Zweites Blatt
Nr. 163
157. Jahrgang
Montag 15. Juli 1907
Gießener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme de- Sonntags.
^Meral-Anzeiger für Gberhefien
Redaktion, Expedition and Druckerei 1 Schul- straße 7. Expedition und Verlag» MUU 6L RedaktionenNL Tel.-AdtuAne^gerGtetzen-
Rotationsdruck und Verlag der Vrühllchen Universität« - Buch- und Stetndructerei.
R. Lange, Gteßen.
Die „Gletzener Famliienblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Der..hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
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österreichisch - ungarischen Ausgletchsverharrdlungcn.
Wien, 14. Juli. Die AusgleichsverüandlungeiA wurden gestern abend abgebrochen, die ungarischen Minister sind rach Budapest zurückgekehrt. Ministerpräsident Beck begibt sich | n zwei Wochen nach denr österreichischen Parlamentsschluß nach Üudapest, und wird dort mit Weckerle die unerledigten Fragen lurchsprechen. Man glaubt, daß es dann gelingen wird, eine lollständige Einigung, die noch nicht erzielt wurde, herbeizu- llhren.
Budapest, 14. Juli. Am Dienstag findet hier ein wich- iger M i n i st e r r a t statt, dem das Resultat der Wiener Ausgleichs-Konferenzen vorgelegt werden wird. In nesem Ministerrat dürfte wahrscheinlich auch die Frage der ^Notenschlüssel und der Verlängerung des Privilegiums der öster- -eichisch-ungarischen Bank zur Sprache kommen, da diese Frage >is zum Herbst, wo die Äusgleichsvorlagen den beiden Parla- nenten zugehen, geklärt sein muß.
Ein amerikanisch-deutsches Bündnis?
London, 14. Juli. Der „Evening Standard" meldet aus Washington, daß amerikanische und deutsche Diplomaten, wie ein ,wohlbegründetes Gerücht" besage, mit einem Plane beschäftigt eien, dessen Ergebnis ein Pakt zwischen Amerika und Deutschland sein dürfte, und der die anderen Nationen ivraussichtlich etwas besorgt machen würde. Deutschland habe ck-on hinsichtlich des Tarifes Konzessionen gemacht, und die Ver- inigten Staaten hätten diese wie ein guter Freund angenommen. 5s würde ganz in dter allgemeinen Richtung der amerikanischen Sympathien liegen, so versichern „maßgebende Persönlichkeiten", oenn eine Annäherung zwischen beiden Ländern zustande käme.
Das französische Natioualsest.
Die Feier des 14. Juli, des französischen Nationalfestesi, ist »ieses Mal recht geräuschvoll verkaufen. Tie zahlreichen Kund- sebungen, die an diesem Tage gegen die Regierung veranstaltet vurden, lassen erkennen, daß die Erregungen des Winzerkrieges roch immer fortdauern. Auch die Aufregungen eines Atten-^ ats haben nicht gefehlt, lieber die Vorgänge am 14. Julr regen zurzeit folgende Meldungen vor:
Pläris, 14. Juli. Tie Truppenschau von Long- hamp verlief äußerst glänzerrd. Die Ankunft Falliöres er- olgte um 8 Uhr. Unter den Begrußungskundgebungen fuhr r in Begleitung des Ministers Clemenceiaa in einem Taumont >ie Front lab und nahm auf der Präsidententribüne Platz. Un- niuelbiar darauf begann der Vorbeimarsch der Truppen. Ter älitärluftschiffer Lebaudy führte während der Truppenschau iber dem Hippodrom Uebungen aus.
— Bei der Rückkehr des Präsidenten Falliöres! von der Truppenschau in Longchamp. wurden in der Nähe des Theaters Wtarigny zwei Rcvol verschüsfe abgefeuert.
Präsident erbleichte, stand aber sofort im Wagen auf und •etbeugte sich lächelnd, während ein Offizier und die Menge sich iuf einen Mann stürzte, der in Arbeiterkleidung am Trottoir stand mb den noch rauchenden Revolver in der Hand hielt. Er ließ ich ohne Widerstand verhaften, mußte aber von Polizisten gegen äe wütende Menge geschützt werden. Man glaubte zunächst, es nit einem Antimilitaristen zu tun zu haben, von denem gestern :0 verhaftet wurden. Doch soll es sich nur um einen Menschen ,ehandelt haben, derin dieLuftfeuerte, umdieöffent- iche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Es ist ein niijcret Marinesoldat namens Leon Mail le. Ter Mann verengerte jede weitere Auskunft und sagte, daß er erst vor dem Richer sprechen würde, und daß sein Fall ungewöhnlich sei. Auf ne Festesfreude der Menge hat dieses Vorwmmnis, das erst in en Nachmittagsstunden bekannt wurde, keinen Einfluß aus- .eübl. Uebrigens wurden schon zwischen Longchamp und Paris, m Bois des Boulogne ztmi verdächtige Burschet festgenommen, ie sich durch feindliche Redensarten gegen das Militär und den lriegsminister bemerkbar gemacht hatten.
— Nach den bis 1 Uhr mittags vorliegenden Nachrichten st die Truppenschau in der Provinz ohne Zwischenfall erlaufen. Präsident Fallisres gab das gewohnte Frühstück zu ehren der Generäle, welche an der Truppenschau teilnahmen, luch der Ministerpräsident Clemenceau, sowie die Minister Pic- uart und Thomson waren geladen.
— Der Bund der Patrioten veranstaltete heute'vor- rittag die gewohnte Kundgebung vor dem Denkmal er Stadt Straßburg. Etwa 5000 Personen waren anwesend, darunter Deroulöde und mehrere Gemeinderäte. Es reignete sich kein Zwischenfall. Die LL''.zeipräfektur teilt lit, daß der in der Avenue Marigny W jaftete Mann in iner Entfernung von 150 Metern vom des Präsidenten rt die Luft schoß. Im Bois von Boulogne wurden 40 Personen erhaftet, welche: „Es lebe das S i e d . ri z e h n t e" gerufen alten.
—; Der allgemeine Arbeitsverband veranstaltete in Paris nd in mehreren Städten des Südens Protestversamm- ungen gegen die Haltung derRegierung ihm selber egenüber und gegenüber den Ereignissen in den Weinbaudistrikten, sn Paris kam es zu einigen leimten Zusammenstößen; troa zehn Verhaftungen wurden vorgenommen. Die Ver- immlung verlief ohne ernsten Zwischenfall.
Toulon, 14. Juli. Entsprechend dem Beschlüsse, welcher on den Arbeitern getroffen wurde, fand gestern abend eine Protestkundgebung gegen die Regierung statt. 20 lrbeitersyndrlate waren mit 5000 Kündgebern vertreten. Mähend sie die Stadt durchzogen, schlossen sich noch eine Menge Kund- eber an, sodaß schließlich die Zahl auf 8 bis 10 000 anwuchs. 5ie begaben sich vor die Präfektur und stießen Rufe aus: „Nie- e r mit C l e m e n e e a u". Zahlreiche Hafenarbeiter, darunter ec Generalsekretär des Hafenarbeiterverbandes, sowie Mitglieder es Verwaltungsrates der Arbeiterverbandes und der Syndikate chlofsen sich den Kundgebern an. Die Kundgeber fangen anar- sistische Lieder und hielten vor der Kaserne des 111. Regiments, egrüßten die Soldaten und forderten sie auf, an der Kundgebung eilzunehmen. Der Wckelzug, der zur selben Zeit stattsand, urchzog andere Straßen, um nicht mit den Kundgebern zusammen- ustoßeu. JSin umfassender Sicherheitsdienst wurde vorgewiommen nd die Truppen zusammengezogen. Um Mitternacht kam es u. ernsten Zusammenstößen, weil die Kundgeber Feiier- -erkstörper unter die Pferde der Gewdarmen warfen. Tie Polizei nd die Gendarnterie war daher gezwungen, von der blanken Lasse Gebrauch zu machen, es gab zahlreiche Berwmrdungen auf eiben Seiten; viele Verhaftungen wurden vorgenommen, die Zolizei beschlagnahmte auch mehrere rote Fahnen, die an der Spitze des Zuges getragen wurden.
Marseille, 14. Juli. Auch hier fanden Kund- iebuugen in der Arbeitsbürse gegen die Re- ierung statt. ______________________________________________
Zur Lage in Rußland.
Petersburg, 13. Juli. Die Zeitungen berichten au5 lerrioki an der Grenze Finnlands von einem Attentäter s u ch aus denDichterAndrejew. Bei einem Atorgen- laziergang im Walde wurde Andrejew von zwei jungen Leuten
angerempelt, die sodann Schüsse auf ihn abgaben. Auch Andrejew «^ortete mit Revolverschüssen, worauf die Angreifer entflohen. Der Ueberfall geschah an derselben Stelle, wo Herzenstein ermordet wurde.
Odessa, 15. Juli. 18 Räuber, welche als Passagiere auf dem Dampfer „Sophia" nach Batum reisten, überfielen um Mitternacht die Matrosen und bemächtigten sich des Dampfers. Sie beschädigten die Maschinen, raubten ein der Russischen Bank gehörendes Paket mit 50 000 Rubeln und erpreßten von den Passagieren noch viel Geld. Dann entflohen sie auf den Booten des Dampfers. Von einem zufällig denselben Kurs fahrenden Dampfer wurde die hülflose „Sophia" in den nächsten Hafen gebracht.
— In der Arnautskaja-Straße explodierten im Hause eines Kolonialwarenhändlers zwei Bomben, wobei vier Männer und eine Frau getötet wurden, die mit der Anfertigung von Bomben beschäftigt waren. Die Explosion richtete großen Schaden an. Das Treppenhaus stürzte zusammen. Neun Verhaftungen wurden vorgenommen.
Kiew, 14. Juli. Das Kriegsgericht verurteilte von 101 wegen der Teilnahme an der Meuterei vom 17. Juni angeklagten Soldaten 6 zum Tode, 12 zu lebenslänglicher Zwangsarbeit, 20 zur Zwangsarbeit verschiedener Länge, 17 zur Versetzung auf drei Jahre in ein Strafbataillon, 30 zu vier Monaten Militärgefängnis und 14 zu Disziplinararrest; 2 wurden freigesprochen.
Franko-italienische Freundschaft.
Paris, 13. Juli. Der Minister des Auswärtigen, Pichon, hielt heute bei der Einweihung des Garibaldi- Denkmals eine Ansprache, worin er unter anderem daran erinnerte, daß Garibaldi zurzeit von vier französischen Departements zum Abgeordneten gewählt worden war. Heute, so fügte er hinzu, fraternisieren Frankreich und Italien vor seinem Standbild. Die Verleumdungen haben der heutigen Apotheose Platz gemacht. Garibaldi gehört nicht nur Italien, sondern der ganzen Welt an, und ihm ist es zu verdanken, daß Frankreich und Italien ihre Freundschaft heute in so herzlicher Weise bekunden können. Dank dem französischen Blute, welches freiiuidtg aus den Schlachtfeldern der Lombardei gefloffen, ist eine Nation entstanden, welche ein Element des Fortschrittes und des Gleichgewichts für Europa bildet. Wir sind Freunde, weil nirgends auf der Welt unsere Interessen sich zuwiderlaufen, weil wir von den Idealen der Unabhängigkeit und Gerechtigkeit beseelt sind, weil wir in unseren Herzen dieselben Wünsche hegen, mit allen Völkern in einem auf dem Rechte und der Solidarität begründeten Frieden zu leben. Das sranko-italienische Einverständnis ist hervorgerufen durch die gemeinschaftliche Einigung und durch den Patriotismus beider Völker; wenn Meinungsunterschiede zwischen beiden Nationen entstehen, so sind dies bedauernswerte Irrtümer. Gegnerschaft wäre eine Katastrophe. Man muß auf beiden Seiten dem Andenken Garibaldis treu bleiben.
Die japanisch-amerikanische Krisis.
London, 13. Juli. Die liberale Westminster Gazette bricht das Schweigen über die amerikanisch-japanische Krise und erklärt, die Geschichte von der Verhaftung des Spions sei mit Vorsicht auszunehmen. Dieser Zivischensall sei nicht ernst und die verantwortlichen Personen in beiden Ländern beabsichtigten keine Feindseligkeiten. Die Gefahr läge allein in der Möglichkeit, daß die Situation infolge der Volkserregung der Kontrolle entzogen werden könne. Das Blatt fordert Japan aus, die Schwierigkeiten der weißen Nassen ihnen gegenüber anzuerkennen und vorsichtig zu handeln.
— Der Newyorker Timeskorrespondent erklärt, es sei schwierig, 9!achrichten über die wahre Lage in Kali- sornien zu erhalten. Die aus San Franzisko eingetrofsenen Zeitungen enthielten Berichte über erhebliche Reibungen zwischen Amerikanern und Japanern in Vallego und Drohungen der dort liegenden Marinesoldaten, die Japarwr aus der Stadt zu vertreiben. Hiervon sei kein Wort nach Ziewyork telegraphiert worden. In gewissen wohlinformierten Kreisen glaubt man, daß die offiziellen Dementis nicht die wahre Stimmung Japans über die Entsendling der amerikanischen Flotte nach dem Stillen Ozean widerspiegeln.
Newyork, 13. Juli. Von einem Flottenska ndal in den Vereinigten Staaten wissen Newyorker Blätter ztl berichten. In einem diesen Gegenstand betreffenden Artikel weist der Newyorker „Globe" auf den Bericht des Marineblattes ,Navy" hin. Danach hätten die amerikanischen Linienschiffe ^Kearsage" und „Kentucky" vor der Europareise evidente Fehler an den Geschütztürmen durch angestrichene Holzpanzer verdeckt. Ueberhaupt werde die Flottengefechtsstärke allzuhoch angegeben. Die Manöver im Stillen Ozean kritisiert „Navy" als ungeschickt und amateurhaft arrangiert.
Deutsches Reich.
Wilhelmshöhe, 14. Juli. Neueren Dispositionen zu- fvge wird das Kaiserpaar zurSornmerfrische in Wil- Hel ms höhe eintreffen. Die Kaiserin wird sich bereits am 22. ds. Mts. hier einfinden, während die Ankunft des Kaisers auf 'den 5. August festgesetzt ist.
Kiel, 14. Juli, Tie Kaiserin ist nach Beendigung! ihrer /auf der „Iduna" von Kopenhagen aus unternommenen Kreuzfahrt heute nachmütag im Meler Hafen ein getroffen^ Tie Kaiserin fetzt in Begleitung der Prinzessin Viktoria Luise und des Prinzeir Joachim die Reife nach Kädinen fort.
Berlin, 13. Juli. Der St»aa 1 s se kre tär d es R e i chÄ- kolonialamts, Dernburg, trat heute vormittag mit dem Chef 'des Kommandos der Schutztruppen, Oberstleutnant Quade, dem Geheim. Baurat Baltzer und dem Rittmeister Grafen Henckel zu Tonnersmarck die Ausreise nach Deutsch-Ostaftika an. Zur Verabschiedung hatten sich neben dem Unterstaalssekvetär in der Reichskanzlei, v. Loebell, die Familienangehörigen der abreifenden Beamten des Reichskolonialamls und die Offiziere des Kommandos der Schutztruppen fast- vollzählig eiligeiunOen. Die Rückkehr Temburgs ersolgt voraussichtlich in der ersten Hälfte des No
vember. Seine Vertretung führt bis Anfang Oktober, der in Ausficht stehenden Rückkehr des Unterstaatssekretärs v. Linden qnist aus Sudwestafrika, der Direktor im Rerchskolonialamt Tr. Conze.
— Die Band er ölen st euer auf Zigarren, die mit anderen Steuerentwürfen unlängst von der „Mil. Pol. Korresp " für den kommenden Herbst angekündigt wurde, liegt einer neuerlichen Meldung der „M. P. K." in ihren Grundzügen schon fertig vor. Nach vorläufigen und allgemeinen Schätzungen soll der Rohertrag dieser Steuer etwa 45 bis 55 Millionen Mark jährlich bringen. Nur die Frage, ob die Sorten bis zur 5-Pfennig-Zigarre steuerfrei gelassen werden sollen, sei allein noch offen. Die Entscheidung dürfte aber dahin fallen, daß diese billigsten Zigarrensorten, zu deren Herstellung nur inländ. AabaE verwendet wird, zunächst noch steuerfrei bleiben sollen.
— Oberpräsidialrat v. Schwerin in Münster ist zum Präsidenten der Regierung in Arnsberg ernannt worden.
— Der vor kurzem durch Verleihung des Titels „Professor^^ ausgezeichnete Afrikaforsch erSchillings wurde als Hülss- arbeiter in das Kolonialamt einberufen.
Köln, 13. Juli. Zum Nachfolger des am 1. Oktober in den Ruhestand tretenden Oberbürgermeisters Becker wurde heute in außerordentlicher Sitzung der Stadtverordneten der Oberpräsidialrat Max W a l r a f f beim Oberpräsidium in Koblenz, geborener Kölner, mit 42 Stimmen bei zwei .Stimmenthaltungen gewählt.
— Aus den Verhandlungen, die mehrere rheinische Gemeinden mit der Regierung über die Frage der Feuerbestattung gepflogen haben, geht hervor, da ßdie Staatsregierung mit dem H a g en er Verbot Zeit gewinnen will, um Aus - führungsbestirnrnungen für die Feuerbestattung ausarbeiten zu können.
München, 14. Juli. Die Berliner.Staatsanwaltschaft hat nunmehr gegen den der Entwendung der vielgenannten „K e i m"- Briefe verdächtigten ehemaligen Bureaubeamten des Flottenvereins Oskar Janke, An klage auf schweren Diebstahl erhoben. Vom Personal des „Bayr. Kurier" werden in den nächsten Tagen in dieser Angelegenheit mehrere Herren, darunter nahezu sämtliche Expeditionsbeamten eidlich vernommen werden. Die „Münch. N. N." erwähnen bet dieser Gelegenheit, daß der ehemalige Chefredakteur des „Bayr. Kur.", Paul Sie- bertz, der kürzlich München verlassen hatte, während der letzten Tage seines Hierseins von zwei Berliner Kriminalbeamten überwacht worden sei.
A«»!anv.
Hammerfest, 14. Juli. Bei der Abfahrt des Kaisers von Tromsoe schien ein Wetterwechsel bevor- zustehen. Der Kaiser befahl daher die Fahrt durch den Lyngenfjord, die wieder allgemeine Bewunderung hervorrief. Da vom Nordcap nebliges Wetter gemeldet wird, ist die „Hohenzollern" bei Hammerfest vor Anker gegangen.
— Der Kaiser hielt heute vormittag Gottesdienst ab. Um 3 Uhr nachmittags wird die Reise nach dem Norkap fortgesetzt, wo das Eintreffen etwa 7 Uhr 30 Minuten stattfindet. Das Wetter klärt sich auf; an Bord ist alles wohl.
Petersburg, 14. Juli. Die Zaren-Familie tritt morgen ihre Reife an. Die Zusammenkunft des Zaren mit Kaiser Wilhelm wird Ende August a. St. stattfinden.
Rom, 14. Juli. Der österreichische Minister Freiherr v. Aehrenthal ist gestern zum Besuche des italienischen Ministers Tittoni in Desio eingetroffen.
Sitzung des Provinzial-Ausschusses.
L Gießen, 13. Juli.
1. Die Sache: Ablösung der fiskalischen Jagdberechtigung in dem Pohlgönser Gemeinde- und Kirchgönser Gesellschafts^ wald ^Bodenhardt" mußte infolge Beschlußunfähigkeit de§ Provinzial-Ausschusses vertagt werden.
2. Die Stadt Ortenberg beabsichtigt die Erbauung einer Kanalisationsanlage, und zwar ist geplant an diese auch die Aborte :c. anzuschließen und die geklärten Abwässer in die Nid der einzusühren. Hiergegen hat die Gemeinde Liikdheim Einspruch erhoben, da sie einen nachteiligen Einfluß auf das Wasser der Nidder fürchtet, dessen sie zum Viehtränken rc. bedarf. Der Kreisausschuß des Kreises Büdingen, der über diesen Einspruch zu entscheiden hatte, verwarf die erhobenen Einwendungen und erteilte der Gemeinde Ortenberg die Genehmigung zur Einleitung der geklärten Abwässer in die Nidder nach Maßgabe der vorgelegten Pläne und Beschreibungen. Gegen diese Entscheidung legten die Anwälte der Stadt Ortenberg Rekurs an den Provinzial-Ausschuß ein, welcher in seiner heutigen Sitzung beschloß, vorerst noch weitere Erhebungen in der Sache anzustellen.
3. Leonhard Jüngling zu Usenborn hat im Jahre 1905 auf seiner Hofreite einen Brunnen angelegt, ohne die hierzu nach dem Kreisstatut von Büdingen erforderliche Genehmigung eingeholt zu haben. Er gelangte deshalb zur Anzeige und suchte nun nachträglich um die Erlaubnis nach. Das Großh. Kreisamt Büdingen veranlaßte u. a. auch eine Untersuchung des Brunnenwassers durch daL chemische Unter- suchungSamt der Provinz Oberhessen und diese ergab, daß das Wasser mit Jauchestoffen stark durchsetzt, eine Benutzung als Trinkwasser somit ausgeschlossen ist. Das Lkreisamt verlangte nun Schließung des Brunnens. Da Jüngling diesem Ansinnen nicht nachkam, erließ es Polizeibefehl gegen ihn, wonach er entweder durch Beseitigung der Pumpe und sorgfältiges Verschließen der Brunnenöffnung ober durch Zuwerfen mit Erde den Brunnen zur Wasserentnahme innerhalb 2 Monaten untauglich zu machen habe. Gegen diesen Polizeibefehl wandte sich der Anwalt des Jüngling be- schwerdesührend an den Provinzial-Ausschuß, indem er geltend machte, daß die anderen in Usenborn vorhandenen Brunnen, auf die Jüngling nach Untauglichmachung seines eigenen angewiesen sei, noch schlechteres Wasser enthielten, als dieser. Der Provinzial-Ausschuß beschloß deshalb heute, daß das Kreisamt zu ersuchen sei, zunächst noch das Wasser der Gemeindebrunnen einer Untersuchung durch das chemische


