Ausland.
London, 24. Febr. Auf Anfrage erklärte ein Ver- freier der Regierung im Unterhaus, daß den, neuen Bot- fchaftcr in Washington künftighin L. 10 000 (200000 Mark) im Jahr bezahlt werden sollen, während der Posten jbisher nur mit L. 7 800 dotiert war. Die Summe von L. 10000 ist dieselbe, die auch der Präsident der bereinigten Staaten gegenwärtig bezieht. In Europa tfl der bestdotierte britische Botschaftsposten der von PanS. Der dortige Botschafter erhält L. 9 000 (180 000 Mk.). Dann ,'kommen Berlin, Wien und Konstantinopel mit je L. 8 000, Petersburg mit L. 7 800, Rom mit L. 7000, Madrid mit ,L. 5500 und endlich Tokio mit L. 5000.
Budapest. Hier droht ein neuer Skandal auS- zubrechen. .Budapesti-Hirlap* meldet, daß der frühere Ministerpräsident TiSza aufgefordert werden soll, 'über die Verwendung b e 8 Dispositionsfonds von 200 000 Kronen detaillierte Angaben zu machen. Das .Blatt berichtet weiter, daß an9 den, dem Parlamente vor- ■gelegten Alten hervorgehe, daß ein früherer Handelß- minister 19000 Kronen im eigenen Interesse aus dem Dispositionsfonds verwendet habe.
Belgrad, 23. Febr. Bei der Verhandlung in der heutigen Skupschtina über den Handelsvertrag mit Fraiikreich äußerte sich der ehemalige Handelsminister Traschlowitsch da- hin, Serbien könne nirgends einen günstigeren Markt für -seinen Viehexport finden als Oesterreich. Die8 veranlaßte -en Altradikalen Stanko Petrowitsch zu dem Zwischenruf, Draschkowitsch spreche, als ob ihn Oesterreich in die Skupichtma geschickt hätte. In größter Aufregung verlangte dieser vom ^Vizepräsidenten JoSwanowitsch die Maßregelung des Zwischen- rufers, sonst werde er den Vizepräsidenten selbst prügeln. Seine Gesinnungsgenossen unterstützten ihn, indem !fie einen wüsten Lärm verursachten und sich um das Prä- 'sidium scharten. Der frühere Justizminister bearbeitete nut wuchtigen Faustschlägen deu Präsidententlsch, daß die Tinte auS den Tintenfässern herumspritzte. Da sich die Altradikalen in den Tumult einmischten, drohte die (Se- ifahr eines ernsten Zusammenstoßes. Die Sitzung mußte -unterbrochen werden.
Prätoria, 23. Febr. DaS erste in Transvaal nach -der neuen Verfassung gebildete Ministerium besteht ausschließlich aus Mitgliedern der Partei .Hot boll”. Labst jnettschef ist General Louis Botha.
Neues Bombenattentat in Nufiland.
Auf den Polizeimeister von GeSberg in Odessa nvurde ein Bombenattentat verübt. Der Polizeimeister wurde schwer verwundet, sein Klltscher betäubt, die Equipage total zertrümmert. Drei Täter flohen auf einer iDroschke wurden aber bald verhaftet. Schwer verletzt wurde auch ein in der Begleitung deS Polizeichefs befindlicher Polizeiagent.
DaS Unglück ds- Dampfers „Berlin st
Hoek van Holland, 23. Februar.
Dem ßvrbrtngcn bet Rettungsmannschaften, die mit Todes- Verachtung ihr schweres Werk voll-oaen, ist es gelungen, die drei liebten Ueberlebenden auf dem Wrack deS DampserS '-„Berlin", Frau Wenberg, ihr Kin-erfräulein Minna Rippler aus Wiesentyal bei Berlin unfb Fräulein Margarethe Theile, Chor- isängerin aus Dresden, zu retten. Die Gesamtzahl ber®e- fetteten beträgt also 15, darunter 6 Frauen.
Der Kapitän des Schleppdampfers „Wotan", der auö freien Stücken die Rettung dcr letzten drei Ueberle- b c n b e n vom Wrack der „Berlin" unternommen und glücklich durchgeführt hat, erzählt, daß das Rettungswerk 'nur eine halbe Stunde in Anspruch genommen hat, aber reich an aufregenden und igefahrvollen Momenten wor. An Bord des Wracks befänden stich noch zehn bis zwölf Tote.
Gegen 1 llhr nachts ging der „Wotan" mit einer kleinen Holle im Schlepptau nach dem Wrack. Der Kapitän des Schleppers, Sperling, stieg auf die Mole hinab, kletterte auf das Wrack, band bann den Frauen Stricke um den Leib und ließ sie in die Jolle hinaub. Die Geretteten wurden von dort an Bord des „Wodan" gebracht, der sie gegen 3 Uhr früh in Hoek van Holland landete. Man transportierte sie sofort in ein Hotel, in welchem ihnen die ausgesuchteste Pflege zuteil wird.
Als der Schleppdampfer „Wodan" vom Wrack zurückkehrte mch am Quai ankerte, ertönte ein langes vieltausendstimmiges „Hurra", das aber sofort verstummte, als der erste Gerettete, ein Mann, Dessen Gesicht mit einer Decke verhüllt war, an das Uf.r getragen wurde. Ein Matrose war der nächste, der vergnügt allen zurief: „Mein Name ist Fischer." Dann kam eine Frau. Deren Gesicht war nach mit Decken verhüllt, aber ihr langes, schwarzes Haar floß über das Kissen, auf dem ihr Kopf ruhte, während die eine erfrorene Hand an der Seite der Bahre herunterhing. Als Prinz Heinrich an das Land kam, das Gesicht .strahlenb vor Glück, brach die Menge in ein in Holland selten gehörtes donnerndes Hurra aus. Bewundernswert war die zärtliche Sorge, mit der die Wärterinnen die Geretteten umgaben, und mehr als einer tollten, gar nicht im Einklang mit ihrem schweren Beruf, Tränen aus den Auaen. Mehrere ängstliche Verwandte -rangen in das Hospital. Als ihnen mit der Polizei gedroht --wurde, mutierte etn junges Mädchen: „Polizei oder nicht Polizei, sich gehe nicht, ehe ich nicht weiß, was ich wissen will." Als es .darauf einige Minuten später hieß, der Gesuchte sei nicht hier, swankte sie, in ihren Hoffnungen zerschmettert, fort
r<. Die vom Bord der „Berlin" ge retteten Frauen er- holten sich trotz der ausgestandenen Qualen, obschon viele die toanbe unb o'üfce erfroren hatten, verhältnismäßig rasch. Fräulein Gäbler UN besonders stark unter der Kälte und war fieberig lerregt, als sie Es Land gebracht wurde. Die ersten Worte, ■die Fräulein Schröder hervorbcachte, waten: „Ach, wir sind so hungrig. Wann das Unglück geschah", fuhr sie fort, „kann ich Kenan nicht lagen, aber nie wecke ich die furchtbaren Stunden -et Angst und der Verzweiflung vergeßen, die wir durchmachten, ^während wir die heldenmütigen Mannschaften der Rctluugsboolc innb Schleppdampfer sich abmüben sahen, im Kampfe mit den Wogen, uns dem_4,obe zu entreißen. Mittwoch nacht stieg unsere
8 C01 Slur'n. schien furchtbarer als je zuvor. Haushohe, eiskalte Wogen brachen iede Minute über das Schiss iberein. xer köstliche Anblicks der Lichter von Hoek van Holland .wurde uns durch beii dichten L-chneesturm entzogen. Etwa bVs Uhr SSFttÄi-ra1 h??r k dm.Sirene des ankommenden Schwesterichists der „Berlin , der „Vienna ." Fräulein Bul- siet aus Berlin schrie mit der Kraft der Verzweiflung in den heulenden Sturm hinein: „Wit sind hier!" So oft wir ein Fahr- zeug vorbeikommen sahen ober hörten, riefen wir es laut an denn wir fürchteten, man nehme an, baß nichts mehr zu retten se 3d) mußte zusehen, wie Frau Bertram und fast alle meine Bekannten von der See weggeipült wurden und ertranken. Als 'unsere Retter gekommen waren, verfolgten wir ihr Tun mit atem- biet Spannung. Als wir schließlich ihre Maßnahmen begriffen und uns klar wurde, baB Aussicht auf Rettung unseres Lebens fei, trauten wir kaum mehr unseren Augen. Wir waren von Frost, Hunger, Erregung und Mühsal so erschöpft, baß auch die Freude, das Leben wieder zu haben. Fein Lächeln auf unser Anttti fein .23ort über unsere Lippen brachte. Dos erste, was wir nach
der Rettung taten, $kr, daß wir unsere fteifgefrorenen Kleidungsstücke abri fielt. ~ c •
sr-rl. Gablet erzählte auch, daß verschiedene Frauen, die stark sic betten, ihren Durst nicht unterdrücken konnten und M ec r- toaffer tranken. Eine von ihnen wurde darauf wahnsinnig und die Wellen schlugen sie über Bord. „
Fm ganzen waren 144 Menschen an Bord der „Berlin , und zwar 91 Passagiere und 53 Mann Besatzung, sodatz bei der Katastrophe im ganzen 129 Menschen ihr Leben etn- büßten Am 23. b. M. wurden in Nienwhellevoel, südlich von Hock, noch Leichen angespült. Der Schiffer Sperling der die letzten überlebenden Schiffbrüchigen rettete, fah überall an Bord noch Leichen von Menschen, die an Entbehrung gestorben waren. Der Kapitän Parkeson ist wieder gesund. .
Rekognoszierte Leichen mit deutschen Namen sind tolgenbe: DaS siebenjährige Töchterchen von Frau Wenberg, die ielbft im Sterben liegt; Moritz Alfred Rank; Dr. Emil Schickholb, Kreisarzt aus Weststernberg; ferner eine weibliche Leiche mit bet Wäschemarke C. S., einer Börse mit deutschem Gelbe unb einer Karte mit dem Namen Franz Meyer, Instrumentenmacher, Berlin, und auf der Kehrseite die Adresse Mary Toeppe.
In Vlissingen sollen noch 10 weitere Leichen angeschwemmt worden fein. Im Kranken-Hotel geht es befriedigend. Der Zu- tritt zu den Patienten ist streng bewacht. Ein Posten mit Gewehr und zwei Polizisten halten die Treppe besetzt. Am besten befindet sich Fräulein Buttel, während Fräulein Theile noch sehr schwach ist. Frau Wenberg hat sich auch seelisch etwa serholt. Der Schweinemetzgergeselle Ernst Jung ist in besonders peinlicher Lage. Sein Onkel ist hierher gekommen, aber obwohl er einen Ausweis hat. wird er vom Posten nicht durchgelasfen. Die Helden des Tages sind die Mannschaften des Dampfers „Wotan". Der Kapitän van Rees erklärte, es habe an einer einheitlichen Rettungsarbeit gefehlt. Das Rettungsboot ist eine nur wenig seetüchtige Pinalse unb ihre Bemannung wollte nicht das
Leben daran wagen.
Ein Londoner Blatt veröffentlicht eine Unterredung mit einem Matrosen, der sich an Bord des Rettungsdampfers befand, als die Rettung der ersten elf Schiffbrüchigen vollzogen wurde. Der Matrose erzählt: „Daß die Rettung überhaupt gelang, muß als ein Wunder bezeichnet werden. Mein Kamerad, der mit eigener Lebensgefahr in einem ganz kleinen Boot sich dem Wrack näherte unb an Borb kletterte, leistete Unmenschliches. Jeden Augenblick glaubten wir, daß fein kleines Boot an dem Wrack zerschellen müsse, aber jeder von uns war bereit, den Versuch sofort zu wiederholen. Es war ein Augenblick des unbeschreiblichsten Triumphes, als unser Kamerad mit seiner großen Kraft auf Deck des Wrackes emporkletterte. Die Schiffbrüchigen stürzten ihm weinend vor Freude entgegen; sie waren alle durch die Nervenerschütterung hysterisch geworben unb wußten kaum, was sie taten."
Nach einer amtlichen Meldung des beutid^n Konsuls sind von den Verunglückten als Deutsche rekognosziert: Herr Weinberg, wahrscheinlich aus Stirn eben, August Hirsch, sieben Jabre alt. Von der Openigeselistiast waren eingeschrieben: Frl. Buttel, Berlin, Frl. Sternsdorf, Berlin, Frl. Th. und Frl. H. Lehmann, beide Berlin, Frl. Schrotter, Berlin, Herr unb Frau Trester-Weinberg nebst Dienstmävchen, Herr Stellmach, Köln, Opernhaus, Frl. Wild, Berlin, Herr Franz Startmann, Berlin, Herr Otto Dora, Trier, Stadttheater, Frl. Gäbler, Dresben, Frl. Thiele, Dresden, Herr und Frau Rank, Psinkow, Herr Heilbronn, Berlin, Frl. Schöne, Mannheim, Frl. Grüneberg, Dresden. Es wurden gerettet: Frl. Buttel, Frl. Schrvtter, Emil Jung, Gerabriinn (Württemberg), Herald Probussen, Aitona, Fran Weinberg, das Dienstmädchen Minna Ripler, Berlin, Frl. Thiele.
Die Lieb errege der „Berlin" liegen auf dem Wrack des Dampfers „Leeds", der genau an derselben Stelle im Jahre 1882 scheiterte. Die Mehrzahl der Verunglückten ist zweifellos in den Kabinen des gesunkenen Schisses.
Es wurde eine neue Untersuchung des Wracks vvrgenommen, wobei wieder 16 Seiden gesunden wuttxn. Es sind nun insgesamt 56 Leichen geborgen, von denen eine große Anzahl bereits nach England überführt ist.
Der Sänger Stellmach hat vor etwa vier Jahren dem Darmstädter Hostheaterchor angehört. Etwa 12 Mitglieder des Darmstädter Hostheaters wurden vor dem Unter* gaua bewahrt. Sie alle waren im Besitz von Verträgen des Londoner Unternehmens. Ein Urlaub konnte jedoch, da die Engagements in die Darmstädter Spielzeit fielen, nicht genehmigt werden, und wohl nur diesem Umstande haben sie es zu verdanken, daß sie einem schreckt icl-en Tod entgingen.
Zwei Brüder Lehmann aus Berlin, die ihr- Schwestern fudjten, unb der Direktor des Konservatoriums in Stettin, Paul Wild, der seine Tochter verloren hat, sind hier eingetroffen. Die drei jungen Mädchen waren von Jugend auf befreundet, haben ihre Studienzeit iufammen verlebt, gemeinsam das erste Engagement angetreten unb nun zusammen b e n Tob gefunden, Elisabeth Wild an dem Tage, an dem ihre Eltern die silberne Hochzeit feierten. Ihr Glückwunsch war ihr letztes Lebenszeichen.
Die Gemeindebehörden widersprechen der Nachricht von einer angeblichen Beraubung der angeichwemmten Leiden von dem Dampfer „Berlin" durch Strandräuber. Diese wnren Polizeibeamte in öibil, die beauftragt waren, den angespülten Leichen die Wertsachen abzunehnien unb bei den Behörden dieselben ab» zuliesim.
Am Strande fand ein Loste die Versicherungspolize einer deutschen Gräfin über 19 500 Mk. versicherter Kleinodien. Die Kinder des verunglückten Amsterdamer Diamant- Händlers Raismann fanden in der Brusttasche ihres Vaters im Portefeuille die Diamanten unb Perlen im Werte von 250000 M k. unversehrt vor.
Die in Stuttgart lebende Braut des beim Untergänge um* gekommenen Opernsängers Dara aus Trier verfiel beim Empfang der Unglücksbolschaft in Wahnsinn.
Nach einstimmigem Beschluß des Ministerrats erteilt die franz. Regierung der C o m 6 b i e f r a n q a i f e bie Erlaubnis, eine Wohltätigkeitsvorstellung zugunsten der verunglückten deutschen Kunstkräfte und ihrer Angehörigen zu veranstalten.
Weitere Schiffsunfälle und Schnee- und Sturmschäden.
K a n e a (Kreta), 23. Fcbr. Dcr Dampfer „Jmpera- trix" des österreichischen Lloyd ist bei Kanea auf ein Riff geworfen worden unb zerschellt. Er befand sich auf der Reise nach Bombay mit einer Zuckkrladung, hatte eine Besatzung von 12 0 Mann und 20 Passagiere an Bord. Der Dampfer war für 2,4 Millionen Kronen gebaut. Ein russisches Torpedoboot beridjtcl: Das Hiuttrsc^isi der „Jmperatrix" ist unter Wasser, daS Vorderschiff ragt Uns dorn Wasser hervor. Mgenbttckuch iinb der französische Kreuzer „Faucon", der russische Kreuzer „Ehiwinetz:" und das italienische SchulscM „Curatone" bei gutem Wetter am Werke, um Halse zu leisten. Bereits wurden 17 Personen gerettet; dieselben sind jedoch in einer Ber- laifung, daß sie über Einzelheiten nicht berichten können. Man gefürchtet, daß das Unglück, da es uack)ts eintrat, viele Opfer gefordert hat. — Nach den letzten Meldungen werden etwa 50 Personen, meist Matrosen, vermißt.
Chambery, 23. Febr. Heftige Schneestürme werden aus dem ganzen A l p e n g e b i e t gemeldet. Die meisten Züge treffen mit großen Verspätungen ein. In Ni er an e ist ein Zug mit 500 italienischen Emigranten im Schnee stecken geblieben. Jeden Augenblick gehen Lawinen auf den Bahnkörper nieder. Bei Cham- b.ri) sind drei Wohnhäuser einge stürzt. In vielen Lttidmiten herrscht große Panik. Bei Nivolet ist ein^40 Meter tief gelegenes Tal üoll]tänoig~niit Schnee ungefüllt. Seit Men- schengedenken sind so große Schneemengen nickst niedergegangen.
Ehristiania, 23. Febr. In Gliranger/ Amit bwrnsdal, wurden vier Bauerngüter durch Schnee stürz zerstört. Alle Gebäude wurden fortgerissen; auf einem Gute find drei Personen getötet worden. Auf einem anderen werden zehn Personen vermißt. Ter Viehstand ist zum Teil umgekommen.
Guelmo (Algerien), 23. Febr. In de ml Dnar Mecha-
halla der gemischten Gemeinde Laverdure stürzten infolge deS sck)lechten Wetters mehrere Hütten ein. 31Leichen wurden geborgen; man befürchtet, daß noch eine große Zahl Opfer unter den Trümmern liegt
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-r Bad-Nauheim, 23. Febr. In die hochgebende Ufu stürzte ein waghalsiger Knabe, der am Ufer Eis loshackte. Dabei 'kürzte er in die Fluten unb geriet in Gefahr, zu ertrinken. Der zufällig vorbeigehende Ingenieur Dörrzopf sprang hinein unb rettete den Knaben.
k. Schotten, 23. Febr. Die Personenpost Ulrich- t e i n — S ch o t t e n , die im Winter mit lenkbaren Schlitten aufrecht erhalten wird, fiel gestern mir der Hohe um. Dabei erlitt der Postillon eine Quetschung des Brustkastens, indem er vom Bock gegen einen Baum geschleudert wurde und der fallende Schlitten ihm gegen die Brust flog. Er befindet sich in Schotten in ärztlicher Behandlung, unb auch ein Teil der Passagiere mußte ärztliche Hülfe in Anspruch nehmen. Unlängst fiel ein Postschlitten ebenfalls um unb wurde zertrümmert, verletzt wurde damals niemand, nur mußte sich der Postillon in Schotten einen Jagdschlitten leihen. Am besten bewähren sich gegenwärtig als Bewegungsmittcl bie Schneeschuhe, Fußgänger seien dagegen zur Vorsicht gemahnt. Der Fuhrwerks- resp. Schlittenverkehr über die im Herbst eröffnete Karl Theobald-Straße bewährt sich gut.
W. Rodheiin a. d. Bieber, 24. Febr. Tas Gewitter am Mittwoch hat in unserer Gegend besonders heftig getobt. Im Kirch- verser Forst Tjat der Blitz mehrfach Schaden angerichtet. Dem Jagbhüter Voß von Crumbackp der bei dem Unwetter im Walde zu tun hatte, zerschmetterte der Bich bas Gewehr, das er kurz vorher wenige Schritte von seinem Standort an eine Fichte gestellt hatte. Der Baum wurde bei dem heftigen Schlag voll- tändig zerrissen. Der Jagdhüter Voß blieb unversehrt, obgleich der Blitz unmittelbar in seiner Nähe niedergefahren war.
Aus s.uot uho tano.
Gießen, den 25. Februar.
" Vom Großh. Hofe. Zu mehrtägigem Besuch traf am Freitag Prinz Albert zu Schleswig-Holstein im Neuen Palais ein. Am SamStag nachmittag trafen der Burggraf und Graf sowie die Gräfin ztt D o h n a - S ch l o b it t e n zum Besuche de8 GroßherzogSpaareS im Neuen Palais ein.
•• Erledigt ist die mit einem evang. Lehrer zu besehende erste Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Glau berg. Mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Dem Fürsten zu Stolberg-Wernigerode-Güdern steht das Präsentationsrecht zu.
•• Da§ Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde verliehen durch Entschließung S.K. H. des Großherzogs den Mitgliedern der freiwilligen Feuerwehr zu Schotten Adam Hofmann, Hch. Kromm III. und Leop. Stern I.
A Lahnkanalisierung. Man schreibt uns von geschätzter Seite: Bezüglich der in letzter Nummer aufgeworfenen Frage, ob auch für Gießen eine Hafen- a n l a g e zu envarten sei, kann eine beruhigende Antwort gegeben werden. Bei dem Komitee, dem auch Vertreter der diesseitigen Interessen angehören, bestand m keiner Zeit ein Zweifel darüber, daß zur größeren Ncntablität die Schisfbannachung bis Gteßen angestrebt iverden müsse, da für unsere Stadt ein sehr bedetttender Umschlagsverkehr in sichere Aussicht genommen werden kann. — Zunächst handelt es sich um bie Genehmigung des Projektes auf vreußischem Gebiete. Nachdem diese erfolgt fein wird, ist der Zeitpunkt gekommen, in dem die beiderseitigen Negierungen in Verhandlungen eintreten können über oie Krönung deS Projekts, die Schiffbarmachung der Strecke Wetzlar-Gießen, die einen verhältnismäßig geringeren Kostenaufwand erfordert.
— Schmuggler. Durch die Verhaftung zweier Schmuggler in Kaldenkirchen ist auch ein hiesiger Geschäftsmann der LebenSmittclbranche in eine unliebsame Lage gekommen. Die Schmuggler brachten Sacharin über die holländische Grenze, dessen Einführung durch das Süßstoffgesetz vom 7. 7. 02 verboten ist und setzten dieses dann an Geschäftsleute innerhalb Deutschland unter dem Siegel der Verschlviegenheit ab. Da Sacharin bei Zubereitung von Lebensmitteln nicht verwendet werden darf, wurde der noch vorgefundene Bestand beschlagnahmt und der Geschäftsmann zur Zlnzeige gebracht.
** Geflügel- und Vogelzucht-Verein Gießen und Umgegend E. V. In der gestrigen Generalversamin- lung des Geflügel- und Vogelzucht-Vereins, der im April d. I. auf eine 10jährige für die Hebung der Geflügelzitcht in unserer Gegend segensreiche Wirksamkeit zurückblicken kann, wurde einer Verschmelzung mit dem neuen Geflügelzuchtverein Gießen zugestimmt, wodurch dem älteren Verein 30 neue Mitglieder zilgeführt wurden. Als Vorstand wurden wiedergewählt: Aiig. Schwan, Vorsitzender, Ludw. Hanau, Schriftführer unb Aug. Felsing, Rechner. In den Verwaltungsausschuß wurden wiedergewählt: Neuling, Nübsamen, Schäfer III., Stohr unb Troß, neugewählt: Peter Berg, Seipp unb Apotheker Welket ans Allendors a. d. Lda. als Vertreter der auswärtigen Ntit- gliebec. Beschloßen wurde, auf Vereinskosten in der öffentl. Lesehalle am SelterStor zwei Zeitschriften über Gegügelzucht zur Auslage zu bringen. Ebenso wurden die Kosten einer Junggcflügelschau bewilligt, die 1907 abgehalten werden soll. Die Versammlung genehmigte noch einen Betrag zur Veranstaltung eines öffentlichen Vortrages über Geflügelzucht, der von einem auswärtigen Redner gehalten werden soll, unb 200 Mk. Zuschuß für cm geeignetes 'Mitglied, daS die große Geflügelausslellung im Kristallpalast zu London besuchen wird, die bedeiitendste 9lu§fleUung dieser Art in der Welt. Auch die fühltet für ein Mitglied, der eine der großen deutschen Geflügel-AuSstellungen zu besuchen beabsichtigt, wurden bereit gestellt.
•* Sine Sauberexgefdjidjte. Arn vergangenen Sonntag abend gab bei Hoftünttler Bellachiniim Boegerschen Saale in Londorf eine Zaubervorstellung. die auch von auswärts zahlreich besucht war. Unter anderen Vorführungen zeigte der Künstler auch, wie man aus einem leeren Kopskissenüberzug stäche Gier holen könne. Scherz eich bemerkte er, das sei febr leicht, es solle es nur jeder zu Hause probieren, man brauche nur „lud, tuck" zu sagen unb (wie er jebesmal zeigte) immer könne man ein Ec herausholen. Zum Beweise ließ er auch Damen unb Herren aus bem Publikum Eier aus dem Ueberzug holen. Ein junger Burjcye aus einem Orte der pia> enau hatte nun gut zugesehen unb gehört. Als er natits nach Hause kam, war sein erstes, sich den Ueberzug vom Kissen herunter machen. Verwundert frug bie Mutter, die schon zu Bette lag, was er da machen wolle. Ei Motter, sagte unser Held, loß mich nor emol giclj, ach hu en Lonorf gelernt, wäi met Aejec trieje kann, uhuc Hüttel. Etz gäb emol ocht, wenn ich etz tuck tuck ja, greif ich ett bie Koppezüg on hoin e Acg eraus. Mit großen Augen schaute die dAuller bem Experiment zu, doch mochte der angehenve Kuiistter so viel und so laut tuet tuck rujen, wie er wollte, die Eier wollten mcht kommen. Verflucht nock) emol, meinte nun ber enttäuschte ouiitie, enüueber hör e nett alles gesät ober hun eichs nett richtig gemocht.


