- Urlaub. Geheimerat Tr. Eisenhuth, der Vorsitzende der Schlilabteilung im Gcoßh. Ministerium des Innern, hat, n. d. ,2arnifl. Ztg.^, einen mehrwöchigen Urlaub angetreten.
• • Auf eine 25jährige Tätigkeit als Universitätsprofessor kann am 18. Juli der Vertreter der pathologischen Anatomie und Direktor des pathologischen Instituts an der Land.'Sunioersität, Geh. Medizinalrat Dr. Eugen B ostroem, zucückblicken. Ec ist 1851 zu Fellm in Livland geboren, promovierte 1876 zu Erlangen und habilitierte sich 1881 in Freiburg i. Br. Ain 18. Juli 1883 erhielt ec ebenda eine außeroroentliche Professur und folgte im Herbst desselben IahreS einem Ruse als ordentlicher Profesior hierher. Im Studienjahr 1888 89 und im Anfang des Studienjahres 1906/07 war er Rektor.
"Der ge krä n kte Flotte ng e n e r a l General K e i m, der frühere geschäftsführende Vorsitzende des Deutschen Flottenvereins, hatte zugesagt, bei einer in Darmstadt am Tage der Wiederkehr des Todestages von Fürst BiSmarck beabsichtigten Gedenkfeier die Festrede zu halten. Wie man unS aus Darmstadt milterlt, hat General Keim nunmehr diese Zusage wieder zurückgenommen, weil ein Teil deS hessischen Flottenvereins den alten Kurs aufgegeben und ihn un Stich gelosten habe.
* * Tas Ergebnis des Oktrois 1907. Rach dem Bericht der Lktroiverwalvung über das Rechnungsjahr 1907 beträgt die Gesamteinnahme aus den Verbrauchsabgaben jür die Stadt Gießen unter Abzug der Rückvergütungen 114 913 Mark, d. h. 6622 Mark mehr als im Jahre vorher. Tie Bruttoertragnisse (ohne Abzug der Rückvergütung für die Ausfuhr- verteilen jitß im Einzelnen wie folgt — wobei die eingeklammerten Zaylen die des Vorjahres angeben: 1. Schlachtvieh 41032 Mk. (37 559), mehr 3472 Mk. 2. Fleisch, Flcischwaren usw. 4490 Mk. (4149), mehr 341 Mk. 3. Brennmaterial 44 757 ML (41 658), mehr 3099 Mk. 4. Mühlenfabrikate und Hafer 4686 Mk. (5525), weniger 839 Mk. 5. Getränke 33141 Mk. (32 607), mehr 533 Mk. Ter aus die Ausfuhr zurückvergütete Gesamtbetrag 5cträgt 13163 gegen 13179 ML im Vorjahr. Erfreulich ist die Mebr- einnahrne von Schlachtvieh, Fleisch und Fleischlvaren, Die unter Abzug der für die Ausfuhr erforderliche Rückvergütung 2786 ML ausmachte, ivomit bargetan ist, daß unsere Bevölkerung einen erheblich größeren Fleischkonsum gehabt hat, als im Jahre vorher. Erklärlich wird dieser stärkere Konsum dadurch, daß im Jahre 1907 die Fleischpreise niedriger roaren als im Jahre vorher. Die Oktroioerwaltung führt den Rückgang der Einnahme für Mühlenfabrikate, der sich besonders bei Hafer zeigt, auf die verminderte Bautätigkeit des lebten Jahres zurück. Infolgedessen sei vielfach Fuhrwerk emgegangen und somit fei die Zahl der in der Stadt gehaltenen Pferde kleiner geworden. Tie Tätigkeit der Oktroierheber geht aus den nachstehenden Zahlen hervor, die die un Jahre hindurch vorgcnommcnen Bezettelungen ergeben: Walllor 2051, Neuenwegertor 3630, Selterstor 11535, Neustädterlor 13 382, im Ganzen 30 398 gegen 29 561, d. h. 1037 Bezettelungen mehr erforderlich. Wegen Übertretungen der LÜroivorschristen mußten 70 Anzeigen, gegen 58 im Vorjahr, erhoben werden.
• • Die luftigen Tölzer konzertieren heute im „Hotel Royal*, worauf Freunde derartiger Darbietungen hingcwtesen seien.
"Zur Schützer Fehde. Die Verhandlungen, die unter Mitwirkung deS Ministers Braun gegenwärtig zwischen dem Grafen Schlitz und der Stadtverwaltung wegen der Beilegung deS bekannten Konfliktes geführt werden, scheinen nicht aussichtslos zu sein. Die für morgen vorgesehene Verpachtung der Gemcindejagd, die den Ausgangspunkt des Streites bildete, ist nämlich bis auf weiteres verschoben worden.
n. Großen - Bus eck, 14. Juli. Ein eigenartiger Unfall ereignete sich hier. Ein Mctzgcrmeister wollte nach einem Hammel greifen. TaS Tier sprang ihm ins Gesicht und verletzte ihn mit den Klauen so erheblich an dem einen Ange, daß ec sich nach Gießen in die Klinik begeben mußte.
-ö- Hörnsheim, 14. Juli. Große Erfolge hat unseren Landwirten das am Donnerstag zu Wetzlar abgehaltene T.erschaufest gebracht. Trotz starker Konkurrenz sind für Jung- stiere, Kühe und Rinder die ersten Preise hierher gefallen, dazu auch der Ehrenpreis des Prinzen Friedrich zu SolmS- Braiinfels für die beste Sammlung aus einer Gemeinde. Es sind an die beteiligten Züchter insgesamt 735 Mk. zur Verteilung gekommen. Auch für die Zucht des veredelten Landschweines sind einem hiesigen Aussteller drei Preise im Betrage von 100 Mk. zuerkannt worden.
--> Lauterbach, 13. Juli. Tie Einweihung der Turnhalle unseres Turnvereins fand unter allgemeiner Beteiligung der Bürgerschaft statt. Eröffnet wurde die Feier am Samstag abend durch einen Kommers, während der eigentlichen Einweihungsseier am Sonntag ein Festzug voraudgiug, an dem außer einigen Turnvereinen aus der llmgegcnb sämtliche hiesigen Vereine teitnahmen. Bei dem Festakt hielt Oberpfarrer M ü Her die von warmherziger Begeisterung für das deutsche Turnen getragene Festrede. Konzert und Ball bildeten den Schluß der schönen Feier.
x Nidda, 14. Juli. Hier wird die Errichtung eines B i s m a r ck d e n k m a l s auf der „Beunde" beabsichtigt. Tas erforderliche Gelände ist bereits angekauft und von Bauunternehmer Feindler wurden die zur Ausführung des geplanten Denkmals erforderlichen Basaltblöcke geschenkt. Durch einen Aufruf an die Bürgerschaft wird gegenwärtig eilte Sammlung zur Aufbringung der Baukosten eingeleitet. Man hofft, biS zum 30. Juli, dem Todestage Bismarcks, die Angelegenheit so weit gefördert zu haben, daß die Grundsteinlegung ftattfinben kann.
Sc an Hurt a. M., 14. Juli, In der heutigen Stadt- ucrorbnetcnverfammlung wurde die Vorlage, nach welcher sich die Stadl mit 750 000 Mk. Anteilscheinen und lieber- nähme der Bürgschaft an der Gesellschaft zum Bau und Betrieb einer Automobilstraße im Taunus beteiligen soll, von den sozialdemokratischen Stadtverordneten Tr. Quarck und Ziclowski heftig bekämpft, von Oberbürgermeister Dr. Adtckcs in einer groß- züaigen Rede beiürrvorlet und schließlich mit 44 Stimmen gegen 4 sozialdemokratische Stimmen zur Prüfung an einen Ausschuß vermieten. — Der Reichstagsabgeordnete Rudolf O e s e r ist von der schweren Krankheit, die ihn vor l‘/4 Jahren befallen halte, soweit hergestcllt, daß er seine redaktionelle Tätigkeit bei der »Frankl. 3ta.“ wieder aufnehmen konnte. — Für ein ü) robbe n t m a l für den verstorbenen ReichStagsabgeordnelcn Wilhelm Schmidt hat die sozialdemokratische Partei 1792,97 Mark gesammelt.
♦♦ Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Unweit Rückingen »ib erfuhr em Ha- nautr A utomobil die o r a n des Golbarbeitevs H e ck aus Hanau. Die BedauernSiverte erlitt innere Vcrictznngen und mußte nach dem Krankenhaus gebracht werden. — In L n d iv i q o. Hase» wurden in der Schulerschen Wastenhandlung durch die
Kriminalpolizei 30 000 scharfe Patronen beschlagnahm:, die c s dem Wormser Diebstahl herrühren. Ter Firmeninhaber gab an, daß die Patronen von einem Kauimanne herrührten.
Line Probefahrt, leine zernsahrt Zeppelin;.
Tie Fernfahrt, welche Graf Zeppelin am Ticnstag unternahm, bauerte nur zwei Stunden, von 211 bis 4^ Uhr. 4.as Schiff fuhr, nachüem es bei der Ausfahrt aus der Halle in Friedrichshafen eure kurze Stockung von drei Minuten gegeben hatte, glatt davon und sand die BewunderunZ bet Zuschauermenge. Tas Luftschiff ging bei einem krustigen Südwestrvind etwa 100 Meter hoch über den Boden-See, her in vollem Sonnenglanz da lag. Es überquerte das '.Nünster in Turm höhe und schwamm dann in den klaren Lüften dem Untersee zu.
Konstanz war in fieberhafter Aufregung. Auf den Ufern wogte eine niegesehene Menschenmenge. Schon um 12 Uhr waren die Türme der Mrchen, die Tücher der Häuser, alle Straßen und Plätze dickt von Menschen besetzt. Gegen 2 Uhr bemerkte man, wie der Ballon seiner Halle entschlüprre, einige Mmuten später war er in der Höhe und nahm alsbald Richtung gegen Konstanz, wo er von Geschützsalven und dem tausendstimmigen Jubel der Schuljugend und der wohl 40000 Zuschauer begrüßt wurde. Er passierte die Stadt in der Richtung Schaffhausen, gefolgt von dem T rachen boote „Gna" und dem Sonderfchio „.'tönigin Charlotte", auf welck-em sich die Tochter des Grafen Zeppelin, die Frau feines Neffen, forme erngeladene Gäste, Offiziere, darunter Generalmajor v. Ruh, der Kommandeur der bayerischen Luftschifferab- teüung, und Vertreter der Presse befanden.
Nach etwa dreiviertel Stunden wendete daS Luftschiff plö tzlich
Man wußte nicht, ob es sich um eine Störung der Moto re handelte, oder um ein pro grammäßiges Manöver. Zeppelin hatte vorher erklärt, er wisse noch nicht, ob er am 14. sofort zur großen Fahrt übergehen, oder ob er nickst vorder kleinere UebungS- faljrten abfolvieren müsse. Man sah dann, daß der Motor stillstand, später jedoch wieder lies, jedoch ansänglich nur mit geringer Umdrehungszahl. Auch stieß der vordere Mowr starke Abgabe aus. Tas Luftschiff ging nunmehr zurück an das nördliche Ufer und schließlich bis nach Manzell. Tas Fahrzeug folgte auch jetzt tadellos dem Steuer seüwärts wie senkrecht, es ging gehorsam mit feinen Gondeln auf den See Hemieder und wurde dann von dem Schleppboot bis an die Halle gebracht. Von dem Be- gleitdampfcr, „Königin Charlotte", wurde ein Boot abgeschickt, um Nachricht zu holen. Zeppelin ließ mittciten, am vorderen Motor sei an der Kühlung eine Schraube gebrochen; der Schaden habe zwar während der o-alyct vorläufig repariert werden können, man wolle aber die Ncängel gründlich ausbessern. Ter Rest des Tages sollte zur Reparatur verwendet werden. Heute sollte das Luftschiss roieber völlig fahrtüchtig sein.
Von anderer Seite wird gemeldet: Wegen des in der Nähe von Reichenau eingetretenen Vcrlusteseines Ventilator- Nügels am vorderen ÄLotor und der Unmöglichkeit, diesen Schaden in der Luft mit Bordmitteln zu reparieren, kehrte das Luftschiff wieder um und ging in der Nähe der Halle herunter, in die cd schnell hineinbugsiert wurde. Wenn es auch bedauerlich ist, daß butd) diesen an sich geringfügigen Defekt Hundert- tausende am Rhein entlang gestern vergeblich warteten, so ist doch dem Vorfall als solchem nicht die geringste Bedeutung bei- zumessen. Im übrigen zeigte das Luftschiff auch gestern wieder seine glänzenden Eigenschaften. Alle Ähwenkungen sowie die Landung selbst nmrden mit Präzision ausgcführt. Tas württem- bergische Königspaar war in seinem Boote zugegen. Besonders ist bei dem gestrigen Ausstieg hervorzuheben, bau das Luftschiff gegen 150 Kilogramm gewollten Abtrieb batte, somit um ein Gewicht von etwa 1 Vs Zentner schwerer als die Luft war. Mittelst der Arbeit beiber Rio tote wurde der Abtrieb spielend bewältigt und das LusssMs hob sich aus eigener Straft empor. Sri eine Widrigkeiten können zlvar die Lösung der Aufgabe etwas verzögern, aber nicht vereiteln. !
Wie das Berl. Tgbl. aus Friedrichshafen erfährt, findet die zweite Fernfahrt des Grasen Zeppelin heute Abend 7 Uhr statt. 16 Personen, unter diesen drei Militärs, nehmen daran teil.
Gras Zeppelin verbrachte den gestrigen Abend im Kreise der Offiziere und Rcichskommissare bis gegen 11 Uhr.
Major Sperling und Hauptmann v. I c n a , die bisher den halbstarreu Militärballon leiteten, ci"halten das Kommando über Zeppelins Alumimumluftschiffe 4 und 3, d:e unmittelbar nach der Dauerfahrt in den Besitz der Heeresverwaltung übergehen.
Sehr interessant ist folgendes Telegrainm der „Frkf. Ztg." über eine V e r f o 1 g u n g d e s L u s t f ch i f f e s d u r ch ein Automobil:
Friedrichshafen, 14. Juli. Wir verfolgten das aus- gestiegene Zeppclinfche Luftschiff in einem 85 pferdigen Mercedes- luagen. Anfangs rannte er uns davon. Erst in der Gegend von Uebcrlingen vermochten wir ihm zu folgen. Es war ein spannender Kampf. Ter Taimlcruwtoc in b:r Lust droben und der Taimler auf der Straße. Allmählich gewannen wir unten Terrain. Wir merkten, daß im Luftschiff etwas in Unordnung geraten war. Ais wir in Radolfzell anlangten, fuhr das Luftschiff, das in dreiviertel Stunden von Friedrichshafen bis über die Insel Mainau gekommen ivar, in einem langen Logen nach Süden und dann nach Osten ab und schien wieder Kurs nach Friedrichshafen zurückzunehmen.
Andere Luftfahrten-
Hamburg, 14. Juli. Der beule vormittag ausgestiegene Ballon „Hamburg" ist bei Travemünde verunglückt. Bei starkem südwestlichem Winde trieb er direkt dec Ostsee zu und war üi ganz geringer Höhe. Bei bem Versuch, zu landen, geriet er gegen ein Sttandhans und die Gondel schlug bei Bc- srriungsvcrsuchen gegen den Giebel bed Hauses, wobei der Großkaufmann SL Sarningbaufcn auS Hamburg schwer und dec Baron von Pohl leicht verletzt wurden. Die Führung des Ballons hatte der Zollsekretär Thurein.
Lörrach, 14. Juli. Der Luftschifser Spelterini, der gestern nachmittag mit seinem Ballon „Sirius" m Basel auf- gestiegen war, warf über dem nahe gelegenen Sckützenwalb einen ganzen, einen Zentner schweren Sandsack zur Erb.', wodurch beinahe ein furchlvares Unglück entstanden wäre. Demi der Sack schlug, kaum einen Meter von einem Kinde entfernt, bad am Waldesvmde Blumen pflückte, mit furchtbarer Gewalt zu Boden, so daß er zerplatzte und ein Loch von 30 Zentimeter Tiefe schlug. _
Göttingen, 14. Huli. Ter Ballon „S e g l c r" deS nieder- sachsisck^n Vereins für Lustschissahrt stieg gestern hier auf und landete nach 7 stünbiger Fahrt bei Anklam.
London, 14. Juli. Ter für gestern in Aussicht genommene Probeaufstieg des neuen MilitLrba llons „Nulli >secundus Nr. 2" konnte nicht stattfiubeu, erstens wegen zu schlechten Wetters, zweitens weil der Steuerungs-Apparat nicht in Ordnung war. Ter erste Aufstieg bürste vor Ende der Woche nicht erfolgen können.
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Kur; vor Schluß der Redaktion wird und aus Friedrichshafen telegraphiert:
Gvaf Zeppelm wird heute vormittag noch den Aufstieg mid bic Fahrt nach Mainz beginnen. Seit 9V< Uhr ist der Ballon zur Abfahrt berril, jedoch ist über die genaue Zeü deS Fahrtbeginns noch nichts bekannt. Es r e g n e t in Friedriche Hafen, aber der Regen wirb für die Ausfahrt kein Hindernis bilden.
Ein Dorftrieg.
Nachklänge von der letzten Reichstagsmahl.
Em intcrcffantcr Wahlpcozeß hat das Ncichsgcricht beschäftigt. Aus Leipzig wirb berichtet.
Segen Beleidigung des Bürgermeisters von Orscholz
und anderer Straftaten sind am 30. März vom Landgericht Trier verurteilt morden der Schuhmacher Neisius zu drei Monaten Gefängnis, Katharine Rupp zu 100 Mark Geldstrafe, Becker und Ting zu je 50 Mark Geldstrafe, Lhlinger zu zwei Monaten und Remmel zu einer Gesamtstrafe von einem Monat Gefängnis. Tem Urteil lagen folgende Vorgänge zugrunde:
Bei der Agitation für die Reichslagswahl im Januar 1907 standen sich in Orscholz das Zentrum und die National- katholiken fchroff gegenüber Ter Pf. rrcr Leine warb für Geheimrat Roeren, der Ortsvorsteber Sauerwald für den Kandidaten der Nationalratholik.'n. Pfarrer und Orlsvor- sleher kamen dadurch in .Konflikt. Einem Konfrater, der bei Sauerwald nächtigen wollte, riet Pfarrer Leine davon ab, weil Sauerwald gegen die siirchc gearbeitet habe. Tem Pfarrer Leine wurde schließlich wegen seines Verhaltens in dieser Angelegenheit von der Regieritng die Ortsschulaufsicht und der Religionsunterricht entzogen. An einem Sonntag setzte er von der Kanzel herab feine Pfarreinge- sessenen von biefer Verfügung in Kenntnis und gebrauchte babei Worte, die die Kirchcnbe,ucher gegen den Ortsvorsteher aufreizten.
Tie Folge davon mar ein allgemeines Vorgehen gegen den Ortsvorfteher. Ohlinger spuckte öffentlich vor ihm aus, wofür er von jenem einen Stockhieb erhielt. Tas Verfahren gegen den Ortsvorslehcr ivegcn dieses Schlages wurde eingestellt, weil er in Notwehr gehandelt habe. Sauerwald war nebenbei Präsident des Kricgervereins. Remmel als Mitglied agitierte für seine Absetzung, lvvbci er den Ortsvorsteher Lump und Spitzbube schimpfte. Neisius hatte bezüglich der Lehrerin M., die auf Sauermalds Seite stand, gerufen: Werft sie doch mit Steinen'tot! 2lls Fräulein M. sich schnell entfernte, rief er ihr Schimpf- worte nach. Die Rupp yat zioci Schriftstücke verfaßt, in denen sich die Jungfrauen und Frauen von Orscholz gegen den Ortsvorsteher aussprachen. Tarin sprach sie von der tiefften Entrüstung, die durch die Verleumdungen des Ortsvorftehers gegen den Pfarrer hervorgerufen worden sei. Diese Schriftstücke wurden von Becker und Ding im Dorfe umhergetragen und zu jedermanns Kenntnis ge- bracht.
Gegen das Urteil hatten die Angeklagten Revision eingelegt. Tas Reichsgericht hob doch das Urteil auf, soweit es gegen Rupp, Becker, Ting und Remmel (bezüglich des ersten Falles und der Gesamtstrafe) ergangen ist. Verworfen wurde die Revision des Neisius, der wegen Bedrohung verurteilt ist, und des Lhlinger. Tas Urteil gegen die Rupp mußte wegen des Zusammenhangs aufgehoben werden. Tie Aufhebung erfolgte, weil in der Anivendung des WoNes Verleumdung keine Beleidigung formaler Natur erblickt uwr- beu ist. Wenn die Angeklagten dem Ortsvorsteher nachsagen wollten, daß er wider besseres Wissen unwahre Behauptungen verbreitet habe, so hätten sie sich des vom Gesetze selbst hierfür gebrauchten Wortes bedienen können. Zu prüfen wird aber noch sein, ob nicht aus den Eigenschaftswörtern „entsetzlich" und „schiver", die dem Worte Verleumdung vorgesetzt waren, die Absicht der Beleidigung hcrzu- lciten ist.
Warum Wir diese Torfgeschichte mrttcilen? Nicht ivegcn des für Juristen interessanten subtilen Rcichsgerichtsurtetls, sondern um qn diesem Beispiel zu zeigen, was für eine Verwilderung der Gemüter durch das Hineintragcn der Politik in private Verhältnisse entsteht, welck)er Fanatismus durch politische Agitation großgezogen wird, der Weiber zu Hyänen werden läßt.
Nniverjitäts-rrachrichten.
— Von der Akademie zu Frankfurt a. M. Die ®e- samlsrequenz für das Sommcrscmeslcr stellt sich aui 685, darunter 208 Kaufleute, 36 Ingenieure, Chemiker :c., 71 Juristen und höhere VeiioaltilugSbeaniie, 14 mittlere Verwaltungsbeamte, 39 akademisch unb 73 seminaristisch gebildete Lehrer, 27 Studierende der neueren Sprachen, 19 sonstige gelehrte Berufe (Aerzte :c), 39 sonstige Berufe und 160 Frauen, davon 35 Lehrerinnen. Tie Gesamtzahl der akadeniisch bicbilöctcn bctiägl 173 oder 26 Proz. Von den Be- snchern (ordentlicheu Studierenden) besaßen -7 Proz. und von den Hospitanten 41 Proz. bereits eine abgeschlossene akademische Vorbildung.
Itircbc und Schule.
— Der Direktor des SlönigL Wilhelms-Gymnasiums in Berlin, Geh. RegierungSrat Leuchtenberger schreibt dem B. T.: „Ich bin ii l ch t z u ni Rücktritt gedrängt worben; eher ist baS G e g e n t e i l ber Fall. Dleinc Rebe zum Slnftaliöjubilaum hat mit meinem Pcnsioiueiimgsgesiich nichts zu tun. Aus meine Bitte hat meine Behörbe nur einen 14 tägigen Vorurlaub vor Beginn ber Sommerferien gewährt. Ich habe bis 20. Juni Unterricht erteilt unb werbe dies auch nach bcu Ferien weiter tun. Die Gewährung meines Peusion.'gesucheS habe ich bis jetzt noch nicht erhalten; mein llcbcitritl in ben von mir erbetenen Ruhestand wird voratiSsichtlich um bcu MichaeUSlermm erfolgen. Ich werde Ende dieses Jahres 69 Jahre all unb habe meine Pensionierung erbeten, weil cs mir für meine eigene Person gut erschien."
vermischtes.
* Vom Wetter. Infolge großer Hitze und Trockenheit, die Obst- und Waldbäume bedroht, sind in Oesterreich zahlreiche Brände entstanden. Bei Mauer im Lainzer Tiergarten kam ein Waldbrand aus, der trotz angestrengter Arbeit mehrerer Feuerwehren 400 Quadratmeter Wald einäscherte Außerdem entzündeten Funken einer Lokomotive bei Leopoldau die Felder von 10 Grundeigentümern. — In Spanien hat nach einigen Wochen fürckiterlicher Hitze das Wetter plötzlich umgeschlagen. Im Norden und Zentrum Spaniens ist sZ-euchtigleil und empfindliche siälte eingetreten. An der Nordwestküfte ist die See stark bewegt. Zahlreiche Fischerboote aus Bilbao, Santander und San Sebastian wurden vom Sturm zerschlagen. Etwa 30 Fischer ertranken. — In der Gegend von Beziöres in Frankreich hat ein Unwetter die ganze Ernte vernichtet.
* Eiii Ehescheidungsrekord. Nicht nur Amerika ist das Land der rafcben EyescheidungSprozesfe. Taß auch Berlin in dieser Beziehung an der Spitze marschiert, beweist eine Ehescheidungsklage, die dieser Tage dort vor dem Landgericht I zur Verhandlung kam. In der Chescheidunge- klage der Baronin v. L. gegen ihren Gatten bewirkte die Klägerin durch ihren Vertreter, Rechtsamvalt Tr. Jvcrs, daß die Ehe schon un ersten Termin geschieden wurde. Tic Klägerin hatte alle Belastungszeugen gegen ihren Watten Sur Stelle, und das Gericht beschloß, die Zeugen sofort zu vernehmen. Ta die Beweisausnahme zugunsten der ülä» genn ausjiel, wurde die Ehe in einem Zeitraum von zwanzig Minuten geschieden.
* Eine an genehme Ausgabe hat eine Anzahl Malrosen der norbanierikauuchen Alarme in bcu nächsten Tagen vor sich Ta» Mannedepartemem bat in dem Bestreben, ben Wanj.icfcn den Dienst so angenehm wie möglich zu machen, lüOOOO P imd Kaulcibat on- g cf amt. Zn biefem Ankauf werben die Malrosen als Oactwersländige zugezogeu, um die desleu und bic jchmackhanoteu Sorten auflju- wählen. Reden dem Wunsche, eine neue Anziehungskraft Marino-


