Ausgabe 
7.7.1908 Zweites Blatt
 
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Nr. 157 Zweites Blatt

158. Jahrgang

Dienstag 7. Juli 1908

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.

Die ..rictzener Samllienbiattcr werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Sichen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit« tragen" erichemen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

Eeneral-Anzeiger für ivberheffen

Rotationsdruck und Ser lag der Brühlffche« Unwersuäts - Buch- und Slemdruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition und Verlag: 5L

Redaktion: 11^. TeL-AdruAnzeigerGießen.

Cvangcliiche Landersynode.

R.B. Darmstadt, 6. Juli-

In bet um 9V1 Uhr eröffneten Sitzung kommt heute zuerst die Vorlage Oberkonsistoriums über den

Rachtragsvoranschlag für den evang. Zentralkirchenfonds für das Rechnungsjahr 1909 zur Beratung. In der Vorlage werden im ganzen 273 250 Mk. verlangt.

Präs. Rebel gibt einen kurzen Ueberblick über die einzelnen Forderungen, worauf der Ausschußreferent D. Lucius die For­derungen näher erläutert, die in erster Linie durch verschiedene Mindereinnahmen und durch ivefentlich höhere Ausgaben ver­anlag wordeir seien. Ter Ausschuß habe sich eingehend mit der Frage beschäftigt, ob angesichts so starker Verschiebungen der wirk­lichen Einnahmen und Ausgaben in Vergleich -yum Voranschlag überhaupt die langfristige Budgetperiode von 5 Jahren bei zu­behalten und nicht vielmehr die Einführung kürzerer Perioden vorzuziehen sei. Der Ausschuß gibt dem Kirchenreglemcnt an­heim, zu erwägen, ob sich nicht etwa die Einführung dreijähriger Perioden bei gleichzeitiger Verlängerung der Wahlperioden von 5 auf 6 Jahre empfehle, und beantragt schließlich 1. die auf Grund des Nachtragsvoranschlags für 1909 erforderlich werden­den Mehrausgaben sollen ans dem Wege der Erhöhung der Kirchen­steuer aufgebracht werden; 2. der hiernach für 1909 notivendige Zuschlag zur Staatssteuer soll nicht hoher als 14Vs Prozent bemessen werden, über die Höhe des innerhalb dieser Grenze von Großh. Oberkonsistorium bei der Staatsregierung zu bean­tragenden Zuschlags entscheidet das errveiterte Oberkonsistorium nach Anhörung des Finanzausichusses mit der Maßgabe, daß, falls Finanzausschuß und erweitertes? Oberkonsistorium verschie­dener Ansicht sein sollten, die Landessynode zu befragen ist. Sollte der von Großh. Staatsregierung genehmigte Steuerzuschlag zur Deckung der vorgeschlagenen Ausgaben nicht auSrcidjen, so wird das Oberkvnsistorium ermächtigt, den Fehlbetrag aus den Er­sparnissen früherer Jahre zu ergänzen.

Diesen 4 Anträgen stimmt die Synode ohne Debatte zu. Tie Mehrbedürfnisse setzen sich, wie der Ausschußberichterstatter darlegt, aus einem Einnahmeausfall an Kapitalzinsen und aus neuen Ausgabeposten zusammen, die durch die gegenwärtigen Vorlagen veranlaßt sind. Ter Voranschlag für den neuen Synodalbau, den man auf 110 000 Mk. schätzte, sei um 88150 Mk. überschritten worden und für Gehaltsaufbesserung der Pfarrer seien 215 000 9J2L, für Ausbesserung der nicht definitiv angestellten Geistlichen 12 000 Mk., für Vertretung crkranlter Geistlicher 1000 Mk. usw. erforderlich. Für die Urkundenpflege wurden 1600 Mk. ver­langt, die der Ausschuß zu streichen beantragte. Für Bewilligung dieser Summe traten sowohl Präs. Rebel, wie die Synodalen D. Diehl und Pros. 1). E ck ein, worauf die 1600 Mk. mit großer Mehrheit bewilligt werden. Ebenso stimmt die Synode den weiteren Posten nach Maßgabe der Ausschußanträge bei und schließlich wird der Gesamtbetrag der erforderlichen Mehreinstell­ungen nach Beschlußfassung über die ein^lnen Posten auf 275 202 Mk. festgestellt.

Zur Beratung kommt nunmehr ein Antrag Wahl und Ge­nossen, betr.

die wissenschaftliche Vorbildung der Geistlichen.

Der Antrag lautet: Synode wolle beschließen, das Obcrkonsistorium zu ersuchen, baldtmnlichst den Entwurf eines Gesetzes vorzulegen, nach dem unter teilweiser Aenderun? des Kirchengesetzcs vom 11. Juli 1879, die Dienstpragmatik für die Geistlichen, der evang. Kirche für hessische Theologen in gleicher Weise wie für sonstige Deutsche Theologen, die vor einer staatlich angeordneten Prüfungs­behörde innerhalb des deutschen Reiches abgelegte erste theolo­gische Prüfung der Fakultätsprüfnng vor der theologischen Fakultät der Landesuniversität Gießen glcidygcadjtct wird.

Die Ausschußmehrheit beantragt Ablehnung dieses An­trags, ein Ausschussmitglied erklärt fick) dafür. In Verbindung hiermit wird ein Gesetzesvorschlag Wahl und Genossen, betr. die

Dienstpragmatik der Geistlichen

Zieraten. Nach diesem Borichlag soll es in jedem einzelnen Falle dem Ermessen des Oberkonsistoriums einheimgestellt sein, die von einem Theologen, einerlei ob er Angehöriger des Großherz'ogtums ist oder nicht, vor einer staatlich angeordneten Prüsungsbehörde mnerhalb des deutscheü Reiches abgelegte Fakultätsprüfung der Fakuttätsprüsung vor der theologischen Fakultät der Landcs-Uni- Deriität gleich zu erachten sei, unter der Voraussetzung, daß jene Prüfung nach den für den hessischen Staat geltenden Bestimmungen als Vorbedingung für den Eintritt in den Dienst der evangelischen Äirdjc angesehen wird.

Syn. Wahl begründet seine beiden Anträge, weist auf die schon 1896 über dasselbe Thema gepflogene Debatte hin und be­tont, daß die Gleichstellung der hessischen und nichthefsischen Theo­logen eine durchaus berechtigte Forderung sei.

Syn. W idma n n geh- aussührtid- aui die Stellungnahme der theologischen Fakultät in Gießen gegen die positive Theologie näher ein, die sich nicht mit dem Grundsatz der Freiheit der Wissen- schaft vereinbaren lasse. Die Gründung der kirchlichen positiven Vereinigung habe durch die Gießener Fakultät eine starke Be- lämpfung erfahren und man habe die Wünsche der positiven Theo­logie häufig unberücksichtigt gelassen. Redner erklärt, er sei weder jo töricht, noch so furchtsam, um zu wünschen, daß unsere Jugend vor der Kenntnis der modernen Theologie bewahrt bleibe, er volle im Gegenteil, daß sie sipr.cht gründlich kennen lerne, aber dabei audj von der positiven Theologie unterrichtet werde. Tas lei einsad) eine Forderung der Gerechtigkeit. Audiatur et altera pars. Sein Gerechugkeiisgesühl bäume fick) dagegen, daß die jungen Theologen gezwungen würden, ihr Examen vor einer Fakultät abzulegen, die auf einem so einseitigen Standpunkt stehe, Die die Gießener. Es sei dankbar anzuerkennen, daß Minister Braun beim Uuiversitütsjubiläum jagte, die Regierung habe sich len Grundsatz: Suum cuiquc zur Richtschnur genommen. Das ireffc aber bei der theologischen Fakultät in Gießen nicht zu, sie handle vielmehr nach deut Grundsatz: Uni omnia! (Einem alles.) Sehr zu beDauem sei, daß das Oberkonsistorium fid) auch dem zweiten Antrag gegenüber ablehnend verhalte. (Zustimmung.)

Syn. Fischer legt kurz den Ausschußstandpunkt dar unb beantragt, den ersten Antrag Wahl abzulehneu, dagegen dem Ge- jetzesvorichlag Wahl und Gen. über die Dienstpragmatik zuzu- itünmen.

Syn. Jaudt wendet fick) gegen den Syn. Widmann und be­tont, bei; d.r Antrag Wahl nicht zu dem gewünschten Erfolg führen tu erbe. Gerade das System, wie es setze in Gießen geübt werde, sei geeignet, ein friedliches Nebeneinanderarbeiten der beiden ^tich- lungen zu garantieren. Er werde deshalb im Interesse des Friedens -jegen den Antrag Wahl stimmen.

Präs. Rebel hebt nod) einmal die prinzipielle Stellung des Oberkoni istoriums zu der Frage hervor, und betont, daß es sich bei seinen Entschließungen durchaus auf den Stundpunkt der Gesetzgebung gestellt habe.

Syn. Frhr. H e y l zu Herrnsheim erklärt, and) er müsse, wie Syn. Widmann schmerzlich oebanem, daß sich das Oberlon- liftorium auf einen so direkt ablehnenden Standpunkt stellt. Tie (oegenroart arbeite auf einen möglichsten Zuiammenschluß der gan­zen deutschen Landeskirchen und einem sold-en könne ein eng» legrenjter partikularistisdzer Standpunkt nur hinderlich fein. Er Dürde es freudiger begrüßen, wenn Hessen auch hier, wie aus vielen anderen Gebieten b?r Gesetzgebung, den anderen Bundes- liaateit vorangegangen wäre, sie wären sicher bald gefolgt. Es wäre sehr zu wünschen, wenn Hessen bemüht sein würde, für ganz -Deutschland gleid-mäßige Bestimmungen an der Organisation her

Für Politik in Vertretung verantwortlich: P. Wittko.

des

Handel

3% Portugiesen

111

Der Lulenburg-prozeh

4J4°/o rnss.Staatsanl. 1905

den am

3^°/c 3%

3pa°/< 3%

3X°/<

Elektriz. Lalnneyer . . . Elektriz. Sclmckert . . . EscLweiler Bergwerk . . Gelsenkirchen Bergwerk . Hamburg - Amerik. PaketL Harpener Bergwerk. . . Laurahütte......

ISordd. Lloyd . . . .

Obeisehles. Eisen-Industrie Berliner Handelsges. . . Darmstädter Bank . . . Deutsche Bank . . . . Deutsch-Asiat. Bank . ,

Reichsanleihe do.

Konsols . . do.

Hessen . . , Oberhessen

fängnis.

Bochnin / 4. Juli. Vor der Strafkammer fand heute eine mit der Ännener Roburit-Katastrophe im Zusammen­hang stehende Verhandlung statt, in der sich der kaufmännische Leiter der Robnritfabrik in Annen, Ernst Franke, wegen Ver­gehens gegen § 9 des Sprengstoffgesetzes und Uebertretimg der Verordnung vom 14. Oktober 1893 zu verantworten hatte.' Das Urteil lautete auf drei Monate Gefängnis.

Würzburg, 5. Juli. Der Würzburger Sitten- prozeß endete gestern mit der Verurteilung des Wüstlings Höf­ling zur höchst zulässigen Strafe von 15 Jahren Zucht­haus. Die Einzelstrafen hätten zusammen 41 Jahre betragen. Seine ältere Stieftochter Johanna Nickel wurde zu drei Jahren vier ytonaten Gefängnis verurteilt, während die jüngere Tochter Charlotte sreigesvrochen würbe. Höfling war zweier Verbrechen der Notzucht, zweier fortgesetzter Verbrecheir der Blutschande, fünf Verbrechen der Anstiftung zum Verbreckjeii der Kindesabtreibung dreier Verbreche,i der Anstiftung zur Kindestötung und eines Ver brecheiis der Anstiftung zum Todschlag angeklagt. Joham,a Nicke ivar der versuchen Kiudesabtreibung in zwei Fällen, des dr eifache Mordes und des Todschlages beschuldigt.

113.uO 103.50 19200

187.00 106.75

197.70

202.00

91.201

96 50* 159.60 122.60

229.90 133.30

GerichtssaaL.

Frankfurt a. M., 3. Juli. Das Schöffengericht verurteilte

Telefonische

Giessener Anzeigers, mitgeteilt vou der Bank für und Industrie, Giessen.

Frankfurter ICörne, 7. Juli. 1.15 Uhr.

4% Uesterr Goldreute.

4*/g 96 Uesterr. Silberrente 4 "6 Ungar Goldrente . . 4% Italien. Rente . . .

3 26 Portugiesen Serie I

91.50

82.70

91.15

82.50

90.60

89.40

98 40

99.20

93.30

104.00

62.50

63 40

96 2b

Schweizer des Nömerhoss, Georg M a r s ch e 1 us e r, der

28. uiid 31. März, während sein Prinzipal verreist war, der Mitch 2 0% Brunnenwafser zugesetzt hat, das nach ärztlichen Gutachten gesundheitsschädlich war, zu 14 Sagen G e-

Rleinc Tagcschroutt.

In Schreiberhau wurde das vor dem Lehrerheim er­richtete D e ii k m a l für den früheren Kultusminister Bosse enthüllt. Die Festrede hielt Rektor Reißmaun aus Magdeburg. Kultusminister Dr. Holle und Vertreter aller preußischen Lehrer- verbände legten am Denkmal Kränze nieder.

Ein K a i s e r - I u b i l ä u m s - B u n d e s s ck) i e ß e u findet z. Zt. in Wien statt unter Teilnahme zahlreicher deutscher Schützen lind offizieller deutscher Vertreter. Erzherzog Raiiier begrüßte dabei sehr warm den Bürgern,eister Dr. Reicke (Berlin) und zog weiter den Oberbürgermeister von 'Mainz, G o e 11 e I m a u n, und Rechts­rat Schlicht ('München) ins Gespräch. ,

In London hat der Arzt Sir Heiiry Alfred P i t m a u Senior der englischeir Aerzte, seinen 101. Geburtstag gefeiert. Er ivar bereits Arzt vor der Geburt des Königs Eduard, der ihm cm in herzlichen Worten gehaltenes Glückwunsch-Telegramm übersandte.

Aus Uhnow in Galizien wird telegraphiert, daß die Orl- schäft P a d d u b e a durch einen Brand z e r st ö r t wurde. 600 Häuser sind abgebrannt, 1000 Personen obdachlos und kampieren auf freiem Felde.

Lius Donaueschingen wird gemeldet: Aus einem mit Heu beladenen Wagen des Landwirts Böser saßen dessen hochbe­tagte Mutter iliid fein dreijähriges Töchterchen. Als man in den Hof einlahren wollte, stürzte der Wagen um. Bei benv Sturz drang der alten Frau ein Zahn des eisernen Rechens tief in die Stirn, während dem Küide zwei eiserne Rechenzähne in den Hals brangen. Nach mehrstündigem Leiden starben Großmutter uiid Enkelchen.

theologischen Prüfungen und Anstellungsverhältnisse zu erstreben. Es liege aud> eine Ungerechtigkeit darin, gerade von den Theologen | zu verlangen, daß sie ihre Gramen nur in Hessen bestehen sollen. In keinem anderen Gebiete der Wissenschaft werde das vom Staat verlangt. Im übrigen glaube er, daß auch die Gießener Pro­fessoren selber in Hessen kein Examen gemacht hätten. Tie evan­gelische fiirdje bilde eine Weltreligion, er werde aber schon zu­frieden sein, wenn eine einheitliche deutsche Religion vorhanden fei. Ihr aber eine Landesgrenze zu ziehen und zwar diese Grenze zu ziehen durch die Brille von 5 Gießener Professoren, das halte er weder vom Standpunkt der Gerechtigkeit, nod) vom all­gemeinen staallichen Interesse in keiner Weise für geboten.

Syn. Prof. O. E ck ist anfangs auf der Journalistentribüne schwer verständlich. Er macht zunächst längere Ausführungen über die Vrüfungsvvrfchriften an. der Gießener Universität und betont, daß sie mit der Freiheit der Wissenschaft absolut nichts zu tun hätten. In Gießen werde stets ein freies Verhältnis zwischen £elrr?m und Schülern aufrecht erhalten und er rufe zum Zeugnis dafür alle seine Sck>üler auf, daß die Fakultät niemals irgend welchen Zwang nadj irgend einer Richtung hin, auszeübt habe. Bei den theologischen Prüfungen müsse allerdings dies.s freie, ungezwungene Verhältnis aushören, da müsse, so sdpnerz- lick) dies auch vielleicht den Lehr-wn sei, ein streng sachliches Ver­hältnis Platz greifen. Denn die Prüfung erfolge ja nicht int Jnierefse der Fakultät oder ihrer Lehrer, sondern im Interesse der l>essisd)en Landeskirche unb ihrer Geistlichen. Es habe keine Prü­fungskommission den Auftrag oder die Pflicht, theologische Kan­didaten zu prüfen, die außerhalb der Landeskirche stehen unb eine gesetzliche Aenderung dieser Verhältnisse würde unnatürUd) sein, Denn die Landeskinder gehörten eben zur Landeskirche. Die Forderung, die Fakultäisprüsungskommifsion mit irgend welchen preußischen Kvnsistorialprüsungskommifsionen gleichzustellen, sei keinesfalls angängig, wie Redner aus einer Reihe praktischer Beispiele aus dem theologischen Prüfungs liefen des näheren dar­legt. Fl'ir hessisd;e Theologen sei die Möglichkeit, sich außerhalb des Landes einer Prüfung zu unterziehen, außerordentlich be­schränkt. Redner wendet sich dann mit Hilfe eines reidjen sta­tistischen Materials gegen die Behauptung, daß die theologische Fakultät wohl int allgemeinen dem Kündidaten mit größerem Wohlwollen begegne, die nur in Gießen studiert hätten. In den Jahren 18961906 hätten dort 157 Theologen ihr Examen ge­macht, von denen 53 Prozent auch in Gießen studiert hätten, und von 30 durchgefallenen Kvndidaten hätten 19 in Gießen und 11 auswärts studiert. Diese Tatsad)e beweise wohl, daß die Fakultät den Kandidaten, die sich ihr Wissen auch von auswärts holten oder ergänzten, mindestens das gleiche Wohlwollen ent­gegen bringe. Zum Schluß betont der Redner u. a., die theo­logische Fakultät Gießen habe nicht nötig, denen in anderen Bundes­staaten Bücklinge zu machen. Sie schreite hinsichtlich der Organi­sation der Prüfung und der Anstellungsverhältnisse schon jetzt voran und es könne nur empfohlen werden, daß . sich die anderen Bundesstaaten ihr ansdstießten möchten.

Rach dieser wohl IV2 stündigen, mit lebhaftem Interesse ver­folgten Rede wird die Debatte um 2 Uhr abgebrochen und die nächste Sitzung auf morgen früh 9 Uhr anberaumt.

Ineben ihm stehenden Tisch und ruft:N ein, es ist nicht w a ()t " Darauf muß sich Riedel zu den Geschworenen wenden und noch­mals and) diesen gegenüber seine Aussage bekrästigen. Dem Zeugen wurden vom Vorsitzenden einige kleine Unrichtigkeiten in seiner Aussage vorgehalten, er bleibt aber im Großen und Ganzen bei seinen Bekundungen. Er erkenne d etc Fürsten bestimmt wieder.

Fürst Eulenburg erklärte auf eine Frage des Vorsitzenden mit lauter Stimme, daß er den Riedel kenne, es sei ihm aber un­verständlich, wie Riedel so etwas erzählen könne. Ter Zeuge müsse Don einer feindIi chen Partei bestochen worden sein.

Riedel weist dies m i t Entr ü stün cf zu ck unb hält mit Bestimmtheit seine Aussagen aufrecht.

Oberhoslnarschall (tzraf August Eulenburg, welcher mit den: Angeklagten nur entfernt verwandt ist, soll bekundet haben, daß er niemals, auch nur gerüchtweise, von krankhaften Neigungen des Angeklagten das geringste ge­hört habe. Es soll bann auch noch kurz die Affäre Lecornte gestreift worben sein. Ter Zeuge soll aid eine Frage erklärt haben, daß der fUngeflagte nicht die Einladungen zur kaiserlick)en Hoftafel besorgte und auch keinerlei Einwirkungen auf solche Ein­ladungen gehabt habe. Das Verhältnis in der Familie des An­geklagten sei stets da? innigste und treimblicbftc gewesen.

Mebizinalrat Dr. Hofmann ivurbe henke vom Vo.sitzenden ge­fragt, ob die Spazierfahrten des Angeklagten nach Schluß der Verhandlungen wünschensivert seien. Dr. Hoiinann be­merkte, daß die Fahrten im Interesse der Erhaltung der Gesund­heit des Fürsten und dessen Vernehmnngsfähigkeit dringend nötig seien. Jeder Gesangene werde spazieren geführt; da ber 'jlugcflagte aber nicht gehen könne, müffe er eben gefahren werden.

Berlin, 7. Juli.

Fürst Eulenburg erlitt in dieser Nacht in ber Eharitö einen s 0 beben fid) en Schwächeansall, daß mehrere Aerzte so­fort zu Rate gezogen werden mußten, die dem Patienten eine Morphium - Einspritzung verab'olgtcn. Es herrschte im ganzen Hause große Aufregung unb ben beteiligten Personen erscheint es fragltd), ob Fürst Eulenburg im Staube sein werbe, heute an ber Verhanbllmg teilzunehmen.

VII.

Hd. Berlin, 6. Juli.

Ter Anbrang des Publikums zu dem Schwurgerichtssaal ist heute trotz schlechten Wetters ungemem stark, sodaß die Polizei- mannschait verstärkt werben muß. Ter Fürst sieht heute auffaUenb schlecht aus. Er hat den Sonntag schlecht verbracht unb keine Minute geschlafen. Die Aerzte glauben nicht, baß ber Fürst bie ganze Woche hindurch verhanblungssähig fein wirb unb wollen die Einlegung eines Ruhetages beantragen.

Bei der Eröffnung ber Verhandlung beantragten die Ver­teidiger, weitere b r e i Entlastungszeugen zu laben. Zu­nächst wirb heute Oberhofmarschall Gras August Eulenburg als Zeuge vernommen unb bann ber Milchhändler Riedel aus Aiünchen. Taran werden sich die Vernehmungen mehrerer Aiünchener anschtießen, die angeblid) über die Glaubwürdigkeit und den Charakter des Riedel unb wohl auch über den Verkehr des Fürsten mit Riedel Andeutungen machen sollen. Riedel hält seine A u s s a g e n,^die er in dem Beletdigungsprozeß Hardens gegen den Redakteur Stadele vor dem Alünchener Schöffengericht am 21. April 1908 machte, mit aller Beftimmthe11 a u f- r e d) t. Er erzählt, er set als 19jährtger junger Mann Schifscr- knecht bei seinem Vater gewesen und habe die Herrschaslen nad) dem Starnberger See gefahren, wobei er Eulenburg kennen gelernt habe, der sich mit ihm sehr jovial unterhielt und ihm sd)iießlich Anträge gemad)t habe. Der Gras habe ihm sehr gute Be­lohnung in Aussicht gestellt.

Riedel soll besonders genau die Szene geschildert haben, wie der Augekiagte eines Tages nut ihm das Boot verlassen habe, in em Gehölz gegangen sei unb ihm dort aus einer mitgebrachken Flasche feurigen Wein zu trinken gegeben habe. Tabei habe er, Zeuge, sich etwas besd)wipst und ans die Aufforderung des Ange­klagten sei es zu einer,.Schmutzerei" gekommen. Auch seine übrigen Begegnungen mit Eulenburg in München schildert der Zeuge iiber- einftimmenb mit seinen früheren Aussagen. Riedel soll auch eine Szene mit einem fremden jungen Herrn jo geschildert haben wie s. Zt. im Münchner Prozeß. Dieser fremde junge Herr, der den Verjuck) gemacht habe, eine Handlung im Sinne des § 175 an ihm vorzunehmeu unb ihm 10 Mk. gegeben habe, sei von dem Angeklagten auchHerr Grat" angesprodieii morben. Ter Zeuge wurde hier nochmals befragt, ob seine Angaben vollkommen der Wahrheit ent­sprächen und, nachdem er dies beteuert hatte, mußte er sich dem Angeklagten zuwenden unb bem Fürsten ins Gesicht sagen: »Ja, es ist Alles wahr".

Der Fürst schlägt bei diesen Worten mit ber Faust auf den

4J4"/O japau. Staatsanleihe 89.70 1% Conv. Türken von 19U3 95.50 Türkenlose...... 148 00

Griech. Monopol-Anl. . 51.00 4% äussere Argentinier . 86.80 b°/0 MexiKaner . . . 65.70 4/*°/o Chinesen .... 96.60

Aktien:

Bochum Guss.....210 70

Buderus E. W.....109.00

Tendenz: fest.

Berliner Börse, Canada E. B. . ... 158.20

Darmstädter Bank . . .. Deutsche Bank .... 229.30 Dortmunder-Union C. . .. Dresdner Bank . . . 136.30

Tendenz: fest.

Diskonto-Kommaudit. . , 171.50

Dresdner Bank .... 137.00

Kreditaktien.....19190

Baltimore- und Ohio-

EisenLabn.....86.80

Gotthard bahn.....

Lombard. Eisenbahn . . 22 80

Uesterr. Staatsuahn . . . 149.60 Pnucc-llenri-Eisenbahn . 121.00

. Juli. Anlaugskurse.

Harpener Bergwerk. . . 197.001

Laurahütte ..... 202.601

Lombarden E. B. . . . 22 70'

N'ordd. Lloyd.....90.50

Lürkenlose......148.50

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