Ausgabe 
27.5.1907 Zweites Blatt
 
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Vben Dorfeingüngen warenv Ehreüpforfen errichtet, die betr- (Güsten das stolze Wort zuriefen:Des Staates Macht anrb Kraft ruht in der Landwirtschaft." Tausende waren am Festorte mit Leiterwagen, Landauern, per Rad und M Fuß eingetroffen, und die Eisenbahnbehörde konnte mit wen auf den Strecken MeßenNidda, ButzbachLich, Lau- LachHungen eingelegten Extrazügen den Verkehr kaum Lewältigen.

Für die Landwirte galt es, ihre obersten Führer und ^Vorkämpfer zu begrüßen und ihrem Wort zu lauschen. Von diesen trafen mit dem Zug über Gießen um 1/22 Uhr ein die Reichstagsabgg. Liebermann von Sonnenberg, Ph-ll. Köhler-Langsdorf, Lattmann, Tr. Böhme, Raab und Gräf. Die Herren wurden am Bahnhof von Festreitern, (Hrendamen und Vereinen empfangen und nach Dem geräumigen Festplatz gebracht, der dicht besetzt war. Alles drängte zur Rednertribüne. Nach dem Begrüßungs­chor des Gesangvereins Ober-Widdersheim erfolgten Be­grüßungsansprachen durch Bürgermeister Weiß, den Vorsitzenden des Landesverbandes Amtsrichter Dr. Mahr- Darmstadt und Oberlehrer Werner aus Gießen.

Als Erster ergriff Liebermann von sonnen» jderg das Wort, von rauschendem Beifall begrüßt. Er ffchilderte in großen Zügen die hessische antisem. ^wegung, chie anfangs der achtziger Jahre in Hessen durch Dr. Otto Böckel und chm selber begann. Der Kampf hat Dr. Böckel aufgerieben, er ist ein siecher Mann, doch in Hessen werde sein Andenken fortleben. (Bravorufe.) Aus die antisemitische Bewegung folgten die Bauernvereine, ihr Erbe hat eine anfstiÄende Partei, die deutsch-soziale, angetreten, die als ,mächtigster Zweig aus der antisemitischen Bewegung herausgewachsen ist Sie ist der Kern der Wirtschaftlichen /Vereinigung des Reichstags und hat in den Landtagen vieler Lauder Vertreter, so auch in Hessen. Der Bund der Landwirte hat im wesentlichen das Programm der Deutschsozialen. Mit ihm und den anderen antisemitischen Richtungen sind sie, trotz manches Meimrngsverschieden- heiten, treue Bundesgenossen in den großen nationalen ^Kämpfen. Mit dreifachem Heilrufe auf das deutsche Vater­land schloß der Festredner und lebhafte Beifallsrufe folgten seinen Worten.

Es wurde gemeinschaftlich gesungen:Deutschland über alles". Sodann sprach Reichs- und Landtagsabg. Philipp sKöhler-Langs dor f. Die deutschsoziale Partei mit ihrem allgemeinen Programm enthalte das wirtschaftliche ^Programm des Landwirtbundes und deshalb sei sie diejenige i'Partei, die die gegebene Vertretung der Bauern in den ^Parlamenten darstelle. Beiden eng verbündeten Parteien igall das Hoch des Redners.

Reichstagsabg. Raab, der als städtischer Handwerks- >meister seine Freude über das einmütige Zusammengehen !der Vertreter der Arbeit in Stadt und Land, der Handwerker und Bauern ausdrückte, toastete auf die ehrliche Arbeit.

Abg Lattmann gedachte in treffenden Worten der deutschen Frauen, Pfarrer Fritsch- Ruppertsburg äußerte seine Freude über das einmütige Zusammengehen der deutschsozialen und christlichsozialen Antisemiten. Lebhaften Beifall fand der Reichstagsabg. des Wahlkreises Marburg Böhme. Darauf schloß Oberlehrer Werner aus Gießen (den offiziellen Teil des Festes mit einem Hoch auf die Redner und die Gemeinde Ober-Widdersheim^

Auf dem großen Festplatz herrschte reges Treiben, die Menschennrenge wogte hin und her. Karussells, Schießbuden und Kasperletheater sorgten für Vergnügungen, im großen Restaurationsgarten fanden die Gäste Erquickung, und zwei große Tanzböden gaben der Jugend Gelegenheit zu einem Tmtzchen, dem trotz der Hitze eifrig gesröhnt wurde. Die Kleinen belustigten sich beim Sacklaufen, Kletterbaum, Wurst- schnappen, Eierlaufen usw. In Zellen wurden gemeinsam vaterländische Volkslieder gesungen und mehrere Gesang­vereine der Nachbarorte trugen Männercböre vor.

Von Vereinen waren der Gießener und Frankfurter deutschsoziale Verein vertreten, außerdem Parteimitglieder saus den benachbarten hessen-uassauischen Kreisen.

Bei einbrechender Dunkelheit wurde ein Feuerwerk ab­gebrannt. Um 91/2 Uhr hieß es für die fremden Gäste scheiden, und mit Musik brachten sie die Ober-Widdersheimer an den Bahnhof, wo wiederum ein furchtbares Gedränge herrschte. Kein Mißton störte das Bauernfest; es verlief recht schön und würdig und wird den Besuchern noch lange in angenehmer Erinnerung bleiben.

Tuberkulose-Ausstellung.

Gießen, 27. Dkai 1907.

Am Sonntag vormittag 111/2 Uhr fand in der Turnhalle der Stadtknabenschule die Eröffnung des Tuberkulose-Museums bec Landesversicherungsanstalt Darmstadt statt. Es mureit dazu n. a. Vertreter des -Kreisausschusses, der Universität, der Stadt- behörde und die Stadtverordneten erschienen. Außerdem hatte sich ein zahlreiches Publikum eingufunden.

Ter Vorsitzende der Landesverncl^erungsanstalt, Geh. Re­gierungsrar Dr. Dietz, eröffnete persönlich die Ausstellung. Er begrüßte zunächst die Erschienenen und führte dann aus, daß diese Ausstellung ja leider die traurige Seite des menschlichen fLebens darstelle. Aber ein Lichtstrahl falle daraus, die Tuber­kulose sei heilbar. Seit der Entdeckung des Tuberkelbazillus durch Prof. Kvch, an die man damals freilich Hoffnungen ge­knüpft habe, die sich nicht ganz erfüllt hätten, sei das Heil­verfahren weit fortgeschritten, da miau nun wenigstens wisse, luen man zu bekämpfen habe. Bei diesem Kampfe spiele die sozialpolitische Gesetzgebung, namentlich die Invalidenv.rsicherung, eine große Rolle. Der Redner streifte dann das Heilverfahren und wies namentlich aus die hcpischen Heilstätten hin. Ein nicht zu unterschätzendes Mütel gegen Die Tuberkulose sei aber auch die DolksbelttMmg, der diese Ausstellung dienen solle. Er müsse darum auch der in hiesigen Stadtoerordnetenkreisen herrschen­den Ansicht widersprechen, als sei diese Ausstellung nur für die Landesvcrsicherungsanstalt bestinunt. Im folgenden gab bann der Redner eine kurze Ueverficht über das Museum und schloß mit der Hoffnung, daß die Ausstellung mit dazu beitrage, neue Mitglieder dem Heilstättenverein zuzufühven.

Der Rektor der Landesunioersität, Geh. Hofrat Professor Dr. Behaghel, betrachtete die Ausstellung als ein erfreuliches Zeichen dafür, daß die Männer des Handelns mit den Männern der Wissenschaft sich zusammenfanden. Er hoffte, daß die Aus­stellung helfen möge, die Zahl der Tuberkulösen zu vermindern. Namens der Kreisbehörde wünschte Geheimerat Dr. Breidert der Ausstellung besten Erfolg. Beigeordneter Curschmann sprach seitens der flädttschen Verwaltung aus, daß die Städte eine solche Ausstellung wohl zu schätzen verstünden, ihres idealen wie materiellen Zweckes halber. Das Materielle der Krankenfür- forge wäre der Stadtverwatturrg wohl bekannt, und die Stadt­verordneten seien sich über die Bedeutung der Ausstellung wohl einig gewesen.

Gleich nach der Eröffnung sand eine eingehende Besichtigung unter wissenschaftlicher Führung von Medizinalrat Dr. Haber­korn statt, der sich viele Besucher anschlossen.

Tie Ausstellung ist recht übersichttich angeordnet. Auch ohne Führer kann man sie verstehen, denn an erklärenden Schildern und Etiketten fMt es nicht. Ganz logisch zerfältt sie in mehrere Abteilungen, die aber im engsten Zusammenhänge müeuianber stehen. Es scheint sehr viel Wert darauf gelegt zu sein, alles das,, was nur pe» MeöÄner pttrxesfiütt» zuMkLuhatten, pnp

nur Ixis zu bieten, was ~audj bei dem Laien Beachtung findet. -So kann das Museum in der Tat ein gemeinverständliches ge­nannt werden. In seiner Mannigfaltigkeit bietet es für jeden etwas, sehr viel namentlich auch für den Vollswirtschastlen, denn mit statistischen und graphischen Kurten und Tarstellungen ist die Ausstellung reichlich versehen. '

In der ersten Abteilung wird uns die Ursache der Tuber­kulose vor Augen geführt, und wir werden hier mit dem 1882 von Professor Koch entdeckten Tuberkelbazillus bekannt. Nament­lich sind hier verschiedene Tafeln interessant, die uns den Krankheitserreger in 8000 facher Vergrößerung zeigen, und an­dere, welche LungenÜläschen und das Erscheinen des Bazillus in der Lunge und anderen Organen bar [teilen. Wir sehen so auch das Auftreten der Tuberkulose in Mund und Ohr. Recht wichtig ist auch Llie Wiedergabe von geschlossener und offener Tuberkulose, da ja nur diese ansteckungsfähig ist. Eine ganze Anzahl von Staubarien ist in Fläschchen ausgestellt. Neben diesen befinden sich die betreffenden mikrosÄpischen Photographien.

Wetter wird die Verbreitung der Tuberkulose gezeigt. Auf diesem Gebiete sinden wir selbstverständlich vor allem statistisches Material. Zunächst sehen wir vier große Wand­karten von Deutschland, die uns die Sterblichkeitsziffer und deren Abnahme zuerst im allgemeinen und dann insbesondere bei Lungen kranken im deutschen Reiche zeigen. Danach steht Hessen noch ziemlich günstig. An Modellen (kleinen Obelisken und Wart­türmen) ist bas Wachstum der Bevölkerung und das unver­hältnismäßig größere Wachstum der Großstädte dargestellt, wäh­rend wir an Cylindern die Ursache der Todesarten in Groß­städten, Mittelstädten und auf dem Lande erkennen. Dabei schneidet das letztere weitaus am besten ab, denn nach dem Viodell stirbt auf dem Lande fast die Hälfte der Bewohnerfchaft an Altersschwäche. Für den Hessen unb speziell auch für den Gießener sind die graphischen Karten recht interessant, welche die Srcrblichkeit in den einzelnen Pro­vinzen und Kreisen Hessens darstellen. Danach ist allgemein eine Besserung zu bemerken. Seltsam ist aber der g ü n ft i g e Stand Offenbachs gegenüber de m Gießens. Wie bei der Eröffnung aber ganz richtig bemerkt wurde, muß man für Gießen auch immer noch die Kliniken in Betracht ziehen. Neben der Sterblichkeit finden wir auch die Zahl der an Lungenkrankhctten Verstorbenen. Andere Karten zeigen einen auf diesem Gebier recht ungünstigen Stand des südlichen Großl-erzogtums. Vor allenr fallen Worms und Mainz auf. Wetter belehren graphische Darstellungen über den ganz enormen Nutzen der sozialpolitischen Gesetzgebung. Wir sehen einen ein-?' fach erstaunlichen Rückgang der an Tuberkulose Erkrankten und Gestorbenen in den verschiedenen Berufszweigen.

In dieser Abteilung ist dann auch noch eine ganze Anzahl von Präparaten, namentlich aus dem Tierleben, ausgestellt. Es werden uns dort an Tuberkulose erkrankte Teile von Tieren vor­geführt, so vom Rind-kund vom Schwein.

Das nächste Gebiet umsaßt die Verhütung der Tuber­kulose und ihrer Fortpflanzung. In Anbetracht dessen, daß der Hauptträger des Ansteckungskeimes der Auswurf ist, denkt man natürlich an geeignete Gesäße für denselben. So ist denn eine große Anzahl von Spuckfläschchen und Spucknäpfen aus­gestellt, darunter auch verbrennbare Gefäße. Weiter find in Modellen und in natura eine Anzahl von Desinfektionsapparaten und -Mitteln zu sehen. Namentlich sind Forman und Autan berücksichtigt. Aus verschiedenen Bildern sehen wir die Desinsek- tionsmethoden veranschaulicht, u. a., wie Wäsche und Wohnung von Lungenkranken gereinigt werden und auch gereinigt werden müssen. Verschiedene Tafeln lehren, wie zum Schutze gegen Tuberkulose eine gute Zahnpflege zu handhaben ist.

In diese Kategorie ist bann auch noch die Frage der Nährmittel gerechnet, da es unbedingt erforderlich ist, daß der von Tuber­kulose gefährdete Mensch sich in zweckmäßiger Weise nährt. Ein­mal sind von verschiedenen Nahrungsmitteln (Milch, Brot, Bier u. a.) die Bestandteile an Alkohol, Fett, Kohlehydrate unb Eiweiß bei gleichem Quantum in Zylindern dargestellt. Andererseits geben Tafeln über die meisten Nahrungsmittel in dieser Hinsicht Aufschluß. Hierbei ist immer eine Menge in Betracht gezogen, die man in Berlin für 50 Psg. bekommt.

Eine vierte Abteilung und zwar die wichtigste, ist der Be­kämpfung der Tuberkulose gewidmet. Zunächst ist eine große Anzahl von Photographien aus den beiden hessischen Heilstätten ausgestellt. Sie zeigen recht anschaulich die Art der Behandlung und das Leben und Treiben der Lungenkranken. Tabellen geben Aufschluß über die Erfolge, die man erzielen konnte, und über die Kosten und die Dauer des Verfahrens. Daneben sind Mo­delle von zur Verwendung gelangenden Geräten ausgestellt. Recht interessant ist ein verstellbarer Krcmkenstuhl mit Schlassack, Licht­schirm und ähnlichen sanitären Einrichtungen. Eine große Wand­karte gibt Ausschluß über die Lage der Heilstätten und deren Art. Dabei treten die Gebirge stark hervor, während das nördlichste Deutschland wenige solcher Anstalten auszuweisen hat. Andere graphische Darstellungen machen wieder mit der Bedeutung der Invalidenversicherung bekannt. Diese wird all­gemein weit unterschätzt, weil man nicht bedenkt, in welcher Weise sie arbeitet. Die Karten der Ausstellung, die zeigen, welche Erfolge auf dem Gebiete der Tuberkulose die Invalidenversiche­rung in Deutschland in kaum 10 Jahren zu verzeichnen hatte, wirken daher ungemein aufklärend.

Andere Tafeln sind der Säuglingssterblichkeit ge­widmet. Namentlich über die Ernährung der Säuglinge finden wir viel Belehrendes. Eine ganze Anzahl Bilder und Karten nimmt die Frage deS A l k 0 h 0 l m i ß b r a u ch s in Anspruch. Abbildungen durch Alkohol geschädigter Organe sind ausgestellt, so von Magen, Herz und Nieren. Auch der Einfluß des Alkohols auf das Blut findet Beachtung. Wetter zeigen uns Tabellen den Einfluß deS Alkohols bei der Statistik der Verbrechen unb bet der Statistik der Unfälle unb der Zahl der Geisteskrankheiten. Dazwischen stnd überall Schilder mit entsprechenden Warnnngs- inschriften angebracht. Eine Anzahl Dresdener Plakate verfolgt denselben Zweck. Hochinteressant ist ein großes franzöiisches Plakat gegen den Mißbrauch des Alkohols aus Paris. Außerdem ist ber Wohnungsfrage Beachtung geschenkt. Einige Pboto- graphien von Musterwohnungen, darunter solche von städtiscyen Beamtenwohnungen aus Worms, sind ausgestellt.

Zum Schlüsse hat dann die Landesversicherungsanstalt noch einige statistische Tafeln beigefügt. Dieselben geben Aufschluß über den Geschäftsgang, die Rentenhöhe, die Krankenkassen und dergleichen mehr.

Ein mehr privates Unternehmen ist wohl die kleine Aus­stellung von Nahrungs- unb Jnhalationsmitteln, die scheinbar von einer Wormser Firma veranstaltet ist.

Der Besuch des Museums war am Sonntag vormittag sehr rege. Namentlich die arbeitende Bevölkerung war unter den Besuchern stark vertreten. In Hinsicht auf die Reichhaltigkeit und leichte Verstänblichkeit der Ausstellung kann der Besuch in dieser Woche nur empfohlen werden, umsomehr, als kein Ein­trittsgeld erhoben wird.

Aus Siadt uitc lano.

Gießen, 27. Mai 1907.

** Der Verein der Tabakindustriellen von Gießen und Umgegend hat, wie uns mikgeteilt wird, es seinen Mitgliedern zur Pflicht gemacht, weil bei einem Kollegen die Arbeit ohne Kündigung niedergelegt wurde, den Zigarrenmachern, Wickelmachern und Sortierern am 25. b. M. zu kündigen, soweit solche dem Tabakarbeiter-> verband angehören. Mitbeskimmend für diesen Beschluß waren auch berechtigte Klagen über die Art und Weise, wie seitens der Agitatoren gegen biejemgen Arbeiter, welche dem Verbände fern bleiben wollten, vorgegangen wurde.

Die Steuer zettel ui 2. Auflage, nämlich die Rechnung der im laufenden Jahre zu entrichtenden Kommunal- abgaben, iDurbcn teilweise heute von dec Schutzmannschaft den Steuerpflichtigen ausgehändigt. Nun kann also das Be­zahlen an bte Stadttafje losgcheu.

* * Konzert. Auf bas heute abend stattfindende Kon­zert in Steins Garten weisen wir nochmals hin.

* * Südwestafrika-Basar 8., 9. und 10. Juni. Der Zentralausschuß hüll am Dienstag nachmittag im Saale ber Liebigshöhe zur Feststellung unb Einteilung des Programms eine Sitzung ab.

-Um tausend Mark. Im Kolosseum spielte sich gestern abend vor den zahlreich erschienenen Besuchern ein nervenercegendes Schauspiel ab. War es dem Fesselkünstler Jardini seither stets gelungen, sich aller ihm angelegten Fesseln innerhalb weniger Minuten zu entledigen, sich also eigentlich als Entfesselungskünstler zu zeigen, so hatte er gestern unter den'Zuschauern einen ebenbürtigen Partner ge­funden: einen Feffelkünstler. Nachdem sich I. einer sogen. Hamburger Acht mit Leichtigkeit entzogen hatte, schloß ihm dieser Herr die beiden Hände dermaßen auf dem Rücken zu­sammen, daß es schien, die als Prämie ausgeschriebenen 1000 Mk. seien baldigst fällig. Trotz der größten Anstreng­ungen schien sich I. nicht befreien zu können. Erst nach ein» stündiger heißer Arbeit warf er endlich die Kettenfessel von sich. Er dürste damit wohl bewiesen haben, daß er auf längere Zeit kaum sestgeschlossen werden kann.

Aus Anlaß des Geburtstages des Königs von Sachsen sandte die hier im ,Pfälzer Hof^ tagende Sachs. - Thüring. Landsmannschaft am SamStag folgendes Glückwunsch-Telegramm ab:

Er. Majestät König Friedrich August von Sachsen.

Unterfertigte Landsmannschaft erlaubt sich Ew. Alajestät, dem erhabenen Schinnherrn unseres Heimatla>wes, ehrerbietigst herzliche Glückivünjche zunr Geburtstage in alter Treue davzubringen.

Sächs.-Thuring. Landsmannschaft Gießen. Lorenz, Vorsitzender.

Daraushin ging nachstehendes Telegramm ein:

Wachwitz, Kgl. Villa.

Sächs.-Thüving. Landsmaiinschaft, Vorsitzender Lorenz, Gießen.

Seine Alajestät der König haben sich über die gesandten Glück- wi'nische sehr gefreut und lassen der Landsniamischast herzlichst danken. v. Wilncki, Oberst und Flügeladjutant.

Die Landsmannschaft, welche am 20. März 1906 ge­gründet wurde, erfreut sich bereits einer großen Mitglieder­zahl aus allen Kreisen, und es wäre zu wünschen, daß sich alle hier wohnenden Sachsen und Thüringer der Lands­mannschaft anschließen. Die Zusammenkünfte finden jeden Dienstag statt.

* * Kriegsmarine-Ausstellung! 600 Schliß in einer Minute feuert das Maschinengewehr- säst märchenhast Hingt es, und doch ist es Wirklichkeit. Der Schütze drückt nur auf einen Knopf macht weiter gar nichts unb diese eigenartige Waffe, die neueste ber Marine, entfenbet ununterbrochen einen dichten Hagel totbringenber Geschosse. Es ist das erste Nial, baß biefe Wafse m einer Ausstellung i m Feuer oor geführt wirb ein Entgegenkommen des Staatssekretärs bes Reichsmarine- amts, welcher alle Gegenstände für die Wanderausstellung zur Ver­fügung gestellt hat. Ein Aiörfer, eine Revolvertanone, geborgen von dem alten an der Küste Ostasiens gestrandetenIltis",. Schnellabekanonen neuester Art, ein Torpebo bte, komplizierteste Waste ber Marine, bas teuerste Geschoß, benn es kostet 10 000 Mark, eine Seemine, die nn russisch-japanischen Kriege einer ganzen Reihe stolzer Kriegsschiffe ben Untergang be­reitete, viele Geschosse, banmter 2 Granaten, bie je 1/« m hoch unb fast 1000 Pfunb schwer sinb, Schrapnells, Bomben unb Kartätschen Streugefchostc, bereu ucrl)eevenbe Wirkung in ben mobernen Kriegen bekannt ist, B 0 x e r f a n 0 n e 11 unb andere Trophäen aus dein Boxeram'stanbe, alle diese Waffen, sowie die wichtigsten nautischen Instrumente, bie neuesten Pulverforlen, T a ucher, lUobcUe von Schiff S m afchinen, Schifiskesfeln unb viele anbere Dinge sinb in ber mit großer Sorg­falt zufaminengefetzten Ausstellung in Originalen vertreten. Die Norbdeutjchen Seckabelwerke in Norbenham haben eine herr­liche, lehrreiche Sammlung Abschnitte von wirklichen Seekabelm zur Verfügung gestellt. Alles in allem: Es handelt sich um eine, hervorragende Ausstellung, bie bes Interessanten unb Lehrreichem außerorbenllich viel bietet unb ber Bestich kann gerabe ben 9c-1 ivohnern bes Binnenlanbes, bie mit ber Marine fo wenig Fühlung, haben, nicht genug empfohlen werden.

* * Wieseck, 27. Mai. Der neulich zum Bürgermeister unseres Ortes gewählte Schreinermeister Scho mb er ist vom Kreisamk bestätigt worden. Heute nachmittag um 5 Uhr findet die Vererdigung im Gemeindehause vor ver­sammeltem Gemeindekollegium statt.

- i- Allendorf a. b. Lahn, 25. Mai. Ein Feuer brach in der Hofreite des Landwirts Arnold aus und legte die Scheuer in kurzer Zeit in Asche. Ein . Glück, daß die Feuerwehr sofort an Opt und Stelle war und so ein. Umsichgreifen des Feuers auf die Hofreite des Gastwirts Gimbel verhütete.

B a d - N a n h e i m , 26. Mai. Der Verein zur Hebung des Stadtverkehrs beschloß die Absendimg zweier Eingaben an das Finanzministerium. In der einen soll gegen den Plan der Regierung, im Zug der Kurstraße ein Gebäude mit 5 Läden aufzusühreii E i n j v r u ch erhoben ; in der anderen wirb bie Be- hörbe um Anstellung eines Dolmetschers in amtlicher Eigen­schaft zur foftenlofcn Anskunsterteilung ersucht. Zwei weitere Ge- fuche wurden an bie Eisenbahiibirektiou Frankfurt abgesandt: Das eine enthielt bte Bitte um Anbringung bes NamensBab- N a u h e i m a ii ben ©d)ilbern sämtlicher Wagen, die unsere Stabt passieren, sowie um Durchlaufenlassen einzelner Wagen im internationalen Verkehr, z. B. mit Englanb bis Hierher ober barübei" hinaus. Das andere fordert baldige V er m e h r u ug. der Eilzüge aus der Strecke Frankfurt Gießen sowie Umwandlung des 3.06- ober 4.02°Zuges in einen Eilzug. Am 24. Mai b. I. waren es 40 Jahre, baß Bab-Nauheim mit ben Ortschaften Robgen, Schmal» l)cim unb Dorheim burch Staalsvertrag mit Preußen im Aus­tausch mit dem sog. Hess.Hinterland (Kreis Biebenkopf) bem Gr o ß- Herzogtum Seifen formell e i n v e v l e i b t würbe, nachbem es bereits nach ber Annektierung Kurhessens im Jahre 1866 bem Großherzogtum jugeteilt war. Tie Enklave stanb iniierhälb ganz kurzer Zeit unter brei Regierungen, erstens Kurhesten, dann war sie zwölf Tage preußifch, bis sie bann enbgiiltig an bas Großherzogtum Hessen fiel. Wochenprogramm vom 26. Mai bis 1. Juni: Täglich früh Konzert am Kurbrunnen. Dienstag nachm. unb abends auf ber Terrasse Konzert ber Kurkapelle. Abends Theater: Unter vier Augen. Hierauf: Die Akedaille. Mittwoch nachm. und abends Konzert. Bei gutem Wetter große italienische Nacht im Park unb auf ber Terrafse. Abends im Kurhaussaale Tanz. Donnerstag nachm. unb abends Konzert. Freitag nachm. unb abends Konzert. Abends Theater: Der Schlaswagenkontrolleur. Samstag nachm. und abends Konzert. Abends Theater: Die Orientreife. Sonntag Konzert des Mufikkorps des I n f.- Regts. Nr 116 aus Gießen. Abends im Kurhausfaale Symphoniekonzert. Am 3. und 4. Juni: Gastspiel des ober- bayerischen Bauerntheaters. Mittwoch, 5. Juni: Militärkonzert und Feuerwerk am Teich.

Aulendrebach bei Büdingen, 26. Mal. Heute vor Beginn des Gottesdienstrs fuhr bei einem von Südwesten aufziehenden Gewitter ein Blitz in den Turm des Schulhauses, in welchem zwei Glocken hängen. Es roar ein kalter Schlag, welcher oben am Turm viel Ver­wüstung hinterließ. Schiefer und Holzteile flogen bis in die umherstehenden Hofreiten. Das Dorf war so in 5U4* regung, «Mt fee», KMM» .ließ.