Erstes Blatt
158, Jahrgang
Samstag 9. Mai 1908
Die heutige Nummer umfaßt 16 Seiten.
politische Wochenschau
gelegentlich
Maß dessen, was andere Bundesstaaten, wie Baden und Württemberg, bereits erreicht haben, weit hinausgeht.
Der Zufall hat es gefügt, daß zu derselben Zeit, da eine Anzahl französischer Studenten eine Studienreise durch Deutschland machte nnd allenthalben gefeiert wurde, das neue deutsche Weißbuch über Marokko erschienen ist und Frankreich gegenüber sehr sreundlich gehalten ist. In der deutschen Presse ist nun vereinzelt darauf hingewiesen worden, daß neuerdings von deutscher Seite zu viel der Freundlichkeiten Frankreich gegenüber an den Tag gelegt wurden. Die Franzosen faßten solche Freundlichkeiten falsch auf, würden mißtrauisch und meinten, das; wir die Frellndschaft Frankreichs doch sehr nötig hätten, weil wir in solcher Weise um seine Gunst buhlten. An solchen Warnungen vor allzu grober Freundlichkeit ist offenbar viel Wahres. Würdiger wäre es auf alle Fälle, wenn wir uns mehr Zurückhaltung auserlegten. Wie wenig wir mit aller Freundlichkeit ausrichten, hat das Verhalten einiger französischer Blätter gezeigt, als bas oben erwähnte Weißbuch erschien; man macht dieselbe-Erfahrung auch noch bei anderer Gelegenheit. — Du gehst zu den Franzosen, vergiß die Peitsche nicht I So modifiziert ein guter Kenner Frankreichs den bekannten Ausspruch Nietzsches.
Noch kurz vor seiner Vertagung hat auch der Deutsche Reichstag dem Kaiser Franz Josef zu seinem 60jährigen Regier- uiigsjubiläum die herzlichsten Sympathien des deutschen Volkes ausgesprochen. Besonders ereignisreich sind die letzten Reichstagsdebatten im übrigen nicht gewesen. Am bedeutsamsten waren nur die Bewilligung der Koloniatbahnen und die Wiedereinführung des Dreimarkstückes. Wie haben sich doch heute die Zeiten geändert. Früher mußte jede koloniale Forderung dem Reichstage in heißen Kämpfen förmlich abgerungen werden, jetzr werden Millionen für neue Kolomalbahnen debattelos genehmigt. Das koloniale Verständnis im Deutschen Reiche nimmt zu, der weit a^sschauendc Mick für große politische und nationale Ziele schärft sich. Hoffent- uch zeigt sich das auch bet der Reichsfinanzreform, die den Reichstag im Herbst beschäftigen soll.
Bec uns in Hesse n findet der offizielle Schluß des Landtages erst im Juni statt. Bis dahin wird noch manches zu erledigen jein, «ls eines der erfreulichsten Ergebnisse der zu Ende gehenden >33. Legislaturperiode ist mit Recht das Zustandekommen der sozictt- poliliichen Vorlage zu begrüßen, die der Finanzausschuß der Zweiten Kammer dieser Tage endgillig angenommen hat und die nun auch «en hessischen Landgemeinde-Beamten die langersehnte Alters- und vinterbliebenen-Fürsorge gewährt. Mit diesem Gesetz ist auf dem ©ebiele der sozialen Fürsorge in Hessen ein neuer bedeutsamer Vchritt weiter getan worden, und es verdient hervorgehoben zu verdeu, daß Hessen mit dem vorliegenden neuen Gesetz über das
trauliche inossizielle Verhandlungen mit Mulay Hafid gepflogen. Warum also der Lärm? Frankreich darf sich das erlauben, aber Deutschland--ja Bauer, das ist etwas anderes! Unsere zu
ständigen Stellen werden sich durch derartiges Gegeifer nicht beirren lassen, ihre Haltung danach einzurichten, wie es den deutschen Interessen entspricht. Wenn man sich nun deutscherseits inoffiziell durch die Abgesandten Mulay Hafids informieren will, so kann unS Niemand dies verwehren, zumal es ganz selbstverständlich wäre, daß deutscherseits sofort nach Paris über die Besprechungen berichtet würde, wie ja auch seinerzeit sofort über die Jnterventions- gesuche und deren Beantwortung die französische Regierung informiert worden ist. Wir werden nach wie vor eine korrekte und den Verträgen entsprechende Haltung m der Marokkoaffäre einnehmen, ohne uns von französischen Hetzblättern Vorschriften darüber machen zu lassen, was wir zu tun haben.
, Gießen, den 9. Mai.
AlS einen geschichtlich denkwürdigen Tag wird man den 7. Mai 1908 verzeichnen müssen. Seine eigenartige, hohe Bedeutung hat dieser Tag durch die glänzende Fürstenzusammen- kunit im Schloße zu Schönbrunn erhalten. Die Huldigung der deutschen Fürsten hat ettvas wahrhaft Ergreifendes, und aus einem richtigen Empfinden heraus veraleickt ein framnfiirbeii Mfntt n»
Littst (Eulenburg verhaltet!
Im Anschluß an die Gegenüberstellung mit dem Fürsten Eulenberg in Liebenberg wurden die beiden beugen aus dem Münchener Hardenprozeß, Ernst und Riedel, gestern vormittag 9 Uhr vvn dem Untersuchungsrichter noch einmal vernommen. Der Fischermeister Ernst, der mit seinem Sohn in einem Hotel in der Tirrmstraße wohnt, erklärte auf Befragen, seine Geschichte mit Eulenburg sei in Starnberg schon seit Jahren bekannt. Die Spatzen hätten sie sich dort von den Dächern zugepfiffen. Trotzdem sei er persönlich nie aus seiner Zurückhaltung herausgetreten. Als der Fürst in Berlin seine bekannte Aussage beschworen hatte, habe er sich an die Brust geschlagen und gefragt: Wie ist es möglich, daß der Fürst einen solchen Eid geleistet haben kann. Er, Ernst, habe unter seinem Eide vor Golt und seinem Gewissen die Wahrheit sagen müssen. Deshalb verstehe er nicht, daß nach seiner Eidesleistung in München einer von den Leuten des Fürsten aufgeregt hin und her gegangen sei und ihm wütende Blicke zugeworsen habe. Noch mehr aber kränke es ihn, daß der Fürst ihn gestern mit der Behauptung, es sei ja nichts passiert, er habe ja nichts mit ihm vorgehabt, gcTragt habe: Jakob, Jakob hast. Du denn , Geld bekommen, bist Tu denn bestochen worden zu solcher Aussage? Tas könne doch kein Mensch glauben, daß er, der nie daran gedacht habe den Fürsten bloßzustellen, sich habe bestechen lassen, um wider besseres Wissen Dinge zu bekunden, deren er sich in der Seele schämen müsse. In Starnberg sei man über die bekannten Geschichten schon hinweg gewesen. Die Sache habe ihn zeitlebens gedrückt, aber jetzt freue er sich, daß er sie herunterhabe. — Der Zeuge Riedel ist nicht minder aufgebracht als Ernst, weil ihn der Fürst nicht kennen will und von all den bestimmten Sachen, auf die er ihn aufmerffam machte, nichts wissen wollte. Ein dritter Zeuge, ein Mann aus Berlin, den man nach dem Inhalt gewisser Briese mit dem Fürsten in Zusammenhang gebracht hatte, kommt gar nicht in Betracht. Bei der Gegenüberstellung ergab sich, daß er b.’.t Fürsten ebensowenig kennt, wie dieser ihn.
Auf Grund der Gegenüberstellung i>:r Zeugen Ernst und Riedel mit dem Fürsten Eulenburg und nach dem Ergebnis der wiederholten Vernehmung dieser Zeugen wurde Donnerstag abend über den An geschuldigte n endgültig die gerichtlich e Un t e r s u ch u n g s h a f t v e r h ä n g t. Der Haushofmeister des Fürsten, Gerisch, hat sich nach Berlin begeben, um sich, wie angenommen wird, mit dem Rechtsbeistand des Fürsten ivegen einer Bürgschaftsleistung zu besprechen. Aufgesallen ist es, daß der Gegenüberstellung und Zeugenvernehmung im Schloß weder Justizrat Wronler noch Justizrat Lämmcl beiwohnte.
Heber die Verhaftung des Fürsten Eulenburg werden noch folgende Einzelheiten bekannt: Kriminalkommissar Nasse traf mit einem Automobil um 1,25 Uhr in Liebenberg ein Ter Fürst wartete noch den 3 Uhrzug ab, weil er glaubte, baß mit
In der vorigen Tagung des Reichstages war von allen Seiten gelegentlich der Erörterung einer Zentrumsresolution der Wunsch ausgesprochen worden, daß die Vertretung des deutschen Volkes mehr wie bisher über die Mionen auf dem Gebiete der auswärtigen Politik unterrichtet werde, wie es in anderen Ländern der Fall sei. Im Zusammenhang hiermit hat das auswärtige Amt im Vorjahr ein Weißbuch über Marrokko herausgegeden, das recht interessante, wenn natürlich auch nicht vollständig neue Ausschlüsse über den Gang der Dinge brachte, obwohl es klar ist, daß sehr gewichtigte Dokumente aus begreiflichen Gründen mit Rücksicht auf Frankreich weggelassen waren. Diesem marokkanischen Weißbuch hat die Reichsregierung nunmehr ein zweites folgen lassen, da die augenblickliche Situation in Marokko eine ziemlich prekäre ist und es angezeigt erscheinen ließ abermals, soweit irgend angängig, über den Stand der Dinge unter der Mitteilung einiger in Frage kommenden Akten offiziell Bericht zu erstatten. Es ist selbstverständlich, daß man sich vorher des Einverständnisses der iranzös. Regierung versicherte und ihr die Dokumente angegeben hat, die iür die Publikation in Frage kommen sollen. Man hat darum jenseits der Vogesen absolut keine Veranlassung, sich über die Veröffentlichung irgendwie auszuregen, denn es kann ja auch nur im Interesse Frankreichs liegen, wenn der Standpunkt Deutschlands bekannt wird, wenn trotzdem einige Blätter an der Seme sich indigniert zeigen, so deutet das eben auf ein schlecht Gewissen. Aus dem Weißbuche selbst geht erneut die streng loyale Haltung Deutschlands in der Marokkofrage hervor, und bezeichnend hierfür ist liamentlich der Passus über die Antwort, die unser Aiiswärtiges Amt auf die Jnterventionsbitten Der beiden gegnerischen Sultane gegeben hat. Danach ist deutscherseits energisch erklärt worden, wenn Hie ^Marokkaner glaubten, daß Frankreich bei seines Aktion die Algeeirasakte verletzt habe, so solle man sich nicht an Deutschland allein, sondern an die Gesamtheit der Mächte wenden, welche den Vertrag unterzeichnet haben. Große Beklemniungen hal man augenblicklich an Der Seine, wenigstens bei gewissen Leuten, infolge der Möglichkeit, daß eine abermals nach Paris und London gesandte 'Mission des Gegensultans Mulay Haf'id in irgend einer Form an der Spree empfangen^ werden könnte; insbesondere ist es der „Temps", Der sich merkwürdigerweise ganz besonders darüber erregt zeigt und sich sogar zu der Behauptung verstiegen hat, selbst em nicht offizieller Empiang im Auswärtigen Amte müsse als ein unfreundlicher Akt gegenüber Frankreich angesehen werden. 9lun hat sowohl Deutschland wie Frankreich erklärt, sich nicht in die internen dynastischen Interessen Marokkos einmischen zu wollen, und selbst Frankreich hat ja mehrfach ver
deutschen pursten hat etwas wahrhaft Ergreifendes, und aus einem richtigen Empfinden heraus vergleicht ein französisches Blatt sie mit einem Gottesdienst. „Eine erhebende Fügung der göttlichen Gnade und Vorsehung" hat Kaiser Wilhelm in seiner Ansprache an Den greifen Jubilar auf dem habsburgischen Throne diese Huldigung genannt, und auS .bewegtem Herzen" erfleht er den reichsten Segen Gottes auf das Haupt des edlen Herrschers, des treuen Bundes- genossen, des mächtigen Hortes des Friedens herab. In seiner Antwort nannte Kaiser Franz Josef diesen Beweis der ihm „so überaus teuren Freundschaft" die kostbarste Erinnerung seines Lebens. Er sieht in diesem beglückenden Akte herzlicher Zuneigung eine feierliche Kundgebung des monarchischen Prinzipes, dem Deutschland seine Macht und Größe verdanke, und die ausdrucksvollste Bestä- hgung des engen und unerschütterlichen Bundesoerhältnisses. „Dieser Tag," so rief Kaiser Franz Joses aus, .beglückt mich in der hohen Erwartung, daß dieses nur friedliche Ziele verfolgende Bündnis dem gleichen Bestreben der anderen Mächte wirksam zur Seite stehen, seine Aufgaben bis in die fernste Zukunst voll erfüllen werde." Zum Schluß erflehte auch er von der göttlichen Vorsehung den Schutz für das deutsche Kaiserpaar und alle deutschen Bundes- furften. Wenn nun selbst ein französisches Blatt in diesen beiden Ansprachen neue Garantien deS Friedens und der Festigung des Dreibundes sieht, berührt es etwas eigentümlich, daß gerade jetzt ein italienisches Blatt, der „Secolo", den Besuch des deutschen Kaisers in Pola als eine Unhöflichkeit gegen Italien bezeichnet. Tie Rücksicht gegen die Italiener hätte den Kaiser bestimmen sotten, jene Stätte, an der sich das Monument Tegethoffs, des Siegers von Lissa, befindet, nicht zu betreten. Der König von Jtakien "teilt die übergroße Empfindlichkeit des .Secolo" offenbar nicht, denn das Telegramm, das er aus Anlaß der Schönbrunner Huldigung an Kaiser Franz Josef geschickt hat, ist ein schönes Zeugnis echter Dreibundtreue.
Nr. 109
Der Siebener Anzeiger __ —
erscheint täglich, außer ö Ab Jgb. ä Bezugspreis-
gsä 1 liTPIZIZhhDV rI ITXAlAr
lDienStagund Freitag); M M W M HW KT H H BI El V diePost Alk. 2.-viertel.
zweimal monatl. Land- M M WS W TOk, W BH wl. BI Tja W W Ja W jährl. ausschl. Bestellg.
General-Anzerger für Oberheffen ZWß
& vormittag? io Uhr. vnd Verlag der Vrühl'schen Aniv.-Vuch- vnd Zteindruckerei. R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei' Zchlllsiraste 7. Iaol": Heß; für^ren
। „ ! ‘ f 0 Anzeigenteil: H. Beck.
Sum GedlichLms Albrecht Dietrichs.
Das neue Semester hat in seiner ersten Woche der klassischen “bilologie zwei schwere Verluste gebracht. Am 3. Mai starb Mötzlich am Herzschlag ein in der ganzen Welt anerkannter Meister ter phylosophischen Methode, Franz Büchel er in Bonn, und Wien Tag nach feinem Begräbnis wurde fein Schüler Albrecht Dieterich, wohl der begabteste Vertreter einer jüngeren Philologengeneration, durch einen jähen Tod aus voller, reich ge- rgneter Arbeit abgerufen. So sehr die Philologie Franz Büche- Irrs Tod beklagt, Dieterichs Verlust betrauert sie doch noch ihmerzlicher, denn der Altmeister der Bonner Philologenschule Hatte in den mehr als sieben Jahrzehnten seines reichen Lebens Ifin Tagewerk erfüllt, der sanfte Tod erscheint wie der krönende Abschluß eines selten schönen Menschenschicksals, mit Albert Dietrich dagegen geht eine Welt von wissenschaftlichen Plänen und Entwürfen zu Grabe, denn das Beste, was er zu geben bestimmt schien, erwarteten wir noch von ihm in tommenben Jahren. Dieterich ist durch feine erfolgreiche Lehrtätigkeit so eng mit Siegen verbunden, daß einige Gedenkworte auch nach den neulich gebrachten Notizen über fein Leben den Leser dieser Zeitung ttftlkommen fein werden.
Albert Dieterich stammte aus einer alten kurhessischen Philo- ugcnfamilie, mit Stolz hebt er es in der Vita seiner Dissertation 'frrbpr, daß an dem Gymnasium seiner Vaterstadt Hersfeld sein Großvater 38 Jahre lang Rektor, der Vater 35 Jahre lang ^chrer waren. Kaum 18 jährig, bezog er die Universität Leipzig Md studierte hier nebeneinander klassische Philologie, Germanistik Md Theologie; diese breite Anlage seiner Studien ist für feine Wätere Forschertätigkeit von Bedeutung gewesen.^ Aber die Leip- Nzer Verhältnisse befriedigten ihn nicht ganz; so ging er 1886 fcid) Bonn und konzentrierte sich hier auf die Altertumsstudien.
der meisterhaften Schule Useners und Büchelers, an der er Zeit isnes Lebens mit wärmster Dankbarkeit hing, entwickelte sich seine Begabung mit voller Kraft. Ich erinnere mich noch lebhaft, tae der hoch aufgeschossene, damals sehr schlanke Jüngling mit E dem üppigen Haar und den großen, klaren Augen uns im Seminar durch die Entschiedenheit imponierte, mit der er feine Meinung auch gegen Bücheler verfocht. Die tieflten Anregungen wt er in Bonn von Hermann Ufener, feinem späteren Schwiegervater, erfahren, dem seine ganze Natur in seltenem Maße kon- ßenial war. Keiner unter Useners zahlreichen Schülern — und tttoa die Hälfte aller philologischen Professoren in Deutschland Iftid Schüler von Ufener und Bücheler — hat so im Geiste des Leisters weitergearbeitet, schien so sehr berufen, alle Keime seiner «Forschung zum Wachsen und Reisen zu bringen. Was ihn mit Ufener verband, war einmal der große historische Zug, der jedes Noblem in Zusammenhang mit der ganzen Kultur en twickluug bringen wußte, unb bann die tiefe Neigung für die Geschichte bet Religion. Weitaus der größte Teil von Dieterichs Veröffeiit- ; Hungen behandelt religionsgeschichtliche Stoffe. So gleich seine 2®iffertation über Zauberpapyri des Leidener Museums (1888*, bann feine Habilitationsschrift über die orphischen öpninen. (1891) ■ lliH die un selben Jahr erschienene Schrift Abraxas. Nach einem,
Jahr als Probekandidat am Elberfelder Gymnasium (1888—89), von dem mir seine damaligen Schüler noch nach zehn Jahren mit großer Liebe erzählten, hatte er sich entschlossen, die akademische Laufbahn einzuschlagen, auf die ihn Neigung und Begabung gleich stark hindrängten. In Marburg, wo er sich 1891 habilitierte, wurde er 1895 auch außerordentlicher Professor, und schon Ostern 1897 folgte er einem Rufe als Nachfolger Eduard Schwartz' nach Gießen. Die ersten Jahre feiner akademischen Tätigkeit sind besonders reich an wissenschaftlichen Produktionen, unter denen die 1893 erschienene Nekyta wohl die wertvollste ist. Im Gegensatz zu feinem Schwiegervater, der sich schwer entschloß, fertige Untersuchungen der Oeffentlichkeit zu übergeben und alle Hauptwerke erst nach dem 50. Jabre erscheinen ließ, war es Dieterich em Bedürfnis, feine Forschungen den Fachgenossen vorzulegen und feine ungewöhnliche Darstellungsgabe unterftüjjte diesen Trieb. Er hielt es mit dem Merckschen Spruch: „Frftch auf die Zäun', so trocknen die Windeln", und besaß den gerade bei feinem Forschungsgebiet unerläßlichen Mut zu irren, dazu aber auch den bei Philologen recht seltenen, einen erkannten Irrtum einzugestehen.
In Gießen genoß er zuerst die für einen akademischen Lehrer unschätzbare Freude, für die Ausbildung seiner Schüler voll verantwortlich zu fein, und im Verein erst mit Gundermann, dann mit dem ihm feit der Studentenzeit nahe befreundeten Richard Wünsch hat er in den sechs Jahren feiner Wirffamkeit eine stattliche Reihe tüchtiger Schüler her angebildet. Dem starken, fortreißenden Einfluß feiner Persönlichkeit hat sich wohl kaum ein Student entzogen. So sehr ihm die strenge philologische Methode, die unerbittliche Treue im Kleinen, in Fleisch und Blut übergegangen war, so frei war er von allem Kleinlichen und allem Schulmeisterlichen. Für ihn gab es nichts Totes in der Wissenschaft, auch der trockenste Stoss gewann in feiner Hand Leben, weil er die ganze Wärme feiner feurigen Natur in jede Arbeit hineinzulegen wußte.
Diese sprühende Lebendigkeit, dazu die ungewöhnliche Wette seines Jnteressenkreises, sein starkes Empfinden für alles Künstlerische und vor allem die offene Geradheit seines Wesens gewannen ihm auch im Kreise der Kollegen viel Freundschaft und Anerkennung. Die sechs Gießener Jahre, in denen er auch den eigenen Hausstand begründete, waren vielleicht die glücklichsten seines Lebens. Wer damals den stattlichen, lebensvollen Mairn sah, für den weder bei der Arbeit noch beim Becher eine Stunde zu schlagen schien, der sagte ihm wohl eine lange Reihe von Jahren in Kraft und Frische voraus — und doch hat Dieterich sich schon damals mit dem Gedanken au einen frühen, plötzlichen Tod getragen.
Seine Berufung nach Heidelberg 1903 erweiterte feinen Wirkungskreis, aber steigerte auch die Anforderungen an feine geistige und physische Kraft. Seine schönsten und tiefften Bücher find die in diesen fünf Heidelberger Jahren erschienenen, 1903 die noch in Gießen verfaßte Mtthrasliturgie, in der das Ringen der Menschheit, ihrer Vereinigung mit der Gottheit sinnlich-anschaulichen Ausdruck zu geben, mit tociton Bück Md großer Acast
geschildert wird, und 1905 die aus einem herrlichen Vortrag des Baseler religionswissenschaftlichen Kongresses herausgewachsene „Mutter Erde", wo er tief hinabsteigt zu den verborgenen Quellen ursprünglichsten mythologischen Denkens. Zu seiner sehr ausgedehnten Lehrtättgkeit kam die Leitung des Archivs für Religionswissenschaft, das erst durch ihn eine führende Stellung gewann und ihm viele ausgezeichnete Beiträge verdankt, kam weiter in den letzten Jahren die Herausgabe des reichen literarischen Nachlasses seines Schwiegervaters, Hermann Ufener, kamen viele Vorträge in Deutschland und auch im Ausland. Da er für jede dieser Aufgaben die ganze Kraft einfetzte, war sein Körper den Anstrengungen nicht gewachsen. Als er im vorigen Sommer zum Jubiläum nach Gießen kam, waren viele feiner Freunde über sein Aussehen besorgt, man empfand, daß ef die Kerze an beiden Enden zugleich anbrannte. Nun hat der plötzliche Tod, den er sich selbst immer geweissagt, dem fleißigen Schnitter die Sense entwunden, ehe er alle vollen Garben feiner Forschung in die Scheuer bringen kannte. — In der ersten Vorlesung des Semesters, zu der er mit voller Frische und Freudigkeit ging, ereilte ihn der Schlaganfall, der seinem Leben eüi Ziel setzte, im Kollegiengebäude selbst ist er nach^ 20 stündigem Kampf verschieden. So ist er gefallen wie der Soldat in der Schlacht, und als ein Kämpfer für Die heftige Sache der Wissenschaft, als ein Feldherr, dessen Führung viele mit sich sortriß, wird er in den Herzen seiner Schüler und Genossen fortleben.
Gießen. A. K.
»
Aus H eidelberg wird uns heute mttgeteilt:
Noch in den letzten Wochen hielt Dieterich in Hamburg, acht Vorträge über den „Untergang der antiken Religion", die er auch in Heidelberg für dieses Semester angekündigt hatte. Im engsten Kreise der Famftie und der sachwissenschaftlichen Kollegen und Freunde von Geh. Hofrat Dr. Albrecht Dieterich und im engen Kreise der ihm nahestehenden ,Sck)üler und Hörer fand am Mittwoch abend im großen Hörsaal des neuen K ollegien Hauses- an der Leiche eine kurze Trauerfeier statt. Geh. Hoftat Schöll, der nächste Fachkollege Dieterichs, sprach einige Worte an die Trauert)ersammlung und Generalmusikdfteltor Wolftum spielte zu Beginn und am Ende der Feier zwei Orgelchoräle. Die Vorlesungen in der philosophischen Fakultät waren am Mittwoch ausgefallen. Die Beisetzung von Geh. Hofrat Dieterich erfolgte am Freitag nachmtttag; sie brachte die allgemeine Liebe und Verehrung, deren sich Dieterich bei Studenten und Dozenten erfreute zu ergreifendem Ausdruck. Groß war die Schar der von auswärts herbeigeeilten Freunde und Schüler; aus Königsberg waren die Professoren Wünsch und Deubner , auS Kiel Sudhaus mis Straßburg Reitzen st ein, aus Tübingen Frank und Kor ne mann, aus Marburg Jülicher, aus Gießen Leist und Körte gekommen. Nach warmen Worten des Geistlickicn legte der Rektor der Universität Heidelberg Professor Kosscl den-eilten-Kranz nieder, es folgte der Dekan der philosophischen Falllltat Prosefior Hampe, der Dieterichs Wirken und Persön- ÜMLtt in längerer Rede ausgezeichnet würdigte. Prof. Jülicher


