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23.9.1907 Erstes Blatt
 
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157. Jahrgang

Erstes Blatt

Nr. 223

außer Sonntags.

für den politischen Teil?

Montag 23. September 1907

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Dem Gießener Anzeiger werden im Mecßlcl mit de.n hefsifchen Limdwirl die Siebener Zamllien. blätter viermnl in der LZoche beigeleg! und zweimal wöchentlich daS Kreisblatt für den Kreis Sietzen. Fernsprech-An- jchlußf.d.Redaktion 112 w

N*ä General-Anzeiger für Oberhessen r» Annahme »vn Anzeigen w 1 0 i r u. Land- und,L-erichts-

1-11 OTnnü?agTi()[) Hotatlonsbrud und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch. und Steindruckerel. s. Lange. Redaktion, Lkpedition und Druckerei; Schulpratz« r. ^nzc«geni-u°?'K^'Bech

Are ijeuUge Dummer umfaßt 10 Seiten.

3m vielgeftaMgen, buntbewegten Leden der Gegenwart

nimmt die Zeitung einen bevorzugten Platz ein. Sie stellt gewisser,naßen das Sammelbecken dar, das alles, was die Gegenwart bewegt und interessiert, in sich aufnimmt und sammelt, um es der Allgemeinheit wieder zu Gute kommen zu lassen. Jn diesem Sinne ist auch der

Eichener Anzeiger

bestrebt, fehle Leser täglich von den neuesten Ereignissen auf allen Gebieten menschlichen Schassens und Wirkens in Kenntnis zu setzen. Knapp in der Form, wie es das hastende moderne Leben verlangt und zuverlässig dem Inhalt nach teilt der Gießener Anzeiger seinen Lesern alles nur irgendwie Wissenswerte und Interessante mit.

Nicht der Sensationslust will der Gießener Anzeiger dienen, auch nicht irgendwelchen Sonderinteressen, keiner bestimmten Partei- und Geschmacksrichtung. Der Gießener Anzeiger sieht seine Aufgabe darin, wahrheitsgeireu und streng objektiv über alle Vorgänge des, öffentlichen Lebens zu referieren. Ein wesentlich vergrößerter Stab von 2lub arbettern wird den Gießener Anzeiger im bevorstehenden neuen Quartal in den Stand setzen, die vorgezeichnete 2Iuf= gäbe auch möglichst vollkommen zu erfüllen.

2Uit nicht unbeträchtlichen Mehrkosten ist es dem Ver­lage des Gießener Anzeigers vor allem gelungen, die Parlamentsberichterstattung noch besser auszugestalten, so daß die Leser im bevorstehenden Tagungsabschnitte der Parlamente in rascher, objektiver und fesselnder Weife von allen Vorgängen auf parlamentarischem Gebiete unterrichtet werden. Die wichtigsten politischen Tagesereignisse des In- und Auslandes werden in eigenen Leitartikeln eingehend behandelt werden. Die übrigen Vorgänge auf politischem Gebiete finden in der Tages- und Wochenschau nähere Berücksichtigung und ein zuverlässiger Depeschendienst ermög- l'.cht cs, in ausreichendem Maße alle nur irgendwie be­achtenswerten Neuigkeiten sofort mitzuteilen.

Eine besondere Beachtung erfahren im Gießener Anzeiger naturgemäß alle Ereignisse unserer engeren hessischen Heimat und insbesondere unserer Provinzial- und Universitätsstadt Gießen.

Um seinen Lesern noch in ganz besonderer Weife entgegenzukommen, nimmt der Gießener Anzeiger jeder Zeit auch gern Eingesandts, Artikel und sonstige Beiträge von allgemeinerem Interesse aus dem Leserkreise auf.

In dem besonders sorgfältig ausgestalteten Unterhaltungs­teile wird der Gießener Anzeiger wie bisher, so auch fernerhin ganz außerordentlich bemüht sein, seinen Lesern vom Besten das Beste zu bieten: gediegene Romane, interessante Feuilleton­artikel aus allen Gebieten der Unterhaltung, der Kunst und der Wissenschaften, des Theaters, der Musik, der Technik, des Sports ufw.

Unsere verehrten Abonnenten werden hierdurch gebeten, das Abonneinent für das neue, am (Oktober beginnende Quartal rechtzeitig zu erneuern, damit später keine Ver­zögerung im Bezüge der Zeitung eintritt.

Alle Briefträger, unsere Zweigstellen und die Geschäfts­stelle des Gießener Anzeigers nehmen Bestellungen auf den Gießener Anzeiger entgegen. Neu hinzutretende Leser er­halten den Gießener Anzeiger bis zum Quartalsanfang auf Wunsch gratis zugestellt.

tzlfaß-Lotßringen.

Ueber ein Menschenalter ist es her, daß die mit dem Blute tausender wackerer deutscher Krieger gewonnenen Reichslande Deutschland angegliedert worden sind; eine neue Generation ist inzwischen aufgewachsen, welche die Ereignisse von 1870 nur aus Erzählungen kennt, die alt­eingesessene Bevölkerung ist durch die aus allen Gauen Deutschlands stammende Einwanderung mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt worden, und dieProtestler" haben allmählich an Boden verloren. Allerdings hat es dazu Jahrzehntelanger Arbeit bedurft, und die von der Regierung getroffenen Maßnahmen waren meist nicht ge­rade geeignet, moralische Eroberungen zu machen. Strenge Polizeimaßregeln und Ausnahmegesetze waren nicht dazu angetan, die Kluft zwischen Heimischen und Zugewanderten zu überbrücken, vielmehr wurde nur tiefe Erbitterung her- vorgerusen, und sehnsüchtig schaute man nach den Vogesen ' hinüber, da man unter französischem Regime weit freier gelebt hatte. Aber die Zeit heilt alle Wunden und sie waren vielleicht schon früher vernarbt, wenn nicht infolge der Mißgriffe der Regierung eine eifrige deutschfeindliche Agitation auf fruchtbaren Boden gefallen wäre; schließlich aber vollzog sich doch eine Wendung, und hierzu hat nicht in letzter Zeit das Verhalten Kaiser Wilhelms II. bei ge­tragen, der bei seinem alljährlichen Aufenthalte zu er­kennen gab, wie großes Interesse er der Bewohnerschaft des Landes entgegenbringe. Auch in der Regierung vollzog sich demzufolge ein Umschwung, eine scharfe Bestimmung nach der anderen ist gefallen und der Geist der Versöhnung hielt seinen Einzug. Angesichts dieser Situation ist es begreiflich, wenn in den Reichslanden der Wunsch rege wurde, daß die bewiesene Loyalität auch ihren Lohn darin finden müsse, daß endlich mit der Ausnahmestellung, die Elsaß-Lothringen im deutschen Staatswesen einnehmen, aufgeräumt würde und daß es an der Zeit sei, diesem Reichsgebiet eine größere Selbständigkeit zu verleihen. Diese Wünsche treten augenblicklich wieder stärker hervor, da verlautet, daß an der Spitze der Reichslande binnen kürzester Frist ein Wechsel erfolgen und. die Regierung auch nicht abgeneigt sei, einzelnen Wünschen der Bevölkerung Gehör zu schenken.

Was die Verfassungsfrage anlangt, so wünschen die Elsaß-Lothringer eine größere staatliche Selbständigkeit. Welchen Erfolg die dahingehenden Anträge des Ländes­ausschusses an den Bundesrat und der elsaß-lothringischen Abgeordneten an den Reichstag haben werden, ist noch nicht abzusehen. Die vom Zentrumsaogeordneten Wetterls der Straßburger Regierung zugeschriebenen Verfassungs­pläne sind auch noch nicht offiziell bestätigt worden. Rach der Angabe des Abgeordneten Wetterlo soll es sich darum handeln, die Zahl der Vertreter der Bezirkstage im Landes- ausschusse zu verringern, die Vertreter der Kreise durch das allgemeine Stimmrecht wählen zu lassen und eine dritte Gruppe aus Abgeordneten des Landwirtschaftsrats, der Handelskammer, der Handwerkskammer, der Universität usw. zu bilden. Indessen gehen die Wünsche innerhalb der Bevölkerung wesentlich weiter, man verlangt die Um­wandlung Elsaß-Lothringens in einen selbständigen Bundes­staat, mit eigener Vertretung im Bundesrate. Die Reichs­regierung selbst verhält sich nicht direkt ablehnend gegen­über diesen Wünschen, das Ministerium der Reichslande nimmt eine wohlwollende Stellung ein, und auch Fürst Bülow erklärte in der vorigen Reichstagssession, als diese Frage gestreift wurde, daß er eine Aenderung der Verhält­nisse durchaus nicht von der Hand weise, daß sich aber die Reichsregierung den Zeitpunkt einer solchen Reform Vorbehalten müsse. Jedenfalls wird man in allen rechtlich

denkenden Kreisen ohne Unterschied der Partei zugeben müssen, daß die Bewohner der Reichslande vollen An­spruch auf Berücksichtigung ihrer Wünsche verlangen können, da die Verfassung Elsaß-Lothringens wohl für die ersten Jahre nach der Wiedereroberung ihre Berechtigung hatte, nimmermehr aber in die heutigen Zeitläufe passe.

Bei der Regelung dieser Frage sollte man sich aber noch sehr überlegen, einen Weg einzuschlagen, der schon mehrfach vorgeschlagen worden ist und seinerzeit sicherlich wieder auftauchen wird; aus den Reichslanden eine neue Dynastie zu schaffen und dort womöglich.eine Sekunbo- genitur der Hohenzollern zu errichten. Ein solcher Plan würde sicherlich mancherlei unliebsame Erörterungen und vielfach böses Blut Hervorrufen, was nicht gerade im Inter­esse des Reichsgedankens läge. Elsaß-Lothringen könnte mit einem lebenslänglichen Statthalter an der Spitze, aber als selbständiges Bundesglied mit freier Verfassung seinen Platz sehr gut neben den alten Bundesstaaten erhalten, und es wäre zu wünschen, daß man zu dieser Lösung bald­möglichst schreiten möchte.

KsUN)che LttgesZchK«.

Die Jungen und die Alten.

Von jungliberaler Seite schreibt man uns:

In Anbetracht dessen, daß die ftmgliberale Bewegung immer weiter um sich greift und positivere Resultate zeitigt als alle Emigungs- versuche von tinksliberaler Seite, daß auch hier in Gießen ui hosfentlch nicht mehr so ferner Zeit wir die Werbetrommel rühren werden, wie das in einer Universitätsstadt schon längst der Fall sein sollte, gestalten sie ivohl einigen hiesigen Jungliberalen einige Worte zu Ihrem ^eitarlitel in gestriger Nummer.

Jener Zivist existiert ivohl weniger in Wirklichkeit als in den Spalten linksliberaler Blatter, voran dasBerliner Tageblatt". I euer Seile ist unsere Jugendorganisation aus guten Gründen ein Dorn im Auge, und schon oft Hal man von dort aus versucht, uns uou der Mullerpartci ;u trennen. Einzig diesen Zweck verfolgt auch die unnötig aufgebauschte Nachricht von dem Zivist, der jetzt herrschen soll.

Die kleinen Reibereien, die vorkommen, sind diirch die lokale Natiir bedingt. Tie Berliner Nationalliberalen stehell anbenr Parteien gegenüber unter anderii Bedingungen als die bayrischen. Ter Artikel des Herrn Prof. Leidig, der jetzt von gegnerischer Seite benutzt wirb uns anfzustacheln, ist in ferner Eigenmächtigkeit zu bedauern. 'Man vergesse aber nicht, daß erst die gehässigen Anzap­fungen des Berl. Tagebt. und ähnticher Blätter den Grund dajup abgaben.

In genannter Zeitiing bemüht sich ja ein sog.Führer der Jungtiberalen", uns von der Mutterpartei zu trennen. Ta der Herr aber nicht aiis seiner Aiionymität hervortritt und allzu deutlich m den Fiißtapfen der Freisinnigen Bereinigung wandelt, wird es mit seiner jungliberalen Führerschaft wohl nicht allzu weil her sein. Herr Dr. Poeiisgen hat '.hin ja aiich treffenb geantwortet.

Daß die Jugend allgemein radikaler ist als das Aller, ist be* kannt. Wir Jungliberalen sind aber aus der nntionalllberalen! Partei hervorgegangen tUld werden ihr treu bleiben, so lange sie! mit uns auf eine den jeweiligen Zeitu m ständen ent- s p r e ch e n d e gesunde nationale und liberale F o r t *' entwicklnng d es gesamten Volkes bedacht ist.

Bor allem wir Jungliberalen sind es doch, die den schärfsten Kampf gegen den utopistischen Sozialismus auf der einen und das reaktionäre Zentrum und rückschrittliche Sektemvesen alias Anlisemuismus auf der anderen Seile führen. Allerdings machen wir nicht soviel Worte wie andere Poliker (Die Herren Naumann und Köhler als illustre Beispiele), wir arbeiten da, wo wie erst- Fuß gefaßt haben. Auch Gießen wird von uns noch hören.

*

Tie Wirkungen der Personen-Tarisreform.

Unter der UeberschristDie Wirkungen der Personen-Tarift reform" bringt dieZtg. d. Ber. D. Eisenb.-Verw." einen längeren Artikel, der auch eilte beachtenswerte Kundgebung über bia Fahrkarten st euer enthält: Wenn man in der Verminderungj der Einnahmen den Mißerfolg der Reform erblicke, so sei daran zu erinnern, daß die Reform lediglich auf eine Vereinfachung und gerechtere Bildung der Tarife unter möglichst geringen Ausfällen gerichtet war, keineswegs aber auf Erzielung höherer Ueberfchüsse. Im Gegenteil, es wurden große Ausfälle erwartet, die ber preuß.^ Minister zuletzt auf 6*/2 Mill. Mk. bezifferte. Uebrigens kämen die Einnahmen doch den Staatsverwaltungen zugute, die davon

Ilkincs Feuilleton.

Die bevorstehende dritte Säkularfeier des G i e ß e ne r Gymnasiums gibt uns Veranlassung, wieder­holt mit einer Bitte an unseren Leserkreis zu treten. Wir mochten gern von tüchtigen und originellen Lehrern unseres Gymnasiums aus älterer und neuerer Zeit an dieser Stelle erzählen, und ebenso wären uns Mitteilungen sehr erlvünscht über ehemalige Schüler des Gießener Gymnasiums, die, ob sie nun bereits längst tot sind (Giber noch zu beit Lebenden gehören, es zu hervorragenden Stellungen im öffentlichen Leben gebracht oder durch ihre be­sonderen Eharaktereigenschaften im Gedächttns .ihrer Mitschi'cker sich erhalten haben. Auch Anekdoten allerArt aus früheren Zeiten des Gießener Gymnasiums.würden wir mit Dank entgegennehmen und so dazu beitragen helfen, die Feier so erinnerungsreich und freudevoll als möglich zu gestalten. Wir sehen der Einsenduitg von Beiträgen dieser Art mit Interesse entgegen und hoffen insonderheit, daß viele einstige Gießener Gymnasiasten dieser Auf­forderung entsprechen werden. Jeder, der die Absicht hat, uns mit solchen Beiträgen, und seien sie noch so verschiedener Art, zu erfreuen, möge es uns gütigst recht bald Mitteilen, damit wir wissen, was wir zu erwarten haben. Aiwnyme Einsendungen würden unberücksichtigt bleiben. Doch würden wir auf Wunsch bie Einsender der Oeffentlichkeit gegenüber geheim halten.

Die Goeth eschen Ahnentafeln hat Karl Kiefer in Frankfurt a. M. von Grund aus neu aufgestellt und sie auf jeder Linie so weit ausgedehnt, als es zur Zeit möglich ist. Juristen und Handwerker spielen unter den Aszendenten des Dichters eine besondere Rolle: Sein Vater war, wie man weiß, Dr. jur. und kaiserlicher Rat, der Großvater war Schneider, dann Gast­halter in Artern (10571730), der Urgroßvater Hufschmied da- elbst (103294). Later, Großvater und Urgroßvater der Mutter des Dichters, geb. Textor, waren sämtlich Juristen. Der älteste, aktenmäßig nachweisbare Ahn Goethes in Frankfurt a. M. ist der Gärtner Johannes Mal), bep übrigens zweimal, einmal in 10,,

einmal in 9. Generation erscheint; seine Tochter Elisabeth war nämlich in erster Ehe (1548) mit bem Fuhrmann Hans Beyer, in zweiter Ehe (1553) mit dem aus Echzell hergezogenen Fuhr­mann Hans Fäck (Fech und Vech) vermählt. Aus einer inte­ressanten Tafel ist ersichtlich, baß Goethe und Lotte iE h a r l o 11 e Buff) durch ihren beiderseitigen Ahnen, den Bürgermeister Reitz Kornmann in Kirchhain (um 1500) eines Stamme^ sind eine Tatsache die wohl unserm großen Dichter wie der von ihm verherrlichten Lotte völlig unbekannt geblieben ist.

Der Kultur-Kaiser. Im neuesten Heft desMor­gen" finden wirimaginäre Zeitungsausschnitte auS imaginärer Zeit, imaginiert von Otto Julius B i e r b a u m", Z. B.:

Berlin, den 3. ... 19 . .

Wie wir aus bester Quelle vernehmen, ist es durchaus un­richtig, daß der Kaiser Herrn X. seine Bitte, von der Verleihung des Profesiortitels Abstand zu nehmen, verübelt habe. .Er hat, begleitet vom Präsidenten der Deutschen Akademie, Herrn X. vielmehr in seinem Atelier ausgesucht und diese Angelegenheit scherzhaft behandelt, indem er sagte:Sie haben ganz recht; Michelangelo ist auch nicht Professor gewesen, und der Titel hat, Künstlern zugefügt, in der Tat etwas Groteskes. Aber was sollen wir machen? Geheimrat wäre noch koiilischer und Kunst- General geht schon desi-alb nicht, weil man dann vorher mit Kunst-Leutnant beginnen müßte. Es ist schon das beste, Künstlern jeder Art keinerlei Titels sondern nur recht ost Aufträge zu geben." lieber das Modell selbst und feine Stellung dazu äußerte sich der Kaiser folgendermaßen:Ihre Auffassung des großen Themas verblüfft mich. Ich hatte etwas ganz anderes erwartet und sehe wieder, daß sich in Künstlerköpsen die Welt anders malt als in der Phantasie von unsereinem. Da stutzt man bann freilich im ersten Augenblick unb hat nicht übel Lust, auszu­rufen : Aber bas ist ja gar nicht das, was es sein soll! Zumal als Auftraggeber verfällt man leicht in eine Art von Besser­wissenwollen, woraus bann ber Trieb zu korrigieren und schließlich ein halb ärgerliches,, halb, selbstgefälliges Wtmachen hervor­

geht. Sie, lieber S^err X., werden das, wie jeder Künftlew als sehr lästig empfinden, aber im Grunde werden Sie sich doch sagen müssen, daßj es nur menschlich und also verzeihlich ist. Wer weiß, ob ich als Privatmann nicht auch so dächte imh handelte. Aber meine Stellung erlaubt mir nicht, als Privat^ mann zu denken und zu handeln; zumal der Kunst,gegenüber/ die schließlich immer eine öffentliche Angelegenheit ist, muß ich stets im Auge behalten, baß das, was durch meine Anregung entsteht, mehr vorstellen soll als meine persönliche Auffassung, meinen persönlichen Geschmack . . . Da ich selbst im Geiste unfereq Zeit erzogen bin und es mir habe angelegen fein lassen, auch imi Umkreise der ästhetischen Kultur Fühlung mit den Kräften zu, nehmen, die den Schönheitstrieb meiner Zeit verkörpern, sq brauche ich im ganzen fein Opfer eigener Empfindungen zu bringen. Ihr Heme-Denkmal z. B. hat mir persönlich gleich gefallen. Aber zu dem Entschluß, Sie ein Nietzsche-Denkmal aus* führen zu lassen, Sie also vor eine größere Aufgabe zu stellen- hat mich doch erst ein Aussatz des ausgezeichneten Kritikers und Dichters Y. . . in derFrankfurter Zeitung" gebracht, der mit bewies, daß meine Empfindungen angesichts Ihres Düsieldorwt Werkes mehr waren als bloß persönliches Gefallen" usw.

Neues Stadtthe ater in Kiel. 2luI Kiel schreibt man. Mit der Eröffnung des neuen Stadttheaters am 1. Oktobet werben die vor mehr als zehn Jahren hervorgetreteneni, Be­strebungen zur Schaffung einer neuen würdigen Bühne erfüllt. Das alte Stadttheatec in der Schuhmacherstraße war vor -65, Jahren für eine Stadt von 12 000 Einwohnern erbaut worden. Heute hat Kiel eine Bevölkerung von 170 000 Seelen. Der Bau des Theaters und die Befchaffung des Fundus erforderten zwei Millionen Mark. Um die Leistungen auf einer künstlerischen Höhe zu erhalten, hat die Stadtvertretung sich zu jährlichen Zuschasseni von 75 000 Mk. bereit erklärt; daneben gibt der Küiscr eine jährliche Subventchn vpn 15 000 Mk.