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Nr. 199
Zweites Blatt
15V. Jahrgang
Erscheint tS-Nch mit Ausnahme des Sonntags.
Die ..Siebener Familienblatier" werden dem .Anzeiger- viermal wöchentlich beigclegt, das „Krcisblah für den Kreis Giehen" zweimal wöchentlich. Der..hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Montag 26. August 1907
AA Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen AniversitätS - Buch- und Steindruckerei.
H R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei! Schulstraße 7. Expedition und Verlag: e^5L Redaktion:^^N2. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
Ans Nusjlnnd.
Petersburg, 24. Aug. Als Termin für die Du m a w a h l e n in Petersburg und Mos Lau ist der 28. Oktober festgesetzt worden.
— Tie r u s s i s ch e u n d j a p a n i s ch e Negierung beschlossen, ihre Gesandtschaften in Tokio und Petersburg zu Botschaftern zu erheben.
Odessa, 24. Aug. Ter Matrose Matuschenke, der Führer der Meurerei auf dem Panzerschiffe „Fürst Poiemttn" im Juni 1005, der nach der Rückkehr aus Rumänien unter falschem Namen in Nikolajew lebte, wurde hier verha s t e t. _______
_ Defterreich-Ungarn und Italien.
, Semmering, 24. Aug. Titton: empfing heute voö- mittag den Vertreter des Wiener Korrespondenzbureaus, beml gegenüber er seine außerordentliche Befriedigung zum Ausdruck brachte über die Haltung, die die ößerreichi,ck)-ungarische Presse ohne Unterschied der Parteicichtung seinen, sowie des Freihcrrn von Aehrenthal vereinten Bemühungen gegenüber an den Tag gelegt habe, das Verhältnis zwischen Oesterreich-Ungarn und Italien zu einem v e r t r a u e n s v o l l e n und d u r ch a u s h e r z- tichen zu gestalten. Auch über die Liebenswürdigkeit und Wärme des ihm nicht nur vonseiten der offiziellen Meiste sondern auch von der Bevölkerung überall bereiteten Empfanges Mach Litton: m Worten herzlicher Dankbarkeit. In gleicher Werse sprach Tittoni auch den Vertretern der Wiener Presse, Die er zu gleicher Zeit empfing, seinen Tank aus, indem er den Wunsch zum Ausdruck brachte, die österreichisch-ungarische Presse möge fortfahren, die Bestrebungen zur Herstellung eines durchaus vertrauensvollen Verhältnisses zwischen den beiden Nachbarstaaten zu unterstützen.
$^en, 25. Aug. Tas „233 : en er F re m d c n b l a t t" schreibt: ^er ungeivohnlich warme Empfang, den Titwni go, schtden hat, wird für ihn eine Ermutigung sein, auf dem, eingeschlagenen Wege auszuharren und wird sicher auch vontt italienischen Volke als ein Z e i ch e n u n s e r e s freundschaftlichen Willens aufgefaßt- Tic Wiederausschaltung jener künstlichen Hemmungen, die bald durch die Leidenschaftlichkeit voii Gefühlsoemagogen, bald durch Absichtlichkeit von Pfeudopolitikern m unsere Beziehungen eckigeschaltet worden waren, bckdete ein- schweres Werk für die loyale, verständige, unermüdliche Staats- kunst, das aber , heute mit allen Anzeichen des endgültigen Erfolgs gelungen ist, ohne daß in Tesio oder am Semmering ein konkretes Abkommen getroffen worden ist. Fest und treu, stehen Oesterreich-Ungarn und Italien auf der Basis des D r e i -
dleserFignr vermenschlichenden Spiele, das Darauf ausging, ihr Wesen 1 begreiflich, logisch, janahezu verzeihlich zu machen. Herr Kirch > dagegen erschöpfte die schwierige Rolle des Dr. Schön erheblich eher. Sein Toi: war durchweg der deS Bändigers der „blonden Bestie . Er bemühte sich nicht iveitcr um eine Verinnerlichung, °ie auch nur die Unzulänglichkeiten der Wedekindereien auibccfcn mußte. Er veräußerlichte, wie meistens, und das ivar hier das Rechte. Der Uebergang zurBersklaverung blieb allerdings in seuierDarslellinig völlig unverständlich. Den charakterischen Linien der Wedekindsehen Kunst am nächsteii aber kam Herr Bayrhammcr als der alte Schigolch. Im ganzen jedoch fam eine Ausführung heraus, in der dem Wedekmdschen Geiste das Burleske fehlte, imö so war c5 öemi natürlich, daß bei Dem ivohlerzogeiien Frank'urler Publckun: ent starker Beisall das Zischen sehr wesentlich übertönte. P. W.
Eine Hinrichtung zu Frankfurt im 15. Jahrhundert.
Tie im Besitze des Begründers des Sprudelöades Vilbel, Derrn Earl Brod befindliche Burgruine Vilbel ruft in diesem Monat denkwürdige Erinnerungen toach In den Jahren 1412—1416 war der damalige Burgritler Bechtram von Vckbel Frankfurteo Stadthauptmann gelvordcn- Er Eountc aber sein altgewohntes Räuberhandwerk nicht lassen- Ernstliche Drohungen vonseitei: Frankfurts, das ihm zum Zweck seiner Rechtfertigung Geleite gab, bewogen ihn im August 4420 zu dem Versprechen.- „Daß er ir vnd der ircn vird der gemeinen Straßen schonen wold vnd daruff utt grifen oder schedigen, sunderlich, die Geste vnd Kauflude". Aber schon auf beni Heimwege fangt er^ sein Versprechen vergessend, den Conrad Schwarz, genannt Schwebele, Diener des Handlungshauses Ulrich Arzt aus Auyvburg und schleppt ihn nach Neufalkenstein. Tort nötigt er diesen, einen Brief an seinen Wirt nach Fwantsürt zu schreiben, um Geld zu verlangen,- aber der Wirt zum Einhorn hielt klüglich damit zurück- Wenige Tage nach diesem auf offener Straße verübten Gewaltstreich, am 2 6. August 1420, reitet Bechtram zu einer Unterredung mit den: Grafen von Eatzenelnbogen nach dem Hain- Auf dem Rückwege fallt er gegenüber dem Gutleuthof aus dem linken Main- nfer einen Kaufmann Hans Ducke an; der Stadt Söldner, die chon aus Umlauern, setzen schnell Durch den Fluß, warfen ihn mrt zwei Knechten nieder und bringen ihn gefangen naci) Frant- urt« Aus dem Gefängnis muß er alsbald folgenden Brief an eine HauLsrau schreiben, um Die Loslassung des Schwebele zu bewirken: ,,^er „Der erberu Elsen von Vilwyl miitcr nun „lAhuen srunllichen Gruß zuvor, libe HußFruwe ich laste Dich wißen, daß mich die von Frankfurt gefangen bau, Darbnt so heißen ich Dich, du stiehest den Gefangenen daz Schweden: von stund vß, vnd lassest in laufen. Den ich wol er- unden han daz ich mit ime noch er mit mir nit zu schicken hat, iZstöu daz Dult, so mir lib ist- Geben unter mein Ina eß: off den Montag, nach ot Bartholomäus zum war-eichen jo sende ich Trr die eigen Jngeß."
Ter Gefangene ward ledig gegeben und schon am folgenden £ag den 27. August ließ der Rat in Frankfurt Den Bechtram Don Vilbel^iiut seinen zwei Knechten tzinrichien- Auf der so- guiuiiiurn SchMt vor Lvr wur ein schivi
Zedetinds „Erdgeist" im Frankfurter Schauspielhaus.
Im Frankfurter Schauspielhanse erschien am letzten SamStag rs den weübebentenben Brettern der Erdgeist. Nicht der ans Dem oetheschen Faust, der Dem Mensck)en zürnst: „Du gleichst dem Geist, n Du begreiist, — nicht mir", sondern Der Frank Wedekinds, eses wunDerlichsten Unheiligen der modernen deutschen Literatur, och auch sein „Erdgeist" richtet einen ähnlichen Zuruf an ein eraturunkundiges Publikum. Au ein Publikum, das dem Aden- nerium, Der moralischen Verworfenheit einer glücklicherweise rschwindend geringen weltstädtischen Minderheit ahnungslos gegen- er steht; unb das Wedekind, dies bizarre, kraflgeuialische, imcm§- ijorene und wohl auch nie ausgärende Unikum des Deulschen irnasses, nic()t kennt, geschweige denn e r kennt, durchschaut. llnD doch gt Dem, Der offene Augen hat, schon der Prolog Dieser burlesken Lragbbie", was Darin, um mit Grabbe zu reden (Dem Wedekind ahlverwaudt ist), Scherz, Ironie, Satire unb tiefere Bedeutung ist. lesen Prolog, Den vor Drei Jahren bei einer Berliner Aufführung edekind selber sprach und der Die mittelalterliche HaiiSivurstkoniödie ffnscht, versetzte Dem Frankfurter Theaterpubliknm Herr Pfeil. ■ rotem Frack und martialisch hergerichtetein Schiiurrbart erschien vor Der Rampe. „Herrreilispaziert, meme Herrschaften I", und mit ilscheu- unb in Pistolenknall betlamierte unb phrasierte er mit »ist unb Würde, statt in marktschreierischer Artistenart, Webekinbs rse, iii Denen u. a. die immer wiederkehrenben Gestalten diese austiere", unserer Durchschnittsbühnenliteratur mit den „Haus- oen" im Parkett, also dem Theaterpublitum, so freutidlieh als chmackvoll verglichen werden. Die „Schlange" seiiier Akenagerie, Darstellerin der weiblichen Hauptrolle seines Stückes, wird U)renbDefseu in schimmerndem Pierrotgewande als bas ivahre :r, bas ivilde, schöne Tier", von einem „August" hergetragen.
Unb bann kommt bie „Traaöbie". Drei Liebhaber bleiben r ber Strecke. Vom Weibe zu Tode gehetztes Wild. Den erften rft der Schlag, ber zweite schneidet sich Den Hals mit dem isiermesfer durch, unb deS Dritten Leid enden fünf Nevolvertugeln. v Herr Chefredakteur Dr. Schön hat sein Schätzchen, dessen kaiintscha't er einst dadurch machte, daß er des Kätzchens Samt- uchen in seiner Tasche bemerkte, als sie ihm seine Uhr slibitzeti Uten, an einen Eheherrn gebracht, den alten Medizilialrat . Goll, Der Lulu mit dem Maler Schwarz überrascht. Goll bt aus Groll am Schlage. Als Golls lstachsolger sieht Schivarz d fürchterlich schwarz die Zukunit vor sich liegen unb schneibet । ben Hals ab. Nun erst beußt sich Schön unter Lulus Ehejoch, in Sohn verliebt sich in die Stieimutter unb bie schotte Frau )ön begeht einen kleinen Gattenmorb. Das ist bas Enbe. Das 131, nur das Ende des „ErbgeislS". Die Fortsetzung dieser 5nen Geschichte voller Schreck unb Dreck unb Granen, „bie Aste der Pandora", bie man vor ein paar Jahren gesträubten ares in ber „Insel"Bierbaumslas,zeigtLuluzuerstalsHochstaplerin Salon unb zuletzt als Straßenbirne, Die ein Opfer Jacks des fschlitzers ivirb. Erfand ©ne, ber längst mit Recht Vergessene, atz gleich Gräßliches unb Greuliches, über bie Massen Ab- uliches? Aber der Prolog deutete ja schon an: O ihr Leute v heute,. tvaZ M tz.hr doch MA! Sctu Mr nchM ihr has
Leben ernst! DaS Leben ist eine Burleske, seht ihr das nicht? Ironie, das ist der einzig richtige Standpunkt, Denn wahnsinnig verdreht ist der ganze Weltlauf; unb auch mich nimmt niemand von euch ernst, obwohl ich euch bie Tragödie des Mannes von beute vorführe. Denn das Weib, ober vielmehr die Dirne regiert ben Mann, und so die ganze Welt in unserer schönen Zeit der sogen, hohen Kultur, in dieser Blütezeit edler Geistigkeit. Ach, chr lieben Brüder, noch immer, und wohl immerdar bleibt cs doch wahr, daß „aus Gemeinem ist der Mensch gemacht". Niedriger Erdgeist macht uns untertan der Sexualität. Wir sind unsern geschlechtlichen Trieben rettungslos verfallen. Sie versklaven uns und peitschet: und vernichten uns. Das Leben ist eine gemeine käufliche Dirne voll roher Grausantkeit, wenn auch oft zu schauen <in blendender, die Sinne berückender Schönheit; es ist falsch unb einfältig, treulos, erbarmungslos, lügnerisch — wre das Urweib, das schöne Weibtier, das, weicher wollüstiger Schlange gleich, alles Münnlich-e in Sklavenfesseln schlägt, alle Kultur unb alle Moral zu Nichte, macht. — Das ist des Scherzes und der Ironie, so sich „Erdgeist" nennt, tiefere Bedeutung, wUd umschlungen von einer Fülle geistreicher zum Teil aber auch grotesker, absurder, äußerst geschmackloser Einfälle. Wedekind übertreibt, wie immer, so auch hier, ganz ungeheuerlich. In seinem feUfajmi llonstruierten Hirne spiegelt sich anders als sonst in Menschenköpfen die Welt. In ihn: selber streiten sich mit kalt berechnendem Verstände brutal mitreißende Sinnlichkeit, kindliche Unbchilflichkeit mit stärkster dramatischer Schlagkraft, herausge- wnchsen aus innerlicher genialer Veranlagung, boshafte Satire mit wllverzerrtem Humor. Maßlos überschätzt Wedekind die Macht der Din:e in unserer besten aller Welten, lvenn auch leider ein Körnchen Wahrheit in seinem entsetzenvollen Anklagewerke enthalten ist und wie sehr man auch die Pflicht hat, mit vernünftigen Mitteln dieser tief beklagenswerten Begleiterscheinung unserer vielgestaltigen modernen Kultur, soweit sie als Hyperkultur zu schamloser, schmachvoller Dekadenz sich neigt, zu Leibe zu gehen. Als Charakteristiker zeigt er sich im übrigen geistesverwandt den: Simplicissimuszeichner Th. Th. Heine, auch Munch und dem alten Goha. Diesen gleich Fleht er, was die Verwegenheit seiner Zeichnung anbetrifft. Doch seine Kunst ist feindlich aller Harmonie, sie ist zerrissen und zerreißend. Fast scheints, als müsse er wie ein Skorpion fein Gift ber- pritzen, wenn er „geiunb" bleiben will, obschon seine „Gelindheit" stark zu moral insanity neigt. Jedenfalls gibt es kein ' Theaterpublikum auf Erden, das Wedekind in größeren Dosen vertragen könnte.
Jrn Frankfurter Schauspielhause gab man diese literarische Seltsamkeit mit Dem vollen tragischen Ernst, ben gerade Wedekind 1 verspottet, ben er ins Lächerliche zieht, als bornierten Unsinn hinstellt. Man milderte die grotesken Schärfen, man versuchte : ich sogar soweit als irgend möglich in den Grenzen des Sym- i pctthischen zu halten! Das „schöne, wilde Tier" lag so an einer Kette, der Reißzähne betäubt und mit beschnittenen Krallen. Frl. Jrmen machte aus der Lulu statt einer abscheulichen Dirne eine ! Höne Dame, eine pikante Temimondüne. Tas Pandamouische i Etbenhaste verlor sich m ihrem graziösen, das nur Triebhafte <
§ie o£uße in Marokko.
er die Haltung Frankreichs in Maro No laßt s:ch Die „Nordb. Aug. Ztg." folgendermaßen aus: Der iinndruch daß Frankreich entschlossen sei, auf dem i>oden der Akte von Algeciras zu verharren, ist bei den Monarchenbegegnungen von Swinemunde, Wil- ^elmshöhe und Ischl ebenso wie durch die Unter* cedungen bei dem Empfange des französischen Ministerpräsidenten Clsmenceau durch den König von England neu gefestigt worden. Das gleiche ist von den Besprech- rngen des Reichskanzlers Fürsten v. Bülow mit )em französischen Botschafter Cambon zu erwarten. Es regt sonach nicht der geringste Anlaß zu der An- rahme vor, Frankreich wolle sich über die in Algeciras rbernommenen Verpflichtungen hinwegsetzcn. Abgesehen -iervon aber scheint uns die in einigen Blättern auf- ;etauchte Vermutung, die französische Regierung plane die Eroberung Marokkos, angesichts der Tatsache inigermaßei: absonderlich, daß die gesamte Streitmacht, >ie General Drude zu befehligen haben wird, auf h ö ch - rens f ü n s t a u s e n d M a n n gebracht toerbiyt soll. Daß nit einer solchen Truppenmacht Marokko „erobert" werden onnte, dürste nur jemand glauben, den: die Verhältnisse ftefes Landes, sowie bie Natur seiner wilden Bevölkerung gänzlich unbekannt sind.
Ucber die Lage in Marokko liegen uns heute folgende Neidungen vor:
Paris, 24. Aug. In einem Telegramm vom 23. Aug. >er:chtet Admiral Philibert: Die politische Lage n den Küstenstädten ist anscheinend ruhig. 0ie Stämme scheinen weder für noch gegen Muley Hafid wartet genommen zu haben. Die Aufklärungsritte vor Casa- >lanca wurden sechs oder sieben Kilometer weit ausge- .ehnt, ohne daß man auf Widerstand stieß. Die einge- orenen Schützen töteten eine Anzahl Marodeure. Der ö-esundheitszustand der Truppen ist ausgezeichnet.
Casablanca, 24. Aug. Die spanischen Drup- >en haben die Stadt verlassen und suchen einen essenden Platz für das Lager, da sie nicht nach der Stadt urückkehren werden; sie gehen Hand in Hand mit den Franzosen vor. — Von Kriegsschiffen befinden sich ter die Panzerkreuzer „Gueydon" und „Gloire", der Tor- edobootszerstörer „Cassini" sowie die spanischen Kreuzer Älvarode", „Bazan" und „Rio de Laplata". — Gestern bend wurden zwei Mauren, die man für Diebe hielt, rschossen, als sie die Stadt zu betreten versuchten, ümpfe sanden nicht statt, auch wurden Schüsse nicht gehört.
Der französische Transportdampfer „Vinblong" kam tit 120 algerischen Freiwilligen, einem Bataillon Scharf- chützen, 150 Pferden sowie großen Vorräten an Munrtion nd Nahrungsmitteln an.
Tanger, 25. Aug. Zahlreiche Privatbriefe bestä- igen die Ausrufung Malay Hafids zum Sul- a n, er soll bereits Minister ernannt haben. Man laubt, daß er die Proklamation nur angenommen habe, m zurzeit dort für die Siuhe zu sorgen und die Stämme t seinem Gebiet in Ordnung zu halten.
San Sebastian, 25. Aug. Die spanischen Konsuln in n marokkanischen Häfen haben dem Minister des Aeußeren ftegraphisch mitgeteilt, sie hätten Nachrichten erhalten, daß Lulay Hafid auf Casablanca marschiere.
London, 25. Äug. Hiesige Blätter berichten aus anger, daß der neue Sultan einstimmig von den erschiedenenStämmenproklamiert worden ist. icser lehnte die Wahl ursprünglich ab, gab aber schließlich un anhaltenden Drängen nach und erließ den Befehl, .
Katholikentag.
Würzburg, 25. Aug. In der festlich geschmückten Stadt begann heute vormittag der 54. deutsche Katholikentag mit einem feierlichen Gottesdienst im Tom. Mittags folgte ein Festzug von Arbeitervereinen, an dem 300 Vereine teilnahmen. An den Festzug schlossen sich in vier Sälen Versaminlungen für bie Teilnehmer an. In den Versammlungen erschienen, von lebhaftem Beifall be-
seine Ernennung in der Moschee bekannt zu geven. Dies ist bisher nicht geschehen. S p ä t e r w i r d e r i n Fe z feierlich zum Sultan gekrönt werden.
— Der Observer versichert, daß man an maßgebender Stelle von einem angeblichen Angebot Raisulis Mac Lean preiszugeben gegen Sicherung seines eigenen Lebens nichts wisse.
Paris, 24. Aug. Aus Tanger wird gemeldet, daß Mulay Hafid von den Stämmen in der Gegend von Marrakesch seit dem 16. August feierlich zum Sultan ausgerufen worden ist und einen Hof eingerichtet hat. Als sein Kalifat bezeichnet er Fez. Sein Bruder, Mulay Mohammed, wird augenblicklich vom Sultan in Gefangelischast gehalten. Die Europäer, die Fez heute verlassen, werden am 30. Aug. in Larasch sein, und bitten um die Entsendung eines Kriegsschiffes, das sie aufnehmen soll,
politische Tagesseharr.
Franzosen unb Spanier.
In der Marottoasfäre liegt der Akzent des Tages auf dem offenen Gegensatz zwischen ber Taktik Spaniens unb derjenigen Frankreichs. Tie „Tisch. Tagesztg." meint, daß bei der Zurückhaltung der Spanier Wohl eine gewisse nationale Abneigung mltspreche, die in der Geschichte beider Völker begründet sei. Für die Entschließungen ber Madrider Regierung ist dieses Moment schwerlich mitbestim- mend, sie sieht wohl einfach, wie andere Leute auch, mit jedem Tage mehr, daß das Vorgehen Frankreichs in Marokko sich zu einem Abenteuer auswächst, von dem der Verlauf und die Tauer ebenso ungewiß, wie die Kostspieligkeit gewiß ist. Herausschauen wird für Spanien aus dem ganzen Marokkohaildel nichts, denn ber „große Bruder" in Paris hat nur seine eigenen Interessen im Auge. Zu dessen Nutzen sich in Unkosten und am Ende gor in diplomatische Verwicklungen zu stürzen, diese ehrenvolle Aufgabe lehnt Spanien denn doch ab — seit langer Zeit wieder einmal ein Zeichen von Nationalstolz und Staatsklngheit.
Der Besuch des französischen Botschafters beim Reichskanzler.
Norderney, 25. Aug. Der französische Botschafter Canibon machte gestern balb nach seiner Ankunft Den: Reichskanzlerpaare einen Besuch. AnschließenD barmt hatte er eine kurze Besprechung mit ben: Kanzler und wurde zur Frühstuckstafel geladen. Abends wurde bie Unterredung fortgesetzt. Herr Jules Canibon nahm dann das Diner in der fürstlichen Familie ein. Die Abreise erfolgte heute nachmittag um 2 Uhr.
Der „Berl. Lokal-Anz." weidet aus Norderney: Der Besuch Lambo ns bei dem Fürsten Bülow war der Ausdruck der gegenwärtig zwischen Deutschland und Frankreich bestehenden ruhigen, korrekten unb freundlichen Beziehungen. Er schließt sich damit an die Monarchenbegegnungei: vor Swinemünde und in Wilhelmshöhe, die wiederum ergänzt werden durch die Begegnung Aehrettthals unb Tittonis auf bene Semmering, den Besuch König Eduards in Ischl und die Begegnung des Königs Eduard unb Clemenceaus in Marieubad. Alle biese Begegnungen unb Besprechungen können nur bazu beitragen, die in Europa unb in ber Welt eingetretene allgemeine Beruhigung zu kon- solwreren.
grüßt. Bischof Dr. v. Schloer-Würzburg, Der Fürstbischof von Larbach und ber Missionsbischof von Süb-Schantuna. Ter Bischof von Würzburg spendete den Segen.
Die Ausweisung des Engländers Quelsh^
(Stuttgart, 24. Aug. Ter „Staatsanzeiger" veröffentlicht heute eine amtliche Mitteilung zu ber Ausweisung des Englänbers Quelsh. Danach hat bas Ministerium bes Innern in ben von Deut Delegierten Quelsh geäußerten Worten über den Haager Kongreß eine unzweideutige unb schwere Beschimpfung ber Delegierten ber in ber Haager Konferenz vertretenen Regierungen und mittelbar bieder Regierungen selbst gesehen und deshalb dem Vorsitzenden des Kongresses, Singer, noch an demselben Abend ein Schreiben zustellen lassen, in welchem verlangt war, daß Quelsh die fraglichen Worce bei Beginn Der nächsten Plenarversammlung ausdrücklich unb uiibeDmgt zurüu- nehme, widrigenfalls seine sofortige Ausweisung veranlaßt würde. Da nun Quelsh in seiner am anderen Tage abgegebenen Erklärung, bie von ihm, wenn auch in abgefchwüchier Form, selbst zugegebene Besa-impfung der in Der Haager Konferenz vertreteneil Regierungen nicht nur nicht zurück n a y m, soiibern sie a u s b r ü ck l i ch a u f r e ch t erhielt, hat seine so fo r t i g e Au s w e i sun g erfolgen müssen.


