Ausgabe 
9.9.1908 Zweites Blatt
 
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Nr. 212

Zweites Blatt

Mittwoch S. September 1908

Eichener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger für Oberhessen

158. Jahrgang

Rotationsdruck und Verlag der Br üblichen UnwersitätS Buch- und Steindruckerei. 9t Lange, Gießen.

DieSlehener FamlllendlStter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beiqelcgt, das KreUblatt für den Krtis Eichen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Echul- firafee 7. Expedition und Verlag: 51.

Redaklion:^^ 112. Tel.-Adr.:AnzeigerGreßen.

Die Kaifermoüöoer.

Die besonderen Kriegslagen sind nunmehr bekannt ge gebe» worden. Demnach hatte die blaue Armee am 6. Sept, die Nordvogesen erreicht. Tas im Unter elf zusammen­gezogene Armeekorps stand bei Bischheim und Straßburg. Tas Korps erhielt vom Oberkommando den Befehl, westlich der Saar vorzugehen und zugleich die Armee gegen Unter nehmungen von Meß her zu sichern. Tie besondere Kriegs­lage für die rote Partei besagt: Ter kommandierende Gene­ral des 16. Armeekorps yctt den Auftrag, sein Korps derart vorzuführen, daß es bei dem bevorstehenden Zusammen­stoß gegen den linten Flügel der Armee eingesetzt lverden kann. Ain 7. Sept, wurde ihm die bisher als Hauptreserve in Metz verlvendete 34. Division unterstellt. Vom 7. abends ab trafen in Meß die zur Bildung einer neuen .Hauptreserve bestimmten Truppen ein. Gestern fetzten die beiden Armeen den Vormarsch fort, die rote Armee mit dein rechten Flügel auf Guichenbach, die blatte mit dem Hufen Flügel auf Saar- gemünd. Dieser linke Flügel der blauen Armee wird durch die dritte bayerische Infanteriedivision gebildet. Das rote (16.) Armeekorps, das vorgestern nachmittag nach einer Rast an der Med seinen Marsch fortgesetzt hatte, war vorgestern abend mit der 34. Division bis Fallenberg, mit der 33. bis Lübeln, mit der Kavalleriedivision A bis Folschweiler ge­langt. Das blaue (15.) Armeekorps stand abends mit der 30. Division bei Münster, mit der 31. bei Altweiler, mit der bayrischen Kavalleriedivision bei Albesdorf. Gestern beab­sichtigte das rote (16.) Korp^ auf Groß-Tanchen und Frei­buß »veiterzurnarschieren, währeno Teile der Hauptreserve, Infanterie und Artillerie, in der Nacht von Metz nach Re- rnilly und Brülingen befördert werden sollten. Das blaue (15.) Korps wollte mit seiner Infanterie auf Hellirner und >neuzhos, mit der bayrischen Kavalleriedivision auf Groß- Tancyen vorgehen. Die dem 15. Korps unterstellte bayrische Kaoalleriedivision wird von Generalleutnant v. Gebsattel, die dritte bayrische Infanteriedivision von Generalleutnant Ritter v. Lobenhofser kommandiert.

Der Kaiser begab sich gestern früh von Bischdorf im Automobil nach der Höhe von Fremersdorf ur.b beobachtete von dort die Entwicklung der beiden Armeen. Gegen mittag stieg der Kaiser zu Pferde und ritt in das Gelände zwischen Hellirner und F-reibuß, wo er dem Angriff der 34. (roten) Division, die durch die bayrische Besatzringsbrigade aus Metz verstärkt war, gegen die 40. (blaue) Division, insbesondere auch der Attacke der bayrischen Kavalleriedivision gegen den siegreich vorgehenden Flügel der 34. Division beiwohnte. Der Kaiser kehrte alsdann zu Pferde auf die Höhe nordöst­lich von Fremersdorf zurück und verlies; um 6 Uhr nach­mittags, als der Kampf int wesentlichen entschieden war, im Automobil das Gefechtsseld. Zu dieser Zeil war die rote Partei im Besitz der Höhen im Westen von Hellirner unb Altrip, währeno die 30. Division aus dem Rückzüge in öst­licher Richtung begriffen und die 31. Division infolgedessen nicht in der Lage mar, ihre zeitweilig errungenen Erfolge gegen die 33. (rote) Division auszunutzen. Ter Kaiser und Erzherzog Franz Ferdinand kehrten gegen 7 Uhr nach Ur- ville zurück.

Der Kaiser wird voraussichtlich für die übrige Zeit des Manövers heute oder morgen, rote im Vorjahre, ein Asbesthaus als Nachtquartier beziehen.

2luslanfc.

Kämpfe zwischen Deutschen und Tschechen. In den tschechischen Orten Böhmens nimmt die gewalt­tätige Bedrohung der Deutschen immer mehr zu. Nach einer Versammlung des Deutschen Böhmerwaldbundes, die am Sonntag in Bergreichenstein stattfand, wurden die deutschen Mitglieder des Vereins noch in Bergreichenstein

Kleine» jeriiUetorr.

Letzte Dicht er Worte. Aus unserem Leserkreise wird mtd geschrieben: Zu der dckttiz in Nr. 202 über Goethes letzte Worte erlaube ich mir folgende Ergänzung: Die Behauptung G. Lvmers, Goethe l>abe nicht den Ausruf:Mehr Licht!" getan, sondern mit den Worten:Mehr nickü!" den ibm von ferner Schwiegertocl>ter Ottilie (geb. Freiin vvit Poaivisch dargereichten Wein abgelchnt, deckt sich ungefähr mit der Darstellung, die Ludwig Geiger in der Einleitung -u seiner Ausgabe von Goethes Werken gibt. Darin heißt es:

Welches die letzten Träume und Phantasien des Unsterb­lichen waren, luer will es wissen? Bon Schiller sprach er, weil er an ihn und an seine Ruhestätte neben dem Freunde dachte. Tie berühmten Worte:Mehr Licht!" hat er nicht gesprochen: zu seiner Schwiegertochter gewendet, sagte er:Gib mir dein Patschhändchen!" Aber cs wäre öde Sentimentalität, mit dem Geistlichen, der ihm die Leichenrede hielt, von Röhr, zu bedauern, daß er nicht zuletzt noch bedeutungsvolle Worte redete. Uns, die wir uns an Goethe, dem menfchlichlten dec Menschen, erfreuen, berührt es in eigenartig sympathischer Werfe, daß er fern großes Leben nicht mit einer theatralischen Pose abschloß, sondern daß er der lieben Pflegerin zärtlich dachte, die bis zuletzt unablässig um ihn bemüht war."

Goethe starb bekanntlich am 22. März 1832 (geb. 28. Aug. 1749) im Alter von 822 3 Jahren; nur vier Jahre weniger lebte ein anderer deutscher Dichter, der allerdings einen ähnlia^n Aus­ruf wieMehr Licht!" kurz vor seinem Tode tat, nämlich Rückert (geb. 16. Mai 1788, gest. 31. Januar 1866). Pros. Dr C. Beyer berichtet im Vorwort zu seiner Ausgabe von Ruckens Werken, daß der Dichter, als sich vormittags gegen 9 Uhr das Ersterben des Sehnervs bei ihnt cinftellte, seinem Diener zurcef: Rudolf, stecken Oie das Licht an'.", obwohl die Sonne strahlte. Schiller soll kurz vor seinem Ende in halber Bewusstlosigkeit ausgerufen haben:Du von oben herab, bewahr mich vor langen Leiden!" (Nach G. Kärpeles.) Körner sank, als ihn bei Gadebusch am 26. August 1813 in einem Aller von nicht ganz 22 Jahren (geb. 23. September 1791) die tätliche Kugel in den Unterleib traf, mit den Worten:Da habe ich eins, es schadet aber nichts!" seinem herbeieilcnden Kameraden vclfritz in die Arme und starb gleich darauf. (Prof. Dr. E. Wildcnow, Korners Werke.) Von Wieland (geb. 5. September 1/33, gest. 20. Januar 1813; erzählt W. Bölsche in dem Vorwort zu seiner Aus gäbe von Wielands Werken: ... in der Nacht zum 11. ^anuar traf ihn ein Schlaganfall völlig unerwartet. Er hämmerte auch dann noch eine Woche dahin. Seine letzten Worte waren ein träumendes Lallen des großen Monologs aus Hamlet:5ein oder Nickstsein" (das ist hier die Frage: 111, 1. . Schlietzlich noch etwas über Heine mach den Aufzeichnungen von G. Karpeles Demes Werke. Tanach hat Heine trotz seiner unsäglichen Leiden bis zur letzten Stunde gearbeitet und alle Bitten und

selbst von Tschechen aus Beseda mit Steinen beworfen und viele gefährlich verletzt. An den Exzessen waren auch tschechische Beamte beteiligt. Ferner wurden drei deutsche Hochschüler in Schüttenhofen bei der Rückfahrt nach Prag von der ganzen tschechischen Bevölkerung miß­handelt, ihr Kutscher wurde durch einen Steinwurf schwer verletzt, -sie suchten Schutz im Rathaus, aber der Einlaß wurde ihnen verwehrt. ' Aehnlich erging es ihnen in ihrem Hotel, als ihnen zwei deutsche Beamte erklärten, daß ihnen persönliche Sicherheit nicht gewahrt werden könne. Die drei Studenten wurden schließlich unter dem Schutze der Gendarmerie zum Bahnhof begleitet.

Eine geheimnisvolle englische Expedi­tion. Ein Blatt in Aldershot berichtet, daß eine Truppen­abteilung den Befehl erhalten hat, sich zur Abfahrt für eine auswärtige Expedition bereit zu halten. Bon der Admiralität ist andererseits die Mobilmachung von 4000 Mann vorgenommen worden.Daily Expreß" ver­sichert, das; eine Schifsahrtsgesellschaft in Liverpool, die den Dienst nach dem äußersten Osten versieht, ersucht worden sei, ein Angebot für den Transport von 5000 Mann zu machen. Ferner hat eine Konservenfabrik in Liverpool Aufträge auf Lieferung großer Mengen Konserven für die Monate September, Oktober und November erhalten. Viel­leicht hängt diese Expedition mit einer soeben eingctroffenen Meldung aus Aden zusammen, wonach der Mullah fried­liche Eingeborene angegriffen, sechs getötet und 160 Kamele weggenommen habe. Auch mürben von ihm zwei Mann von der britischen Schutzwache getötet.

Unruhen am französischen Kongo. Passa­giere des in Marseille eingctroffenen DampfersAfrique" berichten über neue Unruhen in Französisch-Kongo, u. a. wurde in dem oberen Sangagebiet eine Faktorei ge­plündert. Truppen sind nach dorthin abgegangen. Ebenso sind Unruhen im Gebiete der M'poko ausgebrochen.

21 us Stadt ititfc Land.

Gießen, 9., September 1908.

Landes Universität. Zum LudwigStag, dem 25. Aug., widmete Rektor und Senat der Landesuniversität Sr. Kgl. Hoh. dem Großherzog ein Programm, das eine Abhandlung von Prof. Dr. Samuel Ecküber die Her­kunft des Individualitäts-Gedankens bei Schleier­macher" enthält.

" Person al nach richt en. DerDarmst. Ztg." zu­folge hat Se. Kgl. Hoh. der Groß Herzog am 29. August den eoang. Pfarrer Geh. Kirchenrat I). Friedr. Kalb Henn zu Burg-Gräfenrode auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner langjährigen treuen und ersprießlichen Dienste, mit Wirkung vorn 6. Oktober an, in den Ruhestand versetzt. (D. Kalbhenn ist einer der ältesten und angesehensten Geist­lichen des Landes und hat sich um die Förderung der eoang. Kirche große Verdienste erworben.) Ferner hat der Groß- Herzog am 2. September dem Medizmalrat Dr. Vogt zu Butzbach die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen des ihm von dem Kaiser verliehenen Roten Adler-Ordens 3. Klasse erteilt.

"In den Ruhestand versetzt wurde die Lehrerin an der Gemeindeschule zu Viernheim, Katharina Meywald auf ihr Nachsuchen unter Anerkennung ihrer langjährigen treuen Dienste.

"Bei der LandeSverficherungsanstaltGroßh. Hessen sind im Augu st l. I. 292 Reut enges uche (370 Invaliden- und Krankenrentenanträge, sowie 22 Alters­rentenanträge) eingegangen. Unerledigt wurden in den ge­nannten Monat übernommen 386 Rentengesuche, so daß 678 Ge-

Grnttiljnungen, sich Ruhe zu gönnen, abgenriqen, um fein Werk zu vollenden. Und diesen Spötter,Die Spottdrossel des deutschen | Dichterwaldes", dem nichts heilig und unantastbar war, verließ auch der Witz nicht, als es ans Sterben ging; einem Freunde, der ihn besorgt fragte, wie er mit Gott stehe, erwiderte er lächelnd: Seien Sie ruhig! Dien nie pardonnera, c'eft son melier!" (Gott wird mir schon verzeihen, das ist ja sein Handwerk!). Am 16. Februar teilte ihm der Arzt aus seine Anfrage unver­hohlen mit, daß es:,u Ende ginge; Heine blieb ruhig und ftÜI; nur einmal noch redete er; zwischen 4 und 5 Uhr nachmittags flüsterte er dreimal das Wort:Schreiben!" und ries dann laut: Papier! Bleistift!" Am Morgen des 17. Februar 1856 starb er, 56 Jahre alt (geb. 13. Dezember 1799). Eine Zeitlang war man übrigens im Zweifel über Tag und Jahr von Heines Geburt, da er fich einmal scherzweiseeinen der ersten Männer des Jahrhunderts" genannt hatte, weil er in der Neujahrsnacht 1800 geboren fei. Die Papiere des Standesamts in Düsseldorf waren durch eine große Feuersbrunst lvährend der französischen Llkkupation vernichtet, und aus Briesen nahm man sogar zeit­weilig das Jahr 1797 als Geburtsjahr an; später sogar haben Heines Mutter und er selbst die Angabe richtiggestellt.

-r Bassermann als Rächer seiner Ehre. Aus Berlin wird gemeldet: Der (auch in Gießen wohlbekannte) hervorragende Schauspieler Bassermann hatte am Sonntag in einem Cafe ein Rcnkontre mit dem angeblichen Schrift­steller Borislaw Cristeeler, welcher bereits die öffentliche Aufmerksamkit durch seine sogenanntenWohltätigkeits- Veranstaltungen" unliebsam aus sich gelenkt hat (er hatte diese nämlich meistens zu seinen Gunsten arrangiert). Bassermann verabreichte dem Cristeeler vor versammeltem Publikum eine Ohrfeige, tveil Cristeeler in seinem Winkel- blättchenExtrablatt" ihn in schändlichster Weise ange­griffen hatte. Bassermann suchte schon längst eine Be­gegnung mit Cristeeler herbeizuführen; dieser wußte sich ihr aber immer zu entziehen. Schließlich traf Bassermann seinen Gegner im Cafs Austria, trat an seinen Tisch und verlangte, daß er die Beleidigungen in seinem Artikel zurück- nehme. Als Bassermann bemerkte, baß Cristeeler sich ent­fernen wollte, ohne dies zu tun, verabreichte er ihm eine schallende Ohrfeige und ließ bann Cristeeler noch eine schrift­liche Aufforderung zugehen, seinen Artikel zu widerrufen. Bassermann selbst giot von der Sache folgende Darstellung: In demExtrablatte" jenes Herrn erschien vor kurzem ein Artikel unter der SpitzmarkeBassermann-Reinharo", der in unzarter Weife die Verträge bespricht, die ich und eine andere Künstlerin mit dem Deutschen Theater geschlossen haben. Es werden u. a. auch die Vertragsklauseln in einer

suche in Bearbeitung standen. ES fanden Erledigung: 252 durch Rcntenbewilligung (225 Invaliden-, 15 Kranken- und 12 Altcrsrentengesuche); 35 durch Ablehnung, weil unbegründet (31 Invalidenrenten- und 4 AlterSrentengesuche), 11 durch andere Weise Zurücknahme usw. (11 Invalidenrenten- gesucht), zusammen 298. so daß 380 Gesuche als unerledigt aus den Monat September übernommen werden mußten. Ferner wurden im Monat August I. I. 239 Anträge aus Beitragserstattung gestellt, und zwar 202 infolge Heirat weiblicher Versicherter (H), 36 infolge Todes versicherter Personen (T) und 1 wegen Bezugs von Unfallrente (U.). Unerledigt wurden in den genannten Monat übernommen 123 Erstattungsanträge, so daß zu bearbeiten waren 362 Gesuche. Bewilligt wurden 246 Anträge (204 H. und 42 T.), abgelehnt wurden 29 Anträge (19 H., 9 T. und 1 11.). Auf andere Art erledigt wurden 2 T.-ErslatlungSanfprüchc. Unerledigt blieben 85 Erslattungsantrage (70 H., 11 T., 4 11.), die auf den Monat September übernommen wurden. In welchem Umfange die LandcS-Versicherungsanstalt Großh. Hessen HeilverfahrcnSkosten für ihre Versicherten übernimmt, ergibt sich aus nachstehenden Erläuterungen: Ende August 1908 waren in den nachverzeichneten Anstalten imtergebracht: in der ,Ernst Ludwig-Heilstätte* bei Sandbach i. O. 125 Versicherte, in der .Eleonoren-Hcilstätte* Winterkasten 78 Ver­sicherte, in der Göttmannschen Heilanstalt in Reichelsheim 28 Versicherte, in Bad Lippspringe 68 Versicherte, in Linden­fels 55 Versicherte, in Bad Nauheim 29 Versicherte, im med.-mech. Institut von Dr. Lossen in Darmstadt 12 Ver­sicherte, in der Klinik von Dr. Grein-Offenbach 8 Ver­sicherte, in Krankenhäusern unb sonstigen Anstalten 17 Ver­sicherte, zusammen 420 Versicherte.

* Der Landes verein für innere Mission ver­anstaltet Ende deS Monats in Darmstadt einen achttägigen Kursus für eoang. Frauen, der die Förderung der weiblichen Gemeindearbeit bezweckt. Der Kursus wird versuchen, unter dem einheitlichen Grundgedanken derTätigkeit der Frau in dec Gemeinde" an jedem einzelnen Kurstag ein bestimmtes Gebiet für sich geschlossen vorzuführen. Nach einem Be- grußungSabend am 29. Sept, und der Eröffnungsandacht (D. Walz) am 30. Sept, soll der erste Tag der Vorbereitung dienen durch einen Ueberblick über die Geschichte bet christ­lichen Liebestätigkeit, den Professor v. Schi an von Gießen geben wird. Anschließend behandelt Lic. Glaue-Gießen die grundsätzliche Frage nach der Stellung der Frau im Christentum. Der 2. Tag hat vbic Verufsarbeiterin* als Thema: Diakonisse, Dialonieschwester, freiere Berufsformen. Am 3. Tag sieht die Landkranlenpslege und die Wohnungs­frage auf dcr Tagesordnung, lieber Armenpflege soll am Vormittag des 4. Tages verhandelt werden, über Kinder- schutzgesetz und Fürsorgeerziehung am Nachmittag. Der Sonntag führt die Teilnehmer in gemeinsamem Ausflug nach Birkenau zum Besuch des dortigen Frauenvereins. Die beiden letzten Tage stehen unter dem gemeinsamen Haupt- thema der Fürsorge für die weibliche Jugend in ihren ver­schiedensten Formen.

** Keine Kommun al steuern! Eine eigenartige Steuerorganisation besteht in der V i l l e n k o l o n i e Buch- schlag bei Frankfurt. Als selbständige fiskalische Gemar­kung gehört |ie zu keiner Gemeinde, und mit dem benach­barten Sprendlingen steht sie in keinerlei lommunalem Zu­sammenhang. In polizeilicher Hinsicht ist sie dem dreiviertel Stunden entfernten Langen zugetcill, ohne jedoch in Langen lommunalsteuerpftichtig zu fein. Diese Sonderstellung hat

für mich höchst beleidigenden Weise ausgelegt. Ich ver­suchte bereits am verflossenen Freitag, eine Begegnung mit Cristeeler herbeizusührcn. Trotz verschiedener Rohrpvftkarten und persönlicher Besuche war dies nicht möglich. So begao ich mich denn gestern vormittag nach dem Caf6 Austria, weil man mir gesagt hatte, da ßjener Herr dort verkehre. Tatsäch­lich erschien er auch bald. Ich trat sofort auf ihn zu und forderte ihn auf, an meinem Tisch Platz zu nehmen. Ich verlangte von ihm hierauf energisch, daß er seineBüberei", die er durch den Artikel begangen habe, zurücknehmen solle. Da ich bemerkte, daß er sich entfernen wollte, stand ich auf und versetzte ihm, weil es mir nicht möglich war, auf andere Weise Genugtuung zu erhalten, eine schallende Ohr­feige. Ich entschuldigte mich sodann bei dem Besitzer des Cafes wegen der Szene, die mir sicherlich aud) nicht ange­nehm war. Bevor ich mich entfernte, gab ich Cristeeler noch eine schriftliche Aufforderung, daß er die in seinem Artikel enthaltenen Schmähungen widerrufe. Heute vormittag gingen mir zwei Zuschriften zu. Tie eine enthält die Zu­sage, daß man in der nächsten Nummer desExtrablattes" berichtigen werde, sobald die geeigneten Unterlagen hier­für vorhanden fein werden. Die zweite Karte machte die Mitteilung, baß bezüglichder skandalösen Ausführung" morgen vormittag zwischen 10 unb 12 Uhr ein Vertreter bei Bassermann erscheinen werbe. Was ich zu tun ge- benfe ? Ich habe eine ähnliche Erklärung, bie sie Herr Cristeeler bereits gestern von mir erhielt, meinem Rechts- anioalt, Justizrat Neumann, übergeben, ber bas ioeiiere jebenfalls veranlassen wird. UebrigenS bin ich ja auch Lanb- wehrosfizier und habe dem zuständigen Ehrenrate bereits Mitteilung von dem Vorgefallenen gemacht.

Aus Berlin wirb uns geschrieben: Tie vieraktige Ko­mödie von Ber narb Shaw »Der Liebhaber", die im Hebbellhealer aufaesührt wurde, besieht im Grunde nur aus einem kurzen ersten Sitte, einem lecken Wurfe, in dem der geniale Witzbold mit taufend .ehrwürdigen Gefühlen" beiter Ball spielt und mit skrupelloier Wahrhaftigkeit die Distanz auszeigk, die da klaffend gähnt zwischen denneuen" Moralbegrtffen der modernen Frauemoelt und dem Fuhlen der .weiblichen" Frau. Was sich um den kunstvoll verschleierten und immer toteder halb wiederrufenen Kern rankt, sind im Grunde mir komische oder schattenhafte Gestalten, Träger schneidender Apercus und vergnüg­licher Aphorismen, die bald diese, bald jene Schwäche unserer Moral und Gesellschafts-Koiwentioncn in ihrer Komik enthüllen. In einem prasselnden Regen witziger und alles verspottender Ironie ver­wirren sich die dünnen Lrnien derHandlung- rind es bleibt nicht das Glaubensbekenntnis, aber das befreiende Lachen des über-