y?r. 92 Drittes Blatt
157. Jahrgang
Samstag 20. April 1907
Lrfcheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Siebener Zamilienblälter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, bas „Krcisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Ter „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
GiehAter Anzeiger
Eeneral-Anzeiger für Cderheffen
Rotationsdruck und Verlag der Br üblichen UnwersttätS • Buch» und Siemdruckerel.
R. Lange. Gießen.
Redaktion, Exveditton und Druckerei: Schul- stratze 7. Erpeviuon und Verlag; bL Redaktion 112. Tell-Adl, AnzeigerG'.etzen.
Ans VLnSt und fand.
Gießen, den 20. April.
*♦ Von unserer Landesuniversität. Da die neue Fe stau la gelegentlich der JuLilämnssesÜichkeiten ihrer Be- itünniung übergeben werden soll, werden die Arbeiten für den inneren uuyuiru des GeöäuocS mit ancr flacht betrieben, um die Ferrigf.ellung zum borge)üjriebenen Sermüi zu bewertstelligen. L6ährend die notwendigen Rabitzarbeiten von der Firma Hrch. Reinhardt u. Söhne zu .veldenbergen nahezu ferliggeiiellt sind, hat die Firma $)citmuü) Krüger und Lauermann in Franl- |urt mit den Acton- und Monierarbeiten begonnen. Die Glaser- arbeitcn wurden dem Glasermeister Rotheruiel in Gießen übertragen, mit Ausnahme eines Oberlichts, da^ von der Glasmalerei Lüthi in Frankfurt ausgeführt wird. Von den hiesigen Schreiner- meinern find bis jetzt die Herren E. Ö. Müller und Joh. Lenz tätig, sowie von auswärts die Firma A. Bernhart in Mainz. Die Weivbinderarbeu.en im ^nnern oes Geoaudes werden von Weißbindermeiiicr Gg. Wagner lil in Gießen ausgejührt, wahrend die Arbeiten am äußern Gebäude H. Launspach in Gießen übertragen worden ist. Die Aentralheizungsaniage, welche auch gleichzeitig für das Kollegiengebäude geplant ist, wird von der Firma Stauffer u. Co. zu Mainz hergestellt, die Arbeiten hierzu sind bereits in vollem Gange. auch die Arbeiten )ür die Ent- wäßerungsantage, die von dun hiefigen Firmen ^). Bender sowie Gebr. Chrinopherfen ausgeführt wird, in den nächsten Tagen fertiggcilellt i)i, so hofft man, daß die durch derartige Arbeiten Derui|aa)tcn Unbequemlichkeiten bald überwunden sein werden. Auch die Anlagen vor dem Uoilegiengebäude werden aus Anlaß der Fubiläumsfesttichkeiten neu hergerichtet und mit einer Einfriedigung versehen.
** Säuglingsfürsorge. Anfang Mai soll in unserer Stadt eine Anstalt eröffnet werden, welcher aus allen Kreisen reges Interesse entgegengebracht werden dürfte, die „Milchküche für Säugling e". In dem ehemals Dr. Weöerschen Hause, W e tz st e i n g a s s e 43, sind die für den Betrieb erforderlichen Räume aufs Praktischste und Schönste hergerichtet, die notwendigen Apparate und Geräte werden dieser Tage erwartet, das Personal ist engagiert und so alles. Dank besonders der großen Lpserivilligkeit, welche bei der im letzten halben Jahre borgenommenen Sammlung zutage trat, bereit. Nun gilt es, daß die Bestrebungen, denen unsere Müchkuche dienen will, allenthalben bekannt und beachtet werden. Die beste Nahrung, die es für Kinder in den ersten Lebensmonaten geben kann, sofern sie die Muttermilch entbehren müssen, das zuverlässigste Stärkungsmtttel für schwächliche, keimfreie Milch, je nach beut Atter der Kinder und auf Grund ärztlicher Anordnung bereitet, wird in trinkfertigem Zu stand geboten, und zwar zu einem Preise, der ein äußerlst niedriger genannt werden muß. Die 6 Tagesportionen, welche für jedes Kind in einem besonderen Kasten zur Ausgabe gelangen, kosten je nach dem Alter des ftonfir- menten und der Mischung 18 bis 30 Pfg. Auf Verlangen wird die Milch frei in das Haus geliefert, und die Mutter braucht die Fläschchen vor dem Gebrauch nur anzuwärmen und nach Aufsetzen eines Saugers dem Kinde darzureichen. Für kranke Kinder wird daneben noch jede Art besonderer üttchrung bereitet. Um sicher zu gehen, daß jedes Kind die gerade ihm zusagende Milchmischung erhält, hat man cs für erforderlich gehalten, daß die Abgabe der Säuglingsnahrung nur auf Grund besonderer ärztlicher Verordnung erfolgt. Gegebenenfalls können die Eltern in biefir Beziehung in der Poliklinik des Herrn Dr. Koppe unentgeltlich beraten werden. Für die Wohltätigkeit eröffnet sich mit der Milchküche ein neues Feld. Neben der städtischen und kirchlichen Armenpflege können Vereine und Private den Kindern notleidender Familien durch Uebergabe einer Wochen- oder Vionatskarte den Bezug der täglichen Säuglingsmilch aus der Milchküche ermöglichen und diesen dadurch eine unschätzbare Wohltat erweisen. In den letzten Jahren hat man sich in vielen Städten unseres Vaterlandes zu einem wirksamen Vorgehen gegen die herrschende Säuglingssterblichkeit entschlossen. Mit aller Zuversicht darf wohl
ermattet werden, daß das neue, Unternehmen in unserer Stadt eine gute Ausnahme und allseitige Förderung findet, damit es an fenem Teile mit zur Bewahrung und Stärkung der Dvlks- gesundhe't beitrage.
•• Impfung fremder Arbeiter. Im Laufe dieser Woche wurde mit der Impfung der fremdländischen Arbeiter, die sich (ca. 600 an der Zahl) hier aufhalten, begonnen. Die Impfung erfolgte durch das Großh. Krelsgesundheitsaml Gießen.
•• Einen argen Hereinfall mußten vor kurzem eine ganze Reihe ehrsamer Geschäftsleute in einem betriebsamen oberhessischen Landstädtchen erleben. Ein hcriimziehender EmaiUewarcnhändler, der auch unsere Vaterstadt dann und wann mit seiner Anwesenheit und nut einer Blaste Emaille- geschlrr beglückt, hatte den Zorn der Geschäftsleute erregt. Wollte er doch auch ihr schönes Städtchen mit seinem Emaillesegen überschütten. Tas mußte verhindert werden. Man einigte sich über die gemeinsame Aufbringung der erforderlichen Geldmittel und — mietete einfach alle in Betracht kommende Lokalen. Auch diejenigen in der nächucn Umgebung 'Run mochte er kommen, der verwünschte Emaillemann! Und er kam, sah — und mietete! Im Elfer hatte man an em prächtig geeignetes Lokal im nächsten Nachbardorfe gar nicht gedacht. Ter findige Händler hatte aber das Lokal gar ichnell entdeckt und betrieb nun von dort auS seinen schwunghaften Handel. — Tie Geschäftsleute hallen das Nachsehen. "Richt nur den zwecklosen Verlust der Mietgeldec mußten sie ertragen, sie mußten es auch geschehen lasten, daß sich alt und jung im Städtchen für lange Zeit hinaus mit Emaille- Geschirren versorgte.
** Zur Warnung für Landwirte kann der in Nr. 88 kurz gemeldete Unfall bei Lich, der nut 2 jungen Pferden erfolgte, dienen. Wir glauben unseren Lesern einen
ob beide Pferde wieder vollständig zur 'Arbeit üeruKiuci iveJxn können. Wäre nicht sofort die nötige Hülse zur Stelle gewesen, wären wohl beide Pferde nicht lebend von der Unfallstttle gekommen und damit dem Besitzer ein empfindlicher Schaden entstanden. Der Vorfall mag allen Landwirten zur Warnung bienen, e s nie z u dulden, daß Pferde (besonders junge? an der angespannten Egge ohne Aussicht stellen gelassen werden; auch ist es sehr verwerstich, die Ackerleute der Pje.tx an die Egge zu binden, wodurch sie leicht umkivpen kann. Sollte dieses dennoch geschehen, so binde man die Seine nicht an die Egge, sondern an die Zugschwengel.
— Dollar, 10. April. Am 4. Mai finbet hier Gemeinderatswahl statt. Es werden fünf Sitze besetzt, indem für den verzogenen Tirektor Steinecke und Beigeordneten Schivalm Ersatzwahl zu erfolgen hat. Von den auS- scheldenden drei Herren ist einer, Zeug, verstorben, die beiden anderen, Back und Schupp, sind wieder wählbar. 9lim gilt es, auch wirtlich gerechte, unparteiische Herren für die übrigen Sitze zu gewinnen, die nicht durch Versprechungen vor der Wahl die Wähler zu gewinnen suchen, sondern von denen man überzeugt ist, daß sie im wahren Sinne richtige Vertreter der Gemeinde werden.
x O bersch mitten, 18. April. Nachdem unser neugewählter Bürger m ei st er Otto D i e h l in a n n von dem Kreisamt Schotten bestätigt worden ist, ronröc er heute als Ortsoberhaupt verpflichtet. Bei der ersten Wahl hatte er mit einer Stimme Mehrheit über den seitherigen Bürgermeister Freymann den Sieg davon getragen, während er bei der zweiten Wahl acht Stimmen mehr erhielt als sein Gegner, nachdem die eilte Wahl mit Erfolg angefochten worden war. Sehr anzucrkeiinen ist das ruhige Verhalten der hiesigen Wählerschaft, sowie die Tatsache, daß vor der Wahl wirklich ganz ohne Freibier agitiert worden ist.
X Aus dem Wahlkreis Wetzlar-Altenkirchen, 20. April. Die nattoualliberale Partei trägt sich mit dem
Dienst zu erweisen, wenn wir nachstehender aus sachverständiger Feder hersiammenden Schilderung Raum gewähren:
Die sonst 'ganz ruhigen und treuen Pferde müssen jedenfalls, während der Knecht sich über 200 Schritte davon entfernt und sie allein stehen gelassen und mit der Ackerte ine an der Egge hinten festgebunden hatte, plötzlich durch eine nicht aufgeüurte Ur» lache gescheut haben; sie machten eine kurze Kehrischwenkung, wodurch sich die zweiteilige eiserne Egge überschmg und hierdurch die fest gebundene Leine immer mehr verwickelte. Hierdurch konnten die Pferde vom Acker über einen neben vorbeiführendan Weg nur höchstens 50 Schritt gelaufen sein, als sie beide wie mit einem Schlag auf dem angrenzenden Acker (nicht Graben) zu der mit den nach oben stehenden scharfen ehernen Zinken der Egge auf sie, stürzten. Durch Zufall war es dem in unmittelbarer Nähe den Gang einer Säemaschine bcauj- sichtigenden F^rstl. Gi.tspachler Klein möglich, sofort mit einige, seiner Leute an der Un, anstelle zu sein und die erforderlich. Hülfe zu gewahren. Nach vieler Mühe gelang es, die vor Schmerzen-stöhnenden beiden Pferde aus dem verwickelten, fest enge।rannten Geschirre herauszubekommen und dann die an verschiedenen Stellen im Fleisch der armen Tiere feststeckenden Eggenzinken mit der Egge emporzuheben und dann die Pferde wieder auf die Beine zu bringen, wobei leider die zum Teil recht schweren Verletzungen alÄald bemerkt wurden, die eine sofortige tierärztliche Behandlung notwendig machten. Diese erfolgte um so schneller, als es noch möglich war, daß die beiden Pferde trotz ihrer so vielen schweren Wunden noch bis Lich gehen tonnten. So viel wir erfahren konnten, ist das Befinden der beiden wert- bollen Pferde noch recht bcdenllich und es ist noch sehr fraglich.
Gedanken, für unfern Wahlkreis ein ,nct liona (liberales Wochenblatt" zu gründen. Die nöligen Vorbereitiingen sollen bereits im Gange fein. Auch un 5. Nassauischen Wahlkreis wird em solches Organ ins Leben gerufen werden.
1 Steine fVi ; t * e । i h " g c n ans H iien und den R a ch b a r st a a t e n. Tie Kommerzienräte Jean 91 n b r c a e, Präsident der Frankfurter Handelskammer und Tlreklor der Tarm- uäöiet Bank, und Ctto Braunfels m Frankfurt wurden zu Geheimen Kommerzienräten ernannt.
^vielfach. -nachgeahmt, nie erreicht, hilft Zatfierllit wahrlich staunenswert gegen jede3nfeftenplage. ist niemals in der Düte, sondern nur m Flaschen ju lausen, wo Zacherl-plakate ausfyangeiu
Pololoylow-Cigaretten
sind in Geschmack und Qualität unerreicht!
Da« Stück 3 bis 10 Pfennige.
■■■■*= überall käuflich! ■■■■■
Fabrik ,.Epirus" Dresden. (Du/i
Som neuen Stadtlh ater.*)
Gießen, April 1907.
Wird e§ zum Univerfitätsiest Ende Juli fertig oder nicht ? Tas ist nun die Frage, die in unserer Thealerangelegenheit einstweilen au* der Tagesordnung steht. Eine Besichtigung des Baues dieser Tage bereitete uns insofern eine freudige Ueberraschung, als wir die Tinge doch schon sehr weit vorgeschritten und dazu ein emsiges Arbeitslreiben in allen Teilen des Gebäiides landen. Zudem gab uns der Besuch willkommene Gelegenheit, zu Urteilen zu gelangen, die ohne Voreiligkeit jetzt schon ausgesprochen werden bürten.
Tas Aeußere des Gebäudes hat augenscheinlich mir noch wenige Arbeitstage nötig. Nur die beiden Felder in der Mitte des Gebälkes harren noch der Juschrsilen. Sonst bleibt kaum noch etwas zu tun übrig. Allerdings fehlen noch Portal uni) Ausfahrt nebst ihrem ganzen Trumunddran.
Wie nian sich nun auch zu einer Reihe von Nebentragen stellen mag, die Hauptfrage beantwortet ftd) dahin: es ist da em im- poianter Bau entstanden, dessen monumentale Wirkung außer Frage steht. Er streckt sich soioohl m der Brette, roie namentlich m der Tiefe in großen Maßen aus, in gefälliger proportionaler Steigerung zu der vorgelagerten Architektur, indem sich der Bühnengiebel zu stolzer Höhe hebt, während das Hinterhaus der Bühne wieder die Höhe des Vorbaues onnimmf. Von allen bürgerlichen Zrocck- mäßigkeiteu entfernt, präsentiert sich der Bau als der imposanteste unserer Stadt, em überragendes Zeichen opserwilltgen und kunst- freudigen Bürgersinns.
Ter Bau entbehrt alles überflüssigen und die einheitlich ruhige und schlichte Totalwirkung störenden Zierwerkes. Ihm if£ ebenso wenig Tändelndes, roie etwas Massiges, Wuchtiges oder gar Schwerfälliges eigen, er zeigt vielmehr eine höchst einfache Harmonie. Einige Unruhe lonunt in die Gleichförmigkeit nur durch die drei großen Zierrate der Krönung der Fa^ade, die dem reinen, wenn auch etwas trockenen, nur durch ein paar Masken über den Fenstern wenig belebten Gesamteindruck geringen Eintrag tun. Ihr passen sich die beiden blendend weißen weiblichen Riejenfiguren des Gesimses, die der Volksmund bereits vor Monaten die „Stemgotter" neckisd) taube und die an sich der Grazie keineswegs entbehren, was ihre Größe roie ihre Gestalt anlangt nicht vollkommen an. 9)lit dem seit wenigen Tagen nicht mehr intensiv braunen, sondern in seiner neuen, glänzenöen, bnnfelgxcni-grünen Bronzefarbe wen bester als vordem sich präientierenben Lorbeer spendenden Wagen- lenker verleihen sie deni oberen Teile eine zu der Ruhe der unteren Partien nicht ganz stimmende Lebhaftigkeit. Freilich, roo Apoll 'em Roß lenkt, da tonnen die Grazien nicht fern fein. Jndeß sieht man sie wohl richtiger als Tragödie (rechts) und Komödie (links) an. Und man dar' roobl annehmcii, daß, wenn erst das Haiipiporial vorhanden tst, das Gesantiblld sich roefeiithcl) anders gepalten und die vorläufige Tisharmome in der Hauptsache beseitigt feu^roird.
Die beiden das 'Mittelglied der Fa^ade flanficrcnDen Seiten- anbaue, die Nebenemqänge enthalten und gleichzeitig als Balkoniräger dienen, haben etwas van der Art der egyptischen Pylonen.
Besonders erfreulich wirkt die rote und grüne Ziegelbedachung. Wie kalt und Öde hätten statt deren farbenfroher erquickender
•) Durch Raummangel verzögerte sich erheblich die Veröffentlichung dieses Artikels.
Wärme etwa Schieferslächen sich ausgenommen! Sie hatten dein malerischen Eindrücke des Gebäudes schweren Abbruch getan.
Immer wieder freuen kann man sich auch an der günstigen Plazierung des Kolossalgebäiides in unserem schönsten Anlagenteil. Freilich hatte man ursprünglich daran gedacht, die Front vis-a-vis der Johannlskirche zu legem Die Gegenüberstellung dieser beiden schönsten Batiken unserer Stadt mit den prachtvollen Baumgruppen und parkarti^en Anlagen dazivischen hätte überaus reizvoll gewirkt und man hätte von der Promenade aus einen dreiseitig vollkommenen Ucberbhd über das Theater gewonnen.
Mit Befriedigung heroorzuheben aber ist, daß das groß angelegte Werk ein nach allen Seiten abgerundetes Bild darzustellen verspricht. Es darf u. E. hinter eine schmucke Fassade keine stumpfe Rückseite gesetzt werden. Tie neuere Kunstauffasjung hält im allgememen mit Recht ein solches Verfahren für nicht vor- nehnr. Wahrend man z. B. dem neuen Düsseldorfer Schauspiel- Hause roie auch dem neuen Kölner Stadltheater architektonisch gar nicht damit zufammenhängende unfchone Hmterbautcn angesügt hat, die ihren Alagazmchatakier mit einer gewissen Frechheit zur Schau tragen, steht man hier allein Anschein nach im Begriff das zu vermelden. Und das ist um so anerkeiuiensroener, als sich dieser Hmlerbau nicht gegen eine Winkelgasse oder eine Fabrik wendet, sondern gegen eine hübsche Straße mit stattlichen neuen Häusern, die, wie die Bezirkssparkasse und die Tarnistadter Bank, es wohl verdienen, daß der Theater bau auch auf seiner Rückseite, die für dieses Straßenbild Bedeutung hat, em ge'älliges Aeußere erhalt.
Begebeu roir uns nun in das Innere des Gebäudes, so kommen roir in ein Vestibü 1, das in seiner blendenden Weiße uns sicht und freundlich auspricht. Ter kleine Raum für die Abendkasse in der Mitte der dem Eingänge gegenüber liegenden Wand ist iioch nicht fertig und macht vorerst noch den Eindruck eines unvollendeten Riesentatsibeckens oder einer Zimmenontäne. Die Decke hat eine originelle und recht geschmackvolle, vlerieldrige Stuckatur erhalten. Tie Garderobenilure zu beiden Seiten, hier sowohl wie in den beiden oberen Rängen, zeigen genügende Breite und vellprechen elegante und behagliche Raume zu werden. Tie Schattenseucn des Theaierbesuches aus den vergangenen Zeiten des allen Theaters roeiöen wir hier gewiß nicht fühlen. Tas Garderobewejen wird sich im neuen Hause ja nach dein Priuzipe der Selbstbedlenung hoffentlich io prahl ch als bequem regeln.
Und nun betreten roir den Zufchauerraum. Auf den ersten Blick wirkt er recht intim. Man hat oen Eindruck, als würde man schnell in ein vertrautes Derhallms zu -ihm gelangeu. Tas macht sowohl, das Harmomiche seiner Physiognomie der man zu- geian in, obwohl das nüchterne, kühie Weiggran seiner Wände noch nicht roäunenbem Rot gewichen ist, roie die unserer Bevolke- rimgszahl entsprechende angemcsiene Begrenziing des Raumes. Ter eiserne Vorhang schaut uns oorerli noch gar trutzig an. Tte Logcn- anorduung aber bietet em angenehm wechselndes Bild, das durch die lebha'te Beroegtheil des plaiuschen Lchmiickes der Prosceniums- logen, durch muntere Puuengestalten, noch eine Steigerung des Reizes erfährt. Cb die hintersten Plätze der letzten üogen des ersten Ranges (die übrigens bereits sämtlich vergeben sein sollen) durch die etwas kühne Rimdung des einen iallons nicht zu Schaden kommen, will uns iragllch erscheinen trotz beruhigender gegenteiliger Versicherungen. Allem der feinem Lheaterbau nut ttogenemrichtuug sind em wenig minderwertige Plätze ganz unvermeidlich. Tie Lkogen- brüstungen, bei denen mau leider statt eines gejälllgen Ueberganges
zu denen der Proscemumslogen einen unmotivierten Knick bemerkt, erhalten ein sehr sparsames Tetor. Tas ganze Theater wird hauptsächlich aui weiß, rot und goto gestimmt erscheinen. Dabei ist cs besonders wichtig, daß die Äbstimmung der Farben mit der größten künstlerischen Lorgiatt und Tiskretion behandelt werde, rote es der moderne Geschmack m wachsender Farpenempsindllchkeit immer dringender verlangtt
Tie Tecke ist durch ein großes Gerüst z. Z. noch fast ganz verhüllt, und nur von einem Winkel des obersten Ranges auS kann man sie teilweise überschauen. Sie erhält, rote es scheuu, eine fast überreiche goldene Verzierung und keine rechte Emheitllchkeit in der dekorativen Stukkatur. Um die mit goldenem Gilterroerk versehenen ^ustlocher schlingen sich allerhand Arabesken, denen man ruhigere Vornehmheit und modernere Formen wünschen mochte.
Eine wichtige Rolle wird in dem neuen Theater das Foyer spielen. Es soll ein festlich dekorierter Eririschungsraum werden. Wtr wollen hoffen, daß künstlerisch wohl abgewogene Farben- harmonle den ganzen Raum zu emer fein gestimmten Euchen gestalten wird, auch was Aiobel, Holzroerk re. anbetrifft. Die Deckenstukkatur ist ganz nett, wenn auch weniger originell als bie bes Vestibüls, bas man boch gewöhnlich rasch durchschretket Tte Säulen von grün und weiß geäbcriem Jmitationsmarmor sind von unheimlicher Schwere unb verleihen in ihrer kolossalen Alassig» feit bem Raume unerwarteten Ernst. Eigentümlich wirft die gleiche Marnwrierung ber Seilenpfeiler an der Außenroanb bi5 weit über bie Hohe ber mittelsten Säulen hinaus. Alan hätte m. E. nur bis bereu Hohe biese 'Marmorierung vornehmen bürsen. An ben Schmalseiten werben Kamine angebracht roerüen.
Tie ziemlich breiten Treppenaufgänge haben bereits sehr schönen Wanbschmuck erhallen: em paar Reliefs von außerordentlich ferner Arbeit, wenn wrr nicht irren, Kopien von Werfen Thor- waldsens. Sie stellen antike Tänzerinnen dar. Tie Bewegung der zierlichen Gestalten und das Bauschen der Geioänder zeugt von der Hand eines Atetslers plastischer Kunst.
Vom Zujchauerrauni gehen roir zur Bühne, roo ber Schnür- b o b e n sich zu schrombelliber Hohe erhebt, nur nut Eijensrangen unb Trähten ausgestattet. Tas charakteristische Latten- und Tau- roert ber allen Theater findet man hier nicht. Tie große Hinterbühne bietet offenbar reichen Raum zu den schro'erlgsien Lzenen- vorbereitungen. Ueberhaupt ist hier für Weiträumigkeit vollauf gesorgt, so daß man iounn die großen vlelperjonigeu, viele Teko- rationell roie räumlichen Auiroanb verlangenden Werke der großen Klassiker zur Darstellung ivitb bringen können. Die Bühne ist nach allen Leiten mit starkem Mauerroerk unb eisernen Türen abgeschlossen. Tie Räume für bie Kulissen unb Lo'fiten sind gleich- >alls von höchst anjemillcher Größe, ebenjo ber Garberobeusaall In ben nir den Direktor und die Künstler bestimmten Gemächern wird so fleißig gearbeitet, daß man sie z. Z. nicht betreten kann.
Tas enticheldende Urteil über den Geiamtbau stehl natürlich noch aus. Tie erste Beleuchlung des ganzen Hauses rotrb bas erste treffenbe Urteil julaffen. Vorläufig jeboch bar man roohl behaupten, bag man bestrebt ijt, allenthalben die Würbe ber Kunst hochzuhalteii. Tte Gießener aber binnen nm Recht bie Ansicht vertreten, baß sie 'ür ihr schweres, boch mit Freuben dargebrachies Gelb em Bauwerk bekommen, bös ihueii auch künstlerisch Ehre macht, roie es einem auf ber Hohe ber Seit stehenben Tempel ber Kunst zukomw.r.


