Nr. 28S Viertes Blatt IS7. Jahrgang
Samstag 30. November 1907
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gießener Famlllenblatter" werden dem .Ulnsetflei* viermal wöchentlich beigetegt, das „Krdsblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchenUrch. Der ..yelffsche Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Rotationsdruck und Verlag der Br Üblichen UniversitälS ♦ Buch- und ©tetnöruderei.
9t Laag«. Gietzen.
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• Wodicnjctyau,
Gießen, 30. Nov. 1907.
Die parlamentarische Kampagne hat in diesem Jahre echt früh eingesetzt und an kurzem Geplänkel hat es bis etzt nicht gefehlt. Die Verteidigung wird der Regierung .uch in nächster Zeit nicht leicht werden und der Feldherr Zülow wird alle taktische Kunst aujbieten müssen, um den Insturm abzuschlagen und zu verhindern, daß die Mannen *er Mgierung ins Wanken geraten. Bei der' Interpellation lber die 2 e b e n s m i t t e l t e u e r u n g nahmen bemerkens- oerterweije die Freisinnigen eine sehr maßvolle Haltung in, ohne im übrigen ihren wirtschaftlichen Prinzipien un- reu zu werden. Ebenso bot die Interpellation über die lohen Koh len preise für die Regierung keinen Fall- ttstck, zumal sic augenblicklich kaum in der 2age ist, gegen tos Kohlensyndikat etwas zu unternehmen. Lebhafter wurde s int Reichstage bei der Einbringung des Etats und im üDgeordnetenhause bei der Polenvorlage. Die Lage ist etwas ubtil und es wäre wünschenswert, daß man von allen Zeiten an die Erledigung der schwebenden Fragen ohne Zeidenschast heranginge, um nicht zu einer noch größeren Serwirrmng beizutrageu, aus der kaum etwas ersprieß- iches für das Reich erwachsen könnte. Es wäre gut, wenn ini.gr" hitzige Organe sowohl auf der Linken wie auf der Rechten sich etwas mehr Mäßigung auferlegten und die Dinge in alter Ruhe betrachteten; wenn beispielsweise ein Drgan der äußersten Rechten gelegentlich der Veröffent- ichung der Börsennovelle und des Vereinsgesetzes tut, als oenn das Vaterland b*et Annahme der Vorlagen unrettbar »-erloren sei, oder ein freisinniges Blatt den unleugbar ;roße Fortschritte bringenden Entwurf des Reichsvereins- zesetzes als hoch reaktionär darstellt, so schaden sic da- >urch ihren eigenen Parteien. Das Gleiche gilt von der reuen Ostmarkenvorlage, die wegen ihrer großen Dichtigkeit erst recht eine ruhige Beurteilung erfordert. Darum tat auch Fürst Bülow recht daran, wenn er den Entwurf bei seiner Einbringung ohne alle Leidenschaftlichst behandelte. Mlerdings litt darunter der Eindruck der Rebe doch etwas, zumal auch Fürst Bülow sich, wohl zum -rstenmal im Parlament, ziemlich eng an sein Manuskript ;iel1. "Allseitig war man sich des Ernstes der Situation echt bewußt, denn sehr freudig geht niemand, auch auf der Rechten nicht, an die Vorlage heran, die die riesige Summe ron 400 Millionen Mark leider fordert. Bezeichnend ür die Solidarität der Polen ist die Interpellation iber die preußische Polenpolitik im österreichischen Ab ge or d ne t e n h a u s e gewesen. Daß der Präsident des österreichischen Abgeordnetenhauses eine der- rrtige Einmischung in interne Angelegenheiten eines anderen Staates zugegeben hat, ist das Bedauerlichste an diesem Vor- zange, der im übrigen nur den Eindruck machte, daß den Polen gegenüber Sentimentalität übel angebracht wäre. Hin- sichtlich des Enteignungsrechtes scheint die nunmehr vorgesehene Einsetzung eines besonderen Beirates, an dessen 'lutachten die Ansiedlungskommission gebunden sein soll, eine Brücke für eine Verständigung bilden zu wollen, und cs ist möglich, daß sich hierüber ein gangbarer Weg findet. Jedenfalls wird es aber nicht so einfach sein, eine Verständigung herbeizuführen; auch kann es als fraglich gelten, ob die gesamte geforderte Summe bewilligt werden wird, in einer Zeit, wo selbst in Preußen die glänzende Finanzlage vorbei ist, und für die geplante Erhöhung der Beamtengehälter neue Deckungsmittel gesucht werden müssen, über die sich die Thronrede, die auch nicht gerade ein Meisterstück genannt werden kann, in allen Tonarten aus- schweigt. Im Reiche wie in Preußen steht dem Fürsten Bülow ungeheure Arbeit bevor und er wird erleichtert aufatmen, wenn im Frühjahr alles glücklich hinter ihm liegen tollte.
Am gleichen Tage wie der preußische Landtag, am 26. Nov., ist auch der badische Landtag mit einer Thronrede feierlich eröffnet worden. Es war das erste Mal, daß der neue Großherzog von Baden zu den Vertretern
seines Volkes sprach. In tiefer Bewegung gedachte der Fürst seines kürzlich verstorbenen Vaters und gab dann das eierliche Versprechen ab, im Sinn und Geiste des Verewigten "eststehen zu wollen zu Kaiser und Reich und treu der Verfassung die Regierung zu führen. Bezeichnend für die Art des neuen badischen Fürsten ist die Anrede „Edle Herren und liebe Freunde", die er in der Thronrede gebrauchte.
Die badische Zweite Kammer hat inzwischen eine weit über Badens Grenzen Aufsehen erregende Aenderung erfahren, denn zum ersten Male seit Bestehen der badischen Verfassung ist ein Zentrumsmann, Rechtsanwalt Fehren- bach aus Freiburg, Präsident der zweiten Kammer geworden. Diese Wahl bedeutet zunächst, daß der aus Natwnalttberalen, Freisinnigen, Demokraten und Sozialdemokraten gebildete Block, der bisher die Majorität in der Kammer hatte, in die Brüche gegangen ist. Inwieweit man Schlüsse auf die fortschreitende Kierikcsiisierung des ehemals liberalen Viuster- ländchens ziehen kann, wird sich wohl bald bei den Kammerdebatten erkennen lassen.
Die großen parlamentarischen Ereignisse der Woche haben das Interesse an einem Vorgänge ganz zurücktreten lassen, der es an sich verdiente, beachtet zu werden. Es handelt sich um den außerordentlichen deutschen An walts tag, der in Leipzig zusammengetreten war. Man beschäftigte sich mit einer hochbedeutsamcn Frage, mit der Stellunanahme zur Abänderung der Gerichtsver,assung und der Rerchszivilprozeßordnung. Der letzte Deutsche Anwaltstag in Mannheim hatte den Vorstand des Deutschen Anwaltvereins beauftragt, die heutige Tagung einzuberufen, sobald der Entwurf der Reichsregierung über diese Materie veröffentlicht sein werde, um die Stellung der deutschen Anwaltschaft zu diesen ihren wichtigen Lebensfragen deutlich zu kennzeichnen. Bekanntlich sind die zwei bedeutendsten Aenderungen, die der Regierungsentwurs in Sachen der Gerichtsverfassung und der Zivilprozeßordnung vorschlägt, die folgenden: 1. Die Zuständigkeit des Amtsgerichts soll erhöht werden. Abgesehen von den Streitigkeiten, für die die Amtsgerichte ohne Rücksicht auf den Wert des Streitgegenstandes zuständig sind (Räumungs-, Alimentenklagen, Reisestreitigleiten, Viehmängelprozesse usw.), entscheidet das Amtsgericht jetzt über Streitgegenstände im Werte bis zu 300 Mk. Do Here Werte gehören vor das Landgericht. Der Gut tour f will eine Erhöhung der Zuständigkeitsgrenze von 300 Mk. auf 800 Mk. 2. Die Möglichkeit, gegen Urteile der Amtsgerichte Berufung einzulegen, soll beschrankt werden. Bisher ist Berufung gegen jedes Amtsgerichtsurteil zulässig, mag es auch über einen noch so geringen Wert ergangen sein. Ter Entwurf will die Zulässigkeit der Berufung durch einen den Betrag von 50 Mk. übersteigenden Wert des Beschwerdegegenstandes abhängig machen." Demgegenüber steht die Mehrheit des Deutschen Antoaltstand.es auf dem Standpunkt, daß die von dem Regierungsentwurf geforderten Aenderungen in Bezug- auf die Rechtspflege grundverkehrt und in Bezug auf den deutsche-,t Anwaltsstand geradezu verderblich seien. Eine entsprechende Resolution sand Annahme.
Recht ernste Besorgnisse haben die neuesten Vorgänge in Marokko hervorgerufen. Es haben wiederum recht blutige Kämpfe stattgefunden und die Marokkaner bedrohen sogar die algerischen Grenzen. Man kann sich also aufs neue auf unliebsame Ueberraschungen gefaßt machen, denn Frankreich wird es sich nun wohl nicht nehmen lassen, eine militärische Aktion in großem Umfange einzuleiten.
Reichsgerichtsbrief. (Nachdruck verboten.)
I. S. Leipzig, 28. November.
Die Beschädigung eines Ei senbaHufahrgastes durch ein während der Fahrt aus dem Gepäcknetze fallendes Paket gilt als Betriebsunfall.
Tie Klägerin eines Rechtsstreits, eine Frau B., fuhr am 9. Juni 1905 von Elberfeld nach Vohwinkel. Während dec Fahrt fiel ihr eine Pappschachtel von ungefähr 4 Psmtd Schwere auf den Köpf. Dadurch will die Klägerm neurasthenisch- leidend geworden feilt und verlangt von dem Eisenbahnfiskus nach Paragraph 1 des Reichspflichthaftgesetzes (Betriebsunfall) als
Schadenersatz eine jährliche Rente von 20ü0 Mark, sonne Ersatz der Heilungs- und Pflcgekosten. Die Klägerin stützte sich auch noch auf den Beförderungsoertrag.
Das Landgericht Elberfeld erkannte den Ampruch der Klägerin dem Grunde nach als gerechtfertigt an, indem es einen Betriebsunfall als vorliegend ansieht. Der beklagte Eisenbahn- fiskus berief sich darauf, daß die betreffende Schachtel nicht einmal von der Eigentümerin selbst über den Sitz der Klägerin gelegt worden war, sondern wie festgestellt, von einer fremden dritten Person und daß solche Unfälle unter den Bereich der „höheren Gewalt" fallen müßten, welche die Haftpflicht als Betriebsunfall ausschließe. Im weiteren machte der Beüagte noch eigenes Verschulden der Klägerin geltend. Das Oberlandesgericht Köln errännte jedoch auf Zurückweisung der Berufung, indem es die Voraussetzungen des Paragr. 1 des Reichshaftpflichtgesetzes als erfüllt ansieht und eine Entschuldigung des Beklagten als mefrt gegeben erachtet. Eine große Gefahr bedeute es schon, daß die Gepäcknetze über den Köpfen der Reisenden angebracht seien, und die Gepäckstücke in der Hast des Ein- und Ausfteigens gar nicht kontrolliert und auf ihre Größe und Schinere geprüft werden könnten. Höhere Gewalt liege nur vor, wenn etwas menichllch unmöglich abzuwenden sei, in diesem Falle hätte aber der Fiskus anberat Raum zum Unterbringen der Gepäcküücke schaffen, oder das Mitnehmen der Gepäckstücke in die Kupees verbreten können. Alle diese Umstünde, sowie das Rütteln der Elsenbahnwagen während der Fahrt, wodurch die Gepäckstücke aus der urwrüng- lichen Lage gebracht würden, weise auf die eigentümliche Gefahr des Eisenbahnbetriebes hin und müsse deshalb ein Betriebsunfall als erwiesen angesehen werden. Eigenes Verschulden der Klägerin könne schon deshalb nicht in Betracht kommen, weil selbst die ihr gegenübersitzenden Personen vor dem Herunterfallen der Schachtel nichts von einem Verschieben derselben gemerkt hätten.
Die vom Eisenbahnfiskus gegen das oberlandesgerichtltche Urteil eingelegte Revision blieb erfolglos'und wurde vom VI. Zivilsenat des Reichsgericht zurückgewiesen. , ,
»Meute Lagescqrouik.
Ein großer Schwindel ist in K a l s h e i m (Bayern) verübt worden. 'Der Schiltunachermeister Blaltner hatte von einer Ham- bitigcv Sottetic ein Los genommen und wurde verständigt, daß er den Haupttreffer gemacht habe. Bor 2 Tagen erschienen zwei Herren bei ihm, steckten sich als Vertreter der Lotterie-Gesellschaft vor und teilten ihm nvt, daß der auf sein Los emfadenbe Gewinn G 0000 Mark betrage, welchen sie ihm gegen Aushändigung des Loses und eine Provision von 10 000 auszahlten und verschwanden. Nunmehr stellte es sich heraus, daß der Schuhmacher- meister nicht GO000, sondern über 3 0 0 0 0 0 Alk. gewonnen hat und somit alio u m 250000 M k. geprellt wurde. Allem Anscheine nach ist aber das freche Schwiiidel-Draiiöoer mißlinigen, da eine behördliche Anfrage in Hamburg ergab, daß der Gewinn an die mit dem Los abgereisten Schwindler noch nicht ausgezahlt und durch gerichtliche Hinterlegung für den Schuhmachermeisier sichergeslellt ist.
Am 27. November sind in die Wohnung der Witwe Z o l a s zu Parts Diebe eingedrungen und haben eine Anzahl dem Ver- storbenen gehörende Gegenstände entivendet.
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in der Entwicklung oder beim Lernen. rürück- bleibende Kinder, sowie blutarme, sich matt- fühleirde und uervöfe überarbeitete, leicht erregbare und frühzeitig erschöpfte Erwachsene gebrauchen als Kräftigungsmittel nut grobem Erfolg Dr. Hommel's HaemaLogeu. !>"/»
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Man verlange jedoch ausdrücklich das echte Dr. Hotnmet S Hacmatogen und lasse sich keine der vielen dkachalimungen amrebem
Ganghofer als Dramatiker.
Marr schreibt aus D a r m st a d t, 28. 9iov.:
Ludwig Ganghofers neues Schauspiel „Sommernacht" hat gestern auj der hiesigen Hosbühne seine erste Auf- sührung erlebt. Nachdem vor einer Woche bei seiner Ur- ausiührumg in Wien eine wenig freundliche Aufnahme gefunden hatte, mochte die hiesige Einstudierung des Schauspiels als Wagnis erschein em; es war aber für die Darmstädter Bühne wesentlich ibgeändcrt und zusammengestrichen worden. Der Verfasser be- ichäftigt. sich mit dem Problem der Eheirrung und bemüht sich, sie: verständlich zu machen. Er hält aber nur die Zu,ck>auer im Baune, sie zu überzeugen, gelingt ihm nicht. Die junge Schloßherrin Gräfin Corona, die sich in _ einem verführerischen Gewand aus durchsichtigem Stoff, mit Rosen geschmückt, präsentiert, lernt während der sieben-wöchigen Abwesenheit ihres Gatben erfft die wahre Liebe durch den Junker S2baldus kennen und gibt föch in einer lauen „Sommernacht" ihm zu eigen. dessen kehrt die Sck-wester des Schloßherrn zurück, verlassen und betrogen von ihrem Gatten; doch diese versteht den „Kunitler in ihuv und in alles überwindender Liebe verzecht ste ihm. _ Ter Schloßherr merkt bet feiner Rückkehr sofort btc Untreue jeiner Gattin und will sie erwürgen, doch wird er durch den Gesang der ms Feld ziehenden Schnitterinnen milder gestimmt und als chm die Ungetreue gesteht, daß sie sich Mutter fühlt, vergwr er ihr. Der Verführer hat zudem auch bet seiner feigen Flucht durch einen Sturz von der Maner seinen >vod gefunden, ^as alles ist zwar höchst romanhaft, aber in edler Sprache da^ gestellt und in lyrischen BildeyTN ausgedruckt. Das Publillrm verl/ielt sich indessen ziemlich kühl jmö zeigte wenig Sympathie 'für das ganze Eheirrungsspiel. ^as Werk war Mit großer Liebe und Sorgfalt cinstudiert und totrilc auch szenisch sehr gut.
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— Ein Gesuch Goethes. Man schreibt uns: Eham> teristisch füc den geschraubten Stil w 171771 seinem (Mpfurft uni,Goetl e. das er am 28. Juli 1 < < 1, also seinem 22 Geburtstage, „an die Wohl- und Hochedelgebohrene, beste und hochgelchrl^ und Wohlfürsichtige, insbesondere hvchgebieteude und hockaelel'r! sie Herren Geritots-SchultlMß und ^choifen seiner Örßabt Sranffurt richtete, um „in den Nnmcrum dahiesrger Ao»o adorum^' oroinariorum lwch«efälligst an- und ausgenommen ' zu wttden ?°n „Eure Wohl- und .tzochedelgeborene Gestreng und »erriid rar richtete er seine Bitte, „deren Gewährung mir hoch. S anS GLtigkeit in der Ichrneichelhastesten v°if. nung oorausscl en 'läßt." Goethe will rorerst als Anwart seiner Michüram in 'iLrcn rechtlichen Angelegenheiten „an&anben ' gehen wnd jZ dadurch zu d n richtigeren Geichaften vvrbermtrn, du
„einet hochgebiethenden und verehrrmgswürdigen Obrigkeit mir dereinst hochgewillet auszutragen gefällig sein könnte. Wenn ich nur die voritoergehende, großgünstige Erlaubniß, obbesagten Bc- schäftigungen sich zu unterziehen erhalten sollte, so wird die olchergeftalt mir erwiesene hohe Gewogenheit im lebhaften Andienen, wie sehr es eine meiner fürnehmsten Pflichten dienen, wie wie sehr es eine meiner fürnehmsten Pflichten ehe, zeitlebens zu verharren Eure Wohl- und Hochedelgeborenen Gestreng und Herrlichkeit treugehorsamster Johann Wolfgang Goethe." — So schließt das Gesuch des Dichters. Zwei Jahre später schuf Goethe seinen „Götz von Berlichungen", und nach drei Jahren „Werther", Werke, die zu Vorbildern eines neuen Stils wurden.
— Die Ausgrabungen in Pergamon. In dem vouv d e n t sch en ar chao 1 v g is ch e n I nst i t n t in Athen aus- gegebenen Bericht über die Arbeiten zu Pergamon werden die sehr bedeutenden Ergebnisse der Ausgrabungen, in den Jahren 1904 'und 1905 niedergelegt. Reben den Professoren Conze und Törbseld hatten an den Arbeiten die Herren Kolbe und Hepding und die Architekten' Schazmann, Zippelius und Sursvs teilgenommen, lieber die 153 Inschriften und Fragmente von solchen, die bei den Grabungen gefunden wurden, berichtet em- aelend H. Hepding. ES sind 21 Stücke, die als Urkunden, Erlasse und (Sl^enberretc für Gymnasiarchen und Wohltäter, Verordnungen und bergt erkannt wurden. Fünf Inschriften be- zieben sich auf Weihungen, an Poseidon, Asklepios, Soter und an "die bisher unbekannte Göttin Eurvstia; es fanden sich ferner fünt Weihungen an Kaiser Hadrian und 66 Ehreninschriften zu Gunsten der Attaliden, einiger Regierungsbeamten und mehrerer pergamenischcr Bürger. Tie übrigen 55 Epigramme sind Aufschriften von Gebäuden, LNtären, Grabsteinen, eine Künfilerin- schrist nsw. Auch die E t n z e 1 f u n d e lernen wir durch Hepdings Beschreibung kennen. Wie groß muß die Zahl und die Pracht der Denkmäler gewesen sein, die hier Aufstellung gesunden hatten, wenn mau nur nach den zahllosen Fragmenten tchließen will, die aus den Schuttmassen zu Tage gefördert wurden. Furchtbar war die Zerstörung, die seit dem Rttttelalrer Platz gegriffen hatte und noch bis vor 25 Jahren währte, wo immer noch ganze Künsckverke in einen Kalkofen wanderten, bis Human etidttch diesem Vandalismus ein Ende bereitete. Von den Skulpturen sind erwähnenswert die Fragmente einer hellenistischen Kowssal- ftatuc, eines Herrschers, der Torso einer großen sitzenden Heralles- ftatne, Teile einer idealen JüngliugSfigur, mehrere gewandete Statuen, vielleicht von Männern, die sich um das Gymnasium üetbient gemacht hatten, das Bruchstück eines Reiterstandbildes, der Unterteil euter Poseidimstatue und mehrere Aphroditeftatu-
etten, ferner plastisch ausgearbeitete Konsolen des Attaloshauses,' Tischständer, Rankensriesstücke und bergt mehr. Endlich hatten sich gefunden mehrere Gerätschaften ans Stein und Metall-^Glas- und Tongefäße, Lampen usw. A. St.
— Der Sänger Theodor Bertram, der in Bayreuth einem Leben ein Ende gemacht hat, hat an seinen Stiefbruder in Berlin, Alexander Wellig, vor seinem Tode folgenden Brief geschrieben: „Üieber Alcrander! In Erinnerung an unsere Freundschaft schrieb ich Dir — über ein halbes Jahr ist vergangen — daß meine a n g e b e t c t c F r a u mir entrisse n wurde, und statt daß mein Schmerz nachgelassen hätte, ist er noch viel wilder geworden. Ich liebe Lotte heute, wenn es möglich ist, noch mehr als ich sie je liebte. Welch namenlose Sehnsucht mich nach ihr erfüllt, das können Worte nicht sagen; ich liebe sie rasend anb sichle, baß die Sehnsucht zu ihr mich zu einem Schritt treiben wird, den ich nicht bereuen werde. Ich habe auf der Erde nichts mehr zu suchen, mein Glück ist versunken. Nun bitte ich Dich nochmals, wenn etwas passieren sollte, so sorge, daß ich nach Holland zu ihr komme. Tas Grab neben t hr habe ich gekauft. Der Beleg i|t immer in meiner linken Brusttasche, und ich werbe auch basür sorgen, baß Geld darin ist. Zugleich bitte ich Dich, da ich den Tob nicht fürchte, nur das Lebendigbegrabensein, mir die Pulsadern öffnen zu lasten. Ich bitte Dich, diesen meinen Wunsch zu erfüllen; ich würde Dir tm Grabe keine Ruhe lassen. Lange habe ich gefamptt, aber mein Weib ist mir mehr als die Kunst unb alles was die Welt trägt. Sie war all mein Glück und machte mir das Leben lebenswert. Lebe wohl ich gehe zur Kirche und verlasse mich gegebenelisatts auf Dich. In acht Tagen habe ich entweder überwunden, oder — ich bin nicht mehr Euer und Dein Theo."
— Folgende originelle Haussprüche finden sich an alten Baiiernhofreiten in K l e i n - Li n d e n, von denen die eine früher eine Fuhrmannswirlschaft war:
„Wer will bei mir kehren ein, Ter muß fromm und züchtig, Nicht fluchen und nicht schivören Und nicht über sein Vermögen zehren/
„Der Kaiser will haben seinen Tribi.., Der Edelmann spricht: Ich habe Freigut. Der Pfaff spricht: Ich bin frei.
Der Jub treibt die Hanblerei.
Der Arme spricht: Ich habe nichts. Der Reiche spricht: Ich gebe nichts. Der Baue r spricht: Das Gott mög walten, Ich muß die andern all erhalten/


