Ausgabe 
25.4.1907 Erstes Blatt
 
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Erfordere es, daß auch die mittleren Beamten berücksichtigt werden. Das Reich fei mit gutem Beispiel vorangegangen. Preußen habe ldie moralische Verpflichtung zu folgen.

Der Antrag Fischbeck wird an die Dndgetkommission ver­wiesen.

Di« Auffüllung des Unter st ühungsfonds für lUnterbeamte um etwa 300 000 Mark wird nach bem ^Anträge der Budgetkommifsion genehmigt. Beim Titel * Allgemeine Finanzverwaltung" bedauert

Abg. von Arnim-Züsedom (kons.) lebhaft den Tiefstand |bet preußischen Konsols.

Abg. Lahensly (Ztr.) bemerkt, es sei höchst bedauerlich, daß unsere Staatspapiere so niedrig stehen. A>n schlimmsten stehe es mit den 3 prozentigen. Infolge dessen kaufe Las Publikum minderwertige Austandspapiere Hiergegen Maß­regeln zu ergreifen, möchte er beit Finanznnnister bitten. Unter diesen Verhaltttissen sei er mit der Mehrzads feiner Freunde mit der Ausgabe von Schatzanweisungen einverstanden, wenn er auch Len hohen Prozentsatz von 4 % beklage.

Abg. Dr. Friedberg ml.) erklärt, wenn wir einmal aus Anleihen angewiesen feien, so fei es unter den jetzigen Umständen wohl richtig gewesen, Schatzanweisungen auszugeben, da eine SV2 Proz. Anleihe zur Zeit doch nicht hätte untergebracht werden können. Der Shire der Staatspapiere würde auch gehoben werden, .toenn die Sparkassen einen größeren Bestand an Reichs- und Staatsanleihen hielten. Eine andere Frage sei, ob die Sparkassen Lazu gezwungen werden könnten von Staatswegen.

Finanzmtnister Frhr. v. Rheinbaben verkennt nicht, daß der niedrige Stand unserer Staatspapiere mit der günstigen Ent­wickelung unserer Industrie zusammenhänge. Er halte es aber nicht für berechtigt, daß unsere 3 Proz. Anleihen schlechter stehen, als die französischen mW englischen. Eine Börsenresorm halte -er für richtig, er glaube auch, das Termingeschäft werde wieder gestattet werden müssen, aber nur in Effekten und von gewerbs- 'mäßigen Kreisen. Redner sei aucb für Popularisierung unserer ^-Anleihen eingetteten, künftig würden die Zinsscheine unserer An­leihen an allen öffentlichen Kassen, abgesehen von den Eisenbahn- 'kassen angenommen.

Abg. Dr. Arendt (ft) ist mit dem Vorgehen des Ministers einverstanden. Für sehr Wünschenswert hält Redner die Ausgabe von Anleihen bis zu 50 Mk. hinunter, die auch keine bestimmte Rückzahlung enthielten, die Aufnahme dafür würde im Publikum außerordentlich hoch sein. Außerordenttich wichtig sei es, fest- zustellen, daß es sich jetzt nicht um ein Sinken der preußischen und deutschen Papiere allein, sondern um ein Sinken erstklassiger Staatspapiere handle. Man solle also davon aüsehen, schwarz zu malen und darüber zu klagen, daß wir eine schlechte Aufnahme­fähigkeit für unsere Staatspapiere hätten. Das Börsengesetz habe mit dieser Frage garuichts zu tun. Für eine Erleichterung des Absatzes der neuen Anleihe müsse energisch gesorgt werden. Des­halb müsse er sich auch für die Sparkassenvorlage des Ministers erklären. Auch die Errichtung von Postsparkassen müsse man ins Auge fasten.

Abg. Dr. Er ü g er-Hagen (frf. Vpt.) erklärt, wenn der Minister meine, sdtLß von den Kursverlusten der Staatspapiere die unteren und mittleren Kreise zumeist betroffen würden, so ^möchte er dies doch bezweifeln, denn gerade in diesen Kreisen 'pflege man die Staatspapiere zu behalten. Fürst Bülow habe die letzige Börsengesetzgebung auf das schärfste verurteilt, der Minister scheine dies nicht so ganz zu tun. Wo bleibt denn die Novelle zum Börsengesetz? Die Diskonierhöhmig lasse sich auf künstlichem Wege nicht beseitigen, da sie eine Folge unserer wirtschaftlichen Lage fei. Ebensowenig könne man einen künstlichen Einfluß auf die Kurse unserer Staatspapiere ausüben. Unter den heutigen Ver­hältnissen konnte die Verwaltung nichts anderes tun, als Schatz­anweisungen auszugeben. Davor möchte er aber warnen, irgend­wie den Versuch zu machen, den Kurs der Staatspapiere künstlich hu beeinflussen.

Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben hält es für Pflicht eines jeden Finanzministers, nach DLöglichkeit die Schwankungen der Kurse zu beschränken. In England hatten die staatlichen Veranstaltungen Einfluß auf den Kurs der Staatspapiere ge­habt, die Aufnahme von Staatspapieren durch die Seehandlung habe auch Einfluß auf die Kurse der Ltaatspapiere gehabt.

Abg. Brömel (Frs. Vgg.) erklärt, auf den Kurs der Staatspapiere würde wohl auch ein fester Bestand der Spar­kassen an solchen Papieren nicht einwirken, ihre Liquidität -würde vielleicht ein wenig gehoben, doch könnten im Falle von Kursrückgängen auch erhebliche Verluste eintreten.

Ein Antrag auf Schluß der Debatte wird angeiwmmen. Der Etat der allgemeinen Verivattung wird angenommen. Da- mtt ist die zweite Etatsberatung erledigt.

Ans Staöt nnd Land.

Gießen, den 25. April.

** Justizpersonalien. S. K. H. der Groß Her­zog Haven den Gerichtsassessor Dr. Hans Mich. Minnich aus Oppenheim zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Pfed- dersherm und den Gerichtsassessor Ernst Schmidt aus Darmstadt zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Lfsen- bach ernannt.

**An den Fahrkartenschaltern auf hiesigem B a h n- h o f e tritt mit Beginn des bevorstehenden 1. Mai insofern eine Aenderung ein, als die V e r k a u f s s ch a l t e r nicht mehr nach Richtungen, sondern lediglich nach Wagenklasseu getrennt werden. Hierdurch ist natürlich die Orientierung für das Publi­kum wesentlich erleichtert. Vom 1. Mai ab werden zunächst 5 Schalter eingerichtet werden und zwar zwei mit Fahrkarten vierter Klasse und drei mit Fahrkarten 1.4. Klasse. Die letzteren Schalter werden vorläufig im allgemeinen nur Fahr­karten 1.3. Klasse verkaufen. In Kürze werden dann noch drei weitere Klassenschalter mit der nötigen Einrichtung aus- aestattet werden, so daß dann acht Schütter zur Verfügung stehen, die je nach Bedarf geöffnet werden können. In der Nacht zum 1. Mai wird die Ausgabe der neuen Fahrkarten be­ginnen; cs sind Einrichtungen getroffen, daß sich die Aen­derung trotz der völligen Umgestaltung der hiesigen Fahrkarten­ausgabe glatt vollziehen wird. Von welchem Umfang die ein­tretende Aenderung ist, erhellt daraus, daß neue Vertäufsschränke aufgesteltt sind, die 1314 000 Gefache für Fahrkarten ent­halten. Zugleich mit dieser Neuerung tritt der neue Per- Ionen- und Gepäcktarif ins Leben. Damit sich die Reisenden über die neuen Einrichtungen vorher unterrichten können ist eiine BekanntmachungDer neue Eisenbahn-Personen- und Gepäck taris" hergestellt, der in der Nähe der Fahrkarten- und Ge- päch'chatter auf den Bahnhöfen angebracht wird. Tie Eisenbahn- -Verwaltung überweist ferner ihren Fahrkarten-Ausgaben das ^Merkbuch für Rei sende" sowie das DruckheftDer neue Eisenbahn-Personen- und Gepäcktaris" zur kostenlosen Abgabe an das Publikum. Es empflehlt sich also, von dem kostenlosen Bezüge dieser Drucksachen in weitestem Umfange Gebrauch zu machen.

Eisenbahngüterdienst. Dem Wunsche der In­teressenten entsprechend, hat die Eisenbahnvcrwaltung im Schaltervorraum der Güterabfertigung Gießen einen Fernsprech­anschluß anbringen lassen, sodaß den Güterauflieferern nunmehr Gelegenheit geboten ist, unentgeltlich vom Güterschuppen aus in telephonische Verbindung mit der Stadt treten zu können. Die Einrichtung ist am 19. April 07 in Betrieb genommen worben und kann von jedermaiin benutzt werden.

X Butzbach, 24. April. Mit Unierftübung des Main- Rhein-Verbands für Voltsbildungswesen wird demnächst hier em V o l k s t h e a t e r durch das Hanauer Stabt Theater mehrere Tage gafiteren und mehrere Voltsschauspiele aus- Weru - Tas K-ieger fest des hiesigen Hassm-Bezirks Tinbet am 23. und 24. Jun: m Nred er-Weisel statt. Im nahen Hoch weifet fand Beigeoronetenwabl statt, es erhielten Ph. Diehl 51, Dämon 50, Frey 30 St. nächste Woche ist Stichwahl. '

cd Rosbach bei Friedberg, 24. April. Im hiesigen Mangan-Eisenwerk stürzte der Bergmann Reinhardt in einen 15 Meter tiefen Schacht und erlitt derartige Ver­letzungen, daß man ihn in die Gießener Klinik verbringen mußte.

(P.) Schlitz, 24. April. Ein ehrenvoller Auftrag ist einem Sohn unserer Stadt geworden. Herr Otto Stock­hausen, Ingenieur bei der Stadt Harnburg, dem bei der gepumten Hafenregulierung der Bau eines Elbetunnels übertragen wurde, ist von der Stadt Hamburg mit noch zwei Ingenieuren nach Amerika gesaubt worden, um an dortigen ähnlichen Bauten Studien zu machen. Es ist das um so bemerkenswerter, als Herr Stockhausen erst 29 Jahre alt ist. Wie die Newyorker Revue schreibt, suhlt man sich dort sehr geschmeichelt, daß man Amerika zu solchen Sru- dien aufsucht, macht jedoch dem Staate gleichzeitig den Vorwurf, warum man in Amerika nicht auch wie in Deutschland Siaatsbeamte nut derartigen Ausführungen betraue, sondern alles privaten Unternehmern überlasse. Das deutsche System habe den gewaltigen Vorzug^ daß oer städtische Techniker dann später in allen solche Werke betreffenden Fragen bewandert sei. Möge es unserem itartb5manne gelingen, sich drüben recht viele Kenntnisse zu sammeln.

X Bad Salzhausen, im April. Wir schreiben heute den 23. April. Ain 1. Mai beginnt in den Bädern die Saison". Bei uns wird es immer etwas später, bis sie beginnt. Es wäre aber auch em Dmg der Unmöglichkeit, am 1. Mai hier Badegast zu sein. Wie sieht es hier aus? Das neue Badehaus ist noch lange nicht fertig; das alle lann ja vorerst noch genügen. Ader es ist ja kaum hin­zukommen. Vom Hofe des Kurhauses durch das Portal über Die Straße liegt eine Feldbahn; die Umgebung des neuen BadehauseS ist mit Stein-, Sand- und Schutthaufen an­gefüllt, links lagern mächtige Rohre, vor der Terrasfe Geröll und Schutt. Quellen, die mit schöner Fassung versehen sind, sind ebenfalls mit Baumaterialien umlagert. Die Schwefel­quelle sieht man überhaupt nicht mehr, ein trüber Waffer- tümpel umgibt die Fassung. Der Gradierbau ist oben ab­gebrochen, die faulen Balken lagern im GraS nebenan. Ein größerer Kontrast als diese Zustände auf der einen Seite und der im schönsten Frühlingsschmuck stehende Park auf ver­änderen, ist kaum zu denken. Die Bohrung an der neuen Quelle geht ihren Gang ungehindert weiter. Soll aber das Bad bald eine andere Gestalt annehmen, so sind viele Arbeits­kräfte nötig.

§ Ermenrod, 24. April. Wenn sonst hier aus den umliegenden Domaniaiwaldungen die letzien Ho lzver­st eigerungen stoltsauden, so war das Brennholz meist billiger, wie bei den vorausgegaugenen anderen Holz- versdeigerungen, weil der Bedarf an Holz meist schon gedeckt war. Heute war das nicht der Fall, das Brenn­holz war im Gegenteil sehr teuer. Die Ursache liegt in dem außergewöhnlich kalten Frühling, wodurch bis heute noch nicht die Zimmerösen außer Brand gesetzt werden konnten. Man bezahlte für vier Raummeter Buchenprügel bis zu 27 Mark, vier desgleichen Scheit bis zu 36 Mark, ebenso waren Stöcke und Reisig hoch im Preise.

() Aus dem Ohmtal, 24. April. Die ersten Schwalben Rauchschwalben sind mit dem gestrigen Tage wieder in unsere Taldörser zu beit alten Niststätten zurückgekehrt. Nun wirb es enblich wärmer werben. 2In den Ruckzug der Schwalben knüpft sich stets diese Hoff­nung. Sollte sich letztere aber nicht erfüllen, dann gehen wir vor allem schlechten Futteraussichten ent­gegen. Schon steht der Mai vor der Türe, und das Wachs­tum steckt noch in den Winterschuhen. Ganz außergewöhn­lich spät ist die Obstbaumblüte: noch hat keine Kirschbaum- blüte sich erschlossen, während sie sonst um diese Zeit schon ausgeblüht waren. Tie Schlüsselblume, die gewöhnlich Ende März blüht, wird zurMaiblume", da sie jetzt erst zu blühen beginnt.

(-d.) Aus dem Kreis Büdingen, 24. April/ In den Orten Borsdorf und Ober-Wibdersheim sinb Telegraphenbetriebsstellen mit Telephon- einrichtung eröffnet worben.

(fb.) Tarm stadt, 24. April. Am verflossenen Mitt­woch kühlte ein seit einigen Jahren bie hiesige Technische Hochschule besuchender Student R., der Sohn eines hie­sigen Polizeibeamten, seine Wut dadurch, daß er einem anderen Studenten, mit dem er ein kleines Renkontre hatte, gelegentlich des össentlichenMilitärkonzer- tes, das regelmäßig am neuen Palais am Wilhelminen- platz vor der kath. Kirche stattfinbet, coram publico ein Paar gehörige Ohrfergen verabreichte, sodaß mtt Unterstützung der beiderseitigen Freunde zwischen 12 und 1 Uhr eine regelrechte Keilerei entstand, die erst durch die Polizei unterdrückt werden konnte. Der Anstifter wurde auf drei Jahre, mehrere andere auf kürzere Zeit relegiert.

sd. Darmstadt, 25. April. (Tel.) Erschossen hat sich der Gardist Joh. Christoph Sauer aus Bodenheim, 3. Komp. Ins. Regt. 115, mit seinem Dienstgewehr durch einen Schuß ms Herz. Der Gardist Gries aus Gontershausen (Kreis Alsfeld), der sich mit einer Platzpatrone einen Schuß bei­gebracht hatte, besindet sich auf dem Wege der Besserung.

W o r m s, 24. April. Der st ä d t i s ch e V o r a n s ch l a g, der int Truck vorliegt, sieht eine Steuererhöhung von 95 auf 971/2 Prozent vor. Die Mehrausgabe für Beamte und Voll'sschullehrer sieht 43 000 Mk., der Zuschuß zur elektr. Straßenbahn 44 000 Mk. vor. Im ganzen ergibt sich ein Um.age5ei.rag von 1203372 Mark gegen 1119 521 Mark im Vorjahr.

(sc.) Frankfurt a. M., 24. April. Der am 4. Juli 1905 hier verstorbene Rentier" Ludwig Joseph Pfungst aus Worms hat, wie seinerzeit berichtet, die Stadt Frankfurt zur Erbin eingesetzt mit der Bestimmung, daß die Zinsen des Kapitals zur Anschaffung von Kunst­werken lebender Künstler für bie öffentlichen Sammlungen der Stadt verwandt werden. Nach Abrechnungen von Ab­findungen bleibt, wie der Nachlaßpfleger jetzt mttteilt, ein Nettovermogen von 1360 000 Mark. Einsam und ver­lassen starb im Hause Katharinenpforte 5 das 81jährige Fräulein Elisabeth Reutlingen. Das alte Fräulein hatte eine bescheidene Wohnung inne und gelebt, wie Leute leben, bie in dürftigen Verhältnissen sind. Umsomehr war man erstaunt, als sich herausstellte, daß bie Verstorbene bei einer hiesigen Bank ein Depot von 400 000 Mark hatte. Gestern starb im 78. Lebensjahre Freiherr Friebrich Karl Anton von Holz Haus en, ein Sproß bes ältesten Frankfurter Patrizierhauses. Ter Verstorbene hatte als Offizier ber östreicyischen Armee die Feldzüge 1848/49, 1859 und 1866 mitgemacht.

Wiesbaden, 24. April. Der Kaiser ist heute morgen im Automobil von hier nach Homburg v. d. H.

abgefahren. Auf der Fahrt nahm ber Monarch bie für bas Au t - mobilrennen i in T a u n u s bestimmte Route in Augenschein. Zu diesem Zweck traf der Kaiser in König­stein mit dem Prinzen Heinrich, dem Landrat von Marx, Freiherrn von Brandenstein und Herrn de la Croix zusammen und befuhr mit ihnen die Rennstraße. Tie Wege waren vorzüglich. Die Ankunft in Homburg erfolgte II1/2 Uhr.

Ebingen (Dill), 23. April. Trotz wieberholier Vorstellung war Ebingen bie einzige Gemeinde bes unte­ren Dilltals, obgleich unmittelbar an ber Bahn Teutz- Gießen gelegen, die noch keine Personenhaltestelle hatte. Wie wir jetzt erfahren, wird nunmehr auch diesem Wunsche entsprochen. Unsere Lrtsbehorde hat nämlich im vorigen Jahre mit der Königlichen Eisenbahnbirektion eine Vereinbarung getroffen, wonach letziere einen Perfonen- haltepunkt für bie Gemeinbe Edingen herstellt. Letztere zahlt an die Eisenbahnverwaltung einen Barzuschuß in Höhe ber durch die geplante Neueinrichtung entstehenden Kosten. Die Haltestelle wirb in erster Linie ben vielen hiesigen Arbeitern zugute kommen, bie zu Sinn, Herborn unb Wetzlar beschäftigt sinb.

() Kirchhain, 24. April. Ein Lehrling von hier, ber jebeit Abenb von Marburg nach Haufe fährt, hatte, gestern abend das Aussteigen versäumt und sprang aus Dem in voller Fahrt befindlichen Zuge. Der Unvorsichtige erlitt schwere Verletzungen.

Düsseldorf, 24. Aprtl. Tie Ausstellung ber Deutschen Lanbwirtschastsgesell schäft wirb am 6. Juni in Vertretung bes Kaisers burch den Prinzen August Wilhelm eröffnet.

§er Kaiser und der Kroßherzog in Kießen°

Gießen, 25. April 1907.

Die Jubelrufe sind verklungen, Kaiser unb Großherzog haben unserer Stadt bereits den Rücken gekehrt, wenn diese Zeilen unseren Lesern zu Gesichte kommen. Graue Alltäg­lichkeit lagert wieder über den Straßen der Stadt.....

Es waren Stunden patriotischer Erhabenheit, die hinter un§ liegen. Was sich doch alles in einer so winzigen Spanne Zeit bei einem solchen Fürstentage zusammendrängen kann! Ein nentwirrbares Chaos von Bildern, das jeder einzelne geschaut hat und jeder anders geschaut hat.

Natürlich hatte sich Gießen schleunigst ein Festkleid an­gelegt. Obwohl noch am Mittwoch Nachmittag manches weit zurück war, heute vormittag war des Rätsels Lösung doch aufs beste geglückt. In den Tagen zuvor hatten ganze Rotten der wackeren Gießener Schmutztruppen die nicht gerade blanken Parkettfußböden gleichenden Straßen mit wahrem Feuereifer von den Schlamm-Sintfluten mühsam befreit und passierbar gemacht. Straßenwalzen hatten dahinter das Ihrige zur Glättung der Wege getan unb herkulische Arbeiter das hier und da aufgerissene Pflaster schnell repariert. Und so sahen denn alle die Straßen, die die beiden Monarchen durchsausten, recht nett und sauber aus und im ersten Schmucke des jungen Lenzes präsentierte sich ihnen unser Gießen fast als ein Kind moderner Städteeleganz. Aber da tut sich plötzlich ein Durchblick auf und was sehen wir? Hundert Schritte von dieser Anmut und wohlhabenden Gediegenheit ein Straßenbild Altgießens von windschiefer, zusammengequetschter, verschrumpelter Beschaffenheit. Wo aber findet man in den deutschen Städten solche Gegensätze nicht? Man denke selbst an Frankfurt, Köln, Hamburg! Es ist eine alte, allgemeine Lebenserfahrung: Les extremes se touchent!

An mehreren Straßenkreuzungen hatte inan blendend weiße Flaggenmasten errichtet und von Mast zu Mast Tannen« guirlanden gezogen, sie an passenden Stellen mit Schleifen in den deutschen Farben versehen. Die Kaserne, baS KreiS- amt, die Bürgermeisterei, die Loge 2c. hatten wieder besonders reichlichen Schmuck erhalten. Besonders hübsch aber hatte, man den nun allgemach endlich sein definitives Zierkleid er­haltenden Landgraf Philipp-Platz hergerichtet. Das seiner eigentlichen Bestimmung noch harrende, mit einer Stein- cinfassung bereits versehene Rondell hatte man dicht mit Fahnenmasten bekränzt und alle Häuser ringsum trugen schönen unb reichen bunten Schmuck. Auch die beiden alten Tor- häuschcn neben dem neuen Theater waren ganz in Tannen­grün eingehüllt worden. Fast möchte man wünschen, daß dieses Grün ihnen erhalten bliebe. Denn das einsam dem stattlichen Theaterbau vorgelagerte plumpe alte Kästchen machtnackt" doch einen geradezu unseligen Eindruck jetzt, nachdem so viele der schonen Bäume des ehemaligen Schüler- scheu Gartens gefallen sind. Vordem fchaute es anders drein und bildete eine durchaus notwendige, in feinem gemütlich altfränkischen Kleide ganz erfreuliche Ergänzung zu dem ein­heitlichen alten Gartenbilde. Jetzt aber, da dieses nette alte Stadtbild eine so durchgreifende Aenderung erfahren hat, hat es, im Gegensatz zu seinenKollegen" an den anderen Toren und selbst zu dem Nachbarhäuschen, feine Existenzberechtigung nicht nur vollkommen verloren, sondern es wirkt direkt störend.

Früh begann heute der Trubel in den Straßen. Das Volksbild ist in einer Universitätsstadt bunter als in anderen Städten, frischer, lebendiger. Studentenblut, heißes Jugend­blut gibt ihm Farbe und Fröhlichkett, und die Keckheit, mit der die jungen Burschen die Straße zum Minneplatz machen, das verstohlene Spiel der Blicke nut den neugierigen Schönen geben der treibenden Ni affe etwas jugendlich UebermütigeS.

Auch der Bahnhof und die Zugänge dazu waren zu Ehren S. K. H. des Großherzogs reich geschmückt. An der Ecke der Alice- und Liebigstraße waren große Ehrenbogm mit reichem Flaggenschmuck errichtet, ebenso zu beiden ©eiten des Abfahrweges. Nördlich des Bahnhofhauptgebäudes war die Sperre für den Austritt ©einer Kgl. Hoheit des Herm Großherzogs unterbrochen. Zu beiden Seiten des so ge­schaffenen Weges, der bis an das Gleis mit Teppichen be­deckt war, sah man reichen Blumenschmuck, der durch viele Lorbeerbäume, Fächerpalmen und andere Topf- und Kübel­pflanzen noch mehr verziert war.

In diesen Tagen ist die Zahl der Studenten in Gießen größer als sonst Ende April. Die Herkunft des Kaisers und des Großherzogs hat selbst den faulsten Semesterbummler aus den verlängerten Ferien 31t den offiziell am 22. eröffneten Vorlesungen der Alma Mater gerufen. Wie bunt und ab­wechselungsreich muß der Mulus das Leben in Gießen träumen, der jetzt zum ersten Male die hessische Nfusenstadt betritt.

Obwohl man hier beim Wandeln durch die Straßen sich kreuz und quer durcheinander zu schieben pflegt, anstatt hübsch rechts zu geben, spiette sich doch alles sehr ruhig und>.