Nr. 218
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Anzeiger Gießen.
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Erstes Blatt
158. Jahrgang
Mittwoch 16. September 1908
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'fche« Univ.-Vuch- und Zteindruckerei R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulfttahe 7.
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Verantwortlich für den politischen Teil, für -Feuilleton" und .Vermischtes": Ernst Anderson: für -Stadt u. Land" unb„(5ericbtd- faal": E. Heß; für den Anzeigenteil: H. Beck.
Versammlung mit einem brcifadKu Hoch auf Deutschland und unser engeres Vaterland Hessen.
Zur Klärung der Lage vor den Wahlen hat die Darm« städter Versammlung jedenfalls nicht tvenig beigctragen.
Die Manöver des (8. Armeekorps.
(Original-Bericht d Gießener Anzeigers.)
I.
Der Krieg im 5-ricben hat feit zwei Tagen begonnen. Im südlichen Westfalen und im westlichen Teile von Hessen, fast durchlveg auf preußischem Gebiet, haben die Exerzitien und Schulübungeil in den größeren Verbänden ihr Ende gefunden. Die Regimenter, und ungefähr eine Woche später die Brigaden sind vom kommandierenden General besichtigt worden. Dann folgte allgemein noch ein Rasttag und die Feldübungen der Infanterie-Regimenter nahmen ihren Anfang.
Zu diesen Hebungen werden die anderen Waffen heran» gezogen. Die Parteien haben in den Brigaden eins, verschiedene Stärke, da unser Armeekorps, eines der stärkeren ist, bei dem der Etat der Infanterie, nicht mit den traditionellen 24 Bataillonen abgetan ist. Im Wanöücv hat das Armeekorps 9tr. 18 an Stelle der Friedensstärke von 28 Bataillonen, über deren 31 zu gebieten, da das Schul- Bataillon Biebrich mit ansmarschierr und die kleinen Regimenter Nr. 166 uird 168, je ein drittes Bataillon ddu Reservisten zu formieren pflegen. Diese Reserve-Bataillvkie bilden natürlich für alle Interessenten einen Punkt der triti- schen Nächstenliebe. Zum Ruhm der wacleren Reservisten wollen wir hier aber gleich der Wahrheit die Ehre geben, indem wir aus eigener wiederholter Anschauung ein für allemal festlegen, daß diese Neseroisten-Bataillone, das Auge der Führer nicht zu scheuen brauchen. Besonders impv- nierend stehen die Alten auch in der Parade und ihr Vorbeimarsch ist immer tadellos.
Die Stärke der Abteilungen, die im Anfänge des Ma. növers gegeneinander den uriegspsad beschreiten, ist folgendermaßen: Tie 11. Infanterie-Brigade unter Generalmajor Frhr. v. Süßtind verfügt über 7 Bataillone, die Regimenter 87 und 88 und die Unteroffizierschule, hierzu kommen die Ulanen Nr. 6, mit 5 Eskadronen und das Feldartillerie-Regiment Oranten Nr. 27, ferner eine Pionier- Kompagnie. Die 42. Jnfaulcrie-Brigade hat 9 Bataillone Infanterie, die 'Jiegünentcr 80, 81 und 167, die Dragoner 9h:. 6 mit 5 Eskabrons und das Feldartillerie-Zteguneut Frankfurt Nr. 63, sowie ebenfalls eine Pionier-Kompagnie. Die 49. Brigade (die erste Hessische) ist ebenfalls 9 Bataillone, 5 Eskadronen und 6 Batterien stark (Reg. 115, 116 und 168, Dragoner 23, Feldart.-Regr. 25) sowie ebenfalls eine jtonp pagnie Pioniere. Am schivächsten tritt öte 50. Jnf.-Brig. auf, die nur über 6 Bataillone, 5 Eskadronen, 6 Batterieeu und eine Pionier-Kompagnie verfügt. Hier sind die Negi- menter Nr. 117, 118, Dragoner 21 und Feldartillerie Nr. 61 vereinigt.
Gleichwie die Infanterie ihre großen Exerzierübuugen vorher abgemacht hat, haben auch die Reiter- und Feldartillerie-Regimenter, im Regiments- und Brigade-Nerbande geübt Die Artillerie hat auch im fremden Gelände ihre seldmäßigen Scl)ießübungen abgehalten. Tie Truppenteile jeder gemischten Brigade bilden nun zwei Parteien, die ein oder zwei Tage unter das Kommando der älteren Stabsoffiziere, also der Regiments-Zlvmmandeure und Oberstleutnants gestellt werden und die nun gegeneinander üben. In der 41. Brigade, unter Befehl des Generalmajors Fri>r. v. Süßkind, haben die Obersten v. Bredow (87; und v. Dewitz (88) die Parteien geführt. Bei der 42. Brigade unter Generalmajor v. Besser, die Obersten v. Eonta (80;, Prinz Friedrich Jiarl von Hessen (81) und v. Branconi. Bei der 49. Brigade unter Generalmajor v. Francois, die Obersten
Die heutige Nummer umfa&t 10 Seiten.
wie stehen wir heute zu Zrankreich?
Die Meldung französischer Blätter, daß der deutsche Kaiser im Anschluß an die Kaisermanöver im Reichslande französtschen Boden betreten werde, hatte wohl nirgend mehr überrascht als im Deutschen Reiche. So wenig glaublich erschien diese Meldung. Nun hat der Steifer französischen Boden in der Tat nicht betreten, und in Paris wird jetzt von berufener Seite — wie es in einem Telegramme des Wottsschen Bureaus heißt — festgestellt, das; der deutsche Geschäftsträger Frhr. von der Lancken der französischen Regierung mitgeteilt habe, der ftaifer beabsichtige von der Hohkönigsburg nach der Schlucht bei Eolmar im Automobil einen Ausflug zu unternehmen. Da der Kaiser hierbei in die Nähe der französischen Grenze gelangen werde, und von jenseits derselben ein zahlreiches Publikum zu erwarten sei, so habe der Geschäftsträger nicht verfehlen wollen, die französische -Regierung von der Absicht des Kaisers zu benachrichtigen. Diese nachträgliche Erflärnng des offiziösen Telegrapyenbureaus scheint nun eine Annahme zu bestäti- zeu, die in den Hamburger Nachrichteti ausgesprochen wird, hiernach soll auf deutscher Seite die Erwartung bestanden haben, daß Frankreich wenigstens einen höheren Offizier jur Begrüßung des Kaisers an die Grenze schicken würde. Diese Erwartung hat sich nicht erfüllt, und so hat der Kaiser die Einladung des srcrn höfischen Grenzkommissars abgelehnt, den französischen Aussichtspunkt Hoheneck zu besuchen.
Der Kaiser hat es wahrend feiner ganzen Reg.erungszeit nicht an Versuchen fehlen lassen, die Franzosen ihren alten 'tKoll vergessen zu machen. Auch der Paradetrinkspruch des Kaisers auf dem Polygon zu Straßburg war ein solcher versuch, den Franzosen den Weg zur Versöhnung zu ebnen. Der Kaiser sagte bei dieser Gelegenheit, er habe eine Menge -alter französischer Soldaten angetroffen, „Sie standen — so mhr er fort — einträchtig nebeneinander, die Kämpfer oit Solserino, Magenta, Inkerman, Cebastopol, die unter Hosquel, St. Arnaud, Pelissier und Forey gestanden, und neben ihnen, mit dem Eisernen Kreuz, die Kämpfer des 'Hinzen Friedrich Karl, Generals Steinmetz und vieler an Seren deutschen Heerführer. So muß es sein! Wo echter "soldatischer Geist lebt, da finden sich Soldafenherzeu zu- ßammen." Auf die Franzosen find diese schönen Worte Les Kaisers leider ohne Eindruck geblieben. Sie können ■mb wollen nichts vergessen, das hort man von ihnen bei jiber Gelegenheit. Es ist heute wohl noch nicht viel anders «ls zu der Zeit, da die Kaiserin Friedrich Paris besuchte »nb dabei manche unerfreuliche Zwischenfälle erleben mußte, jo daß sie sich genötigt sah, weiteren Unannehmlichkeiten «urch eine beschleunigte Abreise von Paris aus dem Wege QU gehen. Unser Kaiser hat trotzdem nicht aufgehört, die Zranzosen mit Liebenswürdigkeiten zu überhäufen. Er Hal Lei jeder Gelegenheit französische Staatsmänner, Militärs, belehrte und Künstler ausfällig ausgezeichnet, aber alles das hat eigentlich nichts an dem Verhältnis des franzöfischen Volkes zu uns geändert. Man blieb dort kühl und mehr Ober weniger höflich reserviert. Wie wir heute zu den sFrauzosen stehen, lehrt uns jeden Tag die Marokko- angelegenljeit. Wer die Entwickelung der Marokkofrage genauer verfolgt, sieht deutlich genug, auf wie wenig Woyl- trollcn wir bei den Franzosen zu hoffen haben. Es ehrt unfern Kaiser und sein ehrliches nur von dpn besten Friedensabsichten getragenes Wollen, den Franzosen d^ Aussöhnung mit dem nun einmal bestehenden Zustande zu erleichtern, aber besser wäre es vielleicht doch, wenn alle weiteren aussichtslosen Versöhnungsversuche unterblieben. Es ist wicht unmöglich, däß sie uns mehr schaden als nützen, und |rie erwecken leicht falsche Deutungen im übrigen Auslande. I
Wir haben es Gott sei Dank wirklich nicht nötig, anderen nachzulaufen, um ihnen unsere Liebe und Freulkdschaft auf- zudrängen. E. A.
Dr. Strefemann über Reichspolilll.
Von den Reden, die auf der nationalliberalen Landesversammlung in Darmstadt am Sonntage gehalten wurden, müssen wir noch die Rede des Reichstagsabg. Dr. Stresemann über Reichspolitik nachtragen. Zunächst wies Redner, der in seiner amtlichen Eigenschaft als Syndikus des Gesamtverbandes sächsischer Industrieller im Mittelpunkt des Jn- dustrielebens steht, an der Hand der allgemeinen Weltmarktlage die Notwendigkeit einer deutschen kolonialen Ausdehnung nach; er sagte etwa, Sachsen sei eigentlich das Dkutterland der Sozialdemokratie. Aus den Weberdistrikten wurden zuerst Bebel und Liebknecht gewählt. Kurz vor der letzten Reichstagswahl brachte das sozialdemokratische Hauptorgan einen blutrünstigen Artikel: „Der Tag der Anrechnung." ^hin, der Tag der Abrechnung kam, und groß war der Jubel im ganzen Sachsenland, als der Tele graph Sieg auf Sieg der Nationalliberalen über die alten sozialdemokratischen Führer brachte. Mit der Ausdehnung der Industrie sei natürlich auch die Zahl' der Arbeiter sehr- gewachsen, und diese lernten immer mehr einsehen, daß die Marxistische Theorie sich mit der heutigen Wirtschaftsordnung nicht vereinbaren ließe. Besonders wichtig für die Industrie seien die Kolonien, denn unsere Export-- Industrie beschäftige V/a Million Arbeiter. Es müsse auch diesen immer mehr tlargernacht werden, daß Deutschland sich unbedingt den Weltmarkt sichern muß, und daß dazu ein starkes geeintes Reich gehört. Auch die Sozialdemokratie sollte sich darüber klar sein, ob ein zersplittertes Deutschland wohl imstande sein würde, soviel Brot aufzubringen, um die deutschen Arbeiter satt zu machen. Deutschlands Unbeliebtheit im Ausland? stamme daher, daß es in die Konkurrenz zum Welthandel eingetreteu ist. Das große freihändlerische England beginne sich mit Schutzzöllen zu umhüllen, ebenso Amerika. Deshalb müssen wir eine wirksame Kolonialpolitik treiben, die uns auch große wirtschaftliche Vorteile bringt. Wenn America uns Rohstoffe, wie Baumwolle, Kupfer und Petroleum sperrte, so würde die deutsche Industrie lahm gelegt. Die deutschen Sozialdemokraten verurteilten unsere Kolonialpolitik ohne jede Kenntnis der Sache, der englische Arbeiter dagegen benke anders und bringe selbst persönliche Opfer für die Kolonien. Als auf dem Kongreß in Holland Abgeordneter David den Vorschlag machte, die „Genossen" sollten in den Parlamenten den Antrag auf Abschaffung von Kolonien stellen, tönte ihm von den englischen Genossen schallendes Gelächter entgegen. Redner betont bann, daß für die Kolonien nur das beste Beamtenpersonal verwendet werden sollte, ebenso müsse der Unterschied zwischen Adligen und Bürgerlichen im Heere beseitigt werden. Es sei Pflicht der nationalen Partei, die Arbeiter für die Nation zurückzugewinnen, daß das deutsche Volt sich zu nationaler Begeisterung aufschwingen könne, habe die Zeppelinspende bewiesen. Redner ging bann noch näher auf wichtige Fragen ber engeren Politik ein, schilberte, welch große Vorteile das Reichsvereinsgesey für Sachsen unb auberc Bunbesstaaten gebracht habe, unb behanbelte bann ausführlich die bevorstehende Reichssinanzreform, wobei er sich namentlich für ein gemischtes System ber Konsum steuer, für Tabak unb Bier, unb für eine Nachlaß- ober Vermögenssteuer ausfprach; auch eine Wehrsteuer halte er für zweckmäßig. Rebner betonte zum Schluß, baß sich bas Volk energisch von einer einseitigen Interessenpolitik losreißen unb den Blick auf bas Ganze richten müsse, zum Wohle bes Vaterlanbes. (Stürm. Beifall) Nach herzlichen Tankesworten Dr. Osanns schloß bie patriotisch bewegte
Björnftierne Björnjons goldene Hochzeit.
Aus Christiania wird unterm 12. September geschrieben : Björnstjerne und Karoline Björnson feierten Nestern in Aulestad bas Fest ber goldenen Hochzeit. Etwa 7)0 Glückwunschtelegramme trafen ein, darunter solche von bttm norwegischen und dem württembergischeu Königspaar, si.wie von Dichtern unb Politikern aus fast allen europäischen Landern. Zahlreiche Freunde und Verehrer hatten bem Jubelpaare prächtige Gaben gesandt. Nach dem Mitlag- n’cn hielt Bjornson eine ergreifende Red?, in ber er zu iner Gattin gewanbt ausführte: „Zn ben letzten Jahren pälegte ich zu Dir zu sagen: Wir sind in bas Tal yinein- ggüommen, wo mit den Glocken nach beiben Seiten geläutet lüirb: für bie, bie von uns scheiden, unb für die, die unS tieiter oas Geleit gaben. Jedesmal, wenn wir es ein- «einer um uns werden fühlten, schlossen wir uns desto elfter an Kinder und Enkel au. Heute ist niemand von denen j -.gegen, bie am Hochzeitstag mit babei waren, als Du in | -ir Reinen Kapelle an meiner Seite standst unb mit nicder- I geschlagenen Augen nur bie großen Tränen sahst, die von $ Seinen Wangen auf den Boden fielen. Du kanntest mich L.ib wußtest, wie unbändig ich war. Aber Du liebtest mich, j utb es war heilige Freude in ber Liebe. Zu Dir kam ich J innicr nach großer Wildheit und von vielen Errungen zu- I riet Ich gab Dir meine KonfirmationSnabel zum Anbeuten .. c;i meine Eltern. Du solltest ihre Arbeit an meiner Er- i zwhung fortsetzen. Ich iveiß, Du lebst länger als ich. Du Idrft das Leichentuch über mich breiten. In einem Manne ' iij: gar viel, worüber eine Decke zu breiten nottut. Dir, J Kttroline, wirb unser Leben zur Ehre gereichen."
Bon einem gelegentlichen Mitarbeiter in Norwegen wirb tun: Köln. Ztg. noch geschrieben: Vor 50 Jahren feierten Sftornftjernc Björnson und Karoline Reimers ihre Hochzeit. Sie bezogen eine kleine bescheidene Wohnung in einem ■ Seitenbau des alten Theaters in Bergen. Aber diese be- i {neibeneu Räume bergen eine Welt von Träumen unb |!.änen — übrigens nicht bloß bichlerischer, sondern auch politischer Natur. Scharen von bebeutungsreichen Gestalten
bevölkerten sie, gesehen auf bem Hintergrund einer überwältigenden Natur. Unb sie wanderten mit, als bas be- scheibeue — oft sehr bescheibene — Dichterheim in ben 60 er Jahren nach Rom verlegt würbe, wohin das hoffnungsvolle Paar auch ber getreue Küchenmeister Schmalhans begleitete. Aber eS war gleichzeitig voll Morgensonne unb voll unbesieglichen Hoffnungen. Biele von ihnen, haben sich erfüllt; Bjornson gilt bem heutigen Norweger nicht nur als Nationalsänger, fonbern auch als Nationalhelb unb auch sein materielles Schicksal hat sich immer leichter gestaltet. Aber noch immer ist der Alte von Gansdal am Werke. Kein Wunder, baß bas norwegische Volk bem greifen Jubelpaar heute mannigfache Ehrenbezeugungen bereitet. König Haakon sandte eine silberne Bowle. Ein Freundeskreis, bem u. a. Fridtjof Nansen, Prof. Sars unb Eilst" Petersen angehören, verehrte ihm eine Lanbschaft von Erik Werenskiolb. Sein Verleger Herzel in Kopenhagen verehrte ihm eine Reihe schöner alter Möbel. Die Einwohner von Molbe widmeten eine Adresse in einer Mappe, deren Vorderseite eine Ansicht des Hauses schmückt, in dem Björnson einst als Schüler wohnte. Alle Zeitungen bringen ku Ehren des Jubelpaares lange Artikel. Aulestad unb bie benachbarten Ortschaften prangten in reichem Flaggenschmuck. Abenbs hulbigke bie Jugend der Gegend dem Paare durch einen schonen Fackelzug.
Interessant sind die Mitteilungen, die Frau Bjornson anläßlich der goldenen Hochzeit einem Mitarbeiter ber „Afteuposten" machte. Aus bie Frage, ob Bjornson schon bei seiner Verheiratung berühmt gewesen wäre, ertoiberte Frau Björnson: Berühmt? Berüchtigr war er. Und sie erzählte bann, wie beide in ber ersten Zeit ihrer Ehe verfolgt unb öerhöhnt würben. Ihre Kinder wurden auf ben Straßen Ehristianias geneckt, weil Björnson ihr Vater war. Ter Dichter selbst traute sich sogar nidjt mehr in bie Barbierstuben. Er ließ sich von seiner Fran bie Haare schneiben unb barbierte sich selbst. Seitdem Björnson seine aus ber Stubentcn’cir ftammenben Schulben mit den Einnahmen aus „Synnöve" bezahlt hatte, hielt bas Ehepaar an bem Grundsatz fest, nie Schulden zu machen unb den Haushalt
ben Einnahmen anzupassen. Bei ber Taufe ihres Sohnes Einar hatte sie zwölf Personen zu Tisch, unb für biefe mußte bie eine Flasche Rotwein, bie sie besaßen, herhalten. Bor Schulden hatten beide einen förmlichen Schreck. In den 80 er Jahren hatte das Ehepaar mit großen Schwierigkeiten zu tämpfen. Björnson schrieb damals Zeitungsartikel, aber Dafür wurde zu jener Zeit fast nichts bezahlt. Ebenso wenig für Vorträge. Er war der erste, der für Vorträge ein Eintrittsgeld erhob, wurde indessen sehr dafür gehöhnt. So machte sich in Zeitungsartikeln ber Professor Andreas Munch über bas Erheben von EintrittSaelb lustig. Björnson blieb jedoch bie Antwort nicht schuldig. Er schrieb, es wäre selbstverständlich viel feiner, bas Professvrengehatt einzuftecken, ohne Vorträge ober Vorlesungen zu halten.
— Kleine C 5 r o n i k nuö St u n ft unb Wissenschaft. Der Bildhauer Ludwig Habich, o. Professor für Modellieren und Zeichnen an der Technischen Hochschule in Stuttgart, hat, wie die .Frank'. Ztg." meldet, einen Rus an die Karlsruher Kunsi- aewerbeschule abgelehnt. — Max Halbes Komödie .Blaue Berge" ist von dem Münchener Schauspielhaus im Manuskript erworben worden. — Ter in Brüssel verstorbene und im Dtainzer Krematorium ein geäscherte Multimillionär Samson hat, rote die »Köln. Ztg." inüteilf, sein auf 30 Millionen geschätztes Vermögen zimi größten Teil der Berliner Kuiistakademit vermacht; die Münchener Akademie soll eine halbe Million erhalten. — Am 11. September slarb in Albano, wo er zur Erholung weilte, der in Deutschland so wenig bekannte Kirchenmaler Ludwig Seitz, der langjährige Direktor der päpstlichen Gemäldesammlungen, an einem Herzschlag. — DieLiedcrtasel in M a i n z veranstallei zu Ehren der „Association Internationale Litteraire et Artistiqne“ am 28. September abends im großen Saale des Konzerlhanses unter Mitwirkung des städtischen Orchesters sowie der Solisten Angöle Vidcon, Opernsängerin in5iöln (Sopran), Felix semns, Konzensanger in Berlin (Tenor) und Karl Braiin, Opern- sanger in Wiesbaden (Baß) ein großes Festkonzert, zn dem mich der Großherzog sein Erscheinen zugesagt hat. — Sven Ledin »st i” der eracht eines tibeianischeu Lamas in Simls eingetroffen. Er reift m 10 -tagen nach London. — Tie neue ft e 91 u m m c r des » b iinpl iz i j j i m us" ivurde in Leipzig und in Stuttgart wegen eines Bildes .Aus dem Alusterlande Baden" beschlagnahmt.


