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157. Jahrgang
Drittes Blatt.
Mittwoch 24. April 1907
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag».
Die „chietzeaer ZamilienblStter" werden dem ,2lnaetger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Krtisblott für den Kreis Liehen" zweimal wöchentlich. Der.Hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Sberhchen
RorattonSdruck und Verlag der Brühl'ichen UnwersUätS - Buch- und Stetndruckerei.
R. Lange. Dreßen.
Redaktton, TxvedMon und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag i 6L Redaktion:«:^ 112. Tell-AdruAnzetgerDreßen.
amtlicher Herl.
Bekanntmachung.
Betr: Anwesenheit Seiner Majestät des Kaisers in Gießen.
Donnerstag, den 2 5. April ds. Js., vormittags 10 Va bis 11 Uhr, bleibt der Trieb und der dahrnterlregende Teil des Philosophenwaldes für den öfientlichen Ber- ^2?rs'PnbUkum wird ersucht, im Interesse der Aufrechterhaltung der Ordnung den Anrveisungen des Ausiichtsperivuals willig Folge leisten zu wollen.
Gießen, den 23. Aprll 1907.
Großherzogriches Polizeiamt Gießen.
_____________Herberg. ______
Bekanntmachung.
ßetr.: Anwesenheit Seiner Majestät des Kaisers in Gietz-n.
Währerrd der Llnwesenheit Seiner Majestät ted Kayers am Donnerstag, den 26. ds. Mts., werden für den Fuhr- Verkehr gesperrt und zwar von der angegebenen Zett Lis Seine Majestät der Kaiser die Straßen passiert hat:
Von 10Vs Uhr ab:
Frankfurterstrahe,
Südanlage,
Gartenstraße,
LudwigSplatz,
Grünl^rgerstraße bis zum ? . j.
Don 12Vs Uhr ab:
Grünberg erstraße,
Ludwigsplaß, Garten straße, Ostanlaa e, Senckenoergstraße bis zum Landgeafphilippsplatz.
Die Fußsteige der Senckenbergftraße sind zur 5palierbildung den Schulen überlassen.
Von 2Vs 11 br ab:
Senckenberg straße,
Ostanlage,
Südanlag«, Frankfurter straße.
Gießen, den 23. Aprll 1907.
Großherzogliclzes Polizeiamt Gießen.
________________ Herberg.___________________
Bekanntmachung.
Der Zugang zum Landgras-Philipp-Plah von der Landgraienstraße, sowie von der Senckenbergstraße wird morgen für die Zeit von 12V,—1 Uhr gesperrt.
Gießen, den 24. April 1907.
.Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Herberg.
politische Lagesscha«.
Lehrer, Komödiant und Hornochse.
Die letzten ReichStagSroahlen werden auch im Elsaß ein gerichtliches Nachspiel finden. Der Lehrer Bongartz hat gegen den ZentrumSabg. HauS und seinen OrtSgeistlichen die Beleidigungsklage eingereicht. Gelegentlich einer Wahlversammlung hatte Lehrer Bongartz die Kolonialpolitik der Regierung verteidigt, worauf ihm der jetzige ZentrumSabg. Haus ent-
Ancegung, Verwendung finden zur Anschaffung von Lehrmitteln für die hier unter Leitung des Lehrers Becker seit einer Reihe von Jahren bestehenden Hülfsschule für Schwachbefähigte. ES wäre sehr zu wünschen, daß private Wohltätigkeit sich öfters dieser segensreichen Einrichtung erinnern möchte.
” Zum Kaiserbesuch in Schlitz. Der amtlicheii Mitteilung nach trifft S. 9)L der Kaiser am 4. Mai morgens gegen 10 Uhr hier ein. Die Abreise erfolgt ledoch schon Montag 6. Mai abends.
"DieJahresversammlung d e s „D eu tscheu. Vereins für Psychiatrie" findet am 26.-28. April in Frankfurt und Gießen start. Am 25. geht em Be- grüßungsabend voraus, am 26. und 27. finden zu Frankfurt die Verhandlungen, mehrere Vorträge und Referate im Hörsaal des dienen Senckenbergiscben Sliftungsgcbäudes, Viktoria-Allee, statt, am 27. ist nachmittags Ausflug nach der Heilanstalt „Hohe Mark" am Taunus. Arn 28. begeben sich die Teilnehmer hierher; von 10i/2 bis 1 Uhr finden in der Klinik für psychische und nervöse Krankheiten Vorträge statt durch: Dr. Sommer, Tr. Berliner, Dr. Becker, Hackländer und Knauer, um 1 Uhr ist gemeinsames Eisen. Daran schließt sich um 3 Uhr eine Besichtigung des Neubaues der Jrrenanstalt bei Gießen. Kurz vor 6 Uhr verlassen die Teilnehmer Gießen wieder.
cp Allendorf a. d. Lal)n, 22. April. Die Arbeiten zu unserem Schulhausneubau wurden heute vergeben. Die Maurerarbeiten erhielt Luh und Hoßbach-Lützellinden, Zimmererarbeiten Spengler-Lützellinden, Wcißbinderarbei- len L. Viehmann-Klem-Linden, Schreinerarbeilen K. Jung VIII.-Klein-Linden, <Sd)lo ff erarbeiten Ärandler-Klein- Linden und Dachdeckerarbeiten Krauskopf-Gießen.
△ Butzbach, 23. April. Wir konnten vor einigen Tagen beruhten, daß das Defizit bei der durch die Heinzerlin g'schen Unterschlagungen in Mitleidenschaft gezogenen Kasse innerhalb Jahresfrist fast ganz gedeckt worden ist. Dennoch sanden von Seiten vieler e pareinleger Atassentündigungcn statt, denen gerecht zu werden die Kasse ohne sich und andere schädigen zu müssen so ohne weiteres nicht fertig gebracht hätte. Es sanden deshalb zwischen dem Vorstand der Sparkasse und den betreffenden Spareinlegern gestern abend Verhandlungen statt, die den Erfolg hatten, daß die meisten Einleger ihre Kündigungen zum Tell zurückzogen, oder sich zu langfristigeren Kündigungen entschlossen. Dadurch dürfte nun endgültig ein günstiges Weiterbestehen des für den kleinen Dtann so segensreich wirkenden Geldinstituts gesichert fein.
I HartmannShain, 23. April. Der .Verkehrsverein Vogelsberg" hat eine 2Begmarherung ,blauerfteiP vom hiesigen Bahnhofe nach den »Mooser Teichen* anfertigen lassen. Alles Nähere ist auf den Wegtafeln an der Restauration Heinrich Schmalbach und »Herchenhainer Höhe^ ersichtlich.
§ Büdingen, 23. April. Telephonanschluß erhielten die Orte Bobenhausen I und Hitzkirchen, Post- a genturen die Dörfer Ober- und Nieder-Mockstadt.
gegnete:
»Ich kann nicht begreifen, rote Eie als katholischer Lehrer im Lager oer Liberalen stehen können. Es ist dies eine Schande für eine katholische Gemeinde, einen solchen Lehrer in ihrer Mute zu haben. Ich hoffe, daß die Gemeinde dafür Sorge trägt, daß der Lehrer an6 oer Gemeinde entfernt wird."
Als der ^gegriffene die Anwesenden bei seiner Verteidigung als Zeugen dafür anrief, daß er seine Pflichten als Lehrer stets erfüllt habe, erklärte der Pfarrer, wenn der Lehrer vorgebe, seine amtlichen Pflichten zu erfüllen und nebenbei doch liberal fei, so spiele er den „Komödianten*. Zur Bekräftigung dieser Ansicht des Geistlichen erklärte Haus in seinem Schlußwort, der Lehrer fei ein „H ornochse", wenn er seine falsche und irrige Ansicht nicht emsehen wolle. Der Geistliche hatte schon vorher erklärt, daß er in seinem Sprengel keinen Lehrer dulde, der (wie Bongartz) Mit- glied des deutschen Lehrervereins sei, und daß er einem Lehrerorganisten in solchem Falle sofort den Organistendienst entziehen werde. Der Vorstoß in der Wähleroersamm- lung sollte jedenfalls dazu dienen, den Lehrer unmöglich zu machen. DaS Gericht wird nun wohl dem Pfarrer und dem Herrn Haus, der Redakteur eines Straßburger ZentrumSblatteS ist, das Nötige besorgen.___________________________
Aus Stadt und Land.
Sprechstunden der Redaktion:
i/3 12—1 Uhr vorm., Vs 7—V- 8 Uhr nachm., (mit Ausnahme von Samstag und Sonntag).
Gießen, 24. April.
— Der älteste Ehrengast unserer Universitätsfeier. Man schreibt uns aus Schlitz: Bezüglich der von Ihnen gebrachten Notiz, betr. die vier ältesten einstigen Angehörigen der Universität, die als Ehrengäste zur 300 Jahrseier eingeladen worden sind, kann ich Ihnen bezüglich des wahrscheinlich ältesten folgendes mitteilen. Pfarrer t. R. Friedrich Clotz, lebt in Queck, eine Stunde von Schlitz, bei seiner Tochter und seinem Enkel, dem Pfarrer Wahl. Der alte Herr ift wirklich, rote Sie schreiben, im 92. Lebensjahre und erfreut sich, ein Augenleiden ausgenommen, einer recht guten Gesundheit. Wie mir mitgeteilt wird, mache er sich noch jeden Tag körperliche Beschäftigung. Herr C. stand srüher in Hausen bei Gießen und lebte auch dort noch lange Jahre bei seinem Schwiegersöhne, dem verstorbenen Pfarrer Wahl. In hiesigen Kreisen ist man der Ansicht, daß der alte Herr der Einladung zur Jubiläumsfeier folgen wird.
•* Non den Teilnehmern am Kurs für gerichtliche Psychologie und Psychiatrie wurde in dankbarer Anerkennung der in unserer Stadt gefundenen, so überaus freundlichen Aufnahme eine Sammlung zu einem wohltätigen Zwecke veranstaltet, welche die Summe von 150 Mk. ergab. Der Ertrag soll nach einem Beschluß der Sammler, gemäß einer von Prof. Dr. Sommer gegebenen
Lauterbach, 22. April, lieber den Besuch der Großh. WebschuleLauterbach im Schuljahr 1906/07 wird berichtet : Arn Ende des vorigen Jahres hatten 7 Schüler ihre Lehrzeit beendigt, 4 standen im zweiten Jahre und 6 kamen neu hinzu. Von den vieren im zweiten Jahre hatte einer feine Lehrzeit schon im Dezember beendigt und wurde entlassen, von den 6 neu hinzugekommenen trat einer Ende Oktober aus, da seine Mutter nach Amerika auSwanderte und ihren Sohn mitnahm, sodaß am Schluß des Schuljahres nur noch 8 Schüler vorhanden sind, von denen nun drei ihre Lehrzeit beende::. Im Sommersemester war ein Schüler im theoretischen Kurs und den Wintersonntagskurs besuchten 6 Schüler, sodaß im ganzen ine Schule von 17 Schülern besucht war. Von den Tagsschülern waren 4 aus Lauterbach, 2 aus Maar, 2 aus Sandlofs, 1 aus Hartershausen (Kreis Lauterbach), 1 aus Leusel (Kreis Alsfeld) und 1 aus Lodz (Russisch-Polen). — 10 Schüler erhielten eine Vergütung für Kostgeld, was den Betrag von 2203 Mark 50 Pfg. erforderte. — Angesertigt wurden im Betriebsjahre 475 Stück verschiedene Waren für Fabrikanten aus Lauterbach, Frifchborn, Schlltz, Alsfeld, Grünberg unb Lardenbach, wofür 2253 Marr 77 Pfg. Weglöhne vereinnahmt wurden, außerdem wurden für 456 Mark 45 Pfg. Maren verkauft. An Schulgeld gingen 48 Atark ein. Somit betragen die eigenen Einnahmen der Schule 2758 Mark 22 Pfg., beiten Ausgaben im Betrage von 2641 Mk. 07 Pfg. gegenüberstehen. — An Beschäftigung hat es das ganze Jahr nicht gefehlt, es mußten sogar manche Aufträge abgelehnt werden. Die Aussichten für das kommende Jahr sind günstig. Tie Wirtschaftsrechnung schließt mit einem Ueberschuß ab, sodaß dem Erneuerungsfonds ein Betrag zugewiesen werden kann. — Ter theoretische Unterricht wurde wie in den Vorjahren abgehalten, der Erfolg war zufriedenstellend. — Auch in diesem Jahre wurden mit den Schülern wiederum einige Ausflüge gemacht und dabei Sßebereien in Lauterbach und der Umgegend besichtigt. Besonderes Interesse bot ein 3i/2 Meter breiter Jacquard-Handwebstuhl in Bereshausen.
X Wetzlar, 23. April. Die Wanderbücherei für den Kreis Wetzlar besitzt 9331 Bände, das ist ein Mehr gegen das Vorjahr von 748 Bücher. Ter Staat gab im letzten Jahre 300 Mk., der Kreis 350 Mk. unb die Gemeinden 655 Mk. Beihilfen. Die Schriften wurden unentgeltlich ausgeliehen: nur für den Fall, daß ein Buch länger als vier Wochen im Hause behalten wird, soll 1 Pfennig Gebühr erhoben werden. Das Auslechen hegt zumeist in den Händen der Lehrer des betr. Ortes. — Der Vaterländische Frauen- oerein hat an unsere Stadtvertretung einen Antrag au Gewährung eines Zuschusses zur Errichtung einer Milch- küche und Ueberlassung eines hierfür geeigneten Raumes gestellt. Unsere Stadtverordneten haben sich mit dem Antrag einverstanden erklärt. Der Raum, in dem früher die Handclslammer untergebracht loar, wurde zur Verfügung gestellt.
* Braunfels, 22. Aprll. Die Schützengefell- jchast Braunfels gedenkt am Smrntag, y,- und Mon
tag, 10. Juni am Felsenkeller ihr er,res Sa)ützenfest verbunden mit Königs- und Ehrenpreisschießen zu veranstalten. — Bei günstiger Witterung verspricht die Teilnahme auswärtiger Schützen sehr gut zu werden. Namhafte Ehrenpreise sind bereits gestiftet, auch stehen eine größere Anzahl noch in sicherer Aussicht.
•J- Dillenburg (Dill), 23. April. Unser Verschönerungsverein will das Andenken feines vor wenigen 9)lonatcn entschlafenen langjährigen Vorsitzenden, Herrn Kgl. Musikdirektor Wolfram, — dessen Tod für das hiesige Lehrerseminar ein großer Verlust war, — dadurch bleibend im Gedächtnis erhalten, daß eine besonders schöne Stelle in der Umgebung Dillenburg» nach ihm benannt und würdig her- gerichtet wird.
24. Delegiertcntag des Rhein-Main-BerbandS Deutscher Gastwirte.
△ Butzbach, 23. Aprll.
Der Vorsitzende des Gastwirtevereins Butzbach, Herr Friedr. S ch o r r e, eröffnete nach einer kurzen Begrüßungs- ansprache im Saale des „Hess. Hofes" die Versammlung Sodann übernahm der Vervandsvorsitzende C. Haust- Darmstadt die Leitung der nun beginnenden Verhandlungen. Die Feststellung der Präsenzliste ergab die Anwesenheit von etwa 100 Mitgliedern. Ferner waren erschienen Kreisrat Fey, Landtagsaogeordneter Joutz und Bürgermeister Küchel von Butzbach. Ersterer hieß die so zahlreich erschienenen Gäste willkommen; an die Tagesordnung anknüpsend wies er darauf hin, daß ihm durch seine frühere Tätigkeit im Polizeidrenst nicht unbekannt geblieben wäre, wo den Gastwirteberuf der Schuh drückt.
Ter Geschäftsbericht des Schriftführers L. Lind- Darmstadt ließ erkennen, mit welcher Rührigkeit für Bessergestaltung so mancher beruflichen Verhältnisse gewirkt worden ist. Ein erfreuliches Bild gab der Kassenbericht des Verbandsrechners P. Guth-Darmstadt, dem zu entnehmen war, daß den Wohlsahrtseinrichtungen des Verbands, wie Sterbekasse usw. wieder namhafte Beträge zugewiesen werden konnten. Eine Eingabe des Verbands an die zweite Kammer, die jedem Mitglied in Abdruck vorlag, betr. „Einführung eines Stempels für den Kleinhandel mit Flaschenbier und Wein" wurde ausführlich besprochen und der Wunsch ausgedrückt, daß auf ein wiederholtes Bitten endlich von der Regierung ein günstiger Bescheid kommen möge.
Die nun folgenden ziemlich ausgedehnten Referate des Verbandsvorstmides behandelten sechs verschiedene Eingaben an die Landstände, die allesamt eine Herabsetzung b^w. Aufhebung der verschiedenen Stempelabgaben bezwec^n sollen. — Der Vorsitzende des Vereins in Mainz spricht sich ausführlich über die Schädigungen des soliden Wirtebetriebs der Großstädte durch die Ani- mierkneipen aus und verlangt für diese die Feierabendstunden auf 11 Uhr von den Ortspolizeibehörden festgesetzt. — Der Antrag, das Verbands-Kohlensäurewerk in Selters an der Lahn in eine Gesellschaft m. V. H. mnzu-, wandeln, fiirbet allseitige Zustimmung. — Bei der Wahl des Ortes für den nächstjährigen Delegiertentag meldete sich Groß-Umstadt.
An den geschäftlichen Teil schloß sich gegen 3 Uhr heute nachmittag ein gemeinschaftliches Mahl im oberen Saal des gleichen Lokals, wobei die Kapelle der 24 er Dragoner konzertierte. Etwa 80 Akitglieder nahmen an der Tafel teil. Gegen Abend war ein Umzug durch die Stadt nad) dem „Löwen". Später findet dann Ball statt.
Hi» Dachsptkl zur Ueilystugvwa^.
(M.) Frankfurt a. M., 23. Aprll. Ein Siachspiel zur Reichstagswahl bildete eine Verhandlung, die heute vor dem hiesigen Schöffengericht stattfand. Der so- zialdemokr. Parteisekretär Mlhelm Dittmann klagte gegen den verantwortlichen Redakteur der „Franks. Ztg." Wilhelm Büsching. Als am 6. Febr. die Stichwahl stattfand, wurde von der Sozialdemokratie ein Flugblatt verteilt, das die Ueberschrift: „Versuchter Stimmenkauf für Oeser" — trug. Es hieß da, es sei auf den Tapezierer Mlhelm Häscher, als er sich auf dem Wege zum Wahllokal befand, ein feingekleideter Herr zugekommen, habe sich erkundigt, ob er sein Wahlrecht auszuüben gedenke und als er von Häscher eine bejahende Antwort erhielt habe er ihm gesagt: „Wenn Sie Oeser wählen, gebe ich Ihnen 10 Mark". — Dieses Flugblatt wurde der Redaktion der Frantsurter Zeitung von einem Manne zugetragen, der behauptete, das Blatt wäre schon am Tage vor der Stichwahl gedruckt gewesen, er habe in einem sozialdemokratischen Lokal am Wend vorher mehrere Stöße Papier gesehen. Auf dem einen hätte ein solches Flugblatt gelegen, bessern Text er sich allerdings nicht entsinne, nur die fettgedruckten Stellen habe er im Kopfe behalten. Man erkundigte sich und da man den Namen des Häscher weder im Adreßbuch noch in der Wählerliste sand, zog man mit einem geharnischten Artikel gegen die Verbreiter des Flugblattes zu Felde, um so lieber, als man im freisinn- demokratischen Lager den Sozialdemokraten, die allerlei Verdächtigungen und Schmeichelworte im Wahlkampf gebraucht hatten, schon längst das Bedürfnis hatte, den Roten eins auszuwischen. Als Ueberschrift wählte man das schöne Mort: „Hallunkenmoral", ein Ausdruck, dessen sich seinerzeit der sozialdemokratische Gegenkandidat Oesers, Tr. Quarck, bedient hatte, als die demokratische „Kleine Presse" von der Sozialdemokratie schrieb, sie sei zwar groß im Niederreißen, aber klein im Ausbau. In dem Artikel wurde von Schurkerei geredet und von Dittmann, der das Flugblatt unterzeichnet hatte, behauptet, daß er gelogen habe und daß das Flugblatt schon vor dem Stichwahltage gedruckt war. Es folgten noch eine Reihe kräftiger, für Drtt- mann beleidigende Ausdrücke. Der Inhalt des Artikels wurde sogar Gegenstand einer Debatte im Reichstag, wo der Reichskanzler ihn vorgetragen hatte. Die Verhandlung ergab, daß das Flugblatt am Tage der Verbreitung in die Presse gegeben worden war, daß ein Tapezierer Hescher als Zeuge aussagte, tatsächlich sei ihm jenes Anerbieten gemalt worden, baß andererseits der Beklagte in gutem Glauben handelte. Die Form des Artikels war ab.: sehr vexierend. Büsching wurde deshalb zu einer Geldstrafe von 300 Mark verurteilt.


