Nr. SV4
Drittes Matt
l&’tL Jahrgang
Samstag 31. August 1907
Erscheint lSglich mii Ausnahme des Sonntags.
Die „Siebener AamMendlütter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Krcisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal
Gemral-AiMger für Gberhesien
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universität? - Buch- und Gtetndruckerel
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- strasie 7. Expedition und Verlag f £=*a? 6L Redaklton'.^ÄI1I2.Tel.Ad^An<rigerGteHen.
religiösen Kör,
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in den Tagen seiner Erdenwanderung vierzig Fahre lang auf einem Beine stand, das Lob Allahs verkündend. Wird der mächtige Schutzpatron, wird Allah selbst die Gebete des Flehenden erhören? Viele Tausende hoffen in dieser Stunde W Not, daß in Mulai Hafid der starke Held gekommen ist, der das grüne Banner des Halbmondes zum Siege tragen wird im Kampf gegen das Kreuz."
reitet er durch
dem großen grünseidenen Schirm, der das äußere Zeichen maurischer Herrschergewalt ist. In den Moscheen wird sein Name ausgerufen und tausend Gebete steigen zu Allah empor für den neuen Erretter der Gläubigen, der sein Vaterland frei und glücklich machen wird. 9hin betet der neue Sultan im Heiligtum des Sioi bel Abbas, des Heiligen,.der
WELT-TAFELGETRÄNK.“ &
Niederlage bei: Jean Weisel, Sonnenstr. 6.
mierte als des Sultans älterer Bruder, um die Ungläubigen aus dem Lande zu vertreiben. Wieder verging eine Weile. T'ann kamen auch von 'den letzten Stämmen Abgesandte, um dem neueü Sultan zu huldigen. Ter heilige Krieg ward in feierlicher Versammlung erklärt und Mulai Hasid noch einmal verkündet, daß der ganze Süden bereit sei, unter ihm zu kämpfen, und daß er sich nUn endlich erklären müsse, wenn sie nicht an seiner Statt einen anderen Bruder des Sultans wählen sollten. Jetzt hielt Mulai Hasid seine Stunde für gekommen und nahm die Proklamation des Volkes und oer '"werschasten von Südmarokto an... Nun die Straßen seiner Stadt unter dem M'dhal,
Ans Bädern.
= Bad-Salzhausen, 28. Aug. Das Wetter ist prächtig und die anwesenden Kurgäste sind ob der vorzüglichen Luft und des herrlichen Parkes als auch der sechs heilkräftigen Trinkquellcn allen Lobes voll. Auch das neue Badehaus, dessen zweckmäßige Einrichtung der der bekannten Weltbäder kaum nachsteht, findet größte Anerkennung. Schade nur, daß mau so hohe Bäderpreise ansetzte, wodurch viele frühere Besucher der Umgegend ausblieben. Das alljährliche große Feuerwerk dürfte in aller Kürze stattfinden. — Am letzten Sonntag konzertierte die Kapelle des 168. Jnf.-Negts. unter Leitung des Musikdirigenten Pagel. Guter Besuch und reicher Beifall war der Dank des Publikums.
Begegnungen mit dem neuen Sultan.
Wie sich M u l a i H a f i d von den ihm ergebenen Stäm- ten nach langem Zögern und reiflichen Erwägungen zu dem )lgenschweren Entschlüsse bestimmen ließ, als neuer Sultan egen seinen Bruder auszutreten, erzählt S. L. Bensuan in inem englischen Blatte. „Ich sah.ihn zum ersten Male," so rzählt der Korrespondent, „als ich au einem Nachmittag on Marrakesch ausritt, um das Heiligtum des Sidi bel Mas, des heiligen Schutzpatrons der Stadt, zu besuchen, eher die „rote Ebene", Blad al Hamra, die sich in endloser Beite von Osten nach Westen dehnte, galoppierte mir eine ^eine Schar maurischer Reiter entgegen; allen voran ritt in hochgewachsener Mann auf feurigem Berberhengst, mit ifentern Zügelgrifs den überschäumenden Mut des stolzen reres bändigend. Obwohl das Roß mit kostbarer lang- erabhängender Satteldecke geschmückt war und des Reiters >eite wallende Gewänder einen fast unmännlichen Eindruck rächten, war doch in Sitz und Haltung jene ruhige Sicher- eit des Arabers unverkennbar, der auf dem Pferde ge- oren wird, und mit feinem Tiere zu einem Wesen verwächst. :r erwiderte meinen Gruß mit gemessener Höflichkeit, als er n mir Vorbeiflug, gefolgt von seinem Sekretär und drei Sol- aten seiner Eskorte. „Tas ist des Sultans Bruder, Mulai >afid," sagte mein Begleiter mit Ehrfurcht in der Stimme. Die Augen, in die ich da auf einen Augenblick geschaut, atten mir einen starken Eindruck hinterlassen. Ein kühnes, ntschlossenes Antlitz mit vorspringender Adlernase und urzem, wohlgepflegtem Bart. Tie dunkelbraune Hautfarbe ieß erkennen, daß der verstorbene Sultan Mulai el Hasan ie Mutter dieses Sohnes unter den dunkleren Schönheiten eines Harems auserkoren hatte. . . . Seitdem habe ich Rulai Hasid öfters gesehen und noch mehr von ihm gehört, ,nt die Bedeutung dieses Mannes und seine Stellung inner- mlb der Wirren des Landes würdigen zu können.
Er ist ein Feind alles europäischen Luxus und hat sich läufig scharf gegen die „Handelsagenten" ausgesprochen, die ich untereinander verschworen hätten, seinem Halbbruder Nulai Abd-el-Aziz kostspielige Sachen anzuhängen, für die r keine Verwendung habe; er hat diese Leute als das lebet bezeichnet, das den Bankerott des Staates nach sich iehen würde. Dabei ist er durchaus kein fanatischer Gegner noderner Kultur. Auch er bringt der Photographie ein gewisses Interesse entgegen und schenkt den europäischen 'lerzten soviel Zutrauen, daß er, als eine seiner Lieblingsrauen schwer erkrankte, einen europäischen Doktor zuzog, hm die Erlaubnis' gab, den Harem zu betreten und von ihm ine Operation ausführen ließ, die seiner Frau das Leben -ettete.
In seiner Wirksamkeit als Statthalter hat er mit großer Aufopferung für das Wohlergehen seiner Truppen gesorgt mb der jüdischen Gemeinde einen besonderen Schutz an- todeihen lassen. Jahrelang hat so Mulai Hasid unter Um- tänden schwierigster Art treu zu seinem Halbbruder ge- lnden. Immer wieder sandten die großen südlichen Stämme Boten an ihn und drängten ibn, das Banner der Empörung mit der Begründung zu entfalten, daß der Sultan Marokko an Europa verkaufe. Lange hat sich der Statthalter »urückgehalten, hat mit diplomatischen Ausflüchten geant- vortet. „Ich have mein schönes Haus und Amt," so äußerte ir sich wohl. „Zahlreiche Frauen sind mein eigen. Fünfzig ider sechzig herrliche Rosse stehen in meinen Ställen. Was kann sich ein Mensch mehr wünschen? Warum soll ich mich Den Aufregungen preisgeben, die meinen Bruder und Herrn Dcbrängeu?" Doch im Beginn des Juni drängte diese schwanlende und unsichere Sachlage jU einer Entscheidung hin. Abgesandte von einigen der mächtigsten und größten Stämme des Südens kamen zu ihm unO erklärten grade heraus, Mulai Hafid müsse nun wählen, ob er Herr oder Tiener sein wolle. Auch jetzt noch antwortete des Sultans Bruder ausweichend und diplomatisch. „Ihr feib viele," sprach er, „aver Ihr seid nicht alle. Laßt mich wissen, wie alle Stämme denten und dann mit Asiahs Willen will ich
einer Strafe von z w e i I a h r e n n e 11 n M o n a t c n G efäng - n i s. Er hatte am 1. August abends nach 10 Uhr mit mehreren Kameraden heimlich die Kaserne verlassen und wurde von einem Unteroffizier des Trainbataillons dabei getroffen, als er gerade die Mauer zwischen der Train- und Artilleriekaserne überklettern wollte. Der Angeklagte folgte nicht nur nicht dem Befehl zur Umkehr, sondern schlug, als der Unteroffizier ihn festhalten wollte, mit dem Säbel nach diesem; nach erfolgter Festnahme versuchte er wiederholt zu entfliehen und benahm sich auch & seine Verfolger in renitenter Weise. Er wurde wegen etzlichkeit in drei Fällen, in einem Fall verbunden mit tätlichem Vergreisen an einem Vorgesetzten, Beharren im Ungehorsam, sowie Achtungsverletzung, verbunden mit Belügen eines Vorgesetzten, zu vorerwähnter Strafe verurteilt.
Lere^ireycyes.
— Kaiser Wilhelm II. und König Eduard VII. von Negieruugsrat Rudolf Martin, Berlin 1V07. Verlag De. Wedekind u. Co., G. m. b. H. TaL neueste Werk des Negierungsrats Martin, dessen Schritt über die russischen Finanzen s. Zt. das größte Aussehen Erregte, behandelt die Einkesselung des deutschen Reiches durch die Politik König Eduard VII. Es steht manches Phanthastische in diesem Buche und manches, was gerade jetzt besser ungesagt bliebe, wo die Beziehungen der einzelnen Völker zueinander sich zu bessern ausangen. Manche Kapitel dieses Buches sind geeignet, unnötiges Mißtrauen des Auslandes gegen und zu erzeugen. Das ganze Buch wird aber durchweht von einem glühenden Patriotismus.
Zum Prozeß Hau
nimmt in einer Jnrrsten-Zeitung der frühere Kölner Oberlandesgerichtspräsident Wirll. Gel> Rat und Mitglied des preuß. Herrenhauses Tr. Hamm das Wort. Aus seinen interessanten Ausführungen geben wir nachstehelld einen Auszug wieder:
„Tie Ausfälle voll Sta-atSanwalt und Verteidiger gegeneinander gingen mehrfach zu weit. So war der Staats an walt m. E. im Unrecht, wenn er dem Verteidiger einen Vorwurf daraus machte, daß dieser den Charakter der Ermordeten und deren Benehmen gegenüber ihren Dienstboten zum Gegenstand der gerichtlichen Verhandlung machte. Ter Verteidiger war im Zusammenhang mit dem Verdacht, daß der Diener der Frau Molitor die Mordtat begangen habe, zu Feststellungen nach dieser Richtung nicht nur vollauf berechtigt, sondern sogar verpflichtet. Ebensowenig durfte umgekehrt der Verteidiger es als unzulässig rügen, daß der Staatsanwalt „hinter seinem Rücken" polizeiliche Ermittelungen über die Vertnögensverhältnisse der 'Familie Müller veranlaßt habe. Der Staatsanwalt hatte damit durchaus innerhalb seiner Befugnisse gehandelt. Sache des Gerichts war es, zu entscheiden, ob etwaigen Beweisanträgen, welche der Staatsanwalt in der Verhandlung auf Grund dieser Ermittelungen stellte, stattzugeben war. Solche beiderseitigen Entgleisungen sind durch die Lebhaftigkeit des Kampfes erklärlich, erforderten aber wohl ein Einschreiten des Vorsitzenden. Daß der Verteidiger einen Brief heranzog, in welchem ein irrenärztlicher Sachverständiger — nach meinem Dafürhalten voreilig imb unberufen — sein Urteil darüber, ob der Angeklagte die Tat begangen habe, abgab, hätte von dem Vorsitzenden nicht zugelassen werden sollen. Andererseits durfte der Staatsanwalt an einen Journalisten die Fr age, ob ein Artikel feiner Zeitung von der Familie Hau bezah lt worden sei, nur dann richten, wenn er tatsächliche Anhaltspunkte dafür hatte, daß dies der Fall war. Mangels solcher mußte der Vorsitzende die Stellung einer solchen Frage energisch zurückweisen. Ernstlichen Bedenken unterliegt die wiederholte Trohung des Verteidigers, die Verteidigung niederzulegen. Sofern diese Trohung von dem Verteidiger lediglich wegen einer ihm nach seiner Meinung zugefügten Beleidigung ausgesprochen wurde, war sie durchaus ungehörig. Die Auflösung der an die Geschworenen wegen Mordes zu stellenden Frage in der Art, daß das zum Tatbestand dieses Verbrechens gehörende Moment der „Ueberlegung" zum Gegenstand einer besonderen Frage gemacht wurde, war meines Erachtens zulässig, auch in keiner Weise geeignet, die Richtigkeit der Beantwortung zu gefährden."
Eine Broschüre des Referendars M. Lenk in Karlsruhe erhebt schwere Anschuldigungen gegen das Anklagesystem im Prozeß Hau.
Gerichtssaal.
R. B. Darmstadt, 29. Ang. Das Kriegsgericht verurteilte heute den Kanonier Otto Paul Herzog aus Helbra, von der 1. Batterie des Groß!). Hess. Artilleriekorps Nr. 25, zu
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mich entscheiden. Eine Woche ober zwei später trafen sich die Abgesandten der Stämme aus den Ebenen von R'hamna. Mulai Hasid war nicht anwesend, aber er sandte ihnen eine reiche Gabe von Schafen und Korn, auf daß sie essen möchten und fröhlich fein. Sie besprachen sich untereinander, und es stellte sich heraus, daß sich drei mächtige Stämme noch nicht erklärt hatten. Besondere Eilboten wurden sogleich an sie abgesandt mit der feierlichen Anfrage, ob sie ich alle beit andern anschließen wollten, wenn Mulai Hafid las Banner seiner Herrschaft entrollte, seine Rechte prokla-
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