Ausgabe 
27.11.1907 Drittes Blatt
 
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Nr. S79

157. Jahrgang

Mittwoch, 27. November 1907

Erscheint tSgNch mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener FamiNenblätter" werden dem Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das KrtUbkitt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Der ..hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheßen

Rotationsdruck und Verlag der Br üblichen UnwersttälS - Buch- und 6tetnbrudereL 9L Lange. Gießen.

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Deutscher Reichstag.

58. Sitzung, Dienstag, 26. November.

Am Tische des Bundesrats: Delbrück, v. Velsen.

Das Haus ist schwach besetzt.

Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 1 Uhr (5 Minuten.

Nach Annahme eines schleunigen Antrags der Sozialdemokra- en auf Einstellung eines beim Amtsgericht Mannheim gegen >en Abg. Lehmann (Wiesbaden) schwebenden Privat- Aageverfahrcns für die Dauer der Tagung schreitet man jut Verhandlung der

Kohlcnpreis-Jntcrpcllationen

)er Sozialdemokraten und der Konservativen.

Preußischer Handelsminister Delbrück erklärt sich zur sofor- igen Antwort bereit.

Molkenbnhr (Soz.): Hätte Herr Held nicht das Pech gehabt, ils Vertreter des Kohlensyndikats von diesem abgeschüttelt zu oerden, so würde er dieselbe Rede über die Kohlen halten können, oie gestern Dr. Roesicke über Brot und Fleisch, Wort für Wort. Der Redner geht auf die behördliche Lohnstatistik ein und erklärt ie für wertlos, weil sie die Ueberstunden nicht ersichtlich mache. Von )en 66 gewerklichen Berufsgenossenschaften betrage bei 27 der durchschnittliche Tage lohn weniger als 3 Mark. Wundern Sie sich >a über ungenügende Leistungen der Arbeiter? Sie degenerien sie al Der Redner bekämpft in langen Ausführungen die Syndikats- lolitik und fordert schließlich die Expropriation des Kohlenkartells md auch die des ebenso schlimmen preußischen Bergfiskus durch

Reich, ferner Beseitigung der Eisenbahnexporttarife, Einfüh- rnng des Maximalarbeitstages, Ausbau des Kanalnetzes usw.

Graf Kanitz^(kons.): Die hohen Kohlen- und Koksprcise lasten rls ungeheuere Schädigung auf unserer Industrie; und die jetzige rückläufige Bewegung ist nicht nur den Vorgängen auf dem Geld­markt zuzuschreiben, sondern auch auf die Kohlenteuerung zurück- .uführen. Aber ebenso lastet es auf oer Landwirtschaft und ihren l?ebenbetrieben. (Sehr wahr! rechts.) Die Ziegeleien können richt Kohlen heranschaffcn, sie müssen ihren Betrieb einstellen, kurz, cs ist eine allgemeine Kalamität. 20 Zechen haben fast % >er gesamten unter dem Syndikat stehenden Förderungsmenge und erteilen Dividenden von 11 Proz., zum Teil sehr viel höhere. Ich abe schon 1900 eine Abschaffung der Kohlenexporttarife gefordert; nfolge einer Resolution des Reichstags wurde der preußische Lan- oseisenbahnrat mit der Prüfung beauftragt und kam zu einem negativen Resultat. Jedenfalls treffen die damaligen Gründe nicht u für die ablehnende Stellungnahme, 'die jetzt wieder, Ivie ich öre, der Ausschuß des Landeseisenbahnrats mit 3 gegen 1 Stimme ingcnommen hat. Damals war eine rückläufige Konjunktur, aber etzt hat der preußische Fiskus für drei volle Jahre zu erhöhten breisen abgeschlossen. Ich habe auch einen Ausfuhrzoll auf Kohlen gefordert. Ich weiß, daß das im Bundesrat vielfach günstig auf- ;enommen wurde. Aber die Sache scheiterte lediglich an dem Widerspruch des Reichsamts des Innern; das heißt, man befürch- ete eine mißliebige Aufnahme im Ausland. Jetzt werden mehr rls 10 Millionen Tonnen mehr aus- als eingeführt. Wir be- 'ämpfen nicht die Syndikate, sondern ihre Ausschreitungen. Die Früchte sehen wir in Amerika. Möge die Regierung bei uns recht­zeitig von ihren Machtmitteln Gebrauch machen. (Beifall rechts.)

Preutz. Handelsmiuistcr Dr. Delbrück: Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Kohlenpreise augenblicklich hoch sind. Sie haben zwar noch nicht die Höhe der Preise in der Hochkonjunk- :ur der 70er Jahre erreicht, aber reichlich die Höhe der Preise in )er Hochkonjunktur von 1900. Sie haben aber noch nicht das nutz zur Beurteilung der ganzen Situation berücksichtigt werden die Preise des Auslandes speziell Englands erreicht. Die eng- ische Kohle ist heute in denjenigen Gebieten, wo sie mit der ein­heimischen Kohle konkurriert und wo sie billiger zu sein pflegt als siese, teurer als die einheimische. Das ist z. B. in Berlin der Fall. Es liegt auf der Hand, daß derartig hohe Kohlenpreise von vnten Kreisen der Bevölkerung, von der Industrie, von der Land- virtschaft unangenehm empfunden werden, aber am allerschwer- ten von den kleinen Konsumenten des Hausbrands. Selbstver- tändlich hat der Reichskanzler erwogen, ob und in welcher Weise hem Uebel dieser hohen Kohlenpreise begegnet werden könnte. ?s ist aber leichter, diese Frage aufzuwerfen, als sie in positiver Seife zu lösen. Wenn man wissen will, wie man den hohen lohlenpreisen entgegentreten soll, muß man sich doch etwas ge­nauer die gesamte Lage des Marktes und die Faktoren ansehen, üe diese Kohlenpreise bilden, denn allein die Profitwut des Kapi- als und der Geiz des preußischen Fiskus sind es doch nicht, die liefe hohen Preise Hervorrufen. Auch die Preise der Kohlen sind n erster Linie von den Produktionskosten abhängig, und in zwei­er Linie von den Verhältnissen des Marktes, von Angebot und Nachfrage. Und diesen beiden gesetzmäßig wirkenden Faktoren onnen sich auch diejenigen Produzenten und Händler nicht ent­liehen, die durch Syndizierung eine gewisse Monopolstellung ge- üonnen haben und dadurch in die Lage gekommen sind, für die Ge- nete, die sie beherrschen, die Produktion eventuell zu beschränken md die Preise in gewisse Höhe hinaufzurücken. Wie .steht es lun mit den Produktionsunkosten? Als feststehend kann ich wohl iinstellen, daß die Produktionskosten im Laufe der letzten Jahr- lehnte im dauernden Steigen begriffen sind, und daß in diesen leigenden Produktionskosten das Steigen der Betriebslöhne ein ehr erheblicher Bestandteil ist.

In normalen Zeiten produzieren wir in Deutschland nehr Kohlen, als wir im Inland konsumieren können; infolgedessen st in normalen Zeiten und in Zeiten niedriger Konjunktur unsere ^ohlenproduktion auf den Export von Kohlen ins Ausland ange- ntefen. Diese Notwendigkeit hat es bedingt, daß mit dem Aus- ande zum Teil langfristige Verträge wegen Kohlenlieferungen zu elativ niedrigen Preisen abgeschlossen worden sind, die zum Teil wch heute laufen. Das ist mit ein Grund, weshalb w i r zurzeit Sohlen in das Ausland liefern zu niedrigeren Sätzen als im Inland e. Das ist aber ein Zu stand, > e r tm Verschwinden begriffen ist. Soweit ich m- ormiert bin, ist die oberschlesische Kohlenkonvention schon daran, inen Zustand zu schaffen, wonach die Auslandspreise dieselben preise sind wie die Inlandspreise.

Unsere Kohlenproduktion ist seit dem Jahre 1900 bis 1906 )on 109 Millionen To. auf 137 Millionen To. gestiegen. Trotzdem st allerdings die Produktion der Nachfrage nicht vollständig ge- olgt, und wir dürfen uns darüber nicht täuschen, daß ton augen­blicklich und vorübergehend an einem gewissen Still st and der Produktion angelangt sind. Es ist uns im Laufe der letzten Zähre 1906 und 1907 im großen und ganzen nicht gelungen, die

werktägliche Produktion erheblich zu erhöhen, obwohl wir die Zahl der Arbeiter nicht unerheblich vermehrt haben. Die Leistung der Arbeiter und der Schichten ist herunter­gegangen, es fehlen zweifellos Arbeitskräfte, um die vorhandene Kohlenmenge so zu förbern, wie es erwünscht wäre. Aber auch andere Momente hindern uns, zur Zeit unsere Produk­tion zu steigern. Das sind einmal die unabwendbaren Folgen der Hochkonjunktur, die in einer Erschöpfung der Betriebe vielfach zum Ausdruck kommen, die Vorrichtungsarbeiten haben nicht in dem Umfange besorgt werden können, wie es in normalen Zeiten der Fall gewesen wäre. Das darf natürlich nur vorübergehend sein. Wir sind auch nicht in dem Maße wie England in der Lage, die Pro­duktion zu steigern, weil die Beschaffenheit unserer Flöze es uns nicht ermöglicht, in dem Umfange Menschenkraft durch Maschinen­arbeiten zu ersehen. Wir sind also nichtinderLage, Maß­nahmen zu treffen, die den augenblicklichen Kohlenmangel beschränken und damit eine Reduktion der Preise herbeiführen könnten, .... cs sich um eine Steigerung des Betriebes handelt.

Aber auch was die Kohle selbst betrifft, so kann man bei uns kaum von einer Ausfuhr sprechen, sondern nur von einer Verschiebung des Absatzes. In Deutscbland werden außer unserer eigenen Steinkohle und eigenen Braunkohle englische Kohlen gebraucht, die in gewisse Gebiete hereinkommen und dort mit unseren eigenen Kohlen erfolgreich konkurrieren. Dafür geht ein Teil unserer Kohlenproduktion von Südosten nach Oesterreich, im Westen nach Belgien, im Süden in, Heinen, Mengen nach Italien. Belgien gibt dagegen wieder einen Teil seines Kohlen- vorrats an Elsaß-Lothringen ab, Oesterreich exportiert, seine Braunkohlen nach der Lausitz. Wenn man zu einer richtigen Bilanz kommen will, so ergibt sich, daß der Ausfuhr eine Einfuhr von Braunkohlen gegenüber steht, die im Jahre 1906 etwa 8,4 Millionen Tonnen betrug. Der tatsächliche Ausfuhrüberschuß für Deutschland belief sich 1903 auf 2,6 Millionen Tonnen, 1906 nur noch auf 2,2 Millionen Tonnen. Der Ausfuhrüberschuß ist also heute ganz gering. Die Einführung eines Kohlen­ausfuhrzolles kann ich nicht empfehlen.

Die Frage, ob cs möglich ist, das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage durch tarifarische Maßnahmen etwas besser zu gestalten, kann jetzt noch nicht beantwortet werden. Der preußische Landeseisenbahnrat wird sich demnächst mit der Frage beschäftigen. Ich will nicht darauf eingehen, in welchem Umfange das Kohlensyndikat Bei der Festsetzung der Preise tatsächlich ver­ständige Grenzen gezogen hat. Die Probe auf das Exempel wird erst gemacht werden, wenn wir wissen, ob das Syndikat seine Preise nach der weiteren Konjunktur einrichten wird.

Ich muß es mir versagen, hier Rechenschaft abzugeben über Maßnahmen der Kgl. preußischen Bergverwaltung. Auskunft und Rechenschaft darüber kann ich nur im preußischen Landtage geben.

Es ist unrichtig, wenn Herr Molkenbuhr behauptet, daß der preußische Fiskus bei der Verwaltung seiner Bergwerke, lediglich von fiskalischen Gesichtspunkten des Gewinnes geleitet würde. Es ist unrichtig, wenn er behauptet hat, daß der Fiskus in der Aus­beutung und Ausplünderung seiner Arbeiter schlimmer sei als irgend ein anderer Arbeitgeber. Gegen diese Behauptung muß icß mit aller Energie Verwahrung einlegen. (Beifall rechts.) Wir sind in der preußischen Verwaltung ernstlich bemüht, berechtigte Forderungen unserer Arbeiter zu erfüllen. Wir sind auch weit davon entfernt, die Staatsbürger in ihrer staatsbürgerlichen Frei, Beit zu beschränken. (Beifall rechts und bei den Nationalliberalen, Gelächter im Zentrum und bei den Sozialdemokraten, Zuruf: Hüger!) Ich kann nur von der Zeit sprechen, in der ich die Ver­waltung geleitet habe. (Lachen im Zentrum und bei den Sozial­demokraten.) Ich habe für meine Person gegen diese Grundsätze nicht verstoßen. Ich muß mich ^rgegen verwahren, daß behauptet wird, daß die Reichsregierung geneigt wäre, die Bestrebungen irgend einer Klasse der Bevölkerung, die auf die Ausbeutung einer anderen Klasse gerichtet sind, zu unter ützcn. Das tun wir nicht, und ein solches Bestreben ist tatsächlich nicht vorhanden. (Leb­hafter Beifall rechts.)

Auf Antrag des Abg. Singer (Soz.) wird die Besprechung der Interpellation beschlossen.

Abg. Giesberts (Zentx.): Das Kohlensyndikat und das Stahlwerkskartell treiben mit ihrer Macht Mißbrauch zum Schaden der Arbeiter. Sie ziehen immer höhere Verdienste, ohne daran zu denken, die Lage der 'u&eüer zu verbessern. Wenn die Preis­politik der Syndikate darauf abzielen würde, technische Vervoll­kommnungen zu treffen und die Löhne zu erhöhen, so würden sie moralisch verständlich erscheinen. Die Oberscharrmacher im Ruhr­gebiet denken freilich anders. Sie haben völlig abgewirtschaftet. Der Redner bringt die Beschwerden der im Steigerverband organi­sierten Steiger zum Vortrag, u. a. wegen der unerträglichen Kon­trolle von oben.

Abg. Kämpf (fr. Vp.): Ich kann dem Grafen Kanitz beistim­men: 20 Millionen To. Kohlen nach dem Auslande billiger beför­dert, würde auch die Leutenot bei uns erheblich mildern. Aber im Gegensatz zum Grafen Kanitz verwerfen wir einen Ausfuhrzoll. An einen solchen Ausfuhrzoll in einem Artikel knüpft sich gar zu leicht ein solcher in einem anderen Artikel, und vor allem ver­werfen wir ihn wegen des schlechten Beispiels für das Ausland. Ich würde es sehr bedauern, wenn der preußische Landeseisen­bahnrat wieder zu dem Beschluß kommen sollte, die Ausfuhrtarife aufrecht zu erhalten; die preußische Staafsregierung sollte sich auch durch einen solchen Beschluß nicht abhalten lassen, diese Ver­günstigungen abzuschaffen. Im Falle der Not ist auch die Herab­setzung der Einfuhrtarife angebracht. Man gehe auf den fiskali­schen Werken den Privatwerkcn bei der Einflußnahme auf die Preisgestaltung mit gutem Beispiel voran. Gutes Zureden scheint nicht erheblichen Erfolg zu haben; der einzig wirksame Weg wäre, wenn die Staatsregierung auf den fiskalischen Gruben die Kohle zu billigeren Preisen abgeben würde als das Syndikat. Wenn auch durch die Fracht eine Verteuerung eintritt, so würde in einem kleineren Kreise die Kohle doch billiger werden. Mit geeigneten Verträgen zwischen fiskalischen Gruben und Händlern könnte da­für gesorgt werden, daß diese nicht den Gewinn dabei in die Tasche stecken. Die Syndikate können einen großen Segen ausüben durch Regelung der Produktion; können sie aber nicht Maß halten in ihrer Preispolitik, to-nn sind sie 'ztn berechtigter Faktor des öffent­lichen Lebens.

Dr. Stresemann (natl.): *?ie ein roter Faden zieht sich durch die Verhandlungen von gestern und heute der Gedanke, daß wir am Ende der Hochkonjunktur stehen. Damit steht unsere Stellung­nahme zur Interpellation in engstem Zusammenhänge. Bei sin­kender Konjunktur müssen sich die hohen Kohlenpreise für die In­dustrie noch viel drückender geltend machen. Unsere Fertigindu­strie ist viel zu vielgestaltig, viel zu sehr auf einzelne Spezialitäten eingearbeitet, als daß sie sich syndizieren könnte. Die Anziehungs­kraft der großen Zahlen führt zu einer irrtümlichen Identifizie­

rung der rheinisch-westfälischen Großindustrie mit der deiüschen Industrie, zu der falschen Annahme, als ob ihr Standpunkt in der Frage der Preispolitik, in der Frage der Tarifpolitik usw. der Standpunkt der gesamten deutschen Industrie sei. (Sehr gutl links.) Die Erklärung zur Frage der Kartelle war das einzig Positive in der Rede des Ministers. Herr Molkenbuhr hat sich sehr freundlich zu den Kartellen geäußert, Herr Kirdorf wird seine helle Freude haben. Wenn meine politischen Freunde auch der Meinung sind, daß die Regulierung der Produktion unter Umständen zur Verbilligung führen kann, namentlich auf dem Gebiet der Bewe­gung der Güter und der Erzeugung, Vorteile, die der Großbetrieb überhaupt vor dem kleinen Betrieb hat, so sind wir doch anderer­seits der Meinung, daß nameutlich bann, wenn ein Monopol sich geltend macht auf dem Gebiet der nicht vermehrbaren Güter, das ist der Grund und Boden in Deutschland, daß dann eine derartige monopolistische Körperschaft nicht mehr das Recht hat, lediglich auZ privatkapitalistischen Rücksichten ihre Preispolitik zu treiben, son­dern sich den Interessen der Allgemeinheit und des Staates unter^uordncn hat. (Hört, hort!) Das ist die einstimmige Ansicht meiner politi­schen Freunde. (Hört, hört!)

Gewiß haben wir auf dem Gebiete der KohleupreiSbilduug mit internationalen Verhältnissen zn tun, und wenn ich dem Haadels- rninister auch zugebe, daß im Auslande _ noch vielleicht größere Schwankungen stattgefunden haben, so muß die Bezugnahme hier­auf doch hinter das allgemeine Interesse zuriicktreten. Der HandelS- minister sagt, die Beurteilung der Preispolitik des Kohlen­syndikats wird davon abhangen, wie es sich verhalten wird, wenn wirklich die sinkende Konkurrenz sich eingestellt hat. . Aber der preußische Fiskus hat doch einen Vertrag auf drei Jahre zu noch höheren Preisen jetzt abgc'chlossen, also ist er doch nicht der Anncht, daß die sinkende Konjunktur auch bei den Polen sinkende Preise bringen wird. (Sehr gut!) Bei der Interpellation §lanitz im Abgcordnetenhause hat der Handelsminister gejagt: Hoher Bank­diskont und hohe Kohlenpreise sind der Regulator der Kon­junktur und wirken einer unangemessenen Höhertrcibung der Konjunktur entgegen; das sieht so. zwischen den Zeilen aus, als ob er eine hochgehende Konjunktur für ein Unglück hält; als volkswirtschaftliches Erziehungsmittel möchte ich die Erhöhung des Bankdiskonts doch ablehnen. Wir beziehen im Königreich Sachsen ganz außerordentliche Quantitäten böhmischer Braunkohle und ebenso auch aus Schlesien. Graf Kanitz würde sich, wenn er dafür sorgen wollte, daß der Rumpfkanal toeiter bis zur Elbe geführt wird, den Dank der sächsischen In­dustrie erwerben, die heute den Bedarf nicht decken kann. Wir emp­finden es allerdings sehr bitter, daß wir für die Fracht der Kohlen in Deutschland mehr zu bezahlen haben als diejenigen, die aus dem Ausland Bestellungen bei uns machen. In den weitesten Kreisen des Volkes bedauert man, daß die Regierung, trotzdem die Lage schon lange brennend ist, sich nicht gerührt hat. Bei einem etwaigen Kartellgejetz sollte der Minister sein Augenmerk auch insbesondere auf fo'genbe Gesichtspunkte lenken. Der Verband der sübbeutichen Industriellen hat vor kurzem erst ein Rundschreiben an seine Mit­glieder erlassen, um festzustellen, daß das Syndikat in fast allen Fällen verlangt hat, daß die Abnehnrer ihren Bedarf nur bei i h m decken. Wenn man nicht in der Lage ist, den inländischen Bedarf zu decken, dann ist ein solches Verlangen eine Anmaßung. Aehnlich verfährt das Syndikat auch in bezug auf die Rücktrittsbedingungen. Der Redner schließt mit der Bitte, insbesondere durch tarifarische Maß­regeln recht bald der Kohlennot entgegenzutreten. (Lebhafter Bei­fall auf allen Seiten des Hauses.)

Der Redner spricht im übrigen in ähnlichem Sinne wie Giesberts gegen das Syndikat, verlangt Aufhebung der Ausfuhr­tarife, Verstaatlichung des Bergbaus und Beiwohnung eines Ver­treters der Staatsregierung bei allen Beratungen der Syndikate.

Abg. Behrends (Lr.-soz.): Diese Rede des Vorredners muß erstaunen nach der Rede, die sein Fraktionsgenosie Hirsch am 2. Mai d. I. bei der Beratung der Interpellation Kanitz im preußischen Abgcordnetenhause gehalten hat. (Hue ruft: Das war im Abgeordnetenhaus I)

Abg. Dr. Höffe! iRp.): Es sind nicht normal» Zustände, wenn wir an Kohlenmangel leiden und tätlich zahllos Kohlenzüge nach der Schweiz abgehen. Durch die Syndikate sind große Auswüchse entstanden, die beseitigt werden müssen. Ausnahmetarife haben heut keine Berechtigung mehr. Daß eine Kohlennot besteht, wird niemand bestreiten. In dem jetzigen gesetzlichen Zustand liegt eine unhaltbare Härte.

Abg. Gothein (freif. 93g.): Ich warte immer noch darauf, daß Herr Spahn uns aus seinem geheimnisvollen Schreib­tisch den K a r t e 11 g e s e tz e n t w u r f hervorbringt, den er uns vor 6 Jahren versprochen hat. Es besteht weniger eine Kohlennot, als vielmehr ein Kohlenmangel, der durch eine Kohlenangst hervorgerufen worden ist, weil die Zeitungen beunruhigende Nachrichten brachten. Die Ausfuhrtarife müssen abgeschafft und billigere Einfuhrtarife nach Art der Nohstofflarife eingeführt werden. Je mehr die Konkurrenz eingeschränkt wird, desto gefährlicher ist die Ausfuhr. Sie kann schließlich zu dem Zwecke erfolgen, eine Kohlenknappheit im Jnlande herbei- zuführen. Das Kohlenkontor hat die Konkurrenz tatsächlich aus­geschlossen, sodaß es die Prei'e einfach diktieren kann. Man kennt die Preise ja garnicht einmal. (Sehr wahr I) Unzweifelhaft sind die Selbstkosten sehr gestiegen. Die Löhne sind gestiegen (Lachen der Soz.), aber nicht in dem Maße, den die Ver­teuerung der Lebensrnittel notwendig macht. Der Gewinn des Kohlen- produzenten geht jedenfalls über den regulären Gewinn weit hinaus. Auch ohne Syndikat würden wir bei der Kohlenlnappheit hohe Preise haben; worauf cs aber hier ankommt, ist, daß die Preise auf längere Zeit festgelegt werden. Die Regierung erinnert mich an die Geschichte von der erfahrenen Dienstfrau: sie brauchte kein Thermo­meter; sie wartete einfach ab: wurde das Kind im Bade blau, bann war das Wasser zu falt, würbe es rot, so war es zu heiß. So wartete auch die Regierung, ob die Konsumenten^ blau oder ro' werden. (Heiterkeit.) Im wirtschaftlichen Rückschlag fins wir. schon mitten brin, er droht nicht erst; und wie wir ihn überstehen, das hängt sehr viel davon ab, ob die Industrie ihre Rohstoffe, ins­besondere ihre Kohle billig beziehen kann. Der Bergfiskus hat für Konkurrenz zu sorgen, um ein normales Preisniveau herbeizuführen. (Beifall.)

Ein Vertagungsbcschluß bricht die Aussprache ab. Der Präsident stellt fest, daß der erste Schwerinstag erst nach der Etatsberatung stattfinden soll.

Singer (Soz.) verlangt, daß die Schwerinstage dann aber eingehalten werden.

Mittwoch 1 Uhr: Müller st iftung, Versicherungsver­trag, Sicherung der Bauforderungen, Wechselprotest.

Schluß 6% Uhr.