Ausgabe 
1.10.1908 Zweites Blatt
 
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Nr. 231 Zweites Blatt

158, Jahrgang

Donnerstag 1. Oktober 1908

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag«.

DieEichener Zamklienbiätter" werden dem Anzeiger" viernral wöchentlich beigelegl, das Kreisblatt für den Kreis Sichen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhessen

Rotationsdruck und Verlag der Drü Hirschen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: 51.

Redaktion:e-^112. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen»

Politische Tagesschau.

Der deutsch-französische Konflikt.

Die franz. Regierung scheint ehrlich bestrebt zu sein, einen erlö­sten ftonflift mit Deutschland wegen Marokko zu vermeiden. Pichon hat die Rote, die gemeinsam mit Spanien als Antwort auf Deutsch­lands Bemerkungen den Algeciras-Vertragsmächten überreicht wer­den soll, vorgestern abend der spanischen Negierung mitgeteilt. Sie wird in der Haupt sachedendeutschenBorbe halten gerecht, namentlich was die Forderung betrifft, daß in den Verhandlungen mit Mulay Hafid als Wortführer Europas der -Senior des diplomatischen Korps in Tanger auftreten soll. An der Anerkennung der Entschädigung für die Morde und der Kriegs­kosten hält Frankreich fest. Alle Pariser Blätter stellen die ver- söhnlichc Haltung der maßgebenden deutschen Presse in der Be- hmrdlung des Casablancazwischenfalles fest und rechnen auf eine rasche befriedigende Beilegung der Sache. Sonderbar bleibt die Haltung der französischen Militärbehörden. General d'Amade hat nämlich endgültig die Auslieferung der deutschen Legionäre an das deutsche Konsulat verweigert. Der Daily Telegraph meldet aus Casablanca, daß die sechs Deserteure der französischen Fremden­legion vor ein Kriegsgericht gestellt und wahrscheinlich zu längen und harten Gefängnisstrafen verurteilt werden. General d'Amade hat dem deutfchen Konsulat mitgeteilt, daß er keine Intervention bei feinen Mannschaften dulde. Der französische General hält feinen Protest gegen das Vorgehen der deutfchen Konsulatsbehörden auftecht und erklärt mit Bestimmtheit, daß die ftanzösischen Offi­ziere sich ruhig und korrekt benommen hätten. Wenn man die Haltung des Generals d'Amade mit der Haltung der französischen Regierung vergleicht, liegt der Gedanke nahe, daß der General, wie schon so oft, seine eigenen Wege geht, ohne die Direktiven feiner Regierung zu beachten. Das deutsche Reich wird sich mit der Haltung d'Amades nicht zufrieden geben..

Schon wieder eine Extratour!

Die Italiener sind wieder einmal dreibundsmüde, und die italienischen Tagesblätter aller Parteien einschließlich der sozialistischen besprechen mit großer Befriedigung die Annäherung Italiens an Rußland. Die Radi­kalen sehen darin das Ende des Dreibundes.Secolo" er­klärt unverhohlen,wir begrüßen die politische Annäherung an Rußland, um nns vom diplo­matischen Druck Deutschlands zu beßreien und Oesterreichanjcdem weiteren Vordringen auf dem Balkan zu verhindern." DerCorricre della Sera" sieht in der Begegnung Tittonis und Iswolskis die Besiegelung einer im Laufe einiger Jahre in ihren Haupt­punkten bereits festgelegten Verständigung. Italien und Rußland hätten den Vorteil begriffen, ihre Sonderinter­essen durch ein gemeinsames solidarisches Vorgehen zu schützen, d. h. der Status quo auf dem Balkan werde keine Aenderung erfahren, ohne daß Rwßland und Italien eng geeinigt bleiben und ibre Gesichtspunkte mit den geeigneten Mitteln zur Geltung Dringen.

Gegen die Kurpfuscher.

lieber den vorläufigen Entwurf eines Gesetzes über die Aus- übuitg Der Heilkunde durch nichtapprobierte Personen und den Gehermmittelverkehr referierte Regierungs- und Medizinalrat Dr. Dütschke-Erjurt am Dienstag in der Hauptversammlung des Deutschen Medizinalbeamtenvereins zu Berlin. Er führte aus: Nachdem der 'Norddeutsche Reichstag 1869 den ß 144 der Reichs­gewerbeordnung dahin abgeändert hatte, daß die für Medizinal­personen bisher geltenden Sonderbestimmungen, die ihnen den Zwang zur ärztlick-en Hilfeleistung unter Androhung von Strafe auferlegten, aufgehoben wurden, war die Kurierfreiheit in Deutsch­land eingesührt und die Heilkunde sank nunmehr immermehr zum Heilgewerbe herab. Jeder Mensch konnte jetzt ohne irgend­welche Kenntnisse oder Vorbildung das Heilgewerbe ausüben, Inur durfte er sich keinen Titel beilegen, durch den der Anschein 'erweckt werden konnte, als sei er eine approbierte Medizinal- person. Dem jahrelangen, immer wiederholten Drängen der deutschen Aerzteschaft ist nunmehr nachgegebcn und aus dem Schoße des Reichsamts des Innern ein Gesetzentwurf hcrvor- gegangeu, der in glücklicher Weise das Kurpfuscherei- und Ge- bcimmittelroefen gleichzeitig behandelt, da beide Materien eng miteinanber zusammen hängen. Wenngleich der Entwurf, was an­fangs von der Aerztewelt mißbilligend bemerkt wurde, zwar fein direktes Kurpfuschereiverbot bringt, so enthält er doch eine Reihe wertvoller Bestimmungen, die geeignet erscheinen, we­nigstens die gröbsten Auswüchse des Pfuscherttims und des Ge­heimmittelunwesens zu beschneiden. Daneben bietet das Gesetz noch die Möglichkeit, den Gewerbebetrieb ganz zu untersagen, wenn Tatsachen vorliegen, welche die Annahme begründen, daß durch Ausübung des Gewerbes das Leben der behandelten Menschen oder Tiere gefährdet oder deren Gesundheit geschädigt wird, ober daß Kunden schwindelhaft ausgebeutet werden. Die gesetzliche Fest­legung der Tätigkeit des beamteten Arztes bei der Durchführung des zukünftigen Gesetzes ist durchaus erforderlich, da mit der Tätig­keit des Medizinalbeamten das ganze Gesetz steht und fällt und seine Mitwirkung nicht von dem mehr oder minder ausgeprägten Verständnis der Polizeibehörden sür die Notwendigkeit der Zu­ziehung des beamteten Arztes abhängig fein darf. Auf den mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag folgte eine General­diskussion. Dr. Pflanz vom Berliner Polizeipräsidium ver­langte die Verschärfung verschiedener Bestimnrungen. Die Be­handlung aller mit Hautausschlägen verbundenen Krankheiten müsse den Kurpfuschern verboten werden. Ebenso müßten das Gesund­beten und bte Magnetopathie ausdrücklich verboten werden. Weiter verlangte der Redner, daß trunksüchtigen, geistesschwachen und geisteskranken Personen untersagt werde, andere Leute zu behandeln. Des weiteren forderte der Redner ein Einschreiten gegen die meist ausländischen Inserate, die z. B. Mittel gegen Korpulenz oder Magerkeit anpreisen, ferner Mittel zur Erlangung einer üppigen Büste, zur Verlängerung des Körpers und auch von Nahrungs- imd.Kräftigungsmitteln, die meist auf Schwindel beruhten. Medizmalrat Dr. Räuber- Cöslin wandte sich gegen die Hebe- ammenpfuscherei, d. h. gegen die Personen, die Hebeammendienste .verrichten, ohne dazu berechtigt zu sein. Medizinalrat v. Guß- mann- Stuttgart forderte eine genaue Definition des Begriffes der mystischen Krankheiten. Es soll auch das Handauflegen, das Bestreichen mit den Händen, das Besprechen und das Gesund­beten ausdrücklich verboten werden. Medizinalrat Hosch- Potsdam verlangte, daß bei Kranken, die unter dem Seuchen- «esetz stehen, die Mitwirkung von Kurpfuschern untersagt werden solle. Darauf schlug der Vorsitzende Geh. Medizinalrat Dr. R a p m u n d folgende Resolution vor:Die Hauptversamm­lung des preußischen Medizinalbeamtenvereins erklärt sich mit den Abänderungsvorschlägen des Referenten zu dem vorläufigen Ent­wurf des Reichsgesetzes betreffend die Ausübung der Heilkunde durch nichtapprobierte Personen und den Geheimmittelverkehr ein­verstanden. Die andern Anregungen unb Gesichtspunkte, die in der Aussprache zu Tage getreten sind, werden dem Vorstande zur Berücksichtigung überwiesen." Rach einem kurzen Schlußwort des Referenten Dr. Dütschke, der diese Resolution empfahl, wurde einstimmig angenommen.

Neue Skandalszenen im böhmischen Landtage.

Die gestrige Sitzung des böhmischen Landtages hat wiederum einen sehr stürmischen Verlauf genommen. Es wurde gepfiffen, Trompete geblasen, gesckrieen, gezischt. Am Schlüsse der Sitzung kam es nach einer Rede des Abgeordneten Schreiner zu stür­mischen Szenen, in deren Verlauf die tschechischen Abgeordneten deir deutschen zuriefen: Geht nach Preußen oder in die Provinz Hohenzollem, geht zu Klais er Wilhelm. Als der Oberlandmarschall sich erhob, um aus den Antrag eines deutschen Mgeordneten die namentliche Abstimmung Mm Budget vornehmen zu lassen, entstand ein fürchterlicher Lärm. Da sich der^Tumult nicht legen wollte, vertagte der Oberlandmarschall die Sitzung. Die deutschen Ab­geordneten haben beschlossen, die Obstruktion mit allen Mitteln fortzusehen. In Prag sind inzwischen der deutsche und der tschechische Landsmannminister ringe troffen und verhandeln, wie es heißt, erfolgreich mit den Führern der Deutschen und Tschechen wegen einer Einigung im Landtage, so daß es voraussichtlich zu keiner Auflösung kommen wird.

König Peter und der Belgrader Mord.

Die am 3. Oktober erscheinende Nummer derOefterreichischen Rundschau" bringt, augenscheinlich unter einem Pseudonym, einen sensationellen Artikel über König Peter und die großserbische Bewegung. Es wird darin erwähnt, daß man in Belgrad eine Verbrüderung Serbiens mit Bulgarien angestrebt und den Fürsten Ferdinand zu beseitigen getrachtet habe. An der Hcnrd von Doku­menten, darunter des Schwures des Königs Peter, den er vor der Ermordung Alexanders und Tragas von Genf aus den Ver­schwörern zu kommen ließ, daß er sic und ihre Nachkommen nicht nur nicht gerichtlich verfolgen, sondern ihnen vielmehr die höchsten Stellen nn Lande überlassen werde und mehrerer genau zitierter Telegramme wird zu erweisen gesucht, daß König Peter nicht nur von Dem Belgrader Diordplan gewußt, sondern, daß er ihn auch gefördert habe. Dadurch hat er ftd) vollständig in Die Hand Der Berichwörer gegeben.

Bulgarien und die Turke!.

Jetzt hat auch Frankreich, ebenso wie die übrigen Mächte, in Sosia gegen die Besetzung der Orientbahnen Einspruch er­hoben. Trotzdxm will Bulgarien nicht nachgeben. Der bul­garische Ministerrat setzte gestern die Beratungen über die beiden Streitfragen mit der Türkei fort, lieber die Orientbahn frage wurde ein ausführliches Memorandum ausgcarbeitet, das den Ursprung der Beschlagnahme der Orientbahn darlegt und die Beschlag- nahnre durch die Staatsvaison zu erklären sucht. Danach ist die bulgarische Regierung entschlossen, die Ori- entbabn keinesfalls zurückzugeben. Der Finanz­minister soll mit der Einleitung von Ablösungsverhandlungen mit der Orientbahngesellschaft beauftragt und das Memorandum soll noch heute allen Vertretern der Signatarmächte des Berliner Vertrages übersandt werden und derart zugleich eine Antwort auf Den türkischen, den österreichisch-ungarischen und den deutschen Protest bilden. Der frühere französische Marineminister de La- nessan veröffentlicht nun in dem BlatteSiöcle" einen Artikel über den türkisch-bulgarischen Konflikt. Er erklärt an dessen Schluß, Fürst Ferdinand wisse, was die Zukunft Bulgariens sei, und daß Bulgarien eines Tages unabhängig sein wettie im Eirr- verständnis mit der liberalen Türkei. Es sei daher angez-eigt, daß augenblicklich sowohl in Sofia als auch in Konstantinopel die Ratschläge befolgt würden, die auf die Aufrechterhaltung des Friedens hinzielen. Die liberale türkische Partei würde sich aber ins Verderben stürzen, wem: sie eine Unabhängigkeitserklärung! Bulgariens hinnehmen würde.

Deutsches Aeich.

Der König von Spanien, der gestern vormittag in Landau die Parade über das 5. Artillerie- und das 18. In­fanterie-Regiment abgenommen hatte, reifte abends mit feiner Gemahlin von München nach Budapest ab.

Die Enthüllung Der Bismarck-Büste am 18. Ok­tober in der Walhalla wird sich im engsten Rahmen vollziehen. Eine Beteiligung des bayerischen Hofes ift nicht in Aussicht ge­nommen. Auch in jßeriin erachtet man die Enthüllung der Bis­marck-Büste als eine bayerische Angelegenheit. Dieser Auffassung entsprechend, wird auch der Kaiser bei der Feier nicht vertreten sein. Dagegen dürfte Reichskanzler Fürst Mllow kommen.

Umgestaltung der SchankkonzessionSsteuer. Der Bund der Landwirte in Leipzig hat auf seine Anfrage wegen der Meldungen übet eine Umgestaltung Dec Schankkonzessionssteuer vom Staatssekretär des Innern folgende Antwort erhalten: Reise Pläne für eine weitere Umgestaltung der Gewerbeordnung, als in der dem Reichstage bereits ^gegangenen Novelle enthalten sind, liegen zurzeit nicht vor.

EinePrivatklageSchückings. DieDeutsche Tages­zeitung" bestätigt, daß der Geheime Justizrat Träger vom Bürger­meister Dr. Schücking beauftragt worden sei, wegen eines Artikels über den Fall Schücking Privatklage gegen das Blatt zu er­heben.

Ausland.

T i e A n n e x i o n B o s u i e n s. In Wiener wohlinsormierlen Kreisen wird mit großer Bestimmtheit das Gerücht verbreitet, Oesterreich-Ungarn werde demnächst die Annexion Bosniens und der Herzegowina proklamieren. Dieser Entschluß Oesterreich - Un­garns habe bei den in der letzten Zeil gcsührten Unterhandlungen die Zustimmung sämtlicher Kabinette gefunden. Nur die englische Negierung soll sich gegen die Annexion ausgesprochen haben.

Wegen des Zustandes der Zarin bringen die Aerzte auf einen Aufenthalt in Süditalten. Eine Begegnung des Kaisers von Rußland mit dem König von Italien soll in Venedig ftatt- finden.

D i e Wahlen zur zweiten schwedischen Kammer sind beendet. Das ungefähre Wahlergebnis ist folgendes: Die Rechte erhält in der neuen Kammer ö6 Sitze (bisher 100). Die Linke etwa 10j (bisher 90). Die Gemäßigten etwa 10 (bisher 20), Die Sozialdemokraten 33 (bisher 17). Insgesamt zählt die Kammer 230 Mitglieder.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 1. Oktober 1908/

Anteilen von Lehrlingen im Handwerk.

Eine für das gesamte Handwerk bedeutungsvolle Vor­schrift ist am 1. Oktober in Kraft getreten und damit eine langjährige Forderung weiter Kreise zur Verwirklichung gelangt. Seit Jahren bereits ist immer Mieder im Hand­werk die Forderung nach dem allgemeinen Befähigungs­nachweis aufgetauchr und der Tätigkeit des Hanüwerts- und Gewerbelammertags, bezw. der einzelnen Handwerts- und Gewerbeiammern ist es zu bauten, daß das deutsche Hand- werk sich je.ck darüber Har ist, daß dieser bei der modernen Entwicklung per Verhältnisse im Handwerk nicht mehr durch­führbar er|ü)cinL Dagegen mußte den Wünschen des Hand­werks dahrn st.rttgegeven werden, daß die Befugnis zum Anleiten von Lehrlingen für die Folge nur noch dem zu­stehen soll, der selbst den. Rachw/is. einer guten, technische.lt

und theoretischen Ausbildung führen kann. Diese Forde­rung hat zweifellos ihre Berechtigung, denn wenn man die Gesundung und wirtschaftliche Kräftigung des Handwerks fördern will, dann muß man auch verlangen, daß der Nachwuchs im .Handwerk eine tüchtige und gewissenhafte Ausbildung erhält. Von diesem Gesichtspunkte aus ist auch das Reichsgesetz, die Abänderung der Gewerbeordnung betr., zu betrachten, welches am 1. Oktober in Kraft getreten ist. Es bringt allerdings für die älteren Meister eine scheinbare Unbequemlichkeit mit sich, das ist die Bestimmung, daß sie, selbst wenn sie seit langen Jahren Lehrlinge gehalten haben, nachträglich noch die Befugnis zum Meiteranleiten von Lehr­lingen |icf) müssen verleihen lassen. Diese Vorschrift ist in das Gesetz aufgenommen, um den betreffenden Handwerkern zur Vernteidung späterer Zweifel und Streitigkeiten einen zuverlässigen Ausweis über den Fortbesitz der Anleitungs­befugnis zu verschaffen. Kurz zusammengefaßt gelten ab 1. Oktober folgende Bestimmungen: In Handwerksbetrieben steht die Besugnis zur Anleitung von Lehrlingen nur noch den Personen zu, welche das 24. Lebensjahr vollendet und eine Meisterprüfung bestanden haben. Hinsichtlich der Hand­werker, die am 1. Oktober 1908 Lehrlinge gehalten haben, gilt die Vorschrift, daß sie die zu diesem Zeitpunkt bereits in das Lehrverhältnis eingetretenen Lehrlinge auslehren dürfen. Die weitere Befugnis zum Anleiten muß den älteren Handwerkern verliehen werden, wenn sie am 1. Oktober mindestens 5 Jahre die Befugnis zur Anleitung von Lehr­lingen schon besessen haben, im anderen Fall kann sie ihnen von der Verwaltungsbehörde verliehen werdest. Daraus ergibt sich, daß alle, die bis zum 1. Oktober keine Meister­prüfung gemacht haben, sich die weitere Befugnis zur An­leitung von Lehrlingen durch die zuständigen Verwaltungs­behörden müssen verleihen lassen und als weitere Folge dürste wohl zu erlvarien sein, daß alle, die noch keine fünf Jahre lang Lehrlinge angeleitet haben, sich nachträglich der Meisterprüfung unterziehen.

LU. Landes-Universität. Der Geh. Medizinalrat Dr. Eugen Bostroem ist heute vor 25 Jahren als ordentlicher Professor der Pathologie bei der medizinischen Fakultät unserer Universität eingetreten. Der zeitige Rektor hat dem im Schwarzwalde weilenden Jubilar telegraphisch die Glückwünsche des Lehrkörpers übermittelt. Eine besondere Feier ist für einen späteren Termin beabsichtigt.

Pfarrpersonalien. S. K. H. der Großherzog haben dem Pfarroerwalter Karl De icke zu Rendel, die evang. Pfarrstelle daselbst übertragen.

* * Ge h. Ba u r a t Kar l Reu l i n g, der 12 Jähre hin» durch hier Bauinspektor war und seit seiner vor etwa drei Jahren erfolgten Ruhestandsversetzung in Darmstadt lebte- ist dort, wie uns drahtlich gemeldet wird, heute vormittag im Alter von 69 Jahren g e st o r b e n. Der Verstorbene, der hier u. a. das alte Aulagebäude in der Ludwigsstraße erbaute, genoß seiner trefflichen Charaktereigenschaften wegen hier große Wertschätzung und sein Ableben ruft gewiß bei seinen vielen, Bekannten schmerzliches Bedauern hervor.'

* * 103 Jahre wurde heute unser ältester 9Jtitbürger, der Geometer 1. Klasse Georg Euler, alt. Das letzte Jahr ist an dem Greise fast spurlos vorübergegangen, noch immer nimmt er Anteil an allem, was um ihn her vorgeht und an schönen Sommertagen macht er, geleitet von seiner ihn treu pflegenden Tochter, Spaziergänge in unseren Anlagen. Wünschen wir dem alten Herrn, der ein lebendiges Zeugnis dafür ist, wie gut es sich in Gießen leben läßt, noch viele weitere Tage.

Jubiläum. Ihr dreißigjähriges Dien st- jubiläum feierten heute Polizei-Wachtmeister Kasp er und Kriminal-Wachtmeister Pfeffer. Aus diesem Anlaß ver­sammelten sich heute mittag 12 Uhr die Beamten und die Schutzmannschaft des Großh. Polizetzunts auf der Wachstube, wobei der Amtsvorstand Regierungsassessor Reinhart an die Jubilare eine herzlich gehaltene Ansprache hielt, in der er besonders ihre langjährigen und mit stetem Eifer geleisteten ersprießlichen Dienste heroorhob. Hieran anschließend über­reichte er ihnen je eine fein ausgeführte und mit ent­sprechender Widmung versehene Lampe mit einem hübschen Blumenarrangement, worauf die Beamten und die Schutz­mannschaft ihre Glückwünsche aussprachen. Die Jubilare dankten in bewegten und herzlichen Worten für die ihnen bereitete Ueberraschung und gaben der Versicherung Aus­druck, allezeit doch nur ihre Pflicht freudig erfüllt zu haben.

Der Kaufmännische Verein eröffnet seine Wintcrtätigkeit mit der Feier seines 3 6. Stiftungsfestes am Sonntag, 3. Oktober in Steins Saalbau. Das reich­haltige Programm der Veranstaltung besteht aus einem Konzert der Berliner Künstlervereinigung (Soprangesang, Harfen-, Violincello- und Harmoniumoorträge) und Ball. Am Sonntag sindet als Nachfeier ein Ausflug nach dem Windhof statt. Der Vortragszyklus im Winter 1908/09 umfaßt 6 Abende:Gut und Böse am häuslichen Herd und die Macht des Beispiels" von Frau Ottilie Stein aus Karls- ruhe,Die Eroberung der Luft und modernes Reisen im Luftschiff", von Hauptmann Härtel aus Leipzig,Korfu" von Jens Lützen aus Berlin,Suggestion und Hypnotismus" von Dr. med. Fulda aus Frankfurt,Will). Busch-Abend" von Georg Fritzschler aus Lage, undüber Wesen und Lehre der Volkswirtschaft von Handelskammer-Syndikus Dr. Zeidler hier. Das Winterfest des Vereins ist auf den 6. März fest- gesetzt.

** Der Experimentalvortrag, den HerrJ.W Jgnot gestern abend im großen Saale von Steins Garten abhrelt, hatte leider nicht bas Interesse gefunben, bas ihm eigenthd) gebührt. Bei den Versuchen handelt es sich um auch wissenichaftlich sehr beachtenswerte Willensbeeinflussun­gen an vollkommen wachen Personen, deren Bewußtsein nicht ansgeschaltet ist So suggerierte er einem Herrn, er sei ein LOjährtger Mann, und sofort nahm er eine gebückte Haltung an und humpelte mit zitternden Gliedern em her, um gleich darnach einen kleinen munteren Knaben nachzuahmen, der vergnügt im Sande spielte. Dabei sind sich bie Versuchs­personen vollkommen klar gewesen, baß alles nur