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3.8.1907 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt

Erscheint tägllch mit Ausnahme des Sonntags.

DieSiebener FamMenblStter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchonttich beigelegt, das Krdsblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. DerHesstfchs Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.

Redaktion. 112. Tel.-Adr.:Anzetger6Sießen«

Samstag 8. August 1907

Rotationsdruck und Verlag der Br üblichen WV Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

dis hinter Heringsdorf, machte dort einen Spaziergang und kehrte nach derHohenzollern" zurück. Der Kaiser lvurde überall stürmisch begrüßt. Admiral Graf Baudissin, General von Jacobi, Attachs in Petersburg, und Oberst von Plüskow vom Alexanderregiment sind hier eingetroffen.

Die AVonarchenbegegrmng vor Swinemünde.

Berlin, 2. Aug. DieNordd. Allgem. Ztg/ schreibt: Als willkommener Gast trifft morgen Kaiser Nikolaus von Rußland vor Swinemünde ein, um mit unserem Kaiser einige-Tage freundschaftlichen Beisammenseins zu verleben. Indem der Zar eine Fahrt in die deutschen Gewässer unter­nimmt, erwidert er den Besuch, den Kaiser Wilhelm im Juli des Jahres 1905 dem Herrscher des befreundeten Nachbar- reiches m den finnischen Schären abgestaltet hat. Die Be­gegnung entspricht einer alten, von beiden Seiten gern geübten Gepflogenheit. Sie bringt aufs neue die Freundschaft zum Ausdruck, die beide Monarchen als Vermächtnis ihrer Vor­fahren überkommen und treu bewahrt haben. Die Swine- tuünder Tage werden vornehmlich dem persönlichen Verkehr dienen. Bestimmte politische Zwecke haben bie Zusammen­kunft nicht veranlaßt. Es liegt somit für niemanden ein Grund vor, die Begegnung der Monarchen mit Argwohn oder Mißtrauen zu beobachten; in Deutschland begrüßt man mit Befriedigung in dem Besuch des Zaren die Bekundung der herzlich en Bezieh ringen zwischen den beiden Herrscherhäusern und den beiden durch viele Interessen miteinander verbundenen Neichen. Wir wissen uns im Ein­klang mit den Empfindungen des deutschen Volkes, wenn wir der Monarchenbegegnung einen glücklichen, ersprießlichen Ver­lauf wünschen.

Swinemünde, 2. Aug. In später Nachmittagststunde wurde bekannt,l daß die Monarch en-Begegnung schon morgen, Sonnabend mittag, zwischen Swinemünde und NiSdroy stattfirkden wird.

Stettin, 2. August. Wie die Stettiner Neuesten Nachrichten aus Swinemünde melden, wird Fürst Bülow bis Montag in Swinemünde bleiben. Der Post­verkehr mit der Hohenzollern ist äußerst stark. Mit dem Postarnt ist das Schiff durch drei Leitungen verbunden. Es besteht die Absicht, bei nördlichem Winde die Kaiserjacht Standard nach Swinemünde zu schleppen, wo sie den gegenwärtigen Ankerplatz der Hohenzollern einnehmen soll. Zur Ueberwachung deS Bollwerkes wird morgen in Swinemünde eine große Anzahl von Schiffahrts-Schutzleuten aus Stettin erwartet.

Swinemünde, 2. Aug. Der Kaiser hatten gestern nachmittag nach dem Eintreffen des Fürsten Bülow eine längere Unterred ung mit diesem. Der Kaiser war sehr lebhaft und schien bei bester Laune zu fein. Der Fremdenz« ström wächst von Stunde zu Stunde. Die Hotels sind überfüllt, alle Restaurants besetzt. Auf den Straßen herrscht ein großstädtisches Treiben. Die Flotte hat sich genähert, ist auf der Reede erschienen und hat Anker geworfen. Prinz Heinrich befindet sich an Bord der Deutsch­land, Prinz Adalbert an Bord des Friedrich Karl.

Der Kaiser durchfuhr an Bord desSleipner" die Reihen der in dreireihiger Marschsormation eingelansenen Flotte und ging dann an Bord der , Deutschland", wo er im Gespräch mit dem Flottenchef bis 11 Uhr 30 Minuten verweilte. Um 11 Uhr 45 Minuten kehrte der Kaiser an Bord derHohenzollern" zurück.

Der Kaiser unternahm mit dem Reichskanzler und dem Staatssekretär des Reichsmarineamts, sowie den Herren der Umgebung heute nachmittag eine Auto m ob ilfa h rt

Zur Lage in Marokko.

Piiart s', 2. Aug. DemTernpS" wird aus« Tanger gemeldet, daß der Onrel des Sultans, Mulay el Anim, Befehlshaber der i,n der Nähe von, Casablanca lagernden Mah-alle auf eigene Faust den Gouverneur der Stadt abgeseht und an seine Stelle provisorisch den Ksaid des benachbarten Stammes der Ulad Hariz ermannt hat, und der letztere erklärt, daß er die Ordnung dann wieder Herstellen könne, wenn ihm die Konsuln Deutschlands und Englands amtlich verbürgen, daß französische Truppen die Stadt oder deren Umgebung nicht bombardieren werden.' Dem Temps" wird ferner gemeldet, in Casablanca stehe der Pöbel tauf 'Seiten der Unruhestifter. T-ie übrige Bevölkerung fei jedoch sehr erregt über die Vorzüge, ste Menge Vergeltungsmiaßregeln seitens Frankreichs befürchtet. Seit Euro­päern sei gesagt worden, daß sie nach der Älbfahrt der Franzosen nichts mehr zu befürchten hätten, da die ganze Bewegung nur gegen letztere gerichtet sei. Es sei in der Tat festgeftellt worden, daß die Angreifer es hauptsächlich auf die Franzosen und die franMsche Hasenbauunternehmung abgesehen hatten.

Die Ägence Havas meldet mit größtem Vorbehalt ans Algier, daß dort eine auS Oran stammende Meldung umlaufe, wonach die Staatsbank in Tanger beraubt und daß ein englischer Konsul zwischen Tanger und Elks,ar gefangen fortgeführt worden sei.

ganger, 2. Aug. Der Reuterkorrespvndent erhielt von Raisuli einen Bries, in dem es heißt, er wolle durch Vermittelung eines Korrespondenten in Verhandlungen mit der eng­lischen Gesandtschaft eintreten. Raisuli erwähnt wieder­holt, er habe Mac Lean gefangen genommen, weil er ihn nicht für «aufrichtig gehalten habe.

London, 2. Äug. Aus Dangcr wird gemeldet, man fürchte, daß m e h r E u r o p ä e r, als man zuerst glaubte, in Casablanca ermordet worden seien. Äugenzeugen beschreiben die Szene als schauerlich. Die Opfer wurden gesteinigt und vom Pöbel vor den Angsn der Europäer gräßlich verstümmelt, wäh­rend die mtaurischen Weiber aus den Dächern vor Fnende kreischten. Der britische Dampsjer ^Wibelrnnsa" brachste« 46 weiters Flücht­linge nach Tanger. Er fuhr Mittwoch aoend 6 Uhr ans Casw- b'lanca ab; eL hatten weiter keine Ausbrüche stattgefunden.

Paris, 2. Äug. Minister Pi chon hatte heute mit dem .aus Rambouillet eingetroffenen Präsidenten Falliöres eine längere Besprechung über die Ereignisse in Casablanca; sodann richtete der Minister des Aeußeren eine lange Depesche an den in Karlsbad weilenden Ministerpräsidenten, um mit ihm alle Maßnahmen zum Schutze der Franzosen in Marokko sowie die dem Maghzen gegenüber zu beachtende Haltung zu vereiw- haren. Gerüchtweise verlautet, daß die französische Regierung unverzüglich Befehl erteilen wird, in Casablanca Marinesoldaten zu landen. Die heute nacht aus Toulon abgegangenen Kriegs- schiffe dürften sich auch nach Rabat und Adogadar begeben, wo gleichfalls eine starke fiemdenfeindliche Bewegung herrscht, um nötigenfalls durch Truppenabteilungen die dort ansässigen Fran­zosen zu schützen. Man glaubt hier nicht, daß diese Vor­kehrungen auf irgendwelche diplomatische Schwierigkeiten stoßen werden. Tie Aufnahme, welche die französische amtliche Mit- teilung überall, insbesondere in Berlin, gefunden hat,-wird als Beweis dafür angesehen, daß Frankreich diesinal auf tat­kräftige Unterstützung seitens aller interessierten Mächte rechnen könne.

Die gesamte Presse beschäftigt sich eingehend mit der marokkanischen Angelegenheit. Alle Blätter stimmen darin überein, von der Regierung ein sofortiges energisches Ein­greifen zu v er lang en. Aurore schreibt: Alle Mächte wer­den hoffentlich einverstanden sein, eine sofortige Sühne für den Massenmord zu verlangen. Alle Mächte sind an der prompten Bestrafung der Schuldigen interessiert. Petit Republigue sagt:

immer Stätte Schon

Gliniiermigen an Kießen.

Nachdruck verboten.

^Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit Klingt ein Klang mir immerdar, O wie liegt so weit, o wie liegt so weit, Mas mein einst war!"

Diese Verse des Rückertschen Volksliedes summen mir mit ihrer trauten Melodie in die Ohren, wenn ich der gedenke, wo ich meine Schul- und Studentenzeit verbrachte, über 50 Jahre sind es her, als ein mit Kinderwiege, Blumen­stöcken und Kanarienvogelkäftgen überladener Möbelwagen vor­dem Hause des Schlossermeisters B. in der Neuen Bäue auf derselben Fassade, wo sich die weiland berühmteKrachenburg" vornehm nach hinten beugte, von Frankfurt kommend, hielt und die Siebenfachen auslud, die dem neuen Gießener Polizeikominissar gehörten. Damals war ich ein fünfjähriger, noch nicht schul­pflichtiger Knabe. Zwar hatte ich schon einen kleinen Vorschmack von einer Frankfurter Kleinkinderschule, der eine würdige Ma­trone vorstand, und die wir morgens immer mit dem Singsang: Bonjour, Madame Röner, dormi bien?" begrüßten.

So vorgebildet zog ich in der altehrwürdigen Musenstadt Gießen ein, wo mich die Valckenberg-Schule in der Mäusburg, später das Rothsche Institut auf dem Neuen­weg, und bann die Steinmetz-Schule, derKrachenburg gegenüber, später zur Bocksch en Tabakfabrik um gebaut, empfing. Wie lebhaft erinnere ich mich noch der damaligen Lehrer, des derben Mathematiklehrers R., des mädchenhaften M., des langen Sprachlehrers mit der knochigen Hand und vor allein des salbungsvollen Direktors. An feinem Hochzeits­tage wurden wir mit Maiwein und Kuchen traktiert, und neu­gierig verfolgten wir die Entwickelung seines ehelichen Lebens. Morgens wurde der Unterricht mit einem Choral, Gebet und Ansprache eröffnet, und es war wohl noch in der Zeit seiner Flitterwochen, als er seine Predigt zur Osterzett, ohne Zweifel unter dem Einfluß seiner zärtlichen Gattin stehend, mit bem begeisterten hpsus linguae begann:Johanna m der voy . Schon damals entwickelte sich auch der jugendliche Mutwille, wenn wir die Zeichenvorlagen zu Karikaturen verhunzten und den Mist von den täglich aus Gießens Häusern auSfletnebenen Hammeln auflasen, um damit die Tintenfässer vollzmeilen, schon damals zeichnete sich mein Schulkamerad E r n ft Eck ft ein durch seine losen Streiche aus, die er nacymals in feinen Gymnasialhumoresken verewigte; beim vom Steinmetz)chen Jn^ ftitut traten wir in die Quarta des Gymnasiums ein. xort war der glatzköpfige Dr. H. unser Ordinarius, der die Eigenheit hatte, gerne in Knittelversen -u sprechen, ia uns ^ar olche als Exncitia pro loco diktierte, z B.Heinrich, was machst du? - Schläil du oder wachst du?" Wenn er nieste, so daß sein kahler Nordpol erschütterte und die Wände zitterten, dann riefen wir im Chorus::Jubemus le valero!" morauf er, das Jndianer- gebrüll abwehrend, antwortete:Et jubeo vos tacere! Noch erinnere ich mich, als wir ihm von Wieseck eine Martinigans zum Äescheni bringen wollten, daß er sie trotz feines spärlichen Ge­

haltes mit sittlicher Entrüstung wie eine captatio benevolentiae zurückwies. Sein einziges Auffatzthema war:Was ich in den Ferien trieb?", worin dann raffinierte Schüler, wie Ernst Eck­stein, ihm von häuslichem Fleiße vorlogen, daß sich die Wände bogen. Schon strenger faßte uns der Ordinarius der Tertia, der Homeriker R. an, der uns gleich 50 Verse Homer auf einmal aufgab, die wir mitZaubers" Hülfe so hieß der Spicker herausbekamen. Ein Schrecken für uns war seine griechische Grammatikstunbe mit damit verbundenen Uebersetzungen aus bem Uebungsbuch von Mehlhorn (Mehlwurm" nannten wir ihn). Glücklicherweise hatte er einen weiten Weg von seinem Wohn­haus auf dem Seltersberg bis zum Gymnasium auf bem Brand und verspätete sich in der Regel. In dieser Wartezeit herrschte die tollste Ausgelassenheit bei uns, die ihren Gipfel beim Aus­ruf des Wachtpostens:'Ep/eratl14 h. h.Er kommt!" ertönte, Dann schlugen wir uns knallend die verhaßten Grammatiken von Krüger und Uebungsbücher vonMehlwurm" auf die Köpfe, bis sich keuchend der Homeriker näherte. (Sinntal stand ihm norm Eingang des Schulhofs ein Wagen im Weg, aber mit einem kühnen Satze, feinen Degen unter den Arm nehmend, damals trugen die Großh. Hess. Gymnasiallehrer ebenso wie alle übrigen Staatsbeamten eselsgraue Uniformen mit der nötigen Equipierung sprang er über die Wagendeichsel, erschien bald darauf an der Türe mit keuchendem Ausruf:Gib mir mal die Bücher: den Mehlhorn und den Krüger!" Er ließ sich in feiner Haft nicht einmal die Zeit, den Degen ab^ufchnallen, was andere bequemere Herren taten. Ich kann mich erinnern, daß der derbe Zeichenlehrer D., dem wir auch, um feine Gunst zu erhaschen, Schmetterlinge für feine Sammlung brachten, aus Vergeßlichkeit einmal seinen Degen in der Ecke stehen ließ und wir aus MutwUlen die Klinge ziehen wollten, aber es war gar keine drin; sie war unter dem Griffe abgebrochen. Pein­lich und pedantisch war bei bem gestrengenHenrich" die wort- getreue Homerübersetzung mit all den kleinen Partikeln und der eigenartigen Wortstellung, wie wir es in selbstfabrizierten Hexa­metern nachmachten, z. B.Wächter der Nacht, inbezug, auf das Feuer, sag mir, wo ist es?" Die darauf bezügliche zynyche Ant­wort des Nachtwächters kann ich leider nicht wiedergeben. Eme derbe Figur war unser Mathematiklehrer D., der den Spitznamen Kaffer" hatte. Mit dem Rus:Allez, vite, vite, wacker, N. komm einmal an die Taftl!" zitierte er uns und machte lernand einen Fehler, kommandierte er:Halt einmal die Gaule an. Herrschte im Klassenzimmer noch so ein dumpfes Stimmengebrause, so konnte er fuchsteufelswild werden und schrie mit krebsrotem Gesichte: Wenn ich gebrummt haben will, stell' ich mich daheim zu meine Ochse, da weiß ich, wer brummt!" Eine große Verehrung hatten wir für unseren Geschichtslehrer Professor S., der \ einer Beleibtheit wegen den SpitznamenFettschwanz hatte; er hielt uns in der Secunda und Prima einen förmlich freien arabem. Vortrag, bei bem die größte Andacht herrschte. In anderen Stunden kam er fteilich bei seinen Exkursen ost vom hundertsten ins Tausendste, und dann war es . ihm einerlei, ob das Pensum erledigt wurde oder nicht. Kam einmal trotz allen Respekts eine 'Störung vor, bann diktierte er immer als Strafe 50 Verse zum

Man darf nicht, wie dies manche Biättcr wollen, voreilig D e u t s ch l a n d b e s ch n l d i g e n , die Zwischenfälle berbeigesührt zu haben. Ein solches Vorgehen sei Unrecht. Solcil schreibt: Die Vorgänge bei Casablanca sind eine Herausforderung ganz Europas und speziell Frankreichs.

London, 2. Aug. Die Ereignisse in Casablanca erregen die größte Aufmerksamkeit in England und bilden das hauptsächlichste Gesprächsthema in den politischen Kreisen wie in der Presse. Ter Standard widmet der Angelegenheit einen längeren Leitartikel, worin der Vorschlag gemacht wird, den Franzosen ein bestimmtes europäisches Mandat zu geben, um die Ordnung in Marokko wieder herzustellen. Früher ober später, erklärt das Blatt, müsse Frankreich in Marokko dieselbe Aufgabe erfüllen, wie sie England bereits in Aegypten er­füllt hat. Wenn Frankreich sich als Ratgeber des Sultans eta­blieren will, so soll ganz Europa damit e in v erst and -n fein, unter der Bedingung, daß bie französische Regierung die offene Tür gewährleistet >und allen Nationen gleiche Gelegenheit für freien wirtschaftlichen Wettbewerb läßt. Vor allem sollte Deutsch­land gegen diese Lösung der Marokkofchwierigkeiten nicht arbeiten, denn die Deutschen würden bie gleichen Vorteile wie die anderen Länder ernten. Dagegen müsse man den Deutsche n Recht geben, wenn sie gegen eine permanente Besetzung des marokkanischen Gebietes durch Frankreich sich aussprechen. Tie anderen englischen Preß-Aeußerungen bewegen sich meistens in denselben Grenzen, wie die Kommentare der konservativen, Organe.

Daily Mail meldet aus Alcazar, Mac Lean werde von Raisuli und feinen Leuten schimpflich behandelt und mit dem Tode bedroht. Er erklärte Raisuli, dieser könne mit ihm machen, waS er wolle, er werde keinen Heller Lösegeld von ihm erhalten.

Zlus Stadt rind Land.

Gießen, 3. Ang.

** Wertzuwachssteuer. Aus Veranlassung des Fi na nza uZschuffes der 1. Hessischen Kammer hat die Darmstädter Handelskammer im Hinblick auf den Gesetz­entwurf vom 22. Okt. 1906, bie Wertzuwachs st euer betreffend, die Frage erörtert, ob der Wertzuwachssteuer. auch die an Grundstücken haftenden Wertsteigerungen unter­worfen sein sollen die durch die auf den Grundstücken und in den daraus befindlichen Gebäuden betriebenen industriellen ober kauf­männischen Unternehmungen hervorgebracht sind. Die Handels­kammer hat das Ergebnis ihrer Beratung in einem längeren Gut­achten niedergelegt, welches darin gipfelt, daß nicht nur bei industriellen und kommerziellen Unternehmungen und Grund­stücken, sondern bei allen Grundstücken überhaupt nur ersaßt werden könne und dürfe: Der gemeine Wert des Grundstückes und der gemeine Wert der Gebäu­lichkeiten, wie solche im Momente des Verkaufsabschlusses sich stellen, daß also der Geschäftswert (im engeren Sinne) nicht einen Gegenstand der Besteuerung abgeben dürfe. Bei dieser Gelegenheit wurde auch noch zu einigen anderen Fragen deZ Gesetzentwurfes Stellung genommen.

** Hausieren! Die Landorte werden zur Zeit von Hausierern heimgesllcht. Sie bieten, von Haus zu Haus gehend, Gesun dheitstee 2c. an. Vergleicht man die Güte der Ware und die Höhe des Preises, so wäre bringeng anzuraten, den Bedarf an Tee doch in den Apotheken und Drogerieen zu decken. Das phrasenhafte Anpreisen der von den Hausierern mitgeführten Teesorten veranlaßt die Leute, viel Geld für Tee auszugeben, der in der Stadt billiger i|t. Wenn man bedenkt, daß der Anpreiser des Tees vom Verdienste leb en will, muß er viel einnehmen. Diese M e h r - Auswendiglernen, aber bald vererbte sich so ein typischer Stock von Versen, den er bann, wenn er benRummel" merkte, das alte Parabcpferd" nannte. Von ber Verhohnigelung des Vergil- Interpreten, der ben SpitznamenPinsel^ hatte, erzählt Eckstein in feinen Gymnasialhumoresken unglaubliche Dinge, bie aber nicht übertrieben sind. Mit Knallerbsen wurde er förmlich jut Türe hinausbombarbiert, von Gebrüll verfolgt. Einmal schrie er in ohnmächtiger Wut:Ihr seid feige Buben! Ich habe mich noch vor keinem Manne gefürchtet, ich fürchte mich auch nicht vor euch!" Da schrie von hinten ein kecker Bursche:Aber vor deiner Frau!" er stand nämlich, wie die Fama sagte, unter dem Pantoffel. Ein wahres Jndianergeheul aus 50 Buben- kehlen war die Antwort. .Das Uebrige lese man in Ecksteins Gymnasialhumoresken nach.

Man hat es diesem geistreichen, aber spottfuchtigen Gießener Kinde sehr verdacht, daß er so pietätlos feinen würdigen Di­rektor unter bem Namen Samuel Heinzerlings in feinemBesuch im Karzer" verspottet, dem er übrigens in seinen Humoresken auch Züge voll Anerkennung leiht. Etwas Zopfiges hatte, ja wohl hie und da sein Unterricht, wenn er z. B. feine deut)che Literaturgeschichte nach lauter kleinen Zettelchen ablas. Auf einem solchen, ber ihm einmal aus Versehen herunterfiel, soll auch die Randbemerkung gestanden haben:Hier pflege ich folgenden Witz zu machen." Er hatte die Eigenheit, alle Adverbia mit Weise" zu übersetzen, z. B.auf ichöne Weise, auf wunder­bare Weise" und dergleichen. Ein Schüler^ es toar diesmal aber nicht ber berühmteWälhelm Romps" übersetzte nun aotpdc durch:auf weise Weise/ was natürlich etn Hallo verursachte. Da rückte stirnrunzelnb der würdige Pädagoge seine großen Brillengläser an ben rollenden Augen und rief mit vibrie­render Stimme:El., schreiben Sie einmal ins Mafienbuch: H. benahm sich auf höchst kändifche und lappische Weise! Natürlich erneutes Jndianergeheul. In große Verlegenheit geriet er, wenn sich seine Zettelchen verschoben hatten und er die recyte Fortsetzung nicht finden konnte. .So erinnere ich mich, daß er eine Charakteristik der Vorläufer Goethes schloß:Lessing führte ein wildes Welt- und Wirtshausleben, Klopstock, ber fromme Sanger ber Messiade und der Oden, raubte nichtsdestoweniger gern schönen Mädchen Küsse," nun muß eine Lücke in_ feiner Zettelfammlung gewesen fein; denn mit etwas stotternder stimme fuhr er fort:Das ist alles, was ich über Klopftocks literarische Laufbahn zu bemerken hätte!" Uebrigens trotz aller Eigen­tümlichkeiten waren m i r wenigstens seine Dichterinterpretationen wie z. B. Sophokles Antigone Stunden wahrer Erbauung.

Das Gymnasium ist die Pflanzstätte alles Wahren, Guten und Sck)önen," so hob das Disziplinarl)eft an, das uns beim Ein­tritt mit feierlichem Ernst eingehändigt wurde und das meinem Entsetzen beim Heimweg einer meiner Kameraden tn 1000 Fetzen riß. Unter anderen erbaulichen Paragraphen hieß es Das der Jugend gesundhnffchädliche T a b a k r a u ch e n und das zudem mit unnützen Ausgaben verbundene Besuchen von offent* lichen Bierlokalen ist bei Karzerftrafe verboten." Bekanntlich reizen verbotene Früchte, und wer vermöchte einem Heranwachsen­den Knaben, zumal beim Vergleich mit gleichaltrigen Lehrbuben,