Ausgabe 
29.10.1907 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

5L57. Jahrgang

Zweites Blatt

jv*

General-Anzeiger für Gverheffen

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: E^bL. Redaktion: 112, Tel.-Adr^AnzetgerGießen.

t^djdnJ ttgttch mit Ausnahme des Sonntag».

D»eSletzener Famtltendlätter" werden dem Anzeiger" vierma[ wöchentlich beigelegt, daS '«relrblatl für den Kreis Giehen" zweimal roödictUlt*. DecYelßlche kandwlrt" erlchemt monatlich einmal.

Dienstag '2V. Oktober 1907

Rotationsdruck und Verlag der B"r Nh lachen UniversitätS - Buch- und Steindruckerei, jr < R. Lange, Gießen.

Deutiehes Ueech.

Berlin, 29. Okt. Die Bundesratsausschüsse haben die Beratung der Börsenvorlage beendet. Die Novelle Entspricht in ihren Grundzügen den Vorschlägen der be­engten Ressorts und dein Entwurf des preußischen Han- )e^nnnisteriunis. Die Beschlußfassung des Bundesrats 'elbst wird voraussichtlich schon in der nächsten Donners- lagsitwng erfolgen. Dem Reichstage dürste die Börsengesctz- novelle bald nach seinem Zusammentritt zugehen.

Zum B r a n nt w e i n m o n o P o l P r o j e k t erfährt dasBecl. Tagebl." noch, daß der Staat die Raffi­nerien an kaufen wird. Die Wertbemessung soll nach Maßgabe der Kontingentierung ersolgen. Dagegen sollen )ie meisten Brennereien Eigentunl der Grundbesitzer bleiben. Die Mitteilungen bestätigen im wesentlichen die über das geplante Monopol bereits gemachten Angaben.

Posen, 28. Okt. Der Reichstagsabgeordnete für den Wahlkreis Kroteschin-Koschnin, Dr. von Mieczkowski rpvle), hat sein Mandat niedergelegt.

Tie Berliner Morgenblätter melden aus P o s en : Wie hier bestimmt verlautet, steht hier die Ernennung des Regens des Gnesener Priesterseminars Domherrn Kloske zum Erzbischof von Posen-Gnesen un­mittelbar bevor.

DieVoss. Ztg." meldet aus Hamburg: Die nächsten Truppenheimtransporte aus d w e st a fr i ka wessen am 16. Nov. und am 1. Dez. in Stärke von je 400 Mann mit Wörmanndampfern in Cuxhaven ein.

ZentraLverband der deutsche» Industriellen.

Tie gestrige Sitzung der Delegierten des Zentralver­bandes deutscher Industrieller in Berlin wurde vom Staats- efretür des Innern, Staatsminister Dr. v. Bethmann- Hollweg, mit folgender Ansprache begrüßt: Meine Herren! Für die freundliche Einladung, die Sie mir zu dem heutigen 7age haben zugehen lassen, bin ich Ihnen zu ausrichtigem Dank verpflichtet. Der Zentralverband Deutscher Jndu- iwieller hat während seines 30 jährigen Bestehens an der Gestaltung unserer sozialen und wirtschaftlichen Zustände den lebendigsten Anteil genommen. Ich bitte Sie Ihre Erfahrung auch weiter in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen und auch mir gegenüber damit nicht zurückhalten zu wollen. Ich meinerseits werde bestrebt sein, dem Unter­nehmertum und der Arbeiterschaft mit der gleichen Offenheit und Unbefangenheit gegenüberzutreten und die Ausfassungen beider Seiten gleichmäßig zu würdigen, um in möglichst enger Fühlung mit dem wirklichen Leben das richtige Augen- mas', für das Mögliche sowohl, wie für das Notwendige zu. gewinnen und zu behalten. Ueber die Notwendigkeit ciner entschlossenen Fortsührung der Sozialpolitik habe ich mich auf dem unlängst hier veranstalteten Arbeiterkongreß ausgesprochen. Bei der Untrennbarkeit jeder fruchtbringen­den Äizialpolitik von dem wirtschaftlichen Zustande der Industrie kann ich nur hoffen, daß der Aufschwung ohne­gleichen, den die deutsche Industrie in den letzten zwei Fahrzehnten dank der Energie der Unternehmer- und der

Tüchtigkeit des deutschen Arbeiters genommen hat, vor unvermittelten Schwankungen bewahrt bleiben möge. Einem Verbände, der wie der Ihrige einen Bereinigungspunkt o vieler und für das wirtschaftliche Wohl des deutschen Volkes bedeutsamer Industriezweige bildet, erwachsen auch in dieser Beziehung die größten Aufgaben, deren Lösung nicht nur auf unsere Verhältnisse, sondern auch auf die Weltkonjunktur ihre Wirkung auSübt. Ueberspannungen der Konzentrationstendenz, wie wir sie gerade gegenwärtig mit ihren verhängnisvollen wirtschastlichen und sozialen Folgen in anderen Ländern erleben, enthalten eine ernste Mahnung. Ich hosse, daß Ihre Tätigkeit dazu beitragen wird, unsere Industrie in ruhigen Bahnen zu er­halten, und ich wünsche insbesondere, daß auch Ihre jetzigen Beratungen einer kräftigen, gesunden Weiterent­wicklung zu Ihrem Besten, zum Besten der Arbeiter und zum Besten der Gesamtheit dienen mögen.

Aus Staöt und £anö»

Gießen, 29. Okt. 1907.

** Die he ssische Vereinigung für Volks­kunde veröffentlicht ihr diesjähriges Winterprogramm. Es sind wieder eine Anzahl, überaus interessanter Vor­träge in Aussicht genommen. Am 18. November wird der Dent'malspsleger für Oberhessen, Professor Dr. Walbe, Rektor der technischen .Hochschule in Darmstadt überdas oberhessische Bauernhaus" sprechen und seine Ausjührungen durch Lichtbildeui llustrieren. Der zweite Abend, am 9. Dezember bringt zwei Vorträge. Dr. H e p d i n g - Giehen spricht übertzeidelbeersammelgebräuche", anschließend da­ran gedenkt Äch. Hofrat Professor Dr. Siebeck-Gießen eine Anzahl vonNiggermärchen aus Surinam" vorzu­führen. Am 20 Januar 1908 ist als Thema vorgesehen dieDeutung von Schall- und Tierlauten", über die Lehrer Boßler-Kleinlinden aus Grund reichen Materiales refe- rieren wird. Darauf wird Lehrer S ch u l t e - Gr.-Linden noch Mitteilungen überSegen in der Hausschwelle" machen. Der 4. und letzte Abend findet am 24. Februar 1908 statt. Lehrer Steph an-Sandlofs wird überErntebräuche im Schlitzerland" reden und Pfarrer Schulte im Anschluß daran ausvolkskundlichen Reisen im Schlitzerland" Er­innerungen und Anregungen geben. Möge das reiche Programm der volkskundlichen Sache neue Freunde und Förderer ihrer Bestrebungen zusühren.

** Gießener Konzertverein. Wir weisen darauf hin, daß der Vorstand vielfachen, an ihn gerichteten Wünschen zufolge, beschlossen hat, auch für die folgenden Konzerte noch Monnements zu verabfolgen. Das Konzert nm kommenden Sonntag findet im Theater statt. Da Frau Hedwig Schacko ihre Mitwir­kung zugesagt hat, so kann es nicht ausbleiben, daß die Plätze schnell vergriffen sein werdeir.

** Der Geflügel- und Bogelzuchtverein Gießen und Umgegend E. V. hielt am Sonntag im Hotel Einhorn eine gut besuchte Generalversammlung ab. Der Verein beschloß, vom 8. bis 10. F-ebruar k. I. die Ver­bandsausstellung des Verbandes ooerhessischcr Geslügel- Küchterveceine zu übernehmen. Als Lokal wurde das zu eitler größeren Geflügelausstellung vorzüglich sich eignende Eta­blissement Windhof gewählt. Die Versammlung beschloß, die Ge slü ge lzuch t-Atlstalt aus der Hardt anr 1. No­vember als solche aufzugeben, Gebäude und Einrichtung

sollen Herrn Bichler für 500 Mk. üb erlassen werden. Das lebende Inventar ist zum Teil bereits veräußert und wird» weiter verkauft. Der als Vereinsdelegierter entsandte Herr Ludwig Hanau berichtete eingehend darüber, was er auf der deutschen nationalen Geflügel-Ausstellung in Hannover bczügl. der Fortschritte in der Zucht gesehen hat. Er be* merkte, es sei auffällig, daß bei dem großen Konkurrenz­kampf in der Hühnerologie Süddeutschland nur sehr schwach vertreten war. Während man gute Zuchtresultate aus ganz Norddeutschland fand, war aus Ober- und Kurhessen nur sehr schwache Beteiligung und aus dem übrigen Süddeutsch­land überhaupt keine vorhanden. Herr Hanau erklärte, er habe den Eindruck gewonnen,daß oberhessische Geflügelzüch­ter sich mit Erfolg hätten beteiligen können und daß un­bedingt zu wünschen wäre, daß Oberhessen für die Folge bei diesen großen deutschen Ausstellungen sich starker be­teilige. Von einer Entsendung eines Delegierten zu der im kommenden Monat in London stattfindenden Geslügel- ausstellung sah der Verein ab. Eine Verlosung von Ge­flügel bildete den Schluß der Versammlung.

** Kaninchenzucht. Am Samstag Abend ver­einigten sich in gemeinschaftlicher Sitzung im Pfälzer Hof die beiden hiesigen Kaninchenzuchtver­eine. In den Vorstand wurden die Herren Schmall, Rit-- zert, Mehl, Vogel, Vollmöller, Kreiling, Kraft, Schnabels und Koch gewählt. Nachdem in diesem Frühjahr durch die Ausstellung des Küninchenzuchtvereins Volkswohl das. Interesse für die Kleintierzucht so rege geworden ist, ist anzunehmen, daß die Vereinigung zur weiteren Ausbrei­tung der Zucht beitragen wird.

ch Allendorf a. d. L., 27. Okt. Unser Schulhaus­neubau, der im Frühjahr begonnen wurde, ist im Roh­bau vollendet. Die Einweihung findet nächsten Sommer statt.

r. Treis a. d. Lda., 28. Okt. Unsere neu erbaute Wasserleitung wurde gestern nachmittag unter Ver­anstaltung einer allgemeinen öffentlichen Feier dem Be­trieb üb er geb en. Vom Bahnhof aus setzte sich der aus den Schülern, dem Gemeindevorstand, der Bauleitung, dem Kriegerverein, Gesangverein Konkordia, Turnverein, Kirchengesangverein, den Arbeitern und sonstigen Gästen be­stehende Festzug unter den Klängen einer Musikkapelle nach dem Hochbehälter in Bewegung. Hier fand nach einem Chor­gesang des Kirchengesangoereins und der Festrede unseres Pfarrers die übliche Schlüsselübergabe von der Bauleitung an den Vertreter des Großh. Kreisamts und von diesem an den hiesigen Bürgermeister statt, woran sich die all­gemeine Besichtigung des im modernen Stile erbauten Hoch­behälters schloß. Tie Feier wurde noch durch einen Chor des, Gesangvereins Konkordia und 2 Gesangsvorträgen der ersten! Schulklasse verschönt. Nachdem die Schüler mir Bretzeln be^ schenkt waren, ging der Festzug wieder zum Dorfe zurück,' wo im Bennerschen Saale ein Konzert stattfand, zu dem. vom Gemeinderat und der die Wasserleitung aussührendew Firma Wilhelm Schröder-Frankfurt a. M. alle bei der Feier Beteiligten eingeladeu waren. Hier entwickelte sich bald ein festliches Treiben und unter mehreren Reden und Vor­trägen der Kapelle und der Gesangvereine flössen die Stun­den schnell dahin. Zur Belustigung des Publikums hatte man am Bahnhof und vor der Brücke 2 Springbrunnen aus,' Feldsteinen recht künstlerisch aufgebaut, die verschiedene Wasserkünste vor Augen führten. Ueber dem Cinaangzu dem schönen, gefälligen Hochbehälter ist eine im gleichen Sttl Witz

kleines Feuilleton.

Pressefest in Darmstadt.

Unser Darin städter Redakteur schreibt uns:

Das Pressefest, das am Samstag in sämtlichen Räumen des städtischen Saalbaues zum Besten der Unterstützungskasse des , L a n d e s v e r e i n 8 hessischer Z e i t u n g s r e d a k t e u r e " veranstaltet morden war, hat die großen, mühevollen Vorbereit­ungen, die sen Wochen von hiesigen Künstlern und zahlreichen Tarnen und Herren der Gesellschaft getroffen wurden, im reichsten Maße belohnt. Ter grobe Saal war von einem distinguierten Publikum vollständig überfüllt; mmt bemerkte u. a. Staatsminister C-xz. Ewald, Exz. Dr. Braun, Vertreter der Gerieralität, der städtischen und sonstigen Behörden und Aiigehörige aus alleu Kreisen. Ter G r o b h e r z o g und die Großherzogin waren im Automobil von WoNSgarten gekonuneli und iviirden am Saal­eingang von den Chefredakteuren Graßwurni aus Offenbach und Dr. Otto W a l d a e st e l, soivie Baron Ernst v. W o l z o g e n begrüßt; am Eingaiig zu der prächtig mit frischen Blumen ge­schmückten Hosloge rvurden sie narnens deL Damenflors von bcn Tarnen Frau Lisa a m f p e ck, Frail Redakteur Hanne m a n n und Frau Dr. W a l d a e st e l einpsairgen, wobei die erstere der Großherzogin ein Aliimelibouquet überreichte. Das Fest beganr, mit der von der Holkapelle unter Kapellmeister Kessels Leitung gespielten Ouvertilre zu SchllbertsNosnmmide'^, woraiif Fräulein Amalia Cramer vom Hoftheater zu Karlsruhe, früher hier, ben von Dr. Otto Waldaestel verfaßten Festprolog vortrug. Die Tlchtung behandelte die rastlose Tätigkeit der Männer von der Feder und ivurde vom Publikum mit Beifall ausgezeichiiet. Eiiii^en ^esangsvorträgeu uiiserer ersten dramalifchen Sängerin Fraii Lina Monny ulid des beliebten früheren hiesigen Opernsängers Adolf Wassermann von Mamiheim, sowie dem von dem Berliner Komponisten Baut Liiicke eigens zu dem Pressefest tomporiierteii und dein Großherzog geividnieten WalzerHerbststimniulig" schloß nch der geistreiche Schnihler'sche EinakterDaS Abschiedssouper" an, in dem neben Hosschauspieler Willy Löhr auch Freifrau Elsa 2aura v. Wolzogen austral. Tie Küiistlerin erntete für ihr olskretcs uni) doch humorvolles Spiel stürmischen Beifall. Tann trat eine längere Erfrlschungspause ein, während ivelcher die Be­sucher bei Promcnadenkouzert zweier Militärkapellen den in allen Aebeiisälen errichteten Buffets, Settbuden 2C. eifrig zusprachen oder thr Glück bei einer Würselbude versuchten, in der viele Hundert teils sehr ivertvoller Gaben gewonneii werben konnten. Auch daS ^roscherzogliche Paar, deni rvahreiid der Pause von den genannteli drei Taineu der.Tee serviert ivorbeu war, unternahm in Be- glenimg der VorstandSniitglieder GraSivurm - Offenbach , Hanne- mann und Dr. Waldaestel-Tarmstadt, Wittko - Gießen und Ernst u. Wolzogen einen längeren Linndgang diirch die Säle, wobei die bohen Herrschaften nit den künstlerisch reich und originell ge- ichmückten Verkaitssständen zahlreiche Einkäufe machten imb die vrigmell kostümierten Dameii mit freundlichen Worten auszeichneten; M der Würfelbude geioann der Großherzog eine schöne Offenbacher ,-edkrtasche, die er sogleich in Gebrauch Nahm. Den zweiten Teil 1)1,5 öesleS bildete die von den ersten Kräften des HoftheaterS dar­gestellte Parodie e r Sängerkrieg a u f W a r t b u r g" oder ssD e r n e u e T a ii n h ä ii s e r" oder ,Es komnil aber gaiiz anders", von Ernst v. Wolzogen in geistreich-humoristischer Weisefrei nach ytidjarb Wagner" bearbeitet worden war. Die köstliche Dar-

stelliuig diesesSängerkrieges" erweckte ungeheiire Heiterkeit, die noch einmal ihren Höhepunkt erreichte, als der Heldeiitenor unserer Hofbühne, Heinrich S p e in a u n , im leichtgeschürzteri Kostüm den T a ii z der Salome" sehr frei nach Richard Strauß von Boguniil Zepter aiifführte. Aiich der von Elsa Laura v. Wolzogen uiid Richard Jürgas exekutierte ,Ataienlanz" mit der Musik von Oskar Straus und andere Einlageli verfehlten ihre Wirkung nicht. Teii Schluß des in jeder Hinsicht wohlgelungenen und geliußreichen Festes machte ein animiertes Bazarleben und Festball, bei welchem das Gros der Teiliiehmer bis ziir frühen Atorgeustunde in fröhlichster Stimmung zusammenblieb und sich amüsierte zum Besten der Unter- stützungskässe der hessischen Zeitungsredakleure. H.

*

i Uraufführung einer Oper in Frankfurt. Aus Frank­furt a. M. wird uns u. d. 27. ds. geschrieben: Gestern abend hatten wir in unserm Operiihailse das seltene Ereigiiis der Aufführung einer noch nirgend gegebenen Oper eines noch, ganz unbekannten Komponisten. Der Komponist, der sein eigner Textdichter ist, heißt Juliiis Bittner und stammt aus Wien, die Oper heißtDie rote Gred". Den Erfolg desWerkes mit einem kurzen Wort zu kennzeichnen, ist nicht möglich. Äußerlich war es ein sehr glänzender Erfolg. Schon nach dem ersten der drei Alte gab es für den Kom­ponisten Hervorrufe, und nach dem letzten wollten sie gar nicht enden. Der Lendemann aber gießt ein etwas kühleres Licht über diesen Glanz. Zivar dabei bleibt es, daß dieser Neuling ein sehr tüchtiger Rlusiker ist und auch für die Bühne zu schreiben versteht, aber mit dereignen, persönlichen Note", die man bei jedem Neuling natürlich zuerst sucht, ist es noch wenig. Die Piade, die Julius Bittner (in seinem Hauptamt übrigens ^Advokat, aber trotzdem im Musikalischen genau so beschlagen, wie einer vom Fach!) wandelt, sind doch meist schon ziemlich begangne Wege. Seine thematische Erfindungskraft regt sich erst noch sehr schüchtern, und die unmittel­bar ansprechenden'Stellen der Partitur sind nicht die dramatisch ivildbeivegten ober leidenschaftlichen Szenen, an denen die Handlung sehr reich ist, sondern ein paar Episoden: ein kleines auf drei Mädchen verteiltes Liedchen nm Brunnen, ein muntrer Ländler in einer übrigens sehr farbenfrischen Jahrmarktsszene und ein Lands- knechtschor am Schluffe. WaS uns aber vor Allem mit Hoffnung auf diesen homo novus blicken läßt, ist dieser Schluß selbst. Der ist kühn und verrät Eigenart. Dierote Gred" ist so eine Art Carmen. Schließlich packt das immer liebelnde wilde Mädel aber doch einmal die echte Verliebtheit zu einem irischen Jungen. Ein Nebenbuhler weiß sie bmm in den Verdacht der Brandstiftung zu bringen, deren er sich in Wirklichkeit selbst schuldig gemacht hat, und sie muß sich vor dem Gericht verantworten. Dort aber wendet sich ihr Herz in Liebe dem Stadlhauptmann zu. Zivar läßt sie sich von ihrem anderen Geliebten noch ans dem Gefängius befreien, aber als der Stndthauptmaim sie auf der Flucht einholt und ein Streit zwischen den beiden Atämiern entsteht, stellt sie sich auf die Seite des Hanpt- manns, der dann ihren Geliebten tötet, dann jedoch, als ein ehr­licher Kerl die Liebe des wilden Mädchens verschmäht und sie allein läßt. In diesem Augenblick nun kommen auf dem Strome in leichten Nachen Landsknechte angefahren, die sofort beim Anblick der Gred in Leidenschaft um sie entbrennen. In wildem Streit schleppen sie das Atädchen, das sich heftig sträubt, auf ihr Schiff, und ivährend sie, weiter streitend, davonrudern und die Gred hoch am Steuer sehnsüchtig zurückblickt, fällt der Vorhang. Diesen Schluß, der ein sehr glücklich gesehenes Kulturbild gibt, hastet uns lange

im Gedächtnis. Im Einzelnen ist aber die Charakteristik meist nicht so eigenartig. Die Oper wiirde hervorragend gut gegeben. Im Aiittelpunkl stand unsere neue Altistin, Frl. Schröder. Sie sang mit vollster Entfaltung ihrer reichen Stimmmittel und spielte nut hinreißender Leidenschaft. Neben ihr sind noch besonders die Herren Gentner und Braun rühmend 511 nennen. Dr. Rotten­berg dirigierte glänzend.

Die deutfche Kaiserin empsing am Montag im Berliner Schlosse den Bildhauer Ernst Freese und besichtigte die von dem Künstler geschaffene imb von der Kaiserin gestiftete über» lebensgroße Goethe-Büste für Frankfurt a. M. DaS Modell zeigt den Dichter in Hermen-Forrn mit leichter Gewandung. Tie Kaiserin gab ihre Zustimimnig, daß die Büste nach dem Modell in griechischem Marmor ausgeführt werde. Das Werk ivird die Vorhalle deS neuen DluseiunS der Senckenbergischen naturforschenben Gesellschaft in der Vaterstadt des Dichters schmücken.

In Stuttgart wurde Sudermanns Einakter-Zyklus Rosen" (Buchausgabe bei I. G. Cotta in Stuttgart) bei seiner Erstaufführung im Hoftheater mit dem bisher überhaupt noch nicht dargestellten SchauspielTie Lichtbänder" eingeleitet. ES ist das Schlußkapitel eines Romaiis voll sinnlicher Schwüle. Trotz vieler sorgsam ailsgearbeiteter Einzelzüge m der Charakteristik vermochte das Stück doch keinen befriedigenden Gesaniteindruck zu erzielen. Besser gefiel das SchauspielMargot". Eiiieii sehr herzhafteir Erfolg hatte das LiislspielDie ferne Prinzessin" und ihm schloß sich das FinaleDer letzte Besuch" wirkiingSvoll an.

Ernst Eckstein, S ch n l h u m 0 r e § k e n. Verlag von I. Naumaiiii, in Neudainni. Habeut sna fata ^oetae ! Das erfuhr auch Ernst Eckstein, einer der bedeutendsten Söhne Gießens, dessen Name unlöslich mit demB esuch im Karzer" ver­bunden ist. Nicht die großen Romane aus der Zeit des alten Rom werden feinen Namen in spätere Jahre hinüberretten, wohl aber feine Gießener G y m n a s i a st e n g e s ch i ch t e n. So lange es Gymnasien im heutigen Sinne geben wird, so lange wird der Kanipf zwischen pedaiili'schen Scholarchen und übermütigen jungen Leuten dauern, und so lange dieser Kampf dauert, wirb Ernst Eckstein von eben diesen jungen Leuten verschlungen werben, weil er ihnen aus der Seele geschrieben hat, weil er den Blick für das Typische und Lächerliche hatte. Ter Erfolg der Eckstein'schen Humoresken liegt barm, daß bei den stets gleichen Voraussetzungen stets die gleichen Ergebnisse kommen müssen die Rüpeleien und dummen Streiche, die er schildert, passierten nicht nur tatsächlich hier in Gießen, sondern passieren, mutatis mutandis, auch heute noch auf jedem Gmnnasium. Die Sammlung soll laut Vonvort zum ersten Riale sämtliche Schulhumoresken in einem Bande ent­halten. Bei einer Probe stellte sich allerdings heraus, daß aus den früher im einzelnen erschienenen BändchenEin französischer Gymnasialdirektor" und das GedichtDer schwedische Dors- schulmeister" fehlt. DaS soll aber nur der Richtigstellung halber konstatiert werben, beim bie beiben Stücke sind ziemlich belanglos die Hauptsache, der unverwüstlicheSamuel Heinzerling", ist doch in seiner ganzen Glorie in der Sammlung vertreten.

, , kleine Kun stchro n ik. In Südende bei Berlin ist der bekannte Aruslkschr,ft,leller Wilhelm Tappert gestorben Kabel bürg hat seinen breiartigen (schwankDos VEin'cll" einer volMndigcn Umarbeitung unterzogen. Düse gelangt unter d««. Ttt-l ,/Duto >ü«nide- M nächst« Sipvrtül V» LlMrnelhause zur AuilichrunL -