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Nr. 144
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
Tie russische revolutionäre Militarorganisation.
i a l b c m o f e a 1 c n , die auch die
eform gewesen finb.
ein der
einige Versuche g. nur einzelne Ossi
Tie Polizei wandte daher ihre ganz besondere Aufmerksamkeit dem „Militäärunde" zu. Ihre Nachforschungen wurden durch den Umstund begünstigt, daß bet einer Haussuchung in einer Kaserne eine Zeitung des Bundes gefunden wurde, in der geheime Rapporte und Anordnungen der reitet des Verbandes veröffentlicht worden waren. Diele Fingerzeige benutzend, entdeckte alsbald die Polizei im Roshdestwens ti-Sladtteil zu Petersburg mehrere Wohnungen, die als Niederlagen der Aufrufe des Bundes dienten; ferner sand die Polizei dort verschiedene Dokumente, die zur Ermittelung der wichtigsten Rädelsführer führten^ Sodann stellte die Polizei fest, daß der Bund in saft allen größeren Städten deS Reiches Abteilungen und eigene Druckereien besitzt. Gegenwärtig sind in der Residenz mehrere derartige geheime Druckereien entdeckt, und die Lieferanten der Schrift, des Papiers, der Farbe usw. ermittelt worden. Ebenso tonnte nach dem Inhalte konfiszierter Schriftstücke zur Aushebung der Mteilungen in der Provinz geschritten werden. Insgesamt sind wegen Zugehörigkeit zum „Militärbunde" gegen 60 Personen verhaftet worden. Den Leitern des Bundes ist es jedoch gelungen, zu entfliehen. Es
Redaktion. Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag i 6L Redaktion:112. Tell-AdruAn-etgerDteßern
Schreiber durch eine genaue Aufstellung gleichzeitig beweist. *
Frauenstimmrecht.
politische Lagesschart.
VoUsschullehrer als Schöffen und Geschworene.
Bei den Verhandlungchi des Reichstages über den Justiz, etat wurde lebhaft Klage über die Belastung geführt, welche den Staatsbürgern durch die Verpflichtung, Schöffen und Geschworene sein zu müssen, erwachse, so daß sogar angeregt wurde, Diäten für dieselben einzuführen. Eine erhebliche Erleichterung würde aber sofort emtretcn, wenn man sich entschlösse, bei der bevorstehenden Revision der Strafprozeß, ordnung den Kreis dec zum Laienrichterdienst Verpflichteten dadurch zu erweitern, daß man den Stand der Volksschul. lehrer unter dieselben aufnimmt. Nach § 34 des Gerichts. verfassungsgesctzeS sind die Volksschullehrer von dem Ehren, amte eines Schöffen und Geschivorenen ausgeschlossen. Da die Aushebung dieser Bestimmung mit einem Schlage weit über 100 000 Personen für das Laienrichteramt verfügbar machen würde, so erscheint eS verwunderlich, daß kein Ab- geordneter auf diesen Umstand hingewiesen hat, zumal die Lehrerschaft selbst mit dem jetzigen Zustande unzufrieden ist. Man will in den Kreisen der Volksschullehrer auch in dieser Beziehung keine Ausnahmestellung gegenüber den andern Staatsbürgern und ist gern bereit, die materiellen Opfer, welche die in Rede stehenden Aemter erfordern, auf sich zu nehmen. Daher hat kürzlich der Vorstand deS über 110 000 Mitglieder zählenden Deutschen LehrervereinS einstimmig be. schlossen, bei der Reichsbehörde um Aufhebung des bisherigen Ausnahmezustandes vorstellig zu werden. Sollte diese Petition keinen Erfolg haben, so wird es Sache der Volksvertretimg sein, hier Wandel zu schaffen, da der Volksschullehrer bei der Kenntnis der Menschenseele, die für seinen Beruf gefordert wird, bei der engen Verbindung, in der ec mit den verschiedensten Volkskreisen steht, bet seinem allgemeinen und speziellen Wissen und den bei ihm vorausgesetzten Charakter« eigenschaften den Vergleich mit den Ständen, die bisher die Laienrichter gestellt haben, getrost aushalten kann, zumal er ja täglich in die Lage versetzt wird, bei Ausübung seines Amtes Richter sein zu müssen.
Es erscheint überhaupt sonderbar, daß ' man seinerzeit den Volksschullehrerstand von dem Laienrichteramte ausgeschlossen hat, da dafür kein Grund erkennbar ist. Wollte man einen solchen etwa in der Sonderart beS Lehramtes vermuten, so würde man bald eines anderen belehrt werden, toenn man erfährt, daß die Lehrer an Privat- und Töchter- schulen, sowie an allen höheren Lehranstalten als Schöffen und Geschworene berufbar sind, im Schulamte kann also dec AuSschließungSgrnnd nicht liegen. Es könnte daher höchstens der Umstand ausschlaggebend gewesen sein, daß für allein- stehende Lehrer eine Vertretung schwer zu beschaffen ist und die einklassigen Schulen also Nachteile erleiden würden. Diese an sich nicht zu bestreitende Tatsache hätte aber logischer Weise nicht zur Ausschließung der gesamten Volksschullehrer, schäft, sondern höchstens zu einer Bestimmung führen sollen, nach der alleinstehende Lehrer nur berufen werden sollen, wenn für sie eine Vertretung beschafft werden kann. Und wenn wirklich im Jahre ein» oder zweimal in einklassigen Landschulen der Unterricht ausfallen müßte, weil der Lehrer Schöffendienste zu leisten hätte, jo würde nichts Besonderes darin gefunden werden können, da ja z. B. bei Paraden, Manöoern u. dgl. der Unterricht auch ausgesetzt ivird.
Im Jntereffe des Ansehens dec Volksschule und ihres Lehrerstandes erscheint die Beseitigung des jetzigen Ausnahme, zustandes dringend wünschenswert, da die Ausschließung des Volksschullehrecs vom Laiencichteranite ihn in der Achtung des Publikums, das vielfach nur nach Aeußerlichkeiten urteilt, herabsetzt, zumal ja alle anderen Lehrer neben einfachen Handwerkern, Bauern und Kaufleuten anstandslos seit einem Menschenalter als Schöffen und Geschworene fungiert haben.
fielen der Polizei nur die niederen Agenten, die Austräger der reDoIutionaren Schriften, einige Agitatoren und einiges Geld in die Hände. Die meisten her Verhafteten sind noch Lernende, reife und völlig erwachsene Personen befinden sich unter ihnen nur in Heiner Zahl. Röan darf sich nicht wundern, wenn die Unzufriedenheit im russischen Offizier lorps sehr groß ist, menn man einen Brief liest, den gerade letzt ein Shabskapitan, d. h. also ein Mann, der seit 10 bis 12 Jahren Offizier ist, an den „Stowo" richtet. Er schreibt darin, er beziehe ein Gehalt von 8 9 RubeloO Kopeken monatlich einschließlich Quartiergelder, und müsse damit 6 Personen erhalten: sich, seine Frau, zwei Töchter von vier und fünf Jahren, einen ein fahrigen Sohn und seinen Burschen. Ter Bursche loche, die Arbeiten der fehlenden Stuben- und Kindermagü verrichte feine Frau und trotz der größten Sparsamkeit und Entbehrungen der Familie ergebe sich
monatliches Defizit von über 20 Rubeln, was
Die „Siebener ZamilienblStter" werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich beige/egt, daS „Kretsblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Der ..hessisch« Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Mit überraschend großer.Mehrheit hat das norwegische Storthing den Frauen Stmimrecht zu den Storthingswahlen ein» geräumt; das Stimmrecht zu den Stadtverordnelenwahlen be» saßen sie schon feit vorigem Jahre. Zufolge deS ntorthingbe- fchlusses erhält Stimmrecht jede norwegische über 25 Jahre alte ledige ober verheiratete Frau, deren Mann oder die felbit Steuern für ein Einkommen von 400 Kronen in der Stadt oder 300 Kronen auf dem Lande bezahlt Hal. Im Jahre 1906 loaren 470 858 Männer stimmberechtigt, während man die Anzahl der nun stimmberechtigt gewordenen Frauen auf rund 300 000 anschlügt. Aber nicht allein stimmberechtigt, sondern auch ivahlberechtigr sind die norwegischen Frauen durch den Storlhingsbeschluß geworden; es dürfte also nicht Lange dauern, bis Frauen auch als Ab -
Airche unö Schule.
Die Südwe st deutsche Konferenz für innere Mission hielt unlängst in Speyer ihre Jahcesvecsauunluug ab. Hessen hatte diesmal den Vorsitz. Professor Dr. Mittermaier aus Gießen sprach dort über die »Reform deS Strafvollzugs". Von Wichtigkeit war die Forderung, daß die Jugendlichen unter 18 Jahren aus dem öffentlichen Strafenwesen gänzlich ausscheiden und nur einer erziehlichen Behandlung unterworfen werden sollen. Wir ftimmeii dem insofern bei, daß Jugendliche nicht mit Vollecwachsenen in den Strafanstalten zusammen sein sollen.
UuSversiLäts-Aachrichten.
— T i e ö r e q u c n i der deutschen Universitäten im Sommer-Semester 1907. In diesem Sommer-Se. melier verteilt sich die Zahl der Studierenden auf die einzelnen Universitäten wie folgt: Berlin: 11324 Studierende, barunterl 6496 Jmmatritulierte, 3963 Hörer, 430 Hörerinnen imb 427 Hörer anderer wissenschaftlicher Institute; Bonn: 3603 Studierende, da. runter 3348 Immatrikulierte, 87 Hörer und 168 Hörerinnen; Breslau: 2305 Studierende, darunter 2075 Immatrikulierte, 85 Hörer und 145 Hörerinnen; Erlangen: 1086 Studierende, darunter 1065 Immatrikulierte und 21 Hörer; Freiburg: 2578 Studierende, darunter 2472 Immatrikulierte, 69 Hörer und 37 Hörerinnen; Gießen : 1266 Studierende, darunter 1192 Jmmatritulierte, 41 Hörer und 33 Hörerinnen und Hospitantinnen; Göttingen: 2180 Studierende, darunter 2004 Immatrikulierte, 55 Hörer und 121 Hörerinnen: Greifswald: 1038 Studierende, darunter 970 Immatrikulierte, 50 Hörer und 18 Hörerinnen; Halle: 2355 Studierende, darunter 2192 Jmmatritulierte, 116 Hörer und 47 Hörerinnen; Heidelberg: 2089 Studierende, darunter 1933 Immatrikulierte, 121 Hörer und 32 Hörerinnen; Jena: 1615 Studierende, darunter 1501 Immatrikulierte, 64 Hörer und 50 Hörerinnen; Kiel: 1353 Studierende, darunter 1278 Immatrikulierte, 33 Hörer und 42 Syrerinnen; Königsberg: 1219 Studierende, darunter 1084 Immatrikulierte, 61 Hörer und 74 Hörerinnen; Leipzig: 4916 Studierende, darunter 4148 Immatrikulierte, 685 Hörer und 83 Hörerinnen; Marburg: 1954 Studierende, darunter 1883 Immatrikulierte, 48 Hörer und 23 Hörerinnen; München: 6337 Studierende, darunter 6009 Jmmatritulierte, 269 Hörer und 59 Hörerinnen; Münster: 1624 Studierende, barunler 1552 Immatrikulierte, 57 Hörer und 15 Hörerinnen; sstostock: 722 Studierende, darunter 696 Jmmatriku. lierte, 17 Hörer und 9 Hörerinnen: Straßburg: 1741 Studierende, darunter 1622 Jmmatritulierte, 33 Hörer und 86 Hörerinnen; Tübingen: 1807 Studierende, darunter 1727 Immatrikulierte, 45 Hörer und 35 Höreruinen; und Würzburg: 1410 Studierende, darunter 1408 Immatrikulierte, 14 Hörer und 18 Hörerinnen. Frauen waren darunter an 7 deutschen Universitäten immatrikuliert. An der Spitze steht hier München mit 100 immatrikulierten Frauen. Es folgen dann: Heidelberg mit
g cor b n c tc im Storching Sitz unb Stimm erhellen. Der Jübek der Frauen Norwegens über den glänzenden Sieg ist natürlich groß. Welche Folgen dieser Schritt haben wird, lann nur die Zukunft lehren. In vielen Kreisen Norwegens dcrrscht die Befürchtung, bas die Beteiligung der Frauen an den SlorthingS- wählen in erter Linie nicht so sehr ihnen selbst zugute kommen wird, als vielmehr den So 8 i * ‘v —Jt
eifrigsten Fürsprecher für die R
Norwegen entwickelt sßck- immer "mehr und äußerst rasch zu einem modernen Industriestaat. Dies scheint der cuizige Ausweg zu fein, um den m.t jedem Jahre anwachsenden xstrom bet außmanbernben Bauern, die besonders nach Kvnabaunb den Ver.
Bis Ende 1905 war von einer revolutionären Organisation, die sich die Revolutionierung der Truppen zur Ausgabe gestellt, nichts betannt. Wenn auch früher schon in dieser Richtung ^cniaoH worden waren, so betrafen sic doch liiere, während die Masse der Untermilitärs in Ruhe gelassen wurde. Tie Propagierung revolutionärer Ideen unter den Soldaten begann in größerem Umfange im Oktober und Dezember 1905 in Moskau, als der Aufstand vorbereitet und ausgeführt wurde. Hiebei suchten die Revolutionäre die Fabrikleiter davon zu überzeugen, daß das Militär auf Seiten der Revolution stehe. Diese Versicherungen wurden auf allen Versammlungen im Nkmen der revolutionären Organisation der Unter» Militärs, die satffsch noch gar nicht vorhanden war, gemacht. Trotzdem übte die Anwesenheit von Personen in militäriichen Uniformen auf "ben Versammlungen Eindruck aus, und die Arbeiter glaubten, daß die Truppen mit den Revolutionären sympathisieren. Tie Unordnungen im Rostowschen Regiment und in einigen anderen Regimentern der Moskauer Garnison gaben tatsächlich den Beweis dafür, daß die Propaganda der Umstürzler nicht vergeblich gewesen war. Trotz aller Anstrengungen der Negierung konnten die Jaden nicht entdeckt werden. Nach dem mißglückten Moskauer Ausstande verstärkte sich b.e Tätigkeit der revolutionären Organisation. Ihre Spuren zeigten sich auf der ganzen Linie der sibirischen Bahn, in Südrußland, im Kaukasus, in Petersburg und in Finnland. Uebepalt in Rußland Agenturen eröffnend, operierte die Organisation unverkennbar in sysicmatischer Weise nach einem einheitlichen Plan. Da'ür sprachen die Unordnungen in Sewastopol, Kronstadt und Sweaborg. Nach Niedertverfung dieser Meuterten konnte seftgestellt werden, daß sich die revolutionäre Organisation in einen „Militäround" verwandelt hatte, der eigene Organe („Kasarina", „Ssoldat" und „Ssoldatski Westnik") herausgab und zahlreiche aufreizende Proklamationen und Broschüren unter ben Soldaten verbreitete.
Staaten gehen, wenigstens etwas zu hemmen Die moderne Industrie ist in 91onücgc!t nicht so sehr an d c Städte geb.nbcn, wie in Mitteleuropa. Die zahlreichen Wasieisälle im Innern des Landes zwingen das Großgewerbe geradezu, feine Fabriken auf dem Lande in der >.'tähe der Wasserläufe anzulegen, die ihnen billigere Betriebskrast geben, als die Städte zu bieten vermögen. Deshalb wird bei der ungemein raschen Entwickelung, die das Grotzgewerbe in Nor.ocgeu aufweist, doch auch die Bauernbevölkerung immer mehr der Industrie zugeführt. Aus den Statistiken läßt sich nun ersehen, daß ein sehr großer Teil der 300 000 stimmberechtig ten Fraueu Fabri k - arbeitcrinnen sind, und daß diese ihre Stimmen in erster Linie den Sozialdenwtraten geben werden, ist klar. Zwar sind die norwegischen Sozialbemokrtaien wenigstens insofern bester als ihre deutschen Gesinnungsgenossen, als sie sich nicht darauf beschränken, die bestehenden Verhältnisse zu bcUiinpicn, sondern an der Arbeit des Storthings auch aktiv teilnehmen; aber immerhin dürfte auch hier ein Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen der Regierung die Arbeck beträchtlich erschweren.
Drittes Blatt 157. Jahrgang Samstag 22. Jnni 1907
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©WBCWi <41liC!0Ci General-Anzeiger für Gderheffen
ist ganz erfüllt von meine t Studien. Die freien Abendstunden bringe ich auf dem Tennisplatz zu, der in der „Neckarhalde" liegt, dicht am Ufer des lustig rauschenden Bergwassers. Wir sind ein tteincr Klub, meist junge Ehepaare und einige Privatdozenten und Assistenten. Wir sind aber lustig und zwanglos, wie es der Sport eben mit sich bringt. Unter den Studenten habe ich wenige Belannte, zwei Mediziner grüße iti; und spreche ich und laß mich von ihnen nach Hause bringen vom Kolleg. Tas regt schon meine Kommililtonen auf, die natürlich nichts besseres zu tun haben, als die neue Studentin gehörig zu begaffen und zu betritteln. Bier vor klinische Medizinerinnen sind hier in „Tnbs" unb 10 Studentinnen, im ggnjen auf 1600 Studenten . .
— Studenten stücke. Bierbaums jüngste dramatische Schöpfung ist eine Stu deuten komöbie, die zur Zeit des jungen Goethe in Leipzig spielt. Damit wird ein dramatisch' Genre, das feit dem Triumph von „Alt-Heidelberg" sehr in Aufnahme gekommen ist, um ein neues Werk bereichert. Wir .,aben außer einer großen Anzahl moderner Studentenstücke auch Schauspie.e, in denen, wie bei Korschs „Kollegin", auch die Erscheinung des weiblichen Studiosus ihre Repräsentanz gefunden hat. Natürlich bat es lange vor Meyer-Förster Studentenstücke gegeben. Benedix hat gleich zwei verfaßt, „Tas bemooste Haupt" und „Tie relegierten Studenten", nur tritt das Milieu der Alma mater hier nicht in den Vordergrund. Weiter zurückgehend, entdecken wir den „Alten Studenten" von August Maltitz, wo der Held ein &olnischer Stubent ist. In der romantischen Epoche erhalten wir urd) Arnims Dichtung „Halle unb Jerusalem" eine farbenprächtige Schilderung altdeutschen Studententebens in feine: meist ins Derbe ausartenben Ungezwungenheit, mit seinen Thesen und Tispntationen. Bei der Begeisterung der Romantiker für das freie Stubententum ist es nicht verwunderlich, baß Bettina von Arnim ihre ,,Guaderode" den „irrenden suchenden Musensöhnen" gewidmet hat. Sein hervorragendstes dramatisches Denkmal fand aber das deutsche Stubententum im „Faust", dessen ursprüngliche Fassung ein überaus realistisches Bild akad:mffa>er Su'.änbe enthält, für das Goethes eigene Lebenserfahrung manche ^arben beigetragen hat. Aehnlich fea unb drastisch hatte Goei.;es Jugenb- freunb Lenz akademisches Leben im „Hofmeister" skizziert, den der große Schröder in beit Sturm» unb Trangiahren zur Ausführung brachte. Haben roir es hier noch mit lebendigen Werten zv tun, so müssen wir die älteren Studenten stücke aus der .Schatz
kammer der Literaturgeschichte hervorholen. Hier entdecken wir in der Gottsched-Zeit den „Akademischen Schlendrian" des Herrn Henriei-Sicander, die es an Laszivitäten unb derben Poffen- szenen nicht fehlen lassen. Harlekin, der hier nock) die Hauptrolle spielt, denlt nicht eben hoch vom Stubententum, daS sich wesentlich am Billard, auf dem Fechtboden unb in der Kneipe betätigt. „Den Degen wüßte ich auch wohl anzustecken, den Hut in die Quere zu setzen, eine Pfeife Knaster zu rauchen, L hombre zu spielen, Merseburger zu trinken, die Gläser^ zu schrauben, Schulden zu machen unb nicht zu bezahlen, den Frauenzimmern Ständchen zu bringen, schöne Kleider zu schenken unb was mehr zu einem Studenten gehört." Auch Friedrich der Große urteilt in seiner „Schule der Welt" sehr ungünstig über das stubentischa Leben und Treiben, das übrigens je nach der Universität ein sehr verschiedenes Gepräge trug. Waren Halle unb Jena der ideale Tummelplatz Her Raufbolde, so galt Leipzig als ein „Klein- Paris" unb als Hochschule der Galanterie. Tie älteren Stubenten» stücke, bie in lateinischer Sprache abgesaßr sind, spinnen die studentischen Episoden der Dramen vom „Verlorenen Sohne", bent Hauptthema des Renaissantedramas, se.bsiändig aus. Zuerst stoßen wir auf die „Studenten" des Magistrats Christoph Stym- mel (1545), eine heute kaum noch lesbare klassische Komödie mit Chören und heilsamen pädagogischen Ratschlagen. Tas einzig Amüsante ist eine solenne Schlägerei der Studenten mit der Polizei. Ein halbes Jahrhundert später veröffentlichte der Hamburger Albertus Wicygrev seine Jtomöbie „Der relegierte Cornelius". Zum Verständnis des Titels ist zu bemrelcn, daß Cornelius im Stubentenjargon so viel wie „Kater" bedeutet. In diesem Trama erhalten wir eine sehr anschauliche Schilderung der damals noch maßlos rohen Deposition der Fuchientaufe sowie der leichtsinnigen Bummelei des Studenten. AIS erster deutscher Sittenschllderer oes Studcntenlebens tritt dann um bst Mitte des 17. Jahrhunderts Johann Georg Schoch auf in seiner „Komödie vom Studentenleben". Hier ist dem Studiosus als Diener die luftige Person beigefeilt, die in ihrer Unbildung alle gelehrten Wörter verdreht unb auch sonst zu tausend Späßen Anlaß gibt. Sehr reinlich geht es in allen diesen Dichtungen nicht zu, unb im Vergleich zu der sittengeschichtUchm Bedeutung ist ihre poetische recht gering.
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Aleines Feuilleton.
* T ie Poesie der Studentin. In dem Brief einer Studentin aus Tübingen, den die Slraßb. Post dcröffentlicht, wird ein Stückchen modernsten Mädchenlebens sehr hübsch geschildert und von einem feinen poetischen Hauch umflossen gezeigt: Im stillen, grünen Neckarkal, überragt vom Schloß, das die steilen Uferberge krönt, liegt in frauenhafter Ruhe und Frieden bie Uhland- und Hölderlin-Universität. Auf den Höhen der nfertette, dem Oesterberg unb Schloßberg, liegen die Villen der Pwfessoren und übermütig auf den höchsten Bergpunbtcn wehen die bunten Fahnen von ben Gibeln der Berbindungshäuser. Weiter stromaufwärts von „Tnbs" steht auf steilem Hang die Uhlanbsche Kapelle: „Droben stehet die Kapelle, schauet still ins Tal hinab". Diese Stimmung, halb melancholisch, halb satte Ruhe, liegt auch über Tübingen. Wenn abends aus den Stu- dentenhäusecn übermütiger Gesang jubelt, wenn ein Jauchzen unb Singen swher Jugend über den Neckar schallt, bann kommt Leben in bie verzauberte Welt, dann kommt es vor, daß ich auf dem Heimweg vom Tennis, abends 9 Uhr, auf einer Bank jn den Neckaranlagen einen Moment Pause mache und mit Wonne dies Hallen und Jubeln jugenbswher Studenten^belausche. Ein jeder träumt einmal den seligen Jugend- unb L-tudenten- iraum, berauscht sich an der jungen Freiheit im Freundes-, Nein im Brnderkreis. Tann wirds Abend im Städtchen, der Philister ist längst zur Ruhe gegangen, nur auf ben Bergen funkeln die Lichter der Musenföhne. Tann holt dieser ober jener «tudio sein Waldhorn hervor und bläst ins Tal ein traurige» Lied. Unb vom Osterberg antwortet ihm Tronipetengesck-metter, das bann übergeht üt bas resignierte: „Es war zu schön gewesen, es hat nicht sollen fein". Dann sitz ich am offenen Fenster unb starr in den Sternenhimmel und freue mich, jung zu fein, empfänglich zu fein für den Zabur des Stubentenlebens. Wohl habe ich jetzt feinen aktiven Anteil daran, bin ich jetzt nicht mehr die freie Studentin von einst, sondern habe bie Fesseln ber Konvention wieder auf mich genommen, bin wieder „junge Dame" geworden, bie in Gesellsckmften lebt, sich den Hof machen läßt und fid) als „Studentin", einer interessanten Art ber Spezies „junge Dame", bewundern läßt. „Al^ im Herzen tief innen ist alles daheim", ba ist Verständnis für Saus und Braus junger Attivcr, da. ist Mitempfinden unb Fceube unb enblich die ewigbleibende ErinnerunL. Mein Leben ist hier recht der Arbetz gewidmet,
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