kinder aus der Werkstatt deS Arbeitgebers in die nicht selten jedenfalls weit weniger geeigneten Räume de§ Elternhauses veranlassen würden. Das scheint nach den Bc- richten der Gewerbeaufsichtsbcamten denn auch bereits in einem ziemlichen Umfange eingetreten zu sein. WaS davon zu halten ist, daS spricht die Aufsichtsbeamtin für den Gewerbe- aufsichtSbezirk Chemnitz in folgenden durchaus zutreffenden Worten aus: /Bezüglich der Beschäftigung fremder Kinder «var vielfach jju beobachten, daß die Arbeitgeber die Kinder­arbeit in der eigenen Werkstätte tunlichst einschränken und in Hausarbeit umwandeln, die an Kinder auSgegeben wird, eine Erscheinung, die durchaus nicht j» begrüßen ist. Denn wenn die Kinder in der Wohnung ihrer Eltern arbeiten, so dürfen sie nicht nur bedeutend länger beschäftigt werden als beim Arbeitgeber, sondern eS findet dadurch eine nicht erwünschte Vermehrung der Kinderarbeit statt, daß in der Regel die jüngeren Geschwister zur Beihilfe herangezogcn werden/ Vielleicht gibt diese Erscheinung, die sich ja keineswegs auf den Bezirk Chemnitz beschränkt, den Anstoß zu der oft gefor­derten Beschleunigung des Tempos im Ausbau von Be­stimmungen zu einer durchgreifenden Eindämmung der Heim­arbeit.

Deutsche» Neich.

Der Kaiser hat an die Familie des verstorbenen Präsidenten v. Schlumberger in Gebiveiler ein Herz liches Beileidstelegramm gesandt.

FürstEulenburg verbleibt nur noch bis zum 1. Oll tober in den ihm während der Dauer der Untersuchungshaft in der Charitee zugewiesenen Räumen. Diese Raume werden cmderiveitig gebraucht, lieber die fernere Unterbringung des Patienten finden Erwägungen statt.

Der Reichskanzler trifft heute zur Eröffnung der Beratungen des interparlamentarischen Kongresses in Ber­lin ein.

ZurReichsfinanzrefor m. Dem Vernehmen nach befindet sich auch die We i n st e u e r unter den Steuerpläncu, die neuerdings im Reichsschatzamt ausgearbeitet worden sind und dem Bundesrat vorgelegt werden sollen. Eine Einigung zwischen den verbündeten Regierungen über diese , Steuer hat aber noch nicht stattgefunden. Sie soll als Flaschensteuer gedacht sein.

Bei der Reichstagsersatzwahl in Speyer- .Ludwigshafen erhielt'Auer (lib.) 12 609, Binder (fe.) '21837 Stimmen. Damit ist der sozialdemokratische Kandidat für den Reichstagswahlkreis Speyer-Ludwigs- rijafen gewählt.

Bei der Reichstaasersatzwabl im zweiten Braunschweiger Wahlkreis wurden am 11. Sept, insgesamt 24527 gültige Stimmen abgegeben; davon er­hielten Hofbesitzer Kleye-Jerzheim (natl.) 11422, Maurer ^tieke-Braunschweig (Soz.) 7190, und Diotar Dedekind Braun schweig (Braunschw. Landes-Rechtspartei) 5912 Stimmen; Zersplittert waren drei Stimmen. Es hat also eine Stich­wahl zwischen Kleye und Rieke stattzufinden.

Der Nationallib. Landtagsabg. Hilbck ist nach einer Meldung aus Dortmund in der Nacht zum 'Dienstag gestorben. Bergwerksdirektor a. D. Hilbck, der yin Alter von nahezu 67 Jahren erreicht hat, vertrat im 'Lbgeordiretenhause den Wahlkreis Altena-Iserlohn. Dem Reichstag gehörte er während der Legislaturperiode 1898 üs 1903 als Vertreter von Dortmund an.

Der frühere nationallib. Landtagsabg. iLudowieg ist am 12. September in Waldhausen bei Han­nover im Alter von 79 Jahren gestorben. Ludowieg, der "ter Reihe nach Bürgermeister von Einbeck, Hameln und .Harburg war, gehörte dem preuß. Abgcordnetenhause von 879 bis 1885 als Vertreter von Einbeck, 1888 bis 1893 als Vertreter von Harburg an.______________________________

Ausland.

Ein Verba ndallerdeutschenParteien Oester­deichs wäre der beste Tamm gegen die Sturmflut der Slaven. ' Aad) den neuesten Zusammenstößen zwischen Deutschen und rsckiechen haben die Deutschen in Böhmen sich endlich ge- rinigi. Zn einer Versammlung aller deutschen Landcsab- zeordneten in Prag wurde die Bildung eines gemeinsamen Serbandes aller deutschen Parteien beschlossen.

Die Türkei und Bulgarien. Ter Sultan hat "Bulgarien offenbar daran erinnern wollen, daß cs ergent- !ich ein Vasallenstaat der Türkei ist. Nicht anders ist die Zurücksetzung zu erklären, die vor einigen Tagen der diplo- nati)d)cn Vertretung Bulgariens zuteil mürbe, indem sie ju einer offiziellen Veranstaltung nicht eingeladen war.

Die französisch-spanische Note wird nur von )enTimes" bedingungslos gebilligt, weil sie nach An- icht des Blattes alle Forderungen enthält, die die Mächte ;egen Marokko zu erheben berechtigt feien. Dagegen be- "ürchtetDaily Graphic", das dem Sultan Mulay Hafid itböerlangte Versprechen, den angeblichen heiligen Krieg ein- rjustelleu, werde ihn bei den Marokkanern in Verruf bringen mb ihm bas tragisch-lächerliche Sck)icksal seines Bruders Abdul Äsis bereiten.Daily News" stößt sich besonders i:n den finanziellen Forderungen, .weil sie die Grenzen i!er Gerechtigkeit und Vernunft überschreiten. Aud)Daily Ehronicle" fragt, wie das bankerotte Marokko mit seinem Leeren Staatsschatz die angehäuften finanziellen Verpflich- ungen übernehmen könne; Blut aus Stein zu erpressen, |jei leichter, als dem verarmten Lande Geld abzuzapfen.

ZozialdemottaLischer Parteitag.

S. u. H. Nürnberg, 15. Sept.

Zu Beginn der heutigen ziveiten Sitzung des Parteitages Lrachre Reichstagsabg. Geyer(Le^zig) folgende R e s o l u t i o n zur

iReichSfinanzreform ein:Die den materiellen Interessen der bejibenbrn und herrscl-enden Klassen dienende, die Arbeitcr- llassen schwer schädigende und den 'ZMlfriebrn drohende Militär-, Marine' und Kvlonialpolitik des Teutschcn gleiches führt &u un. unterbrochen steigenden Ausgaben, deren Deckung bet dem jetzt geltenden Steueriystem nicht zu erlangen ist. Trotzdem seit dem Zähre 1888, dem Regierungsantritt des jetzigen Kaisers, die eigenen Einnahmen oed Reiches von 821 wtillionen Mark auf 1732 Millionen im Zähre 1907 gestiegen sind, ist in dem gleichen Zeitraum die Schuldenlast des Reiches von 720 Mill. Mk. auf 4300 Millionen Mark angewachsen. Tie Steuern des Reickis sind ungerecht und unwirtschaftlich. Turch bic Zölle und Verbrauchsabgaben werden die ärmsten iHaffen der Be­völkerung am schorsstrn getroffen. Dabei kommt nur ein geringer Bruchteil der Millionen, die die Steuerzahler auszeben, in die Reichskasse. Den größten Teil der durch Getreide-, Lieh, und Fleischzölle, Garn-, Eisen- und andere sog. Schutzzölle auf Ge- braud-sartiicl der breiten Massen dem Volke abgcnommcncn Summen fließen in die Taschen der Großgrundbesitzer und Groß- kapitalisteu, die nur eine verhältnismäßig geringe Steuergitote für die Reicl)s'asse leisten. Gesunde Finanzverbältnisse können nur geschaffen iverden, wenn die Ausgaben für Militär, Marine und Kolonien herabgesetzt und die Steuern der Zahlungsfälngkeit der Steuerzahler angepaßt werden. Der Parteitag protestiert gegen die Erhöhung bereits besteheirder, sowie die Einführung neuer Steuern au f M a s s e n v e r b ra u chs a r t i ke l. Jns- befonberc protestiert der Parteitag gegen bie dem russischen Steuer­system entlehnte Banderolensteuer auf Zigarren und Tabak, sowie gegen die Erhöhung der Biersteuer. Ferner protestiert der Partei- lag gegen Sleuern ans Licht und Kraft (Petroleum, Gas und Elek- trizitäl usw.). Der Parteitag fordert die Mscl)afsuna aller in- direkten Steuern, Zölle und sonstigen steuerpflichtigen Maßnahmen, welche die Znleressen der Allgemeinheit einer bevorzugten Min­derheit opfern. Er fordert bie Einführung einer stufemoecse steigen den Reichseinkommen- und Vermögenssteuer, die Reform der Erb­schaftssteuer butd) Hcranzichung aller größeren Erbschaften und Erhöhung der Steuersätze nach dem Umfange des Erbgutes und nad) dem Grade der Verwandtschaft, insbesondere die erbschafts­steuerliche Heranziehung des Erbgutes für Ehegatten und Kinder."

Darauf iwmbte sich der Parteitag der Beratung derFrauen- o r g a n i s a 11 o n zu. Eine Vereinbarung des Parteivorstandes mit den Genossinnen über dieses Thema besagt: Nachdem die gesetzlichen Schenken gefallen, die in den einzelnen Bundes­staaten den Frauen beit Eintritt in die politischen Vereine wehrten, ist es Pflicht der Genossen, ihre weiblichen Angehörigen den Parteiorganisationen zuzuführen." Der frühere Reichstagsabg. v. Elm-Hamburg stellt dazu folgenden Antrag, den er eingehend begründet:Jede Genossin ist verpflichtet, der sozialdemokratischen Parteiorganisation ihres Ortes beizutreten. Politische Sonder- organisationen sind nicht gcftatict. Zur rheorisd-en u. praktischen Schulung der Genossinnen können jedoch an besonderen Vereins- abenden zur Erörterung der die Frauen hauptsächlich interessierenden Fragen Frauenversammlungen veranstaltet werden. Zu der Lei­tung und Verwaltung in den sozialdemokratischen Vereinen und streisorganisationen, sind, wenn möglich, Gertossinnen heranzu­ziehen, ebenfalls zur Leitung der. Gesamtpartei. Den weiblickren Mitgliedern der Verwaltungen liegt es ob, die notwendige Agi­tation unter dem weiblichen Proletariat im Einvernehmen und unter Mitwirkung der tätigen Genossen und Genossinnen zu be­treiben.

Reichstagsabg. Lipinski-Leipzig wendet sich dagegen, daß den Frauen ein Amt im Vorstande gegeben werden soll, nicht weil sie tüchtig siird, sondern weit sie Frauen sind. Frau Zietz-Harn- burg verteidigt die Ansprüche der Frauen. Hofftnann-Hamburg unterstützt den Antrag v. Elm. Die Frauen hätten sich in den allgemeinen Rahmen einzuftigen. v. Elm-Hamburg erklärt twch, es scheine ihm, als ob man den ganzen Parteitag unter den Pa ntoffcl b er Frau bringen wolle. Das müsse ver­hindert werden.

Nachdem die verschiedenen Referenten sich im Schlußwort noch kurz geäußert hatten, luurbe zur Abstimmung geschritten. Zunächst wurde dem Vorstände Entlastung erteilt. Dann wurde bezüglich) der Parteischule folgender Antrag Bremen angenommen: Ter Parteitag nimmt mit Befriedigung Kenntnis von dem Bericht des Vorstandes über die Tätigkeit Der Parteischule. Er ersucht den Vorstand, die Tätigkeit der. Parteischule in der bisherigen Richtung weiter auszubauen. Zum Thema: Partei und Gewerk­schaften mürbe folgende Resolution des Parteivorstandes und der Kontrollkommission angenommen: Der Parteivorstand begrüßt den infolge der Einigungsoerhandlungen erfolgten Uebertriti der lokalistischen Vereine in die Zentralverbände. Die Vereine, bie trotz der geführten Verhandlungen bei der Freien Vereinigung Der Gewerkschaften geblieben sind, haben durch ihr Verhallen bekundet, daß sic entgegen den Beschlüssen der Parteitage und des Internationalen Sozialistenkongresses in Stuttgart die dringend gebotene einheitliche Organisation des wirtschaftlichen Kampfes Der Arbeiterklasse nicht wollen. Die Freie Bereinigung Deutscher Gewerkschaften hat sich auch in offenen Gegensatz zur Partei ge­stellt, indem sie unter Anlehnung an die anarcho-syndikalistischen Bestrebungen die Sozialdenwkratie geflissentlich bekämpft und schmäht, sllachdem Urtiter die Einigung5bvrhandlungen mit dem Allgemeinen Deutschen MeMllarbeüerverbairde, dessen im Gcgen- satz zur Lübecker Resolution erfolgte Gründung fdjou vom Mann­heimer Parteitag als schwere Schädigung bezeichnet worben ist, zu keinem Ergebnis gesührt haben, erklärt der Parteitag: Jede Mitarbeit von Parteigenossen, in denen mit der Freien Vereinigung Deutscher Getverkschaften verbundenen Vereinen, sowie in dem Allgemeinen Deutschen Metallaroeiterverband ist unvereinbar mit den Grundsätzen und Interessen der Sozialdemokratie.

Zur Frauenfrage wurde die Vereinbarung des Partei­vorstandes mit den Genossinnett angenommen, die lautet: 1. Jede Gerwssin ist verpflichtet, der sozialdemokrattschen Parteiorgani­sation ihres Ortes beijutreicn. Politische Sonderorganisationen der Frauen sind nicht gestattet. 1126er das Fortleben besonderer Fraum-Bildungsvereine entscheiden die Genosien und Genossinnen der einzelnen Orte. Die Mitgliedschaft in solchen Vereinen ent­hebt jedocb bie Genossinnen nicht Oer Verpflichtung, den sozial- bemotratiid'en Parteiorganisationen anzugehören. 2. Unabhängig von den Vereinsabendeit der Manner stirb für die weiblichen Mit­glieder Zusammenkünfte ernzurichten, welche ihrer theoretischen und praktischen Schulung dienen. 3. Die Festsetzung der Beiträge für die weiblichen Mitglieder bleiot den einzelnen Organisattonen überlassen. Empfehlenswert ist, die Beitrage für die toeiblichen Mitglieder niedriger zu bemessen, wie für die männlichen. 4. Die weiblichen Milglleder sind im Vcrhälttris zu ihrer Zahl im Vor­stand vertreten. Doch muß diesem nrrndestens eine Genossin an­gehören. 5. Ten weiblichen Mitgliedern dcs Vorstarrdes liegt es ob, die itotrcenbige Agitation unter dem weiblichen Proletariat im Einvernehmen mit dem Gesarnw-orstand und unter Mitwirkung der tätigen Genossinnen zu betreten. 6. Solange betreffs der Beschickung der Parteitage durch die Parteiorganisationen nock- das gegenirartige Provisorium gilt, bleiben auch für die Delegierung der Genossinnen die jetzigen Bestimmungen des Parteistatuts in Kraft. Tas Zentraloureau der Genossinnen bleibt bestehen, die Verlretermnen der Genossinnen, darin wird dem Parteivorstanb angegliedert. Auch die von der Frauenkonserenz vvrgelegte Resolution über diesen Gegenstand wurde angenommen.

Man gelangte bann -um nächsten Punkte d.r Tagesordnung, dem ParlamentarischenBericht,

den Reichstagsabg. Eichhorn erstattete. Dieser stellte fest, daß

sich seit dcm vorigen Jahre in der politischen Lage sehr wenig geändert habe.

Im Reichstag lei immer noch der Block Trumpf. Sein kor- nunpicrcnbcv Charakter habe sich noch vcrfchärü. Man glaubte eigentlich an cm baldiges Ende bc3 Blocks; er bestehe ater noch. Ala n habe bic politische Verkommenheit des b ürger l ich en Li bera l iSmus zu g e r l ng e t ng ef chä tzt. Positive Arbeit habe der Block nidjt geleistet. Ter Frei, inn habe sich dabei von einer Seile gezeigt, bic gciabcjii physischen Ekel erwecken muß. (Lebhaiter Beifall.) Plan bianche mir an bie SlomÖbic zu beiden, die auf geführt würbe, als nach dem ilrach mH dem kriegsmimsler und Finauzminisler bei Block in bic Bruche zu gehen drohte. Da marschierten bie Freisinnigen gehorsam heran und tatet Buße. Diese Leute würben aber noch weitergehen, beim die Verlotterung deS Liberalismus sei nichlans- z u h a 11 e n.

Im weiteren Verlause bet Erörterungen führte Genosse Kurt Rosenfelb-Berlin B e s ch iv e r b c über den Ab g. W o l \ g a n g peine, weil er in den Sozialistischen MonalShesteu ciklarl habe, daß c5 nicht gut sei, die Iugenb vor bent 18. LebenSiahre mit Politik z»i beschäftigen. Dadurch habe Hei,re bic Blockpolitik gut- geheißen.

Daraus würben sämtliche Anträge der Reichstagssraltion iiber- wiesen.

In bcr heutigen NachmiitagSsihung beschäftigte sich der sozial- bemokralische Parteitag mit der Frage der

Maifeier.

Tazii lagen eine große Anzahl von 9(ulrägcn vor, von bencn bic meisten auf bas cnischlcbcnsie bic .BremS- und Abiviegelung->- versuche ans GewerkjchaslS- unb Parleikieisen" verurteilen und forbern, baß ber auf jebem Parteitag beschlossenen Propagiening der 'ArbcitSruhe am 1. SDlai Itechnung getraqcn werde.

Ter Iicscrent über dieses Thema, Reichstagsabg. Richard Fische r-Acrlin wies Darauf bin, daß die Frage der Maifeier schon so ergiebig behandelt ivorden sei, daß ivenlg mehr 311 sagen wäre. Es handle sich nur um den Wunsch deS Stuttgarter Jnternatioiialen Kongresses, die Unterstühungsirage zu rcgelir. Gcticralkommijsion unb Parteivorstanb wollen eine würdige Feier für den 1. Mai haben. Die Alittel dazu müssen aber von der Parteiorganisation unb ben Gewerkschaften am Orte aufgebracht werben. Ter Parlei- vorstand kann nichts anderes vorschlagen angesichts bcr briitalen Tatsache, daß e s a n G e l d f e h l t. Rosa t!uxeinburg führt au§: Bon bcin dualistischen Zusammen­wirken bcr beiden organisatorischen Spitzen, der Partei und der Gewerkschaft, habe ich mir nie viel versprochen. Meine Bc'iircht- iingen sind eingetrosfen. Tas sieht man am Beispiel ber Behandlung der Maifeier und der Iugendstilsorge. DieUnterstützuiigSfrage ist eine Schlinge geworben, mit bcr bic Maifeier erdrosselt werden kann. Die Unterstützungs,ragc wird nur dadurch gelöst, daß bie Maifeier möglichst ausgedehnt wird, daß sie einen solchen Umfang an­nimmt, daß Maßregelungen einfach unmöglich werben. Wcnri wir uns lau zeigen, so bekommen die Unternehmer erst Mut zu Maßregelungen. Wir gehen schweren Mampfen entgegen, darum müssen wir geschlossen Vorgehen. Adler (Miet): Wir lünncn die Maifeier nicht aufgeben, nachdem wir jahrelang dafür ge­kämpft haben. Tas würde uns als Schwäche ausgelegt werden. Tas Klagelied des Maiseier-Spezialisten Richard Fiicher muß uns tief betrüben. Wer die Kajjenverhältitisse kennt, tvundert sich darüber, daß die Getverkschaften so wenig nachgiebig siitd. Den Gewerkschaften gegenüber i ft doch bie Partei derarme Mann". Klüß (Magdeburg) erklärt: Die be­stehende Wirrnis wird noch dazu führen, daß die Maifeier ganz versandet. Man weiß nicht mehr ein noch ans. Engler (Frci- burg): Wenn die Maifeier eine lltueeftutzungssrage wird, dann ist sie bald enoürgt. Meyer (Frankfurt a. d. £).): Die Maifeier muß and.-rs geregelt werden, aber sofort! Reick)stagsabgeord- ncter Zubeil (Berlin): Was soll denn aus der Maifeier werden, wenn forrwährend eine Pferdetnr an ihr ausgeübt wird? Zetzt will man die Parteigenossen gebunden in die öänbe der Gewerk­schaften geben. Der Generalsekretär der Gewerkschaften, Zteichs- tagSabg. Robert Schmidt (Berlin), meint, daß Rosa Luremburg mehr zum Skandal als zum Vertragen neige. Sie verkenne die Verhältnisse vollständig, nicht ix?r Rat der Partei könne Helsen, sondern nur ihre Mitwirkung. Wir haben un-o den Beschlüst'en bc-> Parteitages stets loyal gefügt. Man soll uns nicht immer mit Reden kommen, sondern wir wollen auch Taten sehen.

Zu stürmischen Szenen tarn es, als dann wieder bet frühere Parteischüler Pieck (Bremen), der sck-on gestern gerade leinen günstigen Eindruck auf die Partei gemacht hat, das Wort ergriff. Er leitete seine Ausführung damit ein, oaß er sagte, es müsse eine Unverschämtheit genannt werden, wenn ein Genosse, der an erster Stelle dec Bewegung stehe, bcr Genossin Rosa Luxem­burg den Vorwurf mache, daß sie zum Skandal geneigt sei. (Großer Lär m.) Er wolle damit den Ton dieser Leute kennzeichnen. (Erneuter Lärm. Laute Zurufe: Schluß! Herunter von der Tribüne! Raus!» Es gebe Leute, vor denen er nicht die geringste Achlling (jaben könne. (Erneuter großer Lürnr. Zurufe: Herunter! Schluß! Ein Deleg.erter ruft: Da sieht man den Segen der Parteischule!) Ter Leiter bcr Versammlung, Land­tagsabg. Dorn (Nürnberg , ruft den Redner unter Iebl;uitcm Bei­fall der Versammlung zur Ordnung. Pieck fährt daraus fort: Zch habe diese Art der Ausführungen nicht auf der Parteischule gelernt. (Stürmische Heiterkeit uno Zuruf: Jeder blamiert sich, so gut toic er kann.) Ich habe fd*an immer so polemisiert. (Schlußrufe.) Redner iktlangt, daß die Gewerkschaften die finan* Stelle Veraniwortung für die Maiseier übernehmen.

Nach weiterer Debatte schritt man zur Abstimmung und nahm die Vereinbarung in folgender Form an: Zur Vorbcrellung der Maifeier ist an allen Orlen, möglichst ;u Beginn tas Jahres, eine Kommission einzusetzen, für die zu gleichen Teilen das Gewerk- sck-aftskartell und bie Parteiorganisali nt ihre Vertretung bestimmen. Ten Vorsitzenden wählt die Kommission selbst. Tie Kommission bat die Aufgabe, unter Berücksichtigung der örtlichen und beruflichen Verhältnisse und der Bestimmungen oer gewerkschaftlichen Or­ganisationen, sowie der Beichlnsse des Part.ilagcs, für eine würdige Feier Sorge zu tragen. Trt in Aussichr genommene Feier darf an keinem anderen Tage als am 1. Mai stattfinden. Lei Aus­sperrungen infolge der vNaifeier kann den davon b.'.rofsenen Ar­beitern eine Unterstützung vom Beginn der -weiten Woche gewahrt werden, und darauf hauen die politisch wie auch ixe gewcrlschastlich organisierten Arbeiter Anspruch. Abgelehnt wurde folgen­der Teil der vorgeschlagenen Vereinbarung: 2ie für di' Unter­stützung nötigen Mittel sind von bcr Par.ciorganisalion und der Gewerkschaft am Orte, an welchem die Aus perrung erfolgt, aufzu­bringen. Zur Unterstützung bcr Ausgesperrten soll an den in Frage lommciiben Orten ein Fonds gebiloet werden, die Mittel für diesen Fonds sind durch Sammlung.-n unb freiwillige Bei­träge aufzubringen. Bedarf cs eines solchen Fonds am Orte nicht oder reichen die Mittel eines Fonds zur Unterstützung bcr Ausgesperrren nicht aus, so sind die erforderlichen Untosten am Orte von der Parteiorgan-.sation und den Gewerkschasicn, oenen bic Ausgesperrten an gehören, zu deckcn. Ter Slntnl, dcn jede dieser Organisationen zur Deckung dcr Unkosten ccr Aussp.rnmg außuhringen hat, wird nach der Mttgliederzahl dieser Organll satronen berechnet. Anspruch auf Unterstützung ans den Zen.lral- fafien der Partei und Gewersia-aften haben bic AusgesperNe» nicht. Erheben bie Gew: kschasten im Anscht.-ß an oie Auslper- rungen Lohnforderungen, so t-aben sie bic Unterstützung oer Aus, gesperrten allein zu übernehmen."