Ausgabe 
3.6.1907 Zweites Blatt
 
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"Die Majorität beträgt also 657 Stimmen. Bei der im November vorgcnommenen, später aber kassierten Wahl war das Verhältnis der Stimmen 1640 Bürgerliche und 2196 Sozialdemokraten, so daß die Majorität 556 betrug. Dies­mal haben von 5700 Kassenmitgliedern nur 3629, also rund ,60 Proz. abgestimmt. Tie 40 Proz., welche von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch gemacht haben, gehören zum weitaus größten Teil sicher zu den Bürgerlichen; sie waren trotz starker Agitation und trotz dem letzten Ausfall der Orts­krankenkassenwahl nicht aus ihrer Gleichgültigkeit aufzurütteln, während die Sozialdemokratie ihre Anhänger bis auf den letzten Mann an die Wahlurne zu bringen verstanden. Das Straßenbild war in der Nähe de§ Wahllokals gestern be­wegter als bei der letzten NeichstagSwahl, cs schien, als ob es sich um die höchsten politischen Interessen handelte. Die Sozialdemokraten wollten eben eine Kraftprobe oblegen und sie haben die Probe jetzt zum zweiten Male bestanden.

Darmstadt, 31. Mai. Die Stadtverordncten- Versammlung debattierte heute über das sogenannte GartenstadtprojektHohler Weg-Dieburgerstraße*. Beigeordneter Jäger hielt einen einleitenden Vortrag über das Projekt, das dem Bestreben nach Erlangung billigen Geländes seinen Ursprung verdankt. Das etwa tausend Morgen umfasiende Terrain soll zum Teil in eine Garten­vorstadt umgewandelt werden. Die Umlegung erfolgt auf dem Wege der Feldbcrcinigung. Es würden Parzellen von 500 qm bebaut werden, das übrige muß Garten bleiben. ES sollen Straßen von 812y2 Meter Breite durch das Terrain hindurchgeführt werden. Die Art der Bebauung regelt ein besonderes Ortsstatut, in dem gewisse Beschränkungen ausgestellt worden sind, die die Spekulation hintanhaltcn sollen. Die bereits bestehende Gartenstadtvereinigung hat die Eigenschaft einer juristischen Person erworben und wird mit der Stadt die erforderlichen Verträge abschließen. Nach längerer Debatte wurde der Bebauungsplan, das Statut über die Bauweise und der Vertrag mit den Grundbesitzern einstimmig genehmigt. Zur Erweiterung des Schlachthofcs (Erbauung eines Häutcmagazins und die Anlage eines Kohlenlagerplatzes und Anschlußgeleise) wird eine Summe ,von M. 390 250 bewilligt, von denen M. 242 300 ans Anleihemitteln gedeckt werden.

Heßloch (Kreis Worms), 31. Mai. Beim Böller­schießen während der Fronleichnamsprozcssion zer­platzte ein Böller. Dem in der Nähe stehenden 16 jährigen Hofmeister wurden Hals und Kopf aufgerissen, sodaß er sofort tot war.

Marburg, 2. Juni. Auf gestern nachmittag hatte 'der Rektor der Universität eine Versammlung der 'Nichtinkorporierten einberufen, um die Wahl von .zwei Vertretern für den Studentenausschuß vorzunehmen. (Da die Nichtinkorporierten, die etwa die Hälfte aller hie­sigen Studenten ausmachen, diese Vertreterzahl gegenüber den 25 Abgeordneten der Korporationen für völlig unzuläng­lich halten, hatte das Präsidium der Marburger Freien Studentenschaft die ParoleWahlenthaltung" ausgegeben. Trotzdem waren etwa 50 Unkundige erschienen. Diesen machte der Vorsitzende der Freien Studentenschaft vor Ein­tritt des Rektors die Parole des Präsidiums und ihre Gründe bekannt, worauf alle einmütig das Lokal verließen, in dem nur zweiStreikbrecher" zurückblieben. Als der Rektor erschien, konnte er nur die Beschlußunfähigkeit der Versammlung" feststellen. Der Studentenausschuß aber wird wie bisher so auch in Zukunft nur die inkorporierte Hälfte der Studentenschaft hinter sich haben. (Hess. Ldsztg.)

K a f s e l, 2. Juni. Im hiesigen Kaufmannshause wurde heute der Deutsche Ban kb eam ten tag abgehalten. Reichstagsäbg. Justizrat Dr. Junck aus Leipzig hielt einen Wortrag über die Privatbeamten in der deutschen Volks­wirtschaft, Fürstenberg-Verlin einen solchen über die Pen­sionsfrage. Einstimmig wurde eine Resolution ange­nommen, in der an die gesetzgebenden Körperschaften die Bitte gerichtet wird, bei der iit Aussicht gestellten Revision her Bestimmungen über die Sonntagsruhe im Handels- igewerbe die Sonntagsarbeit im Bankgewerbe zu verbieten. Eine zweite ebenfalls einstimmig an­genommene Resolution hat die Errichtung einer allge­meinen neutralen P e n s i o n s ka s se im Einvernehmen mit den Bankleitungen zum Ziele, die allen deutschen BanL- beamten und ihren Hinterbliebenen bei völliger Freizügig­keit einen Rechtsanspruch auf Pension sichert. In einer dritten Resolution wird der Wunsch nach Aushebung des Verbotes des Term in Handels in Wertpapieren ausgesprochen. Auf der Tagung teilte ein Vertreter des Zentralverbandcs des deutschen Bank- und Bantiergewerbes mit, daß die von diesem Zentralverbande angestcllten sta­tistischen Erhebungen ihrem Abschlüsse nahe seien und ein Plan für eine allgemeine Pensionsversicherimg der deutschen Bankbeamten auf gestellt würde. Als Ort der nächsten Ta­gung im Jahre 1909 wurde Dresden bestimmt.

Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. In L a ng ° G ö n s und Holzheim be­sichtigte mit Samstag Kreisfeuerwehrinspektor Loos die Feuer- ,»ehren. In Holzheim trägt man sich mit dem Plane eine Freiwillige Feuerwehr zu gründen. Ter in Bad- 9t anhei m zur Kur weilende ainerlkan. Milliardär Land erb ilt stattele dieser Tage Münzenberg, Arnsburg und Butzbach einen Besiich ab. Es scheint, daß der S o l d a l S e i b er r von dem 117. Im.- Regt. in Mainz infolge von Mißhandlungen in der Kaserne Selbstmord verübt hat. TieLolksz." schreibt: Wie uns ge- vieldet wird, hat der Soldat kiirz vor dem Selbstmord mit Blei- stist an ein eisernes Tor, in dessen Nähe sein Standort war, solgeiides geschrieben: Unteroffizier Glock und Sergeant Eckel werden doch jetzt zufrieden sein. Musketier Seibert 7./117. Gruß an meine Mutter. In Bingen stürzte der Zigarrenarbeiter Schreeb aus dem Fenster seines Schlafzimmers tu den Hof und starb infolge Schädelbruchs. Er wollte sich zu Bette legen, schlief auf dem Stuhle ein und wird jedenfalls in der Schlaftrunkenheit herausge- ,stürzt sein. Auf dem Bahnhof Bingerbrück ist em Güter­zug einem andern von Koblenz einsahrendeii Güterzuge am nördl. Eyde des Bahnhofs infolge nicht rechtzeitigen gattens in die Flanke gefahren. Menschen wurdeii nicht verletzt. Sechs Güler- ivagen entgleisten und wurdcit erheblich beschädigt.______________

Gießener Strafkammer.

)( Gießen, 1. Juni.

Bei eiuer Tanzbetustiguug

kam der Gastwirt Ludwig B. in Lollar in angetrunkenem Zustande in das Tanzlokal. Er belästigte die Wirtin und geriet mit einigen jungen Leuten in Wortwechsel, was den Inhaber des Lokals veranlaßte, ihm das Lokal zu verweisen. Als er hinausbefördcrt war, schlug er die Tür ein und versuchte wieder einzudrtngen. Der Wirt trat ihm entgegen und bet dieser Ge- legcnnheit erhielt er Zeinen derben Sckstag mit einem Küüppel auf den Arm. Ter Wirt wie seine Frau waren der Ueberzcuguilg daß B. den Schlag ausgcführt hat. Das Schöffengericht ver­urteilte ihn wegen Körperverletzung zu vier Wochen Gefängnis, wegen Sachbeschädigung wurde er in eine Geldstrafe von 20 M |

und wegen Ruhestörung in eine solche von 10 Mk. genommen. Er erhob Berufung und bestritt, sich einer Körververletzung schuldig gemacht zu haben. Trotzdem der Verletzte und seine Frau an der Täterschaft des Angeklagten nicht zweifelten, bekundete ein Zeuge, daß der Schlag von einem jungen Mann, der ebenfalls aus dem Lokal befördert worden ist, ausgeführt wurde. Das Gericht Hilt eine Verwechslung der Person des Täters nicht für ausgeschlossen und sprach den Angeklagten von der Körperletzung frei, während es im übrigen, bei der Verurteilung sein Bewenden behielt.

Zechprellerei.

Die Berufung des Holzhändlers Karl K. von Altenkirchen, der wegen einer in Ober-Ohmen verübten Zechprellerei durch das Schöffengericht zu 5 Tagen Gefängnis verurteilt worden war, wurde wegen unentschuldigtcn Ausbleibens verworfen.

Der epileptische Dieb.

Der 34jährige vielfach bestrafte Zigarrenmacher Ignaz K. von Kempen kam auf seiner Wanderschaft in die hiesige Stadt. Er stahl in einer Mansarde in der Klinikstraße eine Reihe von Kleidungsstücken. Tie Hausbewohner, die den Dieb beobachtet hatten, verständigten den Bestohlenen, der die Verfolgung des Diebes aufnahm. Als er ihn cingeholt und zur Rede gestellt hatte, warf er die Kleider von sich und lief fort. Der Bestohlene und einige Bahnarbeiter nahmen seine Verfolgung auf und es gelang ihnen, den Dieb, nachdem er die Lahn durchschwommen hatte, am andern Ufer festzunehmen. Sein Verhalten während der Untersuchung gab Anlaß, ihn auf seinen Geisteszustand unter­suchen zu lassen. Nach seinen Angaben kennt er in Schöningen eine alte Frau mit sieben Kindern, der es sehr schlecht ging. Er höre stets deren Stimme, die ihn dazu zwingt zu stehlen und das Gestohlene ihr zuzuschicken: was er sieht, muß er nehmen. Er verstopft sich die Ohren mit riesigen Baumwollbüscheln, trotzdem hört er die Stimmen, der er zu folgen gezwungen ist. Nach seiner Angabe weiß er ganz genau, daß sein Verhalten strafbar ist und daß der Umstand, daß eine höhere Kraft ihn dazu zwingt, die Diebstähle auszuführen, seine Strafbarkeit nicht ausschließt. Nach den Erkundigungen des Sachverständigen und den Straf­akten hat man an ihm die verschiedensten Wahrnehmungen ge­macht. In früheren Zeiten war er durch epileptische Anfälle heimgesucht, die jedoch in den letzten sechs Jahren nicht wieder­kehrten. Während seiner Strafzeit wurde er als unheilbar geisteskrank bezeichnet und in einer Anstalt behandelt, doch konnte er bald wieder geheilt entlassen werden. Andere Gutachter nahmen an, er sei durch Alkoholgenuß in diesen Zustand versetzt worden und dieser habe sich durch die Abstinenz in der Straf­anstalt wieder gebessert, während ihn andere für einen schlauen Simulanten und Gewohnheitsverbrecher hielten, der sich seinen Aufenthalt in der Strafanstalt durch Aufnahme in Heilanstalten verkürzen wolle. Nach den Beobachtungen des in dieser Ver­handlung vernommenen Sachverständigen, der ihn auch während feiner Internierung im Arresthaus untersucht hat, ist der Ange­klagte idin intelligenter Mensch, was schon aus seinen ortho­graphischen und stilgerechten Korrespondenzen und Eiirgaben an die Behörden hervorgeht. Er denkt klar und folgt der Verhandlung in jedem Punkte, auch erinnert er sich auf jede Einzelheit bet dem Vorfall. Der Sachverständige kam zu dem Schlüsse, daß der Angeklagte simuliert, daß dies schon früher der Fall war, konnte aus den Akten festgeftellt werden. Ebenso die Tatsache, daß er bei raffinierten Einbrüchen geäußert hat, wenn er ertappt werde, spiele er den Verrückten. Der Umstand, daß er in der Irrenanstalt viel gesehen und gelernt hat, kommt ihm bei seiner Simulation sehr zu statten. Zugunsten des Angeklagten wurde angenommen, daß er durch feine epiliptische Veranlagung, seinen Willen nicht so zügeln kann, wie ein anderer. Er wurde trotz seiner sonstigen Intelligenz als reizbarer, willensschwacher Mensch, bei dem die psychische Widerstandskraft geschwächt ist, bezeichnet. Ter Ver­treter der Staatsanwaltschaft bedauert, daß für solche Leute keine Anstalten mit beschränkter Freiheit bestehen; nach dem Gesetze ist der Angeklagte strafbar, doch sind ihm im weitesten Maße mildernde Umstände «zuzubilligen. Das Gericht erkannte auf 9 Monate Gefängnis unter Anrechnung eines Monats und einer Woche Untersuchungshaft.

Diebe und Hehler.

Im Krankenhaus zu Friedberg hat der dort als Hausbursche beschäftigte Wilhelm L. aus Munster mit dem dort als Patient befindlichen Arbeiter Max R. aus Danzig einen kupfernen Kessel in der Küche a/us dem Mauerwerk gebrochen und diesen durch den Metzgergesellen Hermann V. aus Ellershausen an den Althändler Wilhelm Schm, in Friedberg für 6 Mark verkaufen lassen. V. behielt sich von dem Erlös 1 Mk. zurück^ und das übrige teilten sich L. und R. Der Kessel wurde von Sch. zum dreifachen Be­trag des Einkaufspreises weiteroeräußert und am Endpunkc seiner Wanderungen angekommen, wurde dafür 24 Mk. erlöst. Ter niedrige Preis und die Umstände, unter denen der Kauf vor sich ging, ließen dem Gericht keinen Zweifel, daß dem Angeklagten Sch. der Gedanke kommen mußte, das; der Gegenstand auf unredliche Art, in ben Besitz des Metzgergesellen gekommen ist. L., der rücksällig ist, erhielt wegen Tiebstahls 5 Monate Gefängnis, wo­rauf 1 Monat und 1 Woche durch die erlittene Untersuchungs­haft als verbüßt erachtet wird. R. bekam 3 Monate, während V. und Sch. wegen Hehlerei mit je 3 Tagen durchkamen. Wie bei früheren Anlässen, wurde auch hier bezüglich der Hehlerei ausdrücklich hervorgehoben, daß er keineswegs erforderlich ist, daß der Käufer weiß, daß das Gekaufte auf unredliche Art er­worben ist; zur Bestrafung genügt schon, wenn er annehmen konnte, daß dies der Fall ist.

Er läßt das Mausen nicht.

Nach Verbüßung einer wegen Einbruchsdiebstahls erhaltenen Zuchthausstrafe von 4^> Jahren kam der 26jährige Schlosser Karl H. wieder in hiesige Stadt zurück, wo er alsbald seinem Vater einen größeren Geldbetrag stahl. Infolge Stellung Straf­antrags erfolgte seine Verhaftung, doch der Vater nahm den Antrag wieder zurück, sodaß das Verfahren wieder eingestellt werden mußte. Im Laufe dieser Untersuchung stellte cs sich heraus, daß er in der Heyligenstädtschen Fabrik, wo er in Arbeit stand, einem Kollegen einen sog. Kaliber von etwa 3 Mk. Wert entwendet hat, das er für 1 Mk. weiterverkaufte. Der auf dem Instrument eingeritzte Namen des Eigentümers, war durch Ab- schleifen der Stelle entfernt und dafür der Anfangsbuchstabe seines Namens eingestanzt worden. Der Bestohlene erkannte aber fein Eigentum an einem andern Merkmal, sodaß das Leugnen des Angeklagten, der das Instrument anderweit gekauft haben wollte, ihn nichts nützte, zumal seine Angaben sich als unwahr erwiesen. Er wurde wegen Diebstahls im Rückfall zu 1 I a h r Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust verurteilt.

Der Moroprozeß Liberka.

(Unberechtigter Nacydrucl verboten.)

S. u. H. B e u t h e n O/S., 31. Mai.

Vor dem hiesigen Schwurgericht spielte sich der Prozeß gegen den Schlächter und Speisewirt Liberka ab, der in den letzten Jahren mehrere Mordtaten penible, ohne daß es zunächst ge­lang, eine ^opur des Täters zu finden. Einige der Mordtaten wären auch heute noch nicht geklärt, wenn es nicht Liberka vor­gezogen hätte, nachdem er des einen Falles so gut wie über­führt war, nicht nur diesen, sondern auch verschiedene andere Morde einzugestehen. Vor Jahr und Tag verschwand plötzlich in Beuthen der Arbeiter Brummer, der als ein fleißiger und ruhiger Mensch bekannt war. Nachforschungen nach seinem Ver­bleib blieben erfolglos. Endlich wurde im April bs. Js. auf dem Heumarkt eine in einen Sack genähte Leiche aufgefunden, in welcher der alte Vater des Brummer feinen 'Lohn wiederzu­erkennen glaubte. Es wurden nun Recherck-cn darüber angestellt, mit wem Brummer in der Zett vor seinem Tode verkehrt halte, und so - lenlce sich der Verdacht auch ans diesen. All­mählich verdichteten sich die Verdachlsnwmcnte so, daß Liberia in Haft genommen wurde. Als er dem Untersuchungsrichter vorgefuhrt wurde, gestand er den Aiord ein, und gab auch zu, in den letzten Jahren noch drei weitere Morde in der Um­gegend von Beuthen verübt zu haben. Das Motiv für alle diese Morde ist anscheinend in der Rachsucht Liberias zu suchen, der loegen ganz unbedeutender Vorfälle dem Leben seiner Mitmenschen namitehte. Besonders die Mordtat an Brummer zeuge von der Roheit des Liberka und. seines Helfershelfers. Er hat Pern

Brummer in Gemeinschaft mit einem Arbeiter Kioltyka beim Verlassen seines Lokals den Weg vertreten und ihn niedergestochen. Liberka und sein Helfershelfer bearbeiteten dann den auf dem Erdboden liegenden Brummer solange, bis er regungslos liegen blieb. Als er aber nach kurzer Zeit wieder zu röcheln begann, wurde dem unglücklichen Opfer ein Messer-Wetzstahl mit solcher Gewalt in den Mund gestoßen, daß der Stahl am Genick wieder heraustrat. Einer der beiden faßte dann die beiden Enden des Stahls an und drehte so dem Brummer das Genick ab. Tie Leiche wurde hierauf zunächst in eine Abortgrube geworfen, nach etwa 10 Wochen aber wieder herausgenommen und zer­stückelt in einem Sack nach dem Heumarkt geschafft. Wie bekannt, hatte die Art der Zerstückelung der Leiche sehr viel Aehnlichkeit mit der des Koni tzer Gymnasiasten Ernst Winter. Als dann das Gerücht auftauchte, daß Liberka vor 6 Jahren zurzeit der Bluttat an Ernst Winter in Kvnitz bei einem Roß­schlächter in der Nähe des Mönchsees beschäftigt gewesen, hegte man die Hoffnung, daß auch diese dunkle Mordtat nach so langer Zeit noch ausgehellt werden könnte. Diese Hoffnung hat sich nicht verwirklicht; wie die Nachforschungen ergeben haben, war Liberka damals anderwärts beschäftigt und kommt als Mörder Winters nicht in Betracht. Er hatte sich daher jetzt nur wegen der Morde in Oberschlesien zu verantworten. Neben Liberka saßen noch seine Frau und der Haushälter Kioltyka als Mit­schuldige auf der Anklagebank.

Liberka und Kioltyka wurden je zweimal zum Tode, Frau Liberia zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

Vermischte».

Von der Mannheimer A uSstellnng. Vom 8. bis 11. Juni findet in Mannheim eine internationale Sondcrausstellnng von Erdbeeren, F r n h ki r s ch e n , Fr ü h st e i n o b st und Frühgemüse statt. Ta jedoch die Witterung der Entwickelung und Reife der Frühkirschen und maitcher Erdbeersorten nicht günstig mar, vcraiiltnlict die Mannheimer Ausstellungsleitung vom 14. bis 16. Juni noch eine zweite Ausstellung von solchen Frühkirschen und Erdbeeren, welche für die Ausstellung vom 8. bis 11. Juni noch nicht reif waren. Tie Interessenten sind eingeladen, auch diese Ausstellung zu beschicken, wobei jedoch gleichzeitig bemerkt wird, daß auf Grund einer zwischen den Obst- und Gartenbauvereinen :c. getroffenen Vereinbarung, eine Beschicknngsoeranstaltung durch die Hess, ^andwirtschastskammer wie z. B. bei der Spargelausstellung nicht stattfinden wird. Demzufolge bleibt die Beschickung den Interessenten auf ihre Kosten überlassen.

* Rom, 2. Juni. Aus Anlaß des Nationalfestes wurde heute in Anwesenheit des Königs und der Königin oie Eröffnung eines nationalen Wettfchießeus vorgenommen. Beim Schluß der Eröffnungsfeier stieg ein Militärballon aus. In der Höhe von etwa 300 Metern geriet der Ballon infolge elektrischer Entladungen eines Gewitters in Brand und stürzte zur Erde. Ter Zuschauer bemächtigte sich eine furchtbare Erregung. Kapitäi'. Ulioelli, der sich im Ballon befand, wurde sterbend ins Krankenhaus gebracht. Ter König besuchte Ulivelli und verweilte eine halbe Stunde an dessen Lager. Ulioelli starb am Nachmittag.

* Die Aerz 1 e gegen das Duell. Die Vereinigung der Aerzte in Palermo hat soeben ein merkwürdiges Mittel gefunden, das Duell zu bekämpfen. Sie hat einen Beschluß angenommen, in dem erklärt wird, daßdie Mission des Arztes wäre, für die Kranken und Verwundeten zu sorgen, aber nicht dazu zu helfen, daß jemand verwundet ivürde, um ihn nachher zu pflegen; die Aerzte machten sich zu Mit­schuldigen, wenn sie ihre Hülfe bei einem Duell gewährten, und sie hätten daher fortan die Pflicht, jede Assistenz bet einem Zweikampf zu verweigern." Dieser Beschluß soll allen Aerztevereinigungen in Italien vorgelegt werden. Die Aerzte glauben, daß auch niemand mehr die Verantwortung für den Sekundantendienst bei einem Duell übernehmen würde, wenn nicht für sofortige ärztliche Hülfe gesorgt wäre.

"Religiöser Wahnsinn. Der frühere Wiener Hof­opernsänger Baritonist Joses Ritter ist in religiösen Wahnsinn verfallen. Die ersten Zeichen der Erkrankung zeigten sich gelegentlich eines Gottesdienstes in der Dom­kirche, wo er eine peinliche Szene hervorrief. Später verließ er sehr aufgeregt seine Wohnung, die er mit der Solo­tänzerin Hausse teilte, und versuchte in das erzbischöfliche Palais einzudringen. Er erklärte, er sei Gott und verlangte von einem ihm begegnenden Kaplan, daß dieser vor ihm nieberfnicen solle. Nachdem er festgenommen war, wöbet er wütenden Widerstand leistete, versuchte er während der Fahrt in die Landeshcilanstalt zweimal zu entkommen. Ritter war ein Schützling des Erzherzogs Ludwig Viktor und wurde zuerst im fürsterzbischöflichen Sängerknabeninstitut und dann bei den Benediktinern von Sankt Peter erzogen.

* Kleine Tageschronik. DaS große Los der preuß. Klaffenlotterie, das auf die Nr. 200 355 entfiel, ist nach Ren> scheid in der Rheinprovinz gekommen. Tas Los wurde in kleinen Anteilen von Reinscheider Bürgern und von Landbewohnern des Kreises Lennep gespielt. Auf der Chaussee zwischen Kuchelna und Kranowitz (Schlesien) überfuhr das Automobil des Fürsten von Lichnvwski den ftüheren Gemeindevorsteher von Kranowitz, Schwiedergal. Ter Mann wurde so schwer verletzt, daß er ft ar b, ehe ärztliche Hülse zur Stelle war. In der Nähe von So ft au (Provinz -wachsen- wurden ein Radfahrer und ein Arbeiter beim Kartoffelhacken vom Blitz erschlagen. Im Rettungshause Beithos bei Nürnberg sind 33 Zöglinge, wahrscheinlich durch schadhaftes Ko ch g e s cy i r r v er g i f t et, nach dem Essen erkrankt. Ein 14jähriger Knabe ist bereits gestorben. Im rOte I mge- broich int Rheinland wollte ein mit mehreren Personen besetztes Automobi l eine Frohnleichnamsprozession in dem Augenblick durchbrechen, als der Segen erteilt wurde. Es kam zu einem Zusammenstoß'mi tben Teilnehmern an der Prozession, wobei, das Antomobil umkippte. Die Insassen erlitten teilweise sehr schwere Verletzungen. Graf Festestes hat bei dem Gericht in Oedenburg (Ungarn) die Verhängung der Kuratel über ferne Tochter nachgefucht, die die Ehe mit dem Zigeuner Nyiry einq gegangen ist und diesem ihr ganzes Vermögen geschenkt hat. Monte Carlo hat einen neuen Skandal. Croupiers und andere Angestellte des Kasinos haben diefes um bedeutende Sum­men betrogen. Ter Betrug geschah sehr einfach. Einerder Verschworenen gab den Mitverschworenen 500 Franksnoten zum Wechseln und erhielt 1000 zurück. Ein Croupiers befaß ein Haus für 136000 Mk., als der Betrug entdeckt wurde. Ein großer Brand vernichtete das Privathaus des deutschen Millionärs Schiffer in New-Jersey. Zwei Töchter des Hauses und drei weibliche Dienstboten kamen in den Flanimen um. Schiffer felDft, feine Frau und vier andere Kinder erlitten schwere Verletzung«^

Arbeiterbewegung.

B e r l i n, 2. Juni. Eine unerwartete Wendiing ist im Bäcker- streik dadurch emgetreten, daß der Ring der Hefehändler be­schloß, den Aieiftern, ivelche die Forderungeil der Streitenden be­willigt haben, die Lieferung uon Hefe für die Dauer des Boykotts zu verweigern. Allerdings joll es der Streikleitung gelungen fein, Hefe in genügendem Maße zu beschaffen.

Paris, 2. Juni. In allen franzöfifchen Häfen streiken die Seeleute. Kein Schiff kann fayren. Alle Seeleute verlassen die Häfen. DerNtatin" berichtet, daß die Reeder sich an die Regierung gewandt haoen mit dem Erfucyen, ihnen Staatsmatrofen zu überlasfen, um die ausständigen Seeleute zu ersetzen. Die Regierung hat dieser Bitte ent­sprochen. Es ist das erste Mal, daß die Regierung einen derartigen Entschluß trifft, der daurauf hindeutet, daß sie um keinen Preis die vsseiitlichen Staatsdienste desorgani­sieren zu lassen gesinnt ist.