Nr. 371
Drittes Blatt
CMcbttof tllgllch mit Ausnahme de? SonnklgS.
157. Jahrgang
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul» straße 7. Expedition und Verlag: 5L
Redaktion: ^^112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
Dte ..Ctetzener ZamttlenblStter" werden dem .Anzeiger^ oiermal wöchentlich bcigelegt, das „Krdsblett für den Kreis Gießen" zweimal ivöchentlrch. Der ..hessische Landwirt" erschemt monatlich einmal.
Montag 18. November 1907
aa Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Unwersitäts - Buch- und SleindrucLeret.
H R. Lange, Gießen.
4?oLLLt-eL)c Sagesgdbau* Wilhelm II. und Loubet.
Die Tribuna" er.ährt von diplomatischer Seite in Berlin über die bekanntlich gescheiterte Begegnung Halfer Äuhelms II. mit dem Präsidenten Loubet im Jahre 1904 folgendes: Von einer solchen 'Begegnung könne vor der Er- össnuug der Feindseligkeiten zwischen Rußland und Japan die Rede gewesen sein, aber nicht mehr nachher, weil alsdann die Begegnung des Kaisers mit dem Präsidenten als der Wunsch Frankreichs hätte ausgelegt werden können, jiü) von Rußland zu. entfernen und srch Deutschland zu nähern. Aus diesem Grunde habe nach dem Ausbruch des japanischen Krieges die französische Diplomatie keinen ossi- zieflen oder offiziösen Schritt mehr getan, um eine Begegnung herbeizusühren, und ebensowenig habe die deutsche Diplomatie die Initiative dazu ergreifen können. Abgesehen davon sei es im Interesse Delcassss gewesen, im Augenblicke der französisch - englischen Annäherungsbestreburd- gen selbst den Anschein einer Annäherung Deutschlands Miser Wilhelms mit Herrn Loubet aus italienischem Ävden lediglich von einer einzigen Stelle, nämlich vom italienischen Hofe, ausgehen können. Daß aber ein solcher Schritt seitens Italiens geschehen sei, ser dem deutschen Diplomaten nicht bekannt. Jedenfalls sei es absurd, anzu- nehmen, daß die Neapeler'Trinksprüche des Königs und des Präsidenten die Begegnung vereitelt hätten.
Sitzung des Provinzial-AusschrrsseS.
L. Gießen, 16. Nov.
Louis Rudel zu Rod heim a. H. will in seinem neuerbauten Hause eine Gastwirtschaft errichten. Auf das dieserhalb eingereichte Gesuch verneinte der Gemeinbe- rat die Bedürfnissrage und der Kreisausschuß des Kreises Gießen lehnte sowohl in seiner nichtöffentlichen Sitzung vom 10. November 1906, wie in der öffentlichen vom 20. April d. I. mangels Nachweises eines Bedürfnisses» das Gesuch ab. Der Anwalt des Gesuchstellers legte gegen die Enrscheidung des Kreis aus sch usses Rekurs bei dem Pro- vinzialausschuß ein. Jedoch auch dieser vermochte den in der heutigen Sitzung versuchten Nachweis eines Bedürfnisses nicht als gelungen anzusehen und verwarf den Rekurs kosrenfällig.
Architekt Hubert Kratz, der in Friedberg seinen Wohnsitz hatte, nahm am 1. Januar 1905 Stellung in Liegnitz, um daselbst die Wiederherstellung der Liebsrauen-- nixfye zu leiten. Obwohl er für die nun folgende Zeit seine Steuern an die Stadt Friedberg, wo seine Frau und Tochter zurückblieben, weiterzahlte, verlangte auch der Magistrat von Liegnitz Bezahlung der Steuern in Höhe von 151.43 Mk. Gegen diese ihm angesonnene Doppelbesteuerung hat Kratz Beschwerde verfolgt mit dem Anträge, der Stadt Friedberg aufzugeben, den Betrag von 151.43 Mk. zurückzu- 'chlen. Die Stadt Friedberg hat diesem Antrag widersprochen, indem sie jegliche rechtliche Verpflichtung zur Rückzahlung bestritt. Der Kreisausschuß des Meises Friedig gab der Beschwerde statt, indem er davon ausging, oaß nach Art. 3 des hessischen Gesetzes, die Gemeinde- Umlagen betr., Personen, die im Großherzogtum wohnen.
Gießener Konzenvereln.
Erster KammermusikalrenÄ.
Es berührt außerordentlich sympathisch, daß man in dresem dritten Konzert des Gießener Konzertvereins auch des zweiten großen Toten der jüngsten Zeit, Edward Griegs, gedacht hat. Dem bescheidenen norwegischen Komponisten verdanken wir Deutschen sehr viel. Seine Musik ist es gewesen, die uns vielleicht noch besser als die Dichtungen eines Ibsen oder Björnson norwegische Eigenart verstehen ließ. Griegs Musik ist gewissermaßen eine Brücke über Jahrhunderte hinweg, zurück zu jenem uns stammverwandten Wesen der Norweger, das uns Heutige so mächtig anzieht. Wir finden uns selbst, wie wir vor hunderten von Fahren gewesen sind, in diesem nordischen Volke wieder. Modernes and altes, das Höchste, was unsere heutige Kültur erreicht hat und das Alte, Unverwüstliche der Volkskunst vereinigt die Musik Edward Griegs in sich. Darum kann es ein außerordentlich glücklicher Griff genannt werden, daß zu dieser Gedächtnisfeier gerade die Sonate op. 36 in A-moll für Klarier und Violoncell gespielt wurde. Dieses Werk ist beinahe von der ersten bis zur letzten 92ote im höchsten Maße charakteristisch für den norwegischen Komponisten. Es ist ein echter Grieg.
Auch die Sängerin dieses Konzertabends, Frau Schröder-Kaminsky, sang ein Lied von Grieg, das tief empfundene „Ich liebe dich". Wie die Sängerin dieses ,,Jch liebe dich, wie nichts auf dieser Erden, ich liebe dich in Zeit und Ewigkeit" fang,
das war sehr schön. Von diesem Liede und der
Lgesehen, ließ der Gesang oft manches zu wünschen übrig. Die Stimme war unruhig lund flackerte, und die Aussprache war stellenweise wenig sorgsam. Es klang beispielsweise nicht sehr schön, daß die Dame Eisen wie Oisen sang oder Burschee statt Bursche; das e am Schluß muß wie ein leiser Hauch erklingen. Es ließen sich hier noch viele derartiger Unebenheiten anführen. Anzuerkennen ist jedoch, daß die Stimme an den Stellen, wo sie nicht gar zu sehr forciert wurde, recht wohlklingend war; auch das Pianissimo klang durchweg sehr schön. Nach der stürmisch applaudierten Serenade gab Frau Schröder-Kaminsky noch üne Zugabe.
Von den übrigen Darbietungen dieses Konzerts interessierte noch vor allem das herrliche Trio op. 101 in C-moll für Klavier, Violine und Violoncell von Brahms. Bon einer gewissen Nervosität abgesehen war das Spiel recht lobenswert.
Herr Prof. Trautmann hatte die sehr schwierige und anstrengende Begleitung am Klavier, Herr Walter Da- visson spielte die Violine und das Violoncell Herr Johannes He gar.
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— Gießener Stadttheater. Daß „Alt- Heidelberg" im Jahre der Erft-Aufführung die höchste Ausführungsziffsr von allen auf deutschen Bühnen ge-
bezüglich ihres Einkommens aus Gewerben, die außerhalb des Großherzogtums betrieben werden, insoweit Steuerfreiheit zu gewähren sei, als der Staat, in welchem das Gewerbe betrieben werde, seinen Einwohnern für Einkommen aus Gewerben, die im Großherzogtum betrieben werden, die gleiche Steuerfreiheit gewähre. Diese Voraussetzung der Gegenseitigkeit sei aber vorliegendensalls erfüllt. Der Magistrat von Liegnitz habe mitgeteilt, daß das Einkommen, das einem dortigen Einwohner aus einem im Grotzherzog- tum Hessen betriebenen Gewerbe zusließe, bei der dortigen Veranlagung außer Ansatz bleiben werde und zwar auf Grund des § 49 Absatz 1 des preußischen Kommunab- abgabengesetzes. Die Stadt Friedberg wurde demgemäß verurteilt, die von dem Beschwerdeführer zu Unrecht erhobene Steuer zurückzuzahlen. Die Stadt Friedberg legte gegen diese Entscheidung Berufung an den Provinzialaus- schuß ein. Zur Begründung führte sie aus, daß Kratz nicht als Gewerbetreibender zu betrachten sei, da er von der Stadt Liegnitz einen genau bestimmten Gehalt bezogen habe, auf dessen Höhe seine Mehr- oder Minderleistung nicht den geringsten Eimluß ausgeübt habe. Er sei sonach als Beamter zu betrachten gewesen. Der Provinzialausschuß gab heute dieser Berufung statt. Nach Artikel 2 des Gesetzes, die gleichmäßige Besteuerung der Gewerbe betr., sind Architekten, soweit sich solche nur mit der Anfertigung von Bauplänen und der Ueberwachung der Bauten befassen, von der Gewerbesteuer befreit. Eine doppelte Heranziehung zur Gemeinde-Einkommensteuer, wie sie erfolgt war, ist aber nach § 8 des Freizügigkeitsgesetzes zulässig.
Gustav Laich in g er ist um die Erlaubnis eingekommen, in seinem Hause W i l h e l m st r a ß e N r. 4 9 zu Gießen Schankwirtschaft betreiben zu dürfen. Die Stadtverordnetenversammlung verneinte die Bedürfnisfrage, das Großh. Polizeiamt sprach sich für das Gesuch aus. Der Kreisausschuß des Kreises Gießen lehnte das Gesuch mangels Nachweises eines Bedürfnisses ab. Ter gegen diese Entscheidung verfolgte Rekurs des Gesuchstellers war von Erfolg begleitet, da der Provinzialausschuß heute auf Grund umfangreicher Beweisausnahme entschied, daß die nad^ge^ suchte Kokzession zu erteilen sei. ______
R. B. Darmstadt, 16. 5ldV. Dor schwere Unglücksfall, der sich am 1. Osterfeiertag in dem neu errichteten Hotel- Restaurant Heß eieigneie, kam nach mehrmaliger Vertagung der Sache heute vor der Strafkammer zur Verhandlung. Änge- klagt ist der 36jährige Hotel- und Brauereibesitzer Ludw. Heß, dem speziell der Betrieb der Küche und des Fahrstuhls unterstellt war. Er ist beschuldigt, am Ostersonntag gegen 2 Uhr nachmittags durch Fahrlässigkeit den Tod dcs 21jährigen Stubenmädchens Marg. Alt ha ns aus Gießen verschuldet zu haben, indem er die nötige Sorgfalt, zu der er d»rch sein Gewerbe beionders verpflichtet war, unterließ. Der Unfall ist in erster Linie durch die Unvorsichtig Seit der Getöteten veranlaßt worden. Den» Angeklagten wird aber eine Mitschuld zur Last gelegt. An der Hinterfront des Hauptgebäudes führt Don umen bis zum vierten Swck, wo sich Üie Küche besuchet, der mit einem Dach versehene Fahrstuhl, der -um Materialtransport bestimmt war, aber auch hier und da zur Beguemtlchkeit von Personen benutzt wurde; er wurde durch den Fahrstuhlwärter Schäfer be- dimrt. In jeder Etage führten zu diesem FahrstuM Türen, gedenen Theaterstücken gehabt Hal und vag es heute noch zug- kräftig ist, liegt nicht sowohl in seinem literarischeli Wert, als in dem Milieu, das es vorführt. Der Verfasser kannte das große Publikum genau und wußte, daß, luenn er ein Fürstenkind in ihm unbekannte Volksschichten hinabsteigen läßt, das breite Publikum stets auf seiner Seite ist. Deii Hauptanteil an den Erfolgen hat indessen wohl das frische Studentenleben, das sich vor unfern Augen abspielt und das für den Deiitschen immer Reiz hat. Für uns Gießener, die in engster Fühlung mit dem Studententinn sind, hat es natürlich besonderes Interesse; das zeigte auch die gestrige wohlgelimgene Ailfführung. Sämtliche Mitmirkenden waren mit Lust und Liebe bei der Sache. Der 2. Akt hätte freilich das studentische Leben etwas besser ausgeprägen können. Eine würdige Vertreterin sand die Käthi in Frl> Morett. Anmutig und naiv, wie es die Rolle verlangt, hatte sie bald das Herz des Karl Heinz gewonnen. Der Erbprinz erfuljr durch Herrn Roden eine vortreffliche Wiedergabe. Erst noch ein Jüngling, der von dem Leben, das nm ihn flutet, nichts weiß, findet er sich bald in die Nolle des ausgelassenen Korpsstudenten. Nicht minder Anteil an dem reichen Beifall hatte Herr Ba kos als Dr. Jüttner. Die 8 Jahre der Abgeschlossenheit nuf dem Schlosse als Erzieher des Prilizen haben ihn ganz erbittert. Er hat es aber verstanden, sich die volle Zuneigung feines Schülers zii gewinnen, sehr zum Aerger des 5kaliimerdieners Lutz. In Heidelberg angekommen, werden Erinnerungen an die längst verflossene Studienzeit wach. An der Seite des Prinzen durchkostet er nochmals in vollen Zügen das schöne ungebundene Studentenleben. Als weitere gute Leistungen sind noch die des Herrn van der Becke als 51ammerdiener Liitz und des Herrn Freoy als Kellermann 511 neunen. In dem gut besetzten Hause hätte man wohl feinen leeren Platz gesehen, würde nicht, lucim ein zugkräftiges Stück auf dem Spielplan steht, fast stets von unberufener Seite das falsche Gerücht verbreitet, es seien keine Eintrittskarten mehr zu haben. ' -1.
— Robert Kochs „Kricgs 0 rde 11". Robert Koch, der dieser Tage nach der Rückkehr von seiner Expedition zur Erforschung der Schlafkrankheit den Titel „Exzellenz" erhielt, — sein Sch-lußbericht über die Expedition ist gestern im „Reichsanzeiger" erschienen und enthält im wesentlichen die Mitteilungen, die wir neulich schon geben konnten — Koch also hat sich kürzlich auch gelegentlich über „Auszeichnungen" geäußert. Im ostafrikanischen Schutzgebiet war bet irgend einer Gelegenheit erzählt worden, der Einsiedler der Stesse-Inseln lege den hohen Ordensauszeichnungen, die ihm seitens her verschiedensten Monarchen fortgesetzt verliehen würden, nicht ben mindesten Wert bei. Insbesondere komme er niemals um die landesherrliche Genehmigung ein, einen fremden Orden anzulcgeu. Demgegenüber hat, wie die „Tägl. Rbsch." erzählt, Geheimrat Lwch zunächst erklärt, er denke gar nicht daran, so unhöflich zu jein, wie
so auch in der Küche. Die Oocriackang oer Tür ist verglast und besteht aus dreimal drei kleinen Scheiben Dor. 26 :29 Zen-, tüneter Größe. Die mittelste Scheibe der untersten Reihe fehlte seit einer Woche, ein Umstand, den Heß bei seiner öfteren An- wesenhnt in der Küche wohl, bemerkt haben konnte. Trotzdem ein Glaser im Hause beschäftigt war, unterblieb die Reparatur. Am fraglichen Tage wollte Schäfer mit dem KvcheuDen Böttcher, der süße Speisen hinunterzubesörberni hatte, den Fahrstuhl benutzen. Schäfer hatte, der Tür den Rücken zukehrend, ben Mechanismus bereits in Deweaung gesetzt, als die in der Küche beschäftigte Althaus im letzten Moment den 5tvpf durch die Fensteröffnung steckte, um ben Beiden etwas zuzurusnr. Böttcher wollte rasch noch ihren Kops zuruckdrücken, aber leider zu spät. Durch das Dach des niederfausenben Fahrstuhls wurde der Kopf sofort Dom Rumpf getrennt. Die Anklage macht Heß für den Unfall mit verantwortlich, als in der Küche mit dem Fahrstuhl nicht vertraute Personen verkehrten und er selbst die Gefährlichkeit der Dehnung zu ermessen vermochte. Tie Anklage vertrat Staatsanwalt Dr. Krug, der Angeklagte wurde durch die Rechtsanwälte Tr. Oppenheimer und Brust verteidigt; es waren nahezu 20 Zeugen geladen. Die Beweisaufnahme gestaltete sich für den Angeklagten sehr günstig. Es wurde festgestellt, daß eine baupolizeiliche Abnahme der Fahrsruhleinrichtung nicht stattgefunden , hat. Der Angeklagte hatte auf Anraten ein Gutachten über die Fahrstuhlanlage emgefordert, das jedoch durch die Erkrankung dcs betr. Sachverständigen verzögert worden war. Der Sachver,.ändige Dr. ing. Köhler von der technischen Hochschule bekundete, daß der Fahrstuhl unter Anwendung aller Sicherheitsmaßregeln angelegt woroen sei und somit der Angeklagte kein Verschulden habe. In Preußen und in anderen Staaten beständen besondere gesetzliche Besämmungen für die Anlage und den Betrieb von FahriMhlen, was in Hessen, ebenso wie in Baden nicht der Fall sei. W.'iren sie vorhanden gewesen, wäre das Unglück vermutlich nicht Dorgekommen. Der Gerichtshof erkannte nach eingehender Beratung auf Freisprechung des Angeklagten. ________
oivHlsMe Beovachrnugen
______________der Station Gießen.
November
1907
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tLvangclische Gemernoe.
Montag den 18. November, abends 8 Uhr: Bibel stunde im SU>nfivniQnbeii|aal der Johannesklrche. Pfarrer Ausfeld. Gsfchäst§-WWh!ungen liefert billigst SrW'schs Universitäts-Druckerei, Gießen.
die Vox populi es ihm in diesem Falle nachsage. Wenn er eilten fremden Orden bekomme, so mache er eben, genau so tote jeder andere Mensch, die vorgeschriebene Meldung an bett Lanb es Herrn unter Hinzufügen Der Bitte, bett Orden auch anlegen zu dürfen. Der Herr Geheimrat äußerte sich auf eine weitere Frage hin darüber, wie ungefähr äußere Ehren, z. B. bie Verleihung von Orben auf einen Mann von seiner Lebensleistung und seinen Erfolgen wirkten. „Das ist sehr verschieden", antwortete Robert Koch, „wenn ich einen Orden erhalte, mit dem zehn oder zwölf Schafsköpfe ohne jede Leistung vor mir be£oriert worden sind, so sehe ich in einer derartigen „Auszeichnung" unter Umständen nicht gerade eine besondere Freundlichkeit. Aber der Fall lieat doch nicht immer so. Mir für meine Person bereitet z. B. noch heute der Besitz des Ordens aufrichtige Freude, den mir bei* alte Kaiser nach meiner IUickkehr aus Indien verliehen hat. Ich burfte ihm persönlich über das Ergebnis unserer Choleraforschungen Bericht erstatten. Als ich geendet hatte, verlieh mir der alte Herr den Kronenorben zweiter Klasse, am schwarz-weißen Bande zu tragen, wie einen Kriegs-« orden. Es war ja auch schließlich einer! Und Bismarck nahm hinterdrein seinen großen Bleistift und schrieb an den Rand des Orbenspatents die Worte: „Mit dem Stern!" Den habe ich bann auch noch bekommen. Ich glaube, ich bin der einzige, der biese Dekoration besitzt. Wenigstens ist es mir bann einmal passiert, daß bei einem Orbensfest im Schloß ein Ordensfritze — es war ein Offizier, einer von denen, bte alle Orden auswendig rennen — mit der Frage an mich herantrat, ob ich Geheimrat Koch sei. „Ja", antwortete ich, „aber woher wissen Sie bas?" „Durch Ihren Orben", antwortete er, „es hat ifyt niemanb als (EHe!" Sehen Sic, so ein Orben macht Freube . .
— Von Maxim Gorki. Nach langen Irrfahrten und Bemühungen ist es nun Maxiin Gorki endlich gelungen, die Daine seines Herzens zum Traualtar 51t führen. Seine Auserkorene ist die ehemalige Moskauer Schauspielerin Llndrejewa, verehelichte Scheljabuschski. Aus Liebe zu Gorki verließ sie ihren Mann, um den Dichter der Barfüßler nuf feinen Reisen im Auslande zu begleiten. Erst vor kurzem gelang es ihr, die langersehnte Scheidung von ihrem Ehegalken zu erhallen, mährend auch Gorki sich von seiner Ehegaltin scheiden ließ. Und so vollzog sich der Bund zweier Herzen, welche eigentlich schon längst einander angehörten. — GorkiS Schaffen hat einen Erfolg geheiligt, den der Dichter wohl kaum beadsichtigt Halle. Die Popularität, die sich seine Vagabllnden- geschichlen erworben haben, brachte einen Moskauer Verleger auf den Gedanken, eine Vagabnndenzeilung zu gründen. Diese erscheint unter den Nameii „Bosjakaja Gazeta" (Vngabundenzeltnng), und als Mitarbeiter figurieren die Orkginaleder Gorkischen Ermhlunqen Ausgestoßene der menschlischen Gesellschaft, Bettler, Landstreicher' Dirnen usw., die ihre Bekeiinlmsse und Lieder veröffentlichen' Außerdem die Spitzel der größeren russ. Slädle, die ailigesordert worden sind, Erzählungen von aufregenden Verbrecherjnadcn m liefern, und Geständnisse, die ergriffene Verbrecher abgelegt haben Ein „regelmäßiger Mitarbeiter" m Buenos Aires hat mit einein Artikel über den Mädchenhandel in Südamerika großes Aufsehen erregt, vermutlich, weil er in der Lage ist, seine Informationen zu bekommen. Diese Galgeiivögelzeituna fünbiat auch Illustrationen an, und zwar sollen Portrats bekannter Ber- brecver. Dirnen rc. verösfenllicht werden.


