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Drittes Blatt
Nr. 137
Samstag 13. Juni 1908
Giehener Anzeiger
Erfchetnl tLgNch mit Ausnahme des Sonntags.
General-Anzeiger für Gberheffen
158. Jahrgang
Redaktion. Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag,' e^5L Red attion: ^-l..NdruAnzeigerGießen.
Rotationsdruck and Verlag bet Brühpfcheu Universität? - Buch- und Steindruckerei. R. Lang«, Gießen.
Die ^Siebener ZamiNenblStter- werden dem .Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kretsblatt für den Krtt« -letzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftttchen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
man sich in
Berlin schon mehr als einmal von den Ereignissen über-
nur
raschen lassen, nach Organs fdjeint man sorglos dem Morgen der allerhand neues was einer wirklichen
dem neuesten Erguß des offiziösen auch jetzt wieder ahnungslos und entgegen zu sehen, diesem Morgen, bringen kann, aber sicherlich nichts, Freundschaft für dgs Deutsche Reich
ziösen „Nordd. Mlg. Zta." findet, gibt sie uns wenig Veranlassung. In den Zeiten Bülows hat
Gericbts-aal.
Berlin, 11. Juni. Der frühere Magistratskanzlist Z i m - m ermann wurde wegen Beleidigung des Obe«r- bürgerMeisters Kirschner und des Berliner Magistrats zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt. Zimmermann halte behauptet, der Oberbürgermeister habe in den Jahren 1899/1900 auS Furcht, das; auf seine damalige provisorische Amtsführung und seine Person ein Schalten fallen könne, die ordnungsgemäße Untersuchung von Unterschlagungen mit seiner AmtSmacht unterdrückt und dadurch himmelschreiende Zustände geschaffen.
Meteorologische Beobachtungen
der Station Gießen.
Börscn-Wochenbcricht.
4- Frankfurt a. M., 12. Juni-
Die Revaler Zusammenkunft des Zaren mit König Eduard veranlaßte Betrachtungen in der Presse, die für Teutschtand nicht gerade günstig waren, und da die Vorgänge in Persien dazwischen spielten und auch die Lage in Marokko noch völlig ungeklärt ist, so bemächtigte sich der Börse eine gewisse politische Verstimmung. Besonders lief ist sie allerdings nicht gegangen, weil man sich bei ruhiger lleberlegung sagen mußte, daß den Monarchenbegegnungen, die jetzt an der Tagesordnung sind, eine allzugroße Bedeutung nicht beigcmessen werden darf und dieVer- antworckichleit für eine Störung des europäischen Friedens von keinem dir Machthaber übernommen werden dürste, aber umner- hin haben die Erörterungen dazu geführt, die Börse zu entmutigen und das Geschäft noch mehr einzuschrünken als dies bisher schon der Fall gewesen ist. Auch die weiter um sich greifende Erleichterung auf dem Geldmarkt hat daran nichts geändert; Privatdisionto ist bei uns auf 33/8 Prozent zurückgegangen, in London steht er noch etwa 2 Prozent niedriger, aber zum Halvjahrsrnechsel dürste wieder mehr Nachfrage für Geld hervor- trcten. Natürlich steht die zunehmende Flüssigkeit des Geldes mic deni Niedergang der wirtschaftlichen Koniunk - tut in innigem Zusammenhang. In Amerika sind inzwischen die Stahlpreisc generell herabgesetzt worden; man will dadurch den Kvnsum wieder anregen und nun bleibt abzuwarten, ob die Preisherabsetzungen ihren Zweck erfüllen, oder ^ob noch wettere Ermäßigungen oorgenomincn werden müssen. Inmitten all der ungünstigen Meldungen ans der Union veroient die Tatsache wohl Beachtung, daß die Zahl der unbenützten Frachtwagen in der letzten Woche weiter um 22 «00 zurückgegangen ist. Auch chat Amerika eine verhältnismäßig günstige Ernte zu erivarten, was umsomehr ins Gewicht fällt, ats dec Saatenstand tn Rußland m den meisten Distrikten ungünstig ist. Aus Deutschland lauten die Berichte immer noch gut, auch in Ungarn ist der Saatenstand befriedigend, die Balkanländer dagegen klagen über Diirre. Möglich, daß die Ernte wieder mehr Bewegung brmgt und Handel und Verkehr etwas anregt. Vorläufig ist es aber still tm geschäftlichen Verkehr, das ergibt sich auch aus sämtlichen Ausweisen über den Außenhandel. So ist beispielsweise in England die Einfuhr im Mai um 8.33 Mill, und die Ausfuhr um £86 Mill. Livres Sterling gegen das Vorjahr -urückgeaangen. > England klagt besonders riber die ungünstige Lage der Textilindustrie, in der Betriebseinschränkungen vorgenommen werden mußten. Recht günstig entwickelt sich dagegen die G o l d m i n e n i n b u ft ri e in Transvaal, indem die Ausbeuten sortgesetzt langsam ansteigen, wodurch auch luieber mehr Interesse für Minenwerte geweckt wurde. An den deutschen Börsen sind die Umsätze, wie schon erwähnt,
gegenwärtig recht geringfügig und auch die Kursschwankungen sind nur unbedeutend. Deutsche Fonds, wenigstens die 3 und 3i j prozenttgen Konsuls und Reichsanleihe gingen nach der jüngsten Steigerung wieder etwas zurück, von fremden Fonds waren Russen und Japaner schwächer. Ban k a kti en behauptet. Von Tran porlwertcn waren Pfälzische Eisenbahn-Aktien etwas höher gefragt, weil deren Umtausch in 3V2 prozentige Bayern für nächstes £al,r bevorsteht und durch den Ankauf dieser Aktien man die 31 ■> prozentigen Bayern noch etwas unter dem heutigen Kürs er wirbt, auch Lombarden fester. M o n t a n p a p i e r e gingen weiter zurück bis zu 4 Prozent. Andere Jndustriepapiere gleichfalls vorwiegend schwächer. Von Elektrizitätswerten, die mehrfach angeboten, waren Siemens u. Halske 7 Prozent matter, auch Lahmeycr offeriert, weil verlautete, die Dividende werde sich unter der vorjährigen von 7 Prozent halten.
Der weibliche „Prinz (Egon".
Wir berichteten kürzlich von dem Bauernknecht G i f f i n g e r , der zehn Jahre hindurch als Kühdirne arbeitete und schließlich als harmloser Geisteskranker in seinen Frauengewändern vom Wiener Landesgericht der Polizei übergeben wurde. Ein ähnlicher Fall beschäftigt seit einiger Zeit ebenfalls das Wiener Landgericht. Diesmal ist es aber eine Frau, die von der Idee beherrscht ist, ein Mann zu sein, und mehreren Personen unter der Vorspiegelung, sie sei ein verkleideter Prinz, große Geldbeträge herausgelockt hat. 2de Geschichte der Margarete Erb ist viel romantischer als bi.* der „Kühdirne" Giffinger. Die Erb teilte ihren Bekannten mit, sie sei ein illegitimes Kind des Königs Subroig von Bayern und der Herzogin von Alen^on. Sie nannte sich Prinz Egon Ludwig von Bayern und stellte unter diesem Namen Schuldscheine au». Auch Margarete Erb wird von den Psychiatern für geistesgestört gehalten. Margarete Erb ist eine kleine, schwächliche Person von zarter Kvnstitution, ihr Gesicht weist männliche Züge auf, das schon ergraute Haar trägt sie kurz geschoren, die Augen bedeckt eine Brille. Sie steht im 44. Lebensjahr und trug stets einen langen Ueberzieher und hohe.Stehkragen. Sie ging immer dem Verkehr mit Männern aus dem Wege, suchte nur Frauengesellschaft auf und war zweimal mit jungen Mädchen verlobt. Ihre letzte Braut, die Tochter eines Vergolders, glaubt noch heute, daß ihr Verlobter der Prinz Egon sei, und erst vor wenigen Tagen sand sich das Mädchen im Landesgerichte ein, wo Margarete Erb seit Monaten wegen Betruges in Hast ist, und überreichte für den „Bräutigam" zum Geburtstag einen Blumenstrauß. Der sonderbare Häftling ist 'die Tochter eines Korbmachers aus Niederösterreich. Sie erzählt, ihr Vater habe ihr stets gesagt, er werde ihr, wenn sie grotzjährig sei, eine Mitteilung machen, die für ihr ferneres Leben von höchster Wichtigkeit sei. Der Vater starb jedoch, als sie zehn Jahre alt war, und sie erfuhr, wie sie behauptet, das Geheimnis ihrer Abstammung erst durch den Brief einer bayerischen Hofdame, den sie später auffand, und in. dem ihrem Vater der Dank ausgesprochen wurde, daß er sich des „Kindes von hoher Abstammung" so fürsorglich angenommen habe. Margarete verließ früh das Elternhaus und trat in ein Kloster als Novize ein; ihr sonderbares Auftreten ließ sie aber auch dort nicht lange verweilen. Sie mürbe schon vor mehr als zehn Jahren in Ungarifch-Hradisch verhaftet, weil sie vielen Personen unter der Vorspiegelung, sie sei ein Abkömmling hochstehend r Personen, Geld entlockt hatte. Die Aerzte erklärten sie jedoch damals für geisteskrank, und sie wurde ans der Haft entlassen. Nach ihrer Freilassung ließ sich Margarete Erb in Wien nieder, wo sie in den ärmsten Verhältnissen lebte. Sie verstand es aber, durch eine gewisse suggestive Kraft auf Frauen einzuwirken. Zahlreiche ihrer Bekannten glaubten daran, daß sie her Prinz Egon sei. Sie erzählte ihnen, daß in München für sie ein Vermögen von zwölf Millionen Mark liege, das man ihr aber streitig mache. Sie müsse als Frau vertleidei gehen, weil ihre Gegner ihr nach dem Leben lvacksten. Eine Wittve schloß den armen „Prinzen" so in ihr Herz, daß sie ihn in ihr Haus auf na hm und ihm Darlehen in der Höhe von 6000 Kronen gewährte. Als die Witwe heiratete, öffnete ihr der Gatte die Augen, und sie verlangte energisch ihr Geld zurück. Margarete Erb hatte inzwischen die Bekanntschaft der Familie des Bäckermeisters Ruczicka gemacht, und ein Verwandter ließ sich herbei, dem Prinzen 8000 Kronen vorzustrecken. Von diesem Gelde wurde Die Schuld an die Witwe bezahlt. Margarete Erb stellte über alle entliehenen Beträge Schuldscheine aus, die mit „Prinz Egon von Bayern" unterschrieben waren; dabei stellte sie die zehnfache Summe als Rückzahlung in Aussicht.
Während der Haft benahm sich Margarete Erb, wie das „N. W. T." meldet, stets wie ein Mann. Sie rauchte Zigarren um) erwiderte auf alle Vorhalte, daß ihre Weiblichkeit doch unzweii.l- hast festste he i „Es ist doch so, es wird sich schon zeigen, daß ich der Prinz Egon bin." Sie verfaßte ein Testament, in dem sie über ihre zwölf Millionen verfügte und ihre Freundinnen und ihre letzte Braut reich bedachte. "Nun haben die Psychiater das letzte Wort, und Margarete Erb wird als eine harmlose Geip.s kranke erftärt werden, die in dem Wahn lebt, daß sie wirtlich ein Prinz sei und nur durch widrige Schicksale um ihre Rechte gebracht wurde. Sic wird in nächster Zeit einer Irrenanstalt übergeben werden und trifft dort vielleicht mit Karl Giffinger, ihrem Seitenstück, zusammen ....
Internationale kriminalistische Vereinigung.
S. u. H. Posen, 12. Juni.
Unter zahlreicher Beteiligung von hervofragenden Kriminalisten aus ganz Deutschland trat heute die Landesgruppe der Internationalen kriminalistischen Vereinigung zu ihrer 12. Landesversammlung zusammen.
Ter stellvertretende Vorsitzende Geh. Justizrat Prof. Dr. v. Lißt-Berlin eröffnete die Tagung. Der erste Berhandluiigsgegen- stand war die R e f o r m des Strafprozesses. Landgerichtsbirektor a. T. Dr. Aschrott-Berlin crftatretc den Gencralbericht ber Strafprozeßkommission. Tie Kommission hat sich mit der Frage ber Strafprozeßreform eingehend bcfdjäftigt und alle Mängel des bisherigen Verfahrens einer eingehenden Kritik unterzogen und Mittel zur Abhilfe in Vorschlag gebracht.
Landgerichtsdirektor Aschrott Ivies darauf hin, daß vielfach, besonders in den Reichstagsverhandlungen vom März ds. Js. falsche Auffassungen über den Frankfurter Beschluß ber Internationalen kriminalistischen Vereinigung hervorgetreten sind. Er gibt einen Ueberblicf über die bisher fertiggestellte Arbeit der Kommission für die Strafprozeßreform, dann regt er die Frage an, ob angesichts der vom Staatssetretär der Justizverwaltung Dr. Nieberdcng im Reichstage in Aussicht gestellten baldigen Veröffentlichung eines Entwurfs einer Strafprozeßreform die Kommission Weiterarbeiten und zu dem neuen Entwurf Stellung nehmen würde. Der Redner betont dabei die Notwendigkeit, daß Reformavbeit im großen Stile geleistet werden müsse. Dazu sei aber nötig, daß die Reform von Strafrecht und Strafprozeß zusammen borgenommen werde. Das materielle und das formelle Recht gehören zusammen und greifen ineinander ein. Wenn man befürchtet, daß eine derartige umfassende Doppelresorm zu lange Zeit in Anspruch nehmen werde, so empfehle es sich, besonders reformbedürftige Einzelmatericn vorweg zu nehmen, besonders die Behandlung jugendlicher Personen (Beifall).
Es entspann sich eine längere Geschäftsordnungsdebatte darüber, ob die kriminalistische Vereinigung in einer Resolution hierzu Stellung nehmen follc. Die Versammlung lehnte schließlich verschiedene Anträge, die eine solche Resolution herbeiführen sollten, ab. — Der Vorsitzende Admiralitätsrat Fetisch stellte aber fest, daß die Ideen des Referenten allgemeine Billigung gefunden haben.
Daraus trat eine längere Pause ein.
Ter bekannte Dresdener Kriminalist Staatsanwatt Dr. SBultfen behandelte das Thema: Stellung und Aufgabe der Polizei iin Strafverfahren.
Der Vortrag wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Vom Vortragenden wurden folgende L-its ätze der Versammlung vorgelegt.' 1. Die Staatsanwaltschaft soll die Ermittelungen und Erhebungen selbst in die Hand nehmen. 2. Die erforderlichen Polizeibeamten sollen der Staatsanwaltschaft unterstellt werden. 3. Djc Exekutivbeamten sollen eine bessere Ausbildung in Kriminattechnik und Kriminalpsychologie erhalten.
Nach längerer Debatte wurden diese Leitsätze mit al-len gegen drei Stimmen angenommen.
Nach einer weiteren Pause hielt dann ber Staatsminister a. D. v.Värnr eiter (Wien) einen Vortrag über Jugendgerichts- hofe.
lieber das V e r f a h r e n g e g e n I u g e n d l i ch c legte Amtsgerichtsrat Tr. Köhne-Berlin folgende Leitsätze vor, die zur Annahme gelangten: 1) Abgesehen von der allgemeinen Reform b:5 Strafrechts und des Strafprozesses ist das Strafrechr, da» Straf- vcrfahren und die Strafvollstreckung gegen Jugendliche durch ein Spezialgesetz zu regeln. 2) Dieses Spezialgesetz soll sich an die großen Kodifizierungen anjchließen, aber folgende besoirdere Einrichtungen treffen; a) Voraussetzung der Strafbarkeit soll die mutmaßliche Bejscrungsunfähigkeit dcs Angeklagten sein, b)^ Tie Verurteilung Jugendlicher ist Jugendgerichten zu übertragen, welche nicht nur auf Strafen, sondern auch auf Bessern n g s m a ß n a h m e n zu erkennen haben, o Freiheits- strasen gegen Jugendliche sollen in besonderen Anstalten nach progressivem System vollstreckt werben, d, An der Aussicht über den Strafvollzug sind auch die Jugendrichter zu beteiligen.
Apolitische Wochenschau.
Gießen, 13. Juni.
Tie Begegnung zwischen dem KönigeEduard von England und dem Zaren Nikolaus von Rußland, die das Hauptereignis der verflossenen Woche bildete, hat sich auf dem Wasser abgespielt. König Eduard hat den Boden Rußlands nicht betreten. Obgleich tausende von Polizisten zur Monarchenbegegnung nach Reval beordert worden waren, hat man es offenbar nidft gewagt, an Land zu gehen. So hat Köni^ Eduard die alten hohen Linden des schattigen Parks von Katharinental mit dem Schlosse der Kaiserin Katharina und dem unendlich einfachen Häuschen Peters des Großen nur von Ferne gesehen. Er hat auch keinen Blick hinein getan in die alte graue Stadt, die etwas von ihrem mittelalterlich-deutschen Charakter bis aus den heutigen Tag bewahrt hat. König Eduard hat aber auch nicht gesehen, wie diese einstmals blühende Stadt unter den Segnungen der russischen Kultur immer mehr und mehr zerfällt, äußerlich und innerlich. Reval ist noch nicht Rußland, und doch spiegelt sich auch in dem Niedergange dieser Stadt der Medergang des ganzen großen russischen Reiches deutlich genug wieder. Von diesem allen hat König Eduard während der zweitägigen Begegnung mit dem Zaren nichts gesehen, und hätte er es gesehen, wer weiß, ob er dann noch so heißes Verlangen nach einem Bündnis mit dem Zarenreiche empfände. Doch wer kennt die geheimsten Pläne des Britenkönigs? Wer weiß, wozu ihm gerade ein solches Bündnis nützen soll. Die reussensreundliche Politik des Königs Eduard ist nicht erst von heute und gestern; sie trat schon während des russisch-japanischen Krieges in die Erscheinung. Bindende Abmachungen zwischen England und Rußland sind jetzt in Reval noch nicht getroffen worden, aber der König und der Zar werden sich bald Wiedersehen, und dann.... Es ist in diesen Tagen so viel von neuen Garantien für die Erhaltung des Weltfriedens gesprochen und geschrieben worden. Hat es aber jemand versucht, die Frage zu erörtern, gegen wen sich diese Friedensgarantien denn eigentlich richten? Man braucht nur einen Blick in die französischen und englischen Blätter hineinzutun, um die Antwort aus diese Frage zu finden: Friedensgarantien gegen Deutschland. Gegen Deutschland, das seit mehr als einem Menschenalter bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit seine Friedensliebe hervorhcbt. Von welcher Seite man die Revaler Monarchenbegegnung auch betrachten mag — zu rosigen Gedanken, wie man sie jetzt in der offi-
ähnlich sieht. So viel man über die Revaler Begegnung erfährt, sind dort außer der innerasiatischen Frage auch das persische und macedv wische Problem zur Sprache gekommen. Persien ist augenblicklich ein ganz besonderes aktuelles Thema, denn die revolutionäre Bewegung int Lande scheint endlich förmliche Anarchie gezeitigt zu haben. Ter Schah fühlte sich in seiner Residenz nicht mehr sicher und hat sich in fluchtartiger Eile mit seiner Familie in Sicherheit gebracht.
Wichtiger als die englisch-russischen Abmachungen über Persien sind für uns die neuen-Abmachungen über Macedo n i e n , zumal hier auch die Rücksicht auf unseren österreichisch-ungarischen Bundesgenossen mitspricht. Nach dem Bündnisverträge haben wir die Pflicht, an die Seite Oester-' reich-ttugarns zu treten, falls seine großen Interessen auf dem Balkan durch die neuen Abmachungen in Reval irgendwie bedroht werden könnten.
In Marokko ist inzwischen Muley Haftd, der Gegen- sultan, in Fes eingezogen und hat sich damit zum Sultan von Marokko gemacht. Widerstand hat er hierbei nicht gefunden. Die Mächte, vor allem Franlreich, haben die,en doch immerhin bemerkenswerten Vorfall bisher vollständig ignoriert. Die Marokkaner sind mit bent Thronwechsel anscheinend vollstänidg einverstanden, und selbst Sultan Abdul Asis läßt nichts mehr von sich hären. Es fragt sich aber doch, ob er wirklich so wellig Anhang hat, daß er seine verlorene Herrschaft nicht mehr zurückgewinnen kann. Was die Franzosen anlangt, so scheinen sie des marokkanischen Abenteuers nun herzlich müde zu sein und warten wohl nur auf eine günstige Gelegenheit, um mit Ehren aus dieser Affäre herauskommen zu können.
In unserer inneren deutschen Politik war es in der verflossenen Woche recht still. Ter einzige Vorfall, der besonders zu erwähnen wäre, ist der Eintritt des Herzogs von Cumberland in bie deutsche Armee. Der Herzog, der ebenso wie sein ältester Sohn auf Hannover nicht verzichten will, hofft wohl durch diesen Schritt, seinem jüngeren Sohne den Weg auf den braunschweigtschen Thron zu ebnen.
Voit den Vorgängen in Hessen seien auch an dieser Stelle der Beratungen über die Wahlrechtsvorlage gedacht, die am Donnerstag in einer gemeinsamen Sitzung der Gesetzgebungsausschüsse beider Ständekammern abgehalten wurden. Zu der von der Regierung erwarteten Verständigung über die grundlegenden Fragen der Wahlrechtsreform ift es bei diesen Beratungen noch nicht gekommen, und man will in der nächsten Woche die Beratungen fortsetzen. Hoffentlich einigen sich dann die beiden Ständekammern, )o daß der neue Landtag die neue Wahlrechtsvorlage bei feinem Zusammentreten vorsindet. «•
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denn sie ist einzig in ihrer Art und altbewährt; sie übertrifft alle zum gleichen Zweck angepriesenen Präparate.
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