Ausgabe 
27.5.1907 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 121

Zweites Blatt

157. Jahrgang

Montag 27. Mai 1907

Erscheint täglich mit AuSaahme beS ©oimtagl.

DieSiebener Famittenblätter- werden dem .Anzeige/ viermal wöchentlich beigelegt, das Lretrblatt für den Kreis Sieben" zweimal wöchentlich. Derhesstsche Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Cderhesfen

NotattonSdruck und Verlag der Brüh lachen UmtxrftlätS - Bach- und etttnbtudertL 9L Laag«. Lietzen.

Redaktion, Expedition unö Druckerei! Schul- stratze 7. Expedttton und vertag, 61.

Rebafttorce^S 112. Del.-Adr.' AnzeigrrGirtzea.

politische Lagesscha«.

Bombenfabrikautnt.

In Berlin sind, wie wir bereits berichteten, mehrere Lesehallen geschlossen worden, die keinen anderen Zweck hatten, als der russ.- reoolutionärcn Propaganda Unterschlupf zu gewähren. Tie Be­richte über die kriminalistischen Feststellungen bei diesen Verhaf­tungen sind irtdes vielfach so aufgebauscht worden, daß der Berliner Korrespondent deS LondonerDaily Mail" es sogar für nötig erachtete, seinem Blatte zu melden, die deutschen Behörden hätten ein deutsch-russisches Komplott gegen das Leben des deutschen Kaisers entdeckt. Die Verhaftungen von russischen Anarchisten seien auf diese Entdeckung zurückzuführcn.

Das offiziöse W. T. B. stellt heute fest, dieses schauerliche Gerücht entbehre jeder Begründung. Nach einem Berliner Blatte ist das Gerücht augenscheinlich auf den Umstand zurückzuführen, daß im Frühling vorigen Jahres in Zürich bei der Verhaftung des dortigen Anarchisten Rothemann mehrere Zeichnungen der Ma­növerzelte des Kaisers sowie Mitteilungen über seine Reiseplänc vorgefunden wurden. R. wurde wegen Versuchs der Anfertigung von Sprengstoff unter Anklage gestalt, mußte aber aus formalen Gründen freigesprochen und entlassen werden. Das eine aber steht fest, daß die mittlerweile geschlossene russische Lesehalle in Char- lottenburg ein Anarchistennest schlimmster Art war. Die verhaf­teten Studenten sind Mitglieder derRussisch-sozialen Partei", die ihreFöderation" als Glied einer weitverzweigten umstürzleri­schen Organisation betrachten. Verschiedene Etitdeckungen, die Nicht ohne Zusammenhang mit diesem Befunde sind, weisen nun aller­dings darauf hin, daß gewisse Elemente unter den in Deutschland leben bat russische Revolutionären mit AttentatspläneN auf allerhöchste Personen sich befassen, zum mindesten mit s o l ch e n Gedanken spielen. Wie angesichts solcher Feststellungen der sozialdemokratischeVorwärts" die bürgerlichen Blätter verhöhnen kann, daß sie ,chlutrünftig ausgepuhte Darstellungen" der Ange­legenheit gäben, ist unerfindlich. Aus den denkbar besten Quellen ist bekannt geworden, daß das wirklich Gefährliche an der ganzen Afläre das Zusammenarbeiten russischer Nihilisten mit deutschen Anarchisten ist. Es ist doch wohl kein Zufall, daß die Offenbacher Bombe genau dieselbe K on st ruktion aufweift wie die Madrider Bombe, uno daß diese Konstruktion in russischen Rezepten zur An- fectigung solcher Höllenapparate in jenen russischen Rezepten vor- geze ahnet ist, die an deutsche Anarchisten weüergegeben wachen. Wenn also auch die Meldung von einem unmittelbaren deutsch-russischen Attentatsplan übertrieben ist, so bleibt doch die bedenkliche Tatsache, daß der russische Geist nihilistischer Verbin- dungen in befruchtender Beziehung zu den deutschen Anarchisten steht. Selbst ein so linkS-liberaleS Blatt wie dieBerliner Z. o. M." muß zugeben, auch derVorwärts" könne schließlich nicht leugnen, daß die russischen jungen Leute das Gaftrecht, das sie hier genießen, mißbraucht haben, wenn sie sich mit den Berliner Anarchisten in politische Umtriebe einließen.

Der russische Staatsangehörige Journalist Max Wallach in Berlin, geboren zu Bialystvk, ist soeben auch noch wegen des Verdachts der Teilnahme an polttcsct/en Umtrieben als lästiger Ausländer ans dem Gebiete des preußischen Staates ausgewiesen worden. *

Staatsstreich in Persien?

Der PariserNewhork Harald" meldet aus Teheran, daß irreguläre Reiterei aus Befehl des Schahs eine Versammlung in Talbris angegriffen habe. Zweihun­dert Personen seien getötet oder verwundet worden, darunter sechs Mitgliederder Nationaloersamm- lnng. In Teheran habe die 9tachricht von diesem Ueberfall außerordentliche Erregung hervoraerusen. Eine große Men­schenmenge habe sich vor dem Palast der Nationalversamm­lung eingefunden und die Hinrichtung Rahim Khans, des Führers der irregulären Reiterei, verlangt. Die Naeional- > Versammlung habe eine Abordnung zu dem Schah entsendet, 'welcher erklärt hat, daß er nicht das Geringste von den Absichten der irregulären Reiterei gewußt habe. Die Er- klärung habe lebhafte Entrüstung verursacht und man be­fürchte ernste Unruhen.

Nach einer Neutermeldung beschwerten sich vor einiger Zeit die Einwohner von Burudscheid über den Gouverneur von Luristan, dessen Scharen die Dörfer in dem Distrikte plündern. Der Minister des Innern teilte hierauf am Donnerstag im Parlamente mit, daß eine Truppenabteilung entsandt worden sei, um die Ordnung wiederherzustellen. Ein Mitglied des Parlaments behauptete, die Regie­rung habe die Un r u h e n, die auch in Schiras ausbrachen, angestiftet. Im Laufe des 25. d. M. sind Meldungen aus Taebris eingelaufen, nach denen Rahim Khans irregu­läre Reiterei die Dörfer geplündert und 250 Mann ge­tötet habe.

Der heilige Syuod

zu Petersburg beschäftigte sich mit der Sitzung der Duma vom 20. Mai, in welcher die Interpellationen wegen des Anschlags gegen den Zaren beraten wurdäi, und faßte einen Beschluß, in dem es heißt: Mehrere, den extrem­revolutionären Parteien angehörige Priester hatten dieser Sitzung nicht beigewohnt in der offenbaren Absicht, sich der Teilnahme an der Mißbilligung des Anschlags gegen das Leben des Kaisers zu entziehen. In An­betracht dessen, daß der Respekt vor dem Kaiser, welchem die Priester nicht nur selbst den Eid leisten, sondern für den sie auch anderen den Eid abnehmen, mit der Würde der Diener der Kirche untrennbar verbunden ist, erachtet der Synod den Anschluß von Priestern an die ex­tremen Parteien für unzulässig. Er beschließt daher, den Metropolitan Antonius mit der Erklärung an "Die diesen Parteien angehörenden Priester zu beauftragen. Daß sie öffentlich aus %en extremen Parteien auszutreten ober freiwillig aus dem Klerus auszuscheiden haben. Wenn sie sich weigern, sich diesem Beschluß des Synods zu fügen, wird die Angelegenheit dem Urteil der zuständigen Dwzefan- behörden unterbreitet werden, denen die Priester trotz ihrer Wahl zu Mitgliedern der Reichsduma unterstellt bleiben.

Infolge der immer noch umlaufenden Attentats gerückte ist die Uebersiedelung der kaiserlichen Familie nach Peterhof verschoben worden.

Deutsche, Reich.

Berlin, 25. Mai. DerNordd. Allg. Ztg." zufolge sagte für heute abend der Kaiser beim Reichskanzler unb der Fürstin Bülow sich zum^Diner an. Unter den zahlreichen Geladenen befanden sich Staatsminister v. Möller, die Unter» staatssetretäre o. Diühlberg und v. Lpbell, Wirkt. Geh. Rat Dr.

Allhosj, Wirll. Geh. Oberregierungsrat Prosessor Harnack unb Professor Dr. Schrnvtter.

Der Magistrat beschloß, bei den Stadtverordneten die Bewilligung Don Mk. 40 000 zu beantragen zum festlichen Empfang des Londoner Lordmajors unb 53 Lon­doner Denen, die vom! 15. bis zum 20. Juni als Gäste der Stadt in Berlin weilen. Vorgesehen ist ü. a. ein Empfang im Rathause und ein Sommerfest im Zoologischen Garten. Den Vertretern englischer Blätter wid-met i>teNordd. Allg. Ztg." folgendes Willkommen:

Die englischen Gäste werden überall in allen Kreisen der Bevölkerung den Wunsch lebendig finden, zu England wie zu allen anderen Staaten der Welt auf Gegenseitigkeit beruhende freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten. Wir hoffen, baß sie mit solchen Eindrücken in ihre Heimat zurück- kehrcn unb dort den verwerflichen Versuchen ent­gegenwirkenwerden, zwischen zwei großen Nationen Z w i e- tracht zu säen, die, wie die Westminster Gazette kürzlich sehr richtig betonte, hundert Gründe haben, einander zu achten. In dieser Zuversicht rufen wir den englischen Gästen ein auf­richtiges Willkömmen zu. >

In den letzten Monaten wandte MaximilianHarden in einer Reihe von Artikeln seinerZukunft" fein Interesse derengeren Tafelrunde" des Kaisers zu und griff dabei beren wirkliche oder vermeintliche Mitglieder, darunter auch den Grafen von Moltke erst in versteckter, schließlich aber in nicht miß­zuverstehender Weise an. Wie jetzt nach derBerl. Mp." ver­lautet, hat Grpf Moltke Harden stellen lassen unb, als dieser den geforderten Austrag ablehnte, ohne seinerseits eine Zurücknahme seiner Beschuldigungen an­zubieten, seinen Rechtsbeistand, den Justizrat Dr. v. Gordon, beauftragt, gegen Hürden Strafantrag zu stellen. Eine Bestätigung dieser Meldung bleibt abzuwarten.

Der Vorstand des Bundes der Landwirte hat Pfarrer Schowalter zu Jettenbach (Pfalz) einstimmig aus dem Bund der Landwirte ausgeschlossen. Pfarrer Scho­walter hatte, nachdem eine Vertraueusmännerversammlung des Bundes der Landwirte zu Landstuhl für den Landtagswahlbezirk Kusel-Landstuhl-Otttrbcrg-Wolfsteiu Landwirt Mattil-Hütschen- baufen ate fihnbiöaten nominiert hatte, sich entgegen den Ladungen des Bundes als Kandidat für den genannten Wahlbe­zirk ausgestellt und eine Agitation für seine Kandidatur be­gonnen.

Rostock, 25. Mai. Die gestern auf Veranlassung der preußischen Regierung zusammengetrettue unb vom llnttrstaats- l'efretar Dr. Dolle geleitete Konferenz von Vertretern der deutschen Elbuferstaaten mit Hinzuziehung Bayerns hat einen teilweisen Sieg des preußisch en -L-tau dpu n ktes gebracht. So­weit aus der bisherigen Stellungnahme der Rcgierungsbele- gierten zu entnehmen ist, verharren nur Sachsen unb Mecklen­burg bänngungslos auf dem Prinzip der Freiheit der; Flußschiffahrt, während Hamburg, Braunschweig unb An­halt für ihre Regierungen keinerlei gegen ben preußischen Stand­punkt gerichtete (5r Körung en abgegeben haben.

Dresden, 25. Mai. Der Kaiser ist heute vormittag hier cingetroffen, um dem König Friedrich August zu dessen Geburtstag Glück zu wünschen. Am Nachmittag reifte der Kaiser nach Wildpark.

Der König verlieh dem Finanzminister Rüger unb dem Justizminister Otto den erblichen Abel unb begnadigte 33 Straf­gefangene.

Der Staatsminister Gras Föhrenthal erklärte beim Festmahl zu Ehren des Geburtstages des Königs in einer Rede, er sei fest entschlossen, ehrlich äu versuchen, ein auf etwas brei­terer Grundlage rubendes L a n d t a g s w a h 1 r e cht durchzu­setzen und er vertraue dabei auf die Hilfe des Königs.

Freiburg i. B., 25. Mai. Der greise ehemalige badische Staatsmann Freiherr v. Roggenbach, bekannt als Freund des Kaisers Friedrich, ist gestern abend im Alter von 82 Jahren gestorben.

Stuttgart, 25. Mai. Im Alter von 60 Jahren ist heute der bayrische Gesandte am Darmstädter Hofe, Staatsrat Frhr. von der Pfordten gestorben.

N ü r n b e r g , 26. Mai. Die Begründung der Entlassung desGenossen" Schlegel aus der Zeugniszwangshaft besagt, daß eine längere Haft in Anbetracht des die Allgemeinheit nicht berührenden verletzten Rechtsgeistes und der Strafe, die event. den noch unbekannten Verfaßer der inkriminierten Notiz treffen könnte, eine Unbilligkeit wäre und nach dem bis­herigen Verhalten des Zeugen Schlegel auch wirkungslos ]ein würde.

Ein gerichtliches Nachspiel zum Kolonial-Skandal.

1L

Berlin. 25. Mai.

Das Interesse des Publikums nmchte sich bei der heutigen Verhandlung im Pöplau-Proz in höherem Grade bemerkbar. Unter den in den Saal tretenden Zeugen bemerkte man die ReichstagS-Abgg. Dr. Arendt, Bebel und Erzberger.

Vom Reichskanzler Fürsten Bülow ist folgendes Schreiben eingegangen: .In der Strafsache gegen Pöplau hat der Angeklagte mich als Zeugen geladen. Da ich nicht weiß, auf welche Tatsachen ich meine Zeugenaussage abgeben soll, ist es auch nicht möglich gewesen, die erforder­liche allerhöchste Genehmigung zu erwirken. Ich werde deshalb der Ladung keine Folge leist en/

Pöplau bemerkt, daß er rechtzeitig durch eine Imme­diateingabe an den Kaiser die für die Vernehmung des Reichskanzlers erforderliche Genehmigung erbeten habe. Die Ladung an den Erbprinzen Hohenlohe-Langenburg konnte nicht zugestellt werden, da dieser sich in Nizza aufhält. Dem Verteidiger Rechtsanwalt Bertrant ist vom Zeugen Schneider aus Eberswalde ein Schreiben zugega^gen, in dem dieser mitteilt, daß seiner Vernehmung un Eberswalder Sanatorium nichts entgegenstehl.

Der Vorsitzende teilt darauf noch zwei Schreiben mit. In dem einen erklärt Geh. Legationsrat von Holstein, daß er auf die Ladung des Angeklagten vorläufig nicht erscheinen werde, da er aus eigener Wissenschaft nichts bekunden könne. Sollte das Gericht feine Vernehmung für nötig halten, so werde er natürlich Folge leisten. Das andere Schreiben ist vom Reichskanzler Fürsten Bülow. Dieser teilt mit, daß er die Genehmigung zur V ernehmung des geladenen Schutztrnppen-OffizierS, des Staatssekretärs Dernburg und des Geh. Hoscat Krüger versage, da aus den ergangenen Ladungen nicht ersichtlich sei, worüber die geladenen Personen aussagen sollen.

Dann wird bie persönliche Vernehmung bes Angeklagten

und die Verlegung zahlreicher Aktenstücke forlgeictzt. Pöplau giebt auf die Frage, woher er die Dokumente habe, an, daß er sie eines Morgens in feinem Dienstzimmer auf feinem Pult gefunden habe. Von wem sie herrührten und wer die Abschriften angefertigt habe, wiße er nicht.

Der Angeklagte sagt aus, er habe die Sachen den Ab­geordneten mitgeteilt, da seine Bemühungen, im geordneten Dienstwege eine Abstellung der kolonialen Mißstände zu erreichen, fehlgeschlagen seien. Er habe die Abgeordneten auch gebeten, sich zunächst an den Reichskanzler zu wenden.

Hierauf wurde Erzberger vernommen, wegen Ver­dachts der Teilnahme aber nicht vereidigt.

Erzberger spricht zunächst seine Bereitwilligkeit auS auszusagen, da der Angeklagte ihn von der Schweigepflicht entbunden habe. Er habe Pöplau vor zwei Jahren zu sich gebeten in der Absicht ihn als Stenographen zu engagieren. Dieser habe aber erklärt, noch Beamter be8 Kolonialamtes zu sein und ihm darauf feine Angelegenheit vorgetragen. Er habe ihn aufgefordert, ihm Material zu bringen, um weitere Schritte zu unternehmen. Da der Reichskanzler abwesend war, habe er, der Zeuge, den Sachverhalt dem jetzigen Unter­staatssekretär Loebell vorgetragen und diesem im Verlause der Unterredung allerdings gefragt, ob sich die Angelegenheit nicht auf eine andere Weife aus der Welt schaffen laste. Es sei jedoch nicht selten, daß Abgeordnete sich dieses Ausdrucks bedienten. Daß das ihm von Pöplau unterbreitete Material amtlich sei, habe er vermutet. Slbgeorbncte hätten jeboch nur die Pflicht zu prüfen, ob das Material authentisch fei, und nicht, woher es stamme. Pöplau habe versichert, das Material fei ihm anonym zugefandt worden und nicht in amtlicher Eigenschaft zugegangen.

Heer rrnd Flotte.

General von Bock, Kommandeur deS 14. Badischen Armeekorps wird als Nachfolger von LindequistS die 3. Armee-Inspektion in Hannover übernehmen. In Kreisen, die eS wissen müssen, verlautet, daß an Stelle von Bocks der Chef deS Militärkabinetts von Hülfen-Haefeler treten soll, dessen Stelle wiederum durch General von Mackensen eingenommen werden solle.

Ausland.

Dover, 25. Mai. Anläßlich des Antritts der Deutsch­landsreife englischer Journalisten fand heute abend an Bord des DampfersZieten" des Norddeutschen Lloyd ein Festmahl zu 73 Gedecken statt, an dem auch Legationsrat Prinz zu Stolberg-Wernigerobe von der deutschen Botschaft in London teilnahm. Der Vizepräsident des Auffichtsrats des Nord­deutschen Lloyd, Konsul Achelis, brachte einen Trinkspruch auf König Eduard und Kaiser Wilhelm aus. Direktor Helmolt vom Lloyd toastete auf den Mayor von Dover; dieser antwortete mit einem Toast auf den Lloyd. Chefredakteur Spencer von der Westm. Gaz." sagte in seiner Ansprache: Die Presse erzeugte leider viele Mißverständnisse, müsse aber diese Mißver­ständnisse beseitigen. Dr. Grunwald von derVoss. Ztg." betonte die Gemeinschaftlichkeit der Aufgaben der englischen und deutschen Presse unb sprach bie Hoffnung aus, daß der stetig wachsende Einfluß der Presse im Sinne des Frie­dens, des Glücks und der Wohlfahrt der Nationen angewendet werbe. Sybney Low vomStandard" bezeichnete bie Entgegen- fmbung einiger Mitglieber bes beutschen Komitees nach Dover als eine Liebenswürdigkeit nicht nur gegenüber der englischen Presse, sondern gegenüber allen Engländern, die Deutschland achten und lieben. Brandes, der Londoner Vertreter desBerl. Tagebl.", überbrachte die Grüße des Lordmayors von London. Ellecthorpen vomDaily Telegr." gedachte der Mißver- standnisse zwischen Engländern und Deutschen und führte aus: Je mehr die Völker sich kennen lernen, umso schneller werden die Mißverständnisse verschwinden. Um 11 Uhr abends fuhr der Damvser mit 52 Passagieren nach Bremerhaven ab.

Wien, 26. Mai. Letzte Nacht, bei Verkündigung des Wahlresultats im 6. Bezirk in Lemberg, kam es zum Kampf zwischen Altpolen unb den Sozialdemokraten. Erstere brachten dem gewählten Professor Buzek eine Ovation bar, bei welcher bie Sozialdemokraten bas Lieb der Arbeit fangen unb mit Stöcken um sich schlugen. Aus bem Nachbargarten fielen brei Schüsse, wovon einer ben zwanzigjährigen Arbeiter Swietnicki tötete. Hieraus kam es zu einer Schlägerei, ber Polizei unb Militär ein Ende bereiteten.

@inem Lemberger Blatt zufolge wurde in Wojnilow der rirthenische Grvßbesitzer Stephan Cziml von jung-ruthenischen Parteigängern erschlagen, weil er bei der Reichstagswahl für den polnischen Kandidaten gestimmt hatte.

Heute fanb bie feierliche Sch lußsitzung bed in­ternationalen landwirtschaftlichen Kongresses statt. Ms Ort des nächsten Kongresses wurde Berlin fest­gesetzt. Dio Teilnehmer des Kvngresses waren heute abenb bei einem Abschiedsbankett vereinigt. Der Ehrenvorsitzende Mäline bezeichnete eine Vereinigung aller Ackerbau treiben­den Volker als das Ziel seiner Wünsche und trank auf bas Morgenrot bes künftigen Bölk"erfriebens.

Oberhesfisches Volks- und Bauernfest in Ober-Widdersheim.

(Original-Artikel derGieß. Fam.-Bb").

Aus allen Teilen Oberhessens schien am Sonnürg bie gesamte Landnnrtschast treibende Bevölkerung zusammen­geströmt zu sein, um das Jahresfest zu begehen. Tie Wahl bes Festortss war überaus günstig: liegt boch Ober- Wibbersheim am Norbostranbe ber fruchtbaren Wetterau, angelehnt an einen burch vorzüglichen Basalt ausgezeich­neten HöhenKug bes hier auslausenden Vogelsbergs. Ehr­würdig grüßt von dieser Höhe herunter bas auf denFels gebaute Kirchlein bes^ Ortes, und unten präsentieren sich als tzsegenstück, gleichsam den Materialismus vertretend, bie großen und rühmlichst bekannten Basaltwerke, bie wie sich ein humorvoller, ordengeschmückter Kriegsveteran ausbrückte dem Dorfe ben Ruhm geben, einsteinreiches" Dorf zu fein. Ober-Wibdersheim ist in ber Tat noch eines ber echten alten Bauerndörfer Oberhessens, bas sieht man an ber Bauart seiner Straßen unb Häuser, und in seiner Bevölkerung herrscht der richtige Bauernstolz. Im schönsten Festesschmuck prangte das ganze Torf, kein Ha.^s war ohne Kränze, Girlanden, Sprüche unb Fahnenschmuck, unb an