5T60. Nacken (Zentr.):
Wir haben 'heute die schwere Kunde von dein größten Gruben. Unglück vernommen, das feit Jahren m deutschen Bergbau ge. schehen ist. Meine Partei hat bereits die einleitenden Schritte unternommen, um eine ausgiebige Erörterung in diesem Hohen Hause herbeizuführen. Wir sprechen aber schon jetzt die bestimmte Hoffnung und Erwartung aus, daß ein? umfassende Hilfsaktion sofort eingeleitet wird. Das Unglück erscheint uns weiter als ein dringliches Mene Tekel an die gesetzgebenden Faktoren, den Bergarbeitern rasch und ausgiebig zu helfen. (Beifall.)
Abg. Gothein (Fr. Vg.):
Wir freuen uns, daß der Präsident dem allgemeinen Mitgefühl mit den Opfern des neuen schweren Unfalles Ausdruck ge- geben hat. Aber auch ich muß daran erinnern, eaß cS nicht die großen Unglücksfälle sind, die die meisten Opfer fordern, sondern die vielen alltäglichen kleinen Unfälle. Ich bedauere, daß nicht ein Vertreter der preußischen Bergbehörde da ist, um Auskunft zu geben. Wenn im Nuhrrevier auf einer schwarzen Liste nicht weni. ger als 5000 Arbeiter stehen, so ist das geradezu em öffentlicher Mißstand. Wenn ein Arbeiter sechs Monate lang auf solche Weise brachgelegt wird, so ist das eine Strafe, die geradezu empört. Eine solche Boykottierung isi eine furchtbare Waffe. Sie ist ein Verstoß gegen die guten Sitten. Bedauerlich ist. daß unsere Arbeitgeber noch nicht so weit gekommen sind, mit unseren Arbei. terorganisationen zu paktieren. Die Ueberschichten haben sich au?»- gewachsen zu einer schweren Gefahr. (Beifall links.)
Abg. v. Schubert (Natl.):
Meine Freunde werden den Vorschlägen der Kommission, diese Petition der Regierung zur Berücksichtigung 31: überweisen, zustirn- mcn. Aber ich muß doch einigen Uebertreibungen der Petition, in bezug auf die große Zahl der Ueberschichten, c.itgegcntrcten. Wenn zum Beispiel gesagt wird, m einem Monat kämen 25, 40, ja sogar 48 Uebersturlden vor, so kann oas doch nur für A.uSnabmefälle zutreffen, und auch nur in Zeiten der Hochkonjunktur. Die Ueberschichten dienen in der Hauptsache nur dazu, die anS Willkür der Arbeiter entstandenen Feierschichten wieder einzubringen. Die Zahlen der Petition sind sowohl bei den Ueberschichten wie bei den Krankheitstagen und der Invalidität der Bergleute aus den ungünstigsten Jahren genommen. Das S p e r r s y st e m über die
kontraktbrüchigen Arbeiter soll in erster Linie die F l u 11 ua t i 0 n einschränken Die grüße Zahl der Pfändungen — zu nicht geringem Teil wegen Alimenten-Verpfkichtungen — ist mit ein Grund für den häufigen Wechsel. Entgehn dem Profesior Nothnagel in feinem Gutachten sehe ich in dem Sperrsystem nicht ein „zu Kreuze kriechen", sondern eine Maßregel, die Arbeiter zu einem nüchternen, verständigen Lebenswandel zu erziehen. Denn die Sperre wird ja nur angewendet gegen kontraktbrüchige Arbeiter, die nicht an die alte Arbeitsstätte zurück wollen. Der gekündigte Arbeiter kommt nicht auf die schwarze Liste (Widerspruch der Soz.). E s i ft bedauerlich,daßdieVerhältnlsseimRuhrrevier s 0 liegen. Ich habe während meiner 40jährigen Dienstzeit^ bei den verschiedenen Truppenteilen mir viel Vertrauen und Anhang, lichkeit erworben. Als ich nach dem Saarrevier kam und mich dort näher mit den Arbeitern besagte, ha^e ich dasselbe Entgegenkommen gefunden. Ich bin gewählt vorwiegend mit den Stimmen der Arbeiter und zwar der organisierten Arbeiter. Als ich später mit dem Nuhrrevier in Beziehung kam und dort die geradezu hirnmel- schreienden Verbältnisie zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sand, wollte ich suchen, zu bessern, was zu bessern war. Da wurde mir gesagt: „Lassen Sie lieber die Finger davon, da. ist nichts zu machen. Ich habe mich im Laufe der Jahre von dieser traurigen Tatsache überzeugt. Es war das eine der wenigen Enttäuschungen ..reines 2"bens. Ich habe mein Bestes getan. Die Verantwortung, wenn die Tinge so liegen, mußichdenMännern überlassen, die die Arbeiter dort organisieren, aber auch der- Hetzen, und jeder gegenseitig.~i Verständigung abhold sind, (Beifall rechts. Lachen der Soz.).
Abg. Huö (Soz.):
Auf der Zeche, die uns heule das neue schwere Unglück gebracht hat, hat schon vor vierzehn Tagen eine Explosion stattgefunden. (Hört? Hört!) Und feit Monaten kommen von dort Klagen der Arbeiter über lebensgefährliche Mißstände. (Hört! Hört!) Als in einem Artikel auf diese Unzulänglichkeiten huig-wicsen wurde, forschte die Bergbehörde nach Dem Verfasser. (Hört! Hort!) Sie sollte sich lieber btnum fünrmern, daß solche Unfälle wie heule nickst Vorkommen. (Sehr richtig!) Aber freilich, die Bergverwaltung kümmert sich ja nicht um den Reichstag. Sie sendet nicht mal einen Vertreter hierher. «Hört! Hört!) Wer es glaubt, daß mit dem Sperrsystem erziehe
risch gewirkt unv die Fluktuation eingeschränkt werden kann, kriegt einen Taler. Herr von Schubert hat uns das Schauermärchen aufgetischt, daß die Fluktuation deshalb so groß fei, weil die Bergleute sich der Alimentationspflicht entziehen. Wenn der Gerichtsvollzieher bei den Bergleuten so häufig erscheint, so liegt das daran, daß sie trotz ihrer schweren Arbeit in der bittersten Not leben. Herr von Schubert verlangt militärischen Ge- hör fam von den Arbeitern. Sie joden stramm stehen, die Hände an der Hosennaht. Er kommt aus Saararabien. Wir werden noch zeigen, durch welche skandalösen Mirlcl er gewählt worden ist Er will die Arbeiter zur Hundedemut, zur Heuchelei erziehen.
Abg. Behrens (Wirrsch. Vg.):
Aus aller Weir lockt man die Leute nach dem Nuhrrevier. Man spiegelt ihnen hohe Löhne vor, die sie dann nicht erhalten. Die Folge ist, daß sie nicht auskommen, daß der Gerichtsvollzieher kommt, und daß sie schließlich ausrückcn. Diese Uebelstände sollten in gemeinsamen Verhandlungen mit den Arbeitgebern beseitigt werden. Aber überall tönt uns ein kaltes „Nein" entgegen. Dafür greifen die Arbeitgeber zu dem unsittlichen Mittel der „schwarzen Listen", das gänzlich versagt. 5000 Menschen aus dem Osten hat man auf die Straße geworfen. Erst entzieht man dem Osten die Arbeitskräfte, jetzt muß er noch die Armenkosten zahlen.
Abg. HengSbach (Soz.)
Der Versuch des Abg. v. Schubert, eine Mohrenwäsche an den Grubenherren vorzunehmen, ist völlig mißlungen.
Die Diskussion schließt.
Die Petition wird zur Berücksichtigung überwiesen.
Das HauS vertagt sich.
Nächste Sitzung: Freitag 1 Uhr: Interpellationen über Matz, nahmen gegen Arbeitslosigkeit und Folgen der wirtschaftlichen Krise.
Schluß nach 6 Uhr.
BB. Darmstadt, 11.Nov. Wegen fortgesetzter Mißhandlung des vorehelichen, letzt 3Jahre allen Kindes seiner Eheirau wurde in der S ch ö s i e n g e r i ch t s v e r h a n d ° lung der hiesige Photograph Anton Krämer zu 2 00 Ata rk Geldstraie verurteilt Tie fragliche Mißhandlung stellte sich als recht rohe dar, obwohl der Angeklagte als Motiv lediglich erzieherische und gesundheitliche Erwägungen behauptete. So hat er das kleine Wesen, um ihm angeblich die Unsitte des AtemaiihallenS abzugewohuen, minutenlang nut dem Kopi unter die Wasserleitung gehalten, bis es blau wurde. Er verabreichte ihm angeblicher Störrigkeit wegen Schläge mit dem spanischen Rohr und Lineal, so daß diese Werkzeuge Schaden luten, und klebte ihm, weil es angeblich an Ausschlag lut, den Mund längere Zen kreuzweise zu. Nur der Mangel an Vorstrafen in ähnlicher Beziehung bewahrten ihn vor einer Freiheitsslraie, die der Amlsamvalt in Höhe von 4 Monaten beantragt hatte.
R.B. Darmstadt, 12. Nov. Wegen W e chs e l säl s ch -> ung, Untreue und Unterschlagung wurde heute von der Strafkammer der bei einerJLamperlheimer Firma von anfang 1907 bis September d. I. in Steilung gewesene Buchlxrlter Hein- täch Vogt, in Karlsruhe gehören, und in Worms wohnhaft, zu 3 Ja h re n Gesa ugnis, abzüglich 1 Monat Untersuchungshaft, sowie zu 5 Jahren Ehrverlust verurteilt. Ter verheiratete und zwei kleine Kinder besitzende Angeklagte war frühet Buchhalter in Friedberg und fand alsdann die Stelle in Lampertheim. Nach seinem Weggang in Friedberg entdeckte man eine von ihm verübte Unterschlagung von 6—700 Mark, deren Ertrag er ersetzte, daß keine Anzeige erfolgte. In seiner Lampertheimer Stellung hat er sich Veruntreuungen in Höhe von 12 000 Mark zu schulden Lammen lassen. Nach seinem eigenen Geständnis hatte er, dessen Gehalt 1800 Mark betrug, den größten Teil jener Summe für noble Passionen verbraucht, so schasste er sich z. B. ein Automobil an für 2600 Mark uird unternahm damit Vergnügungs- ausflüge. Auch hat er verschiedene galante Beziehungen unterhalte».
FC. b" r a n f 1 u r t a. M., l i. Nov. Entrahmte Ai 1 l ch für Vollmilch Halle der Müchhändler Philipp Rück von Preungesheim hier verkauft und deshalb wegen Nahrungsmiltel- icilschung vom Schöffengericht eine Geldstrafe von 25 Mk. zu- dikliert erhalten. Tie S t r a 1 f a m in e r erhöhte heule auf die Berufung des Staatsanwalts die Sira'e auf 2u0 Ai a rk.
Leipzig, 12. Nov. Vor dem 1. Strafsenat des Reichsgerichts wurde heute der Prozeß gegen den Redakteur der „Badischen Presse", Herzog-Karlsruhe, verhandelt, der von dem dortigen Landgericht am 20. Mai wegen Beleidigung des Fräulein Olga Molitor zu einem Jahre Gefängnis verurteilt worden war. Der Verteidiger Rechtsanwalt Vögele war aus Karlsruhe persönlich erschienen und begründete eingehend die erhobenen Rügen materieller und prozessualer Natur. Der Reichs- amvalt erklärte sämtliche Beschwerden für unbegründet und beantragte die Verwerfung der Revision. Der Gerichtshof schloß sich diesem Anträge an und erkannte auf Verwerfung der Revision. — Das Schwurgericht verurteilte die des M 0 r d e s an dem Buchhändl. Paul Giegler angeklagte Minna 2 0 e 11 wegen Totschlags in Verbindung mit Giftverbrechen zu 14 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust. Der Mitangeklagte Schmidt wurde wegen Beihilfe zu dem Giftverbrechen zu 10 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust verurteilt.
Stuttgart, 12. Nov. Das Schwurgericht verurteilte den 19 jährigen Fabrikarbeiter Adam Siegle aus Plattenherdt wegen beriudjixn Mordes und dtotzucht sowie räuberischer Erpressung zu 12 I obren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust. Der Angeklagte hat am 10. Juni 1908 bei Ruit (Oberamt Stuttgart) ein 23 jähriges Mädchen durch Schläge mit einem Revolver auf den Kopf gezwungen, mit ihm in ein .Kornfeld zu gehen, wo er sie dann vergewaltigte. Nach der Tat schoß der Unmensch dem am Boden liegenden Mädchen zwei Revowerkugeln in den Stopf und feuerte auf einen auf die .Hilferufe des '.'Nädchens hervei- eileitden 18 jährigen Burschen ebenfalls zwei Schüsse ab, durch die er ihn ziemlich schwer verletzte. Während des Zusammenstoßes zwilchen den beiden jungen Burschen wollte das Mädchen,
die Flucht ergreifen, woraus Siegle ihm nachsprang und ihm noch zwei Kugeln in den Kops schoß. Daraus verlangte er von dem Mädchen noch dessen Barschaft iin Betrage von 18 Mark, die diese ihm aus Furcht vor weiteren Mißhandlungen aushändigte.
Magdeburg, 12. Nov. Nach mehrtägiger Verhandlung wurde heute im Atordprozeß von den Geschworenen das Urteil gefällt. Angeklagt war wegen Mordes der Maurer Friedrich iyauian, dessen Ehefrau Pauiine und wegen Beihilfe der Arbeiter August Schulze. Fabian wurde zum Tode, und dauernden Ehrverlust, Frau Favian und der Arbeiter Schulze wegen Beihilfe zum Morde zu 15 bezw. 7 Jahren Zuchthaus verurteilt.
Märkte.
§ Grün berg, 12. Nov. Uniereii heutigen 2. oder kleinen „©all mar ft" begleitete ein Witterungswechsel, der endlich Niederschläge zu bringen verspricht. Der Schiveiuemarkt zeigte keine besonders starke Anssahrt, aber die Nachfrage war lebhaft. Dadurch nahm der Handel einen flotten Gang bei' guten Preisen. Man bezahlte für Ferkel geringster Sorte 20—24 Mk., bessere 30 bis 35 Alk., beste 40—45—50 Alk. und 54 Alk. Der Rindviehmarkt hatte ivie gewöhnlich schioache Auffahrt bei den seitherigen Preisen.
Samstag den t 4.November d.J.
findet ein
Verkaufstag
I. K. S. l>ec ckchiMW im ROciiz-sOü DmDt zu Gunsten armer Lungenkranken und tuberkulöser Personen des Großherzogtutns statt.
Beginn: 3 Uhr nachm. Ende: 9 Uhr abends.
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