Ausgabe 
1.4.1908 Drittes Blatt
 
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Nr. 78 Drittes Blatt

158. Jahrgang

Mittwoch 1. April 1908

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSiebener ZamiNenblStter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das '.Kreisblott für den Kreis Stehen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit* fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Merheffen

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unioersitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: e^5L Redaktion.L^HZ. Tel.-Adr.:AnzergerGießen»

hessische Zweite Kammer.

Darmstadt, 31. März.

Am Rcgierungstisch: Finanzminifter Gnauth, Ministerial- tSte Lorbacher, Weber und Süffert.

Nach Eröffnung der Sitzung um 10 V* Uhr erledigt das Haus zunächst einige Nückäußcrungen der Ersten Kämmer. Bei dem Gesetzentwurf über die Ruhegehaltsverhältnisse der Preutz.- Hessischen Eisenbahnbeamten hat die Erste Känimer den dazu von der Zweiten Kämmer akzeptierten Antrag des Abg. Dr. Osann abgelehnt. Im Hinblick auf die vom Finanzministcr gestern mitgetcilte Erklärung des preußischen Eisenbahnminifters beschließt das Haus, dem Beschluß der Ersten Kämmer beizu- trcten. Weiter» tritt das Haus dem Antrag der Ersten Kämmer zu Kap. 38 Gymnasien rc. inbetreff der Oberlehrer bev ebenso dem Antrag der Ersten Kämmer auf Vergrößerung des Sitzungs­saales des anderen Hauses.

Abg. Köhler meint hierbei, es wäre empfehlenswert, das ganze Ständehaus zu verkaufen und dafür in der Nähe des neuen Bahnhofes ein neues, würdiges Ständchaus zu errichten. Nachdem dann eine Anzahl zur vorläufigen Beratung gestellter Gegenstände den zuständigen Ausichüssen überwiesen und meh­rere andere Punkte der Tagesordnung wegen Nrchtanwesenheir der Berichterstatter abgesetzt worden sind, wird die Vorstellung des kat^lischen Hausgeistlichen am Landesgefängnis in Butzbach um Regelung seiner Gehaltsverhältnisse (Referent Abg. Breiden­bach) und die des Lagermeisters Hild in Worms nach dem Aus- schußantrag für erledigt erklärt.

Zur Besprechung koinmt dann die dringliche Anfrage des Abg. Reh über die G e ha l t s v er l t n i s s e der Kreis­ärzte und der Kreisassistenzärzte.

Abg. Reh beleuchtet in längeren Msführnngen die zu ge­ringe Besoldung der betreffenden Aerzte, die schließlich da­hin führen müsse, daß sich überhaupt kein Arzt mehr für den Staatsdienst melde, oder doch nur minderwertige Kräfte. Die Antwort der Regierung (die sich bekanntlich nicht in der Lage erklärte, eine Neuordnung der Gehälter der betr. Aerzte auf der vom Antragsteller geforderten Grundlage eintreten zu lassen) Änne er nur aufs höchste bedauern.

Ministerialrat Weber legt die Stellung der Negierung zu der Sache rwch näher dar und bemerkt, die Regierung werde die ganze Angelegenheit noch einer erneuten Prüfung unterziehen und später wieder darauf zurückkommen.

Die Besprechung der Anfrage des Abg. Dr. Osann, betr. das Besoldungsdienstalter der Staatsbeamten, wird auf Ersuchen der Interpellanten zurückgestellt.

Uebcr die Anfrage der Abgg. Dr. Schmitt u. Gen., betr. die B e r l e g u n g d e r E i s e n b a h n w e r k stä t t e vo n K a st e l teilt der Interpellant mit, es schwebten z. Zt. Verhandlungen zwischen der Eisenbahnverwaltung und der Stadt Mainz, wonach die Eisenbahnwerkstätte auf hessischem Gebiet errichtet werden soll. Abg. Dr. Schmitt sprach im Anschluß daran, den Wunsch aus, die Regierung möge unter allen Umständen darauf hin­wirken, daß auch die in den Werkstätten beschäftigten Arbeiter veranlaßt würden, sich auf hexischem Gebiete, in Amöneburg, anzusiedeln, damit die Stadt Mainz keine Schädigung erfahre. Es sollten zu diesem Zweck daselbst große Arbciierwohnhäuser eWichtet worden.

Die Kämmer vertagt sich daraus aus kurze Zeit, Nach Wiederaufnahme der Sitzung um V> 1 Uhr teilt Abg. M v l t h a n als Ausschußberichterstattcr mit, die Erste Kämmer habe den Antrag Wolf auf Erbauurm eurer Nebenbahn von Undenheim nach Armsheim abgelehnt. Er beantrage, daß die Zweite Kämmer auf ihrem früheren Beschluß beharre und das Haus beschließt demgemäß. Weiter sei auch der Antrag Haas auf Ausbau der Strecke FürthReichelsheim und die Uebernahme der Strecke ReinheimReichelsheim in Staatsbetrieb vom anderen Hause abgelehnt worden. Die Zweite Kämmer beschliAt auch hier­gegen Beharrung auf ihrem früheren Beschluß. Finanzminister Gnauth hatte int Hinblick auf die ablehnende Haltung des preußischen Eisenbahnministers auf die Aussichtslosigkeit dieser Projekte hingewiefen, während Abg. Molt Han diese Haltung uvrso mehr bedauerte,' als die Projekte schon seit langen Jahren die Kammer beschäftigten und mehrmals einstimmig angenommen worden waren; ebenso wurde bezüglich der von der Ersten Kammer beschossenen Ablehnung der Errichtung eines Steuer- kommifsariats in Pfeddersheim Beharrung auf deut früheren

Gietzener Sradttheater.

Der große Tag,

ein Schauspiel in 5 Akten von Heinrich L i l i e n f e i n. (Buchausgabe int Verlage von Fletschet & Co. in Berlin.) Als vor etwa vier Jahren des damalsierst 25jährigen schwä­bischen Pfarrersohnes Heinrich Lilienfeiit DramaMarie Fried­hammer" in nnsernt alten Stadttheater erschien, da glaubte mancher von uns nicht geringe Hoffnungen auf diesen jugendlichen Dichter letzen zu dürfen. Dte liebreich in die Schleier chrtstlichen Wunder­glaubens gehüllte nitschuldsvolle Mädchengestalt, die in dem in ihrer reinen Brust sich austobenden Kampfe zwischen der himm- Ychen und der irdischen Liebe zu Grunde geht, stellte Lily D o n - r ck e r dar, die wir damals ztnn ersten Male sahen, und mit dieser ward von vielen Gießenertt auch das erste Liltenfeinsche Drama mcht vergessen. Am Freitag nun lernten wir Liltenfeins neuestes Bühnenstück kennen, der inzwischen von Heppettheim, ivo er eine Zeit lang gewohnt hat, nach Berlitt übergesiedelt ist. Seinem »arten Blumennamen macht der Dichter hier, tut Gegensatz zu ietneni Erstlingswerke, feine Ehre mehr. Er kommt uns vielmehr politisch!Der große Tag", der int Dezember v. I. in Dresden leine Erstaufführung erlebte und seitdem wohl nur noch in Bremen gegeben worden ist, ist eine Paraphrase des Goetheschen Ausspruches, «daß Politik selten Treu ttnd Glauben halleit kann, daß sie Oficn- hett, Gutherzigkeit, Nachgiebigkeit ans unsereit Herzeit ausschlteßt"; "ne dramattsche Umschreibung des alten Erfahrungssatzes: Politik verdirbt den Charakter.

Im Mittelpunkt des Liliettfeinschen Dramas steht die liberale a h l re ch t s r e f o r m in einem deutschen Bundesstaate. Somit das Stuck auch für Hessen den Reiz einer gewissen Aktualität. Mühl sch doch die hessische Regierung seit einer Reihe von Jahren nm «ne Ltberalisiernng des Wahlrechtes und ist es z. Z. doch wieder der Yauptberatungsgegenstand der Landtagsansschüsse. So ist also das liostltche Interesse von vorn herein vorhanden. Dazu tritt die lebens- Dahre Gestaltung einiger wohl in ziemlich allen deutschen Landen ,ieutc hervortretender politischen Charaktertypen, und die nicht minder lebenswahre Schilderung fleinmenschlicher Jntriguen. Lilienfein öitgt, wie ein mannigfach verdienter Mann, dem von Amtswegen M politischen Kampfe eine bedeutsame und weithin sichtbare Tältg-

Zufällt, von einem politischen Agitator, einem Oberlehrer, einem ,ec »uhrer der Mittelparleien, in niedrigster Weise befehdet und i£,n. Amt gebracht wird, während das Werk, das man mit Recht <£5 ~eine nannlc* unter Umgehung seiner Person ms Große wächst, ctr Gier und Geifer fällt dieser kleine Gernegroß über ihn her. ^etne heilige Stätte scheut er in seinem tollwütigen Partei- und mit dem wilden Behagen eines charakterlosen .^lslrebers zerrt er intime familiäre Angelegenheiten an die «hi ! 7 ^vusationen lüsterne, breite Oeffemlichkett. Dieser .ganz

' sthrecklich unfaire Geselle" läßt sich nur vonHaß- und achigemiten" leiten und behauptet habet mit frecher Stirn, nur -«muer den höheren Gesichtspunkten von Wahrheft und Gorechtig-

Ginjährigen-Prüftmg: folge. Bm-ätml. Pension.

Höhere Handelsschule, Kirchheim T- Württemberg.

SS2"/12

Meteorologische Deoo^chtnrrgen

der Station Stießen.

Aanal-Erundgesetz.

§ 1. In dem Kanal stellt sich das Wohl und Wehe der ganzen Stadt dar. Er macht die Bürger gesund und zufrieden. Das sanitäre Auge der Stadt wacht bei Tag und Nacht.

§ 2. Die Benützung ist nur nach Beschaffung der erfordere lichen Papiere zuständigen Orts gestattet.

§ 3. Tas Ministerium hat die rückwärts wirkende Krall untersagt. Es ist deshalb die Benützung vor dem 1. April 1908 als grober Unfug zu bezeichnen. Strafanzeige ist erstattet. Auch bleiben alle Ansprüche aus nützlicher Führung der Geschäfte durch die Stadt Vorbehalten.

§ 4. Wer mit Entrichtung der Kanalgebühren länger als 2 Ziele in Rückstand ist, kann auf seinen Antrag aus der Gemein­schaft der Kanalbewohner ausgeschlossen werden.

§ 5. Kanalisierte Besitzer leerstehender Wohnungen zahlen während der Zeit des Leerstehenlassens zur Strafe das Doppelte.

§ 6. Die normale Gebühr beträgt 2 Mk. von je 1000 Mk. des BrandstiftungSwerls. Hypotheken werden doppelt in Ansatz gebracht. Außerdem zahlt steigend mit der Größe der Fläche jeder Quadratmeter Fläche, einschließlich Wände, Decken, Böden, Dächer :c. la/4 Pfg., Gärten und unbebaute Plätze das Doppelte.

Ist die Fläche Glicht groß genug, dann wird an das Haus die abnorme Skala angelegt.

§ 7. Es wird solange fort amortisiert, bis die Stadt bedürfnis­los ist.

§ 8. Die Aussicht über die städtischen Kanalratten sichrt der städtische Uhu.

§ 9. Tas Aufsrieren der Kanalrohre ist verboten.

8 10. Der Gebrauch reinen Quellwassers au5 der städtischen Wasserleitung ist tunlichst zu vermeiden. Waschwasser mit reich­licher Seiseuzusatz tut zu Spülzwecken denselben Dienst; es be­fördert insbesondere die selbsttätige Reiiiigung der Kanäle und die unterirdische Selbstentjchlüpllmg. Das Waschwasser darf jedoch nur in ganz neuen Zinkeimern von genau bestimmten Dimensionen

VreefkasLett deo AedaTLronr.

(Anonyme Anfragen bleiben nuberücksichttgt.l

Frau K. P. hier. Zu 1. Tie V o l k s s ch u l l e h r e r be­ziehen in Hessen an Gehalt: a) als Verwalter 900 Mk., nach be« (taubener Schlußprüsung 10'10 Mk. b) als definitiv angestellter, Lehrer 1200-8000 Tlt/in 3 jährigen Stufen steigend bis zmn vollendeten 30. Dienstjahre, nebst freier Wohiiimg.

Zu 2. In größeren Städteii ist es z. T. verschieden; für: Gießen z. B. gelt eit nunmehr folgende Sätze: a) für Verwalter, ledig, 11001650 Mk. nebst 260 Äk. WvhnungSgeld; verheiratete Schulverwalter bekommen 350 Mk. WohmmaSgeid. b) Die definit tiv angestellten Lehrer beginnen mit 1500 Mk. und erreichen ift 3 jährigen AusrückimgSstusen mit vollendetem 30. definitiven Dienst­jahre daS Maxinuim mit 3500 Mk., dazu 600 Alk. Wohnungsgeld;

In Darmstadt z. B. für desiniliv Angestellte: 1500 Mk. An- i'angSgehall bis 4150 Mk. bei 650 Mk. Mietentschädigung. In Mainz bis 4200 Mk. bei 700 Mk. Mohnungsgeld nach vollendetem 27. definitiven Dienstjahre; desgl. so in Offenbach, jedoch bloß bis 4100 Mk. steigend. Worms bis 4.000 Mk. bei 600 Mk. Mietend schädigung bei 27 definitiven Dienstjahren.

Zn 3. In Hessen besteht die erweiterte Prüfung^ die zum Hauptlehrer befähigt. Eine Prüfungsordnung ist vor­geschrieben und aus dem Schulgesetz ersichtlich. Verlangt wird hierbei eine fremde Sprache lgew. französisch). Die Prüfung be­rechtigt zur Leitung mehrklassiger Volksschulen in den Städten und ist gleichbedeuteiid mit der vreußischen Rektorenprüfung, die da­selbst auch Leiter von Volksschulen werden. Als solcher erhäls der Haupklehrer bei. Funktionsznlage, die variiert zwischen 500 bis 800 Mk.; gewöhnlich 600 Mk.

Haben Hauptlehrer sich im Volksschuldienst sehr gut bewährt und sind sie in der erweiterten Prüfung sehr gut bestanden, so finden sie auch Verwendung an Semmarien und werden vielfach nach mehrjähriger Tätigkeit als Seminarlehrer.dann Kreis-Schul- inspektoren; als Cemiiiarlehrer beziehen sie ein höheres Gehalt, als Kreis-Schulinspektor bis 6000 Mk. und Tagegelder.

ausgehoben und erst nach vierwöchentlicher Beruhigung verwendet werden. Als Seife ist nur das raffinierte Produkt bei ftäbt. Klär- beckenanla^e von hervorragender Ablagerungsfähigkeit ziilässig.

Für jeben nachweisbar so gesparten cbm Wasser zahlt die Stadt eine Prämie. Alles Nähere ist an zuständiger Stelle zu erfragen.

§ 11. Luftschiffe sind, solange sie das Weichbild der Stadt passieren, an das Kanalnetz anzuschließen.

§ 13. Diese Bestimmunaen sind strikt zu befolgen, auch wo sie nicht vernünftig sind. Jedenfalls werden alle entgegenstehenden Gesetze der Vernuiist hiermit vorsorglich aiisdrücklich ausgehoben.

Gießen, 1. April 1908.

Der Magistrat.

feit" seine .Aufgabe" zu erfüllen. Tatsächlich kommt es ihm allein darans an, ein Machtmittel in die Hände zu bekommen, das er int Namen seiner Partei verwerten kann, um eine Nolle zu spielen". So zieht er dennbeu Kampf ins öffentliche Leben hin­über, verquickt er restlos Politisches und Persönliches". Sein Haß und sein Ehrgeiz schrecken vor nichts zurück. Da er obendrein der Autiduelliga angehört, suhlt er sich vollkommen sicher in der brutalen Ausdeutung und Ausbeutung seiner zufälligen Kenntnis intimer Angelegenhelten.

Es ist nicht zu verkennen, daß Lilien'ein dieses deutlich dem Leben getreulich nachgezeichnete Ntusterexemplar eines rücksichts­losen Menschen, .der seinen Egoismus hinter tonenden Phrasen verschanzt hat", durchaus zutreffend geschildert bat, diese überall anzutreffende Politiker-Spezies, die es versteht, durch Maulhelden­tum mit den Jahren immer größeren Einfluß zu gewinnen. Ebenso getreu dem Leben nachgejchafsen ist der schlaue und intrigante adlige Regierungsrat, der mit äußerster Vorsicht die Bahn sreimachen hilft zu eigenem Aufstiege; ist auch der korrekte Staatsmmrster. Am wenigsten glaubhaft bleibt der Charakter der Hauptfigur. ES ist kaum denkbar, daß dieser kalte Verstalideßmenfch, der dtejBesonnen- heit als oberste männliche Tugend schätzt und sie allezeit zu be­wahren sich zum Gruildsatz gemacht hat, unmittelbar vor dem größten Erfolg seines Lebens,' vor seinem .großen Tag" plötzlich sentimentalen Regungen seine glänzende Karriere opfert. Thea- tralisch wirksam aber ist das Stück von Aniang bis nahe an das Ende, und die gesamte Aiache zeugt von starkem Bühnentalent, von stärkerem fast, als man es dem einst so verheißungsvollen Dichter derDtaria Friedhammer" wünschen möchte. Tenn eine so sichere Bühnentechnik verführt erfahrungsgemäß allzuleicht zu überhastetem und oberflächlichem Bühnenlieferantentum.

Im neuesten Hefte des .Liter. Echo" klagt Lilienfein herz­bewegend überdas Ende des erlisten Bühnenstückes". Das Pub­likum, so führt er aus, liebe den Ernst im Theater nickt, es wolle sich nur amüsieren. DaS widerspricht durchaus unseren Gießener Erfahrungen. Gewiß will ein großer Teil des Publikums im Theater nur lustig unterhalten fern, feilieswegs aber der über­wiegende Teil. Shakespeare, Schiller, Kleist, Raimund, Hebbel, Ibsen, Wildenbruch, Wedekind haben sich z. B. während dieser Spielzeit weit zugkräftiger erwiesen al5 Moser, Blumenthal, Schönthcm. Kadelburg und Skowronnek. Also die gegenwärtige Vorherrschaft der heiteren Bühnenerzeugnisse über die ernsten ist fcine5iueg5 absolut, sondern höchst relativ und einzig Schuld der Tramatiker, deren ernste Glücke nicht den Wert besitzen, den sie erlangen möchten, die vielmehr noch iveit mehr Erzeugnisse für den Tagesmarkt sind als die heiteren. Die Schuld hegt demnach lediglich auf Seiten der Autoren und nicht des Publikums, wenn dieses vor den ernsteren Stucken der Neu­zeit den heiteren den Vorzug giebt.

Die Darstellung desGroßen Tags" bedeutete für unser Stadt­theater zwar feinen großen Tag, war aber doch im Ensemble sehr gub Wein gärtner als Geheimrat Tornow (in welchem öev scheu Bundesstaate gibt es eigentlich den Titel «Wirtlicher

Beschluß angenommen, trotzdem her Referent hier Beitritt zu der Entschließung her Ersten Kammer beantragt hatte.

Eine lebhafte Debatte entspann sich, als Ausschußvesevent Dr. Frenay mitte ilte, - daß die Erste Kammer auch den Antrag Haas und 41 Gen. inbetreff der Vereins- und Ver­sammlungsfreiheit abgelehnt habe.

Abg. Adelung führte aus, der Beschluß des anderen Hauses wundere ihn nickst, denn dasselbe habe ja schon oft ge­zeigt, wie es die Interessen des Volkes behandle. Er müsse aber sehr bedauern, daß der Staatsminister dwsen Siandpunrt teile und ihn als eine Unterstützung für die Stellungnahme der Re^ gierung in dieser Frage in (Anspruch nehme und dafür noch Dank aussprach

Abg. v. Brentano spricht namens feiner Parteifreundr sein Bedauern über hissen Beschluß aus und stimmt den Aus­führungen des Vorredners zu. Es fei notwendig, hier zu konstatieren, in welch bewußter, absichtlicher Weise sich die Ne­gierung gegen den einstimmigen Wunsch der Kammer ausge­sprochen und sich damit in Gegensatz zum ganzen hessischen Volk gebracht habe. Die Beliebtheit der Ersten Kämmer werde da­durch sicher nicht erhöht werden.

Abg. Wols drückt gleichfalls fein Bedauern aus und meint, haß her Herr Staatsminister die Früchte dieser Tat noch ernten werde. Man züchte damit nur noch mehr Soziald'mlokc«ren.

Abg. Reh spricht neben seinem Bedauern doch die Hoff­nung aus, daß die Regierung lwch in letzter Stunde alles tun werde, um die verfassungsmäßigen Freiheiten Hessens im Bundes­rat zu wahren.

Abg. Molthan kann,nicht glauben, daß sich die liberalen Volksvertreter in Baden, Württemberg und Bayern dazu^ ver­stehen werden, im Reichstage für die Verkümmerung l-essischer Freiheiten zri stimmen. Dann sollte man lieber das ganze Neichsvereinsgesetz in den Papierwrb fallen taffen.

Abg. Büchner protestiert auch namens seiner nationall liberaleu Parteifreunde gegen den Beschluß der Ersten Kammer und das Haus beschließt einstimmig, aus seinem! früheren Stand­punkt zu beharren. Tasselve geschieht auch bezüglich einiger Einzelvorstellungen.

Tie Tagesordnung ist damit erledigt unh Präsident Haas schließt die Sitzung mit besten Wünschen auf fröhliche Ostern.

Ter Wied.wzufammentritr her Kammer durfte erst um Mitte Mai -erfolgen.

Geh. ^regierungsrat* ? Bekannt sind nur nur die TitelWirkt. Geh. Rat" undWirkt. Geh. Oberreg.-Rat") war sympathisch, mch auch vornehm im Wesen ; die Haltung dagegen ist immer noch nicht fonderllch geschickt. Tie Maske war gar jugendlich für den Vater, eines fo groben Sohnes, und das Zutrauen der Beivtmderer de§ Geheimrats und seiner selbst zu seiner menfcheitüberwindenden Macht übertrug sich doch nicht im wunschensiverten Maße auf den Zuschauer. Immerhin wars eine sehr ansprechende Leistung wieder^ dre die fretindllche und marine Aufnahme, die ihr vom Publikum uiteit wurde, voll berechtigt erscheinen ließ. G seil verkörperte, seinen üblen Gegner, den Proi. Berghoff, und wenn man diese Gestalt^anch noch runder und fertiger charakteusiert sich sehr wohl denken kann, fo war doch die Anlage durchaus zutreffend und die. ganze Figur keineswegs unwirksam. Die deutlichen Zeichen innerer lZehässigkeit und DoSheit, mwollkommen verdeckt von einer bieder- mannisch geschwollenen Maske, hätten allerdings dem Bilde des gefinnmwslosen Parteistrebers mehr entsprochen. Doch auch solchem Fanatiker der potitischenRachsucht, solchemOberlehrmeister der Gefühlsathletik, wie ihn Gsell zeichnete, ist jeder schon mindestenL einmal tm Leben begegnet. Wahrhallig, original und dem Leben abgelauscht, in jeder Beziehung prächtig gelungen waren, trotz Heiner Uebertreibunaen, Bakof, der Regisseur des Abends, alö StaatSmininer v. Watrasf, Reimer-Schlegel als Ober­hofmarschall und v. d. B e ff c als Sohn des Ministers, der letztere leider nicht in dem ihm zllkommeiideli übertrieben gigerlhaften Sn- und Aufzuge. Roden, und in ihren kleineren Rollen G a r e i S und Schmidt-Pauly, sowie die Damen C a r b u n g , die man lange nidjt gesehen halte, Sylva uuh Schu m nun taten vollauf ihre Schuldigkeit unb verhalfen durch ihr hmgebendes, richtig ugh scharf charakterisierendes Spiel hem zum Schlüsse so alltäglich ientu? mentalen Versöhnungs- und Verlobiings-, Rührmigs- und Legi-- timierungsslücke mit zu feinem lauten Erfolge. P. W.

Kleine Chronik au 5 Kunst und Wissenschaft: lieber das Aufhören der cmfi hoch angesehenen Münchener A l l a e m. Z t g." als Tageszeitung erfährt man noch folgendes: Die Allgem. Ztg." wird vom l.Apitl ab in eine politische Wochen­schrift umgemandelt und stellt sodann ihr ferneres Erscheinen a(6 Tageszeitung ein. Der Grund für diese Maßregel ist in dem be­trächtlichen Defizit dieser Zeitung *u suchen, das allein in den letzten beiden Jahren hie Höhe von über 700 000 Ai k. erreichte. Vietor Heermann, ein Sohn von Pros. Hugo Heermann in Frankfurt a. TL, ist nach feinen Studien bei dem Sänger Scheid»- mantel m Dresden alt jugendlicher Heldeittenor an die Volksover in Wien verpflichtet worden. Bor einigen Tagen erlitt Professor Messel, der bekannte hervorraaende Architekt, in seiner Wohnnna St Berlin einen Schwächeanfall infolge einer anßerordentlichei^ eberarbeitung und lleberanftrengung der Nerven. Auf ärztliche Anordnung muß Geheimrat Messel, der im 55 Lebensjahre steht, jetzt vollständig ausjpannen. Im März v. I. ist Professor Mffel Geh. Regierungsrat geworden.

März April 1908

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