Ausgabe 
28.12.1907 Drittes Blatt
 
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Nr. 804

Drittes Blatt

SamStag :48. Dezember 1907

6dd)ehti tL-Nch mti vuSnahme des Boiwtagfi.

General-Anzeiger für Gberhessen

157. Jahrgang

tRotahonfibrucf tntb fierlao bn Brüh lachen Unu>erhfät# Pud> ant w*Vtni>rudetei 8t Lange G'etzen.

Tte w®\tWx LamittenblStter" werden dem ,tinAftflere viermal wöchentlich beige/eqt, das Krdsblati fflt den Kreti Eichen" zweimal wöchenUich. Der ..helstlche Landwirt erscheint oeuulid) einmal.

Redaktion Expedition ant Dmdrrrt Schul- ftratze ? <Sipebihon ant #*<rtQQ c±q#> bl ^»daktwn:«« l lL £eL-tiU)t.

4?oLitijche Wochenschau.

Gießen, den 28. Dezember.

Weihnachten ist vorüber, und nicht ohne Wehmut ae denkt man des schönen Festes, von dem Adolf .Carnac! in einem geistvollen Artikel so trefjend sagt:An den Spitzen der Ueberlieserungen erscheint ihre Schönheit an den Wurzeln liegt ihre Wahrheit". Wer wünsche sich nicht daß diese Schönheit und Wahrheit in uns forlllingen und unser aanzes Leben veredeln möge? Da heißt es dann die richtige Brücke finden von der Festesstimmung zur Stimmung des Alltags mit seinen Sorgen und Plagen und seinen schreienden Kontrasten. Schon ein flüchtiger Blick an, die verschiedenen Ereignisse, die die Welt und den Einzelnci. augenblicklich beschäftigen, zeigt uns so viel Unharmonisches daß man zunächst daran zweifeln möchte, ob es überhaupt möglich ist, sich Menschen und Verhältnisse gegenüber seinen idealen Standpunkt zu bewahren. Insonderheit sind es die politischen Zustände der Gegenwart, die wohl manchen mit bangen Gedanken ersüllen. In der inneren Politil werden die großen Entscheidungen freilich erst nach Neujahr fallen, und bis dahin ist noch viel Gelegenheit geboten, zur Beseitigung von Dissonanzen beizutragen. Daß solche Gelegenheiten nicht verpaßt werden mögen, muß man vor allem dem Flotten verein wünschen. Im Interesse der friedlichen Lösung der Krisis im Flottenverein ist es darum sehr zu bedauern, daß der Vorstand der Abteilung Berlin des Deuts chenFlottenvereins durch seinen neuesten Beschluß wiederum einiges dazu beigetragen hat, die Gegensätze noch zu verschärfen. Wenn diese Angelegen­heit nur den Flottenverein selbst anginge, dann wär's noch nicht so schlimm, aber die Krisis im Flottenverein greife auch schon auf die deutsche Kolonialgesellfchaft über und erzeugt Mißstimmungen zwischen Nord und Süd. Selbst die konservative Kreuzzeitung entrüstet sich aufs äußerste über diejenigen Elemente im Flottenverein, denen es gleich­gültig sei, ob sie den Süden gegen den Norden aujhetzen und ob sie unter die deutschen Fürsten Zwietracht tragen. Er­freulich ist es unter solchen Umständen, daß nun der Kaiser selbst bemüht ist, die Parteien von weiteren übereilten Schrit­ten abzuhalten.

Besonders weihnachtlich-friedlich war im Grunde ge­nommen auch die letzte Sitzung der hessischen zweiten Kammer nicht. Die Regierungsvorlagen über die Vermeidung von Doppelbesteuerung und über die M- ünderung des Berggesetzes wurden zwar ohne Debatte angenommen, aber darnach kam dann doch allerlei zur Sprache, was die Gemüter erregte. Mehrere Abgeordnete stellten fest, daß die im preußisch-hessischen Eisenbahndienste angestellten früheren oberhessischen Eisenbahn-Fahrbeamten sich gegen früher schlechter ständen, während die Regierung im Gegensatz hierzu der Meinung ist, daß eine Schlechter­stellung nicht eingetreten sei. Von besonderem weitergehen­den Interesse war die Mitteilung Osanns, daß der nationalliberale Reichstagsabgeordnete Dassermann er­klärt habe, mit keinem Worte von seinem Standpunkte der Richtigkeit direkter Reichssteuern zurückgetreten zu sein. Das Gerücht von einer angeblichen Aenderung der Stellung des Führers der Nationalliberalen zu den direkten Steuern ' ist also unrichtig.

Bei der Besprechung der Ba hnVerhältnisse in Hessen führte ein Abgeordneter in der zweiten Kammer darüber Klage, daß die Wünsche Hessens in Berlin fast immer unberücksichtigt blieben.'

Mancherlei Klagen wurden Mich über die Stadtver- waltung von Bad-Nauheim laut, weil sie manchen be­rechtigten Wünschen gegenüber wenig Entgegenkommen zeige. Flecht eigentümlich berührte dann allerdings, das von einigen Abgeordneten ausgesprochene Verlangen nach freiem Eintritt Zu der Terrasse und mit Recht wies der Finanzminisier darauf hin, daß ein solches Verlangen mit der Würde eines Abgeordneten doch recht wenig zu vereinbaren sei. Wenn es sich um Besichtigung der Bauten handele, werde den Abgeordneten jederzeit Gelegenheit dazu geboten werden, «a

Etwas mehr Stolz und vornehmes Selbstbewußtsein möchtö man manchem unserer Abgeordneten wünschen.

Auck das Vereins- und V e r s a m m l u n g s r e ch t kam wieder einmal zur Verhandlung, ebenso die Errichtung einer Reformbildungsanstalt für Volksschulleh^er zu Lich.

Während der P r o z e ß L i n d e n a u noch vor den Feier­tagen zu Ende gegangen mar und den Angeklagten seiner verdienten Straje hat verfallen lassen, mußte der Prozeß Harden vertagt werden, und es ist noch sehr fraglich, ob er noch vor Neujahr beendet sein wird. Tie letzten Ver­handlungen in diesem Prozeß haben unter Ausschluß der OetfentüajLeit stattgesunden, und es verlautet, daß die letzten Zeugenaussagen für Harden nicht besonders günstig gelautet ltaten sollen.

Zwei große Prozesse nehmen gegenwärtig auch m Rußland das Interesse der Oesfentlichkeit in weit­gehendstem Maße in Anspruch. Im Verlause des Prozesses gegen Stössel haben sich eine ganze Reihe hoher russischer Generale als recht kleinliche Cha- rattere entpuppt. Angeklagte im zweiten Prozesse sind oie 169 Mitglieder der ersten R e i ch s d u m a, die in dem bekannten Wiborger Aufruf das Volk zur Verweigerung von Steuern und zur Entziehung vom M.litärdienst ausge- sordert hatten. Die Angettagten bekennen, daß ihre Hand­lungsweise nur als em politisches Kampfmittel angesehen weroen müsse. Sie hätten nur ihre Pflicht für das Volk erfüllt und würden für ihr Volk gern alle Strafen erdulden. An Seelengröße fehlt es diesen Männern also nicht, aber ihre Verurteilung i|i dennoch als sicher anzusehen.

In Persien hat der Schah angefangen, einzulenken und so noch in letzter Scurrde den Aufbruch der Revolution verhütet. Es scheint, daß der Schah allzusehr dem schädlichen russischen Einfluß nachgegeben und dadurch den Konflikt mit dem Parlamente yerau,beschworen hat. Neuerdings hat nun der Schah, wie es hcllßt, den russischen Einfluß zurückzudrängen versucht.

Die Erfahrungen Rußlands und Persiens bei Ein­führung der Konstitution will sich nun China zunutze machen. Nach einem Edikt des Kaisers von China soll auch das Reich der Mitte seine Konstitucion bekommen, aber ihre Einführung soll schrittweise erfolgen, nicht plötzlich wie seinerzeit in Rußland und Persien. Nähere Einzelheiten über dieses interessante Experiment im feniften Osten fehlen bis jetzt leider noch. E. A

Bvrsenwochenbericht.

Frankfurt a. M., 27. Dez.

Die Wellenbewegungen im wwlschaftlichen Leben lassen sich nicht aufhaltcn, wagen die Verbände und Syndikate auch noch so sehr darauf hinarbeiten ausgleichend zu wirken, das hat auch das jetzt zur 9ceige gehende Jahr wieder gezeigt. Wersen wir einen kurzen Rückblick auf den Verlauf desfechen, so finden wir, daß es sich nach dem mehrjährigen Aufschwung als eine Periode der Rückdämmung der wirtschaftlichen Strömung präsentiert. Di- Kräfte waren zu start angespannt, vielfach waren spekulative Ucbertreibungen unterlaufen nament­lich in Amerika, das führte zu einer scharfen Pressung auf dem internationalen Geldmarkt und diese Anspannung des Geid- m-arrtcs wirkte dann auch dämpfend auf die Industrie. Unsere Banken, bei denen die Kredit-Bedürfnisse sich konzentrieren, hallen die Gefahren frühzeitig erkannt, sie ließen es an Warnungen nicht fehlen, aber die Bedürfnisse ließen sich nicht leicht zurück­schrauben, denn die Industrie war noch immer flott beschäftigt und mußte die eingegangenen Engagements er.üllen. Ais Be­weis für den guten Gang der Industrie mag der starke Kohlen­verbrauch gelten, das Rheim sch-We st ful ische Kvh^en-L-ynDcktt war während des ganhen Jahres nicht ein einziges Mal genötigt, die Produktion ttnzujchränken, zeitweise konnte eS sogar den An- sorderungen nicht einmal gerecht werden, aber schließlich ließ sich die Abschwächung doch nicht aushalten, die Aufträge nahmen ab, Hand in Hand damit traten Preisrückgänge ein und honte ist be­reits allcnthat.ben eine Verlangfammung der Betrieve eüigetreten. Immerhin ist die Grundlage der Industrie noch heute so gesund, daß man sich von einer Verbilligung des Grwcs ein neue» Aufleben der.elben versprechen lönnte, aber die Aussichten für einen stärkeren Rückgang des LeihwerteS des Geldes und vorerst noch schwach. Die Bör,e, die bekanntlich den Ereignissen voraus-

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zueilen p,leat, hat einen Rückgang der Konjuullur bereits eS- komptiertr Banken Montan und andere Industrieiverte würben im Kurse teilweise scharf herabgesetzt. Man glaubt des­halb auch, daß für die Börse tm neuen Jahre eher bessere Zeiten kommen, doch wird man gut tun, seine E uv ar tun gen nicht besonders hoch zu schrauben. Die Geldverhältnissc stehen einer aufwär.s gerichteten Bewegung hemmend im Wege, ckllimogeld stellte sich hier aus 9°,o, Privatdiskonto vorerst noch auf 6% o/o.

Nachrichten lLvangelisftzc tz-emeiuoe.

Sonnlag den 29. Dezember 1 907: luller den

Ftt der Stttdtkirchc.

Vormittags 91/,- lltjv: Pfarrer Adolph.

Lu der Johauneslirche.

Vormittags 9'/, Uhr: Paiiamueiu Becker.

Abends ö Uhr: Piarrer A u s i e l d.

Dietl Stag den 81. Dezember, Silvester: Ju ver Stadtiirche.

Abends 6 Uhr: Parier S ci> w a b e.

In der Jol-ainieskirche.

Abends 7>/i Uhr: Parier Aus le Id.

M i t t rv o ch d e n l. I a n u a r, N e u j a h r: Kollekte t ü r ö i e A r m e n.

3u der StadMrchc.

Vormittags 9'/, Ugr: Piarrer D Schlosser.

Abends 5 Uhr: Piarrer S ch w a b e.

der ^ohannesUrche.

Vormittags 9% Uhr: Pairassluenl Becker.

Abends ö Uhr: Siehe Stadttirche.

Ter Gcmcillds wird hierdurch zur Kenntnis gebracht, daß, nachdem Herr Sparkassendireklor L£öring fern Amt als Rechner innerer Kirche nach über lnn'undzmanzigiährlger treuer und er- sprtcßllcher Tlenfl'iihrung nledergelegl Hal, an feiner Stelle durch biio'dt). Kieisamt Herr Rechuuugsrat A. Wilker, wohnhait Lud- wigiirabe öO, ernannt worben uu

c t-lls dkü ä>lüvLrslUicksrrdtflttü Lei ^sisvi tL-ltzrv. Aufgebote.

Dezember. 21. Max Xie betest "Alexander Hamann, Klaoier- techniker dahier, mit TZarie Johanna SJIavgarete Wlartm m Bühlau. 23. Adani Hahn, Unleroiftzier, mit Kalharine Wasjem, beide da­hier. 24. Philipp Gregorlus, Fuhrmann, mir Etkfabelha Weder, geb. Depp, beide dahier.

Eheschließungen.

Dezember. 21. Friedrich Bang, Rentner dahier, mit Diarie Behrens m Diagdeburg. 21. Willy Rathenow, Schlosser, mit Luise Pitzer, beide dahier. 21. Karl Gregorius, Jnslallaienr, nut Elsa Hellmann, beide dahier. 21. Hermaiin Rietberg, Sergeant, mit Johanna Häuser, bnöe dahier. 21. Ludwig &d)äier 11., Elsen- bobier, nut Jiisline Sparr, geb. Wiüller, beide dahier. 23. Johaiines Heinrich Selb, Barbier, nut Diana Reitz, beide in ©nmberg. 24. Dr. Isidor Äieyerhoff, prakt. Arzt in Rolheniels in Baden, Mit Frieda Lehmann dahier. 24. Paul Gerslenbauer, Oberkelllier, mit ärieda Diöller. beide dahier. 24. Ench Stutzenstem, Friseur, mit Lina Kircher, beide dahier.

Geboreuc.

Dezember. 17. Tem Tienslmnnn Christian Noll ein Sohn. 19. Tcm Tagtöhiier Franz Zmrg em Sohn, Karl. 21. Dem Heizer Karl Dielik em Sohn, Willi Karl. 21. Dem Eijendreher Karl Schinidt eine Tochter, Elisabeth. 22. Dem Kauimann Wilhelm Kart Felser eine Tochter. 28. Dem Taglohner Johannes Schmid! X ein Sohn.

Gestorbene.

Dezember. 24. Luise Rühl, geb. Klemmrath, 72 Jahre alt, Marktplatz 13. 25. Bugust Allhaus, 9 Monate alt, Tleienweg 13. 25. Albsrl Torr, 1 Jahr alt, Neuen Baue 7. 25. Christian Kalbfleisch, 2 Jahre all, Wallrorsiraße 67. 25. Adolf Staffel, 2 Jahre all, Afierweg 9.

in der Entwicklung oder beim Lernen zurück- bleibende Binder, sowie blutarme, sich mati* fühlende und nervöse ühetarbeiteie, leicht erregbare und iruhzeittg erschöpfte Erwachsene gebrauchen als Kräftigungsmittel grogem Ersolg Dr. Hommct's Haematogcu. D14/9

Der Appetit erwacht, die scrftigcu uud körpcrlicheu Araftc werden rmch gchoven, das t8ciamr-Mcrvcrstzstcm gestärkt.

Man verlange jebüdj auLdrüaUch das echte Dr. Howme^s Haematogeu und lasse uch keine der vielen Nachahmungen auneöen.

Hlcincs Feuilleton.

DasTheaterjahr1906/07inFrankfurta.M. Der Bericht der Intendanz des Schauspiels über das Geschäfts­jahr 1906/07 bezeichnet das finanzielle Ergebnis als günstig, obgleich es keinebemerkenswerten zugkräftigen Novitäten" gab. Die Intendanz der Oper stellt in ähnlicher Weise fest, daß das Jahr sich über alte Erwartung vorteilhaft gestaltet hat; wenn emch keine besonders erfolgreiche Novitäten auf das Jahres­ergebnis von Einfluß waren, habe das Abonnement wiederum einen bedeutenden Zuwachs erfahren. Tie Einnahmen im Schau­spielhaus 'betrugen 650 000 Mk. (30 000 Mk. mehr als veranschlagt), die Ausgaben 635 000 Mk.: die Einnahmen im Opernhaus 973000 Mk. (mehr 100 000 Mk.), die Ausgaben 1183 000 Ml. Tazu kommen gemeinsame Einnahmen und Ausgaben, so daß die Gesamt - Ausgaben 1 900 000 Mk., die Gesamt - Einnahinen 1650000 Mk. ausmachen. Ter Betriebsverlust beträgt 248433 M k. Von der städtischen Subvention im Betrag von 268 000 Mk. wurden also 19 366 Mk. nicht gebraucht und als Reserve zurückgeftellt. Die Erwerbung neuer Bühnenwerke kann jetzt nur unter Aufwendung bedeutender Mittel erfolgen. Der Gagenetat der Künstler wird immer höher. Die Gagen be­trugen beim. Opernhaus 785 200 Mk., Schauspielhaus 362 700 Mk.; Spielgeld 122 200:98 800; Gastspiele 26:700; 12 200. Es wird Aufgabe der Theaterleitung bleiben, so bemerkt der Vorstand der Gesellschaft, auch in Zukunft ein korrektes Verhältnis zwischen Ausgabe und Einnahme anzustreben unddiejenigen Ersparnisse einzuführen, die sich irgendwie als ausführbar hinstellen".

TerneueRubens"desStädel scheu Instituts zu Frankfurt. Die berühmte Gemäldegalerie Rudolf Kann zu Parisging für 20 Millionen Mark in den Besitz der Londoner Kunsthändler Tuveen Brothers über. Jedoch ist einRubens" dem Städelschen Institut der Vaterstadt Kanns zugefallen. Ueber die Persönlichkeit, die auf dem von Tirektor Dr. Swarzenski ausgcwühlten -Porträt eines alten Mannes dargesllllt ist, herrschen Meinungsverschiedenheiten. Während es nämlich im Kata­log der Kannscheu Sammlung als Bildnis des Prinzen Friedrich Heinrich von Oranien-Nassau (f 1647) ausgeführt ist, soll es nach anderen ein Porträt des Kaisers Matthias sein, während der fran­zösische Kunstttitiker Emil Michel erklärt, es l)andle sich ein­fach um das Bild eines Würdenträgers am flandri,chen Hofe.

Die Wanderausstellung der Erlcr'schen Wand- FrcSken int Wiesbadener Kurhaus. Tcke vielumsllillenen Wcuid- gemälde des Müiichener Malers Professor Fwitz Cwier im Wies­badener Kurhaus ziehen von neuem allgemeines Interesse auf sich, denn die in gleicher Größe gemalten Kartons werden wädrend

der nächsten Monate in einer Anzahl größerer Städte Deutsch­lands ausgestellt werden. Trotz der vielen Beurteilungen, bie Berufene und Nichtberufene den Gemälden schon haberi zukomuien lassen, ist das 'letzte Wort darüber noch lange nicht gesprochen; noch lange werden sie ein Streitobjekt bleiben, daß die Emen nicht hoch genug schätzen, die Anderen nicht genug herunter reißen können. Wie man sich aber auch dazu stellen mag, man muß zugeben, daß es sich hier um Werke von eminenter Kraft handelt, die zwar zuerst ob ihrer Kühnheit überraschen, die man aber nach ruhiger Ueberlegung unbedingt schätzen muß. Die meisten der abfälligen Beurteiler ereiferten sich gegen die eigenartige Farbe und die flächige Behandlung. D-abei bedachten sie wohl nicht, daß ein Wandgemälde nicht mit einem Taselgernälde verglichen werden kann, daß aüf Naturwahrh^it beim Wandgemälde nicht allzuviel Wert gelegt werden darf, daß cs sogar ein schwerer Fehler wäre, die Errungenschaften der impressionistischen Malerei auf die Wandmalerei zu übertragen, weil dann die Wand von der Malerei scheinbar durchbrochen würde, während sic doch nur damit geschmückt werden sollte. Tie Komposition der figurenreichen Bil­der hat dagegen fast allenthalben Anerkennung gesunden. Es handelt sich um allegorö'che Darstellungen:Vier Jahreszeiten" undJugend und Alter". Erker hat diese Themen mit neuen Ideen belebt und sich auch nicht gescheut, heutiges Leben zu ihrer Lösung heraivzuziehen. Tie erste umfangreiche Reproduktion mit 17 meist ganzseitigen Abbildungen dieser, unter allen Um­ständen hochint.ressantcn Firsten,' bringt das Januar-Heft der Darmstädter. KunstzeitschriftDeutsche Kunst und Tekoration" heraus. Die Wiedergaben werden noch durch Detailauf­nahmen der künstlerisch wertvollsten Partien der Kvmpositwnen unterstützt. Eingesührt und erläutert wird diese Publikation von Georg Muschner, aus bem alle wünschenswerten Aufschlüsse über die Fr.s"ken selbst, sowie über die in dem Hest ebenfal.s noch abgebildeten weiteven dekorativen Malereien Erlers zu entnehmen sind. Wir möchten auf dieses Heft ganz besonders ausmerffam machen, denn auch der übrige Inhalt steht hoch. Moderne Wol^ uungseiurichtungen (darunter ein reizendesJunges Mädchen"- Zimmcr) sind da vornehmlich sehenswert.

Im Verlage von Etzold u. Co. in München ist soeben erschienen: Jocza Savits, Von der Absicht des Dra­mas, dramatische Betrachtungen über die Reform der Szene, namentlich im Hinblick auf die Shakespearebühne in München. Zwei Teile: I. Innere Regie. II. Ueber Akteinleilung. In diesem Werke tritt Savits, der frühere verdienstvolle Leiter des Schauspiels am Hoftheater in München, für eVue durchgreifende Reform der heutigen Szene ein. Gegen die Vorherrschaft der sinnlichen Elemente vor den geistigen auf der heutigen Bühne,

gegen die übergroße Zahl der Statisten und Komparsen, gegen die ,Fußere Regie" überhaupt zieht Savits im ersten Abschnitt seiner Abhandlung zu Felde. Seine Waffen entnimmt der enthusiaflifche, mit einer wahrhaft leidenschaftlichen Kunstbe­geisterung Länipfende Fechter nicht nur seiner langjährigen Erfahrung, seine Ansichten gründen sich zudem auf einer tief angelegten Untersuchung über die Absicht und daS innere Wesen des Dramas. Durch Heranziehung einer reichen Literatur wird diese Abhandluncl auch zur Fundgrube für die Absichten der be­deutendsten Denker über das Wesen des Dramas und die Auf- aabcn der schauspielkünstlerischen Darstellung. Teo Ivette Teil der Aohanälung hat die Akteinteilung zum Gegenstu - xzie Neigung zur glanzvollen panoramatischen Ausstattung ber^ Szene wird bekämpft als Ursache der erheblichsten im heutigen Bühnenwesen herrschenden Mißstände. S. klagt über denun­heilvollen Einfluß des Theatermeisters", der den geistigen, finanziellen und künstlerischen Angelpunkt des ganzen Theaters bildet. Man wird dem Verfasser mit Fug und Recht entgegen hallen müssen, daß dann gerade Werke wie KleistsKatchen von Heilbronn" imb viele andere von klassischer Kunst uns für die Bühne überhaupt verloren gingen, zumal ihre obersten Reize gerade im Malerischen liegen. Auch eifert S. gegen die Zurecht- stutzung der Stücke für unsere Bühne, namentlich die S hake­l'pearebearüeitungen, wobei Goethes Stellung zu Shake­speare als Theaterdichter in interessanter Weise beleuchtet wird. Ten Mittelpunkt der Darstellung bildet eine Erörterung über den Stand der heutigen Schaulpielkunft unter eingehender Berück­sichtigung der psychischen Eigentümlichkeiten der Bühnenkünst­ler und des Wesens bet Schauspielkunst überhaupt; daran knüpfen sich Vorschläge zur Hebung des Standes der Schau­spieler. Ter modernen Ausstaltungsbühne mit ihrer Bevorzugung der Malerei, der Maschinerie, des äußeren Apparates stellt der Verfasser die Shakespearebühne gegenüber, die am Hostheater in München von 18891905 bestanden hat und deren Errich­tung und Ausgestaltung wesentlich Savits' Werk war. Interessante Erörterungen widmet der Verfasset noch der in den letzten Jahren in Mode gekommenen» sogenannten Drehbühne. Jeder Theaterfreund wird das Buch mit Interesse, wenn auch nicht ohne häufigen lebhaften Widerspruch, lesen.

Kleine Kunsich ronik.Ter große Tag", Schauspiel in fünf Akten von Heinrich Lilien fein (Dem Verfasser derMaria Friedhammer"), das mit starkem Erfolge am Dresdener Hostheater zur Aufführung gelange, wurde, wie uiis aus Berlin gemeldet wird, für das Hoftheater in Wiesbaden und die Stadttheatet in Koblenz mid Gießen angenommen.