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12.12.1907 Erstes Blatt
 
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Donnerstag IS. Dezember!907

Erstes Matt

157. Jahrgang

ger für Oderhessen

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Hr,chot»t lieft* Luster Sonmags.

twi Dtestener vnzeiger werden tm Wechsel mit dem tftyischen Landwirt die Sietzener Kamillen, tziätter viermal in der Woche beigelegt und iroftmal wöchentlich das stretsblaU füt den Ureis Sieht». Fernsprech-An- ichlusti. d. Redaknon 111 Verlag u. Exp-^ttion 61 Adrefie tüt ^epe1d)m:

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Sie heutige Wummer umfaßt 12 Seite«.

Alotte und Iilot1cvpe5ria.

Gerade ht dem Augenblick, wo die neue Mariuevorlage die Budgetkernmission des Reichstages beschäftigt, zieht die Leitung des Flottenvereins erneut die Aufmerksamkeit aus sich, nachdem sie im Wahlkampfe wegen ihres Auftretens den Gegenst'-md lebhafter Diskussion gebildet hatte. Nie- inand wird die großen Verdienste verkennen, die dieser 23 er ein sich i*n Interesse des Ausbaues unserer Flotte er­worben h<tt, indem er energisch im Lande für den Ausbau miferer Wehrkraft zur See ein trat und lebhafte Begeiste­rung für den Flottengedanken zu wecken verstand. Ander­seits aber läßt es sich nicht leugnen, daß der Verein resp. einzelne ihm nahestehende Persönlichkeiten in der Bertre- tung des Gedankens mehr als einmal gar zu weit ge­gangen fhtb und im ungestümen Drange über die Schnur hieben. Die Agitation hatte zuweilen eine verletzende Schärfe gegenüber dem Auslande und gerade die Tätig­keit des Flottenvereins hat verschiedentlich lebhaftes Miß­trauen gegen Deutschland hervorgerusen, weil man glaubte, Laß die Regierung hinter diesem Vorgehen stecke, obwohl mehrsach irgendwelche amtlichen Beziehungen zwischen Re­gierung und Flottenvereiu entschieden dementiert wurden. Aicht minder erregte es Anstoß, daß der FloUenverein, wie erwähnt, in den letzten Wahlkampf eingrisf, da er stcckitten- gemäh keinerlei Parteitendenzen verfolgen soll.

Eine politische Stellungnahme an sich würde trotzdem niemand dem Verein verdacht haben, denn Flottenbau gehört zur Politik, aber was nicht mit Unrecht lebhaften Verdruß hervorrief, war der Feldzug der Vereinsleitung speziell des Majors Keim gegen das Zentrum, da Tausende und Abertausende Mitglieder des Vereins, namentlich im Westen mnd Süddeutschland, politisch in dieser Partei organisiert sind und trotz aller sonstigen Momente nach wie vor eine sympathische Stellung gegen­über unserer Marine einnahmen. Es kam hierüber, wie erinnerlich, bei der Kölner Tagung zu lebhaften Ausein­andersetzungen, allerdings nur hinter den Kulissen, und es gelang, die Eintracht wieder herzustellen. Nunmehr aber hat die Vereinshauptleitung einen schweren Fehler begangen, indem sie eben jenen Mann zum Geschäftsführer bestellte, den General Keim, der im Wahlkampfe auf das schärfste gegen das Zentrum vorging; die Folgen konnten nicht ausbleiben, insbesondere hat man damit den Pro­tektor des bayerischen Landesverbands Prinzen Rupprecht vor den Kopf gestoßen; er hat sein Amt niedergelegt und zahlreiche Austritte aus dem Flottenverein, vielleicht gar eine schwere Krisis, sind zu erwarten.

Der Schritt der Vereinsleitung ist auch dazu angetan, das bisherige gute Verhältnis zum Kaiser und zur Re­gierung zu stören, zumal die Agitation in letzter Zeit wieder scharf gegen die Flottenpläne der Regierung Stimmung macht und allzu ungestüm in das chauvi­nistische Horn v. Tirpitz, den man wegen seiner maß- vollen Haltung von feiten des Flottenvereins noch niemals grün war, bildet das Zielobjekt der allerschärfsten Angriffe, man wirft ihm Schwachheit vor und gibt ihn: den guten Rat, zurückzutreten. Diesen Gefallen dürfte Admiral von Tirpitz den Herren wohl kaum tun, denn er erfreut sich der kaiserlichen Huld und die Marinevorlage ist nicht von ihm lediglich eingebracht, sondern von der gesamten Reichs- regierung auch akzeptiert worden; vor allem darf man nicht vergessen, daß im Hinblick auf die schwere finanzielle Lage, worin sich das Reich befindet, nicht hunderte von Millionen übrig sind, für Pläne, die ins uferlose gehen. Ist doch die Bewilligung auf eine Reihe von Jahren mit Zustimmung der damaligen Reichstagsmehrheit erfolgt und hat man doch bisher noch bis vor wenigen Jahren um jedes Panzerschiff und jeden Kreuzer feilschen müssen. Ein ruhiger Ausbau unserer Flotte ist well vorteilhafter, als eine Ueberhastung, da im Hinblick auf die fortwährenden technischen Aeirderungen gar leicht eine ganze Bauklasse in ihrem Kriegswerte beträchtlich sinken kann. Die An­griffe gegen den Staatssekretär sind daher etwas deplaziert und nichts rechtfertigt den Vorwurf, dcch der Staatssekre­tär allzu lau für sein Ressort eintrete. Fordern ist sehr leicht, aber wenn die Kreise, die jetzt so laut schreien, zu ihrer praktischen Durchführung herangezogen würden, wür­den sie im Hinblick auf die allerorts sich erhebenden Schwierigkeiten sehr bald recht kleinlaut werden.

Berlin, 11. Dez. Die Kommission des Reichs­tages für den Gesetzentwurf betr. den privatenVer- sich er ungsv ertrag, nahm heute die zweite Le­sung des Entwurfes vor. Das ganze Gesetz wurde mit einigen Abänderungen angenommen, ebenso das Ein- fuhrungsgesetz und der Entwurf betr. die Aenderung der Vorschriften des Handelsgesetzbuches über die Seever­sicherung. Ferner wurden folgende Resolutionen angenommen: 1. eine Resolution Schmidt- Warburg, die Verbündeten Regierungen zu ersuchen, die landesgesetz­lichen Strafbestimmungen wegen Uebe'wersicherung einer Prüfung zu unterziehen und die F-rage, ob und in welcher Weise eine Bestrafung wegen Überversicherung eintreteu

soll, rcichsgesetzlich zu regeln; 2. ellre Resolution Gies- berts, die Verbündeten Regierungen zu ersuchen, bald­möglichst einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den die Rechtsverhältnisse der Pensions-, Witwen- und Waisenkasse, die von industriellen Arbeitgebern für die tob eiter ihrer Betriebe eingerichtet sind, insbeson­dere die Ansprüche der aus dem Betriebe ausscheidenden Arbeiter an die Leistungen der Kasse respektive aus Rück­zahlung eines entsprechenden Teiles der Beiträge geregelt werden.

Eröffnung der neue« chirurgisch u

.Gießen, 12. Deze:nöer.

Gestern wurde die neue Klinik für die Studieren­den eröffnet, wobei der Dllektor, Prof. Dr. Pop per t, folgende Ansprache hielt, die wohl auch allgemeineres Inter­esse hat und deshalb hier mllgeteilt werden soll:

Meine Herren! Es ist mir eine große Freude, Sie heute in den neuen Räumen der Klinik willkommen heißen zu können! Hoch und stattlich erhebt sich der schöne Bau, dessen Pforten von nun cn den Kranken und Studierenden geöffnet sein sollen. An diesnn Tage der Freude und der Genugtuung, daß nun endlich dss mühsame Werk vollendet ist, drängt es mich, in tiefster Dankbarkeit derer zu gebenden, die zu seinem Ge- lingen beigetragcn haben. Vor allem gebührt unser Dank Sr. Königll Hoheit dem Großherzog, der hohen Staatsregierung und den Landständen, welche die beträchtlichen Mittel für Er­richtung eines Neubaues zur Verfügung gestellt haben; ins­besondere ist es mir ein Bedürfnis, der Großh. Bouabtei- luug, vor allem Herrn Baurat Becker, dem Bauleiter, für das einsichtsvolle Entgegenkommen, das er gegenüber, o<m ärzt­licherseits geäußerten Bedürsnisfen immer bekundet hat unb für die große Sorgfalt, die er dem Bau zuwandte, aufs Herz­lichste danken. Nicht unterlagen darf ich an dem heutigen Tage, aufrichtigen Dank zu sagen dem Direktor des Offenbacher Krankenhauses, Herrn Medizinalrat Dr. Köhler, der in der liebenswürdigsten Weise mir jederzeit seinen erprobten und sach­verständigen Rat zur Verfügung stellte, mib dessen Anregung ich manche zweckmäßige Einrichtung in ber Anlage bes Baues verdanke. Gerne entledige ich mich cmch der Pflicht meinen Assistenten für die treue Unterstützung zu danken, insbesondere Herrn Privatdozenten Dr. Brüning, ber die Last der Arbeit, die die innere Einrichtung mit sich brachte, redlich mit mir teilte. Endlich wollen wir nicht unterlassen, all den zahl­reichen Beamten ber Baubehörbe unb den vielen fleißigen Ar­beitern, bie zum Gelingen des stolzen Werkes beigetragevt haben, unfern Dank zu sagen.

M. H.! Wenn uns auch der Abschied von dem alten Haus nicht schwer geworden ist war der Aufenthalt in ihm doch längst reine reine Freude mehr so gebietet uns doch ein Gefühl buf Pietät, einen kurzen Rückblick auf dessen Schicksale zu werfen, sind diese doch enge verknüpft mit der Entwick­lung des chirurgischen Unterrichts an unserer Hoch­schule. Noch vor 100 Jahren nahm bie Chirurgie in dem Lehrplan der Universitäten nur eine untergeorbnete Nolle ein. In früherer Zeit lag bekanntlich bie Ausübung bei Chirurgie in ben Händen ber Wunbärzte, bie der Varbierinnung ange­hörten, währenb bie eigentlichen Doktoren der Medizin es unter ihrer Würde hielten, das Messer in bie Hand zu nehmen. Noch zu Aufang des vergangenen Jahrhunderts wurde die Chirurgie als Nebenfach gelesen mit) zwar nur theoretisch. Diese Vor­lesungen wurden hier in Gießen balo von den - Vertretern ber Geburtshilfe, der Arzneikunde oder der Anatomie abgehalten. Eine Wendung zum besseren trat erst mit der Einführung des p r a k t i s ch e n U n t e r r i ch t s in ber Chirurgie ein, und zwar bienten hierzu bie Operationskurse an der Leiche. Ein solcher Kurs wurde in Gießen zum erstenmal 1815 von Ritgen, Pro­fessor ber Geburtshilfe angefünbigt, und hat offenbar von nun an regelmäßig ftattgesunden. Der e igenttich klinische Un­terricht erscheint in ben Vorlesu'.igsverzeichuisfeu sehr viel später; erst 1833 wird von Ritgen klinischer Unterricht unb zwar chirurgische stationäre und ambulatorische Klinik angezeigt. Allerdings mußten sich die Lehrer der Chirurgie dis zu dieser Seit hinsichtlich ihrer Kliniken noch sehr bescheiden; bfotn ein eigenes Krankenhaus besaß bie Universitär, abgesehen von ber staatlichen Anstalt für Geburtshilfe, damals nicht, und zur Er­teilung des Unterrichts in der Medizin und Chirurgie ftanben nur einige Betten des sogen, städtischen Hospitals zur Verfügung. Im übrigen fiel ber größere Teil ber praktischen Unterweisung auf bie sogen. Poliklinik, wobei der Lehrer mit seinen Schülern bie Stabtarmen in ihrer Behausung aussuchen mußten. Das dem Unterricht bienende städtische. Hospital war ein armseliges gewöhnliches Wohnhaus, das weder ein Operations- noch ein Verbanbzimmcr aufzuweisen halle. Erst im Jahre 1831 trat ein Umschwung zum Besseren ein durch die Errichtung eines eigenen Universitätskrankenhauses. Mit der Verlegung der Garnison aus Gießen war die Kaserne frei ge­worden, deren östlicher Flügel nun zu einer Klinik ungestaltet wurde. Das Direktorium dieser Klinik erhielt Professor D elfer, dem zugleich die medizinifche unb die ophthalmvlogische Klinik unterftaub; bagegen erhielt die chirurgische lllini? zunächst noch feinen besonderen Fachvertreter, sondern stand unter Leitung des Professors der Geburtshilfe von R itgen. Aber'schor, am 13. Februar 1835 wurde der Physiit-.tswun'Xlrzt Dr. Wern- Her zu Offenbach zum außerordenllickien Professor der Chi­rurgie und zum Assistenzarzt an dem akademischen chirurgischen Clinicum ernannt, und zwei Jahre später, am 17. März 1837 erfolgte seine Ernennung zum ordentlichen Professor der Chi­rurgie unb zum Direktor ber chirurgischen Klinik. Wernhers Tatkraft unb unermüblichem Schaffen gelang es, das Ansehen ber jungen Anstalt rasch zu heben unb die Vorurteile der damaligen Zeit zu überwinden. Immerhin war die Klinik nach unfern heutigen Begriffen recht dürftig ausgestattet, denn das ganze akademifche Hospital besaß für bie medizinische, bie ophthalmolo­gische unb bie chirurgische Abteilung in allem nur 30 Betten, von benen nur 10 auf letztere kamen. Die erste Erweiterung erfuhr bas akabemische Hospital im Jahre 1849 durch liebet* führung ber pathologisch-anatomischen Sammlung, beten Direk­torium ebenfalls Wernher viele Jahre innehatte, in die neue Anatomie, wodurch der eine ganze Flügel ber früheren Kaserne frei wurde, unb einige Jahre darauf wurde eine Baracke für chirurgische Kranke mit zusammen 20 Betten errichtet. Eine weitere beträchtliche Vergrößerung, bie Wer nher noch in seinen letzten Amtsjahren beantragt hatte, die aber erst unter dessen stiachfolger Bose (18781900) zur Durchführung kam, wurde durch Verlegung der in dem westlichen Flügel des Kaserneu-

gebäudes befindlichen Sammlungen (Bibliothek, mineralogische Sammlung und Antikenkabinett) erzielt, wodurch nun das ganze Gebäude für die drei Kliniken nutzbar gemacht werden konnte. Bofe trug gleichzeitig Sorge für eine bessere Ausstattung ber Krankenzimmer unb suchte die Einrichtungen der Klinik den damaligen Forderungen, die durch die Einführung der Anti­sepsis eüie völlige Wandlung erfahren hatten, so lueit wie möglich anzupasseu. Bei Boses Dienstantritt war bie Zahl der Kranken­betten auf 90 gestiegen, unb schon im Jahre 1890 wurde diese Zahl auf 150 gebracht, nachdem durch die lieberfiebelung der medizinischen Klinik in ihr neues Heim weitere viäume ver­fügbar geworben waren.

Die chirurgische Klinik umfaßte also nun eine stattliche An­zahl von Krankenbetten, sie besaß aber Weber einen Operations­saal, der auch nur ben bescheidensten Ansprüchen Hütte genügen können, nod) hatte sie ausreichenbe Mume für die Poliklinik. Diesen Uebelftänben wurde nun durch einen Anbau abgeholsen- welcher im unteren Geschoß die Poliklinik und im oberen den klinischen Operationssaal aufnahm. Allen Einsichtigen aber war es von vornherein klar, baß durch diesen Anbau Ne chirurgische Klinik allerdings in bie Lage versetzt wurde, ten raschen unb großen Fory'chtitten ber operativen Chirurgie zu folgen und diese für bie Stranfen zu verwerten, baß aber diese Li. .mg nur ein Notbehelf unb ein Neubau über llirz ober Ia.:g nicht zu umgehen sei.

Bei ber letzten räumlichen Vergrößerung der Klinik hatte man ben Fehler begangen, ben Hauptwert auf Vermehrung der Bettenzahl zu legen und fytlte dabei übersehen, bie für den Krankenhausbetrieb so ungemein wichtigen Nebeuräume unb aus­reichende Unterkunflsräume für bas Pslegerpersonal bereit zu stellen. Dieser Fehler machte sich bald in unangenehmer Weise geltcnb unb wurde von Jahr zu Jahr fühlbarer infolge der steligen Steigerung ber Kraukensrequenz unb die Zahl der großen operativen Fälle. Im Jahre 1878, nachdem Bose bie Klinik übernommen hatte, betrug bie Zahl ber Ausnahmen 449, im Jahre 1890, nach Vergrößerung der Klinik auf 150 Betten, flieg sie fiitf 1082. Im Jahre 1900, als ber jetzige Direktor bie Leitung bet Klinik übernahm, hatte bie Frequenz schon. 1985 erreicht, und in ben letzten drei Jahren betrug sie im Durchschnitt 2639. Die Zahl ber Aufnahmen hatte fich also seit 1890, bd unveränderter Betten^hl, mehr wie verdoppelt. Dies war na­türlich nut dadurch möglich, baß bie chronischen Krankheits­fälle von der klinischen Behandlung mehr unb mehr ausge­schlossen unb vorwiegend operative Falle, die eine kürzere Behandlungsbauer beanspruchen, ausgenommen wurden.

Der große Aufschwung aber, ben die Klinik in ben letzten 25 Jahren erfuhr, wird noch deutlicher, wenn wir die Zahlen der ausgeführten großen Operationen miteinander vergleichen. Als Beispiele greifen wir die Bruchoperationen, bie Operationen an ben Gallenwegen und die Blinddarmopetati'Mell heraus: An Bruchoperationen wurden ausgesührt: 1878: 3 Fälle, 1890; 12 Fälle, 1900: 87 Fälle, 1906 : 262 Fälle.

An Galleublafenoperatioucn wurden au^gefuhrö: 1878: 0, 1890: 0, 1900: 71 Fälle, 1906: 196 Falle. An Bliudbarm- operationen wurden ausgesührt: 1878 : 0, 1890: 1 Fall, 1900: 10 Fälle, 1906: 175 Fälle. Während also ber Gießener chirur­gischen Klinik früher nnb noch zu ber Zeit, als ich studierte, nur ein sehr bescheidenes, oftmals kaum genügendes Unterrichts­material zur Verfügung stand, ist dies heutigen Tags ausge­zeichnet zu nennen, so baß unsere Klinik in biefer Hinsicht ben Vergleich mit jeder anderen Hochschule zu bestehen vermag. Andererseits aber werden Sie begreifen, daß die mangelhaften Einrichtungen bet allen Klinik sich immer fühlbarer machen mußten. Vor allem war das Fehlen der sogen. Nebenraume der Krankenabteilungen äußerst störend; so besaß z. B. die Frauenabteilung nur einen einzigen kleinen Raum, ber gleich­zeitig als Badezimmer, Teeküche, Schrankzimmer unb Eßzimmer für das Personal bienen mußte. In ber großen Klinik be­fanden sich überhaupt nur brei Badezimmer primitivster tot, so daß wir schon langst bat auf verzichtet hatten, sogen, bessere Patienten in ber Klinik haben zu lassen. Noch mangelhafter unb schlechter waren bie Abortanlagen, bie man nicht anders als polizeiwidrig bezeichnen konnte. Ein sehr großer Uebelstand war auch bas Fehlen von Jsolierzimmeru, so baß toir, web« sterbende noch unruhige Kranke von ben übrigen abzusondern in ber Lage waren. Wenn ich Sie noch baran erinnere, baß wir die schlechteste Zimmerheizung mit veralteten eisernen Cefen hatten, baß jegliche Ventilationseinrichtung fehlte, baß natürlich von einem Personenaufzug keine Rede war, sämtliche Kranken mußten über eine Treppe unb einen ungeheizten, zugigen Kor­ridor nach dem Operationssaal auf einer Trage befördert werden so werben Sie zugeben, daß die alte Klinik webet für die Kranken noch für die Aetzte ein Paradies war. Hierzu kam noch der Mangel an Pflege- und Wartepersonal, weil für die Unterbringung weiterer Pslegekräfte kein Platz mehr im Hause zu finden war bie wenigen für die Schwestern unb Mädchen übrig gebliebenen Räume im Dachgeschoß waren schon über bie zulässige Grenze belegt, und so waren die Kranken nicht fetten sich überlassen und mußten sehen, wie sie sich selbst halsen.

Es war daher wvyl begründet, baß mein Vorgänger und früherer Lehrer Bose bie im allen Hause herrschenden Zustande auf bie Dauer für unhaltbar erklärte und den Antrag auf Er­richtung eines Neubaues einbrachte (1899). Wenn trotz bet langen Zeit ber Prüfung und Entbehrungen, die uns für bie Folge iroch auf erlegt n>ar dauerte es bock) von der Einreichung bes Antrags bis zur Vollendung bes Baues volle acht Jahre! bie Kraulen uns treu blieben, und der Besuch ber alten Klinik ton Jahr zu Jahr stieg, so darf uns dies gewiß nwi Genugtuung erfüllen, be­weist es doch, welch großes Vertrauen, die Bevölkerung dem operativen Zweig der ärztlichen Wissenschaft entgegenbringt. Vulnerando sanamus! Diese beiden Worte, die über dem Eingang der neuen Klinik in großen Lettern eingegraben sind,*) kennzeichnen trefflich die heutige Chirurgie; wir heilen, in- dem wir verwunben! Tie Schrecken und Gefahren aber, die stützet mit dcm vulnerare verknüpft waren, sie sinb heute saft gegenstandslos geroerben, denn wir können bei ber übergroßen Mehrzahl ber Operationen bie Genesung mit einer saft an Ge­wißheit grenzenden Zuversicht in Aussicht stellen. Tie Kran den wissen oder auck), daß ihr Los im Operatün^saal füllt, unb baß die übrigen Faktoren, ber allgemeinen Hygiene (gesuu.be Kranken­räume usw.) auf ben eigentlichen Wonbverlaus nur einen unter* geordneten Einfluß haben. Unb obwohl wir uns mit einem ein­zigen, mit nur einfachen Hilfsmitteln ausgestalteten Opera-ions- faal behelfen mußten, in dem nicht nur die fogen. aseptischen Operationen, sondern auch alle Eingriffe wegen eitriger Erkran­kungen vorgenornnreu werden mußten, ist es uns doch gelungen, Operattonsresultate zu erzielen, wie sie nirgends besser erreicht worden sind.

*) Diese Inschrift wurde von Herrn Bibliothekar Dr. Fritsche vorgeschtagen.