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Nr. 81
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fHntmicn, ist doch nicht leicht. Wie sollten und könnten wir wohl eine solche alles D'trchschntttsmaß überragende Persönlichkeit gewinnen, die alle hier nun einmal bestehenden beklagenswerten! Gegensätze zu .überbrücken vernröchte. Wo finde'.l wir einen Mann, dem Stadt und Land, Industrie und Landwirtschaft, vertrauens- bull folgen möchte? Bis zu den nächsten Reichstagswahlcn wird aller Voraussicht nach allerdings noch gSraume Zeit vergehen,' aber das kann doch keinen weiter ausschauenden Politiker veranlassen, die Sjihtbc einstweilen in den Schoß zu legen. Es mutz unablässig gearbeitet werden, daß man bei Zeiten eine Persönlichkeit findet, die auf das Vertrauen aller kreise rechnen kann. Eine solche Persönlichkeit müßte dann bemüht sein, Fühlung mit Stadt und Land zu gewinnen, um deren berechtigte Wünsche kennen zu lernen. Denn darüber braucht man sich keinen Zweifeln hinzu- geben, daß bei der nächsten Wahl nur ein solcher Kandidat Aussicht haben wird, gewählt zu werden, der keine einseitige Jn- tessenpolitik treibt. Man kann von den ländlichen Kreisen nicht verlangen, daß sie ihre Interessen der städtischen Bevölkerung opferm sollen, aber anderseits darf man auch der städtischen und industriellen Bevölkerung nicht zumuten, daß sie in allen Stücken zu gunsten der Landbevölkerung auf Erfüllung' ihrer Wünsche verzichten müsse. Die politischen Verhältnisse unseres Reichs- tagswahlkveises werden sich nicht eher bestem, als bis die einzellien Erwerbsklassen einsehen gelernt haben, daß Gedeihlicher auch auf politischem Gebiete nur durck- Kompromisse zu erreichen ist. Du ist es denn allerdings von nöten, daß kleinliche VerhetzungS- pvlitik aufl-ört. Nicht das, was Stadt und Land trennt, sondern das, was sie einigt, möge doch fortan in unseren politischen Versammlungen mehr in den Vordergrund gerückt werden.
Als ein Kapitel politischen Klatsches stellt sich die Affäre Hill dar. Als Nachfolger »es zurücktretenden bisherigen amerikanischen Botschafters Ehcirlemcwne Tower war doü außerordentliche Gesandte Amerikas, in den Niederlanden Hill ausersehen. Gegen seine Emennung hat die deutsche Reichsregierung nichts einzuwenden gehabt, und so konnte man wohl annehmen, daß Hill demnächst Herrn Tower in Berlin ablösen werde. Nun verbreitete plötzlich die deutschfeindliche Presse, daß Kaiser Wilhelm sich abfällig über Herrn Hill geäußert habe und daß seiner Ernennung zum Botschafter infolge dessen Schwierigkeiten entgegen ständen. In Amerika ist man nun hierob sehr verstimmt, und es hieß sogar, daß fr:- Vereinigten Staaten fernen neuen Botschafter nach Berlin entsenden würden, und daß sie sich nur durch einen Geschäftsträger würden vertreten lassen. Also ein diplomatischer Zwischenfall und eine Staatsaktion in aller Form! Bisher bildeten wir uns ein, daß die Beziehungen zwischen dem Deutschen Reiche und den Vereinigten Staaten die denkbar besten seien, und nun diese Mißstimmung. Was ist denn nun eigentlich von deutscher Seite aus geschehen, und was ist wahres au der ganzen Sache? Wie man crMrt, hat der Kaiser in einem vertraulichen Gespräche es lebha^ bedauerte, daß der bisherige amerikanische Botschafter, der erst feit 6 Jahren in Berlin tätig ist, schon so bald zurücktrete. Aus dieser Äeußerung har man künstlich eine Animosität gegen den neuen Botschafter konstruiert, und das Bedenklichste an dcr Sache ist, daß mau diese Darstellung' in Amerika geglaubt hat. Eine schlimmere Form böswilliger Verdrehungen wirklicher Tatsachon ist lanm. zu denken, nnd man sieht wieder einmal, wie eifrig und erfolgreich unsere auswärtigen Freunde bemüht sind, uns zu fch.-.den Vermurung, daß die Er- neinirng des neuen Botschafters nicht crfoig-m würde, hat sich nun allerdings nicht bewahrheiter. Hill ist inzwischen wirklich zum Botschafter in Berlin ernannt worden.
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Politische LVochenschaLr
Gießen, 4. April.
Am Montag trat auch die hessische Erste Kammer zu neuen Beratungen zusammen und erledigte zunächst die Beschlüsse der Zweiten Kummer ohne besondere Debatte. Auch das Finanzgesetz für das Etatsjahr 1908 wurde ohne Debatte genehmigt, ebenso die Vereinigung von Kastel und Mainz und die Regierungsvorlage über die Abänderung des Pensionsgesetzes der Staatseisenbahnbeamten. Erwähnt sei noch, daß Geheimrat Schmitt in dieser Sitzung sich u. a, für bi? Berücksichtigung der außerordentlichen Universitätsprofessoren bei der künftigen Revision der Besoldungsordnung, für eine Reform der Witwen- und Waisenversorgung der Beamten und die Verbesserung der Stellung und Aussichten.der Gerichisassessoren aussprach. In der Sitzung am Mitstvvch genehmigte die Erste Kammer zunächst eine Anzahl Beschlüsse der Zweiten Kammer, bssschästigte sich alsdann 'mit bet Frage der Vereins- und Versammlungsfreiheit und sprach sich für die einheitliche Regelung dieser Frage durch ein Reichsgesetz aus. Das Haus erledigte dann u. a. eine Reihe von Vorstellungen nach den Beschlüssen den Zweiten Kammer. Nachdem die Kammer bann zum Schluß noch dem Voranschläge über die Ausgabebebürfnisse der Zweiten Kammer für das Jahr 1908 zugestimmt hatte, vertagte sie sich auf unbestimmte Zeit.
Auck) die hessische Zweite Kammer hat sich bis nach Ostern vertagt. Vorher gab es aber noch eine kleine bemerkenswerte Debatte über die ablebnenbe Haltung der Ersten Kammer und der Regierung in der Frage des Vereins- und Versamm- lungsrechts. Man bedauerte es allgemein, daß die hessische Regierung nicht noch in letzter Stunde versuchen wolle, die hessische Vereins- und Versammlungsfreiheit im Bundesrate zu retten.
Diese Debatte über das Vereins- und Versammlungsrecht im heffi jdjen Landtage bildeten in der verflossenen Woche nur das Vor!Piel zu der Spezialberatung des Gesetzentwurfes im Reichstage, die am Donnerstag begonnen hat und am Freitag unter stürmischen Szenen fortgesetzt wurde. Am Mittwoch beschäftigte sich der Reichstag sehr eingehend mit zwei Interpellationen über die Schi ffahrts abgaben. Große Begeisterung für die von Preußen angeregten Schiffahrtsabgaben besteht wohl nirgends und cine Anzahl süddeutscher Staaten haben sich dirett dagegen ausgesprochen. Trotzdem wurde im Reichstage an ein Wort des Prinzen Ludwig von Bayern, des eifrigen Förderers der Kanäle, erinnert, das so lautet, „Lieber Kanäle mit Schiffahrtsabgaben, als keine Kanäle und keine Schiffahrtsabgaben". Dieses Wort lat namentlich für uns Gießener feine große Berechtigungi und i?ir würden die Lahnkanalifierung auch mit Schiffahrlsabgaben freudig begrüßen dürfen, denn sie würde uns auf alle Fälle eine Verbilligung der Frachten bringen.
Von den übrigen Arbeiten des Reichstages in der verflossenen Aoche ist noch die Erledigung des Etats zu erwähnen. Am Montag ist man gerade noch vor Toresschluß mit der dritten Sefung des Etats fertig geworden und seit längerer Zeit ist es lieber das erste Mal, daß der Etat zum vvrgefchciebenen Zeit- punkte in Kraft treten kann, ohne daß ein besonderes Notgeseb sich erforderlich gemacht hätte. Freilich nur mit vieler Mühe tat man diesmal das. Ziel errecht, intern Dauer- und Abente sitzungen zu Hilfe genommen werden mußten, weil man namentlich bei der zweiten Lesung anfänglich nicht sonderliche Eile gezeigt hatte. Es ist in hohem Maße bedauerlich, daß die Unsitte tingctiffdi ist, die Etatsberatung nicht nur für die Vorbringung rou Kritik und Sonderwünschen zu bennken, sondern daß ein groter Teil bet Rebner ixieje Debatte als willkommenen Anlaß betrachtet, sein politisches Licht leuchten zu lassen, um Reden i'i halten, deren Wirrung in feiner Weise auf die Abgeordneten,
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sondern auf die Wählermassen berechnet ist und daß auch die unbedeutendsten Mitglieder sich berufen fühlen, ihr Sprüchlein herzusagen. Das Ende vom Liede ist, daß oft Dutzende von Rednern fast dasselbe, wenn auch zitweilsn in etwas anderer Form, Vorbringen und damit nur den einen Erfolg erzielen, daß die Debatten unglaublich in die 'Lange' gezogen werben, ohne daß irgend etwas wirNich nutzbringendes geschassen wird. In früheren Jahrzehnten verstanden es Parteien und Redner meisterhaft, sich möglichst kurz zu fassen, ohne daß darunter irgendwie die eingehende Prüfung der betr. Beratungsgegenstänbe lttt, die Reichstagssitzungen bauerten damals im Höchstfalte vier Stunden und es wirb wohl niemanb behaupten können, daß in jener Glanzperiode des Deutschen Reichstages weniger Ersprießliches für das Volk geschaffen worden wäre. Ueverfchaut man den Verlauf ter Etats- lesungen nach dieser Richtung hin, so muß man sagen, daß recht viel leeres Stroh gedroschen worden ist, während anderseits die Regierung mit der Etatsannahme an sich wohl zuftueden sein kann; selten hat sie bei ihren Forderungen trotz der ungünstigen Finanzlage soviel Entgegenkommen gefunden, das mit tem Marineetat verbundene Flottengesetz hat glatte Annahme' gesunden, und anch die Kolonialforterungen sind bewilligt worden, ttotz des Sturmes, der von interessierter Seite gegen das Programm Dernburgs wahrend der Kommissionsjitzungen entfacht worden war. Trotzdem wird niemand heute nach Schluß der Etalsdebatte ter Regierung eine gute Zensur ansstellen wollen, denn gerate in den wichtigsten uno mit dem Etat eng zusammenhängenden Fragen haben die leitenden Stellen versagt, ohne daß das Parlament in der Lage war, selbst die Initiative zu ergreifen und die bessernde Hand anzuleg^n. Die Reiaissinanzreiorm, die so dringend iiottut, ist auch in dieser Session zu Wasser geworoen, Schatzsekretär von Stengel ist darüber gestürzt, aileroings zu spät, als es nicht mehr möglich war, die drängende Arbeit durch seinen Nachfolger Sydow so zu beschleunigen, daß die Reform noch in dieser Tagung vorgelegt werden konnte. Freilich können der Negierung mildernde Umstünde zugesprochen werden, weil unter den Blockparteien die Ansichten über den Weg, den die Reform einzuschlagen hat, soweit auseinander gehen, daß ldie Einigung als völlig ausgeschlossen gelten mußte.^
Im preußischen A b g c o r d n e t e n h a u s e wurde die Sekundärbahnvorlage in 2. und 3. Lesung angenommen. Das preußische Herrenhaus beschästigte sich mit Etatsberatungen.
In einem Teile der Provinzpresse beschäftigte man sich in der abgelaufenen Woche mit den eigenartigen Verhältnissen in unserem Gießener Rc i chsta g s w ahl- kreise. Man Nnes darauf hin, daß'hier die führenden bürgerlichen Parteien sich in einer kleinlichen und lächerlichen Weise bekämpsten, zur Freude der Sozialdemokraten. Den Führern der bürgerlichen Parteien sechle die politische Schulung, und sie üver sähen es vor allem, daß der seit mehr als 30 Jahren von der Stabt Gießen aus gezüchtete Gegensatz ^wischest Stabten und Bauer die Schnlb an den unerfreulichen Verhältnissen in unserem Wahlkreise trägt. Diese Betrachtungen schließen mit dem Wunsche, daß die bisherigen Befehdungen aufhören möchten. Wandel könne nur geschaffen werden, wenn über die Mafe oer befangenen derzeitigen Führer hinweg einsichtige, politisch kluge Manner den Boden bereiteten, daß bei der nächsten Reichstagswahl von vornherein ein gemeinsamer. Deutschsozialer, in Stabt und Land angesehener wirklicher Politiker als Kandidat ausgestellt teerte Ansätze hierzu sei'n vorhanden. Dieser Zusatz hingt sehr vielversprechend und mar: erführe gern mehr hierüber, aber darüber schweig^ sich ter Verfasser jener Betrachtungen Leiber vollständig aus. Seine Wünsche wirb ja wohl jeder verständige Mensch aus bem bür-erfirben Lager teilen, aber feinem Optimismus zuzu-
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