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18.3.1907 Erstes Blatt
 
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157. Jahrgang

Erstes Blatt

Nr. 65

Erscheint täglich anbei Sonntag».

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die chiehener Zamiliev- blätter viermal in der Woche beigelegt un zweimal wöchentlich da? Kteisblatl für den Kreli

Montag 18. März 1607 vezu gdp rei», A mot itlichTb otertel*

jährlich -Btt. 2.20; durch

e/X /X Abhole- u. HmetgfteUen

jjT-.A monatlich 66 'VI.; durch

" die Post Mk.2. menet-

fährt. auslchl. Benetlg.

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Verlag u. Expedition 61 V I v Wendjiojaal*. Ernst

sibrefl. w- D,r>.fch-N! Sota(ion$tlnlj nnö Verlag der vrohrnchen Unlv.-Vvch. and Slelndrackerel. H. fange. NcdaM»,. Lspedition und Druckerei: Schulstratze 7. «i

Anzeiger Gießen. ------------ --------- - ________'

j?ie veulige Kummer umfaßt IN, Seiten.

politifetye Wochenschau.

Der Reichstag widmete sich in der Hauptsache in der letzten Woche der Erledigung einer Reihe von Interpellationen. Tie Interpellation übet die Stralprozeßreiorm zeitigte eine nicht sonderlich besriedtgende Antwort. Slaalssekr. Dr. Nieberduig (teilte in Aussicht, daß das GerichlSveriahren wie folgt geregelt werden solle: tfür die Uebertr-tungen sollen die Amtsgerichte zu­ständig sein, für Vergehen die Schöffengerichte in der bisherigen Belegung; ein Teil der Strafsachen soll den Schöffengerichten zu- geiviesen werden. Für schivere Verbrechen sollen die «Llraikainmern zuständig sein; sie sollen sich aus Richtern und Schöffen zusammen- setzen m einem Zahlenverhältnis, das noch nicht feslsleht. Tie schiverslen Verbrechen sollen ihre Aburteilung durch tue Schwur- flcxid)ie sind--, wegen Sirafkamme, urteile wird die Berufung em- gcfüLirt und zwar sollen Bef-mngsgerichle bei den Landgerichten und den Lberlnndesgerlchten eingerichtet werden. Treie R-'orm geht an vielen Wünschen vorüber. Die Otefnrm de« Vorn» ler- suchungSverfahrenS, des ZeugniszwangeS, die Regelung der Frage des LegalitäisprinzipS und die Befchlußfaffung über die Tiäien- zahlung an Schöffen unterliegt nach den 'Auskünllen des Slaaiö- lelretärS noch der Erörterung im Bundesrat. Hoffentlich wird der Biindesral an die (£rlet>»g»ino dieser Fragen etwas mehr Tampi setzen. Spruchreif sind sie längst. Eine weitere Interpellation betraf die staatliche Fürsorge für die Privatbeamten. Daß sie ohne ReichSzuschüsse vnb ohne tue Mitwirkung der Unter­nehmer nicht zu lösen ist, ist selbstverständlich. Sie ist aber das mindeste, waL für die Prwatbecmrien geschehen niuß. Tie Un­sicherheit der Existenz der Privotbeamten wird freilich durch diese Versicherung nur zu einem geringen Teile aus der Weit geschafft. Eine Arbeitslosenversicherung und eine Reichs- Stellenvermittelung müßte damit Hand in Hand gehen, wenn etwas Vollkommenes geschaffen werden soll.

Die Z io e 11 e Hess, stamm er beriet tn der vergangenen Woche zilerst den I u st i z e l a t. Die Juristen der Kammer, die Abgg. Tr. Gulsleifch, Tr. (Ül/issing, Dr. Frenny und Tr. Schmitt, betämpslen entschieden die Erwellerung der Zuständigkeit der Amts­gerichte, die dadurch allzusehr belastet würden und zwar gerade tn erster Linie da» AnitSgericht Ei eßen. Ter Staats- und Justizminister ließ dagegen die Geneigtheit der hessischen Regierung erkennen, dem Vorschläge Preußens entgegenzr'konimen. Tann kam es zu einer Besprechung der Sozialpolitik größeren Stils. Es sollen fünf neue Hültskräste für die Eewerdeaussicht aus den Kreisen der Arbeiter angestellt werden. Dagegen machte sich bet den ländlichen Abgeordneten eine starke Ab­neigung gellend. Verschiedene bauernbündlerische Abgeordnete meinten, daß auf dem Gebiete der Arbeiterschutzgesetzgebung ein zu schnelles Tempo eingehaltpn werde. Auch hatte man Bedenken, daß man die neuen Hülfskräste aus dem Arbeilersland nehme,» null. Demgegenüber stellten bie Abgg. Reinhart und F r e n a y fest, daß es sich hier um eine alle Forderung des Arbeiterstaiides handelt, welche seit Jahren im Landtag von verschiedenen politi­schen Parteien gestellt wird. Im Reichstage begeistern sich gegen­wärtig auch Diejenigen Parteien für eine entschiedene Sozialpolitik, die in den Einzellandtagen zum Rückzug blasen. Ter 'Minister des Innern, Braun, trat gleichfalls »nit Nachdruck für die Regier- ungssorderung ein. Tie Notwendigkeit der Vermehrung des Personals begründete Minister Braun mit der bedeutenden Zu­nahme der revisionspflichtigen Betriebe, die sich seit 1901 fast ver­doppelt hätten und wies den vom Abg. Breidenbach der Ne­gierung gemachten Vorwurf eiiergisch zurück, daß sie in einseitiger Weise Arbeiter-Interessen vertrete. Nach längerer Debatte, in welcher Redner mehrerer Parteien sich im Smite des MntisterS aus­sprachen, wurde die Atehrforderung gegen 10 Stimmen angenommen. Beim Justizetat erklärte später noch Staatsminister Ewald, er könne zur Einführung der bedingteii Verurteilung seine Mithulfe nicht in Aussicht stellen, weil er nicht der Ansicht sei, daß dadurch der Justiz ein wesentlicher Dienst enviesen werde. Tann be­gann bie Kammer die Beratung der Gesetzentwürfe betreffend Wohnungsgeldzus ch u ß der Beamten und die Lehrer gehälter. Staatsminister Ewald empfahl die Aiinahme der Gesetzentwürfe, um langgehegte, berechtigte Wünsche zu erfüllen. Es liege auch habet ein Staats- interefje vor, ba die Tienstwilligkeit und Arbeitsfreudigkeit der Lehrer durch eine abschlägige Entscheidung ihrer Gesuche be­einträchtigt luürbe. lieber die Frage der Deckung der geforderten

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Kleine* Feuilleton»

Gießener Stadttheater. »Der Registrator* ist zuletzt genau 6 Jahreauf Reisen* gewesen. Ende März de8 Jahres 1901 mar er das letzte Mal bei uns ein­gekehrt mit Schmasom, dem vortreffltchen damaligen Kasseler, jetzigen Berliner Komiker. Sim gestrigen Sonntag machte es zum Benefiz des Herrn Lippert, unseres ausgezeichneten Dar­stellers und Regisseurs, wieder einmal Station im Gießener Stadt­theater. Herr L. wird uns leider, wie ich höre, nut Ablauf dieser Sptelzeit nebst manchem anderen uns lieb und wert gewor­denen Bühncn-Biitgltede von erprobter Tüchtigkeit verlosten. Herr Lippert ist ein Künstler von feiner Zurückhaltung und jener echten Btldung, bie ihm fast stets das rechte Maß vor­schreibt und ihn, von der stattlichen Höhe seiner Theater­kultur aus, vor Geschmacklosigkeiten und Stilwidrigkeiten in taktvoller Selbstzucht meist bewahrt. Er hält sich fern von allen Komiker-Ntätzchen, und von beinahe jeder seiner Bühnengestalten geht der Schein warmen Lebens aus, als Folge seines allzeit degagierten Spieles. Man hat meistens den Eindruck des klug und ernst Durchdachten, sodaß er selbst bei seinen Possen- figtiren selten den Menschen vermissen läßt hinter den Niasken aitch bei vollendeter Dürftigkeit deSlitterarischen^ Vorbildes. Der Registrator Wichtig ist ja recht kärglich von der Doppelfirma L'Arconge u. Moser ausgestattet worden, und eS ist erstaunlich, nach welchen trivialen und banalen Situationen und Spässen die Verfaster oft griffen, um den Abend möglichst zu dehnen. Immerhin machten die Eigenschaften und Vorzüge des Herrn Lippert die Albereien der Autoren wenigstens einigermaßen erträglich, wenn auch der Bene­fiziant seltsamer Weise seine sonstige schöne Zurückhaltung vielfach aufgab und es nicht für unter seiner Würde ansah, die doch nachgerade recht modrig gewordenen alten Schläuche nut ollem ihrem Bodensatz zu leeren, statt neuen Wern eigenen

Mittel, weiche durch Erhöhung des I m m o b 111 e n ft e n» p e l s erreicht werdc-n (oll, äußerte sich Fiuanzmmtfier Gnauth dahin, daß man die Belchaffung der Mttlel nicht auf Die Schultern der Allgemeinheit wälzen, londern sie daher nehmen »volle, wo sie am besten zu bekommen feien. Hessen fei hmsichilich des Immobilien- gefetzes hinter den benachbarten Landern noch zurück. Ein neues Ltempelgejetz gelangte denn auch zur 'Annahme. Ter Gießener W e 11 e r ö t e n ft Hai umer der ländlichen Bevölkerung Lberheffens viele Freunde, und obtvohl die Regierung die Wettetdienstitellen int Gropherzogium nicht mehr unterstützen will und zuerp auch un Haufe em da hm gehender Befchltiß geiaßi wurde, fließ em peuu ctunöen daraui em wtderfpruchslos angenommener 'Antrag am weitere Gewährung des Zuschusses für den Gteuener Wetterdienst den vorherigen Beschluß um. Die alten Gießener Klinik- v ä u m e landen wieder einmal viele Verurteilet-. Im übrigen wurden erhebliche Gelder für Umveriuais-^teuvauien Ueivilligt.

Großes Auljehen baue es bekanntlich seinerzeit erregt, daß von S. K. dem Groß Herzog m Offenbach dem Herrn Etßnert, einem 'JJhtglteOe der fozialbemolraitschett Partei, die Bestätigung für ein paduiches Ehrenamt gewahrt luoiOen war. Der Fall mar in beiden Kammern zur Sprache gebracht rmd baeci von der Regierung die Ertlaruug abgegeben worüen, daß bei der Wahl von SozralOemokraten zu |iäDii)dien Aemtern augeiichts der verfafsunl'sniäßigen Gleichberechtigung aller otaatdangcljöngen ie nach der Natur des betreffenden Amtes unö der Persönlichkeit des Geivahlten enifchiebeir iverden wurde. Run hat joebeu dcrGroßherzog den zum nnbeiotöeten Betgeordueien öer otaöt L jlenbad) geivahtteu Sozialdemokraten Weißen n i a> t benatigi. Wir finden dir Veriagung dieser ye|taugung vollauf berechugi. Offenbach hat bete.'s einen jozialdemolraiijcheii Beigeordneten und bie >ozuil- demolratische Partei sollte sich nut dtejenr einen begnügen, -tau der zivcite Beigeorvuete einer der bürgerNchen Parteien angehöre, i|» das Berta rgetr der bürgerlichen Kreise Otzenbachs, und die,e haben »vohl das Recht, artch einen der Ihren ui oer eiabtüeriualiung zu jeljen. Im uuiigen erblicken wir in dreiem Entichluß ruricres GroßherzogS letneswegs em Zuruckwetchen vor jenen Protestlern ge­gen Die Bestätigung Eißnerts, sondern un Gegenteil eine aus Den tat- lachlich::» 93ext)aUni||en Otzenbachs sich ergebende Konsequenz.

Im preußischen Abgeordnetenbause wurde bei der Debatte über bie Persvne>ltariire,vrm em Antrag Zedlitz ang>> »Lommen, bie Retchssahrkartensteuer in eine andere, die Einnahmett t»eS ftzerivneiivrrlet-rs nuiiüer schädigende porm zu bringen. Die KulluSitat-Beratuttg führte zu schar «en An g r t j s e n aus den Kpttnsmmtster v. S t u d t. Bet der Bciprechuttg der s a ch- mün nischeu Schulaufsicht toaubte sich der srettons. Abg. v. Zedli» dem von den Abgg. Funck und Schiffer sekundiert wurde, unter demonsrratwem Beifalt der Linketi in heutigen Aus­drucken gegen den Kultusminister. Am RegterungSth'a-e t-errichte Verwirrung. Es haiidctt sich um bie stärkste Betafmngsprobe, der das 'jJiinifterium etui>t bisl-er unterzogeil wurde. Im Ab­geordnetenhause »vor kein Zweifel ouruit, daß es aus den ^turz deS tzerrn v. Studt abgesehen sei. Wenn sich auch die Konsequenzen dieser Sitzung noch nicht üderschen lauen, jo dar, man doch annehmen, daß die Tage des Minifters v. Skudk ge­zahlt sind. ~ -.re

Im Vordergründe des politischen Untere|jed Itanben serner bie beiden großen landwirschaftiichen Kongress, bie Verfammlung des Preußischen Landesökonvmie -Kollegiums und beö Deutschen Landwirts cha s t s r a t s. Aejchästigte sich das erstere vornehmlich mit der Frage der Beseitigung der Leutenot auf dem Lande, so beljaridelte oer Landwirtschafksrat erstmalig die koloniale Besicdelungspolitik. Den Löl-epunlt der Tagung bildete eine bei dem Festessen des Landwirtschaitsrats gehaltene bedeut­same polüifdje Rede des dürften Bülow, worin er Bor- urteile gegenüber dcr Börse zu steuern sucht, um das Zustande- tonunen der Börsengesetzresorm zu ermöglichen.

In der Anerrennung der agrarisckjnm Bewegung ging der Kanzler dabei sehr weit. Die nächstje pttrl. Zukunst mutz lehren, ob der Fürst bei seinen Bemühungen erfolgreich operiert hat oder nicht.

Frankreich erlitt durch die Explosion an Bord derJenia" einen schweren Unfall in seiner Kriegsmarine, dcr vielen braven Seeleuten den Tod brachte. Die Teilnahme an der Katastrophe war allgemein und flam u. a. in Kundgebungen des Kaisers und Papstes zum Ausdruck. Bou den geborgenen 107 Leichen der ,^eua"-K'atastwphe wurden bisher 65 rekognosziert. Eine in Paris eröffnete Subskription für die Hinterbliebenen ergab bisher

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125 556 Frcs. Admiral 'JAanceroit, der Kvmmand.ini derJena", erklärte, daß niemand in der Luge sei, begründete Angaben über Die Ursackje zu utadjicn, i|» sich mit Sicherheit bisher nidxti sagen laste. Abg. Eiernentel »uiib deut Marineminister über di-e Katastrophe in der . lummer interpellieren.

Zwei furchtbare Grubenkatastrophen haben sich ferner unmittelbar nacheinander im Saar-Revier ereignet. Lei dem ersten Unglück, das auf der lothringischen Seite dieses Reviers auf der Grube Klein-Rosfein bei Fvrbach erfolgte, han­delte es sich um eine Explosion schlagender Wetter. Bei dieser büßten 78 Bergleute ihr Leben ein. Bei dcr anbereu Katastrophe aus bem Mathilden-Sa-acht ber Gerhard-Grube bei St. Johann riß bas Förderseil. Hierbei starben sämtliche auf der Förder­schale besindlichen 22 Bergleute. Aus diesem Anlaß l-at der Prä- fibent Fa111ßres ein Kondolenz- Telegramm an den deut­schen Kaiser gesandt. Ter Minister des Aeußern kow- dotierte dein deulschen Bvlschasler in Paris persönlich.

Tie alte r u s s is ch »e n g l i f che S p a u n u ti g tu der bul­garischen F-ruge mut Ubi).i|t tu D-ii Voroergiuub aus Anlaß der Ermordung des bulgarisck>en Minifterpräsidenlen P e t - l o w, der angeblich einer von politischer Seite geduiigeiien Mvrder- hand zum Lpser fiel. Tiefe Affäre ist indes iwch zur Zeit in mysteriöses Tunket gehüllt. Nachfolger Pelkows wurde Gudew und gtcichzeitig Minister sür das Innere. Neuernannt wurde ber Abg. Aposlotolom, Abvokat in Philippopel, zum Unterrichts­mini st er. Tie Minister erklärten, bu Regierung sei entschlossen, im Geiste Petkows die Regierung sortzusuhren.

In der südafrikanischen Transvaatkolonie hatte bie Großherzigkeit Englands den Erfolg, daß Louis B o t h a sich vollständig in den Dienst ber englischen Kolonialpolitik stellt. Er wirb auch an ber Londoner ReichSkolonialkonserenz teil» nehmen und Lviidonö städtische Behörden beabsichtigen sogar, ihm bei seiner Anwesenheit in ßonbon den Titel eines Ehren­bürgers zu verleihen.

Tie russischeTuma mußte wegen DeckenetnsturzeS im Taurischen Palaste ihre Sitzungen vertagen. Es wirb behaup- tet, daß ber Temperaturunterschied den Einsturz ber Tcckenbeklei- dung herbeigeführt hat. Die Kommission der Duma ist überhaupt der Aieinung, baß bie Räume des Taurischen Palats sür die Sitzungen der Duma nicht gefahrlos sind und daß auch bie Decke bes als Waudelgang bieueiiücn Katharine»isaals nicht sick^er erscheittt. Bei ber Wahl eines anberen Sitzungssaales entschied sich die Kommission nach Besichtigung mehrerer kaiserlicher Theater lür bas Votkshaus Nikolaus 11.

Hessische Landesversammlung dcr dcutschsozialen Partei.

fc. Frankfurt a. M., 17. März.

ImStorck/' hier fanb heute eine hessische Lanbesversamm- lung ber dcutschsozialen Partei statt, bie von bem Stabtv. Laaß eröffnet wurde und zahlreich von Mitgliedern aus allen Teilen des Großherzogtums Hessen, aus Frankfurt a. M., Hanau, Geln­hausen, Hochstabt, Höchst a. M., Heidelberg usw. besucht war. Der Vorsitzende gab die Tagesordnung bekannt, Deren itarbinal» punkt die Gründung einesHessischen L a n b e s v e r b a n- d e s", ber bas Großherzogtum Hessen sowie bie angrenzenben Ge­bietsteile umfassen soll, war, wnb erteilte zunächst dem General­sekretär Hcnningsen-Hamburg bas Wort. Der Redner berich­tete über bie letzten Reichstagswahlen. Die deutschsoziale Partei hätte iljren Besitzstand nicht allein behauptet, sondern, so führte er aus, wesentlich vermehrt. Friedberg-Bü­bingen sei bieses Mal fein beutschsozialer Besitz geworben, boch das n ä ch st e Mal müsse bieser Kreis sicher geholt werben. Des­halb heiße es jetzt schon:Ans Werk"!Sichorgani­sieren" !

Eine kurze Diskussion folgte biesen Ausführungen, in ber Nebakleur Reuther aus Offenbach a. M. gegen ben Lanb- tagsabg. Hirschel polemisierte, ber nicht allein im Wahlkreise Friebberg-Bübingen, sonbern auch in Erbach-Bensheim bei ben letzten Reichstagswahlen bie beutschsoziale Sache grünb- l i ch verpfuscht unb keine ehrliche Politik getrieben habe. Eine straffe Organisation sei das einzige Mittel gegen ber- lei Seitensprünge.

Oberlehrer Dr. Werner aus Gießen sprach sich abfällig über bie Agitation ber nationalliberalen Partei und ben Bunb ber Landwirte im letzten Wahlkampf aus, was Redakteur F1 u h r e r aus Frankfurt a. M., als Beamter des Bundes der .». -^wiTri II, in rr miii tr ituiirrrirwrimii rriiTmTfi ------

Gewächses dazu zu tun. Tie uralten Parodien haben mit ihren Jahren an Reiz wahrlich nicht gewonnen, und ganz besonders gehört zum Anschauen der blöden alten Troubadur- Travestie heute bie Wetterfestigkeit wie bie Kunslbllbung eines Eskimos. Ein paar aktuelle Schlager von lokaler Färbung hätten auch riskiert werben können, statt ber bemitleibensivert geistlosenVerse" bes arg verstaubten Originals. Der überaus bankbare Sinn bes Gießener Publikums ober ließ es sich nicht nehmen, Herrn Lippert an seinem Ehrenabenb zuzujubeln in freubiger Erinnerung an unterhaltsamere Theaterabenbe unb bie vielen vor­trefflichen Charakterentwürfe bes Benefizianten, in bem wir einen ber befähigtsten unb schaffenskräfligsten unter unseren Künstlern verlieren. -- Von ben übrigen Personen sorgte namentlich noch Herr Gronert in origineller Type als Zeitungsrcporter für bie vom Publikum gewünschte Heiter­keit, unb Herr 93a fof vertrat nicht übel ben Gerichtsrat Heibenreich aus Sachsen. Aber warum hatte benn Herr Reimer aus Sachsen biese Rolle nicht übernommen? Das Tempo ber ganzen Vorstellung hätte burchweg flotter sein müssen; man war keineswegs flänbig auf ben Poffen- ton gestimmt. Das Publikum aber erfreute sich an ber guten Laune bes Benefizianten unb seiner getreuen Helfer unb blieb in guter Stimmung, bie burch feinen ber mancher­lei Mängel sich trüben ließ, bis zum späten Schlüsse des Stückes unb barüber hinaus. Dem» als erst nach 11 Uhr bie Posse ihr Enbe erreichte, ba wartete man noch ge- bulbig auf ben szenischen EpilogVom alten zum neuen Hause". Als ber Vorhang bann etwa eine halbe Stunde vor Diitternacht noch einmal sich hob,

da sah man auf ber Bühne bie Front bes alten

Leib'schen Hauses an ber Walltorstrci!,. vor sich nebst dem Portal zu unserem alten Theater. Die Lampe darüber spendet, entgegen ihrer realen Gewohnheit, allmählich hellen Schein.

Dian härt hinter bcr Szene gedämpfte Diusik. Es erscheinen dann zwei zeitlose Wanderer, etwa Dr. Faust unb sein Famulus Wagner, bargestellt von ben Herren Direktor Steingoetter unb Krauß, unb sie unterhalten sich promenierenb von bem Recken unb Strecken, von all bem Sprießen unb bem Erblühen unserer Stabt. Unb inbem sie bem alten Leib'schen Saale ben Rücken brehen, wanbeit sich hinter ihnen bas Bilb. Wir sehen bie Walltorhäuschen vor uns. Aber auch biese scheiden unb es behnt sich vor uns bie Ostanlage mit ihrem schmucken Baumreichtum, ihrem Weiher unb ihrer Fontäne, berweilen bie beiben Herren in halb saustischen, halb kapuzinerischen netten Knittelversen plau­dern von bem Komöbiantenstanbe, seinen äußeren Ent­behrungen unb seinen inneren Ehren. Inzwischen sinb wir in ben botanischen Garten gelangt, es kommt bas Liebig- denkmal unb schließlich steht am Enbe bieses von holbem Hoffnungsgrün reich geschmückten Ehrenweges vom alten zum neuen Hause ber neue Musenpalast von uns in vollem Lichterglanz. Die Bürgerschaft hört manches schwungvolle unb wahlverblente Kompliment für seinen wackeren Opfersinn. Dec zweite, engherzigere Wanberer wirft ja wohl bie bange Frage auf, ob man sich nicht mit biesem Hauseübernommen" habe. Doch ber erste achtet barauf nicht, hingerissen von bem Gebanken an eine unvergleichlich glänzenbere Zukunft im neuen stolzen, bem Wahren, Schönen, Guten geweihten Tempel. Dlit heller Begeisterung sprach Herr Sleingoetter feine wohlklmgenben hübschen Schlußverse, unb bas Publikum applaubierte lebhaft ihm rote Herrn Krauß unb last not least bem ausgezeichneten Schöpfer ber ganzen täuscheub naturgetreuen Wandelbetoralion, Herrn Dekorationsmaler unb Thea. - cmeister Schweber, bessen scharfäugige Geschicklichkeit hier wirklich Bewundernswertes geleistet hat. -o.