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30.5.1907 Drittes Blatt
 
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Nr. 1524 . Drittes Bl-ttt

157. Jahrgang

Donnerstag 30. Mai 1907

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGietzener Zamiliendlätter" werden dem Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Ktehblatt für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Der..helstlche tanöolrt" erscheint monatlich einmal.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

RotanonSdruck und Verlag der Brühl^chen UnwersilälS - Buch- und Gteindruckerei.

UL Lange. Gießen.

Redaktion. ExpedMon und Druckerei, Sch ul- ftrafee 7. Erpedttton und Vertag; fc<ä> 6L RedaklwmSE 112. icL-Slöu AnZeigerGietzen.

politische Tagesjcharr.

Eleuer-Sowmer.

R. Berlin, 29. Mai.

Die eigentliche Vorarbeit für die neuen Steuervor- lagen, die dem Reichstag in der nächsten Session unterbreitet werden sollen, hat im Schatzamt noch nicht begonnen. Denn hierüber Klarheit gewonnen ist, dürfte der Schatzsekretär sich mit den einzelstaatlichen Li­tton z m i n i st e r n ins Benehmen setzen wegen oer Aus- wähl geeigneter Stcuerobjekte. Es erscheint nicht ausge­schlossen, daß hierbei auch die verschiedentlich geforderte Abschaffung der Fahrkarten st euer ernstlich in Frage kommt. Ta für die völlige Sanierung der Reichs- sinanzen ohnehin großzügige S.euerprojekle zur Entschei­dung gestellt werden müssen, ließe sich sehr wohl ein Ersatz für die lästige und in der Ertragssähigkeit überschätzte Derkehrssteucc ausfindig machen. Es hanoelt sich bei der zweiten Auflage der Finanzresorm um die Belastungsprobe der Bloctmehryeit des Reichstags. Deshalb muß die Re­gierung mit der größten Vorsicht zu Werke gehen. Ob es zu einem Ausbau der direkten Reichssteuern kommt, ist jedenfalls sehr zweifelhaft.

Genosse Schippe! über Getreide- und Fleischpreise.

Als wirtschaftlicher Rundschauer des Korre,poudenzblattcs bei Generalkümiuission der sozialdemokratischen Gewerkschaften be­urteiltGenosse" Max Schippe! recht unbefangen die gegen­wärtigen Getreide- und Fleischpreise. Vollkommen zutreffend liebt Schippet hervor, daß eine Ueberschühung der Ernte im Zusammenl-ange mit dem ungünstigen Sautenstande die starte Steigerung der Getreidepreise l-erbeigerührt haben. Von einem Einfluß der erhöhten Schutzzölle und dec neuen Handelsverträge spricht Schippet überhaupt nicht. Er stellt sich damit abermals in einen kennzeichnenden Gegensatz zur sozialdemokratischen Presse, die verbuchte, im Hinblick auf die Steigerung der Ge­treidepreise die Agitation gegen unsere landwirischa,tlich.'n Schutz­zölle zu beleben. Das unbefangene Urteil Schippers tritt ferner in dem unumwundenen Geständnis zu Tage, daß die jetzigen hohen Getreidepreise bis zur neuen Ernte für die tandwirtschast- liche Bevölkerung ohne besondere Vorteile seien, denn dasGe­treide vorjähriger Ernte dür^e sich nur noch in verhältnismäßig geringen Beträgen m Der ersten Hand beim Landwirt selber be- 1 in Den". Zu den Vieh- und Fleisch-Großhandelspreisen übet* gel-end, bemerkt Schippel u. a.:Seit November hat hier der Rückgang gegen die ganz abnorme Teuerung der Vorpcriode ein­gesetzt, und bei den Schiveinen sind fopar wahre Schleuderpreise eingetreten." Wenn schippel des weiteren sagt, daß der Kon­sument von der Verbilligung des Viehs noch nicht allzuviel verspürt habe, weil die Fleischer die Preise im Kleinhandel l)ochhalten, so ist dies ohne Zweifel richtig. Schippel hätte noch hiuzusügen können, daß die immer noch hohen Kleinhandels­preise für Fleisch den LandwiiIn der ersten Hand ebenso wenig Vvrtelle bieten, wie die gcgeinbartigen hohen Getreidepreise.

Bebel im Lsiizlerskafino.

lieber den Besuch Bebels im Kasino der Feldartillerieschule güterbog schreibt man derRhein.-Westf. Ztg." aus beteiligten fsizierskr eisen:

Bekanntlich nahmen mich die L-ozialdemokraten an dem Ausfluge der Budgetkvmmission nach Jüterbog teil, und wurden, wie die übrigen Teilnehmer, zu einem Frühstück im Kasino der dortigen Schießschule eingeladen. Allgemein fiel Bebel durch seine guten Manieren angenehm auf. Er war -uvorkommend, verbindlich, liebenswürdig, und machte die Offiziere durch sein artiges Betragen ganz das immerhin Ungewohnte vergessen, ihrem größten Gegner gegenüberzusitzen. Vor allem zeigte sich Bebel angenehm enttäuscht über die Einfachheit im Kasino- Leben der Offiziere. Die Sache verlief folgendermaßen: Bebel sitzt neben einem jüngeren Offizier, der zwar weiß, daß der Derr ein Abgeordneter ist, aber keine Ahnung hat, daß gerade Bebel sein Nebenmann ist. Bebel war quietsch fidel über das Gesehene, über das schöne Wetter, wenn es auch etwas heiß war, und über die liebenswürdige Aufforderung zum Früh­stück, und ganz besonders über die gute Bewirtung. Es gab nur kaltes Büfett: Karbonaden, Heringssalat und sonst so ganz einfache Sachen. Da hat sich denn der gesprächige Alte nicht enthalten können, seinem Nachbar seine Verwunderung aus­zusprechen über die kolossale Einfachheit und Gedtegenl>eit des Essens im Lssiziers-Kasstw: Heringssalat, kalte Koteletts und so weiter. Er Dätte sich doch ganz andere und, wie er jetzt sähe, falsche Vorstellungen über das Leben der Offiziere ge­macht. Diese lebten ja kolossal einfach: Als er diese Ansicht nach wiederholtem Zuprosten zu seiner uniformierten Umgebung wiederholte, sagte der neben ihm sitzende jüngere Offizier zu ihm er kannte um nicht, indem er dem alten Lernt vertrauens­voll auf die Schulter klopfte:Ja, sehen Sie mal, £>err Abge­ordneter, jetzt haben sich die hier im Kasino (gemeint ist die militäriiche Kasino-Kommission) noch besonders angeurengt weil die Herren vom Reichstag hier sind und haben alle möglichen Genüsse aufgefahren; sonst liegen mir Deinen tfxriiigS* falat zum Frühstück!" ...

L)ecr und jlotte,

Der bisherige Gießener StuusuHioict Oberst v. Sonta hat am 27. ds. Mts. das Kommando des Füsilier-Regiments Vir. Su in Wiesbade u übernommen.

Vermiete».

* Adel und Garoe. uui biu in die neue Rang- und Quartierliste der Armee lehrt, daß das numerische Verhältnis zwischen Adeligen und Bürgerlichen in den Truppenteilen btt Garde auch in diesem Jahre ungefähr das gleiche geblieben ist wie früher. In der Generalität desGardekorps finden wir als e i n z i g e n B ü r g e r l i ch e n den Generalmajor Was- m a n n s d o r f j, den Kommandeur der 1. Feldartillerie-Brigade. In sämtlichen Truppenteilen der Garde-Infanterie, die auS acht Regimentern und zwei Bataillonen besteht, ist nur ein einziger Offizier, dessen Name nicht mit dem Prädikatevon" geschmückt ist; dies ist der Oberleutnant Lyons vom Königin Elisabeth- Garde-Grenadier-Negirnent, der indessen, wenn wir nicht irren, der Familie der Lords Lyons entstammt. Bemerkt sei noch, daß das 1. Garde-Regiment zu Fuß unter feinen Offizieren nicht

weniger als 14 Prinzen und 8 Grafen aufzuweisen bat-, 0" der Garde-Kavallerie dient augenblicklich kein einziger bürger­licher Offizier. Am exklusivsten zeigt sich hier, nach alter Tra­dition, das Regiment der Gardes du Corps mit 7 Prinzen und 10 Grasen unter 29 Offizieren. Von den vier Regimentern der Garde-Feldartillerie haben nur das dritte und das vierte je einen nichtadeligen Offizier, den Leutnant Roe hl und den Oberleutnant Engler. Dagegen setzt sich das.Ofsizierkorps des Garde-Fußartillerie-Regiments aus 35 bürgerlichen und nur 8 adeligen Offizieren zusammen, und ähnlich gestaltet sich das hältnis bei den technischen Truppen. Tas Garde-Pionier-Bataitton zählt nur 6 adelige Offiziere gegen 21 bürgerliche. Die beiden Gardc-Maschinengewehr-Abteilungen 1 und 2, die dem Garde- Jäger-Bataillon und dem Garde-Schützen-Bataillon zugeteitt find, find zwar lediglich mit adeligen Offizieren besetzt, aber in den drei Eisenbahn-Regimentern überwiegt das Bürgertum durchaus gegenüber dem Adel. Im 1. Regiment gibt es 40 Bürgerlich: und 4 Adelige, im 2. Regiment 44 Bürgerliche und 3 Adelige und im 3. Regiment 41 bürgerliche und 4 adelige Offiziere. Tas Telegraphen-Bataillon 1 Hal unter 16 Offizieren nur 1 adeligen, während das Lustschisser-Bataillon Adelige und Bürgerliche in gleicher Zahl in seinem Lssizierkorps aufweist: von 12 Offizieren find 6 bürgerlich und 6 adelig. Tas Garde-Train-Bataillon hat unter 18 Offizieren nur 2 Adelige.

* T i ebessere Hälfte'. Auf dem Polizeiamt in R o - stock erschien ein Händler und erzählte von einem Raubansall, der auf ihn unternommen sein sollte, als er sich zur ^lackstzeir auf dem Heimwege befunden habe. Vor allem sei er seiner Taschenuhr beraubt worden. Recherchen führten zu dem überra meu- ben Ergebnis, daß die Frau des ManneS, als er in der Rackst angetrunken nach Haufe kam, die Uhr an sich genommen und sie am anderen Tage versetzt hatte. Um nun dem Manne glaub­haft zu machen, daß ihm die Uhr entrissen sein müsse, hatte sie das zum Halten der Kette bcitünmte Knopfloch der Weite zer- fchilitten. Ter Ehemann, der seine bessere Hälfte von dieser Seite noch nicht kennen gelernt hatte, gewährte ihren Vermutungen Raum und glaubte fach nun plötzlich entsinnen zu können, daß ihm in der erwähnten Nacht jemand ein feuchtes Tuch vor das gesicht gehalten habe, durch dessen ausströmenden Geruch er betäubt worven fei. Nicht wenig erstaunt war aber der Mann, als ihm auf der Polizei mitgeteilt wurde, daß seine Uhr auf der Leihbank ermittelt worden und die Diebin nach ihrem Ge- itändnis seine eigene Frau gewesen sei.

Was ein Vogelnest wert ist. Ein Knabe nimmt aus Langeweile ein Vo-, eine st, Grasmücken-, Spatzen-, Rotschwanz­nest oder ein anderes, sagen wir mit fünf Eiern oder Jungen aus. Jedes dieser Jungen braucht täglich im Durchschnitt etwa 50 Raupen und andere Insekten zur Nahrung, die ihm die Alten zutragen; macht täglich 250 Raupen. Die Atzung dauert durch- fchnittlich vier bis fünf Wochen, wir wollen sagen 30 Tage; macht für das Nest 7500 Stück. Jede Raupe frißt täglich ihr eigenes Gewicht an Blättern und Blüten. Gesetzt, sie braucht bis sie ausgefressen hat, auch 30 Tage und frißt täglich nur eine Blüte, die Frucht abgegeben hätte, so frißt sie in 30 Tagen also 30 Obstsrüchle in der Blüte, und die 7500 Raupen zusammen fressen 225 000 Stück solcher Blüten. Hätte der jugendliche Un­hold das Vogelnest in Ruhe gelassen, so hätte man um 225 000 Stück Aepsel, Birnen, Kirschen usw. mehr geerntet.

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