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3.6.1907 Zweites Blatt
 
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Nr. 127 Zweites Blatt « 157. Jahrgang

Montag 3. Juni 1907

Erscheint Utglich Ausnahme des Sonntags.

DieGiehever §<nnNlenb!2tter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das '.lLreirblatt für den Kreis Sieben" zweimal wöchentlich. Derhessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Siebener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

Rotationsdruck und vertag der Vrühlfchen llnwersuätS - Buch- und 6 tetnb ruderet R. 8engt. Gießen.

Redaktion, Expedttton und Druckerei: Echul- straße 7. Expedition und vertag i 6L Redaktionell 12. Tet-Aür^Aa^igerEtttz«.

Deutsches Reich.

Berlin, 2. Juni. Bei bewölktem Himmel fand gestern die Frühjahrsparade der Berliner Garnison statt. Kurz vor 9 Uhr erschienen die fremdländischen Offi­ziere, insbesondere wurden der österreichische Generalstabs- Chef von Hützcndorf und die Offiziere oes spanischen Tra- gonerregiments des Kaisers bemerkt. Am Steuerhause, wo sich auch der Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich ein- gefunden hatten, wurde der Kaiser erwartet, der gegen 9 Uhr eintraf. Der Kaiser stieg zu Pferde und ritt nach Begrüßung der Prinzen und Prinzessinnen die Front ab. Die Kaiserin, welche eine fliederfarbene Robe trug, folgte im offenen Wagen, ebenso die Kronprinzessin und Die übrigen Prinzessinnen. Nach dem Äbreiten erfolgte zwei­maliger Vorbeimarsch der Truppen, eine kurze Kritik schloß sich an. Heute abend 6 Uhr sand Leim Kaiserpaare Parade­tafel statt. Im Verlaufe des Mahles trank der Kaiser dem Prinzen Georg von Bayern, dem General von Kessel und dem Reichskanzler ru. Dann sand im Kgl. Opernhause auf Allerhöchsten Befehl Galaoper statt. In der großen Hoflogc nahmen der Kaiser und die Kaiserin sowie sämt­liche Fürstlichkeiten, die an der Paradetafel teilgenommen hatten, Platz. Gegeben wurde DonizettisTochter des Regiments".

Wie ein Privattelegramm derHrationalztg." aus Moskau meldet, hat die dortige ZeitungGolos Moskwij" einen Berliner Brief gebracht, Der auf eine Be­merkung deS Franzosen Externus in der russischen Zeitung Kraj" Bezu>7 nimmt. Externus Halle behauptet, Kaiser Wilhelm habe sich in einem freundschaftlichen Gespräch zu Massenet und Saint Säens folgend, rmaßen geäußert: Werden Sie sich noch lange unter der Hypnose der Kron­städter Erinnerungen befinden? Werden Sie noch lange den russischen Pflug ziehen? Dieser Pflug ist ja nicht von Stahl oder Holz, sondern er besteht aus Rost und Moder! usw." Der Korrespondent derGolos Moskwij" berichtet, daß der Kaiser zu diesem Artikel gesagt habe: Bon Anfang bis zu Ende erfunden. Ich habe^mit den Herren kein Wort Politik gesprochen, was auch Laint SasnS in fernem, nach seiner glück kehr nach Paris im Figaro veröffentlichten Interview bestätigte. Plumpe Ver­leumdung!"

Tas Eisenbahnzentralamt wurde beauftragt, wegen Beschaffung von 700 Lokomotiven verschiedener Gat­tungen für das Etatsjabr 1908 mit den Werken, die zurzeit für die preußisch-hessische Staatseisenbahn-Verwal- tung beschäfttgt sind, in Verhandlung zu treten. Die Liefe­rungen dieser Lokomotiven sollen am 1. April 1908 be­ginnen und am 31. Oktober 1908 abgeschlossen sein.

Dem Abgeordnetenhause ist nun Der Nachtragsetat mit der Teuerungszulage von 100 Wtark für die UnterDeamten für das laufende Jahr zugegangen. Dafür werden 11 Millionen Mark erforderlich. Da Drei Millionen bereits im Etat als Verstärkung des Unterstützungsfonds bewilligt sind, bleiben noch acht Millionen zu genehmigen.

Die Prüfungskommission für Die Verlängerung Des Spiritus Syndikates stellte fest. Daß Die bis zum 1. Juni 1907 eingegangenen Beitrittserklurungen für Nord- Deutschland statt Der geforderten 160 Millionen Liter Kon­tingent, nur 154 874 087 Liter Kontingent umfassen. Auch für SüddeutschlanD war Die bedungene Beilrittsziffer nicht erreicht worden. Die Kommission stellte eine Nachfrist bis zum 11. Juni 1907 mittags 12 Uhr.

Stuttgart, 1. Juni. Die zweite Kammer hat heute bei Beratuiig des Etats der Zentralstelle für Gewerbe und Handel einen bauerlibündl. Antrag auf Einschränkung des Hausierens und Detailreisens, einen Antrag betreffend Aus­dehnung Der Warenh aus st euer auf die Konsum- Vereins-Großbetriebe, einen Antrag betr. Den Aus­bau Der Warenhaussteuer durch Einführung einer gestaffelten Umsatzsteuer, einen Antrag betreffend Erlaß eines Verbotes bezüglich Der Beteiligung von Beamten an Der Leitung und Berlvaltung von Konsumvereinen und einen Antrag, Den Beamten unter Hinweis auf Den sozialdemokratischen Charakter Der Kon­sumvereine zu empfehlen, sich von diesen fernzu­halten, abgelehnt. Ein Antrag des Zentrums betr. Die Erweiterung des Gesetzes über den unlauteren Wett- bewerb wurde ebenfalls abgelehnt.

Neues aus Rußland.

Der Terror ist wieder stark im Anwachsen begriffen. In Tschernigow, Elisawetgrad, Pensa und Tula greifen Die Agrarunruhen um sich, Truppen schossen wiederholt auf Die Volksmenge. In Pensa wurde Der Bischof von revo­lutionären Seminaristen im Seminargarten e r m o r De t In Charkow und Irkutsk wurden große Bombenlager ent­deckt. Der Zar empfing den Dumapräsidenten Golowin in einer Sonderaudienz. Golowin beobachtet über das Re­sultat Der Lludienz Stillschweigen. 9hir so viel verlautet, daß der Zar sich in einer erregten Stimmung ßefanD and sich über Die Duma äußerst abfällig ausgesprochen hat.

Graf Edgar Kays erlingk aus dem Hause Altenburg wurde auf einem Ritte in Der Nähe seines Gutes Gresen bei Riga von acht revolutionären Bauern überfallen, vom Pferde gerifsen und unter furchtbaren Mißhandlungen er­mordet. In Riga wurden zwei Schutzleute er­schossen. Auf Verfügung des Generalgouverneurs wur­den zwei rainfale lettische und die verbreitetste russische Zeitung in Den baltischen Provinzen für die Dauer des Kriegszustandes unterdrückt.

Am L Juni wurde in Orenburg der Staatsanwalts- gehilfe Jsseyeff ermordet; der Mörder, ein Arbeiter, wurde verhaftet. In Soßnowska ermordeten Unbekannre einen Mineningenieur.________

ArrslanS.

London, 3. Juni. Augenzeugen bericht en, daß der nach England zuruckgekchrre Joses Chamberlain bei seiner An- finxft se h r erschöpft ausgesehen habe. Seine Freunde, die 1cll.I1cin ^"ipsang auf dem Bahnhof oersammelt hatten, erkannten ihn taum. -Leine Haltung war gebückt und er mugte nach Dein kaum drei Schritte entfernten Wagen fast getragen werden. Als das Publitum in Hochrufe ausbrach, veriuchte Ei-amberlain seinen Hut zu Lüften, ließ ledoch Den Arm

kraftlos wieder sinken. Trotzdem versichert seine Familie, daß der Zustand des Patienten erheblich gebessert sei und er Die Rehe gut überstanden habe.

Paris, 2. Juni. In einer Versammlung der Liga bc5 Widerstandes der fron zös sichen Katholiken, welche von ca. 2500 Personen besucht war, ersuchte Paul de Eassaignac die Anwesenden, die Schulen, aus welchen die Kruzifixe verbannt seien, zu boykottieren, und ebenso die freimaurerischen Lieferanten, ferner die Steuerzahlung zu berroemern.

General Billot, ehemaliger Kriegsminister unb öo nator auf Lebenszeit, ist im 80. Lebenswahre g c st o r b e n. Billot war Kriegsminister im Kabinett Meline während Der Trcysus- affäre.

Lemberg, 2. Juni. Anläßlich dcrReichsratswahlen kam es in Jsjajcr zu großen Sandalen. Tie Bauern griffen die Wählkommission au. Dem Vorsitzenden Jiniski wurden zwei Rippen gebrochen. Einem anderen Beifitzenden wurde ein Ohr abgerissen. Eine Untersuchung ist eingeleitet.

Amol) (China., 1. Juni. Auf halbem Wege »wischen Amoy und Swatau hat ein Zusammenstoß zwischen kaiserlichen Truppen und Aufständischen stattgesunden. 7 00 Mann sind ge­fallen; die Aufständischen naben sich zurückgezogen, ooch wird erwartet, daß sie die Fcuidseligkeiten wieder aufneymen werden, sobald die Truppen zurückgezogen sind. Tie Aufrührer sind gut organisiert aber schlecht bewaffnet. Plünoerungcu finden nicht statt. Die Fremden werden nicht belästigt. Die Ursache des Auf­standes liegt darin, dpß die Beamten in Den von der Hunger s>- not betroffenen Bezirken lein Reismehl verteilt haben. In der Stadt Tschang-Tschu, 30 Meilen von Ainoy, sind Unruhen aus- gebrochen; die Bewohner flüchten sich nach Amoy.

Washington, 1. Juni. Präsident Zioosevelt gibt in einem Erlaß Den Abschluß des Handelsabkommens mit T e ut sch land bekannt. Tas Staatsdepartement veröffentlicht hierzu eine Erklärung, in weicher dem Bedauern Ausdruck ge­geben wird, daß es nicht gelungen ist. Den Minimattarif für alle amcruaniidjen Erzeugnisse durcyzusetzcn, was nur durch wesent­liche Zugeständnisse mittels des vom Kvngreß zu genehmigenden Gegen,eitigkeitsvenrages zu erreichen sei. In Serbinoung mit diesem Erlaß veröffentlicht das Staatsdepartement auch ein Schrei­ben des Sekretärs des ^Schatzamtes, Eottelpou, an Den Presi­denten, in welchem C. bcnien't, datz das Handelsablommen die ireundschaitlichen Beziehungen zwischen Teutschtand und» Amerita ,ordern würoe.

Ans StaOt nnv Land.

Abdruck uuscrcr durch Korrespouvenzzetcheu kenntlich ge­machte» Orgiualartilel ist nur unter genauer Quellenangabe (Gieß. Anz.) gestattet.

Gießen, den 3. Juni.

DaZ unbefugte Betreten des Theater- Neubaues hat in leger Zeit mehrfach zu Unzuträglichkeiten geführt, ja, es sind sogar dadurch Beschädigungen bereits fertiger Arbeiten herbeigeführt worden. Ter Theaterbauoerem macht daher darauf aufmerksam, daß DaS Betreten des Neu­baues und des Bauplatzes nur den dort beschäftigten Personen und den Mitgliedern der Theaterbau-Kommission gestattet, im übrigen aber verboten ist, und richtet an alle Beteiligten die dringende Bitte, das unbefugte Betreten des Gebäudes oder des Bauplatzes zu unterlassen, um sich selbst und dem Auf- srchtspersonal Die Unannehmlichkeiten einer Ausweisung zu ersparen.

** Personalnachrichten. S. K. H. der Großherzog hat den Ober Hofmarschall a. D., General der Jnfanterei z. D. und Generaladiutanten ä la suite Paul Westerweller von Anthoni für sich und seine gegenwärtigen und zukünftigen ehelichen Nachkommen beiderlei Geschlechts in den Freiherrn- stand des Großherzogtums erhoben. I. K. H. der Großberzog Hal dem Kreisamtmann bei dem Kreisamt Friedberg Theodor Muhl zum 1. Juni den Charakter alsRegierungsrat" erteilt. S. K. H. der Großherzog hat Den Oberförstern Bonhard zu Mörfelden, P e t i l h zu Wald-Michelbach, Zeh zu Jägers­burg, O u v r i e r zu Birkenau, Mann zu Eichelsoorf, Frei- Herrn Karl Schenk von Schmittburg zu Kelsterbach, Herm- burg zu Lindenfels, Schlich zu Höchst, Wiener zu Kir- torf, den Charakter als Forstmeister verliehen. S. K. H. der Großherzog hat die Regicrungsassessoren August Klingelhöfer aus Groß-Karben, Haus Meyer aus Mainz und Ferdinand Schneider aus Gießen zu Steuertontrolleuren ernannt. Am 28. Mai wurde der Steuerkommissariatsgchilfe Dechert zu Offenbach auf sein Nachsuchen, mit Wirkung vom 1. Juli an, in Den Ruhestand versetzt. Er erhielt Die Krone zum silb. Kreuz des Verdienstordens PH. des Gr. Es wurden die Steuerkom- missariatsgehUfen Eisenhuth von Michelstadt nach Offenbach und Hopfner von Alsfeld nach Worms versetzt. Am 28. Mai wurde Dter SHreibgehilse Hermann Holler zu Friedberg zum Steuerkommifsariatsgehilfen in Reinheim ernennt. Erledigt ist eine mit einem evangelischen Lehrer »u besetzende Lehrerstetle an der Gemeindeschule zu Lauterbach und Die Steuerkommissariats­gehilfenstellen bei Den Steuerkommissariaten Höchst, Michelitabt uhd Seligenstadt.

"Ein Unmensch. In der Nacht vom 31. v. auf 1. l. Mts. erwachte eine Fran in der Sandgasse aus dem Schlafe, weil ihre Ziege im Stall fortgesetzt meckerte. Sie machte Licht, um nach der Ursache zu sehen und bemerkte, daß ein Mann, über das Hoftor steigend, den Hof verließ. Im Stall machte man bann die Wahrnehmung, daß die Ziege in gräßlich brutaler Weife zugerichtet war. Der Un­hold hatte das Tier mit einem Riemen festgebunden gehabt. Der Täter trug Strohhut unb war mittelgroß. Vielleicht tragen biefe Zeilen zu feiner Eruierung bei.

Gestohlen würben in oerfloffener Nacht einem An­wohner ber Marburger Straße aus bem eingefriebigten Haus­garten zwei Stallhasen.

"Schlägerei. In einem Hause ber Dammstraße kam es gestern morgen zwischen zwei Bewohnern zum Streit, wo­bei ber eine am Kopfe mit einem Kartoffelstößer berart be­arbeitet würbe, baß er sich in ärztliche Behanblung begeben mußte.

Nasser Sonntag. DaS gestrige Regenweiter hat nicht allein manchen äußerlich burchnäßt, sondern eS fanden sich auch viele innen stark angefeuchtet. Em Schuhmacher tobte in feiner Trunkenheit in feiner Wohnung und bedrohte die Nachbarschaft derart, daß die Polizei einschreiten und ihn unterbringen mußte. Ebenso mußte em Arbeiter in Polizei­haft genommen werden, weil er fortgesetzt ffanbalicrte unb ben Ermahnungen zur Ruhe feine Folge leistete.

' Im Kolosseum gaben gestern völlig neu engagierte Künstler, Leute aus ber Brettl-Welt, einem vielhunderttöpftgen

beliaU'öirohen oomiiagspublilum eine JuUe Ihumciioiverieu Vor­führungen zum besten. ES ist eine Welt, in der man sich nicht langweilt, die sich da vor unseren Singen auftut, eine Welt von absoluter Unwahrscheinlichkeit, eine Welt, die fast geeignet ist, unsere Angen zu trüben für alle Realitäten, eine Welt, m der sich Un­möglichkeiten ereignen. Oder hält cm gewöhnlicher Sterblicher eS etwa für möglich, daß es einen Menschen gibt er lebt und zeigt sich im Kolosfeum unb führt den saftig appetitlichen Namen ülpfelfammer ber imstande ist, mit seinen beiden Menschen­händen ein Hufeisen zu zerbrechen? Ist es nicht unheimlich zu eben, daß es Menschen gibt von einer Stärke, von einer Muskel­kraft, wie sie unsere Vorväter im Urmalbc, wie sie heute noch die gräßlichen LrangutangL besitzen? Und ist nicht ebenso gänzlich unwahrscheinlich, sodaß man seinen Augen nicht trauen möchte, daß ein netter junger Herr von recht intelligentem Aeußeren, ein )err Ther r i), der sich auch Xavers Al a ö c r nennt, mit einer

. )anb aus einem Tische steht, auf bem Haupte eine brennenbe Lampe trägt und dabei ein Glas Bier trinkt ohne Zuhülsenahme der anderen Hand? Ja, dieser junge Herr produziert sich wirklich unb wahrhaftig auch alsRopfläufer", d. h. er springt auf einem Tische kopfstehend, indem Beine und Hände in der Luft anmutig umher- vendeln! Tas Spiel mit den 12 Siemen, die er, aus den Händen ehend, ie zur Hälite neben einander auftürmt und ebenso bei Seite chafft, spielt er nut ber größten Leichtigkeit unb Behenbigkett, als ob cs für ihn keine angenehmere unb bequemere Situation gäbe. Mit brennenben Jäckeln unb geschliffenen Messern macht et gleichfalls bie unglaublichsten Kunststücke. Herr Apielkammcr er- scheml auch zweimal. Er ist nicht nur ber Bärenmensch, ber vier, fünf schwere Männer auf einmal trägt, sondern auch em Hunde» dresseur von ungewöhnlichen Criolgen. Seine vierfüßigen kleinen Jrennde sind Alisbünde hünbifcher Gescheitheit. Anders als nur auf zwei Füßen trippeln sie überhaupt kaum umher, und einer von ihnen steht sogar auf einem der Riesensinger seines Herrn und Maisters aus einem Bein. Lust- und Kopfsprünge machen sie wie die gciDanbtcflen Akrobaten. Tie Taymber - Gesellschaft, vorzüg­liche Parterre-Akrobaten, die aber bei uns in Deutschland sich auch auf den Programms der deutschen Sprache bedienen sollten deutschen Stünfilern im Auslande fällt es niemals ein, sich ihrer Muttersprache zu bedienen haben in diesen Herren Hunden die ehrgeizigsten Konkurrenten. Ter kleine Herr Daymber, im Alter voii 12 Jahren etwa, ist freilich ein Artist von ganz außerordent­licher Gelculigkeit liild anmutiger Körperbildung. Unter den vier sehr niedlichen Tanz- und Gesangskünstlermnen Tonato fällt besonders eine, die blonde, durch ursprüiigliche Grazie, eine gewisse naive heiße Jreude am wilden Tanze und kecke Muntec- tcit auf. Herr Rudolf Kaiser, dec neue Humorist, ist ein Psissicus coinrne il laut Er pfeift mit vollendeter musikalischer Sicherheit, wie ein Dompfaff, und als Improvisator bringt ihn selbst ein aus dem DJhmbe des Publikums ihm zugewocsener Aiainzer Käse" oderHuudekuochen" nicht außer Fassung. Eine Rmborbübeiüanne" ober gar ,T»e lustige Witwe" schon gar nicht. Frl. Doris Los elli, eine jugenbliche Schönheit von Hohem Liebreiz, ist jebenfalls trotz ihres italienisch klingenden Buhneii- Jlamens eine Deutsche. Als Arien- und Chanson-Sängerin zeigt sie eine gute Schule und eine noch völlig unverbrauchte jugenö- nische Stimme von üppiger Klangfarbe. Bleibt noch die feder­leicht auf dem Brettel umher flatternde liebliche Tänzerin ,Aliß" R i H a. Alles in Allem em Slünftlerenfemble, das auch einem empfindsamen Publikum nicht auf die philiströsen Hühneraugen tritt. Nicht im mindesten ist, was man hier hört und sieht, schlüpfrig unb schwül, keck unb srech, wie e3 einst Herr von Wol- jogen, per Ueberbreltl-Baron, bot; sonbern, ohne fabe Sentimen­talität unb ohne bis an die Kravate oder den schönen bloßen Franeicha'.s in blödes Moralin getaucht zu fein, aber ohne auch nur ein Jota an häßlichem sexuellen Beigeschmack zu besitzen, fast diirchweg von urwüchsiger Gesundheit und quellender Kraft, von lufiaimenber Grazie unb formschöner Waghalsigkeit. -o.

Bad-Nauheim, 2. Juni. Tiefer Tage besuchten unser! Bad Negierungspräsident Gra, Bernstorfs von Kassel mit sämtlichen Landräten des Regierungsbezirks Kassel. Die Herren wurden auf Der Kurterrasse von Kreisrar Fey aus Friedberg unb Kurdirektor ereil), v. Starck empfangen und begrüßt. Später fand im Kur- Hause ein Essen statt.

-t- Geiß-Nidda, 1. Juni. In dec Nacht auf den 1, Juni wurde in der Wirtschaft des K. L. Lind ein frecher Einbruch verübt. Der Dieb, der durch das Fenster in Die Wirtsslube einstieg, entwendete aus dem Buffett etwa 7 M. und das Kontobuch. Andere Papiere sollen liegen geblieben sein. Man vermutet, daß das Kontobuch nur von einen entwendet sein könne, der ein beträchtliches Konto darin stehen hat. UebrigenS kann der Täter wahrscheinlich nicht weit zu suchen sein, da es höchstwahrscheinlich em mit den örtlichen Verhältnissen genau Vertrauter gewesen ist. Erstaun­lich ist die Frechheit des Einbrechers, da in dem Hause zwei handfeste Männer anwesend waren und der Einbruch während oder nach einem Gewitter vor sich gegangen sein soll.

Offenbach, 2. Juni. Mit einem erschütternden Un­glücksfall endete nach derOffenb.Ztg." heute nacht eine Bootsfahrt deS hiesigen Ruderklubs, die ein Menschen­leben in der Vollkraft der Jahre kosten sollte. Das Vierer- boot des Offenbacher Ruderklubs 1883 unternahm gestern abend, begleitet von einem Radfahrer, die übliche Ausfahrt nach der Mainkur, wo man rastete. Kurz nach 11 Uhr brach man zur Heimfahrt auf. Unweit der Mainkur kenterte das Boot. Von den fünf Insassen vermochten sich vier zu retten, während der fünfte von der Strömung fortgerisien wurde und unter sank. Der Verunglückte, Spenglermeister Wilhelm Scheich, war 37 Jahre alt und hinterläßt eine Witwe mit sechs Kindern.

Alzey, 2. Juni. Die leidige Besoldungsfrage des Bürgermeisters Dr. Sutor will nicht zur Ruhe kommen. Der zur Entscheidung angerufene Kreisausschuß hatte der Stadtverordnetenversammlung, ehe er endgültige Stellung nehmen wollte, anheimgegeben, sich nochmals mit dec erneuten Eingabe des Bürgermeisters zu beschäftigen und gleichzeitig dringend zur Einigung geraten. In der letzten Sitzung beschloß die Stadtverordnetenversammlung, bie Sache einer Kommission zu überweisen, die Die Interessen der Ver­sammlung in dieser Angelegenheit vertreten soll. Ein Antrag, den Gehalt des Bürgermeisters auf die verlangte Höhe von 7500 M. festzusetzen, wurde abgelehnt, und zwar mit der Begrün­dung, daß Bürgerm. Dr.Sutoc die Verwaltungsbehörde zu einem Eingriff in bie städtische Selbstverwaltung zu veranlagen versucht habe, was dem Geiste der Städteordnung widerspricht.

Worms, 2. Juni. Nach erbittertem Kampfe sind bei der Ortskrankenkassenwahl die Sozialdemokraten abermals als Sieger über die vereinigten Bürgerlichen her- oorgegangen. Letztere erhielten 1486, jene 2143 Stimmen.