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18/10/1907 Zweites Blatt
 
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157. Jahrgang

Ä45

Zweites Blatt

-rschetnl tSgNch mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger für Goerhesjen

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.

Redaktion: 112. Tel.-AdruAnzeigerG:eßen.

)ieGietzener FamiNenblStter" werden dem Anzeiger* oiermal wöchentlich beigelegt, das Krefcblatt (Er den Kreis Stehen" zweimal »Schenttrch. Derhessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Freitag 18. Oktober

Rotationsdruck und Verlag der BrühNche« Unwerfttäts Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Groß-undKieinbe!rieö in dcrLandwrrischaft.^ Im Gegensatz zu der sozialistischen Theorie, daß auf allen icieit des Wirtschaftslebens dem Großbetriebe die Zukunft yit, zeigt sich in der Landwirtschaft, daß hier aus mannig- en Gründen der kleinere Betrieb und zwar gerade bei eine in wenig günstiger Konfunttur der lebensfähigere ist.

Großgrundbesitz hat eine dreifache Konkurrenz zu bestehen: Konkurrenz mit dem Auslande, die Konkurrenz mit dem udischen Kleinbesitz und die Konkurrenz mit der Hei­den Industrie, speziell in bezug auf die Arbeiterfrage, ijat dem Kleinbesitz gegenüber zwar den Vorteil, daß auf -en Flächen die Anwendung landwirtschaftlicher Maschinen iciner durchführbar und rationeller ist. Doch kann auch Bauer auf dem Wege der Genofsenichaft oder des Zweck- landes sich die Vorteile der landwirtschaftlichen Maschinen annähernd gleicher Weise verschaffen. Vorteilhafter gestellt der Großg.'andbesitz weiter insofern, als er durch eigene ^wirtschaftliche Industrie seine Produkte unmittelbarer zu perlen vermag. Indessen hat auch die Entwickelung der [cxjabnlen, Brennereien, Molkereien usw. gezeigt, daß der ammenschluß bäuerlicher Besitzer diesen Vorteil des Groß- ndoejitzes auszugleichen vermag.

Der bäuerliche Besitzer wirtschaftet in vielen Bezie­hen rationeller und ist dem Großgrundbesitzer überlegen, indem .eiliger von fremden Hilfskräften abhängt, seine eigene Arbeits- t und diejenige der Familienangehörigen unmittelbar in der ttschaft verwertet, aus den kleinsten Nebenprodukten und Ad­en ergiebigere Vorteile zu ziehen vermag und gewisse kleine euren ganz anders pflegen kann, als der Großgrundbesitzer, -jcit er auf fremde Arbeitskräfte angewiesen ist, kann er wirksamer beaufsichtigen und ohne einen kostspieligen Kon- lapparat zweckmäßiger ausnutzen. Er genießt in vollerem l-.nge die naturwirtschaftlichen Vorteile und ist wegen größerer :bi)c.ngigfeit von der Geldwirtschaft besser befähigt, kritische cn zu überstehen.

Die relativ größere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der bäuer- in Ho,Haltungen findet ihren Ausdruck am markantesten in wesentlich stärkeren Viehhaltung äusser gleichen Fläche. 2luf 0 Hettar landwirtschaftlich benutzter Fläche kommt in Par- .-nbetrieben von unter zwei Hektar dreimal soviel Haupt Grost- i wie in Betrieben über 100 Hektar, und Bauernwirtschaften u20 Hektar unterhalten auf der gleichen Fläck-e mehr als das pellender Großviehzahl wie Wirtschaften von 100 Hettar auf- -v. Speziell gilt das für die Zucht von Rindvieh und Kälbern, > in der Pferdezucht sind die mittleren Betriebe den großen .legen. Lediglich die extensiver Kultur zugehörende Schaf- t findet sich beim Großbetriebe in weit stärkerem Umsange; egen wird die Schweinezucht im Vergleich zur Fläche von den iicren Betrieben etwa viermal, von den Parzelienbctrieben r mehr als 15 Mal so stark gepflegt, als von den Großbe- ven. Prof. Acax Sering hat gelegentlich seiner Studien r die preußische Grundbesitzverleilung in einem typischen Falle Archen, wie sich im klassischen Lande des Großgrundbesitzes, -v armem, die Verhältnisse eines in alter Kultur befindlichen wegen vorKÜglrcher Bewirtschaftung weit bekannten Gutes zu denjenigen eines benachbavten Dorfes stellen, das ziem- die gleichen Bodenklassen aufweist: A«f 100 Hektar entfallen dem Gute nur 5, int Dorfe 21 Haushaltungen; es ernährt oerselbe Boden mehr als viermal soviel Leute; auch der cd hat, abgesehen hiervon, einen bedeutenden pekuniären äl, da dort für dieselbe Fläche nur 168, im Dorfe aber '-.f. tau freu ent entrichtet, werden; für die höhere Kultur »..> ferner, daß auf dem Gute nur 6 Pferde, im Dorfe 14, ; 8 ' ;;e, hier 33, dort 6 Stück Jungvieh, hier 22 auf dieselbe

che .. tarnen.

Lie w.ckifuudie-1 entziehen den Boden zugunsten eines Ein- ien einer bcden>tenden Schar von Bauern, die ihn obendrein t besser iwsiw tzen, die dem Staate und der Gesamtheit größere rüge liefern, unter Notständen aber weit weniger leiden würden, tt ccifen entvölkert das Land sich mehr und mehr, der Groß- ndbejch fühlt die gedrückte wirtfchaftlich'e Lage am meisten, muß stch ihr anzupassen suchen, und/trebt naturgemäß nach r Verbilligung seiner Produktionskosten durch Verbilligung Arbeilskraft; der deutsche Arbeiter weicht den ungünstigen

*) Aus einem längeren Aufsatze über innere Kolonisation in demnächst erscheinenden Neubearbeitung des nationallüberalen idbuches. (Buchhandlung der Nationalliberalen Partei, Berlin Schellingstraße 9.)

Aerhältnissen, sucht lohnendere Beschäftigung und wandert aus oder ab, dem billiger arbeitenden Polen das Feld überlassend. Die wirtschaftliche und nationale Gefahr ist von dem Professor an der Landwirtschaftlichen Akademie in Poppelsdorf v. d. Goltz treffend in den Worten angedeutet:

Die Abnahme der ländlichen Bevölkerung int Osten birgt große Gefahren in sich. Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß die Zuna^ne der Bevöikrurig eure entsprechende Zunahme der cinheinrisa-en Produktion^ an Nahrungsmitteln wünschens­wert erscheinen lasse. Beim Fortgang der jetzigen Entwicklung wächst aoer die Differenz zwischen Produktion und Bedarf sort- dairernd, und damit steigt die Gefahr, daß bei Unterbrechung der Zufuhr aus dem Auslande, z. B. in Krstgszeioen, ein deoenk- l«cher Mangel an Nahrungsmitteln, eintritt. Ferner wird die Wehrkraft des deutschen Reiches geschwächt."Die meisten un­serer großen Güter", schreibt auch Sering,sind gegenwärtig viel zu umfangreich, als daß sie einen ausreichend intensiven Betrieb auf der ganzen Wirtschasts,lache gestatten. Sie sind zu einer Zeit en Händen und angewach,en, wo die allgemeinen wirtschaftlichen Voraussetzungen nicht jene Kvnzentration der Kapital- und Arbeitskraft auf der einzelnen Dckerparzelle er­forderten, die gegenwärtig eine privat- und vvlRwirtschaftliche Notwendigkeit ist."

Die volle Intensität ist heute eben nur im Kleinbetriebe möglich Unter den Gesichtspunkten der staatlichen Interessen wird der Wert Iber inneren Kolonisation zwecks Herbeiführung einer stärkeren Grundbesitzverteilung zu beurteilen sein nach den beiden Fragen: Wie können dem Boden möglichst hohe Ertrüge ab gerungen werden? und: Wie können möglichst viel selbständige Existenzen auf dem Lande Platz finden?

Aus Stad- und Land.

Gießen, 18. Ott. 1907.

KirmesstLmnruug auf dem Lande.

Der Oktober ist auf dem Lande wohl in den meisten Orten der eigentliche Kirmesmonat. Die Ernte ist größten­teils beendet, man ist nur noch mit dem Heimbringen der Dickwurz und Rüben und mit der Aussaat von Korn und Weizen beschäftigt, oder die Dreschmaschine läßt noch ihr dumpfes Gesumm hören. Die Hauptarbeit ist getan und nun hat der Landmann Zeit, seine Kirmes recht ausgiebig feiern zu können. In den Orten um die größeren Städte hat man allerdings im Interesse der Wirte die Kirchweihseste auf den Sommer gelegt, aber aus dem Lande wird die Kirmes fast allenthalben im Herbst gefeiert. Während die alten Sitten unb. Gebräuche mehr und mehr in Vergessenheit geraten sind, haben [id) doch noch zahl­reiche erhalten, die sich auf die Kirmes beziehen. Von diesen Kirmesbrüuchen jeieit heute hier einige angeführt. In vielen Orten Oberhessens, ja sogar in den Jndustrie- orten um Gießen wird heute noch Sonntags vor der Kirmes eine ArtMäd chenhairdel" getrieben. Der älteste ruft die Dorfschönen nach ihrem Alter aus und je nach dem Grad der Schönheit und i^r Zahl der Kaufliebhaber stellt sich der Preis. Die Dorsschönen laufen nun für ihre Burschen Strauße oder Bänder und am Samstag abend vor der Kirmes kommen die Burschen, um in großen Henkel­körben das Turschenstück zu holen. Sie erhalten 24 Eier und ein blaues oder rotes Band, bas am Kirmestag die Brust des Burschen schmückt. Die Eier werden aus­geblasen und daraus ein mächtiger Eierkuchen gebacken. Aus den Eierschalen werden Kränze hergestellt, bie dann den -Kirmesbaum zieren. Hierzu dient eine starke Tonne, die am Samstag abend vor der Wirtjchaft unier Absmgen fröhlicher Lieder aufgepflanzt wird. Die Kathrine und die Gret haben schon Wocyen vorher ihre Sonntagsgewänder einer strengen Musterung unterzogen und gefunden, daß damit zur Kirmes nicht mehr viel Staat zu machen ist. Flugs wandern sie in die Stadt, um die buntesten Bänder und schönsten Tücher zu kaufen. Die Dorsschneiderin aber hat dann viel Arbeit, sie muß manch blitzsauberenMotze" (Bluse) herstellen. Auch Leps und Weitem Pilgerm zur Stadt, um richtige flotteKirmeöborsch" abgeben zu können. Den Kirmesburschen fällt die Ausgabe zu, die Tanzordnung zu

Kinler den Kniffen.

G i e ß e n, 18. Okt. 1907.

Mit freudiger Genugtuung haben die Gießener Schau­et f r e ii n b e den frischen Zug roa^rgenommen, der durch cre städtische Bühne geht, seitdem das neue Haus bezogen d. Dem Malerischen im Bühirenbiloe wird eine ungleich ßere Aufmerksamkeit beigemefsen als vordem. Soll ein Kunft- t durch das Ange ausgenommen werden, so muß #e§, wie openhauer, der Weise von Frankstrrt, sich ausdrückte, da- en wie ein großer Herr. Gerade die malerische Kraft des hnenbildes, ihreGroßherrlichkeit", erregt die Phautafie des chauers. Daß dcefes Gewürz anfangs in zu großen Dosen ^breicht wird, ist verzeihlich, zeigt das doch cmr evidentesten die : Absicht. Einige Zsirückhaltung der bildhaften Vorführung von .urcrscheinungen, geringere Grellheit in Schaustellungen würde künstlerische Gleichgewicht wesentlich fördern.

Wer vor Beginn der Spielzeit den Neubau des Theaters chiigte, dem stellten sich die vielen Garderobe- und Möbel- rc. chewahrungsräurne, namentlich angesichts ihrer stattlichen Aus- sung, wohl als verschwenderisch vor. Heute drangen sich ränle an Schränke, Riegel an Riegel, vollgefüllt und behängt Garderobeftücken aller Art. Unb in der Möbelniederlage t alles dicht gedrängt, kaum übersehbar. Fast nirgends scheint -r Platz für Neuanschaffungen zu sein.

Tie großen Kostümsäle in der zweiten Etage bergen^eine le von Prachtgewändern. Da knistert hell leLchtende^ Seide allen Nüaneen, bestimmt für die großen Schillerschen Staats- onen. Da finden sich spanische Grandengewänder im Einzel- i|"e von 250 Mk.; da schimmert Samt in den tiefsten, sattesten beit, da glänzt steifer Brokat. In malerischen^ Falten drapiert dort ein Damaftgewand, währeltd hier weiche Pelzröcke um :n Kleiderständer sich schmiegen. In einem Schranke hängen bunten Röckleüt derLustiger: Witwe", und droben hoch an Decke baumelt in ehrbarem SchwarzCharleys Tante", bie idige. Auf einem Schranke lagert eine Reihe der verlerne­st en und verwegensten Kopfbedeckungen, stolze federgeichmückte retts, steife graue Angströhren au» der Biedermeierzeit, oän- tje Schlapphute und kühne Dreimaster re. re. Und es gleiyt > glitzert, blitzt unb blinkt nicht nur, sondern der Reichtum Kostümeri erstreckt sich auch auf eine Anzahl alter verichlipener chen, für Vagabunden und rauhe Krieger, kugeldurchlöcherte lertoller und zerfetzte Bettlerlumpen.

In allen Farben spielen die Steine der Agrafsen, als ui es echte Diamanten, Saphire und stcubinen und nicht pilliges Glas.

D>e ^Rüstkammer", ein recht stattlicher Raum, ist voll von

Panzern, Schildern und Schwertern und Spießen. Sie macht den Eindruck eines ganz respektablen Waffenmuseums, zumal ange­sichts der geradezu überraschendeii Ordnung unb Anordiiung. Eine wahre Unmenge von goldglänzenden Helnierr und Harnischen und anderen schönen, förmlichen und unförmlichen Dingen, wie sie unsere verehrten Ahnen zu tragen beliebten, wenn sie hinans- zogeu in die männermordcnde Feldschlacht oder zu anderen, angenehmeren Abenteuern.

Diese Schuppenpanzer hier sollen sich eines Abends an die schön modellierten Büsteü schlanker, Amazonen schmiegen; jene Lederkollets eine halbe Korporalschaft unserer wackeren 116er in mittelalterliche Landsknechte umwandeln. Hier starren ims greuel- ige Tierköpse an, Löwen, Eber, Bären, Wölfe, mordwütige Auer­ochsen und andere liebenswürdige Tierchen des Urwaldes, die in Hebbels Nibelungen wie in Shakespeares Sommernachtstraum Verwendung finden unb die ängstlichen Bürger Schnock und Schnauz und Schlucker in fürchterliche Schrecken versetzen werden. Tort winden sich prachtvollfarbige Schlangen, lagern ganze Berge von Tierfellen.

In einem anderen Raume von großer Ausdehnung hängen die zahllosen Sachen für die Statisten, schneidert ein Schneider; wieder in anderem Raume schustert ein Schuster, rings um­geben von einer kulturhistorisch interessanten Sammlung von FußbekleidungsgeFenftänden.

In diesen nach Naphthalin und anderen mottenseindliche^ Wohlgerüchen duftenden Sälen durchrieselt den Laien ein Schauer der Bewunderung vor dem, was ein ernsthaftes Theater alles nötig hat.

Es müßte eignen fein,nachts um die zwölfte Stunde", in der nach Zedlitz der tote Tambour sein Grab verläßt und die Gespenster umgehen, hier zu weilen und zuzuhören, wie die Geister, die in diese Hüllen alle gebannt sind, sich zu regen beginnen und miteinander Zwiesprache halten. Der Krönungs- mantel des laxen Dauphin Karl, den das Heldemnädchen von Tom Remy auf den Thron gehoben, hängt vielleicht neben den Trushösen des lustigen Prinzen Heinz, der später als König Heinrich V. die Franzosen zu Paaren trieb, der pelzverbrämte Drokatrock König Philipps neben dem gepufften Seidenwams des Grafen Egmont. Schwirren in der Mitternachtsstunde Shake- spearesche, Gvethesche, Schillersche Verfe durch die Räume oder sind dann hier nur die Geister der Schauspieler, die diese Kostüme schmücken sollen, lebendig und geht die Rede nur von Schminke, Applaus, Niedertracht des Nebenbuhlers, unb ber Undankbarkeit des Publikums? Wer es wußte ober wer es vernehmen könnte wie weiland der große Zauberer Merlin!

Die Theaterleitung hat nichts gespart, um an Echtheit und Haftbarkeit der Stosse wie der Möbel es großen Bühnen gleich

halten unb vor dem Kirmeszug h^rzuaehen. Tabei tragen sie einen großen Schnapslrug, und alle Bekannten, die auf der Straße stehen oder am Fenster sitzen, müssenBe­scheid tun", d. h. mittrinken. Wer gern tanzt, dem ist gut geigen, sagt der Volksmund. Und so drehen sich die Paare unermüdlich aus dem im Freien oder auch im Hofe herge- ftellten Tanzboden, und von einem Leiterwagen herunter läßt die Kapelle ihre flotten Tänze erlliugen. In manchen Gegenden gibt es noch Nationaltänze, bie aber leider immer mehr verschwinden. Zm Buseckertal ist ber sogenannte ,Lärme" dis heute noch erhalten. In den meisten Ori.cn des Kreise» Gießen, in Denen der Lahmen früher getanzt wurde, ist er saft nicht mehr bekannt. Er hat bejondere Melodien unb Texte, bie von den Burschen und Mädchen wäh­rend der Tanzbewegungen gesungen werden. Auch in anderen Gegenden Oderyessens, z. B. in dem Schwalm- grund, hat das Vork solche Nationaltänze, sie haben sich meist da erhalten, wo auch die altdeutschen Trachten noch geblieben sind und bilden gewiß auch wie diese ein Stück Volkstum. Das Kirchweihseit selbst wird in vielen kleineren und größeren Versehen besungen, die zum Teil aua) alte Tanzverschen sind. Es je: h.er nnr das eine angeführt:

Wann's 5lirmes es, wann's Kirmes es, Do schloachte mr en Bock, Do tazt d:e aalt Kathrilisbeth, Do scyrnuret *r de Rock."

Nachdem das Kirmesfest vorbei ist in Oberhessen gibt es noch Orte, wo es drei Tage dauert naht noch der traurige Tag, an dem die Kirmesbegraben" wird. Die feuchtsröhli^e Kirmes wird dargejieltt durch einen Branniweintrug. Unter dem Gesang trauriger Lieoer und einer Humoristifcheu Grabrede des aueften nirmesoorschen wird dieses ftimmungsvoileSymbol" unter einem Baum vor dem Dorfe ver,a.)arrt. Ueber demGrabe" wird noch ein kleines Sirohscuer abgebrannt, uni die bösen Geister zu vertreiben, die etwa Die Kirmes in ihrer Grabesruhe stören wollen. Dann zieht die Tranergesellschaft in ihr Wirtshaus und dort wird die Kirmesausgetrnnkeu".^ Dann l-eißt es:Die 5iirmes ist kaput."

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** Die Jubiläums-Ausstellung der Uni­versitäts-Bibliothek wird in den beiden nächsten Wochen, Montags, Mittwochs und Freitags, vom 5. 9kov. l. Js. ab jeden Montag von 12 bis 1 Uhr geöffnet sein. Die Ausstellung enthält gegenwärtig: 1. Bucher, Hand­schriften, Autographen und Bilder, die sich auf die Geschichte der Universität und des studentischen Lebens beziehen; 2. Die unserer Ludovieiana zugegangenen Glückwunsch- Adressen deutscher Universitäten und Akademien; das- Tottordiplom Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs; die von der Universität herausgegebenen und die ihr gewid­meten Festschriften.

**Auf denVolksbildungstag, den der Rhein- Mainische Verband für Volksbildung auf nächsten Sonntag nachmittag ^4 Uhr nach Hannu (GasthausZentralhalle") einberusen hat und auf dem Prof. Dr. Ph. Stein aus Frankfurt a. M. über das Verhältnis der Bolksbildungs-^ bestrebungen zu Gemeinde, Staat und den politischen Par­teien sprechen wird, sei hiermit nochmals aufmerksam ge­macht. Die Tagung verspricht durch die zugesagte Beteili­gung von namhaften -Vertretern der Volksbildungssache aus den verschiedensten politischen und religiösen Lagern besonders interessant und fruchtbar zu werden. Besonders hofft man auf eine gute Beteiligung aus den näher ge­legenen Teilen Oberhessens.

** Die Wählerliste zur Stadtverordneten- wahl ist jetzt auf gestellt, um zum Druck gegeben zu werdem Die Zahl der Wähler hat sich gegen die letzte Stadtverord­netenwahl um ettoa 350 vermehrt.

zu tun. Möbel aller (Stilarten find y:er aufgeipeicyert, unb bie Unmenge von Requisitenstücken ist unübersehbar, aber gut numeriert und katalogisiert und rubriziert. Spaßig nimmt sich in dem großen, reichen und reichhaltigen Möbelmagazin eine Pianino-Attrappe aus; der Transport eines wirklichen Pianinos zur und von ber Bühne nmrde zu mühsam sein. Ter Hinter-^ gründ des großen Möbelmsgazins wird ganz eingenommen von ein paar Riesenpalmen, die dem Frankfurter Palmengarten zur Ehre gereichen würden. Sie reichen mit ihren Wipfeln bis zur Decke des durch zwei Etagen sich dehnenden Scales und müssen leider, wenn sie auf der Bühne Verwendung finden sollen zur Erhöhung der Illusion einer exotischen Landschaft, mindestens um einen Meter gekürzt werden. Tcstselbe Raum birgt auch eine große Kollektion von Kaminen aller Art.

Aus einem Zimmer ertönt Musik. Wir hören, daß Frau Reimer-Schlegel die Lieber der schönen Ungarin singt, am Klavier begleitet vom Theaterkapellmeister.

Mit einem flüchtigen Blick streifen wir durch einen offenen Türspalt die zurzeit noch nicht einmal theatermäßig angeordneten geschweige denn nach astronomischen Gesetzen georbneten Himmels­erscheinungen. Kunterbunt, drunter und drüber lagern Sonne, Mond und Wolken in Knäueln auf Stühlen und Tischen.

Tas Auspacken und Ordnen von Kleidungsstücken und Mö­beln und kleineren Requisiten, wie Vasen, Uhren und all dem Kleinkram, der zur Ausstattung bäuerlicher, bürgerlicher, aristo­kratischer und Fürstenzimmer gehört, nimmt sortwahrend noch' die Arbeitskraft mehrerer Leute in Anspruch.

Im Ganzen macht sich der Eindruck geltend: wo es angebracht ist aus künstlerischen Rücksichten, wird von Direktor Steingoetter nirgends geknausert. Das Beste und Teuerste ist auch hier für die Tauer doch das Billigste. Andererseits ist zu berücksichtigen, daß in der eigenen Schneiderei, Schusterei, Tischlerei und in der großen, musterhaft belichteten Malerwerkstatt vieles wohlfeil mit Geschick und Geschmack hergestellt wird.

Aber es bleibt doch bewundernswert, was alles innerhalb ganz kurzer Zeit angeschafft worden ist. Welche Summen klingenden Geldes in diesen kostbaren Kostüm- mtb Möbelspeichern stecken? Herr Direktor Steingoetter nennt uns dieKleinigkeit" von über 30 000 Mk.!

Jedenfalls sieht ber, der jetzt einen Blick hinter die Kulissen tut, klar, daß bei dem Neubau des Theaters nicht allein die weiteste Rücksicht auf das Sicherheitsgefühl und die Behaglichkeit des Publikums wie der Künstler genommen worden ist, sondern daß auch ein erheblich festeres Jnsaugesassen der künstlerischen und ästhetischen Gesichtspunkte vorgesehen ist.

Nun die Gießener das Haus gebaut haben, ein wahrhaft köstliches Kleinod der Kunst sich geschaffen haben, ist es an ihnen.