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12.9.1908 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

General-Anzeiger für Oberheffen

158. Jahrgang

Nr. 215 erstes Blatt 158. Jahrgang Samstag 12. September 1808

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S£ General-Anzeiger für Oberheffen WW

Ei ooimma^^'uh" Rotationsbnid und Verlag der vrühl'schen Untv.-Vuch. und Stetndruckeret. R. Lange. Redattion, Lrpeditton und vruckerei- Zchu'stratze 7. ^^'geme???'^ BeL

Die heutige Nummer umfaßt 14 Seiten.

politische Wochenschau.

Gießen, 12. September 1908.

i Das große militärische Ereignis des Jahres, das Kaiser man över im Elsaß, ist vorüber, lieber den Wert oder Unwert dieses Krieges im Frieden darf der Laie fiKf) natürlich fein Urteil erlauben, aber da sich solche Ma- növer auch schon längst in anderen Ländern eingebürgert haben, werden sie vom kriegstechnischen Standpünite aus wohl schon ihre volle Berechtigung haben. Den Laien in­teressiert es höchstens, zu erfahren, daß man sich bei unseren diesjährigen Kaisermanövern alle Errungenschaften der modernen Kriegstechnik zu nutze gemacht 'hat. Nur das lenkbare Luftschiff fehlte noch dieses Mal, vielleicht das letzte Mal, denn die Technik der lenkbaren Luftschiffe macht ja jetzt täglich gewaltige Fortschritte. Das lassen schon die Berichte über die neuesten Flugversuche Wrights, Persevals und anderer erkennen. In Kürze wird wohl auch l^raf Zeppelin sein Luftschiff so weit wiederhergestellt haben, daß er aufs neue auf steigen kann. Das Gesamtergebnis der Zeppelinspende beläuft sich übrigens auf mehr als 4 Mill. Mark.

Eine recht unfreundliche Beurteilung der diesjährigen Kaisermanöver sindet sich bemerkenswerter- iveise in bet englischen Presse. Bemängelt wird dort vor allem der Aufklärungsdienst unserer Kavallerie; er soll dem der englischen Kavallerie ganz bedeutend nachstehen. Der­artige Urteile sind nicht mehr ganz neu, und man hört sie säst regelmäßig nach unseren großen Manövern. Cb sie be­rechtigt sind oder ob nur Neid und Mißgunst aus ihnen spricht, das ist eine Frage, deren gewissenhafte Beantwor- mng unseren Militärsachverständigen überlassen bleiben muß. Grund zu Mißtrauen gegen unsere Heeresleitung ist keineswegs angebracht, denn bisher hat sie'es noch immer bewiesen, daß sie unablässig bemüht ist, unser Heer in seiner bisherigen Brauchbarkeit zu erhalten.

Großes Aufsehen erregte dieser Tage die Mel­dung eines französischen Blattes, daß unser Kaiser nach Beendigung der Manöver französischen 3oden betreten werde. Tie französischen Grenzbe- hörden hätten für diesen Fall umfassende Vorkehrungen zum -chutze des Monarchen getroffen. Das Betreten ftanzösi- id)en Bodens scheint in der Tat beabsichtigt gewesen zu iein, ist aber doch unterblieben.

Die Landtagswahlbewegung in Hessen ver- läujt noch immer recht ruhig. Wie nun bestimmt verlautet, beabsichtigen die Freisinnigen in Gießen auch diesmal Wieder den Geheimen Justizrat Dr. Gutfleisch als Land- Lagslandidaten auszustellen, und es sollen auch bereits Ver­handlungen zwischen den Freisinnigen und den National- libcraleii wegen gemeinsamer Wahlmänner für Gutfleisch im Gange sein. Inzwischen hat auch die Zentrumspartei Hessens schon einen Wahlaufruf erlassen und darin die Wähler an das Programm der Partei erinnert: Eintreten flür das direkte Landtagswahlrecht unter Erzielung einer Verständigung, bei der das Budgetrecht der Zweiten Kammer gewahrt lvird und den vom Volke gewählten Abgeordneten

AU5 dem Leben des Generals von Werder.

(Zum 100. Geburtstag am 12. September.)

Unter den Heldengestalten, die mit der Erinnerung an die Duhmevzcit unserer großen Siege eng verknüpft sind, gebührt Sem General August von Werder, den Bezwinger Straßburgs, freut Sieger an der Lisaine» ein ehrenvoller Platz. Eilt treuer Baladin seines Herrn und Kaisers, so stand der mehr als Siebzig- jihrige, der aus ein halbes Jahrhundert pflichttreuen Dienstes färs Vaterland zurückblicken konnte, als eine charakteristische Per- Pntichkeit unter den Großen, die den Thron des Heldenkaisers trttgabcit. Nichts imponierendes lag in seiner kleinen Gestalt, Ij'iiicm bescheiden derben Wesen, aber eine außerordentliche Energie, atinc nie ermüdende Beweglichkeit des Geistes, die unbeugsame Kraft des Willens ließen ein Gefühl unbedingten Zutrauens und männlichen LebcitSentstes von ihm ausgehen. Durch trübe Zeiten, llurch tragisckw Erschütterungen seines sensiblen Gemüts, durch Hinge Jahre der Selbsterziehung iit unmutig ertragener Friedens- Zeit hat er sich zu den Höhen vcS Seins emporgerungen. Ein eifriger Wissensdrang ließ ihn sich früh in Grübeleien und ernstes Studium vertiefen: wenn die Kameradeir auf der Wache spielten, las er in Tantes .Hölle. Selbstnwrdgedanken traten an ihn Ikran, die er erst spät durch einen innigen Gottesglauben zu verscheuchen wußte. Die Kricgsbilder, die ihm bei den lässig ge- ttibrlcn Kämpfen der Russen im Kaukasus cntgegentraten, be- vntcten ihnt eine schwere Enttäuschung,, ein aus dem Hinterhalt Messender Schuß verwundete ihn und fesselte ihn lange ans Lager. Sly er endlich in der Ehe ein langersehntes Glück gefunden, flhuanb es ihm nach kurzen Jahren durch den Tod der Gattin jäh äahin. Eine herbe Befriedigung blieb dem vereinsamten Manne ii seinem Wirken für die Ausbildung des Heeres; als Inspekteur öer Jäger und Schützen legte er auf eine gymnastische Körperpäh- OLiug der Soldaten das größte Gewicht und wirkte dann als S>oijtanb der Zentral-Turnschulc segensreich durch eine Refor­mierung des allpreußischen Trills. Auch später bat er auf bie Sichtige Schulausbildung der Soldaten vor allem gehasttn. Bet Ibitschin und Königgrätz gewann er die ersten kriegerischen Lor­beeren: mit tollem Wagemut setzte er sich allen Gefahren aus. Daß ich beit Granaten nicht erlegen bin," schreibt er an den Bruder,ist fast cm Wunder zu nennen. Bei .Uvniggrätz standen wir, die 3. Division, im tollsten Granatfeuer. . . Der funft ssündige Aufenthalt des rein pajsiven Verharrens machte mehr tuen moralischen Eindruck, der aber glänzend überwunden t)L Ui eine Leute machten Witze, oder sie schliefen, während die Granat- (Flitter um sie hcrumwirbeltcn . . Vor Straßburg hat Werder Ginn so verwegene Rezongnoszierungsriite gemacht, daß man glaubte, er iudjc den Tod. Er ijielt auf strenge Manneszucht: tm itrieg von 1866 entschloß er ftch nur schwer, ein regelmätztges Sequirtercn zu gestatten: er ertrug lieber eine schlimme Magen- t:rftimmung; em halbes Brot, das sein Adjutant für ihn kaufte, bereitete ihm sichlliä-e Freude. Auch tm Kriege 1870,71 war er Eon dec äußersten Bescheidenheit; hatte nidit sein treuer Diener □tUjelnt für ihn gesorgt, so würde er seine leibliche Pflege ganz Qrnachläsfigt haben. Desto nobler war er, wenn er cs fein

die entscheidende Stimme bei allen Budgetfragen bedin- guugs- und vorbehaltlos behalten bleibt: die Einführung der Proportionalwahl und der Wahlpflicht, zugleich mit der Einführung des direkten Landtagswahlrechts; direktes Wahl­recht für alle Vertretungen in Gemeinde, Kreis und Provinz; Reform der Verwaltungsgesetze; Reform der Gemeindebe- fteueTung; Ausdehnung des Selbstverwaltungsrechtes: Frei­heit der Gemeinden aus dem Gebiete der lokalen Besteuerung; vollständige Umgestaltung der G.'werbebesteuerung; Erhal­tung des durch das bestehende Volksschulgesetz garantierten christlichen Charakters der Volksschule: weitere Förderung und Hebung der Volksschulen; Bekämpfung aller Anträge auf völlige Verstaatlichung der Volksschule; Schutz des Mittelstanoes, der Kaufleute, der kleinen Gewerbetreibenden, der Landwirte und Handwerker; Besserung der wirtschaft lichen Lage des Bauern- unb Winzerstandes, sowie eine besondere Fürsorge für die Arbeiterfrage.

Mittlerweile haben die Erörterungen über die bevor­stehende Reichsfinauzreform neue Nahrung erhalten durch verschiedene Mitteilungen der offiziösendlordd. Allg. Ztg." Die Einzelheiten dec Reform verrät Herr Sydow zwar noch nicht, aber den Grundgedanken seiner Finanz- plane läßt er wenigstens teilweise erraten. Der Schatz- sekretär will keine halbe Arbeit machen, wie sein Vorgänger Stengel; er hofft durch eine wirklich großzügige Reform die Reichsfinanzen dauernd zu bessern. Shdow geht von dem Gedanken aus, den Besitz neben dem Verbrauch zur Steuerleistung heranzuziehen. Ter Konsument soll belastet, das Gewerbe geschont werden. Tie Reform erstreckt sich nicht nur auf Beseitigung des Defizits, sondern auch auf die Schuldentilgung: sie will zur altpreußischen Sparsamkeit zurücklenken und größere Einschränkungeit bei Bauten und Neuanlagen walten lassen. Auch der kostspielige Beamten­apparat fall vereinfacht und damit verbilligt werden. Eine Reichseinkommensteuer kommt nicht, die unglückselige Fahr­kartensteuer, die nur Enttäuschungen gebracht hat, wird wahrscheinlich aufgehoben werden, ebenso da.> im Jahre 1906 erhöhte Lrtsporto, aber Bier, Branntwein, Tabak, Gas und Elektrizität werden voraussichtlich kräftig besteuert werden. Ausdrücklich gesagt wird das in den offiziösen Mitteiluitgen allerdings nicht, aber zwischen den Zeilen läßt sich allerhand herauslesen.

IN der Presse haben die Finanzreformpläne der Regierung, soweit man sie bis jetzt kennt, im großen und ganzen Zu­stimmung erfahren Vielleicht wird Exzellenz Sydow nun auch bald den 9Jhn finden, nähere Angaben über seine Re­form zu machen.

Große Beachtung, weit über die Fachkreise hinaus, findet der in Karlsruhe tagendeJuristentag. Man ver­bandelt dort über wichtige und aktuelle Fragen; Stofs hierzu hat vor allem der jetzt bekannt geroorbene Entwurf zur Strafprozeßreform gegeben. Welchen hohen Wert man den gutachtlichen Entschließungen und. Beratungen der juristi­schen Fachwelt beileat, haben die einzelnen Bundesstaaten schon rein äußerlich dadurch dolumentiert, daß sie ihre Ver­treter an den Verhandlungen des Juristentages in Karls­ruhe teilnehmen lassen. Auch .Hessen hat einen Vertreter der Regierung entsandt. Großes Aufsehen erregt es unter diesen Umstünden, daß der preußische Justizminister Beseler dem Karlsruher Tage ferngeblieben ist, obgleich er seinen

konnte, gegen seine Leute. Tas Weihnachtsfest von 1870 ge­staltete er durch eine erhebende Andacht und durch ein gutes Essen für die Seinen zu einem Fest Hilfreich stand er allen bei, erkannte fremdes Verdienst rückhaltlos an und seine größte Sorge war, für seine wackeren Truppen die verdienten Aus­zeichnungen dnrchzusetzen. Er selbst jedoch war von größter Be­scheidenheit.Bei Gitschin haben wir alle ein rasendes Glück gehabt, es konnte uns recht schlecht gehen. Wir haben alle, ich nicht ausgenommen, viele Fehler gemacht, der liebe Gott wollte platterdings, daß wir siegen sollten." Als er mit viel geringerer Truppen macht die Armee Bourbakis an der Lisaine geschlagen und deswegen allgemeine Ehrungen erhielt, schrieb er: Diese Ovationen sind mir peinlich, soweit sie meine Person betreffen. Glück ist auch eine Eigenschaft, d. h. wenn Gott nicht mit uns Ivar, so mußten wir das Spiel verlieren. Es blieb nur übrig, im Widerstande auSzuharren, also, wenn der Sieg uns fehlte zu sterben!" Um die von allen Seilen ihm bar» gebrachten Ehr eng eschen le ablehnen zu dürfen, erbat er die Er­laubnis des Königs. Diese Nichtachtung des eigenen Verdienstes entsproß einer innigen Frömmigkeit. In einem Bekenntnis um die Jahreswende am 1. Januar 1871 gab er in ergreifenden Worten seinem Ähmerz über die Leiden des Krieges, seine Anhänglich­keit an Vaterland und Herrscher, seiner herzlichen Hoffnung zu Gott Ausdruck. Ms Feldherr trieb ihn zunächst ein unbezähmbarer Tätigkeitsdrang dazu, sich mitten ins Gefecht zu stürzen und die Oberleitung ganz zu vergessen. 2ll>er bald ist er ein ruhig be­herrschter Meister der Sck)lachtenkunst geworden, der von er» Alstern Standpunkt aus die Operationen seiner Truppen in dem Winterseldzug von 1870 beobachtete,zu Pferde, stehend, sitzend, den Sckmce von den Stiefeln flobfenb hint.r sich den Telegraph.n mit dem leiblichen Auge wenig sehend, alle geistigen Kräfte auf die eingebenben Meldungen konzentriert, geizig in der Aus­gabe der Referven". Groß war seine Popularität nach seinen siegreichen Taten; er selbst aber empianb es als höchst unangenehm, daß man sich soviel mit ihm beschäftigte. Wohltuender war ilym die Beliebtheit, die er als Kommandeur des 14. Armeekorps in Karlsruhe überall genoß. Schritt er in seinem alten Paletot, an dem der Henkel hinten herausguckte, und meist em Knopf abge­rissen, war, durch die Straßen der Stadt, dann flogen alle Hüte herunter und man ehrte ihn wie nur den badischen Großherzog. Der Bauer sagte wohl beim ErsatzgeschäftKommt mein Sohn nicht zu dem und bent Regiment, bann geh ich zu Werder, der wirds schon machen." Der Großherzog war ihm besonders zu­getan und lud ihn viel zu Hofe. Hier benahm sich Werder so ungeniert wie anderswo, seine geistvolle, derb charakterisierende Unterhaltung gefiel besonders der Großherzogin gut und dann konnte man Werder, der sehr laut sprach, allerlei nickt gerade hoffähige Wendungen gebrauchen und wohl unter herzlichem Lachen ausrufen hören:Nee, Königliche Hoheit, i wo!"

Eine Stiftung »unt ,150. Geburtstag Schillers, der im nächsten Jahre gefeiert werden soll, wird in Weimar vorbereitet. Wie tm Jahre 1859 eine Nationallotterie veranstaltet wurde, um das Andenken des großen Dichters zu

Urlaub in der Nähe der badischen Hauptstadt, in Baden- Baden, verbringt.

Große Trauer herrscht in den Niederlanden über die abermals vernichtete Hoffnung, daß die K ö n i g i n W i l h c l- m in a dem Lande einen Thronerben sckhmken tuerbe. Die Meldung von der vorzeitigen Entbindung der Königin wird jetzt zwar vom Sekretär der Königin dementiert, aber ooii anderer Stelle, so von der Agence Reuter und der Zeitung Vaterland" wird die Nachricht als richtig atiftecht erhalten.

In der österreichisch-ungarischen Monarchie beschäftigt man sich augenblicklich mit einer recht bedeutungsvollen Frage, mit der Verfassung für Bosnien und Herzegowina. Tie Vorgänge in der Türkei sind auch hier nicht ohne Einfluß geblieben. Tas bosnische Okkupa­tionsgebiet der Donaumonarchie beansprucht für sich jetzt dieselben staatlichen Rechte, wie sie die Türken unlanast be­kommen haben. Mit der Lösung oer bosnischen Frage bringt man, wohl nicht mit Unrecht, den gegenwärtigen Aufent­halt des Kaisers Fa:anz Joses in Budapest in Zusammen­hang. Tie österreichischen und ungarischen Staatsmänner beraten dort gemeinsam die bosnische Frage, und es ver­lautet, daß ivenig dieigung vorhanben sein soll, die Wütische der Bosnter zu erfüllen. Unter dem Eindrücke solcher Ge­rüchte ist es wohl in den letzten Tagen in Bosnien zu Un­ruhen gekommen. Daß man mit ernsten Konflikten rechnet, darauf deuten die verschiedenen militärischen Vorkehrungen hin, die jetzt in den österreichischen Gren,-.ländern getroffen werden. Voit anderer Seite wird neuerdings auch schon behauptet, daß die österreich-ungarischen RegiernngSlreise nicht abgeneigt seien, den Bosniern einen Landtag zu geben.

Ein großes nationales Unglück hat das Dänen­reich betroffen. Man sieht dort die Milltvncnunterschla- gungen des bisher so einflußreichen und hochangesehenen früheren Justizministers Alberti für ein mindestens ebenso schweres Unglück an, wie den letzten .strieg mit "Preußen. Noch wenige Tage vor dem Eingeständnis feiner Schuld saß Mberti neben seinem Könige an einer Festtafel. Als Alberti, der jahrelang die innere Politik Dänemarks leitete, dann unter dem Zwange seiner Lage sich selbst den Gerichten stellte, bemächtigte sich des ganzen Volkes eine furchtbare Nieder- geschlagenheit, von der man sich bis heute noch nicht er» holt hat. E. A.

Der Kaiser im Neichrlande.

Der Kaiser traf gestern, in Begleitung res Unterjtaats- sekcetärs Frhrri. Zorn v. Bulach nach genußreicher Fahrt am Gebirge entlang, die Orte Rappoltsweiler, Jngersheim unb Türk­heim berührend, auf dem Schlößchen des Fabrikanten Hartmann auf der Schlucht ein. Er genoß dort die Aussicht und kehrte dann nach Vsftünbigcm Aufenthalte nach dem HotelMtenberg" zurück, wo er den Tee einnahm. Eine Einladung der fran­zösischen Behörden, den französischen Berg Hoheneck zu besuchen, konnte wegen der vorgeschrittenen Zeit nicht angenommen werden. In der Begleitung des Kaisers berauben sich die Prinzen August Wilhelm unb Oskar unb ferner der Fürst zu Fürstenberg Die Bevölkerung bereitete an der Grenze dem Besuche einen freudigen Empfang. Der Himmel war bedeckt, zeitweise regnete es. In Ravpoltsweiler wurde der ftaifer vom Pfeiserkönig be­grüßt. In Münster unb in Reichenweier wurden Ehrentrunke ge­reicht: in letzterer Stabt au5 einem Trinkhorn, einem alten Ehrenpreis. Die Stabt Colmar war reich gefdjmürft: Vereine und Innungen bilbeten Spalier. Um G Uhr 15 Minuten liefen

el/ten, so wird im nächsten Jahre eine Schillerstiftung errichtet werden. Diese wirb wohl ebenso wie die Schillerlotterie von 1859 in Zusammenhang mit bem VereinDeutsche Schillerstiftung" stehen, der, 1859 zu Dresoen gegründet, den Zweck Hot, zur Unter­stützung hilfsbedürftiger Schriftsteller und Schriftstellerinnen (nebst Hinterbliebenen) beizutragen, die, wie es im Statut heißt,für die Nationalliteratur, mit Ausschluß der strengen Fachwissen­schaften, verdienstlich gewirkt, vorzugs.veise solcher, die sich dich­terischer Formen bedient haben". Das Vermögen dieses Vereins erhielt 1859 durch die Schillerlotterie einen namhaften Zuwachs (über 900 000 ML): 1905 betrug es 1 937 327 Mk. An Unter­stützungen wurden damals insgesamt 68 569 Mk. gewährt.

Vererbung von Geistesanlagen. Die hollän» bischen Aerzte Dr. Heymans und Dr. Wiersma, haben die Er­gebnisse einer langen Reihe interessanter Untersuchungen veröffent­licht, bereu Ziel e5 war, eine Tabelle über die Vererbungsfahig- keit von Charaktereigenschaften unb Geistesanlagen zu gewinnen. Dabei zeigte cs sich, baß bie Fähigkeit logisck-eu Tentens unb die Gabe, bie Gebanken zu formulieren, unb auszusprechen, in weitaus den meisten Fällen vom Vater ererbt waren. 44 von 100 Söhnen mathematisch-veranlagter Männer ober von Gelehrten er­erbten von väterUck>er Seite ben Drang unb die Fähigkeit zu wissenschaftlicher Arbeit: anders deren Töchter: nur 14 vom Hunderc zeigten hierin Verwandtschaft mit dem Vater. Besonders interessant ist das Verhältnis bei den Kindern von den Mütter n, die rege Neigung unb Fähigkeit zu wissenschaftUcher Beschäftigung zeigten: in allen Fällen tritt diese Anlage bei ben Söhnen nneber zutage, in keinem Falle bei ben Töchtern. Fast alle Züge, die von Gutmütigkeit unb Gefühlsreichtum zeugten, waren aus btc Väter zurückzusühren: nur in wenigen Ausnahmen auf bie Niutter. Neigung zum Verbrechen unb Schwächen gehen meist auf ben Darer zurück: Melancholie, Epilepsie, Schwachjinn uno Geistes­störung stauben in 90 von 100 Fällen mit dem Einfluß b;r väterlichen Natur im Zusammenhang. Dagegen bominiett bei Sportinteressen unv der Leidenschaft für die Jagd seltsamerweise bie Mutter, ebenso in der Körperpflege unb dem Sinn für rein­liche jtleibung. Pünktlichkeit unb Ehrgefühl gingen stets auf ben SBater zurück, ebenso schriftstellerische Fähigkeiten, ivuhrenb künst- lerische ^Latente meist von mütterlicher Seite ererbt sinb.

Die Moberätin. Alle Frauen unb Mädchen, bie sich nicht ,^nzu;iehen" verstehen, werben mit Freude von folgendem Inserat Stotiz nehmen, das in einer Berliner Zettung erschien: Junge Berliner Dame

der guten Gesellschaft, Die vielfach bervährt, vornehm soliden Geschmack besitzt, es versteht, sich unb andere einfach und praktisch, babei aber doch elegant unb hochmodern zu fleiixn, ift bereit, gegen mäßige Gebülw anderen Damen bet der Aus- R?aH(^rer Garderobe behilftich sein, übernimmt auch emzchlagige Besorgungen aller Art für Auswärtige. Offerten usw. . . .

Nun wird hoffentlich eine goldene Zeit ästhetischer Kultur ber uns anbrech-n. Wir werden keiner gefchmacklofen 'Ju)be mehr toi ber Ltrgße und im Salon begegnen, und bie Üierbung unserer